Zu den schwierigsten
und problematischsten Versuchen, durch regionale Vergleiche in
Wissenschaft und Unterricht geographische Aufschlüsse zu gewinnen,
gehört der Vergleich von Ländern der „Dritten Welt“ mit den
„entwickelten Industrieländern“. Raumvergleiche gehören zwar zum
Standardrepertoire des Geographieunterrichts und haben damit auch
Eingang in die gültigen Rahmenrichtlinien und nachfolgend auch in Geographiebücher
gefunden; aus gutem Grunde aber finden sich in der wissenschaftlichen
Geographie nahezu keine ernstzunehmenden vergleichenden Ansätze. Die
nachfolgende Unterrichtsskizze schildert daher bewusst eine Folge
missglückter Vergleichsversuche und drückt im schließlich gewählten
Vorgehen eine tiefe Skepsis gegenüber dem Instrument des Raumvergleichs
überhaupt aus. Darüber hinaus soll der Versuch unternommen werden, aus
den wissenschaftlichen Bedenken didaktische Konsequenzen zu ziehen und
den verbreiteten Optimismus zu dämpfen, dass die Methode des
Raumvergleichs wesentliche und abgesicherte Erkenntnisse vermitteln
könnte. Ob die methodische Problematik selbst in einem Geographiekurs
der S II, wie geschehen, thematisiert werden kann, sei dahingestellt.
Das wichtigste Ergebnis einer solchen kritischen Erprobung ist das
Erarbeiten einer kritischen Haltung gegenüber geographischen
Stereotypen und Pauschalurteilen.
Entwicklungsland – Industrieland
Es herrscht nicht nur
bei Schülern eine große Unsicherheit darüber, ob Entwicklungsländer
und Industrieländer als qualitativ verschieden oder nur
graduell unterschiedlich entwickelte Räume angesprochen werden müssen.
Die Methode des Raumvergleichs bietet sich daher unmittelbar an. Wie
ist aber zu entscheiden, ob unter dem Begriff Industrialisierung
eventuell ganz unterschiedliche sozioökonomische Prozesse subsumiert
werden?
Zur Klärung dieser
Ausgangsfrage werden zwei Länder ausgewählt, die nach unseren Maßstäben
zeitlich klar abzugrenzende Industrialisierungsprozesse in
unterschiedlichen historischen Situationen durchlaufen haben. Aus dem
Rahmen fallende Randbedingungen in Größe, politischem System oder in
extremer Ungleichausstattung mit Ressourcen sollten dabei vermieden
werden.
Unsere Wahl fiel
auf England als dem klassischen Land der Industriellen Revolution und
auf Algerien, wo, in unmittelbarer Nachbarschaft Europas,
der Beginn der Industrialisierung, von unerheblichen älteren Vorläufern
in der Kolonialzeit abgesehen, mit dem Ende des Befreiungskampfes und
dem Gewinn der Unabhängigkeit in den Verträgen von Evian 1962
zusammenfällt.
Vergleich: 1. Versuch
Vorgehensweise:
Die Schüler sammeln aus länderkundlichen Werken, Schulbüchern und
Atlanten Informationen über beide Länder und ordnen sie synoptisch. Das
Vorgehen entspricht weitgehend der Anfertigung eines Tafelbildes. Ein
erster Entwurf könnte so aussehen, wie ihn M1 vorgestellt.
Kritik: Die
Übersicht (M1) stellt Nichtvergleichbares nebeneinander;
die Auswahl der Fakten ist zufällig bzw. entspricht einem nicht
reflektierten Verständnis. Die Darstellung neigt zur Überspitzung der
Unterschiede; z. B. sind die „Raumwirkungen“ in der notierten Form nicht
richtig gesehen, aber aus dem Vorverständnis heraus korrekt abgeleitet
worden. Die Ursachen der gesellschaftlichen Prozesse werden nicht klar.
Typ des
Vorgehens: Üblicher, unkritischer phänomenologischer Vergleich ohne
Vergleichskategorien.
Grundsätzlicher
Einwand: Das Vorgehen bestätigt das vorgegebene Erklärungs- und
Verständnisschema, wirkt also affirmativ. Neue Erkenntnisse sind kaum
daraus zu gewinnen. Das Verfahren hat keinen wissenschaftlichen
Erkenntniswert, denn es fehlt jeglicher einsichtige Vergleichsmaßstab.
Die Fiktion, dass Realitäten unmittelbar vergleichbar seien, wird nicht
angetastet.
Relativierung:
Aus pädagogischen Gründen kann ein solches Vorgehen dennoch nützlich
sein, wenn damit das Interesse fur die Fragestellung erst geweckt und
selbständige Materialarbeit geübt werden soll.
Vergleich: 2. Versuch
Was verändern
wir? Die große, unstrukturierte Materialmenge soll reduziert werden,
indem der Lehrer ausgewählte Materialien vergibt, z. B. zwei
historische Karten, zwei Wirtschaftskarten und statistische Kurven über
die Entwicklung von BSP (und andere Größen), Einkommen und Versorgung.
Quellen: Schulatlas, Geschichtsatlas und, z. B., Hobsbawn,
Industrie und Empire (statistischer Anhang) bzw. der länderkundliche
Kurzbericht „Algerien“. Diese Vorgehensweise entspricht einem begrenzten
Arbeitsauftrag, wie er z. B. für Klausuren oder Abiturprüfungen
benötigt wird.
Kritik: Das
Ergebnis dieses Vorgehens ist deprimierend. Zwar werden die Schüler mit
diesem gewohnten Aufgabentyp recht schnell fertig, doch originelle
Ergebnisse konnten nicht entstehen, da sie vom Aufgabentyp geradezu
verhindert wurden. Die Qualität der Arbeiten richtete sich erstens nach
den über das Material hinaus vorhandenen (z.T. zufälligen)
länderkundlichen Kenntnissen, zweitens nach formalen
Argumentationsmustern („Intelligenzritualen“), die inhaltlich
irrelevant sind, und drittens nach der Einschätzung der Lehrererwartung
durch den Schüler. Was in keinem Falle durch diesen Aufgabentyp
erreicht werden kann, sind selbstgefundene geographische Erkenntnisse
oder gar wissenschaftlich haltbare Einsichten. Wer hier in
Prüfungsaufgaben angeblich „selbständige Arbeit“ vorfinden will, die
sich tatsächlich auf die Materialien bezieht, lügt sich selbst etwas
vor. Der erkenntnissuchende Arbeitsanteil wird zugunsten
reproduktiver Arbeitsformen unterdrückt.
Typ des
Vorgehens: Begrenzte Materialarbeit; Prüfungsaufgabe.
Grundsätzlicher
Einwand: Geographieunterricht und Geographieprüfung haben andere als
die hier angesprochenen Ziele und sollten sich doch an den
Minimalforderungen der Wissenschaftlichkeit orientieren.
Vergleich: 3. Versuch
Was andern wir?
Wir haben bei den ersten beiden Versuchen erkannt, dass Vergleiche
notwendig Vergleichsmaßstäbe voraussetzen. Die Fragestellung muss
präzisiert und ein Bedeutungsmaßstab muss angelegt werden. In unserem
Beispiel könnte – in einem zunächst inhaltlich begrenzten Arbeitsschritt
– nach den Industrialisierungsphasen, nach den ökonomischen Resultaten
dieser Phasen und nach der benötigten Zeit der
Industrialisierungsprozesse gefragt werden. (M2)
Kritik:
Dieses Vorgehen ist auf dem richtigen Wege. Die Ergebnisse sind
überprüfbar und können tatsächlich verglichen werden. Zu
Problematisieren ist aber der Weg, in dem die Maßstäbe gefunden und
operationalisiert werden. Gängig, aber problematisch sind dabei die
,,finalen Konzepte“: Hierbei dient als Vergleichsmaßstab eine aus
Erfahrung oder normativem Kalkül abgeleitete Definition eines
optimalen Zustandes oder Entwicklungszieles. Der Vergleich soll in
erster Linie Defizite aufdecken. Modernisierungstheoretische
Ländervergleiche zum Thema „Dritte Welt“ bedienen sich gerne dieses
Vorgehens und finden auch Wege der exakten Quantifizierung (Geographische Rundschau 81/1,
83/ 7 u.a.). In der politischen Praxis mag ein solches Vorgehen
gerechtfertigt sein (z. B. in der UN-Definition der LLDCs [Least
Developed Countries]; doch auch
hier meldet u. a. die „Brandt-Kommission“ Bedenken an), soweit ein
politischer Zielkonsens herzustellen ist. Die eigentliche
wissenschaftliche Problematik liegt jedoch gerade in der ausgesparten
Frage, wie wir denn überhaupt zu konsensfähigen Vergleichsmaßstäben
gelangen können. Genau diese Frage sollte aber unseren
Erdkundeunterricht leiten!
Typ des
Vorgehens: Normativer bzw. „finaler“ Vergleich;
politisch-ökonomische Kategorisierung.
Vergleich: 4. Versuch
Was ändern wir?
Das Problem des Vergleichsmaßstabs rückt jetzt in den Vordergrund,
Maßstäbe sollen durch die auf ein Land bezogene Arbeit selbst gewonnen
werden. Das verlangt, dass vor dem Vergleichen das empirische Material
geordnet und in strukturelle Zusammenhänge gebracht wird, d.h., dass ein
abgegrenztes Modell von der Realität erstellt und auf seinen
Erklärungswert hin überprüft wird. So entsteht ein vernetztes System
funktionaler Wechselwirkungen, die in unterschiedlicher Intensität,
qualitativ-typisierend oder quantitativ-analytisch verglichen werden
können.
Vorgehensweise:
Zunächst werden für die beiden Länder getrennt Materialien gesammelt
(ähnlich wie beim 1. Versuch), mit denen die
Industrialisierungsvoraussetzungen und die treibenden Interessen
analysiert werden können. Auf der Grundlage leitender Fragestellungen
(M3) werden die Fakten zeitlich geordnet und inhaltlich
durch das Aufzeigen von Kausalitäten und Interdependenzen vernetzt. Für das
schulische Arbeiten wird nun die jetzt notwendig folgende
Operationalisierung, die intensivere empirische Arbeit und zumindest
in Ansätzen Quantifizierungen der Zusammenhänge erfordert, reduziert
auf die Entwicklung je eines graphisches Modells der
Industrialisierungsabläufe in jedem der Länder (MS/6). Die
empirische Absicherung erfolgt durch Materialarbeit, geleitet durch
einige strukturierende Thesen, die aus den Modellen abgeleitet werden
(M4).
Kritik: Auch
dieser Ansatz, wenn wir ihn auch als brauchbar klassifizieren, muss auf
Einschränkungen seiner Brauchbarkeit hin untersucht werden. Zunächst
einige grundsätzliche Probleme. Nicht hinreichend können in einem
solchen Modellvergleich
-
der
interkulturelle Ansatz,
-
die
sozialanthropologische Perspektive (political culture)
-
und die
Konfliktanalyse betrieben werden; hierfür versagt wohl der
Raumvergleich grundsätzlich. Diese zentralen Urteilsansätze, an
denen die geographische Entwicklungsländerforschung nicht vorbeigehen
darf, müssen in der Fallanalyse an einzelnen Kulturräumen entwickelt
werden.
Konsequenz:
Auch Modellvergleiche, die zu wissenschaftlich ergiebigen Ergebnissen
führen können, dürfen im Unterricht nicht isoliert außerhalb eines
übergreifenden curricularen Zusammenhanges angeboten werden. Der
Vergleich selbst, soll er zu Ergebnissen führen, benötigt einige
Unterrichtszeit vor allem für die selbständigen Lernschritte. Drei bis
vier Doppelstunden mit häuslicher Literaturarbeit sind auch dann
anzusetzen, wenn grundlegende historische Fakten (Industrielle
Revolution, algerischer Befreiungskrieg) nicht eigens vermittelt werden
müssen.
Fazit
Das
Unterrichtsmodell des Ländervergleichs hat sich als ein äußerst
problematisches und anspruchsvolles Instrument geographischer Arbeit
herausgestellt, dessen wissenschaftliche Relevanz noch nicht
zweifelsfrei gesichert ist (z. B. durch die Problematik des
Modellbegriffes und der Definition der Vergleichsmaßstäbe). Gescheitert
ist vor allem der Versuch eines »naiven« Zugangs über die klassische
Materialarbeit, wenn man von anspruchslosen Motivations- und
Orientierungsphasen einmal absieht. Vor allem aber der vorstrukturierte,
durch Materialauswahl verkürzte Vergleich, wie er für Prüfungsaufgaben
typisch ist, kann – und ich verallgemeinere hier die am Beispiel
gewonnenen Einsichten – nicht den geringsten fachlichen Ansprüchen
genügen. Die Konsequenz sollte sein, auf vergleichende Aufgaben z. B. im
Abitur zu verzichten, dagegen können anspruchsvolle Unterrichtsvorhaben,
die der geographischen Theoriebildung und Reflexionsfähigkeit dienen,
durch das Element der Modellvergleiche, abgeleitet aus der
länderkundlichen Analyse von Prozessen, sehr bereichend wirken.
Fortsetzung des Vergleichs durch parallele Fallstudien
Die
Industrialisierungsthematik müsste nun vertieft werden, indem folgende
Fragestellungen an den gewählten oder neu hinzutretenden
Länderbeispielen erörtert werden:
-
begriffliche
und fachliche Einordnung der gesellschaftlichen Wechselwirkungen über
den geographischen Fachansatz hinaus (Ökonomie, Politik);
-
Beschreibung
und Bewertung der Strukturdeformationen in Algerien als Hypothek der
Kolonialzeit (regionale und soziale Marginalisierungsprozesse);
-
Hinblick auf
ihre politischen Intentionen und Interessen;
-
subjektive
Sinnverständnisse: Was erlebte oder erlebt der Engländer oder Algerier
innerhalb seiner eigenen kulturellen Umwelt als Wirkungen des
Industrialisierungsprozesses.
Literatur
Arnold, A.: Die
industrielle Entwicklung Algeriens. In: Institut für
Auslandsbeziehungen, Zeitschrift für Kulturaustausch, Heft 20, Stuttgart
1970.
Mensching/Wirth:
Nordafrika und Vorderasien. Fischer Länderkunde Band 4. Frankfurt
1973.
Hobshawn, E. J.:
Industrie und Empire. Britische Wirtschaftsgeschichte seit 1750.
Band 1 und 2. Frankfurt 1969.
Hubatsch, W.: Die
englischen Freiheitsrechte. Hannover 1962.
(Der Vergleich
England/Algerien wurde mit anderer Zielsetzung erstmals publiziert in:)
Voigt/Fuchs/Eilers:
Sozioökologie. Gesellschaftliche Probleme in einer sich wandelnden
Umwelt. Leistungskurs Geographie. In: Der Niedersächsische
Kultusminister, Handreichungen für den Sekundarbereich II für das
gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld, Folge B 4, Band I.
Hannover 1977, S. 89 – 208.