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politik unterricht aktuell Heft  2005

»Krise der Politischen Bildung«

Internet-Publikation, Bearbeitungsstand 2011

   

Elçin Kürşat

Die Entwicklung des „Entwicklungsbegriffs“

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Die Entwicklung des „Entwicklungsbegriffs“ hängt engstens mit drei parallelen gesell­schaftlichen Prozessen zusammen:

  1. mit der langsamen Erlangung des Denkvermögens auf einer höheren Synthesenebene, d. h. eines höheren Abstraktionsniveaus

  2. mit einer zunehmenden Selbstdistanzierung von geltenden Glaubenssystemen und ei­genen Wunschvorstellungen/Affekten im Denken

  3. mit der mühsamen Emanzipation der Gesellschaftswissenschaften von naturwissen­schaftlichen (biologisch‑physikalischen) Erkenntnismodellen.

Das Wort „entwickeln“ ist im Deutschen erstmals 1645 nachweisbar: Es bedeutete ur­sprünglich die konkrete physische Handlung des Auseinanderwickelns sowie im klassi­schen Latein „evolutio“ im Sinne von Entwickeln von Schriftrollen. Die Rede war von der Entwicklung eines Knotens, eines Windelns, einer Verpackung oder Schriftrollen (wie des Films noch heute). In ähnlicher Bedeutung erscheint im 14. Jh. die frühe Form des Wortes als „disvelop“ in der englischen Sprache. Im 17. und 18. Jh. findet es Zugang zur militäri­schen Fachsprache im Sinne von Aufstellen der Soldaten in der Schlachtordnung. Die Übertragung des Wortes auf abstraktere Sachverhalte ist seit dem Beginn des 18. Jh.s nachweisbar. Parallel zu dem Individualisierungsschub in der Aufklärung, – eine Manife­station des bürgerlichen Aufstiegs – wurde das Wort im Zusammenhang mit Gedanken, Vorstellungen oder Theorien gebracht. 1959 in England ist die Bedeutung im Sinne von ökonomisch entwickelt, industrialisiert belegt. (Man unterscheidet zwischen „developed human beings“ von „undeveloped“. Etwa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts werden in der engli­schen Sprache „development“ and „evolution“ weitgehend als Synonyme verwendet.)

Besonderen Einfluss auf die Prägung des sozio‑politischen Entwicklungsbegriffs hatte die Verwendung des Wortes in der Biologie, und zwar im Zusammenhang mit den Diskussio­nen um die Mitte des 18. Jh.s über die Prinzipien des Embryonalwachstums und in ihm vertretenen Generationszusammenhang. (Der Entwicklungsbegriff bekam seine dynami­sche Bedeutung durch die so genannten Epigenetiker gegen die Meinung der Präformisten. glaubten im Einklang mit den theologischen Vorstellungen des Deismus, dass das Indivi­duum zwar verkleinert, aber schon ganz ausdifferenziert in der Keimzelle, also präfor­miert, vorläge. Erst die Epigenetiker deuteten die Ontogenese als die Ausdifferenzierung und Ausbildung der Keimzelle zum neuen Individuum.) Diese nun dynamische Entwicklungsvorstellung bildete auch die Instanz, an der man sich im psychologischen und an­thropologischen Sinne bei einer Entwicklung von Anlagen und Fähigkeiten des Menschen orientierte. Erst etwa ab 1770 wurde der Entwicklungsbegriff auf politische und gesell­schaftliche Phänomene als eine Übertragung des biologischen und anthropologischen Be­griffs angewendet. (Weder die Antike noch das alteuropäische Staats‑ und Geschichtsver­ständnis bedurfte eines Entwicklungsbegriffs. Wie wir alle wissen, etablierte herrschende Schichten, Machthabende, sind immer Hüter der bestehenden Ordnung. „Entwicklung dagegen ist ein Programmwort, eine Ziel und Wunsch geleitete Denkkategorie der sich im Aufstieg befindenden Gruppen. Daher konstituierte die Französische Revolution einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung des Entwicklungsbegriffs.)

In der ersten Hälfte des 18. Jh.s sind noch alte Vorstellungen vorhanden, die den Gang der Geschichte aus den Handlungen von einzelnen Menschen oder Institutionen oder noch aus dem göttlichen Willen erklären. Die Suche nach konkreten, persönlichen Urhebern des Wandels ist psychisch befriedigender und Sicherheit vermittelnder als die Vorstellung ei­ner unpersönlichen, eigengesetzlichen, d. h. auch unbeherrschbaren Abfolge der Ereignisse.

In die gleiche Kategorie der Denkzwänge ist auch die Vorstellung der Gesellschaften und Staaten einzuordnen, in ihnen eine überindividuelle organische Wesenheit zu sehen, die durch Jugend, Reifezeit und Alter zwangsläufig ihrem Tode entgegengeht (z. B. Spengler, später Toynkee). Diese zyklische Denkweise der gesellschaftlichen Abläufe kommt zwar aus der Biologie, ist aber m. E. homo‑zentrisch, in der der eigene Körper als Modell der gesellschaftlichen Entwicklung dient. Sie zeigt einerseits ein geringes Abstraktionsniveau, andererseits eine geringe Selbstdistanz, d. h. eine selbstzentrierte, narzistische Betrachtung der Welt an.

Erst im nächsten Schub der Abstraktion kommen anstelle von persönlichen Urhebern oder eigenem Körper noch personifizierte Abstraktionen wie „Natur“ oder „Vernunft“, die als Triebkräfte der Entwicklung dienen. Diese Vorstellungen der Entwicklung propagieren zwar ein automatisch und unabänderlich ablaufendes gerichtetes gesellschaftliches Ge­schehen und an diesem Geschehen einen unwiderruflichen Ablauf in einer Richtung ohne Wiederkehr; sie haben sich zwar von der zyklischen Denkweise befreit, aber nicht nach der Suche eines Urhebers, sei es ein Volksgeist bei Herder oder Weltgeist der Vernunft bei Hegel oder die Natur.

„Ein Grund dafür, dass es lange Zeit hindurch für Menschen außerordentlich schwierig war, sich einen solchen mehr oder weniger geregelten Ablauf zugleich als geordnet und strukturiert und als unbeabsichtigt und ungeplant vorzustellen, war, dass diese Vorstellung nicht denjenigen Fragen entsprach, die man an die Ereignisse stellte und an denen man interessiert war. Sie stand geradezu im Gegensatz zu den herrschenden Werthaltungen und Glaubenssystemen stand. Man gewinnt in der Tat ein klareres Verständnis für die gegen­wärtige Funktion und Bedeutung des Begriffs, wenn man sich die Schwierigkeiten verge­genwärtigt, die seiner Heranbildung im Wege standen. Eine der Hauptschwierigkeiten, wenn nicht die Hauptschwierigkeit für die Konzeptualisierung bestimmter beobachtbarer Wandlungen als Entwicklung hing mit den vorwegnehmenden Erwartungen zusammen, die man hatte, wenn man Fragen an beobachtbare Wandlungen stellte. Das entscheidende Ziel aller grundlegenden Fragen, die man an etwas als wandelbar Beobachtetes stellte, war das Ziel, hinter allen Wandlungen oder in allen Wandlungen das Unwandelbare zu finden. Eine Antwort auf Fragen, die sich auf beobachtbare Wandlungen bezogen, wurde nur dann als befriedigend empfunden, wenn sie auf ein endgültiges Ziel verwies.

Die Fragen waren ausgerichtet auf die Entdeckung des „Wesens“, des „Grundprinzips“, des „fundamentalen Gesetzes“, der „primären Ursache“, des „letzten Ziels“ oder anderer als ewig und unwandelbar gedachter Erklärungen. Man wollte wissen, was hinter dem steten Fluss der Ereignisse verborgen war. Wiederum hat man es hier mit einer vorgege­benen Bewertung zu tun. Dem Unwandelbaren schrieb man implizite einen höheren Wert, dein Wandelbaren einen niedrigeren Wert zu.“

Erst von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an sind manche Vorversuche einer allmählichen Gewichtsverlagerung in der Bewertung des als veränderlich Beobachtbaren festzustellen. Erst das Verlangen nach gesellschaftlichen Wandlungen während und nach der Französi­schen Revolution ermöglichte die Rückführung allen Wandels auf etwas Unwandelbares, aus unwandelbaren Ursachen oder Wesenheiten aufzugeben und sich an der immanenten Ordnung des Wandels zu orientieren. Diese zusammenfassende Darstellung möchte ich nun an einigen ausgewählten Denkern skizzenhaft präzisieren.

In Deutschland wurde das Wort Entwicklung erst im letzten Drittel des 18. As im Zu­sammenhang mit der Kritik an den Geschichtsauffassungen der Aufklärung auf ge­schichtliche und politische Tatbestände bezogen, und zwar

  1. mit der Kritik an der Auffassung, dass der Geschichtsverlauf einen Fortschritt charak­terisiere

  2. an der Auffassung, die die Veränderungen in der Geschichte aus dem Handeln von In­dividuen erklären

  3. und mit der Kritik an dem Staatskonzept des Vertragsschlusses durch beteiligte Indi­viduen, das kein eigenständiges Gebilde im Staat sieht.

Greifbar wird das Wort Entwicklung in seinem historisch‑politischen Sinn erstmals bei Möser und Herder sowie bei Voltaire. Justus Möser, ein konservativer Sozialhistoriker aus der 2. Hälfte des 18. Jh.s sprach zwar noch von einem „Gang der Natur“ für politische Wandlungen, formulierte aber erstmals die Totalität der sozialen und kulturellen Ent­wicklung. Wesentlich für seine Geschichtsauffassung ist, dass alle Lebensäußerungen und Kulturgebilde untereinander in einem Zusammenhang ständen und sich als eine Totalität ändern könnten. Diese Einheit eines Sinnganzen in der Entwicklung ist bis heute den Entwicklungskonzeptionen inhärent geblieben. Auch Herder, der sich um eine Deutung der Weltgeschichte im ganzen bemühte, versuchte das universale Ziel der Geschichte in der Entwicklung als einem „höheren Sinn“ zu finden.

In der Frage „gibt's einen Faden Entwicklung menschlicher Kräfte“ und Umwandlungen in der Hand des Schicksals, diente der Lebensvergleich, also die Entwicklung jedes Volks, der Kunst und Wissenschaft über die Perioden „des Wachstums, der Blüte und der Ab­nahme“, diente zu diesem Sinnzusammenhang der Weltgeschichte. Aber er orientierte sich anstelle des traditionellen Lebensaltervergleichs an dem naturwis­senschaftlich‑organalogischen Entwicklungsbegriff.

So verwendete Herder bei der Deutung geschichtlicher Zusammenhänge gerne das Bild des Keimes, aus dem sich die späteren Organisationsformen entwickeln. Für den Orga­nismus gelte aber, dass sein Wesen nicht durch einen außerhalb seiner liegenden End­zweck bestimmt sei; denn er sei für sich selbst schon Zweck: alles Mittel und Zweck zu­gleich.

Vielleicht können wir hier die allerersten Ansätze der Eigengesetzlichkeit der Entwick­lung spüren. Aber bei Herder ist noch keine klare unpersönliche Konzeption der Ent­wicklung, losgelöst von dem Gedanken eines Urhebers des Wandels noch und keine Los­lösung und Dissoziation von der Vorstellung eines Naturorganismus zu finden. Die Ge­schichte und die gesellschaftliche Entwicklung haben sich noch nicht von der Natur, aber auch nicht von Gott emanzipiert. Alle Entwicklung läge allein in der Hand Gottes. Herder orientierte sich noch an der biblischen Genesis. Er ging von der Vorstellung des zusam­menhängenden Naturorganismus aus; eine durchgehende ideelle Entwicklungslinie führe vom Stein über die Pflanze und das Tier zum Menschen. Die geschichtliche Entwicklung sei nur die Fortsetzung der natürlichen Entwicklung; beide seien nur Spielarten der ein­heitlichen Entwicklung des von in Gott geschaffenen Kosmos. Der Gedanke der Einbet­tung der Geschichte in eine umfassende Natur führte Herder dazu, die geographischen und klimatischen Bedingungen aller Geschichte zu betonen; insofern machte er Gedanken Montesquieus fruchtbar. Inhalt der geschichtlichen Entwicklung war die von Gott durch Tradition und organische Kräfte geleitete Erziehung der Menschheit zur vollkommenen Humanität. Trotzdem behielten die einzelnen Völker mit ihren eigenständigen Kulturen ihren Eigenwert.

Herder setzte Revolution und Evolution in eine alternative Beziehung, die für den nachre­volutionären Entwicklungsgedanken bestimmend und erst von Marx aufgehoben wurde: („Mein Wahlspruch bleibt also fort gehende, natürliche, vernünftige Evolution der Dinge; keine Revolution. Durch jene, wenn sie ungehindert fortgeht, kommt man dieser am si­chersten zuvor.“) Der Entwicklungsbegriff hatte bei Herder den Charakter der Richtungs­bestimmtheit und Unumkehrbarkeit des Geschichtsverlaufs. Aber er kritisierte jenen Fort­schrittsgedanken, der der jeweiligen Gegenwart keinen Eigenwert mehr zusprach und sie als Vorstadium einer zukünftigen Perfektion betrachtete. Der Eigenwert der historischen Formationen, deren Merkmale auf gesetzmäßige Weise zusammenhängen, würden in der Entwicklung erkennbar bleiben. Aber er versuchte eine Vermittlung zwischen den Fortschrittstheoretikern, die an einem nicht in der Gegenwart liegenden Endziel der Perfektion glaubten und der konservativen Geschichtsphilosophie mit der Betonung des unrelativierbaren Eigenwerts jeder Indivi­dualität der Völker und jeder Epoche in einem dem gottgeschaffenen Kosmos.

Im 18. Jh. bezeichnet Entwicklung noch kein Programm, auch wenn etwa bei Kant die Ansätze zur Erhebung des Entwicklungsbegriffs zu einem der gesellschaftlichen Schlüs­selkonzepte des Gesellschaftskonzepts des aufsteigenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts zu fin­den sind. Nach Kant lasse das Ziel einer vollständigen Entwicklung aller Anlagen des Menschen erst in einer weltweiten bürgerlichen Gesellschaft verwirklichen. Kant verband die Entwicklung der individuellen menschlichen Anlagen mit einer universalen Entwick­lung der Menschheit als eine Idee, noch keine empirisch belegte Tatsachenbehauptung. Bei ihm ist die Geschichte nicht mehr in die Natur eingebettet, auch wenn aus normativen Gründen, weil die sich der Natur entgegenstellende Freiheit sonst zu kurz käme.

Der Begriff der gerichteten geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, ist in der Ro­mantik bereits zu einem festen Topos geworden, erfährt nach den Erfahrungen der Fran­zösischen Revolution einen inhaltlichen Wandel. Vielen vermittelte die Revolution die Überzeugung, dass die Möglichkeiten, den gesamten Bereich politischer und sozialer Er­scheinungen zum Gegenstand planmäßigen Entscheidens zu machen, prinzipiell begrenzt seien, So wurde nun oft emphatisch das Eigenleben der „gewachsenen“ Institutionen ge­genüber den bewusst handelnden Individuen betont. Aber die Stimmen der Romantik bei ihrer Orientierung an Veränderungen und weniger an Bestehenden mit dem Gedanken der Gerichtetheit der menschlichen Entwicklung behaf­tet. Für Novalis ist der Stoff der Geschichte „fortschreitende, immer mehr sich vergrö­ßernde Evolutionen“, die zu einem Endziel, zu einem Goldenen Zeitalter hinführen. Für Schlegel ist das letzte Ziel aller Weltentwicklung die Wiedervereinigung mit der Gottheit und somit die Rückkehr zur verlorenen Freiheit. auf dieses Ziel sei auch die Geschichte ausgerichtet. Diese Orientierung an Veränderung nach der Französischen Revolution ist aber gekoppelt mit der Vorstellung, dass Veränderungen dem planenden Handeln der Menschen entzogen bleiben. Somit konnte „Entwicklung“ auch zum Leitbegriff der kon­servativen Wortführer, der an der alten Ordnung interessierten Gruppen werden, weil im Entwicklungsbegriff sowohl ihre Konzessionen an die durch die Revolution geschaffene Situation an die Wandlung des politischen Bewusstseins, als auch ihre reservierte Haltung vereinigt werden konnten. Man glaubte, revolutionären Ideen zuvorzukommen und sie gleichsam entschärfen zu können, wenn man im Begriff „Entwicklung“ die Notwendigkeit von Wandel und Veränderung grundsätzlich zwar akzeptierte, sie gleichzeitig aber zu möglichen Momenten der Bewahrung und Erhaltung umdeutete. Z. B. bei Savignys Histo­rismus meinte Entwicklung mit Hilfe biologischer und organalogischer Kategorien verstandene zeitliche Veränderung überpersönlicher Gebilde, ohne dass damit ein Endziel oder Folgen einem universellen Plan angenommen wurde. Bei Savigny steht der Mensch immer unter der Herrschaft der Vergangenheit. Die Richtung der Gedanken, die Fragen und Aufgaben werden auch da noch durch den vorhergehenden Zustand bestimmt sein, und die Herrschaft der Vergangenheit über die Gegenwart wird sich auch da äußern kön­nen, wo sich die Gegenwart absichtlich der Vergangenheit entgegensetzt. Größere politi­sche und soziale Veränderungen sind unter solchen Voraussetzungen nur legitimiert, so­fern sie langfristig verlaufen und kein möglicher Gegenstand bewussten Handelns werden.

Zusammenfassend kann behauptet werden, dass die Geschichte im 19. Jh. mehr und mehr mit in ihr wirkenden überindividuellen Kräften ausgestattet wurde, aus denen die Verän­derungen erklärt werden sollten. Diese Vorstellung erteilte an jene Theorien eine Absage, die Staat und Gesellschaft durch Vertrag entstanden sein ließen.

Im deutschen spekulativen Idealismus ersetzt die „Vernunft“ den göttlichen Urheber der Entwicklung. Trotz eines höheren Grads der Säkularisierung des Denkens leben aber Denkzwänge aus der Vergangenheit als leere theologische Begriffshüllen weiter: So Schelling am Ende des 18. Jh.s: „Alles was in der Wirklichkeit vorkommt, ist nur Ent­wicklung einer absoluten Vernunft.“ Aber bei Schelling hatte diese Selbstentfaltung des Absoluten die vollendete Offenbarung Gottes zum Ziel.

In der konstruktiven Geschichtstheorie Fichtes erscheint die Geschichte in fünf Epochen zur vollkommenen Vereinigung von Vernunft und Freiheit.

Hegels Verdienst war, einen Entwicklungsbegriff vorgeschlagen zu haben, der nicht mehr von dem in der biologischen Diskussion geprägten organalogischen Entwicklungsbegriff abhing. Für die Formationen wie Recht, Gesellschaft, Staat gelten Strukturgesetze, die nicht allein aus dem bewussten Planen und Handeln der Individuen ableitbar sind aber die auf das Bewusstsein und den Willen von Individuen angewiesen bleiben. Aber auch He­gels Entwicklungsbegriff bleibt spekulativ. Seine Schlüsselworte sind Bewusstsein, Frei­heit, Geist.

Eine klare Begrifflichkeit der Gesellschaft ist nicht erkennbar. Den notwendig durch das Bewusstsein zu vermittelnden Fortschritt bezeichnete Hegel aus Entwicklung: „Die Entwicklung, die in der Natur ein ruhiges Hervorgehen ist, ist im Geist ein harter unendlicher Kampf gegen sich selbst. In der Geschichte ist die Entwicklung nicht das harm‑ und kampflose bloße Hervorgehen, wie die des organischen Lebens, sondern die harte, unwil­lige Arbeit gegen sich selbst.“ Hegel hat in seiner Sprache das Ziel aller Entwicklung in der Welt als Zusichkommen des Geistes bezeichnet; es bestehe darin, dass der Geist sich er­kenne, sich selber gegenständlich mache; im Bereich der Geschichte war damit der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit gemeint: Freiheit ist zu ihrer Verwirklichung dar­auf angewiesen, dass sie bewusst wird. Frei ist man nur insofern, als man auch von seiner Freiheit weiß. Darin liegt der große Unterschied, dass der Mensch weiß, was er ist; erst dann ist er es wirklich. Ohne dies ist die Vernunft, die Freiheit nichts.

Auch Comte, der Vater der Soziologie (Anfang des 19. Jahrhunderts) sah die Entwicklung des Denkens als das Schlüsselproblem in der Entwicklung der Menschheit. Erst Marx brach mit aller Entschiedenheit mit dieser Tradition.

Aber den Soziologen Comte, der mit der klassischen philosophischen Tradition brach, er­kennt man an der Soziologisierung des Subjekts des Denkens: Das Subjekt der Erkenntnis ist nicht der einzelne Mensch sondern die Gesellschaft. Wissenschaftliche Arbeit ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich über Generationen hinzieht. die Beziehung der nichtwis­senschaftlichen zu den wissenschaftlichen Erkenntnisformen, dass wissenschaftliche Er­kenntnisse aus nichtwissenschaftlichen hervorgehen, formulierte er als die Gesetzmäßig­keit gesellschaftlicher Entwicklung. Jeder unserer Hauptbegriffe, jeder unserer Wissens­zweige durchläuft in einer Abfolge drei verschiedene Stadien der Theoriebildung: das theologische oder fiktive Stadium, das metaphysische oder abstrakte Stadium, das wissen­schaftliche oder positive Stadium. Das Denken der Menschen bedient sich mit anderen Worten ... bei der Erforschung der Welt dreier verschiedener Methoden ... der theologi­schen, der metaphysischen und der positiven.“ Comte brachte die Entwicklung der Denkformen und Ideen in Zusammenhang mit umfas­senderen gesellschaftlichen Entwicklungen, insbesondere mit den herrschenden Schichten.

Comte brachte die Dominanz mythisch‑magischer Denkformen mit der Herrschaft militä­rischer und priesterlicher Schichten und wissenschaftlicher Denkformen mit der Herr­schaft industrieller Schichten in Zusammenhang. Er erkannte, dass die Entwicklung der Denkstrukturen ein Aspekt der Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen bleibt. Die Hauptaufgabe der neuen Wissenschaft Soziologie sah Comte in der Aufdeckung von Ge­setzmäßigkeiten der Gesellschaftsentwicklung durch Empirie, durch einen systematischen Bezug auf Einzelbeobachtungen entgegengesetzt zu spekulativer Methode der Philosophie des 18. Jahrhunderts.

Auf diese allmähliche Emanzipation vom philosophisch‑spekulativen Entwicklungsbegriff in Richtung empirisch‑historischer Methode übte Darwins Lehre von der natürlichen Lese einen erheblichen Einfluss aus. Diese erste phylogenetische Entwicklungstheorie erklärte den Gang der Entwicklung nicht mehr mit verborgenen Kräften, sondern durch empirisch nachprüfbare Behauptungen über die Eigengesetzlichkeit der Natur.

Der veränderte Sprachgebrauch des Wortes Entwicklung im 19. Jh, zeigt bereits, dass die Sichtweise sich immer stärker auf immanente Ordnung des Wandels konzentrierte. Die reflexive Form in Englisch ist bereits 1793, zuerst in Verbindung mit menschlichen Cha­raktermerkmalen belegt. Etwa bis zur Jahrhundertwende des 19. Jh.s wird das Verb ent­wickeln in Deutschland vorwiegend transitiv gebraucht. Selbst wo der Begriff wie bei Herder gelegentlich programmatische Konnotationen bekam, gab es noch eine Instanz, einen Urheber, die hinter der Entwicklung stand und sie steuerte. Erst im 19. Jh. übernahm der deutsche Entwicklungsbegriff eine eigengesetzliche Qualität, die sich im reflexiven Ge­brauch des Verbums „sich entwickeln“ ausdrückte. Die Idee der Eigengesetzlichkeit eines Entwicklungstriebes setzte sich im 19. Jahrhundert durch. Analoge Akzentuierung des Substativs „Selbstentwicklung“ taucht um die Jahrhundertwende auf.

Die Entwicklungsmodelle des 19. Jahrhunderts waren im allgemeinen so konstruiert, als ob eine für die ganze Menschheit typische Entwicklungslinie sich jeweils in alten einzelnen Ge­sellschaften in der gleichen Weise wiederhole. Autoren wie Spencer oder Bergson ver­suchten, das Weltganze unter der Idee einer einheitlichen zusammenhängenden Entwick­lung zu deuten (Evolutionismus). Ferner entfernte sich der historische Entwicklungsbe­griff von Herder zu Marx immer weiter von seiner naturwissenschaftlich‑biologischen Herkunft, er wird bei Engels schließlich zum Vorbild für die Vorstellung von der Ent­wicklung in der Natur. Aber eine totale Emanzipation gelingt nie. Marx erklärte die Ge­schichte bekanntlich als eine Entwicklung, die durch die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bestimmt wird, vergleichbar den Naturgesetzen. Zwar ge­lang Marx eine weitaus höhere Emanzipation vom Überbleibsel der statischen Ordnungsvorstellung, etwa von der Suche nach einem Umwandelbaren wie dein göttlichen Willen oder der absoluten Vernunft, aber auch bei ihm schimmert der alte Denkzwang in der Vorstellung des Idealzustands der Gesellschaft am Ende der Entwicklung durch. Ent­scheidend für die Begriffsgeschichte ist, dass sich „Entwicklung“ und Revolution jetzt nicht ausschließen. Die Feststellung, dass alle geschichtliche Entwicklung auf Klassenge­gensätzen beruht, ermöglicht eine revolutionäre Entwicklung. Im marxistischen Entwick­lungsbegriff übernimmt der Revolutionär die Rolle des Vollstreckers des Entwicklungsge­setzes. (Im Manifest steht, dass die Kommunisten „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraushaben.) Die Entwicklung zur endzeitlichen klassenlosen Gesellschaft, zu der Verheißung oder Ideal, dass jede Herrschaft von Menschen über Menschen beseitigt ist, bedarf der Einsicht in die Eigengesetzlichkeit der Entwicklung. Nur durch diese Einsicht, durch ihre Vermittlung, können die revolutionären Kräfte des Proletariats entbunden werden. Sie sind für die Verwirklichung des Ziels nötig. Hier wird der Zusammenhang zum Hegelschen Entwicklungsbegriff deutlich, der als Mittel bzw. Werkzeug „politischen Wollens“ eingesetzt wird: Das heißt, dass die Erkenntnis der Notwen­digkeit einer Entwicklung diese Entwicklung erst in Gang bringen und steuern könne.

Planung und Entwicklung sind für den Marxisten keine Gegensätze mehr. Es gilt die poli­tische und soziale Entwicklung durch Planung zu beherrschen. Spätestens seit Marx ge­hört der Begriff „Entwicklung“ in die Sphäre des bewussten politischen Handelns und nicht nur in die der Erkenntnis und Reflexion; ein inhaltlicher Wandel, der vor allem im 20. Jahrhundert in der Dritten Welt weit reichende Konsequenzen haben wird. Der politisch Handelnde versteht sich bei Marx zugleich als Beobachter und Erkenner der Gesetze der Entwicklung für ein richtiges Eingreifen.

Diese doppelte Rolle des Handelns und Erkennens kommt im folgenden Zitat selbst Bis­marcks zum Ausdruck: „Ein willkürliches, nur nach subjektiven Gründen bestimmtes Eingreifen in die Entwick­lung der Geschichte hat immer nur das Abschlagen unreifer Früchte zur Folge gehabt. Man kann Geschichte überhaupt nicht machen, aber man kann aus ihr lernen, wie man das politische Leben eines großen Volkes, seiner Entwicklung ... entsprechend zu leiten hat.“

Summa Sumarum besaßen soziologische Entwicklungstheorien des 19. Jahrhunderts einen stark theologischen Charakter. Der Entwicklungsbegriff war mit Glaubenssystemen (Ideologi­en) und ihren politischen Idealen verwoben. So gut wie alle Pioniere der Entwicklungsso­ziologie beherrschte der Gedanke einer neuen und besseren Ordnung der Gesellschaft, die sich in der Zukunft verwirklichen würde. Somit implizierte „Entwicklung“ einen stetigen automatischen Fortschritt zu ihrem idealen Bild von der besseren Zukunft. Das heißt, das Zen­tralinteresse an der Gesellschaftsentwicklung war geleistet durch die Wunschvorstellun­gen über den zu erreichenden Idealzustand der Gesellschaft.

In diesem Sinne fielen die Entwicklungstheorien des 19. Jahrhunderts in der Beherrschung der Af­fekte und in der Selbstdistanz zu eigenen Wunschvorstellungen zurück, da wieder der un­wandelbare ideale Endzustand der Gesellschaft, das verwirklichte Ideal, den Bezugsrah­men für alle Entwicklungen bildete. Aber die Ideengeschichte und die Genese gesell­schaftlicher Schlüsselkonzepte sind untrennbar von den Macht‑ und Klassenfigurationen. In den industrialisierenden Ländern des 19. Jahrhunderts waren es die aufsteigenden industriellen Klassen, die mit hohen Erwartungen und Hoffnungen einer besseren Zukunft entgegensa­hen. Da ihr Ideal nicht in der Gegenwart sondern in der Zukunft lag, waren sie ganz be­sonders an der Gesellschaftsentwicklung interessiert, entgegengesetzt zu den etablierten, höfisch‑dynastischen vorindustriellen Machteliten, die auf die Erhaltung und Bewahrung der bestehenden Gesellschaftsordnung ausgerichtet waren.

Die Pioniersoziologen als Stimmführer der Interessen und des sozialen Glaubens der bei­den aufsteigenden industriellen Klassen, des industriellen/kommerziellen Bürgertums und der industriellen Arbeiterschaft, vertraten in ihren Gesellschaftstheorien diese Entwick­lungsperspektive, die Zuversicht an der zukünftigen Verbesserung der menschlichen La­ge: Comte am Beginn de 19. Jahrhunderts oder Hobhause am Ende, beide bürgerliche Soziologen, und Marx und Engels, die sich mit der Arbeiterschaft identifizierten.

Dieser innerstaatliche Wandel der Klassenfiguration im Sinne von Aufstieg der industriellen Klassen ging aber auch mit Aufstiegprozessen der europäischen Nationen auf der zwischenstaatlichen Ebene einher. Die industrialisierenden europäischen Nationen trieben sich im 19. Jahrhundert in ständiger Rivalität miteinander zu einer Ausbreitung ihrer Vormacht über außereuropäische Regionen. Das heißt nicht nur Klassen innerhalb ihrer, sondern diese Staatsgesellschaften als Ganzes waren aufsteigende, sich ausbreitende Machtzentren.

Ihre intellektuellen Trägergruppen proklamierten den Glauben an einer besseren Zukunft der Gesellschaft und an eigener Mission im menschlichen Fortschritt. Diese beiden Ebe­nen der Machtaufstiegsprozesse, innerstaatlich und zwischenstaatlich, lagen der Idealisie­rung des Entwicklungsbegriffs zugrunde. Es ist gerade die Desillusionierung der Ideale, die dann den Entwicklungsbegriff im 20. Jh. in Verruf brachte. Die vorherrschende Nei­gung der soziologischen Theorien im 20. Jh. zu einer Zustandsreduktion in ihren Gesell­schaftskonzepten erklärt Elias durch die Integrierung der beiden industriellen Klassen in das Staatsgefüge und dadurch ihre stärkere Identifizierung mit der Nation. Auf der zwi­schenstaatlichen Ebene wirkten nach ihm die hohen Spannungen, Konflikte, die schweren Nationalkriege und die permanente Kriegsgefahr im 20. Jh. mit, die alle zum Anwachsen der natiozentrischen Denkorientierung beitrugen, in der gleichen Richtung, in die Rich­tung des Glaubens an den Wert des Bestehenden. „An die Stelle von Gesellschaftstheorien, in denen sich Ideale aufsteigender Schichten von noch mächtiger werdenden Industriegesellschaften niederschlagen, treten Gesell­schaftstheorien, die von Idealen aufgestiegener und mehr oder weniger etablierter Schichten von hochentwickelten Industriegesellschaften.“

In Elias Figurations­‑ und Prozesssoziologie ist die gesellschaftliche Entwicklung weder linear gerichtet noch hat sie einen personifizierten oder rein abstrakten Urheber oder noch einen Anfang oder ein Ende. Sie ist aus ihrer Eigendynamik und Gesetzmäßigkeit zu verstehen. Der Mensch und die Gesellschaft sind Prozesse.

„Und wenn wir von einer Entwicklung sprechen, dann meinen wir die immanente Ord­nung der kontinuierlichen Abfolge, in der jeweils eine spätere Gestalt aus der früheren hervorgeht.“ Sein Entwicklungsbegriff ist nicht wertend.

Für die Untersuchung der Prozesse, der gesellschaftlichen Entwicklung, verwendet er ein Modell von den sich in einem ständigen Fluss befindenden Figurationen ohne Anfang und Kausalität, die er als das Geflecht der Angewiesenheiten von Menschen aufeinander, also ihre Interdependenz, definiert. Aus der Verflechtung des Verhaltens von vielen einzelnen Menschen erwachsen spezifi­sche Verflechtungsstrukturen und –zwänge, die sich nicht durch Reduktion auf das Verhalten der einzelnen erklären lassen. „Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt Die Figurationen haben ihre Eigengesetzlichkeit und innere immanente Dynamik. Macht wird zur Struktureigentümlichkeit jedes mensch­lichen Beziehungsgefüges, die immer ein Spannungsgefüge, eine Machtbalance bildet.

Die Prozessbewegung ist die Dynamik der Machtkämpfe und Machverlagerungen. Jede Entwicklungsphase ist die Durchsetzung eines in früheren Phasen mit anderen Machtzen­tren konkurrierenden Machtzentrums. Das heißt eine entscheidende Machtverlagerung wird mit jedem Durchbruch von einer Prozessstufe zur nächsten erkennbar: „Zu den Hauptantrieben sozialer Prozesse gehören Spannungen und Konflikte im Zu­sammenhang mit der Monopolisierung durch eine Gruppe von Mitteln der Befriedigung von sozialen Bedürfnissen anderer Gruppen, also von Machtmitteln. Beispiele sind die Monopolisierung von Produktionsmitteln, von Orientierungsmitteln, von Organisations­mitteln und Mitteln der Physischen Gewalt.“ Das heißt Elias hat eine mehrdimensionale Konzeption der Machtquellen. Erst wenn Menschen die Mechanismen der Macht und die Richtung der Prozesse besser kennen, können sie die Fähigkeit erwerben, sie zu steuern. „Elias konstituiert keine Modelle im voraus, verfährt nicht gesetzeswissenschaftlich nicht normatavistisch“. Seine Epochen, Kulturen und Staaten vergleichende Vorgehensweise bildet das Fundament seines zentralen Rahmenmodells der gesellschaftlichen Entwicklung auf mehreren Ebenen als Teilprozesse: Sein Modell der gesellschaftlichen Entwicklung auf mehreren Ebenen als interdependente Teilprozesse ist empirisch‑historisch ausgerich­tet und vergleichend.

  1. Kontrolle des Menschen über sich selbst

  2. Kontrolle über die Naturereignisse

  3. Wandel der innerstaatlichen Machtbalancen

  4. Wandel der zwischenstaatlichen Machtbalancen

  5. Wandel der Orientierungsmittel im Sinne von Wissen und sprachlichen Symbolen

Seit der Mitte des 20. Jh.s ist eine Verlagerung des Entwicklungsbegriffs aus den Macht­zentren der Welt auf die weniger entwickelte Gesellschaft zu beobachten, wo er auf keine bereitwillige sozi‑politische Struktur stößt: auf aufstiegsorientierte Schichten mit Zukunftshoffnungen und Regierungen, die das Ideal der relativen Veränderung der interna­tionalen Machtraten zu Gunsten ihrer Staaten hegen.

Die Entwicklungspolitik prägt die Überzeugung von einem planmäßigen Entwickeln der Dritten Welt. Somit erscheint das „Entwickeln“ als eine menschliche Tätigkeit, als plan‑ und lenkbare Handlung, das heißt als Aktionsbegriff. Begrifflich ist ein gewisser Rückbezug auf frühere Wortbedeutung unübersehbar.

Das Problem ist, dass man in außereuropäischen Regionen das Ziel der Lenkung der Ent­wicklung als ein Herrschaftsinstrument aufgenommen hat, ohne eine Sozigenese und in­tellektuelle Genese der Begrifflichkeit durchlebt zu haben, ohne an den Kollektiverfah­rungen Europas, die in dem Begriff Entwicklung subsumiert sind, teilgenommen zu ha­ben. Dies gilt auch für den Begriff Zivilisation. Meine These ist, dass ein gesellschaftli­cher Entwicklungsbegriff außerhalb des europäischen Kulturkreises nie bestanden hat und eine Art mechanisch‑instrumentelle Übernahme zusammen mit dem Zivilisationsbegriff ein der größten Konflikt‑ und Spannungsachsen und ein der größten Hindernisse zur rea­len Entwicklung darstellt. Meine skizzenhaften Thesen beziehen sich zwar auf den islami­schen Orient, aber viele sind meines Erachtens auf andere außereuropäische Gesellschaften übertrag­bar:

Wir haben am europäischen Beispiel gesehen, dass die Entwicklung des Entwicklungsbe­griffs untrennbar mit dem Säkularisierungsprozess des Denkens und der Gesellschaft ein­herging. Ein Konzept des vom göttlichen Willen und von der göttlichen Regulierung un­abhängigen Kosmos, noch weniger des Menschen, konnte sich im Islam nie entwickeln. Die unter dem Einfluss der griechischen Philosophie spürbaren Ansätze wurden in Keimen erstickt. Dem theologischen Welt‑ und Menschenbild liegt der unzweifelbare Glaube an die perfekte göttliche Schöpfung und Ordnung zugrunde. Dies bedeutet per Definition, dass jede Änderung vom ursprünglichen Zustand nur eine Verschlechterung bewirke. Die islamische Welt‑ und Gesellschaftssicht ist nicht nur statisch geblieben, sondern auch Rückkehr gewandt. Da die islamische Urgemeinde von Medina das idealisierte Vorbild al­ler Zeiten blieb, konstruierte das Zukunftsideal die Rückkehr zur Vergangenheit, weil die jeweilige reale Gegenwart eine Abweichung von diesem gottgewollten perfekten Zustand der Epoche des Propheten und der vier Kalifen aufweise. Das islamische „Goldene Zeit­alter“ lag in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft, nie in Europa. Noch im 18. Jahrhundert, während in Europa ein Konzept der Entwicklung als eine Fortbewegung zu einer positiv bewerteten Zukunft sich allmählich durchsetzt, beharrten die islamischen Wissensprodu­zenten und –Träger, die Ulema, auf einem rückkehrgerichteten Ideal. Interessanterweise erlebt die relativ säkularisierte zyklische Geschichtsbetrachtung Ibn Khalduns im Osmanischen Reich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Blüte ihrer Rezeption, als die militärische Über­macht Europas und Zerfallserscheinungen des Reiches evident wurden. Parallel zu dem Machtabstieg des Reiches und somit seiner herrschenden Schichten findet eine fatalisti­sche und Psychisch entlastende Übernahme des relativ säkularisierten Lebensalterzyklus des Staates von Ibn Khaldun statt, während in Europa ein klarer Begriff der linearen, irre­versiblen Entwicklung sich allmählich durchsetzte.

Die Bewahrung der Ordnung und des Staates waren oberste Ziele aller Patrimonialstaaten. Alle politisch‑weltanschaulichen Konzepte der Staatsführung propagieren noch im 18. Jh. ein ewiges Gleichgewicht der Schichten und des Staates im Osmanischen Reich, analog zu den chinesi­schen.

Als ab dem Ende des 18. Jh.s westliche Technologien und Institutionen zuerst im militäri­schen, dann im bürokratischen Apparat unter kollektiver Angst des Untergangs übernom­men wurden, bleibt das oberste Ziel der Erhalt des Reiches, die Rettung des Staates. Man bezweckt, die Übermacht Europas mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Dieser Dis­kurs über die Rettung des Staates bleibt dominant bis einschließlich der Jungtürkenära, al­so bis zum Reichsuntergang. Den Einfluss dieser beschränkten Reformen auf die Gesell­schaft versucht man anfangs ganz zu vermeiden. Als westliche Reformen in anderen In­stitutionen wie im Bildungswesen oder Recht sich als unvermeidlich erwiesen, akzeptierte die Staatspitze den gesellschaftlichen Wandel wohl oder übel. Nicht die Utopie einer bes­seren Gesellschaft, sondern eines stärkeren Staates durch die Reformen dominierte die Köpfe. Aber eine Utopie einer besseren Gesellschaft ist nie entstanden. Ziele aller von oben bewirkten Veränderungen blieben dem Wohlergehen des Staates untergeordnet.

Ein vom Staat gesonderter Begriff der Gesellschaft ist dem islamischen Orient fremd ge­blieben, somit auch ihre eigengesetzliche Entwicklung, ihre Eigenständigkeit. Der Begriff Gesellschaft sowie der Begriff Individuum sind im Okzident als Kampfbegriffe des Bür­gertums gegen den absolutistischen Staat entstanden. Gesellschaft war zuerst das Objekt und später der Subjekt der Entwicklung, wie wir am reflexiven Gebrauch des Verbums gesehen haben. Mit dem Fehlen oder der Schwäche des Bürgertums sowie durch die ver­spätete Entstehung des Nationalstaates kennzeichnete alle außereuropäischen politischen Verbände im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts das Fehlen einer Konzeption von Gesell­schaft und gesellschaftlicher Entwicklung. Real existierte in diesen zerfallenden Großrei­chen auch keine Gesellschaft im soziologischen Sinne, sondern ein Konglomerat von Völkergruppen, Stämmen, Großsippen oder religiösen Gemeinschaften.

Die instrumentelle Übernahme der Begriffe Entwicklung und Zivilisation unter diesen Bedingungen höhlte ihre über die Generationendenkabstraktion wieder spiegelnde Bedeu­tung aus. Ohne dieselben Kollektiverfahrungen und Sozigenese bekamen diese europäischen Schlüsselbegriffe bzw. Erkenntnismittel eine ganz andere Bedeutung und Assoziation, et­wa die Konnotation eines vergegenständlichten Fortschritts, einer Schatzakkumulation von Macht‑ und Prestigegegenständen. Man verstand darunter die Transplantation der eu­ropäischen Errungenschaften wie etwa der Fabriken, technischer Apparatur, mehrstöcki­ger Gebäude, in der politischen Sphäre in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Verfassung als Schriftstück oder des Repräsentantenhauses.

Da die im Rahmen des staatlichen Modernisierungsprojektes im 19. Jahrhundert in die westliche Zivilisation eingeführten Gruppen Angehörige der Militär‑ und Zivilbürokratie waren, wurden diese die Trägergruppen der Begriffe Zivilisation und Entwicklung und nicht wie in Europa das Bürgertum oder sich in mehr oder weniger antagonistischer Beziehung zum Staat empfindende Intellektuelle. Übrigens, die häufiger gebrauchten Wörter sind Zivili­sation und Fortschritt – das letztere wird sogar zum Eigennamen der Partei in der Jungtür­kära – und nicht Entwicklung. Die Degeneration der beiden Begriffe in autokratische Pro­grammworte dieser herrschenden sich mit dem Staat identifizierenden Schichten, in die Ziele eines totalen „social engineering“, in der Allmachtvorstellung, die Gesellschaft nach den neuen Zielen des Staates beliebig gestalten, ummodellieren, das heißt „zivilisieren und entwickeln zu können“ geht mit einer elitären Ideologie und Haltung zum Volk einher. Es wird als das passive Objekt des Entwicklungs‑ und Zivilisierungsprojektes betrachtet. Es ist aus dem Jahr 1890 belegt, dass die Kadetten in geschlossenen Bildungsanstalten von Goltz Pascha aus Preußen eingehämmert bekommen, dass sie die Auserwählten, die Elite ihres Landes seien.

Beide Begriffe, insbesondere „die Zivilisation“ sind mit einer Hassliebe belegt. Man hasst einerseits die Übermacht Europas und ihre Schlüsselbegriffe, die inzwischen im 19. Jahrhundert von europäischen Großmächten politisch‑diplomatisch als Herrschaftsinstrumente, als Symbole ihrer Macht gegen den Rest der Welt eingesetzt werden, aber nimmt zugleich diese Symbole der Macht als Vorbild und Maxime an.

Diese anti‑westliche Konnotation des Begriffs Zivilisation und Ihrer Unentrinnbarkeit, vermischt mit sozialdarwinistischen Sichten seiner Zeit, gibt ein Zitat von Ahmet Cevdet wieder, dem ersten relativ europäisch geschulten Historiker des Osmanischen Reichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: „Modern civilization does not have any pity on those who are not civilized. The law of evolution is a law without compassion an understandign. It condemns to oblivion the weak, the ignorant and the incompetent. Jean Jacques Rosseau said ‚might does not make right‘. True, but to make might elicit right is only possible again with might.“ Zivilisation und das Gesetz der Entwicklung erscheinen hier in einer machtbesessenen personifizierten Form. Oder in einer Stellungnahme zur Eroberung Marokkos 1905: „The civilization of our times is a mighty flood which has forced a channel through Europe an utterly demolished every, obstacle it finds on ist way. The Moslem people must refrain from resisting this flood of civilization. They can preserve their national existence only by following this current. The Moroccan govermnent, als we are obliged to admit, was – like most Moslem governments – not only opposed to contemporary progress but was the mortal enemy of all types of moderization an progress.“

Was in dem Zitat auffällt, ist die Metapher der Überflutung einer Naturkatastrophe, die unkontrollierbar hereinbricht für die Zivilisation. Sie ist ein unbesiegbarer unentrinnbarer Zwang. Je stärker die Umbrüche in der Geschichte, je stärker ein kollektives Gefühl der existentiellen Bedrohung von außen auf der zwischenstaatlichen Ebene sind und je unauf­haltsamer der Abstiegs‑ und Untergangsprozess des eigenen politischen Verbands er­scheint, desto geringer bleibt meines Erachtens die Denkneigung zu einem eigengesetzlichen Wandel oder einer auf eine bessere Zukunft gerichtete Entwicklung. Angst, Furcht und Bedrohung fördern ein engagiertes, emotionalisiertes Denksystem, das nach konkreten Urhebern und Schuldigen sucht. Diese kollektive Psychose ist noch heute in der Türkei und in vielen an­deren weniger entwickelten Gesellschaften nicht überwunden. Die große Furcht erregende internationale Machtungleichheit und zwischenstaatliche Gewalt des 19. und 20. Jahrhun­derts erwiesen sich meines Erachtens als ein starker Denkzwang auf die Gesellschaftskonzepte in we­niger mächtigen Staaten in der Globalisierung der beiden Begriffe der Machtzentren.

Literatur

Elias, Norbert (1970): Was ist Soziologie? Weinheim / München 1991.

Elias, Norbert (1976): Über den Prozeß der Zivilisation. 2 Bd.. Frankfurt am Main.

Elias, Norbert: (1987): Die Gesellschaft der Individuen. Frankfurt am Main.

Brunner, O. / Conze, W. / Koselleck, R., Hg. (1978): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 4. S. 199-201.

Hegel, G. W. F. (1955): Einleitung in die Geschichte der Philosophie. Hg. von J. Hoffmeister. Hamburg.

Marx / Engels (1848): Kommunistisches Manifest. MEW Bd. 4. 1959.

Mardin, Ş. (1983): Din ve Ideoloji. İstanbul.

 

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ISSN

0945-1544

 

  Dokument Information
Krise der Politischen Bildung
Hannover, 2005. Erschienen als Internet-Publikation. Bearbeitungsstand: 04.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover [http://www.politiklehrerverband.org ]

Herausgegeben von Gerhard Voigt und Lothar Nettelmann

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe: 2005  - Letzte Überarbeitung: 04.08.2011

 

 

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