Weitere Informationen unter http://www.politiklehrerverband.org
eMail bismarckschule.voigt@gmx.de

Home
Nach oben
Inhalt: File Map
Heftübersicht
Autorenverzeichnis
Publikationen
Impressum
Verbandsinformation
Marginalien
Rechtsradikalismus
Polen
Polnische Nationalkultur
Dritte Welt
Staatsgesellschaft
pua 2011
pua 2010
pua 2004
pua 2003
pua 2002
pua 2001
pua 2000
pua 1999
pua 1998
pua 1997
pua 1996
pua 1995
pua 1994
pua 1993
pua 1992
pua 1991
pua 1988

politik unterricht aktuell Heft  2005

»Krise der Politischen Bildung«

Internet-Publikation, Bearbeitungsstand 2011

Dokument
Information

Seitennavigation

 

Sebastian Ude:

Eine Fallstudie zum „Autoritären Charakter“:
Lagerkommandant Höß

Abschrift einer Klausur im Fach „Werte und Normen“  [1]

Aufgabe 1:

Erläutern Sie, welche biographischen Faktoren zum Entstehen des „Autoritären Charakters“ von Rudolf Höß, also seiner psychischen Deformation, im Text erkennbar werden.

Der vorliegende Auszug aus der Autobiographie von Rudolf Höß, hier in Bezug auf seine Zeit als KZ-Kommandant im NS-Vernichtungslager Auschwitz, ist tatsächlich wenig autobiographischer Natur.

Damit soll gemeint sein, daß Höß zwar in aller Ausführlichkeit seine Beteiligung zunächst an Hin­richtungen politischer Gegner, später an der Massenvernichtung der Juden in Auschwitz schildert. Eine kritische Reflexion erfolgt von seiner Seite aus jedoch nicht; vielmehr versucht er selbst in der Retrospektive, sein Verhalten immanent aus der NS-Ideologie zu rechtfertigen, wir erfahren unmit­telbar wenig über biographische Hintergründe im Leben von Höß, die als Ursachen für eine glei­chermaßen starke und andauernde (!) Identifikation mit einer derart menschenverachtenden und -feindlichen Ideologie wie die der Nationalsozialisten in Deutschland gesehen werden könnten.

Eine weitergehende Interpretation der Quelle unter einem psychoanalytischen Gesichtspunkt ist also nötig.

Unmittelbar liegen uns folgende, spärliche konkrete Fakten aus der Biographie von Höß vor:

  • Höß schloss sich nach dem ersten Weltkrieg einer rechtsradikalen Bewegung an

  • Er verübte vor dem zweiten Weltkrieg mindestens einen politischen Mord

  • Er nennt sich selber „einen alten Nationalsozialisten“ und beschreibt selbst, daß er sich kein Ur­teil über die Richtigkeit von Befehlen und Ideologien erlauben konnte; seine Denkweise war und ist von einem uneingeschränkten Glauben an den Führer geprägt (vgl. letzter Absatz der Quelle)

  • Somit erscheint für ihn ein Vorgang durch seine (ideologische, autoritäre) Begründung richtig, nicht durch ein eigenes Werturteil (ebenda), selbst wenn ein „summum ius“ objektiv sprich­wörtlich das „summa inuria“ darstellt (Terenz).

Historisch ist zu sagen, daß Höß in einer Zeit aufgewachsen ist, in der in Deutschland die Erziehung auf ein uneingeschränktes Vatergehorsam ausgerichtet war; Ansätze von Befähigung zur Kritikfä­higkeit, insgesamt: zur Stärkung des Ichs im psychoanalytischen Sinne, fanden in dem damals vor­herrschenden Erziehungsstil keinen Platz. Die Meinung der Autorität, in der frühkindlichen und adoleszenten Phase repräsentiert durch den Vater, hatte eine übergeordnete Position im Wertesys­tem inne; eigene Gefühlsregungen wurden von der Erziehung unterdrückt und durch Strafe mit Angst belegt; hier ist insbesondere die damals verbreitete Unterdrückung der kindlichen Sexualität, hervorgehend aus einer gesamtgesellschaftlichen Tabuisierung des Sexuellen, zu nennen.

Die sexuellen Regungen des Kindes, hier ausdrücklich nicht auf das Genitale beschränkt, sondern im Sinne jeder Lustregung gemeint (vgl. S. Freud/Abriß der Psychoanalyse), repräsentieren einen starken Es-Trieb, der, unterdrückt und über Strafe mit Angst besetzt, zu einem Ich führt, das länger­fristig nicht zwischen Es und Realität vermitteln können wird; es wird ein schwaches Ich ausge­prägt, das durch die Repression jeder lustvollen - hier sei die Lust an der Neugier ausdrücklich ein­geschlossen - freien geistlichen Regung nicht zur Kritikfähigkeit und eigenen Meinungsbildung fä­hig sein wird. Es bedarf vielmehr auf Lebzeit der Anlehnung; in der Kindheit findet es diese beim autoritären Vater, der sich im Über-Ich manifestiert. Später treten andere Objekte an die Stelle des Vaters und bieten dem schwachen Ich jene Möglichkeit der Anlehnung.

Höß hat sich, wie wir aus der Quelle wissen, früh einer rechtsradikalen Bewegung angeschlossen. Was sind nun die Qualitäten des Faschismus? Es sind:

  • klare Autoritätsbilder

  • Ideologien, die jede eigene kritische geistige Leistung überflüssig machen

  • Stärkung des schwachen Ichs durch Glorifizierung der eigenen Gruppe, der Nation, der Rasse...

  • klare Feindbilder, die für die Sublimierung aller eigentlich gegen die Autorität gerichteten Regun­gen des Destruktionstriebs dienen

All diese Spezifika erklären, wieso bei einem Menschen wie Höß eine derart starke Identifizierung mit einer solchen Gruppe bzw. Ideologie erfolgte. Sie ersetzt den autoritären Vater der Kindheit und bietet Raum zur Reduktion von Triebspannungen, die aus einer derartigen Unmündigkeit des Ichs notwendigerweise als Aggression gegen die nur unbewußt wahrgenommene Unterdrückung durch die Autorität entstehen, beispielsweise in Form von ideologischen Morden, die ihren Gipfel in der Massenvernichtung der Juden im Dritten Reich fanden.

Weiterhin gibt die Quelle Aufschluß, wie leicht für den autoritären Mensch eben jene Autoritäten ersetzbar sind; wer genau einen Befehl erteilt ist Höß gleichgültig, solange die vorher klar definierte Befehlskette äußerlich eingehalten wird und eine Identifikation mit der überlegensten Autorität, hier: dem Führer, weiterhin erfolgen kann.

Abschließend kann gesagt werden, daß die lebenslange Bindung an Autoritäten, die das Ich in sei­ner produktiven Tätigkeit entlasten und es am Wachsen hindern, wie sie bei Höß gegeben ist, zu ei­ner psychischen Deformation wie der aus der Quelle ersichtlichen führt, in der das Ich ungleich schwach und das Über-Ich derart stark und fehlgeprägt ist, daß jeder moralische Skrupel im Ansatz ausbleibt.

Dass dieser Zustand bewußt von den betroffenen Menschen gesucht wird, läßt sich über Freuds Theorie des Wiederholungszwangs erklären, die besagt, daß der psychische Apparat das Bestreben hat, einen einmal erlebten Zustand möglichst oft wieder herzustellen. Die bereits in der Erziehung Entmündigten und von der väterlichen Autorität Abhängingen werden diesen frühen Zustand der Ich-Schwäche und der potentiellen Anlehnung an autoritäre Identifikationspersonen immer wieder suchen und konstruieren; den Gipfel dieses Phänomens finden wir im deutschen Nationalsozialis­mus des 20. Jahrhunderts mit allen seinen Folgen.

Aufgabe 2:

Erklären Sie, wie der „autoritäre Mensch“ seine Verhaltensweisen legitimiert und welche psy­chische Funktion diese „Legitimationsmuster“ haben.

Der autoritäre oder präziser: autoritätsfürchtige Mensch hat aufgrund seines kaum ausgeprägten Ichs keine andere Möglichkeit, als sein Verhalten immanent aus dem Über-Ich zu legitimieren.

Bei  Menschen die wie Höß eine derartige Hyper- und Fehlausprägung des Über-Ichs erfahren ha­ben, entsteht das Phänomen, daß selbst menschenwidrigste Handlungen als völlig selbstverständlich bewertet und ohne Gefühlsregung ideologie- oder autoritätsimmanent gerechtfertigt werden.

Dies ist jedoch eben kein bewußter Kniff, also beispielsweise eines äußerst selbstbewußten Ichs, um sich der Verantwortung für das eigene Tun zu entziehen, tatsächlich empfinden die betroffenen ihre Perspektive auf eine pathologische Weise als wahr, eine andere Betrachtungsweise ist aus ihrer psy­chischen Konstitution heraus im wahrsten Sinne des Wortes nicht denkbar.

Diese Legitimationszirkel sind deshalb nötig, weil jedes mögliche Verhalten des Menschen als be­wußtseinsfähiges Wesen („animal rationale“) zumindest durch das Ich- oder das Über-Ich legiti­miert sein muß, da es ansonsten nicht zur Ausführung käme. Wir können diese These, die auf eben jener philosophischen Annahme einer der Bewußtseinsexistenz besteht, nicht beweisen; sie ist je­doch als Metatheorie für jede Geisteswissenschaft unerläßlich; wir können an dieser Stelle nicht an­nehmen, daß der Mensch Verhaltensweisen an den Tag legt, von deren Richtigkeit er im spezifi­schen Moment des Handelns (und genau dann) nicht auf die eine oder andere Weise überzeugt ist.

Die Unerlässlichkeit der beschriebenen Legitimationsmuster ist also darin begründet, daß sie die Konsistenz und Integrität der menschlichen Psyche erhalten; ein Verhalten, das weder von den ver­innerlichten Werten und Normen des Über-Ichs, noch von dem zum Abschätzen und Bewerten be­fähigten Ichs gebilligt wird ist vom psychischen Apparat nach dem Freud'schen Modell nicht zu verarbeiten; es müßte verdrängt werden und würde im von Freud „vorbewusst“ genannten Zustand als Trauma in der Psyche weiterexistieren.

Eine Möglichkeit der Rezeption des eigenen Verhaltens mit dieser Konsequenz wäre generell auch denkbar (man denke an das heute gut erforschte psychologische Phänomen des pathogenen psychi­schen Tätertraumas mit allen spezifischen Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung des Opfers wie dissoziativer Amnesie, Selbstabwertung und -entfremdung bis zur Autoaggression usw.). Die Disposition hierfür wird man jedoch wohl eher bei Menschen finden, die ungleich sen­sibler und differenzierter sowie gefühlsbetonter sich selbst und ihre Umwelt wahrnehmen und über ein ausgeprägtes Ich verfügen. Diese Voraussetzungen sind beim autoritären Menschen jedoch nicht vorhanden, ja geradezu ins Gegenteil verkehrt.

Die Möglichkeit eines Verhaltens, das nicht der Autorität oder deren im Über-Ich verinnerlichter Ideologie entspricht, würde bei diesen Menschen das Selbstbild in seiner Gesamtheit zerstören, da, wie angeführt, die Anlehnung an starke Autoritäten für das schwache Ich essentiell, ja lebensnot­wendig ist.

Hier ist jede Möglichkeit unautoritären Verhaltens durch frühe Prägung dem Spielraum des denk- und vorstellbaren Verhaltens entzogen.

Vereinfacht lässt sich somit sagen, daß es für den autoritätsfürchtigen Menschen des Typs Höß wahrlich eine Dekonstruktion der Realität darstellen würde, müsste er sich eingestehen, daß seine Legitimation des eigenen Verhaltens unwahr ist; damit würde die Bindung zur Autorität verleugnet und aufgehoben; das schwache Ich ist jedoch ohne diese Anlehnung nicht zur Existenz befähigt, da eine von der Autorität unabhängige Selbstdefinition niemals entwickelt wurde.

Aufgabe 3

Diskutieren Sie, welche gesellschaftliche und politische Konsequenz das Vorherrschen von autoritären Sozialisationsbedingungen hat.

Gesamtgesellschaftlich führt das Vorherrschen autoritärer Sozialisationsbedingungen zu einer kri­tikunfähigen Gesellschaft, die leicht zu beeinflussen ist, da sie, wie im Vorigen ausgeführt, nach starken Autoritäten zum Zweck der Anlehnung sucht. Der autoritätsfürchtige Mensch, aus seiner Ich-Schwäche heraus unfähig, sich ein eigenes, als wahr empfundenes Weltbild zu schaffen, sucht unter anderem nach Weltbildern, die er ohne vorausgegangene produktive geistige Tätigkeit über­nehmen kann.

Es entsteht eine Gesellschaft, die, etwas polemisiert, für sich denken läßt, in der sich radikale Ideo­logien schnell und beliebig installieren lassen.

Weiterhin wächst ein nicht zu unterschätzendes Potential gebundener Triebenergien in den Men­schen heran, die eigentlich gegen die Autorität gerichtet ist, obwohl dies wegen des ausgeprägten Mangels an Reflexionsfähigkeit nicht von den Betroffenen wahrgenommen wird.

Für den Fall, daß es zu einer Anlehnung einer Gruppe an die Idee der Überlegenheit einer be­stimmten Rasse oder Ethnie kommt, besteht die Gefahr, daß jenes Potential an Triebenergie sich in rassistischen Übergriffen entlädt.

In jedem Fall wird der autoritär sozialisierte Mensch aus seiner Unsicherheit und der Unfähigkeit zur eigenen Bewertung heraus Aggressionen gegen alles andersartige richten, das nicht den im Über-Ich verinnerlichten Normen und Standards entspricht; denn unterbewußt hasst er eben aus Neid jene, die sich nicht mit der von ihm internalisierten Ideologie identifizieren, da diese nicht den Beschränkungen unterliegen, die er sich selbst auflegt oder auferlegen läßt.

Dadurch entstehen Vorurteile, Verfolgung bestimmter Kulturen oder Überzeugungen. Ein friedli­ches, multikulturelles Zusammenleben wird so per se verhindert.

Auch fortschrittliche Gesellschaftsformen wie die repräsentative Demokratie können die von auto­ritären Sozialisationsbedingungen geschaffenen Hürden nicht überwinden, da, wenn eine Ideologi­sche Anlehnung an eine nationale Führerfigur durch fortschreitende Demokratisierung nicht mög­lich ist, irgendwo eine Ersatz-Ideologisierung erfolgen wird; weiterhin hat die Demokratie kaum Mittel, den Vorurteilen oder der leichten Manipulierbarkeit des autoritären Charakters zu begegnen, was beispielsweise ersichtlich wird, wenn in Ostdeutschland, einem ehemals totalitären, also ideo­logisch-autoritär sozialisierten, nun demokratischen Land Jugendliche vermehrt die Identifikation mit faschistischen Gruppen suchen und Neonazistische Parteien Einzug in demokratische Parla­mente finden.

Die Folgen autoritärer Sozialisationsbedingungen bedeuten den kulturellen Rückschritt in gesell­schaftlich signifikanten Bereichen wie Demokratiefähigkeit, kritisch-produktiver geisteswissen­schaftlicher  Tätigkeit, Achtung des Menschen und seiner Rechte und der friedlichen Koexistenz von Kulturen, Religionen und Nationen.

Die autoritäre Sozialisation muß bereits in den frühesten Sozialisationsprozessen, die der Mensch durchläuft, also in der Familie, später in der Schule durch Förderung eigener Befähigungen und Er­ziehung zur Kritikfähigkeit abgewendet werden.

[1]       Klausur im »Werte und Normen« [Ethik]-Grundkurs der Bismarckschule Hannover im Schuljahr 2005-2006 im 4. Semester (Jahrgangsstufe 13) zum Kursthema „Psychoanalyse / Der Autoritäre Charakter“ am Donnerstag, 23. Februar 2006 (vierstündig). Themenformulierung durch den Kursleiter OStR Gerhard Voigt. Wiedergabe einer korrigierten und durchgesehenen Abschrift durch den Verfasser Sebastian Ude.

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell
Krise der Politischen Bildung
Hannover, 2005. Erschienen als Internet-Publikation. Bearbeitungsstand: 04.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover [http://www.politiklehrerverband.org ]

Herausgegeben von Gerhard Voigt und Lothar Nettelmann

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe: 2005  - Letzte Überarbeitung: 04.08.2011

 

TOP

Zur Textgestaltung und zur rechtlichen Distanzierung
von "gelinkten" Seiten vgl. Impressum.

Alle Rechte Vorbehalten

Seitennavigation

zurück und weiter: Zurück ] Nach oben ]
übergeordnete Ebene: Home ] Inhalt: File Map ] Heftübersicht ] Autorenverzeichnis ] Publikationen ] Impressum ] Verbandsinformation ] Marginalien ] Rechtsradikalismus ] Polen ] Polnische Nationalkultur ] Dritte Welt ] Staatsgesellschaft ] pua 2011 ] pua 2010 ] pua 2005 ] pua 2004 ] pua 2003 ] pua 2002 ] pua 2001 ] pua 2000 ] pua 1999 ] pua 1998 ] pua 1997 ] pua 1996 ] pua 1995 ] pua 1994 ] pua 1993 ] pua 1992 ] pua 1991 ] pua 1988 ]
gleiche Ebene: Editorial ] Entwicklung ] Terrorismus ] [ Autorität ]

untergeordnete Ebene:

Web-Fassung: 20.09.2011 - Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. <bismarckschule.voigt@gmx.de>