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politik unterricht aktuell Heft  2005

»Krise der Politischen Bildung«

Internet-Publikation, Bearbeitungsstand 2011

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Sebastian Ude:

Terrorismus – Bedingungen und Ursachen[1]

Aufgabe 1:

Legen Sie die Unterschiede von Krieg und Terrorismus dar und erklären Sie diese auf der Grund­lage der Staatenbildungsprozesse. Erläutern Sie dabei die Veränderungen im Erscheinungsbild der Kriege.

Zur weiteren Ausführung der Aufgabenstellung soll zunächst versucht werde, die Semantik der Begriffe „Krieg“ und „Terrorismus“ zu definieren.

Der Begriff „Krieg“ scheint in der heutigen Zeit recht eindeutig umrissen. Er beschreibt, in seiner eigentlichen Bedeutung, die Auseinandersetzung zweier Nationen mittels militärischer Gewalt. Diese Auseinandersetzung wird von Kombattanden ausgetragen, d.h. von Soldaten, die dem Kriegs­recht unterstehen. Sie sind als solche eindeutig kenntlich gemacht; ferner lässt sich eine direkte Be­fehlskette von der Regierung jeder Nation bis zu den Handlungen jedes einzelnen in ihrem Dienst stehenden Soldaten lückenlos nachweisen. Der Begriff „Nation“ oder „Staat“ sei hier im Sinne des Nation Building’s zu verstehen, das heißt, wir sprechen von Völkern, die einem bestimmten, be­grenzten Territorium zugeordnet sind und die durch gleich welche Form von Regierung offiziell nach außen vertreten werden.

Der Gebrauch des Wortes „Terrorismus“ hingegen ist mittlerweile recht weitläufig. Der Begriff wurde zur Bezeichnung bestimmter Formen staatlicher Repression gleichermaßen gebraucht wie zur Klassifizierung privater, u.U. auch nicht politisch motivierter Gewalt.

Wir wollen daher der weiteren Diskussion folgende Semantik des Begriffes „Terrorismus“ zugrunde legen: Terrorismus ist privatisierte Gewalt, ausgetragen von Nichtkombattanden (siehe oben) gegen Zivilisten, mit dem Ziel, Angst zu erzeugen und die sensiblen psychologischen Struk­turen von Ökonomien, Regierungen und Gesellschaften zu zerstören. Der Terrorismus ist politisch-ideologisch motiviert und grenzt sich so von anderen Formen der privaten Gewalt ab.

Der Krieg ist heutzutage durch das Völkerrecht definiert und in bestimmten Fällen auch legitimiert. Terrorismus hingegen ist immer ein Gewaltverbrechen, das rechtlich hierzulande nur unter Ge­sichtspunkten des zivilen, nicht aber des Militärstrafrechts oder gar des Völkerrechts gesehen wer­den kann. Terroristen sind normale Straftäter wie andere Mörder; Soldaten nicht, selbst ein Soldat, der einen Zivilisten ermordet, wird dafür als Kombattant, nicht als Zivilist zur Rechenschaft gezo­gen.

Für die weitere Differenzierung der Beiden Phänomene „Krieg“ und „Terrorismus“ sind deren In­tentionen und Wirkungen näher zu betrachten.

Schon der Begriff „Terrorismus“ impliziert dessen landläufige Rezeption. „terror“ (lat.) bedeutet „Angst“, „Schrecken“. Es geht beim Terrorismus also primär darum, Angst zu erzeugen und so die empfindlichen psychologischen Bindungsgefüge anderer Gesellschaften zu zerstören.

Wir beobachten daher beim Terrorismus zwei Phänomene:

1.   Es herrscht eine Diskrepanz zwischen Opfer und Adressat eines Terrorakts. Während bei den An­schlägen auf das World Trade Center tausende unschuldige Menschen als unmittelbare Opfer des Attentats ihr Leben ließen, galt die Botschaft dieser terroristischen Handlung nicht ihnen, den Getöteten, sondern primär der US-Regierung.

2.   Die Überwiegende Wirkung des Terrorismus ist nicht die unmittelbare, also beispielsweise die physische Zerstörung (zum Beispiel des World Trade Centers), sondern die indirekte, psycholo­gische Wirkung (Angst in der Bevölkerung, Unsicherheit, Wirtschaftseinbrüche).

Dazu im Kontrast steht der Krieg. Während zwar schon Kriege mit dem bewussten Ziel geführt wurden, eine feindliche Zivilbevölkerung zu schwächen (man denke an den Zweiten Weltkrieg), so gilt dennoch überwiegend:

Die Zerstörung einer feindlichen Militärbasis im Krieg durch einen Bombenangriff dient haupt­sächlich ihrem unmittelbaren, militärstrategischen Zweck: Der Vernichtung von Waffen, Munition, Logistik; der Tötung von feindlichen Soldaten. Hier gehen im Gegensatz zum Terrorismus unmit­telbare und gewünschte Wirkung Hand in Hand.

Krieg kann aus verschiedenen Intentionen heraus geführt werden. Häufig geht es um territoriale oder Machtansprüche. Der Verlierer eines Krieges muss häufig Territorium an den Sieger abtreten oder dessen Besetzung, also die Machtausübung des Feindes im eigenen Landesgebiet, erdulden.

Obwohl es Terroristen teils auch um territoriale Fragen geht – man denke an den palästinensischen Terrorismus, so verfolgt der einzelne Terrorist kaum eine direkte Machtausübung im Sinne eines imperialen Krieges. Osama Bin Laden wird kaum daran interessiert sein, die Regierung der USA zu übernehmen und dort einen Gottesstaat zu errichten. Die Waffe eines Terroristen ist eine andere; er ist kein Imperialist, er ist ein Schreckenskrieger. Seine wichtigsten Geschosse sind psychologischer Natur.

Formalrechtlich kommt ein weiterer Aspekt der Differenzierung von Krieg und Terrorismus hinzu; insgesamt wahrscheinlich der am meisten überlegene Punkt: Der Begriff des Nation Building’s wurde in diesem Zusammenhang bereits erwähnt. Wir haben Kriege als Auseinandersetzung von Nationen definiert und den Begriff „Nation“ im Sinne des Nation Building’s näher umrissen.

Der Terrorist mit seinen Anhängern fällt nun eben nicht in diese Definition. Eine Terrororganisation mag noch so hierarchisch durchstrukturiert sein, sie mag ihre eigene, interne Politik haben – aus westlicher und völkerrechtlicher Sicht ist sie eine private, kriminelle Vereinigung ohne Zugehörig­keit zu einem bestimmten Terrain. Sie fällt somit durch den Nationenbegriff, der mindestens ein Volk und ein Terrain voraussetzt. Daher führen Terroristen wie die Al Qaida auch keine Kriege, selbst wenn sie dies selber anders sehen mögen.

Durch den immer stärker aufkommenden Terrorismus erlebt die Welt eine Veränderung der Struk­turen der organisierten Gewalt:

Der Staat hat mit dem Gewalt- auch das Kriegsmonopol. Nur Kombattanden dürfen auf Befehl legal in den Krieg ziehen. Dem entgegen stehen Bürger- oder innerstaatliche Kriege, die im engeren Sinne nicht als Kriege bezeichnet werden sollten. Doch auch diese waren in der Vergangenheit be­gleitet von klaren Forderungen und Ansprüchen, die ihnen kriegsähnlichen Charakter gaben.

Heute sehen wir uns einem unendlich verstrickten Beziehungsgefüge der internationalen kriegeri­schen Auseinandersetzungen gegenübergestellt. Zunächst ist festzustellen, daß der Staat sein Kriegsmonopol verloren hat. Privatisierte Gewalt in Form des Terrorismus hat stetig zugenommen und bereitet den Menschen weltweit die meiste Angst. Der morgenländische Terrorismus induzierte im Abendland den „Krieg gegen den Terror“, der allerdings im Sinne der Kriegsdefinition nicht ge­gen Terroristen geführt werden kann. Also greift der Westen kontinuierlich Nationen an, die unter dem Vorwurf stehen, den Terrorismus – in welcher Form auch immer – zu unterstützen. Hier wird klar, wie schwer es ist, terroristische Handlungen im staatlichen Kontext einzuordnen und abzu­grenzen.

Jedenfalls wird der Krieg an sich vor Ort nicht von Kombattanden alleine, sondern auch von Kriegsherren, so genannten Warlords ausgetragen, die entweder von der einen oder von der anderen Seite angeworben werden. Sie sind Geschäftemacher, die vom Krieg leben. In diese Konflikte spielen dann noch wirtschaftliche Interessen, größtenteils um den Zugang zu bestimmten Ressour­cen, von diversen Seiten ein. Es entsteht ein unglaublich komplexes Beziehungs- und Interessenge­füge. Es ist die Rückkehr zu mittelalterlichen Zeiten: In den modernen Kriegen ist die Gewalt ent­staatlicht, private Warlords führen Krieg um des Krieges willen; im Chaos des Kriegs konkurrieren derart verschiedene Interessen, dass die Kriege und  Unruhen kaum zu beenden sind. Es gibt Impe­rialmächte, die versuchen, dies alles zu schlichten, sich davon jedoch stets eigene Vorteile erhoffen. Die Institutionalisierung des Krieges, wie sie in der Neuzeit durch Völkerrecht und UNO geschaf­fen wurde, greift bei den neuen Kriegen nicht mehr. Sie repräsentieren eine Form von Gewalt, die ungleich schwerer fassbar ist. Die westliche Welt ist mit dieser, ihr unbekannten Form der Kriegs­führung überfordert. Es gelingt ihr weder, den Nahen Osten zu befrieden, noch, die Gefahr des in­ternationalen Terrorismus wirkungsvoll abzuwenden.

Aufgabe 2:

Erklären Sie an Hand der Materialien die Sozialpsychologischen Hintergründe von Selbstmordat­tentaten und setzten Sie diese in Beziehungen zu den Veränderungen in der weltpolitischen Lage seit dem Ende der Bipolarität.

Nach Material 4) sind Selbstmordattentate nicht allein auf religiösen Fanatismus zurückzuführen. Es fehlt der Zusammenhang zwischen religiösem Fanatismus auf der einen, und Gewaltbereitschaft bis zur Selbstzerstörung auf der anderen Seite.

Gholamasad sieht den Hauptgrund für autodestruktive Attentate in der Erfahrung der eigenen Machtschwäche und dem zugehörigen Gefühl der Ungerechtigkeit. Der Selbstmordattentäter de­monstriert mit seinem Anschlag dem Machtstärkeren seine Verwundbarkeit und bestärkt damit das Selbstwertgefühl seiner eigenen Gruppe. Das Selbstmordattentat ist hierfür scheinbar das wirkungs­vollste Mittel.

Jedoch stellt sich Gholamasad gegen die im Westen populäre Vorstellung, Selbstmordattentäter seien grundsätzlich von fremder Seite manipuliert. Er widerlegt damit, zusammen mit der Erklärung bezüglich des religiösen Fanatismus, die wohl zwei populärsten westlichen Erklärungsversuche für das Phänomen der Selbstmordattentate. In seiner Begründung führt er aus, daß wir ein für die mo­dernen, westlichen Industriegesellschaften typisches Menschenverständnis haben, das den Men­schen als ein in sich weitestgehend geschlossenes Individuum betrachtet. Dieses verfügt zwar über gewisse Selbstkontrollmechanismen, diese sind jedoch innerer Natur; der Bindung der Persönlich­keit an die Gruppe wird wenig Bedeutung zugemessen. Gholamasad nennt dieses Phänomen der zunehmenden Verschiebung der Ich-Wir-Balance zur Ich-Identität ein Ergebnis zunehmender sozi­aler Differenzierung und für eine gewisse Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft spezi­fisch.

Im Umkehrschluss können wir davon ausgehen, dass in der morgenländischen Welt eher eine wir-akzentuierte Selbsterfahrung der Menschen vorliegt. Die Gründe hierfür sind eine andere Gesell­schaftsstruktur, nämlich eine Klientelgesellschaft gerade dort, wo staatliche Strukturen nicht funkti­onal sind, das heißt insgesamt eine andere Entwicklungsstufe der Gesamtgesellschaft.

Gholamasad differenziert analog zu Freud weiter sowohl Ich-Bild und Ich-Ideal als auch Wir-Bild und Wir-Ideal. Nun enthalten sowohl Ich-Bild und Ich-Ideal als auch Wir-Bild und Wir-Ideal einer­seits realistische, andererseits auch phantastische Elemente, mit einem Akzent zum Phantastischen, je mehr Realität und Phantasie divergieren.

Während Ich-Bild und Ich-Ideal jedoch das Ergebnis der Verarbeitung individualistischer Erfahrun­gen sind, geht es beim Wir-Bild und Wir-Ideal um kollektive Phantasien in ihrer individualistischen Ausprägung.

Das bedeutet, dass der Selbstmordattentäter nicht manipuliert werden braucht; seine kollektive Er­fahrung von Machtschwäche seiner Gruppe und die kollektive Phantasie der Gruppe von Macht­stärke reichen, um eine individualistische Version dieser Phantasie, die des Selbstmordanschlags, zu induzieren. Hauptaspekt ist hier nicht irgendeine Form von Manipulation, sondern die starke Bindung zur Gruppe und die Umsetzung gruppenspezifischer in individuelle Prozesse.

Dieses Phänomen wiederum nennt Gholamasad typisch für ehemals mächtige Völker, die ihre Vormachtstellung in der späteren Geschichte eingebüßt haben. Hier konkurriert ein Wir-Ideal, das sich immer noch auf die Zeit der Dominanz bezieht, mit einer Erfahrung der realen Machtschwäche. Aus dieser Diskrepanz heraus versuchen die Gruppen, ihre ehemalige Machtstärke auf vielfache Weise lebendig zu halten, zum Beispiel durch Selbstmordattentate.

Betrachten wir nun die statistischen Realitäten seit 1945, so stellen wir fest, dass Anti-Regime- und innerstaatliche Kriege den größten Anteil an allen „kriegerischen“ Auseinandersetzungen ausma­chen. Zwischenstaatliche Kriege stehen erst an Platz drei der Statistik; es folgen Mischtypen und Dekolonisationskriege.

Auf den regionalen Aspekt bezogen, entfallen seit 1945 nur ein geringer Teil der Kriege auf Eu­ropa; die überwiegende Zahl findet, etwa gleichmäßig verteilt, in Lateinamerika, im Vorderen und Mittleren Osten, sowie in Afrika und Asien statt.

Die globale Anzahl der Kriege steigt von 1961 bis 1985 stetig und nimmt um 1989, mit dem Ende der Bipolarität, nochmals stark zu. Ein großer Teil dieses Anstiegs ist dem Nahen Osten zuzurech­nen.

Übergreifend lässt sich feststellen, dass mit dem Ende der Bipolarität zahlreiche Völker ihre alten Rollen verloren und sich Machtgefälle verschoben, ja teils umkehrten.

Aus der Bipolarität entstand eine regionale, ethnisierte Multipolarität. Einflussreiche Militärmächte ergriffen bei den kriegerischen Auseinandersetzungen teils Partei; so fühlten sich die Verlierer des Endes der Bipolarität teilweise doppelt unterdrückt. Die zusehende Ethnisierung der Konflikte stärkt das Wir-Bewusstsein der einzelnen Gruppen. Mit dem Verlust bisheriger staatlicher Struktu­ren zerbrachen Völker, nationale Identitäten gingen verloren. Dies förderte zusätzlich die Ethnisie­rung der Regionen. Das Nichtvorhandensein funktionaler staatlicher Strukturen führt wiederum zur Ausprägung einer Klientelgesellschaft mit starken Gruppenidentitäten. Durch die wechselnden Machtgefälle werden bestimmte ethnische Gruppen mal zu Unterdrückern, mal zu  Unterdrückten.

Alle Unterdrückten eint die Rebellion gegen die eigene Machtschwäche: Nach der Erklärung Gho­lamasads optimale Bedingungen für die Ausprägung einer Kultur der Selbstmordattentate.

Aufgabe 3:

Problematisieren Sie die Hypothese, dass Terrorismus und Gewaltbereitschaft primär kulturelle bzw. religiöse Ursachen habe (Huntington, Clash of Civilisations).

Huntington vertritt die These, dass sich gegenwärtige und insbesondere zukünftige Auseinanderset­zungen auf dieser Welt hauptsächlich auf ethnisch-kultureller und nicht auf politisch-ideologischer Ebene abspielen werden.

Er führt dabei mehrere wichtige Punkte an:

Nach Huntington ist das Kriterium, einer bestimmten Ideologie anzugehören, ein unstetiges; die Ideologie eines Menschen, also die Frage: „Auf wessen Seite stehst du?“, kann sich im Laufe der Zeit, auch im Laufe einer Auseinandersetzung ändern.

Das Kriterium der ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit, die Frage nach dem „Wer bist du?“, sei je­doch unveränderlich.

Huntington postuliert, dass verschiedene Ideologien zweifelsfrei parallel existieren können, ohne dass es zu Auseinandersetzungen kommt.

Die Frage der kulturellen Prädisposition sei jedoch eine weiter reichende. Verschiedene Kulturen brächten ein unterschiedliches Wertesystem und grundverschiedene Vorstellungen der Stellung ei­nes Menschen in Gesellschaft oder Familie hervor, die oft mit denen anderer Kulturen unvereinbar und daher konfliktträchtig seien.

Weiterhin sagt Huntington, dass durch den zunehmenden interkulturellen Austausch, bedingt durch Massenmedien und Globalisierung, die Differenzen der einzelnen Kulturen stärker zum Vorschein treten und eine ausgeprägtere Besinnung auf die eigene Kultur erfolgt, um die eigenen ethnischen Eigenheiten in einer Zeit insbesondere der kulturellen Verwestlichung der Welt zu bewahren.

Diese Thesen, obwohl in sich schlüssig und konsistent, sind angesichts der heutigen weltpolitischen Lage stark in Frage zu stellen.

Zunächst ist festzustellen, dass, wie bereits in Aufgabe 2) erläutert, Terrorismus und Gewaltbereit­schaft oft ein Ergebnis der Erfahrung von Machtschwäche sind. Dieses Empfinden ist, besonders im Fall von Afghanistan und Irak, unter anderem geprägt durch eine imperialistische amerikanische Außenpolitik, die gewalttätige Regime zum Verfolgen eigener wirtschaftlicher oder imperialisti­scher Interessen unterstützt. Die Differenzen der westlichen und östlichen Kultur sind hierbei se­kundär. Sie werden höchstens ihrerseits von den Terroristen als Legitimation für ihre Akte ge­braucht, wenn zum Beispiel vom heiligen Krieg gegen die Ungläubigen gesprochen wird. Umge­kehrt spricht George W. Bush ebenfalls von einem heiligen Krieg. Man darf sich von diesen For­mulierungen nicht täuschen lassen; die zugrunde liegende Auseinandersetzung ist ein Machtkon­flikt, der allenfalls ethnisch-religiös funktionalisiert wird.

Wie ist nun dies in Einklang mit Huntingtons Hypothese zu bringen? Ist etwa der Hang zum Impe­rialismus ein Bestandteil der westlichen kulturellen Identität? Wenn ja, gehört er dann jedoch nicht ebenso zur morgenländischen Kultur?

Ist es nicht eher, vorsichtig ausgedrückt, ein Wunder, dass die USA – bei ihren außenpolitischen Ausschreitungen – in ihrer Geschichte erst zwei Mal Opfer eines weit reichenden Terroraktes wur­den? Huntington möchte als Amerikaner selbstverständlich die Gründe für das Phänomen des Ter­rorismus überall suchen, jedoch nicht in der von der westlichen Welt immer weiter vorangetriebe­nen Unterdrückung und sozialen Ungleichheit in schwächeren Nationen.

Hätte Huntington mit seinen Hypothesen recht, wieso weist die Geschichte dann so mannigfaltige Beispiele auf, in denen verschiedene Kulturen in friedlicher Koexistenz lebten? Warum trafen die Anschläge vom 11. September gerade das Symbol des US-amerikanischen Kapitalismus und das Pentagon, sollte dies ein Attentat gegen die westliche Kultur gewesen sein?

Die Instrumentalisierung von Religion und Kultur ist nicht gleichzusetzen mit dem von Huntington prophezeiten Clash of Cilvilisations.


 

Texte, auf die sich die Arbeit bezieht:

M 1 Veränderungen im Erscheinungsbild der Kriege

Für die neuen Kriege ist charakteristisch, dass der Staat sein Monopol der Kriegsgewalt verloren hat. Privatisierte Ge­walt ist ein wesentliches Kennzeichen dieser Kriege: Rivalisierende Warlords, lokale oder regionale Kriegsherren, be­herrschen einzelne Landesteile, Als Kriegsunternehmer sind sie die eigentlichen Profiteure der Entstaatlichung der Kriege. Immer wieder rekrutieren sie auch Kinder als Soldaten, weltweit über 300.000. Ihr Einsatz bewirkt wesentlich die gesteigerte Grausamkeit und Brutalität der neuen Kriege. Hinzu kommt das vermehrte Auftreten von Söldnern, fer­ner die häufige politi­sche Einflussnahme von außen, vor allem dann, wenn im Zentrum des Konflikts die Ver­teilung von strategisch wichtigen Rohstoffen, z.B. Erdöl, steht. All diese Entwicklungen tragen dazu bei, dass die neuen Kriege ten­denziell zu Selbstläufern werden. Die eigent­lichen politischen Konfliktkerne, über die man sich vielleicht verständi­gen könnte, ver­lieren so ihre Bedeutung.

 

M 2[2]

M 3[3]

Aus: Anton Egner und Günther Misenta, Hg., S. 19

M 4 Sozialpsychologische Hintergründe von Selbstmordattentaten

Mit dem exemplarischen Bezug auf die islamistischen Selbstmordattentäter, soll daher hier gezeigt werden, dass nichts irreführender wäre als die Zurückführung der Selbstmordattentate auf blinden Fanatismus – nicht einmal bei den Isla­misten. Denn von religiöser Inbrunst führt kein direkter Weg in einen Supermarkt oder in das Cockpit einer Passagier­maschine. Um sich in eine Bombe zu ver­wandeln, braucht es mehr als den Glauben an ein paar heilige Verse. Auch selbst die Naherwartung eines Logenplatzes im Paradies, wo der „Märtyrer“ die Aufhebung der Prohi­bition genießen kann, bringt auch niemanden dazu, sich voller Begeisterung sogleich in die Luft zu sprengen. Sie töten sich und andere also nicht bloß für die Unsterblichkeit. Ihre heterodestruk­tive Autodestruktivität ist eine Verzweiflungstat der Men­schen, deren blanke Wut sich aus der Erfahrung der eigenen Macht­schwäche ergibt, welche die Selbstmordattentäter als ungerecht empfinden. Aus diesem Grunde z.B. besteht – einem palästinensischen Intellektuellen zufolge – der gegen­wärtige Kampf der Paläs­tinenser vor allem darin, nicht Selbstmordattentäter zu werden. Das Erstaunliche sei nicht so sehr, dass es Selbstmordattentäter gibt, sondern eher ihre Seltenheit. Und zwar angesichts der kollekti­ven und individuel­len Erfahrungen der Palästinen­ser seit der zionistischen Besetzung ihres Landes und der u.a. damit einherge­henden sukzessiven gewaltsamen Enteignung ihrer nationalen Identität als ein Staatsvolk. Denn nichts empört Men­schen mehr als die hautnahe Erfahrung dessen, was sie als Ungerechtigkeit empfin­den

Diese Gefühlslage entsteht, weil ein Zusammenhang zwischen der Machtrate von Gruppen und dem Wir-Bild und Wir-Ideal ihrer Mitglieder besteht. In diesem Zusammenhang wird mit der scheinba­ren Freiheit der Selbstaufgabe im Selbstmordanschlag die Verwundbarkeit der Machtstärkeren bloß gestellt, die für sich ein besonderes Gruppencharisma beanspruchen, und damit ihre Unvollkom­menheit demonstriert. Auf diese Weise wird die bestehende Selbstwertbe­zie­hung zugunsten der machtschwächeren Gruppe verändert, mit der sich der Selbstmordatten­täter identifiziert. Aus die­sem Grunde ist das Selbstmordattentat als altruistischer Selbstmord die scheinbar wirkungsvollste Angriffswaffe der Machtschwächeren. Dabei teilt der Selbstmordat­tentäter mit dem Heros die Zer­störungswut, mit dem Märtyrer die rela­tive Machtschwäche, mit dem Terroristen die Rebellion ge­gen die eigene relative Machtschwäche. In seiner Person ver­ei­nigen sich Courage mit Grausamkeit, Hass mit Selbstlosigkeit. Doch es wäre trügerisch, die Selbstmordattentate als fremdgesteuert, also manipuliert erklären zu wollen. In dem Fall müsste man erklären, wer die Manipulatoren manipu­liert hat. Es wäre aber auch irreführend, sie indivi­dualpsychologisch begreifen zu wollen, obwohl in einer weitgehend individualisierten Gesell­schaft, in der wir leben, ein Selbstmordattentat als indivi­dueller Entschluss des Attentäters er­scheinen mag, einmalig autonom zu handeln. Dieser Annahme liegt aber die in den westlich-in­dustrialisierten Gesell­schaften vorherrschende homo clausus Selbst­erfahrung der weitgehend in­dividualisierten Menschen zugrunde. Diesem Menschen werden – als in sich geschlossene Ein­heit – zwar Instanzen der Selbstkontrolle zugebilligt, wie sie in Grup­penpro­zessen als „Ich“, „Über-Ich“ und „Ich-Ideal“ Gestalt gewinnen und in einem vermeintlich autono­men „inneren“ am Werk sind. Andere Ebenen der individuellen Persönlichkeitsstruktur, die am engsten und di­rektesten mit den Grup­penprozessen verknüpft sind, an denen ein Mensch teil hat, liegen aber jenseits der homo clausus Selbsterfahrung. Dies sind vor allem die Funktionen des Wir-Bildes und Wir-Ideals.

Werden wir uns jedoch unserer scheinbar wir-losen Selbsterfahrung als für eine bestimmte Ent­wicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft charakteristische Selbsterfahrung bewusst, so gehen wir von einem realitätsangemessenen Bild des offenen Menschen aus, dessen Ich-Wir-Balance sich mit zunehmender sozialer Differenzierung zugunsten der Ich-Identität verschiebt, ohne dass er je seine Wir-Identität aufgeben könnte. Sein Wir-Bild und Wir-Ideal sind aber ge­nauso ein Gemenge von gefühlsgeladenen Phantasien und realistischen Vorstellungen wie sein Ich-Bild und Ich-Ideal. Wie bei letzteren tritt ihre Eigenart auch am schärfsten hervor, wenn Phantasie und Realität in Wi­derspruch zueinander geraten; dann wird nämlich ihr imaginärer Gehalt akzentuiert. Während aber die affektiven Phantasien im Falle von Persönlichkeitsfunktio­nen wie Ich-Bild und Ich-Ideal rein individuelle Erfahrungen eines Gruppenprozesses verarbei­ten, hat man es im Falle von Wir-Bild und Wir-Ideal mit individuellen Versionen kollektiver Phantasien zu tun. Die Selbstmordattentäter sind vor allem von diesen individuellen Versionen kollektiver Phantasien gesteuert.

Das eher Phantasie gesättigte Wir-Bild und Wir-Ideal der islamisch geprägten Selbstmord­attentäter ist daher ein schla­gendes Beispiel für einen Effekt, der sich in höherem oder geringe­rem Maß re­gelmäßig bei Mitgliedern ehemals mäch­tiger Völker einstellt, die ihren Vorrang im Verhältnis zu anderen Völkern eingebüßt haben. Ihre Mitglieder haben jahrhundertelang unter dieser Situation gelitten, weil das gruppencharismatische Wir-Ideal, das ausgerichtet ist an ei­nem idealisierten Bild ihrer selbst in der Zeit ihrer Größe, noch weiterlebt – als ein verpflichtendes Modell, dem sie nicht mehr gerecht zu werden vermögen. Der Glanz ihres kollektiven Lebens als islamisch geprägte Völ­ker ist dahin, ihre Machtüberlegenheit, die für ihr Gefühl ein Zeichen ih­rer menschlichen Höher­wertigkeit im Vergleich zu dem ge­ringeren Wert anderer Gruppen gewe­sen war, unwiederbringlich verloren. Und doch wurde ihr Traum von einem be­sonderen Cha­risma auf vielfache Weise lebendig erhalten.

Dawud Gholamasad: Die Selbstmordattentate der Islamisten als Funktion der Destruktivität ihres Wir-Ideals. Zum Islamismus als mobili­siertes Widerstandspotential der islamisch geprägten Menschen gegen die als Imperialismus erfahrene Globalisierung.
politik unterricht aktuell, Heft 1/2002: 12-22. Hannover, 2002.

Anmerkungen

[1]    Klausur im Politik-Grundkurs der Bismarckschule Hannover im Schuljahr 2005-2006 im 3. Semester (Jahrgangsstufe 13) zum Kursthema „Die sicherheitspolitische Lage nach der Beendigung der Bipolarität“ am Mittwoch, 14. Dezember 2005 (vierstündig). Themenformulierung durch den Kursleiter OStR Gerhard Voigt. Wiedergabe einer korrigierten und durchgesehenen Abschrift durch den Verfasser Sebastian Ude.

[2]    Legende: A = Antiregime-Krieg. B = sonstige innerstaatliche Kriege. C = zwischenstaatliche Kriege. D = De­ko­lo­ni­sa­tionskriege. (gelb) = Mischtyp Anforderungsbereich. (rot) = weitere Mischtypen.

[3]    Legende: Europa – Lateinamerika – Vorderer und Mittlerer Orient – Afrika – Asien

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell
Krise der Politischen Bildung
Hannover, 2005. Erschienen als Internet-Publikation. Bearbeitungsstand: 04.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover [http://www.politiklehrerverband.org ]

Herausgegeben von Gerhard Voigt und Lothar Nettelmann

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

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Internetausgabe: 2005  - Letzte Überarbeitung: 04.08.2011

 

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