|
Dokument
Information
Seitennavigation
|
|
Sebastian Ude:
Eine Fallstudie zum
„Autoritären Charakter“:
Lagerkommandant Höß
Abschrift einer Klausur im Fach „Werte und
Normen“
Aufgabe 1:
Erläutern Sie, welche
biographischen Faktoren zum Entstehen des „Autoritären Charakters“ von
Rudolf Höß, also seiner psychischen Deformation, im Text erkennbar werden.
Der vorliegende Auszug aus der
Autobiographie von Rudolf Höß, hier in Bezug auf seine Zeit als
KZ-Kommandant im NS-Vernichtungslager Auschwitz, ist tatsächlich wenig
autobiographischer Natur.
Damit soll gemeint sein, daß Höß
zwar in aller Ausführlichkeit seine Beteiligung zunächst an Hinrichtungen
politischer Gegner, später an der Massenvernichtung der Juden in Auschwitz
schildert. Eine kritische Reflexion erfolgt von seiner Seite aus jedoch
nicht; vielmehr versucht er selbst in der Retrospektive, sein Verhalten
immanent aus der NS-Ideologie zu rechtfertigen, wir erfahren unmittelbar
wenig über biographische Hintergründe im Leben von Höß, die als Ursachen
für eine gleichermaßen starke und andauernde (!) Identifikation mit einer
derart menschenverachtenden und -feindlichen Ideologie wie die der
Nationalsozialisten in Deutschland gesehen werden könnten.
Eine weitergehende Interpretation
der Quelle unter einem psychoanalytischen Gesichtspunkt ist also nötig.
Unmittelbar liegen uns folgende,
spärliche konkrete Fakten aus der Biographie von Höß vor:
-
Höß
schloss sich nach dem ersten Weltkrieg einer rechtsradikalen Bewegung an
-
Er
verübte vor dem zweiten Weltkrieg mindestens einen politischen Mord
-
Er
nennt sich selber „einen alten Nationalsozialisten“ und beschreibt
selbst, daß er sich kein Urteil über die Richtigkeit von Befehlen und
Ideologien erlauben konnte; seine Denkweise war und ist von einem
uneingeschränkten Glauben an den Führer geprägt (vgl. letzter Absatz der
Quelle)
-
Somit erscheint für ihn ein Vorgang durch seine (ideologische,
autoritäre) Begründung richtig, nicht durch ein eigenes Werturteil
(ebenda), selbst wenn ein „summum ius“ objektiv sprichwörtlich das
„summa inuria“ darstellt (Terenz).
Historisch ist zu sagen, daß Höß
in einer Zeit aufgewachsen ist, in der in Deutschland die Erziehung auf
ein uneingeschränktes Vatergehorsam ausgerichtet war; Ansätze von
Befähigung zur Kritikfähigkeit, insgesamt: zur Stärkung des Ichs im
psychoanalytischen Sinne, fanden in dem damals vorherrschenden
Erziehungsstil keinen Platz. Die Meinung der Autorität, in der
frühkindlichen und adoleszenten Phase repräsentiert durch den Vater, hatte
eine übergeordnete Position im Wertesystem inne; eigene Gefühlsregungen
wurden von der Erziehung unterdrückt und durch Strafe mit Angst belegt;
hier ist insbesondere die damals verbreitete Unterdrückung der kindlichen
Sexualität, hervorgehend aus einer gesamtgesellschaftlichen Tabuisierung
des Sexuellen, zu nennen.
Die sexuellen Regungen des Kindes,
hier ausdrücklich nicht auf das Genitale beschränkt, sondern im Sinne
jeder Lustregung gemeint (vgl. S. Freud/Abriß der Psychoanalyse),
repräsentieren einen starken Es-Trieb, der, unterdrückt und über Strafe
mit Angst besetzt, zu einem Ich führt, das längerfristig nicht zwischen
Es und Realität vermitteln können wird; es wird ein schwaches Ich
ausgeprägt, das durch die Repression jeder lustvollen - hier sei die Lust
an der Neugier ausdrücklich eingeschlossen - freien geistlichen Regung
nicht zur Kritikfähigkeit und eigenen Meinungsbildung fähig sein wird. Es
bedarf vielmehr auf Lebzeit der Anlehnung; in der Kindheit findet es diese
beim autoritären Vater, der sich im Über-Ich manifestiert. Später treten
andere Objekte an die Stelle des Vaters und bieten dem schwachen Ich jene
Möglichkeit der Anlehnung.
Höß hat sich, wie wir aus der
Quelle wissen, früh einer rechtsradikalen Bewegung angeschlossen. Was sind
nun die Qualitäten des Faschismus? Es sind:
-
klare Autoritätsbilder
-
Ideologien, die jede eigene kritische geistige Leistung überflüssig
machen
-
Stärkung des schwachen Ichs durch Glorifizierung der eigenen Gruppe, der
Nation, der Rasse...
-
klare Feindbilder, die für die Sublimierung aller eigentlich gegen die
Autorität gerichteten Regungen des Destruktionstriebs dienen
All diese Spezifika erklären,
wieso bei einem Menschen wie Höß eine derart starke Identifizierung mit
einer solchen Gruppe bzw. Ideologie erfolgte. Sie ersetzt den autoritären
Vater der Kindheit und bietet Raum zur Reduktion von Triebspannungen, die
aus einer derartigen Unmündigkeit des Ichs notwendigerweise als Aggression
gegen die nur unbewußt wahrgenommene Unterdrückung durch die Autorität
entstehen, beispielsweise in Form von ideologischen Morden, die ihren
Gipfel in der Massenvernichtung der Juden im Dritten Reich fanden.
Weiterhin gibt die Quelle
Aufschluß, wie leicht für den autoritären Mensch eben jene Autoritäten
ersetzbar sind; wer genau einen Befehl erteilt ist Höß gleichgültig,
solange die vorher klar definierte Befehlskette äußerlich eingehalten wird
und eine Identifikation mit der überlegensten Autorität, hier: dem Führer,
weiterhin erfolgen kann.
Abschließend kann gesagt werden,
daß die lebenslange Bindung an Autoritäten, die das Ich in seiner
produktiven Tätigkeit entlasten und es am Wachsen hindern, wie sie bei Höß
gegeben ist, zu einer psychischen Deformation wie der aus der Quelle
ersichtlichen führt, in der das Ich ungleich schwach und das Über-Ich
derart stark und fehlgeprägt ist, daß jeder moralische Skrupel im Ansatz
ausbleibt.
Dass dieser Zustand bewußt von
den betroffenen Menschen gesucht wird, läßt sich über Freuds Theorie des
Wiederholungszwangs erklären, die besagt, daß der psychische Apparat das
Bestreben hat, einen einmal erlebten Zustand möglichst oft wieder
herzustellen. Die bereits in der Erziehung Entmündigten und von der
väterlichen Autorität Abhängingen werden diesen frühen Zustand der
Ich-Schwäche und der potentiellen Anlehnung an autoritäre
Identifikationspersonen immer wieder suchen und konstruieren; den Gipfel
dieses Phänomens finden wir im deutschen Nationalsozialismus des 20.
Jahrhunderts mit allen seinen Folgen.
Aufgabe 2:
Erklären Sie, wie der
„autoritäre Mensch“ seine Verhaltensweisen legitimiert und welche
psychische Funktion diese „Legitimationsmuster“ haben.
Der autoritäre oder präziser:
autoritätsfürchtige Mensch hat aufgrund seines kaum ausgeprägten Ichs
keine andere Möglichkeit, als sein Verhalten immanent aus dem Über-Ich zu
legitimieren.
Bei Menschen die wie Höß eine
derartige Hyper- und Fehlausprägung des Über-Ichs erfahren haben,
entsteht das Phänomen, daß selbst menschenwidrigste Handlungen als völlig
selbstverständlich bewertet und ohne Gefühlsregung ideologie- oder
autoritätsimmanent gerechtfertigt werden.
Dies ist jedoch eben kein bewußter
Kniff, also beispielsweise eines äußerst selbstbewußten Ichs, um sich der
Verantwortung für das eigene Tun zu entziehen, tatsächlich empfinden die
betroffenen ihre Perspektive auf eine pathologische Weise als wahr,
eine andere Betrachtungsweise ist aus ihrer psychischen Konstitution
heraus im wahrsten Sinne des Wortes nicht denkbar.
Diese Legitimationszirkel sind
deshalb nötig, weil jedes mögliche Verhalten des Menschen als
bewußtseinsfähiges Wesen („animal rationale“) zumindest durch das
Ich- oder das Über-Ich legitimiert sein muß, da es ansonsten nicht zur
Ausführung käme. Wir können diese These, die auf eben jener
philosophischen Annahme einer der Bewußtseinsexistenz besteht, nicht
beweisen; sie ist jedoch als Metatheorie für jede Geisteswissenschaft
unerläßlich; wir können an dieser Stelle nicht annehmen, daß der Mensch
Verhaltensweisen an den Tag legt, von deren Richtigkeit er im
spezifischen Moment des Handelns (und genau dann) nicht auf die eine oder
andere Weise überzeugt ist.
Die Unerlässlichkeit der
beschriebenen Legitimationsmuster ist also darin begründet, daß sie die
Konsistenz und Integrität der menschlichen Psyche erhalten; ein Verhalten,
das weder von den verinnerlichten Werten und Normen des Über-Ichs, noch
von dem zum Abschätzen und Bewerten befähigten Ichs gebilligt wird ist
vom psychischen Apparat nach dem Freud'schen Modell nicht zu verarbeiten;
es müßte verdrängt werden und würde im von Freud „vorbewusst“ genannten
Zustand als Trauma in der Psyche weiterexistieren.
Eine Möglichkeit der Rezeption des
eigenen Verhaltens mit dieser Konsequenz wäre generell auch denkbar (man
denke an das heute gut erforschte psychologische Phänomen des pathogenen
psychischen Tätertraumas mit allen spezifischen Symptomen der
posttraumatischen Belastungsstörung des Opfers wie dissoziativer Amnesie,
Selbstabwertung und -entfremdung bis zur Autoaggression usw.). Die
Disposition hierfür wird man jedoch wohl eher bei Menschen finden, die
ungleich sensibler und differenzierter sowie gefühlsbetonter sich selbst
und ihre Umwelt wahrnehmen und über ein ausgeprägtes Ich verfügen. Diese
Voraussetzungen sind beim autoritären Menschen jedoch nicht vorhanden, ja
geradezu ins Gegenteil verkehrt.
Die Möglichkeit eines Verhaltens,
das nicht der Autorität oder deren im Über-Ich verinnerlichter Ideologie
entspricht, würde bei diesen Menschen das Selbstbild in seiner Gesamtheit
zerstören, da, wie angeführt, die Anlehnung an starke Autoritäten für das
schwache Ich essentiell, ja lebensnotwendig ist.
Hier ist jede Möglichkeit
unautoritären Verhaltens durch frühe Prägung dem Spielraum des denk- und
vorstellbaren Verhaltens entzogen.
Vereinfacht lässt sich somit
sagen, daß es für den autoritätsfürchtigen Menschen des Typs Höß wahrlich
eine Dekonstruktion der Realität darstellen würde, müsste er sich
eingestehen, daß seine Legitimation des eigenen Verhaltens unwahr
ist; damit würde die Bindung zur Autorität verleugnet und aufgehoben; das
schwache Ich ist jedoch ohne diese Anlehnung nicht zur Existenz befähigt,
da eine von der Autorität unabhängige Selbstdefinition niemals entwickelt
wurde.
Aufgabe 3
Diskutieren Sie, welche
gesellschaftliche und politische Konsequenz das Vorherrschen von
autoritären Sozialisationsbedingungen hat.
Gesamtgesellschaftlich führt das
Vorherrschen autoritärer Sozialisationsbedingungen zu einer
kritikunfähigen Gesellschaft, die leicht zu beeinflussen ist, da sie, wie
im Vorigen ausgeführt, nach starken Autoritäten zum Zweck der Anlehnung
sucht. Der autoritätsfürchtige Mensch, aus seiner Ich-Schwäche heraus
unfähig, sich ein eigenes, als wahr empfundenes Weltbild zu
schaffen, sucht unter anderem nach Weltbildern, die er ohne
vorausgegangene produktive geistige Tätigkeit übernehmen kann.
Es entsteht eine Gesellschaft,
die, etwas polemisiert, für sich denken läßt, in der sich radikale
Ideologien schnell und beliebig installieren lassen.
Weiterhin wächst ein nicht zu
unterschätzendes Potential gebundener Triebenergien in den Menschen
heran, die eigentlich gegen die Autorität gerichtet ist, obwohl dies wegen
des ausgeprägten Mangels an Reflexionsfähigkeit nicht von den Betroffenen
wahrgenommen wird.
Für den Fall, daß es zu einer
Anlehnung einer Gruppe an die Idee der Überlegenheit einer bestimmten
Rasse oder Ethnie kommt, besteht die Gefahr, daß jenes Potential an
Triebenergie sich in rassistischen Übergriffen entlädt.
In jedem Fall wird der autoritär
sozialisierte Mensch aus seiner Unsicherheit und der Unfähigkeit zur
eigenen Bewertung heraus Aggressionen gegen alles andersartige richten,
das nicht den im Über-Ich verinnerlichten Normen und Standards entspricht;
denn unterbewußt hasst er eben aus Neid jene, die sich nicht mit der von
ihm internalisierten Ideologie identifizieren, da diese nicht den
Beschränkungen unterliegen, die er sich selbst auflegt oder auferlegen
läßt.
Dadurch entstehen Vorurteile,
Verfolgung bestimmter Kulturen oder Überzeugungen. Ein friedliches,
multikulturelles Zusammenleben wird so per se verhindert.
Auch fortschrittliche
Gesellschaftsformen wie die repräsentative Demokratie können die von
autoritären Sozialisationsbedingungen geschaffenen Hürden nicht
überwinden, da, wenn eine Ideologische Anlehnung an eine nationale
Führerfigur durch fortschreitende Demokratisierung nicht möglich ist,
irgendwo eine Ersatz-Ideologisierung erfolgen wird; weiterhin hat die
Demokratie kaum Mittel, den Vorurteilen oder der leichten
Manipulierbarkeit des autoritären Charakters zu begegnen, was
beispielsweise ersichtlich wird, wenn in Ostdeutschland, einem ehemals
totalitären, also ideologisch-autoritär sozialisierten, nun
demokratischen Land Jugendliche vermehrt die Identifikation mit
faschistischen Gruppen suchen und Neonazistische Parteien Einzug in
demokratische Parlamente finden.
Die Folgen autoritärer
Sozialisationsbedingungen bedeuten den kulturellen Rückschritt in
gesellschaftlich signifikanten Bereichen wie Demokratiefähigkeit,
kritisch-produktiver geisteswissenschaftlicher Tätigkeit, Achtung des
Menschen und seiner Rechte und der friedlichen Koexistenz von Kulturen,
Religionen und Nationen.
Die autoritäre Sozialisation muß
bereits in den frühesten Sozialisationsprozessen, die der Mensch
durchläuft, also in der Familie, später in der Schule durch Förderung
eigener Befähigungen und Erziehung zur Kritikfähigkeit abgewendet werden.
|