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politik unterricht aktuell, Sonderheft 2011
»Krise der Politik
Krise der Politischen Bildung«

Internetpublikation


Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt:

Thesen zur „Wende“

Probleme der Wahrnehmung, Bewertung und Bewältigung
sozio-ökonomischer Transformationsprozesse
[1]

Dokument Information

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Die Veränderungen der sozio-ökonomischen Strukturen, der politischen Reprä­sentationsformen der Herrschafts- und Machtverhältnisse sowie der von den Bewohnern selbst wahrgenommenen Alltagswelten in den Ländern, die vierzig Jahre im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW, COMECON) und im militärischen Bündnis der Warschauer Pakt Organisation (WPO) im Hegemo­nialbereich der UdSSR integriert waren und von diesem System geprägt wur­den, lassen sich als „Transformation“ charakterisieren. Ein besonderes Pro­blem für die Gesellschaft wie für die Sozialwissenschaften ist dabei die DDR, in der Ansätze einer »autochthonen Transformation« (vgl. dazu die Leipziger „Montagsdemonstrationen“) überlagert und letztlich abgebrochen wurden durch den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland nach Art. 37 GG, der die Angliede­rung und Angleichung an das bestehende sozio-ökonomische System der BRD notwendig zur Folge hatte.

Transformationsprozesse sind vielschichtige Übergänge, die weder als voll­ständiges Ersetzen des Vorherigen durch das Neue, noch als kontinuierlicher Wandel hinreichend beschrieben werden können. Transformatio­nen erfolgen ei­nerseits in der gesellschaftlichen Realität als vielschichtiger und diskonti­nuierli­cher Prozess der Ersetzung, des Entwickelns, der Übernahme und Neufunktio­nalisierung und des Überlagerns. Dies hat strukturelle Ähnlichkeit mit den Prozessen des Kulturkontaktes, der Akkulturation oder Transkulturation, die heute eine große Bedeutung in der kulturwissenschaftlichen Forschung gewon­nen haben. Andererseits erfol­gen Transformationen auch im gesellschaft­lichen Bewusstsein als Umbewertung, Neudefinition oder Anathe­matisierung sich wandelnder Realitäten, aber auch als Dissonanzerfahrungen und dem Erleben von Brüchen in der eigenen Biographie. Die Definition des Eigenen und des Fremden wird in Frage gestellt und wird zum existentiellen Problem.

Einige wichtige Aspekte dieser komplexe Mehrebenen‑Pro­ble­matik sollen thesenhaft als Diskursanstöße dargestellt wer­den. Die Untersuchung der komple­xen Problematik kann nur durch Analyse der sozial-strukturellen Gegebenheiten vor 1990 erfolgen. Es gilt die gesellschaftlichen Veränderungen bezüg­lich der Spann­breite von psychosozialen bis sozial-strukturellen Bezügen in Wechsel­wirkung zu den ökonomischen Ver­änderungen im politischen Rahmen abzubil­den.

In gesellschaftstheoretischer und philosophisch-ethischer Hinsicht lassen sich wichtige Denkan­stöße aus einer intensiveren Analyse der Transformationspro­zesse sowohl in Deutschland wie in anderen Ländern Ost- und Südosteuropas ableiten. Es ist daher kein Zufall, dass die Notwendigkeit, die Trans­formation und ihre Folgen gesellschaftlich bewerten und einordnen zu müssen, zu einer Remoralisierung der politischen Diskur­se geführt hat. Dies ist durchaus nicht unproblematisch, da dadurch die Gefahr einer Do­minanz irra­tional-morali­sti­scher Realitätsdeutungen und Weltbilder wächst. Wechsel­beziehungen wie auch tendenzieller ge­genseitiger Ausschluss von Gleichheit und Freiheit lassen sich anhand der Spannungen der Transformati­onsphase deutlich machen und disku­tieren [2].

Die Problematik dieser Transformation wird besonders deutlich, wenn man sich die Widersprüchlichkeit der öffentlichen Diskurse über Ursachen, Charakter und Folgen der Veränderungen in Ostdeutschland vor Augen hält. Die Diskus­sion springt undifferenziert und unvermittelt zwischen der moralisierenden Diskursebene, die vor allem auch der Vermeidung einer inhaltlichen Auseinan­dersetzung mit dem politischen und gesellschaftlichen System der DDR dient, und der Betonung ökonomischer Defizite und Strukturprobleme in den „Neuen Bundesländern“ hin und her. Gerade diese Beurteilungsunsicherheit verhindert eine distanzierte und rationale Analyse der Entwicklungspotentiale in Ost­deutschland und im weiteren Sinne auch in den übrigen Transformationsländern Ost- und Südosteuropas. Dabei wird oftmals verdrängt, dass die ökonomischen Strukturprobleme in Transformationsregionen nicht nur Folge von Fehlentwick­lungen in den vorherigen ökonomisch-politischen Systemen sind, sondern Steuerungs- und Entwicklungsprobleme einer sich globalisierenden kapitalisti­schen Weltwirtschaft deutlicher hervortreten lassen als in den traditionellen in­dustriellen Zentren der Weltökonomie [3]. Es daher kaum weiter, nur die äu­ßerlichen Mechanismen neuer Investi­tionen, die Rolle der Treuhandgesellschaft, die Über­forderung von Mitarbeitern, den Mißbrauch staatlicher Subventionen bis hin zu verschiedenen Formen der Vereinigungs­kriminalität etc. aufzuzeigen oder die in der Alltags­wahr­neh­mung als ‚Zer­schlagung‘ großer Kombinate, dem ‚Platt­machen‘ ganzer Industriezweige etc. dar­zu­stel­len.

Die Wende der Jahre 1989/90 in Deutschland, die das Ende der DDR bedeutete, ist in einen längerfristigen glo­balen Prozess einzu­ordnen. Sie steht im Zusam­menhang mit den Transformationsprozessen und dem poli­ti­schen Systemwandel in der damaligen Sowjetunion und den übrigen RGW- und WPO-Staaten. Diese Trans­formation ist wiederum eingebunden in grundlegende Strukturänderungen in der Weltwirtschaft, die sich mit dem Begriff der „Globalisierung“ verbinden. Dadurch ergaben sich veränderte Interes­senlagen der Großmächte, die Verände­rungen im Ost-West-Verhältnis bewirkten, d.h. das Ende der Konfronta­tion im „Kalten Krieg“, das sich bereits in den OSZE-Vereinbarungen abzeichnete. Die Dominanz der Kategorie der „Wende“ in der Beschreibung der Transformati­onsprozesse in Ostdeutschland wird nur verständlich in der zeitlichen Fi­xie­rung auf eine „Bruch­stelle“, als die in Deutschland der Zeitpunkt der Vereinigung von BRD und DDR wahrgenommen wird, die aber in diesem Zusammenhang inhaltlich letztlich als „fiktiv“ anzuse­hen ist. In hi­storischer Perspektive gilt die­ses kritische Diktum mehr oder weniger wohl auch für Wahrneh­mung der Trans­formationsprozesse in Osteuropa, die fokussiert wird vor allem auf die erstmalige Wahl nichtkom­munistischer, „bürgerlicher“ Regierungen in den mit der Sowjetunion „verbrüderten“ Staaten wie auch schließ­lich auf die zeitlich exakt zu terminierende formale Auflösung von RGW, WPO und schließlich der UdSSR selbst.

Die ur­sächliche Verknüpfung und Gleichzeitigkeit dieser einschneidenden poli­tischen Entscheidungen lässt so­wohl in der Eigenwahrnehmung wie in der Welt­öffentlichkeit die Vorstellung einer abrupten Wende ent­ste­hen, was für die ge­sellschaftlichen und sozio-ökonomischen Grundstrukturen durchaus nicht in der postulier­ten Weise zu­trifft. Es ist auch zu prüfen, ob das Bild der „Wende“ machtpolitisch funk­tionalisiert wurde und damit eine bestimmte Interessenper­spekti­ve repräsentiert, inwieweit also zum Beispiel die Gewohnheit, von einer „fried­lichen Revolution“ zu sprechen, frühzeitige Instru­mentalisierungsversu­che der westdeutschen poli­ti­schen Klasse darstellt.

Doch sollte dies als Selbstverständnis der aktiv werdenden DDR-Opposition 1989/90 nicht als von geringer Bedeutung angesehen werden. Ein durchaus re­volutionärer Impe­tus zielte zunächst keines­wegs auf die „nationale Einheit“ sondern auf den demokratischen inneren, gesell­schaftlich-politischen Wandel.

Erst in westdeutscher Perspekti­ve wird die „friedliche Revolution“ zu einem Beschwichtigungs-Eti­kett für den in zentralen Bereichen ausblei­benden gesell­schaftlich-politischen Wandel. Es handelt sich dabei auch um den Ver­such, durch Verein­nahmung dieses – zweifellos eminent bedeutenden – Vorgangs psychi­sche Macht­mittel gegenüber der politi­schen Klasse in der ehemaligen DDR in die eigene Hand zu bekom­men, die in den lang­fristigen politischen Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner eingesetzt wer­den können. Für die Be­völkerung, deren Stimmung bald nach der Euphorie des Herbstes 1989, kurz nach dem 9. November 1989 in die Ahnung der Depression um­schlägt, scheint dieser gewollte Wandel der Reali­tätssicht in psychischen Stabi­lisie­rungsversu­chen zu bestehen. Diese wurde umso vordringlicher, als die Bür­ger der DDR wahrnahmen, dass die „Wende-Anforderung“ zur Anpassung und Erneuerung und zur „fundamentalen Umstellung“ der ökonomisch-politi­schen Umwelt allein ihnen zugemutet wurde, nicht aber, wie erhofft und gefordert, als Er­neuerungsforderung und -chance von allen Bürgern der „neuen Bundesrepu­blik“, also auch der der „alten Bundesländer“, verstan­den worden ist. Es geht somit auch darum, dass an die Stelle der Vereinigung, wie sie im Grundgesetz der BRD mit dem Gebot einer Verfassungsdiskussion ver­bunden war, der Bei­tritt getreten war und die Forderung nach einem „gemeinsamen Neuanfang“ von der po­litischen Klasse der BRD von vornherein abgeblockt wurde.

Während sich die ökonomischen Daten in den Neuen Bundesländern nach dem ökonomischen Zusammen­bruch 1990/91 langsam aber stetig wieder verbessern, sind die psycho-sozialen Begleitwirkungen, die subjek­ti­ven Realitätssichten der Bürger dieser Bundesländer nach wie vor problematisch und eher durch negati­ve Zu­kunftsperspektiven gekennzeichnet. Allein aus den objektiven ökonomi­schen Veränderungen heraus lässt sich dies kaum erklären und findet auch keine entsprechenden Parallelen in den benachbarten Transfor­mati­onslän­dern wie Ungarn, Polen oder Tschechien, in denen trotz aller objektiven Probleme durch­aus eine zu­kunftsoffe­ne und optimistische Stimmung vorherrscht. Dabei zeigt es sich, dass die Hauptrichtung der ge­sell­schaftlich-ökonomischen Entwicklung in allen Transformationsländern durchaus nicht als abrupte Rich­tungsumkehr sondern eher als längst notwendig gewordene Anpassung an veränderte Rah­menbedingungen und als Moder­nisierungsschub bewertet werden kann. Die typischen Probleme in den neuen Bundesländern liegen auf der Bewusstseinsebene, wo die Dissonanzerfahrung zwischen der bisherigen Realitäts­wahr­neh­mung und -deutung in der DDR und der euphemistisch-populistischen Selbst­darstellung der BRD durch die Erfahrung der Diskre­panz zwi­schen „westlichem Glücksversprechen“ und gesellschaftlicher Realität in der BRD vertieft und er­weitert wird.

Dies ist zu verstehen auch auf dem Hintergrund der per­manenten Propa­ganda in der DDR nach der erzwungenen und nahezu hermetischen Abgrenzung ge­gen­über dem Westen Deutschlands nach dem 13. August 1961 – an dem einer­seits der ökonomische Zusammenbruch mit physi­schen Gewaltmit­teln zunächst verhindert, aber doch über die lange Stagnationsphase der Breschnew-Ära letzt­lich nur hinaus­gezögert wurde, andererseits aber eine notwendige und an ver­änderte Realitäten anpas­sende zivilisatorische Fortent­wicklung, ins­beson­dere die eines reflexiven gesellschaftlich-politisch wirkungs­vollen Zivilisations­pro­zesses, wie sie der 68-er Umbruch in der BRD darstellte, verhindert wurde.

Vergleichbare Modernisierungsschübe westlicher Industrie-Länder wurden in den RGW-Ländern nur in An­sätzen vollzogen. Der enge Zusammenhang zwi­schen gesellschaftlichen und ökonomischen Modernisierungsprozessen wird gerade im Vergleich der Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in den siebziger Jahren erkennbar. Der zivilisatorische Modernisie­rungsschub, der sich eher zu plakativ mit dem Etikett der 68-er Reformen kenn­zeichnen lässt und der zu tief greifenden und letztlich irreversiblen Erneuerungen im gesellschaftlichen Bewusstsein, dem Rechtssystem und in den Wertvorstel­lungen der Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland manife­stierte, hatte auch ökonomische Ursachen in der Erfahrung, dass das die Bun­desrepublik Deutschland anfänglich legitimierende „Wirt­schafts­wun­der“ seine strukturellen Entwicklungsgrenzen erreicht hatte. Folge war daher sowohl eine Bildungs- und Qualifikationsinitiative [4] als auch eine grundlegende ökonomi­sche Modernisierung der westdeutschen Wirtschaft [5].

Die mangelnde Fähigkeit der DDR in den siebziger und achtziger Jahren zur grundlegenden ökonomischen Modernisierung, bei der sie tendenziell noch von Polen und Ungarn in den Schatten gestellt wurde, hat daher nicht nur wirt­schaftsstrukturelle und steuerungspolitisch-systemische Ursachen, sondern ist ebenso bedingt durch die immanente gesellschaftlich-politische Unfähigkeit zur inneren Reformen und die allgemeine Stagnation des öffentlichen Lebens, auf die sich der bekannte Ausspruch Gorbatschows zum 40. Jahrestag der DDR be­zog.

Die Orga­nisation der Volkswirtschaft der DDR wurde nicht nach Kriterien wie Effizienz, Rationa­li­sie­rung, Knappheits-Prin­zip, technischer Qualitätsoptimie­rung strukturiert. Daran zeigte sich auch das Unvermögen der Wirtschaftswis­senschaften der DDR, über Marxistische Apologetik hinaus die internationalen empirischen und theoretischen Entwicklungen der westlichen Volks- und Be­triebswirtschaftslehre zu rezipieren und, gegebenenfalls auch kritisch, zu evalu­ieren und umzusetzen. Ausgenommen von diesen Modernisierungsrückständen war höchstens der von der UdSSR dominierte Rüs­tungs­­sektor, der aber den­noch zu wenig selbst technologisch innovativ war sondern im Rahmen intensi­ver ‚Blaupausen‘-Spionage und nachvollziehender Orientierung an westlichen Rüstungs- und Technologiestandards mögliches In­ve­s­tiv- und Qualifikations-Kapital in erheb­lich­em Maße band und von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abzog [6]. Doch auch dieser Sektor war durch seine politische Be­vorzugung und Förderung nicht in der Lage, Strategien des Umgangs mit knap­pen Ressourcen zu erarbeiten [7].

Der Wechsel von extensiver Ausbeutung der Arbeitskraft zur in­ten­­siven und letztlich intel­li­genten Ausnutzung von human capital, wurde in der DDR wie in den anderen RGW-Staa­ten nicht erreicht. Er war durch Zemen­­tierung geltender Staatsdoktrinen blockiert und dadurch verhindert wor­den. So erfolgte mit dem Ende der DDR die „Demaskierung“ einer bislang in der Rangfolge der In­du­strie-Länder hoch eingeord­neten Volks­wirtschaft. Diese auch im Westen ver­breitete Fehleinschätzung der ökonomischen Potentiale der DDR war vor allem auch bewirkt worden durch die nicht vergleichbaren statistischen Bewer­tungs­maß­stäbe, durch manipulierte Statistiken, eine verschleierte Außen­ver­schuldung (ca. 80 Mrd. DDR-Staatsschulden) und das zwar als positiv eingeschätzte, aber nur unter den spezifischen Bedingun­gen (scheinbar) wirtschaftlich funktionie­rende Binnensystem, das, wie die Ereignisse von 1989 zeigen, struktu­rell in­stabil und nicht hinrei­chend legitimiert war.

Auch in den Neuen Bundeslän­dern ist das Aufeinandersto­ßen antagonistischer wirt­schaftlicher Paradigmen zu einem Entwicklungshemm­nis geworden, was eben gerade nicht eine Auseinan­dersetzung von Sozialismus und Kapitalismus bedeutet, sondern sich auf die Bewertung der Produktionsfak­toren – Arbeit, Produktionskapital, Flächenverbrauch – sowie auf die Verwendung und ratio­nelle wie auch verschwenderische Nut­zung von Rohstoffen und Energie bezieht und die Konsequenzen aus dem Knappheitspostulat ziehen muss.

Auch die im Selbstverständnis der DDR und teilweise noch in der politischen Klasse der Neuen Bundeslän­der positiv bewerteten Errungenschaften des So­zialismus im sozialen und gesellschaftlichen Bereich müssen heute kritisch ge­sehen werden, weil sie einerseits notwendige Modernisierungsprozesse verhin­dert haben und andererseits als funktionalisierte Machtmittel eher zur Stabilisie­rung der Herrschaftsverhältnisse als zur Ver­bes­serung der realen Lebensbedin­gungen der Bewohner der DDR beigetragen haben. Der dominierende Ver­sor­gungs­staat griff – gewollt – tief in die tradierten gesellschaftlichen Strukturen ein, ohne letztlich das Ziel einer „neuen Gesellschaft“ tatsächlich erreichen zu können.

Ebenso wie die scheinbar positive Frauen- und Ju­gendpolitik diente der Ver­sorgungsstaat letztlich als Mittel kurzfristigen psycho-sozi­a­len Ausgleichs. Das ge­sellschaftlich-politische System der DDR, so wird in brutaler Deutlichkeit klar, diente insgesamt der her­beizu­führenden Ruhigstellung einer psychisch-politischen Repressionen unterworfenen DDR-Bevöl­kerung.

Hier trifft sich die Krisen-Diagnose wieder auf die schon erörterten Modernisie­rungsdefizite gegenüber den in an­deren Industrieländern seit den 70-er Jahren wichtig werdenden emanzipatorischen Strömungen, der Her­ausbildung selbst organisierter Bürgerinitiativen und den Bestrebungen zu Entwicklung ei­ner Zi­vil­gesell­schaft [8]. Auch dieses sind wieder langfristige, sich auch an glo­balen Pro­zessen orientierende Anpassungs- und Moder­nisierungsnotwendigkei­ten ge­we­sen. In der DDR jedoch wirkte der Entwicklung differenzierenden po­li­ti­schen Bewusstseins der staatsdominierte Versorgungsstaat ebenso entgegen wie die Dominanz des Block- sowie Freund-Feind-Denkens. Das politische Selbst­ver­ständnis der DDR-Führung blieb tief in den staatsge­sell­schaft­lichen Vor­stel­lun­gen des 19. Jahrhunderts verhaftet und kämpfte längst obsolet ge­wordene po­liti­sche Konflikte aus.

Die Mechanismen der staatszentrierten Herrschaft in der DDR, in der Macht abgesichert wurde sowohl durch die Steuerung der Ökonomie und zugleich die Verfügung über die individuelle wirtschaftlich-finanzielle Machtquellen der Werktätigen, d.h. die Löhne und Renten, als auch mit restriktiven und repressi­ven Steue­rungsinstrumenten z.B. bei der Woh­nungsvergabe, der Arbeits- und Ausbildungs­platz‑Steu­e­rung, bis hin zur Zuordnung der Urlaubsorte, konnten zwar im Alltag der Werktätigen entlastend, pazifizierend im Sinne des „nicht selbst entscheiden Müssens“ wirken, erweisen sich aber ökonomisch als dys­funktional, erst recht nach der „Wende“ unter den Bedingungen einer freier Leistungskonkurrenz. Politische Steuerungen, die allesamt über Ver­sprechen, Durchführen oder Versagen entsprechen­der Umsetzungen wirken, sind tradierte Macht­mit­tel von Herrschaft.

Eine gewichtige Hypothek stellte die Abwanderung von leistungsbereiten und ‑fähigen mittelschichtenori­entierten Binnenmigranten aus der SBZ/DDR seit dem Kriegsende dar. Bei der gesellschaftlichen Integra­tion in das vereinte Deutschland stellten insbesondere die damit verbunden Defizite bei der Heraus­bil­dung einer öko­nomisch oder intellektuell aktiven Mittelschicht als Träger ge­sellschaftlicher und ökonomischer Entwick­lung ein Hemmnis und Problem dar. Dieser Prozess des „brain drain“ von Ost nach West findet unter den Bedin­gungen der Transformation in den Jahren nach der „Wende“ seine Fort­setzung. Ost­deutschlands erlei­det nach der Ver­einigung beider deutscher Staa­ten vor allem durch die ökonomische Sogwirkung des Ein­kommens- und Chan­cengefälles einen deutlichen Abfluss leistungsbereiter und besonders leistungs­fähiger, oftmals Schlüs­sel­funktionen innehabender Arbeitskräfte.

Das negative Gegenstück zu dieser Ost-West-(Binnen-)Migration in Deutsch­land ist der temporäre Zuzug von „Investoren“ – besser: Immobilienspekulanten und ‚Abschreibungs‘-Künstlern – aus wohlhabenden Kreisen Westdeutschlands und aus anderen bisher als kapita­lis­tisch bezeichneten Ländern in die östlichen Bundes­länder, die oftmals vor allem an persönlichen Gewinnen durch kurz­fri­stige Kapitalverwertung oder Vernich­tung potentieller Konkurrenten interessiert waren. Das hatte gravierende ökonomische wie sozialpsy­chologi­sche Wirkun­gen auf die – an den Traditionen der DDR-Werktätigen orientierte – Bevölke­rung Ost­deutsch­lands, die meist mit Hilflosigkeit und Resignation reagierte. Durch diesen doppelten konfliktreichen Kontakt, der sich in den Migrationen ausdrückt, baut sich eine neue negative und aggressive Stereotypebene auf, die die alten Stereotypmuster überlagert, aber nicht restlos verdrängt, so dass wie­derum intrapersonale Dissonan­zerfah­rungen zur Verunsicherung und zur ag­gressiven Abwehr des „Fremden“ und „Neuen“ beitra­gen.

Frauen haben in besonderem Maße die Folgen der Transformation getragen durch Verlust ihrer bezahlten Ar­beitsplätze und der aus Erwerbstätigkeit ent­standenen Identitäten. Zugleich hat die in der Trans­for­ma­ti­ons­pha­se erzwunge­ne Moderni­sierung aber Kräfte freigesetzt, Chancen zu ergreifen und neue Tä­tig­keitsfel­der zu be­setzen.

Die Situation – insbesondere qualifizierter Frauen in den Transformationslän­dern – entspricht einem tragi­schen Spannungs­verhältnis. Viele Frauen können die Spannung zwischen ihrem ehemals hohen Leis­tungs­an­teil, ihrer Leistungs­fähigkeit und -bereitschaft einerseits, verbunden mit geglaubten Emanzi­pa­tions­chancen durch den Sozialismus und die Einbindung in die Funktionalität von Herr­schafts­aus­übung durch System­stabilisierung andererseits nicht verarbeiten. Die Rolle von Frauen wurde in den RGW-Ländern niemals lang­fristig und prin­zipiell defi­niert sondern erfolgte ad hoc durch propagandistisch begleitete Len­kungs­ent­scheidungen, die sämt­lich nicht verbunden waren mit originärem indi­viduellen wie kollektiven Macht­ge­winn, wirklichem Machtzu­wachs sowie Ver­fü­gungs­gewalt über eine erhöhte finanzielle Basis durch Status­stei­gerung.

Ihr Leistungswille kann nur in wenigen Ausnahmen in ihrer neuen ökonomisch herabgesetzten Situation um­gesetzt werden und führt vielfach zu psychischen und sozialen Bewältigungsproblemen. Diese können auch nicht durch objektive Kriterien wie Einbeziehung in die Altersversorgung auf der Basis von Durch­schnitts­ein­kommen über die Arbeitslosenversicherung und andere Sozialversi­cherungssysteme kompensiert werden. Oftmals überlagert eine den erlernten und verinnerlichten Bewertungsmustern entstammende All­tags­wahr­nehmung die Transformationsproblematik und ist verbunden mit durchaus positiver Ein­schät­zung der indivi­duellen Entwicklung aber negativer Sicht der gesamtgesell­schaftlichen Entwicklung, einem Phä­nomen, das zu­nehmend auch charakteri­stisch wird für die Gesellschaftsbilder in den westlichen Bundeslän­dern und als eine der Ursachen von „Entpolitisierung“ und „Politikverdrossenheit“ anzu­sehen ist.

Eine erhebliche Weichenstellung ist als politisch gewollt, nicht aber als Folge gesellschaftlicher Diskurse und parlamentarischer Entscheidungsprozesse er­folgt: die als ‚Geldumtausch‘ im Verhältnis 1 : 1 (bzw. 2 : 1) wahr­genommene, aber durch die Bundesregierung trotz erheblicher Warnungen von Wirtschafts- und Fi­nanz­exper­ten durchgesetzte ‚Zwangs‘-aufwertung der DDR-Mark. Eine Chance auf einen längerfristigen gleitenden Übergang durch Aufrechterhaltung durchaus erfolgreicher Produktionssektoren war dadurch ver­hindert wor­den. Durch einen dem Markt überlassenen Wechselkurs hätten vermutlich erhebliche Ver­schwen­dun­gen von Investivkapital vermieden werden können. Diskutiert werden kann in diesem Zusam­men­hang die Polari­tät zwi­schen keynesianischen (nachfrageorientierten) und neoliberalen (angebots­orien­tier­ten) An­sätzen von Wirt­schaftspolitik.

Insgesamt reiht sich die Transformation von der DDR zum vereinigten Deutschland des Jahres 2000 ein in eine Vielzahl langfristiger und wesentlich ungesteuerter Veränderungen von Gesellschaften. Grundlegende Ver­änderun­gen der gesellschaftlichen Entwicklung sind nicht intendierten oder gezielten Entscheidungen der poli­tischen Klasse zuzuordnen. Transformationsprozesse sind vielschichtige, z.T. diskontinuierliche, wi­der­sprüch­liche, mit gegenläufigen Unterströmungen unterfütterte gesellschaftliche Phasen, die nur mit „Mehrebenenmodellen“ der Realität rational und wissenschaftlich beschrieben werden können. „Erfolge“ sind letzt­lich keine objektiven Entitäten, sondern Bewertun­gen auf der Bewusstseinsebene, die selbst dem Transforma­tionsprozess unter­worfen sind. Sie sind deshalb auch nicht personalisierbar. Als Schlüsselperson kann im konkreten Fall zwar – wenn, dann mit Einschränkungen – Michael Gorba­tschow genannt werden, doch setzt diese Einschät­zung eine gründlichere und differenzierte Betrachtung der Transformation der UdSSR voraus. Hier ist dann das historische Paradoxon an den Abschluss zu stellen, dass zwar Ge­schichte von und durch handelnde oder nicht handelnde Personen gemacht und von Personen erlitten und ertragen wird, dass aber die Reduktion auf das Han­deln einzelner Personen die komplexen sozialpsychologischen Bedingt­heiten, die das Leben jeder Person bestimmen, nicht hinreichend einbezogen werden, so dass im Mittelpunkt einer Ge­schichtsbetrachtung, vor al­lem wenn es um hi­storische Bruchstellen handelt, ein dialekti­sches Ver­hältnis personalen Han­delns und Lei­dens und struktureller, prozessualer Bedingungen und Be­dingthei­ten stehen muss.

Die wenn auch thesenhaft verkürzte Analyse der „Wende“ wirft somit eine Rei­he von grundsätzlichen sozialwis­senschaftlichen Problemen auf, die entweder als Urteils- oder als Frageperspektiven verstanden oder als Schichten eines Mehrebenenmodells die historisch-gesellschaftliche Realität in einen komplexen Zusammenhang gestellt werden können, was als Anstoß für eine vertiefende Beschäftigung mit dieser Problematik aufgefasst werden soll:

Die „Wende“ ist in erster Linie ein Bewusstseinsphänomen, eine neue historio­graphische Kategorie [9], die ein Bild der Realität konstruiert und repräsentiert.

Transformationsprozesse sind uneindeutig und widersprüchlich; dominanten – „sichtbaren“ – Strömungen laufen „verdeckte“, aber nicht weniger wirksame, Unterströmungen zuwider; ihre Bewertung und Wahrneh­mung als Realität er­folgt durch gesellschaftliche Diskurse.

Die Frage einer historischen Notwendigkeit des „Wendeprozesses“ ist ein ex-post-Konstrukt, das zu einer Reorganisation des historischen Bildes der DDR wie der BRD aus der Perspektive gegenwärtiger Entwick­lun­gen und Interessen führt.

Der Topos der „verpassten Chance“ polarisiert West und Ost und auch die politi­sche Klasse Deutschlands durch den Verweis darauf, dass die Deutsche Einheit nicht Neubeginn für alle, sondern „Wendezumutung“ nur für die einen war und der für die „Wiedervereinigung“ konzipierte Verfassungsauftrag weitgehend ne­giert wurde.

Die Erfahrung, dass die Transformationsprozesse – in einem über die Nation hinausreichenden Kontext – materi­elle und kategoriale Geschichtsdeutungen auflösen, steht auch im Zusammenhang heutiger philosophischer Kon­zepte ei­ner Geschichtsauffassung, die Realität in erster Linie als Bewusstseins-, Wahr­nehmungs- und Diskursphä­nomene, daher als „Konstrukt“ oder „Re­prä­sen­ta­tion“ versteht. Diese Auflösung banaler Sicherheit führt in der gesell­schaftli­chen Praxis zu einer Betonung des ethischen Dilemmas der „Wende“, dass die Kosten des Moderni­sierungs­prozesses dem Gerechtigkeitspostulat zuwider lau­fend verteilt sind. Dies ist die nachvollziehbare Erklä­rung für die sozialwissen­schaftlich zu beklagende „Remoralisierung“ der „Wende-Diskurse“, die ein­leitend schon angespro­chen wurde.

Anmerkungen:

[1]           Eine erste Fassung dieser Thesen erscheint in »politik unterricht aktuell« Heft 1/2001, Hrsg. vom Verband der Politiklehrenden (VdP) – Arbeitsgemeinschaft der Gesellschaften der Politiklehrenden.

[2]            Es ist daher kein Zufall, wenn in anderen historischen Kontexten Transformationsprozesse im Zusammenhang mit der Entstehung und Herausformung der modernen Staatsgesell­schaften gleichermaßen durch den Primat moralischer Diskurse zu kennzeichnen sind, was ein Beleg für die dominante gesellschaftliche Verunsicherung und den Verlust tradi­tionaler Realitätsbewältigungsmuster zu verstehen ist. Historische Exempel finden sich in der Geschichte der Französischen Revolution (Wert-Diskussionen im „Wohlfahrtsausschuss“ wie auch die politische Legitimierung Robespierres), in den nationalistisch-moralisierenden Diskursen der „bürgerlichen Staatenbildung“ in Deutschland im 19. Jahr­hun­dert wie auch in der Moralisierung der Öffentlichkeit in krisenhaften Schwellenländern wie der Türkei (Islamismus-Kontroverse) oder in der Islamischen Revo­lution in Iran. Vgl. dazu auch Gerhard Voigt: Zur Begriffsbestimmung von ‚Staat‘ und ‚Staats­ge­sell­schaft‘, in: Gerhard Voigt (Hrsg.), 2001: „Staats­ge­sell­schaft“. Historisch-so­zial­wis­sen­schaft­liche Beiträge zur Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Per­spektiven. Fo­rum Politologie und Soziologie Band 9. Glienicke/Berlin und Cam­bridge/Mass.

[3]            Vgl. dazu die Diskussion über die Weltsystemtheorie nach Wallerstein [Wallerstein, Im­manuel, 1974: The Modern World-System: Capitalist Agriculture and the Origins of the European World-Economy in the Sixteenth Century. New York, und folgende Bände, wie auch Wallerstein, Immanuel, 1995: Die Sozialwissenschaft ‚kaputtdenken‘. Die Grenzen der Para­digmen des 19. Jahrhunderts. Weinheim].

[4]            Die Ergebnisse dieser Umorientierung des bundesdeutschen Bildungsumbruches werden vor dem Hintergrund neuer Transformationskrisen zum Ende des Jahrtausends zuneh­mend wieder in Frage gestellt. Doch was sich äußerlich als konservativer Rückschritt zu Bildungsvorstellungen der 50-er Jahre darstellen mag, ist im Kern die richtige Einsicht, dass ein erneuter bildungspolitischer Paradigmenwechsel notwendig geworden ist, der sich in den öffentlichen Diskursen noch nicht ausreichend konturiert aber in grundsätzlichen bildungspolitischen Initiativen evoziert wird. Vgl. dazu u.a. den Aufsatz von Bernhard Claußen: Problemorientierte Politische Bildung für Menschen würdiges Überleben durch materielle Demokratie, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung: Überlegun­gen zu einer theoretischen Plattform, in: Claußen, Bernhard, u.a. (Hrsg.), 2001: Krise in der Politik – Politische Bildung in der Krise? Glienicke/Berlin und Cambridge/Mass: 465-504. Unter gleichem Titel auch veröffentlicht in »politik unterricht aktuell«, Heft 1/2000 / Supplement. – Weitere Überlegungen zu diesem notwendigen Paradigmenwechsel auch in Gerhard Voigt: Politische Bildung in der Gegenwartsepoche: Krisenbefunde als Grund­lage und Paradigmenwechsel als Perspektive, in Claußen, ebenda: 331-462. 

[5]            Wesentliche Elemente dabei waren eine Neubstimmung des Verhältnisses von technischer Innovation und neue Evaluierung des Humankapitals, wie es sich in neuen Gewerk­schaftsstrategien ebenso wie in den Gesetzen zur erweiterten Mitbestimmung ausdrücken ließ. Erst durch diese Modernisierung wurde die westdeutsche Wirtschaft vorbereitet auf die zunehmende Integration in die heutigen Globalisierungsprozesse. Die Schritte der eu­ropäischen Integration waren dabei ein „Übungsfeld“ für weltwirtschaftliche Anpassungs­prozesse, die sich zunehmend auch auf die Anpassung der gesellschaftlichen Lebensver­hältnisse an die neuen ökonomischen Herausforderungen erstrecken mussten.

[6]            Es wäre sinnvoll, hier die kritische Auseinandersetzung mit dem „militärisch-ökonomi­schen Komplex“ in Ost und West in den siebziger und achtziger Jahren aufzuarbeiten und für eine zeitgeschichtliche Systemkritik fruchtbar zu machen.

[7]            Die katastrophale ökonomische Lage z.B. der russischen Streitkräfte, die menschliche und politische Katastrophen nach sich zieht, ist eine unmittelbare Folge dieses Bewusstseinsde­fizits und der allgemeinen Unfähigkeit vieler Transformationsländer, ökonomisches Den­ken nicht nur technokratisch sondern grundsätzlich als gesellschaftliche Rationalität im Umgang mit ökonomischen Realitäten zu verstehen.

[8]            Vgl. dazu Bernhard Claußen: Zivilgesellschaft im Kontext von Politik und Bildung. Fachliche und didaktische Konturen einer sozialwissenschaftlichen Analyse zum Demo­kratisierungsprozess moderner Staatswesen, in: Gerhard Voigt (Hrsg.), 2001: „Staats­ge­sell­schaft“. Historisch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Perspektiven. Forum Politologie und Soziologie Band 9. Glienicke/Berlin und Cambridge/Mass.

[9]            Dieser Begriff bezieht sich auf die aktuelle Diskussion in der Geschichtswissenschaft, in wie weit grundlegende Eintei­lungs- und Deutungskategorien für geschichtliche Ereignisse und Zeitabschnitte (z.B. „Epochen“) eine eigene tatsächliche Realität besitzen („Entitäten“ sind), oder ob sie als Konstrukte der Historiographie oder der Geschichtsphilosophie be­stimmte Auffassungen von der Realität der Geschichte repräsentieren und damit gegebe­nenfalls Geschichte erst ex post entstehen lassen. So wie es die Frage ist, ob die „Re­nais­san­ce“ als solche überhaupt eine sinnvolle Realität repräsentiert, oder ob sie erst durch die Hi­storiker durch die Bezeichnung selbst „erschaffen“ worden ist, so stellt sich in unserem Zu­­sammenhang nachdrücklich die Frage, ob es tatsächlich eine zeitgeschichtliche Realität ge­geben hat oder gegeben hätte, auf die die Bezeichnung „Wende“ zweifelsfrei zutrifft, oder ob die Beschreibung der Ereignisse von 1989/90 mit der Kate­gorie „Wende“ zu­nächst erst das Bewusstsein und dann durch das an dieser Realitätsdeutung evozierte ge­sell­schaftliche Handeln im Sinne einer „self-fulfilling prophecy“ Elemente dieser „Wende-Rea­lität“ geschaffen hat. Hier gilt die sozial­psychologische Einsicht, dass menschliches Han­deln nicht von der Realität bestimmt wird, sondern von dem, was Men­schen als Reali­tät ansehen. In so fern ist heute die „Wende“ eine Realität, aber nicht im Sinne einer hi­sto­ri­schen Realität, sondern im Sinne einer gesellschaftlichen Realität, mit der eine kriti­sche Aus­einandersetzung sinnvoll und notwendig ist.

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

[Quelle: Erweiterte Fassung eines Beitrages aus: Claußen, Bernhard / Zschieschang, Susann, Hrsg., 2002: Politik – Bildung – Gesellschaft. Studien zur exemplarischen Verhältnisbestimmung in sozialgeschichtlicher und zeitdiagnostischer Perspektive. Für Wolfgang Lobeda zum 70. Ge­burtstag. Demokratie und Aufklärung. Kritische Sozialwissenschaften und Politische Bildung im Diskurs – Materialien –. Band 2. Glienicke/Berlin / Cambridge/Massachusetts. Galda + Wilch Verlag: 629-646. – Verwendung mit Genehmigung der Rechteinhaber. – Internetausgabe 11.07.2011 auf http://www.voigt-bismarckschule.de 
Parallelausgabe als Sonderheft von Politik Unterricht Aktuell 2011, Hannover, 2011. Printausgabe für Bibliotheken, in der Internet-Version auf http://www.pu-aktuell.de 
Verantwortlich für diese Publikation: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Sonderheft 2011
Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe 12.07.2011

 

 

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