Sebastian Ude:
Terrorismus – Bedingungen
und Ursachen
Aufgabe 1:
Legen Sie die Unterschiede von Krieg und Terrorismus dar und erklären
Sie diese auf der Grundlage der Staatenbildungsprozesse. Erläutern Sie
dabei die Veränderungen im Erscheinungsbild der Kriege.
Zur weiteren Ausführung der
Aufgabenstellung soll zunächst versucht werde, die Semantik der Begriffe
„Krieg“ und „Terrorismus“ zu definieren.
Der Begriff „Krieg“ scheint in
der heutigen Zeit recht eindeutig umrissen. Er beschreibt, in seiner
eigentlichen Bedeutung, die Auseinandersetzung zweier Nationen mittels
militärischer Gewalt. Diese Auseinandersetzung wird von Kombattanden
ausgetragen, d.h. von Soldaten, die dem Kriegsrecht unterstehen. Sie
sind als solche eindeutig kenntlich gemacht; ferner lässt sich eine
direkte Befehlskette von der Regierung jeder Nation bis zu den
Handlungen jedes einzelnen in ihrem Dienst stehenden Soldaten lückenlos
nachweisen. Der Begriff „Nation“ oder „Staat“ sei hier im Sinne des
Nation Building’s zu verstehen, das heißt, wir sprechen von Völkern,
die einem bestimmten, begrenzten Territorium zugeordnet sind und die
durch gleich welche Form von Regierung offiziell nach außen vertreten
werden.
Der Gebrauch des Wortes
„Terrorismus“ hingegen ist mittlerweile recht weitläufig. Der Begriff
wurde zur Bezeichnung bestimmter Formen staatlicher Repression
gleichermaßen gebraucht wie zur Klassifizierung privater, u.U. auch
nicht politisch motivierter Gewalt.
Wir wollen daher der weiteren
Diskussion folgende Semantik des Begriffes „Terrorismus“ zugrunde legen:
Terrorismus ist privatisierte Gewalt, ausgetragen von Nichtkombattanden
(siehe oben) gegen Zivilisten, mit dem Ziel, Angst zu erzeugen und die
sensiblen psychologischen Strukturen von Ökonomien, Regierungen und
Gesellschaften zu zerstören. Der Terrorismus ist politisch-ideologisch
motiviert und grenzt sich so von anderen Formen der privaten Gewalt ab.
Der Krieg ist heutzutage durch
das Völkerrecht definiert und in bestimmten Fällen auch legitimiert.
Terrorismus hingegen ist immer ein Gewaltverbrechen, das rechtlich
hierzulande nur unter Gesichtspunkten des zivilen, nicht aber des
Militärstrafrechts oder gar des Völkerrechts gesehen werden kann.
Terroristen sind normale Straftäter wie andere Mörder; Soldaten nicht,
selbst ein Soldat, der einen Zivilisten ermordet, wird dafür als
Kombattant, nicht als Zivilist zur Rechenschaft gezogen.
Für die weitere Differenzierung
der Beiden Phänomene „Krieg“ und „Terrorismus“ sind deren Intentionen
und Wirkungen näher zu betrachten.
Schon der Begriff „Terrorismus“
impliziert dessen landläufige Rezeption. „terror“ (lat.) bedeutet
„Angst“, „Schrecken“. Es geht beim Terrorismus also primär darum, Angst
zu erzeugen und so die empfindlichen psychologischen Bindungsgefüge
anderer Gesellschaften zu zerstören.
Wir beobachten daher beim
Terrorismus zwei Phänomene:
1. Es herrscht eine Diskrepanz zwischen Opfer und
Adressat eines Terrorakts. Während bei den Anschlägen auf das World
Trade Center tausende unschuldige Menschen als unmittelbare Opfer des
Attentats ihr Leben ließen, galt die Botschaft dieser terroristischen
Handlung nicht ihnen, den Getöteten, sondern primär der US-Regierung.
2. Die Überwiegende Wirkung des Terrorismus ist
nicht die unmittelbare, also beispielsweise die physische Zerstörung
(zum Beispiel des World Trade Centers), sondern die indirekte,
psychologische Wirkung (Angst in der Bevölkerung, Unsicherheit,
Wirtschaftseinbrüche).
Dazu im Kontrast steht der
Krieg. Während zwar schon Kriege mit dem bewussten Ziel geführt wurden,
eine feindliche Zivilbevölkerung zu schwächen (man denke an den Zweiten
Weltkrieg), so gilt dennoch überwiegend:
Die Zerstörung einer feindlichen
Militärbasis im Krieg durch einen Bombenangriff dient hauptsächlich
ihrem unmittelbaren, militärstrategischen Zweck: Der Vernichtung von
Waffen, Munition, Logistik; der Tötung von feindlichen Soldaten. Hier
gehen im Gegensatz zum Terrorismus unmittelbare und gewünschte Wirkung
Hand in Hand.
Krieg kann aus verschiedenen
Intentionen heraus geführt werden. Häufig geht es um territoriale oder
Machtansprüche. Der Verlierer eines Krieges muss häufig Territorium an
den Sieger abtreten oder dessen Besetzung, also die Machtausübung des
Feindes im eigenen Landesgebiet, erdulden.
Obwohl es Terroristen teils auch
um territoriale Fragen geht – man denke an den palästinensischen
Terrorismus, so verfolgt der einzelne Terrorist kaum eine direkte
Machtausübung im Sinne eines imperialen Krieges. Osama Bin Laden wird
kaum daran interessiert sein, die Regierung der USA zu übernehmen und
dort einen Gottesstaat zu errichten. Die Waffe eines Terroristen ist
eine andere; er ist kein Imperialist, er ist ein Schreckenskrieger.
Seine wichtigsten Geschosse sind psychologischer Natur.
Formalrechtlich kommt ein
weiterer Aspekt der Differenzierung von Krieg und Terrorismus hinzu;
insgesamt wahrscheinlich der am meisten überlegene Punkt: Der Begriff
des Nation Building’s wurde in diesem Zusammenhang bereits
erwähnt. Wir haben Kriege als Auseinandersetzung von Nationen definiert
und den Begriff „Nation“ im Sinne des Nation Building’s näher
umrissen.
Der Terrorist mit seinen
Anhängern fällt nun eben nicht in diese Definition. Eine
Terrororganisation mag noch so hierarchisch durchstrukturiert sein, sie
mag ihre eigene, interne Politik haben – aus westlicher und
völkerrechtlicher Sicht ist sie eine private, kriminelle Vereinigung
ohne Zugehörigkeit zu einem bestimmten Terrain. Sie fällt somit durch
den Nationenbegriff, der mindestens ein Volk und ein Terrain
voraussetzt. Daher führen Terroristen wie die Al Qaida auch keine
Kriege, selbst wenn sie dies selber anders sehen mögen.
Durch den immer stärker
aufkommenden Terrorismus erlebt die Welt eine Veränderung der
Strukturen der organisierten Gewalt:
Der Staat hat mit dem Gewalt-
auch das Kriegsmonopol. Nur Kombattanden dürfen auf Befehl legal in den
Krieg ziehen. Dem entgegen stehen Bürger- oder innerstaatliche Kriege,
die im engeren Sinne nicht als Kriege bezeichnet werden sollten. Doch
auch diese waren in der Vergangenheit begleitet von klaren Forderungen
und Ansprüchen, die ihnen kriegsähnlichen Charakter gaben.
Heute sehen wir uns einem
unendlich verstrickten Beziehungsgefüge der internationalen
kriegerischen Auseinandersetzungen gegenübergestellt. Zunächst ist
festzustellen, daß der Staat sein Kriegsmonopol verloren hat.
Privatisierte Gewalt in Form des Terrorismus hat stetig zugenommen und
bereitet den Menschen weltweit die meiste Angst. Der morgenländische
Terrorismus induzierte im Abendland den „Krieg gegen den Terror“, der
allerdings im Sinne der Kriegsdefinition nicht gegen Terroristen
geführt werden kann. Also greift der Westen kontinuierlich Nationen an,
die unter dem Vorwurf stehen, den Terrorismus – in welcher Form auch
immer – zu unterstützen. Hier wird klar, wie schwer es ist,
terroristische Handlungen im staatlichen Kontext einzuordnen und
abzugrenzen.
Jedenfalls wird der Krieg an
sich vor Ort nicht von Kombattanden alleine, sondern auch von
Kriegsherren, so genannten Warlords ausgetragen, die entweder von der
einen oder von der anderen Seite angeworben werden. Sie sind
Geschäftemacher, die vom Krieg leben. In diese Konflikte spielen dann
noch wirtschaftliche Interessen, größtenteils um den Zugang zu
bestimmten Ressourcen, von diversen Seiten ein. Es entsteht ein
unglaublich komplexes Beziehungs- und Interessengefüge. Es ist die
Rückkehr zu mittelalterlichen Zeiten: In den modernen Kriegen ist die
Gewalt entstaatlicht, private Warlords führen Krieg um des Krieges
willen; im Chaos des Kriegs konkurrieren derart verschiedene Interessen,
dass die Kriege und Unruhen kaum zu beenden sind. Es gibt
Imperialmächte, die versuchen, dies alles zu schlichten, sich davon
jedoch stets eigene Vorteile erhoffen. Die Institutionalisierung des
Krieges, wie sie in der Neuzeit durch Völkerrecht und UNO geschaffen
wurde, greift bei den neuen Kriegen nicht mehr. Sie repräsentieren eine
Form von Gewalt, die ungleich schwerer fassbar ist. Die westliche Welt
ist mit dieser, ihr unbekannten Form der Kriegsführung überfordert. Es
gelingt ihr weder, den Nahen Osten zu befrieden, noch, die Gefahr des
internationalen Terrorismus wirkungsvoll abzuwenden.
Aufgabe 2:
Erklären Sie an Hand der Materialien die Sozialpsychologischen
Hintergründe von Selbstmordattentaten und setzten Sie diese in
Beziehungen zu den Veränderungen in der weltpolitischen Lage seit dem
Ende der Bipolarität.
Nach Material 4) sind
Selbstmordattentate nicht allein auf religiösen Fanatismus
zurückzuführen. Es fehlt der Zusammenhang zwischen religiösem Fanatismus
auf der einen, und Gewaltbereitschaft bis zur Selbstzerstörung auf der
anderen Seite.
Gholamasad sieht den Hauptgrund
für autodestruktive Attentate in der Erfahrung der eigenen Machtschwäche
und dem zugehörigen Gefühl der Ungerechtigkeit. Der Selbstmordattentäter
demonstriert mit seinem Anschlag dem Machtstärkeren seine
Verwundbarkeit und bestärkt damit das Selbstwertgefühl seiner eigenen
Gruppe. Das Selbstmordattentat ist hierfür scheinbar das
wirkungsvollste Mittel.
Jedoch stellt sich Gholamasad
gegen die im Westen populäre Vorstellung, Selbstmordattentäter seien
grundsätzlich von fremder Seite manipuliert. Er widerlegt damit,
zusammen mit der Erklärung bezüglich des religiösen Fanatismus, die wohl
zwei populärsten westlichen Erklärungsversuche für das Phänomen der
Selbstmordattentate. In seiner Begründung führt er aus, daß wir ein für
die modernen, westlichen Industriegesellschaften typisches
Menschenverständnis haben, das den Menschen als ein in sich
weitestgehend geschlossenes Individuum betrachtet. Dieses verfügt zwar
über gewisse Selbstkontrollmechanismen, diese sind jedoch innerer Natur;
der Bindung der Persönlichkeit an die Gruppe wird wenig Bedeutung
zugemessen. Gholamasad nennt dieses Phänomen der zunehmenden
Verschiebung der Ich-Wir-Balance zur Ich-Identität ein Ergebnis
zunehmender sozialer Differenzierung und für eine gewisse
Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft spezifisch.
Im Umkehrschluss können wir
davon ausgehen, dass in der morgenländischen Welt eher eine
wir-akzentuierte Selbsterfahrung der Menschen vorliegt. Die Gründe
hierfür sind eine andere Gesellschaftsstruktur, nämlich eine
Klientelgesellschaft gerade dort, wo staatliche Strukturen nicht
funktional sind, das heißt insgesamt eine andere Entwicklungsstufe der
Gesamtgesellschaft.
Gholamasad differenziert analog
zu Freud weiter sowohl Ich-Bild und Ich-Ideal als auch Wir-Bild und
Wir-Ideal. Nun enthalten sowohl Ich-Bild und Ich-Ideal als auch Wir-Bild
und Wir-Ideal einerseits realistische, andererseits auch phantastische
Elemente, mit einem Akzent zum Phantastischen, je mehr Realität und
Phantasie divergieren.
Während Ich-Bild und Ich-Ideal
jedoch das Ergebnis der Verarbeitung individualistischer Erfahrungen
sind, geht es beim Wir-Bild und Wir-Ideal um kollektive Phantasien in
ihrer individualistischen Ausprägung.
Das bedeutet, dass der
Selbstmordattentäter nicht manipuliert werden braucht; seine kollektive
Erfahrung von Machtschwäche seiner Gruppe und die kollektive Phantasie
der Gruppe von Machtstärke reichen, um eine individualistische Version
dieser Phantasie, die des Selbstmordanschlags, zu induzieren.
Hauptaspekt ist hier nicht irgendeine Form von Manipulation, sondern die
starke Bindung zur Gruppe und die Umsetzung gruppenspezifischer in
individuelle Prozesse.
Dieses Phänomen wiederum nennt
Gholamasad typisch für ehemals mächtige Völker, die ihre
Vormachtstellung in der späteren Geschichte eingebüßt haben. Hier
konkurriert ein Wir-Ideal, das sich immer noch auf die Zeit der Dominanz
bezieht, mit einer Erfahrung der realen Machtschwäche. Aus dieser
Diskrepanz heraus versuchen die Gruppen, ihre ehemalige Machtstärke auf
vielfache Weise lebendig zu halten, zum Beispiel durch
Selbstmordattentate.
Betrachten wir nun die
statistischen Realitäten seit 1945, so stellen wir fest, dass
Anti-Regime- und innerstaatliche Kriege den größten Anteil an allen
„kriegerischen“ Auseinandersetzungen ausmachen. Zwischenstaatliche
Kriege stehen erst an Platz drei der Statistik; es folgen Mischtypen und
Dekolonisationskriege.
Auf den regionalen Aspekt
bezogen, entfallen seit 1945 nur ein geringer Teil der Kriege auf
Europa; die überwiegende Zahl findet, etwa gleichmäßig verteilt, in
Lateinamerika, im Vorderen und Mittleren Osten, sowie in Afrika und
Asien statt.
Die globale Anzahl der Kriege
steigt von 1961 bis 1985 stetig und nimmt um 1989, mit dem Ende der
Bipolarität, nochmals stark zu. Ein großer Teil dieses Anstiegs ist dem
Nahen Osten zuzurechnen.
Übergreifend lässt sich
feststellen, dass mit dem Ende der Bipolarität zahlreiche Völker ihre
alten Rollen verloren und sich Machtgefälle verschoben, ja teils
umkehrten.
Aus der Bipolarität entstand
eine regionale, ethnisierte Multipolarität. Einflussreiche Militärmächte
ergriffen bei den kriegerischen Auseinandersetzungen teils Partei; so
fühlten sich die Verlierer des Endes der Bipolarität teilweise doppelt
unterdrückt. Die zusehende Ethnisierung der Konflikte stärkt das
Wir-Bewusstsein der einzelnen Gruppen. Mit dem Verlust bisheriger
staatlicher Strukturen zerbrachen Völker, nationale Identitäten gingen
verloren. Dies förderte zusätzlich die Ethnisierung der Regionen. Das
Nichtvorhandensein funktionaler staatlicher Strukturen führt wiederum
zur Ausprägung einer Klientelgesellschaft mit starken
Gruppenidentitäten. Durch die wechselnden Machtgefälle werden bestimmte
ethnische Gruppen mal zu Unterdrückern, mal zu Unterdrückten.
Alle Unterdrückten eint die
Rebellion gegen die eigene Machtschwäche: Nach der Erklärung
Gholamasads optimale Bedingungen für die Ausprägung einer Kultur der
Selbstmordattentate.
Aufgabe 3:
Problematisieren Sie die Hypothese, dass Terrorismus und
Gewaltbereitschaft primär kulturelle bzw. religiöse Ursachen habe
(Huntington, Clash of Civilisations).
Huntington vertritt die These,
dass sich gegenwärtige und insbesondere zukünftige Auseinandersetzungen
auf dieser Welt hauptsächlich auf ethnisch-kultureller und nicht auf
politisch-ideologischer Ebene abspielen werden.
Er führt dabei mehrere wichtige
Punkte an:
Nach Huntington ist das
Kriterium, einer bestimmten Ideologie anzugehören, ein unstetiges; die
Ideologie eines Menschen, also die Frage: „Auf wessen Seite stehst du?“,
kann sich im Laufe der Zeit, auch im Laufe einer Auseinandersetzung
ändern.
Das Kriterium der
ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit, die Frage nach dem „Wer bist du?“,
sei jedoch unveränderlich.
Huntington postuliert, dass
verschiedene Ideologien zweifelsfrei parallel existieren können, ohne
dass es zu Auseinandersetzungen kommt.
Die Frage der kulturellen
Prädisposition sei jedoch eine weiter reichende. Verschiedene Kulturen
brächten ein unterschiedliches Wertesystem und grundverschiedene
Vorstellungen der Stellung eines Menschen in Gesellschaft oder Familie
hervor, die oft mit denen anderer Kulturen unvereinbar und daher
konfliktträchtig seien.
Weiterhin sagt Huntington, dass
durch den zunehmenden interkulturellen Austausch, bedingt durch
Massenmedien und Globalisierung, die Differenzen der einzelnen Kulturen
stärker zum Vorschein treten und eine ausgeprägtere Besinnung auf die
eigene Kultur erfolgt, um die eigenen ethnischen Eigenheiten in einer
Zeit insbesondere der kulturellen Verwestlichung der Welt zu bewahren.
Diese Thesen, obwohl in sich
schlüssig und konsistent, sind angesichts der heutigen weltpolitischen
Lage stark in Frage zu stellen.
Zunächst ist festzustellen,
dass, wie bereits in Aufgabe 2) erläutert, Terrorismus und
Gewaltbereitschaft oft ein Ergebnis der Erfahrung von Machtschwäche
sind. Dieses Empfinden ist, besonders im Fall von Afghanistan und Irak,
unter anderem geprägt durch eine imperialistische amerikanische
Außenpolitik, die gewalttätige Regime zum Verfolgen eigener
wirtschaftlicher oder imperialistischer Interessen unterstützt. Die
Differenzen der westlichen und östlichen Kultur sind hierbei sekundär.
Sie werden höchstens ihrerseits von den Terroristen als Legitimation für
ihre Akte gebraucht, wenn zum Beispiel vom heiligen Krieg gegen die
Ungläubigen gesprochen wird. Umgekehrt spricht George W. Bush ebenfalls
von einem heiligen Krieg. Man darf sich von diesen Formulierungen nicht
täuschen lassen; die zugrunde liegende Auseinandersetzung ist ein
Machtkonflikt, der allenfalls ethnisch-religiös funktionalisiert wird.
Wie ist nun dies in Einklang mit
Huntingtons Hypothese zu bringen? Ist etwa der Hang zum Imperialismus
ein Bestandteil der westlichen kulturellen Identität? Wenn ja, gehört er
dann jedoch nicht ebenso zur morgenländischen Kultur?
Ist es nicht eher, vorsichtig
ausgedrückt, ein Wunder, dass die USA – bei ihren außenpolitischen
Ausschreitungen – in ihrer Geschichte erst zwei Mal Opfer eines weit
reichenden Terroraktes wurden? Huntington möchte als Amerikaner
selbstverständlich die Gründe für das Phänomen des Terrorismus überall
suchen, jedoch nicht in der von der westlichen Welt immer weiter
vorangetriebenen Unterdrückung und sozialen Ungleichheit in schwächeren
Nationen.
Hätte Huntington mit seinen
Hypothesen recht, wieso weist die Geschichte dann so mannigfaltige
Beispiele auf, in denen verschiedene Kulturen in friedlicher Koexistenz
lebten? Warum trafen die Anschläge vom 11. September gerade das Symbol
des US-amerikanischen Kapitalismus und das Pentagon, sollte dies ein
Attentat gegen die westliche Kultur gewesen sein?
Die Instrumentalisierung von Religion und Kultur ist
nicht gleichzusetzen mit dem von Huntington prophezeiten Clash of
Cilvilisations.