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politik unterricht aktuellHeft 2010

Aktuelles zum Politikunterricht


Nie „mehr“ Demokratie wagen?!?

Hierarchisierung als moderne Erziehung? Zur schleichenden Begrabung der Pädagogik

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Eine Glosse mit ketzerischen Gedanken aus einer vergangenen Zeit – Gedanken wider den „tierischen Ernst“.

Denker und Erzieher in einer Zeit, in der von Pädagogik noch keine Rede war und in der man Kinder als „kleine Erwachsene“ in Anstalten steckte – dieses zugleich als Ausdruck sozialer Privilegierung und gesellschaftliche Machtreproduktion – könnte noch heute als wegweisend angesehen werden: Rousseau, Pestalozzi.

Der Durchbruch im pädagogischen Denken erfolgte in den 20er Jahren in der Wissenschaft, in den „Schulen“ genannten Anstalten leider nur in ersten Ansätzen.

An diese Reformpädagogik knüpfte man in den 60er Jahren an, nachdem die Nachfolgezeit des NS-Systems ebenfalls ausgeklungen war. ›Demokratie‹ anstelle von ›Disziplinierung‹ und ›Ordnung‹.

Die Schulordnungen verschwanden nach und nach in den Schubladen des stellv. Direktors, die Vordrucke für Tadel und entspr. Benachrichtigungen an das „Elternhaus“ ob der Missetaten von deren Sprösslingen vergilbte in den Ablagen. Die Papierqualität letzter war gut; man konnte sie auch noch nach Jahrzehnten benutzen, nachdem sie wieder hervorgeholt worden waren.

„Demokratisierung“ auch (in) der Schule, Erziehung zur Selbstständigkeit, gar zu sich selbst gegenüber verantwortetem Tun – dieses als Bildungsziel junger Menschen – alles ist jetzt vorbei?!?  

Dass stinkende Raucherzimmer geschlossen wurden, war gesundheitspädagogisch vertretbar und sehr sinnvoll. Dass man nun die Oberstufenschüler auf die ‘gegenüberliegende Straßenseite‘ oder deren alter Schrottkiste auf dem Parkplatz vor der Schule verbannen will damit sie dort die nachbarlichen Anwohner ,auf die Palme’ bringen, wenn sie durch ihre Hinterlassenschaft den Bürgersteig verunzieren oder gar die Muttis und Pappis auf dem nächst gelegenen Spielplatz ,auf die Barrikaden’ gehen lassen; zum Hundekot jetzt das Deponieren von Kippen?!? Vielleicht kann man das Motto aus vergangenen Studentenzeiten wieder hervorkramen: Wie viele Leute passen in einen ,Käfer’ oder eine ,Ente’ hinein und: Können alle paffen (oder wie man das jetzt nennt), ohne die Fenster herunterzukurbeln?

Zu meinen ordnungserzieherischen Aufgaben gehört es jedenfalls nicht, die Kids von ihrem genüsslichen und provozierendem Tun abzuhalten. Ich beanspruche das „Recht auf Resignation“. Dies gilt auch, wenn ich qualmende Dreizehnjährige auf dem U-Bahn-Schacht herauskommen sehe.

Wenn diejenigen, die das Taschengeld zuweisen, nicht gewillt oder in der Lage sind, entsprechend zu reagieren, wenn z.B. das Töchterchen  nach Zigaretten stinkend nach Hause kommt, dann ist es eben so.

Die entscheidende Frage ist nun: Soll die mit Macht und in aller Deutlichkeit durchgesetzt Hierarchisierung (in) der Schule dem verwerflichen Tun entgegen wirken – oder evoziert sie es gar selbst?!?

Die Funktion von Hierarchien ist bekannt: Sie erzieht zur Unselbstständigkeit und zu kollektiver Verantwortungslosigkeit, da niemand mehr konkret jemandem verantwortlich ist. Zwar kann der jeweils in der Hierarchie darunter stehende ‘verantwortlich‘ gemacht werden. Dies ist bekannter­maßen aber nur ein ‘nach unten‘ verschieben von Schuld sowie das Abwälzen von Konsequenzen auf Rangniedere. Bis es dann den Letzten trifft im Bereich des ‘Unten‘, niemals aber des ‘Oben‘.[1]

Genussreich anzusehen ist die Karikatur von den ›Stadtmusikanten‹ die ich in Bremen erstand: die berühmten ›Stadtmusikanten‹ einmal anders.

Das Prinzip ›Verantwortung‹ ist schwer zu definieren. Schließlich erfolgt Machtausübung von ‘Oben‘ nach ‘Unten‘. Es ist normativ definiert und schon gar nicht sinnvoll abgeleitet.

Inkompetenz und Unehrlichkeit sind die Folge, sie führen letztlich zu Heuchelei. Man denke nur an tradierte Großhierarchien wir das Militär, die kath. Kirche oder den ehemals benachbarten, sich als sozialistisch bezeichnenden Arbeiter- und Bauern-Staat.[2]

Gemein ist dieser Ansammlung geballter Macht und normativen Geistes die jeweils produzierte Gemeinschaftsideologie: ›Kameradschaft‹ und ›Gleichheit‹, ebenso ›Freundlichkeit gegenüber dem Nächsten‹.

Frage ist dabei: Wurden die Legitimationsideologien vorher produziert – also vor Bildung dieser Organisationsmonster in ihren vielfältigen Strukturen - oder ex post zum Zwecke des Glaubens an die Validität und Wahrhaftigkeit derselben?

Erziehen Hierarchien und Schulordnung zum unerwünschten Rauchen oder sind sie in der Lage, in diesen Refugien wirkliche Gutmenschen zu produzieren?

Schauen wir ins ‘gelobte Land‘ Amerika. George Dabbelju darf nun ruhig weitermachen. Neben dem IRAK gibt es noch weitere Nachbarn. Er muss nicht befürchten zur Friedenspfeife eingeladen zu werden – Dank der konsequenter Rauchverbote in seinem ›Land des Guten‹.

 Sam Anony, 2.3.2005


[1]   Man vergleiche die Karikatur der Bremer Stadtmusikanten. [Kopie einfügen] !!!

[2]   Über die kulturelle Staatsadministration wie –bürokratie soll in diesem Zusammenhang nicht nachgedacht werden. Der Respekt letztlich vor der Klugheit von Ministerialen verbietet es.

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 2010
Hannover, 2011. nur als Internetpublikation

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR i. R. Gerhard Voigt, Kontakt vgl. Impressum
oigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe Juli 2011
 

 

 

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Web-Fassung: 20.09.2011 - Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. <bismarckschule.voigt@gmx.de>