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Inhaltsverzeichnis des Heftes
Impressum für diese Seite
Die literarische Einordnung des Romans
Einführung:
Leitfragen zur Interpretation des Romans
Kapitelübersicht
Personenübersicht
Paul Auster
Quinn
Peter Stillman jr.
Peter Stillman sr.
Zur Frage der Identität
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Bibliographie
Die
literarische Einordnung des Romans
Paul Austers Werk entzieht
sich einer einfachen Klassifizierung. Die Besonderheiten seiner Erzählungen, die
Vielschichtigkeit seiner erzählerischen Entwürfe und die philosophischen
Kontexte seiner Erzählungen provozieren immer neue Zuordnungen zu
literaturwissenschaftlichen Kategorien oder auch Schlagworten.
Gängig ist die Einordnung des
Werkes von Paul Auster zur Postmodernen z.B. bei Dennis Barone, Kathy Acker oder
Dragana Nikolic. Dennis Barone zitiert Auster und sein „Postmodernes“ Verhältnis
zur Realität wie folgt: "I consider myself a realist.
And yet there's a
widely held notion that novels shouldn't stretch the imagination too far.
Anything that appears 'implausible' is necessarily taken to be forced,
artificial, 'unrealistic'." in Bezug auf ein anderes Werk von Paul Auster
bezieht sich Dennis Barone auf Steven Weisenburger und charakterisiert das
Substrat seines Werkes mit "ambiguity, indeterminacy, mystery" ebenso wie"the
philosophical context of Auster's fiction"..
Damit
charakterisiert Dennis Barone Paul Austers Postmodernismus einerseits als eine
artificielle Realität, in der die Bedeutung „sound, naming , identity and
solitude“
eine entscheidende Rolle spielen. Damit stellt Barone Austers Werk ausdrücklich
in die jjüdisch-amerikanische Traddition. Die Brüche der jüdischen Identität in
der Diaspora werden in der Literaturwissensschaft bei vielen Autoren zur
Interpretation herangezogen, doch scheint dieser Interpretationsansatz bei Paul
Austers „City of Glass“ nicht zwingend, auch wenn alttestamentarische Bezüge
eine entscheidende Rolle spielen, eher aber als irritierende Vexierbilder eines
psychotischen Realitätsverständnisses, denn als tatsächliche Bedeutungsträger
für das Verständnis des Romans.
Dragana Nikolic geht in ihrer
„thesis“
von einer etwas anderen Definition der Postmodernen aus, indem sie den Charakter
der Dekonstruktion der klassischen Poetik, den sie letztlich auf Aristoteles
zurückführt, in den Vordergrund stellt.
Sie zitiert eine
Aussage Austers aus einem Interview mit with Stephen Rodefer: 'When I write, the
story is always uppermost in my mind, and I feel that everything must be
sacrificed to it.'.
In demselben Artikel wird dann die postmoderne Erzählung etwas ausführlicher
beschrieben: “Postmodernist fiction seems to reflect the fact that the writer
has become tired of trying to explain a disjointed and godless universe. The
classic narrative, according to Peter Brookes,
became a necessary means of organising and interpreting the world as a
consequence of the ideological failure of the ‘sacred masterplot.”
In einem kurzen Text weist
Kathy Acker
auf die intensiven Debatten über den Postmodernismus hin. In durchaus plausibler
Weise sieht sie den Kern des Postmodernismus darin, das „Mythen“, die “Wahrheit“
bestimmen und legitimieren sollen und die mit ihnen verbundenen kulturellen
Praktiken grundsätzlich in Frage gestellt werden. Ausdrücklich bezieht sie sich
dabei auf „Christianity, science, democracy, communismn, progress“.
Sie sieht
als Resultat „a radical decentring of our cultural sphere. . It is not simply
that the postmodernism does not believe in "truth" so much that it understands
truth and meaning as historically constructed and thus seeks to expose the
mechanisms by which this production is hidden and ‘naturalized.’”
Nach Acker wird
Postmodernismus in der Literatur üblicherweise azoziiert mit Autoren wie Barth,
Thomas Pynchon, Donald Bartheleme, Jorge Luis Borges, Italo Calvino and John
Ashberry (ibid). Im Sinne der herangezogenen Artikel ist heute Paul Auster als
ein prominenter Vertreter des Postmodernismus zu bezeichnen. Die Heterogenität
und Spannweite der Autorenliste zeigt aber, dass diese Zuordnung für die
Interpretation seines Werkes nicht allzu hilfreich ist, aber das Auge des Lesers
auf die durchgängige Charakteristik des Werkes lenkt, im Diskurs der Literatur
verstanden zu werden.
Aus dieser Einsicht heraus
lässt sich sofort ableiten, dass die New York Trilogie keineswegs das Thema New
York behandelt, dass in City of Glass die scheinbaren realistischen
Ortsbezeichnungen, die sich streckenweise auf „namedropping“ von Straßennamen
beschränken, keine Bedeutungsträger sind. Es ist ein Spiel mit den
Lesegewohnheiten vor allem von Lesern von realistischen Romanen und
Detektivgeschichten in konkreten Details, die Bestätigung für den
Realitätsgehalt und die Glaubwürdigkeit der Erzählung zu sehen. Paul Auster
spielt hier ebenso wie bei seinen Ausführungen über die angebliche Entstehung
des Berichtes am Ende des Romans mit literarischen Legitimierungsstrategien,
Wahrheit zu behaupten, die seit langem in der Literatur vorhanden und vom Leser
erwartet werden. Autoren, die im Roman selbst zitiert werden, wie Cervantes,
Edgar Allen Poe, Melville beherrschen dieses Instrumentarium perfekt; in den
schon herangezogenen Aufsätzen zu Auster wird gerade in diesem Zusammenhang auf
Umberto Eco verwiesen, der in postmoderner Brechung dieses Instrumentarium
virtuos anwendet (z.B. in „Der Name der Rose“). Der Titel des Romans wie der New
York Trilogie verweisen auf die Literatur und nicht auf die Realität. Soweit
dieser Realitätsbegriff im postmodernen Kontext überhaupt noch einen Sinn hat.
Dieses Spiel mit literarischen
Erwartungen und Kategorien ist auch auf die Beziehungen des Romans zur
Detektivgeschichte festzuhalten. Einerseits werden sicherlich alle
gängigen Leseerwartungen an eine Detektivgeschichte, geschult an einer festen
und vielfältigen literarischen Tradition im angelsächsischen Sprachbereich,
grundlegend enttäuscht. Daher wird die Stadt aus Glas auch als anti- detective
story bezeichnet. Doch würde diese Bezeichnung eine Intention implizieren, die
Konzeption der Detectiv story in aufklärerischer Weise aufzubrechen. Dies ist
durchaus nicht der Fall: es geht nicht um eine Kritik der Detektiv story,
sondern um die Dekonstruktion von Realitätserwartung in der Rezeption durch den
Leser, wobei diese Realitätserwartung selbst literarische Fiktion sind.
Zusammenfassend ist
festzuhalten, dass eine pauschale Zuordnung zu literarischen kategorien der
Vielschichtigkeit des Werks von Paul Auster nicht gerecht wird, vor allem auch
dass Klassifizierungen wie Anti Detectiv Story oder Postmodern Novel nicht als
Gegensätze zu verstehen sind, sondern bestimmte Aspekte des Werkes zu
kennzeichnen suchen.
Sowohl bezüglich der
Romanstruktur als auch in Bezug auf die Figuren des Romans drängt sich die Frage
nach der Identität auf, die hier nicht im klassischen realistischen Sinne als
Identitätskrisen realer Personen, sondern als philosophisches literarisches
Problem zu verstehen ist.
Einführung: Leitfragen zur
Interpretation des Romans
Paul Auster Roman ‚Stadt aus
Glas’ ist der erste Teil seiner „New York Trilogie“. Der Leser wird in eine
phantastische Geschichte hereingezogen, die zunächst die Erwartung weckt, einen
Detektivroman vor sich zu haben. Der Weitere Verlauf des Romans weckt zunehmend
Irritationen, wenn die Erwartungen des Lesers getäuscht und nicht erfüllt
werden. dadurch entsteht die zentrale Frage nach der Kategorie und Zuordnung
dieses literarischen Werkes und damit die Frage nach der Bedeutung und Aussage
der Geschichte.
Da diese Fragen sehr schwer
eindeutig zu beantworten sind, hat sich seit dem Erscheinen des Werkes eine
umfangreiche Sekundär-Literatur zu Paul Auster entwickelt. Zentrale Thesen
bezeichnen die Stadt aus Glas als „Anti-Detetiv-Story“ oder mehrfach als
„Postmodern Novel“. Zu diesen Kategorien sind im folgenden einige Anmerkungen zu
machen, auch um zu überprüfen, inwieweit sie als Verständnishilfe dienen können.
Doch zunächst sollte eine ganz
kurze Skizze der Handlung, die behaupteten Irritationen, die sich beim Leser
einstellen, begründen helfen. Zu den Protagonisten der Erzählung und ihrer
fragwürdigen Identität sind anschließend noch eigene Überlegungen notwendig, da
sich hieran grundlegende Verständnisansätze knüpfen lassen.
Daniel Quinn ist ein
Schriftsteller, der nach dem Tod von Frau und Sohn die Arbeit an ernsthafter
Literatur aufgegeben hat und zum Lebensunterhalt unter dem Namen William Wilson
Detetiv Stories schreibt. Seine Lebens- und Identitätskrise ist der
Ausgangspunkt der Erzählung. Durch einen Telefonanruf, der ihn auf Grund einer
Verwechslung erreicht und ihn als Paul Auster, Privatdetektiv, anspricht, wird
er in einen mysteriösen Fall verwickelt. Peter Stillman jun., sein Klient, war
nach eigener Aussage Opfer eines wahnhaft religiösen Menschenexperiments seines
Vaters, der ihn neun Jahre in seiner Kindheit in einen dunklen,
kommunikationslosen Raum sperrte, um zu erfahren, ob das Kind intuitiv die
“Sprache Gottes“ lernen würde.
Der Vater Peter Stillman sen.
soll am kommenden Tag von dreizehnjährigem Psychiatrieaufenthalt entlassen
werden, und in New York eintreffen. Der Sohn fürchtet die Rache des Vaters und
beauftragt Quinn unter dem Namen Paul Auster, ihn vor seinem Vater zu schützen.
Quinn trifft auf Peter
Stillman sen. bei seiner Ankunft im New Yorker Bahnhof und folgt ihm fortan.
Irritierend ist dabei, dass gleichzeitig ein Doppelgänger von Peter Stillman
eintrifft und Quinn sich für einen von beiden – zufällig? – entscheiden muss.
Das Verhalten von Peter Stillmann entspricht nicht den Befürchtungen. Tagelang
streift er durch einen eng begrenzten Bezirk von Manhatten und sammelt scheinbar
sinnlos weggeworfene Gegenstände von der Ästrasse auf. Quinn sucht dann den
persönlichen Kontakt, der sehr freundlich aufgenommen wird und bei dem Stillman
eine eher abstruse Theorie seines Verhaltens äußert. Er will den gesammelten
nutzlosen Bruchstücken neue Namen geben, die nicht mehr auf ihre ehemalige
Funktion verweisen, um damit eine neue Sprache zu erfinden, in der Ding und
Begriff identisch werden: Die ‚Sprache Gottes’ vor dem Sündenfall im Paradies.
Er verbindet damit Welterlösungsideen. Am Tage drauf ist er aus einem Hotel
verschwunden und auch der telefonische Kontakt Quinn zu seinem Klienten bricht
ab.
Quinn entschließt sich jetzt
das Haus seiner Klienten Peter Stillman jun und seiner Frau, dauernd unter
Beobachtung zu halten und auf das erwartete Eintreffen von Peter Stillman sen.
zu warten. Er verlässt seinen Beobachtungsposten bei den Mülltonnen des
gegenüberliegenden Hauses nur noch ganz kurzfristig und ändert damit in
monatelanger Beobachtung sein Erscheinungsbild und seine Identität. Er wird zu
einem hungernden und schlaflosen Obdachlosen, der nur noch von der Idee seines
Auftrags besessen ist und keinerlei menschliche Kontakte mehr unterhält.
Als seine materiellen Mittel
aufgebraucht sind, erfährt er, dass sein Honorarscheck von Peter Stillman jun.
geplatzt ist und dass nach Zeitungsberichten, die er nicht gelesen hatte Peter
Stillman sen. am Tage seines Verschwindens Selbstmord begangen hatte. Seine
Wohnung ist geräumt und neu vermietet und er hat damit keinerlei Besitz mehr.
Die Geschichte endet damit,
dass Quinn in die Wohnung der Stillmans geht, sie leer vorfindet. In einem
abgelegenen leeren Raum der Wohnung, mit alleine einem Fenster zum Lichtschacht,
entkleidet er sich, wirft alle Kleidungsstücke kund sonstige Sachen aus dem
Fenster bis auf sein rotes Notizbuch, in dem er die Geschichte seiner
Ermittlungen festgehalten hat. Nachts schläft er in diesem Raum, findet jeweils
beim Aufwachen ein Tablett mit Speis und Trank neben sich, nutzt die Zeit der
Helligkeit für Eintragungen in sein Notizbuch, um mit Einbruch der Dunkelheit
wieder zu schlafen. Die Nächte werden immer länger bis die Zeit der Helligkeit
nur noch Minuten dauert. Sein Notizbuch ist dann vollgeschrieben.
Die Romanfigur Paul Auster,
Schriftsteller, mit der Quinn zuvor Kontakt aufgenommen hatte, findet zusammen
mit einem erst auf der letzen Seite eingeführten Ich-Erzähler, in der leeren
Wohnung der Stillmans das rote Notizbuch. Von den Hauptpersonen ist keine Spur
mehr zu finden. Das rote Notizbuch ist dann angeblich für den Ich-Erzähler, der
sonst nicht weiter in Erscheinung tritt, die Informationsgrundlage, das Buch zu
schreiben, das jetzt als „Stadt aus Glas“ als Roman vor uns liegt.
Dieser kurze Inhaltsüberblick
erweist sehr deutlich, dass es sich sicher nicht um eine klassische
Detektiv-Story handelt. Ein erwartetes Verbrechen findet nicht statt, zumindest
ist davon nicht die Rede. Opfer wie mutmaßlicher Täter verschwinden aus dem
Roman und schließlich verschwindet auch der „Detektiv“ Daniel Quinn spurlos.
Es liegt nahe, nach
symbolischen oder auch metaphysischen Bedeutungen zu suchen. Auch hier gibt die
Geschichte vielfältige aber letztlich immer in die Irre führende Hinweise und
Ansatzpunkte. Es ist daher zu fragen, ob der roman von Paul Auster überhaupt
unter der Annahme über die Literatur hinausweisender Bezüge verstanden werden
kann. Dazu ist das Konzept der Postmodern Novel zu thematisieren, die
charakterisiert wird gerade durch ihre literarische Immanenz und den Verzicht
auf stringente Bezüge zur Realität, d.h. dass der Realitätsbegriff selbst in
dieser literarischen Kategorie als suspekt verstanden wird.
Den Brüchen und Wiedersprüchen,
den Spiegelungen und Paradoxien kommt in dieser Literatur paradigmatischer
Charakter zu. Daher soll im folgenden zunächst noch einmal auf die Frage nach
der Klassifizierung des Romans unter literaturwissenschaftlicher Kategorien
eingegangen werden, um dann die zentrale Problemstellung der unsicher gewordenen
Identitäten zu thematisieren. Dies soll beispielhaft durch eine Charakteristik
der im Roman auftretenden vier Hauptpersonen, ihrer Charakteristiken und
sprachlichen Realisierung belegt werden.
Kapitelübersicht
1.
Kapitel: Vorstellung von Daniel Quinn und seinem
„alter ego“ William Wilson. Darstellung des Bruchs in der Biographie des
Protagonisten und seinen Identitätsproblemen. Einführung der Detektiv-Figur aus
den Büchern von William Wilson: Max Work, Privatdetektiv („pivate eye“). Quinn
liest den Reisebericht von Marco Polo, insbesondere die Stelle, in der er die
Authentizität seiner Schilderung beteuert. Beginn der eigentlichen Romanhandlung
mit dem Anruf, der einem Paul Auster gilt, von dem angenommen wird, dass er
Detektiv sei. Beim ersten Anruf besteht Quinn darauf, dass er nicht der gesuchte
Paul Auster sei. Doch dann wartet er mehrere Tage den zweiten Anruf ab, indem er
sich selbst in die fiktionale Rolle eines Privatdetektivs nach dem Bild von Max
Work versetzt und den Anruf als Paul Auster annimmt. Die Stimme am Telefon
vereinbart mit Quinn/Paul Auster ein Treffen. Anlass ist die Befürchtung, Opfer
eines geplanten Mordes zu werden.
2.
Kapitel: Quinn besucht seine neuen Klienten.
Zunächst lernt er die attraktive Virginia kenn, Ehefrau von Peter Stillman, der
anschließend Quinn sein Hilfeersuchen und seine Lebensgeschichte in einem
seltsamen, ununterbrochenen Monolog erzählt. Es erschließt sich in
verklausulierter Erzählform, dass Peter Stillman als Kleinkind von seinem Vater
in einen dunklen Raum gesperrt und ohne sprachliche Kommunikation über Jahre hin
gefangen gehalten wurde. Nach seiner Befreiung muss er Sprechen und alle
Alltagsfähigkeiten neu erlernen, sein Umgang mit Sprechen hat daher etwas
mechanisches, repetitives und zwanghaft-maschinelles an sich.
3.
Kapitel: Virginia Stillman ergänzt die Erzählung
ihres Mannes, indem sie auf die spekulativen, theologischen Ideen des Vaters
Peter Stillmann verweist, der von der fixen Idee besessen war, dass es eine
Sprache vor dem Sündenfall und vor der Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel
gegeben habe, in der das Bezeichnete mit der Bezeichnung identisch gewesen sei.
Die Erlösung der Menschheit, das „wiedergewonnene Paradies“, sei mit der
Rekonstruktion dieser göttlichen Sprache zu verwirklichen. Das Experiment, ein
Kind ohne Sprache aufwachsen zu lassen, solle es ermöglichen zu erfahren, ob es
intuitiv diese göttliche Sprache der Unschuld erlernen und Sprechen könnte. Das
Experiment scheitert innerlich, indem der Sohn diese Sprach nicht spricht – was
im Kontext der Erzählungen von Peter Stillman freilich nicht ganz so eindeutig
zu konstatieren ist! – und äußerlich durch den Eingriff von außen, nach dem der
Vater verhaftet und in die Psychiatrie eingeliefert wird. Zum Zeitpunkt des
Romans soll er entlassen werden und wird am folgenden Tag am Bahnhof in New York
erwartet. Paul Auster alias Daniel Quinn soll herausbekommen, was Peter Stillman
sen. vorhat – ihm wird der Plan der Ermordung seines Sohnes unterstellt – und
den Sohn beschützen. Quinn nimmt diesen Auftrag an.
4.
Kapitel: In diesem kurzen Kapitel rekapituliert
Quinn seine Kenntnisse über vergleichbare Fälle, die in der Literatur
auftauchen, entweder als zufällige Aussetzungen von Kindern oder als
„Humanexperimente“ über den Spracherwerb oder andere Formen der Isolationshaft.
Erwähnt werden Experimente im alten Ägypten bei Pharao Psamtik, nach einem
Bericht von Herodot. Es ist hier nicht möglich, die Authentizität dieser
„Quellen“ wie auch der später im Roman bezogenen Literaturverweise zu überprüfen
und zu verifizieren. Eine inhaltliche Interpretation des Spannungsverhältnisses
von Fiktion und Realität im Roman von Auster lässt diese Frage aber auch als
nebensächlich erscheinen. Herangezogen wird in diesem Kapitel auch Montaignes
„Apologie des Raymond Sebond“, die Lebensgeschichte von Alexander Selkirk, der
angeblich als Vorbild für „Robinson Crusoe“ gedient hat, sowie Findelkinder wie
der „Knabe von Aveyron“ (1800), „Kaspar Hauser“ (1828) und „Peter von Hannover“,
der am englischen Hof Swift und Defoe vorgestellt worden sein soll.
5.
Kapitel: Quinn fährt durch New York, geht Essen und
führt Gespräche über Baseball. Er kauft sich dann das rote Notizbuch, das fortan
den weiteren Verlauf der Geschichte fixiert und das am Ende des Romans eine
entscheidende Rolle spielt. Die ersten hier wörtlich zitierten Eintragungen
reflektieren den Besuch von Quinn bei Peter und Virginia Stillman, wobei eine
erotische Spannung zu dieser Frau unverkennbar wird.
6.
Kapitel: Quinn liest in der Bibliothek der Columbia
University das Werk von Peter Stillman sen.: „Der Garten und der Turm: Frühe
Visionen der Neuen Welt“. Die vielfachen Rezeptionsebenen der Literaturbezüge,
die in ihrem Kern die theologische Spekulation über das Paradies und den Turmbau
von Babel beinhalten, ist im Rahmen der inhaltlichen Interpretation näher zu
erläutern. Interessant ist, dass Stillman als einen Hauptzeugen seiner Thesen
einen Henry Dark einführt, der Privatsekretär von John Milton gewesen sein soll
und nach dessen Tod in die Neue Welt auswanderte, um hier über die bevorstehende
Neuerrichtung eines Turms zu Babel und die Rückkehr ins Paradies zu spekulieren.
In einem späteren Kapitel bezeichnet Stillman selbst diese Figur als nicht
historisch, sondern von ihm selbst erfunden, um seine eigenen Gedanken
auszudrücken.
7.
Kapitel: Quinn holt an der Grand Central Station
Peter Stillmann ab. Er lebt sich in seine Rolle als Paul Auster ein. „Sieh es
mit Austers Augen... und denke an nichts anderes.“(66) Er begegnet beim Warten
einem Mädchen, dass einen seiner William Wilson/Max Work Romane las. In einem
kurzen Gespräch klassifiziert sie diesen Roman als eher durchschnittlich. „Es
vertreibt einem die Zeit, denke ich. Jedenfalls ist es keine große Sache. Eben
nur ein Buch.“ (69) Im zweiten Teil des Kapitels tritt Stillman sen. auf,
irritierenderweise aber gleich zweimal. Quinn muss sich entscheiden, wem er
forthin folgt. Er eine Stillman, den Quinn identifiziert sieht gut angezogen,
gebildet und eher wohlhabend aus, doch nach einigem Zögern entschließt sich
Quinn dem anderen abgerissenen ärmlichen und sich nur zögernd bewegenden
Stillmann zu folgen. Der alte Mann nimmt ein Zimmer im Hotel Harmonie, „eine
schäbige kleine Herberge für heruntergekommene Existenzen“ (75) am Broadway.
8.
Kapitel: Das Kapitel beschreibt die Wege Stillmanns
durch einen eng abgegrenzten Bezirk New Yorks zwischen Riverside Park und
Amsterdam Ave. Quinn entwickelt dabei eine zunehmend ins detailgehende Technik,
die scheinbar sinnlosen Handlungen des alten Mannes in seinem roten Notizblock
im Gehen zu notieren. Die Wege sind zunächst scheinbar völlig willkürlich. In
regelmäßigen Abständen bückt sich Stillmann und hebt kleine weggeworfene
Gegenstände auf, die er aufmerksam begutachtet und in seiner Tasche verstaut. Im
zweiten Teil des Kapitels versucht Quinn, einen sinn in die willkürlichen Wege
jeden Tages zu bringen und indem er die Tageswege auf dem Papier nachzeichnet,
glaubt er in ihnen Buchstaben lesen zu können, eingeschrieben in den Stadtplan.
Er liest letztlich die Wortfolge THE TOWER OF BABEL. Weder der Autor noch Quinn
legen sich jedoch fest, ob es sich hier um ein willkürliches
Hineininterpretieren in zufällige Bilder oder um einen immanenten Sinn handelt.
9.
Kapitel: Quinn nimmt zum ersten Mal
persönlichen Kontakt mit Stillmann auf. Beim ersten Mal auf einer Parkbank im
Riverside Park stellt er sich als Quinn vor. Das Gespräch geht darum, wie
wichtig es ist, einen Namen zu kennen. „’aber sobald ihm jemand seinen Namen
gesagt hat, ist er doch kein Fremder mehr. ‚’’richtig. Deshalb spreche ich nie
mit Fremden.’“ (93) Stillmann spricht über sein Projekt: „ Sehen sie, ich bin
dabei eine neue Sprache zu erfinden“ (96). Er ordnet den gesammelten Dingen, die
keine Funktion mehr haben neue Wörter zu, die ihm intuitiv eingegeben werden.
Das Wichtige dabei ist, dass diese Wörter mit dem Ding selbst identisch werden
und nicht eine zugewiesene Funktion bezeichnen. Nur an dieser Stelle wird einmal
kurz der Bezug zu New York und zum Romantitel erkennbar, wenn Stillman sagt:
„Ich bin nach New York gekommen, weil es der verlorenste, der elendste aller
Orte ist. Die Zerbrochenheit ist allgegenwärtig, die Unordnung universal... Die
zerbrochenen Menschen, die zerbrochenen Dinge, die zerbrochenen Gedanken.“ (97)
Die Stadt aus Glas ist hier eine Stadt aus zerbrochenem Glas. Die zweite
Begegnung findet beim Frühstück im Mayflower Café statt. Stillman erkennt
(sichtlich oder scheinbar) Quinn nicht wieder, der sich jetzt als Henry Dark
vorstellt. Stillman erkennt in dem Namen die von ihm selbst erfundene Figur in
seinem Buch „Der Garten und der Turm“ wieder und es entsteht ein Gespräch
darüber, ob eine erfundene Figur in der Realität existieren kann. Der Name Henry
Dark verweist nach Stillman in den Initialen auf Humpty Dumpty, dem
philosophischen Ei auf der Mauer in Lewis Carroll’s „Alice hinter den Spiegeln“.
Die dritte Begegnung am selben Tage findet wieder im Riverside Park statt. Die
Stelle wird charakterisiert mit der historischen Reminiszenz, dass 1843/44 Edgar
Allen Poe hier viele Stunden verbracht hatte. Jetzt stellt sich Quinn als Peter
Stillman vor. Stillman sen. akzeptiert dies und erkennt in Quinn seinen Sohn
Peter. Im Gegensatz zu den Befürchtungen Peter Stillmans am Anfang des Buches
lobt Stillman sen. seinen Sohn als unvergleichlichen Segen und als intelligent.
Das Gespräch endet mit einem Exkurs über die Verabscheuungswürdigkeit der Lüge.
Am nächsten Morgen ist Stillman sen. aus seinem Hotel verschwunden und er
vereinbart mit Verginia Stillman sie alle zwei Stunden über seine Suche nach dem
Verschwundenen zu unterrichten.
10.
Kapitel: Quinn sucht den im Telefonbuch gefundenen
Paul Auster auf. Paul Auster ist kein Privatdetektiv sondern
Schriftsteller, der auch Gedichtbände von Q uinn aus seiner früheren
Lebensperiode gelesen hatte. Die Figur des William Wilson verschwindet hier ganz
in der Versenkung. Das Gespräch ist ehr freundlich und Quinn schildert seine
Erlebnisse sehr detailliert. Auster ist bereit, den von Verginia Stillman, ihrem
Irrtum folgend auf den Namen Paul Auster ausgestellten Honorarscheck für Quinn
einzulösen. Im zweiten Teil des Kapitels berichtet Paul Auster von dem Buch an
dem er gerade arbeitet, einer spekulativen Untersuchung über die fiktionale
Autorschaft der Erzählung des Don Quichote von Cervantes. Die cervantische
Legende der Herkunft des Buches aus einer Übersetzung aus einem arabischen Text
von Cid Hamete Benengeli wird durch Auster in den Roman selbst hinein
verfolgt als ein fiktionales Projekt von Don Quichote selbst, wobei der Erzähler
selbst als Sancho Pansa identifiziert wird.
11.
Kapitel: Der Kontakt zu Verginia Stillman bricht
ab, da das Telefon über Tage hinweg dauernd besetzt bleibt. Hier entfernt sich
das Verhalten von Quinn immer weiter von erwartbaren detektivischen Verhalten.
Weder sucht er anderweitigen Kontakt zu den Stillmans noch verfolgt er weitere
Recherchen über die Person und den Fall Stillman selbst , sondern er
intensiviert die Beschreibung der unmittelbaren Eindrücke, die er bei seinem
planlosen Suchbewegungen durch das Stadtviertel gemacht hat. Im wörtlichen
Zitat aus seinem roten Notizblock beschreibt er vor allem Obdachlose, Bettler
und Heruntergekommene, ein Zitat, dass mit einem Verweis auf Beaudelaire endet
(134). Schließlich löst seine materielle Existenz auf und sucht sich ein
Beobachtungsplatz gegenüber dem Haus der Stillmans aus, um zur Stelle zu sein,
wenn Stillman sen. in bedrohlicher Absicht das Haus betreten würde.
12.
Kapitel: Quinn bleibt über Tage, Wochen und
Monate auf seinem Beobachtungsposten an und in einer Mülltonne am
gegenüberliegenden Haus und wird dort von niemandem entdeckt. Seine
Beobachtungen bleiben folgenlos. Geschildert wird ein Prozess der
Entpersonalisierung Quinns, der durch systematische Reduktion seine Ernährungs-
und Schlafbedürfnisse und den Verzicht auf jede Hygiene zum zerrissenen
Obdachlosen wird. Nachdem er sein gesamtes Geld ausgegeben hat für seine
spärliche Ernährung muss er seinen Standort aufgeben und geht zu seiner Wohnung
zurück, um dort neu eingegangenes Geld zu holen. Auf dem Wege dorthin ruft er
Paul Auster an, um sich nach der Einlösung seines Schecks zu erkundigen. Auster
ist recht ungehalten darüber, solange nichts von Quinn gehört zu haben und sagt
dass der Scheck geplatzt ist. Er bringt auch seine Verwunderung zum Ausdruck,
dass Quinn den Fall weiter verfolgt hätte, da doch in den Zeitungen gestanden
hätte, dass sich Stillman sen. durch einen Sprung von der Brücke in den Hudson
River das Leben genommen hätte, und zwar gerade an dem Tag, an dem Quinn ihn
nicht mehr in seiner Herberge angetroffen hatte. Als Quinn seine Wohnung
erreicht und mit seinem Schlüssel aufschließt, entdeckt er, dass sie vom
Vermieter ausgeräumt und an eine junge Frau neu vermietet worden ist. Ohne
materielle Verbindung zu seiner eigenen Vergangenheit steht er nun tatsächlich
obdachlos auf der Straße.
13.
Kapitel: Quinn geht zur Wohnung der Stillmans, die
offen steht. Sie ist vollständig leer und ausgeräumt. Im hinteren Teil der
Wohnung war ein kleiner Raum mit einem kleinen Fenster hinaus zum Luftschacht.
Quinn entkleidet sich und warf alles was er besaß außer seinem roten Notizblock
in diesen Luftschacht. Die Zeit der Dunkelheit verschläft er und entdeckt, als
es wieder hell war, dass ein Tablett mit Essen an seine Seite gestellt war. Er
nutzt nach dem Essen die Helligkeit weiter in seinen Notizblock zu schreiben. So
bleibt er in immer gleichbleibender Routine über einen unbestimmbaren sehr
langen Zeitraum, indem die Zeiten der Dunkelheit immer länger und die der
Helligkeit immer kürzer wurden bis schließlich die letzte Seite seines
Notizblocks erreicht ist. Im zweiten Teil des Kapitels führt sich ein völlig
unbestimmter Ich-Erzähler ein, der von seinem Freund Auster über das
Verschwinden von Quinn und seine unglaubliche Geschichte informiert wird. Zum
Schluss gehen dieser Ich-Erzähler und Paul Auster, die Roman Figur, zu der
Wohnung der Stillmans, die sie genau leer und verlassen vorfinden wie lange Zeit
zuvor Quinn. In dem kleinen Zimmer am Ende des Ganges finden sie einzig das rote
Notizbuch von Quinn. Und der Roman endet mit folgendem Satz: „Das rote Notizbuch
ist natürlich nur die halbe Geschichte, wie jeder empfindsame Leser verstehen
wird. Was Auster angeht, bin ich überzeugt, dass der sich in der ganzen Sache
schlecht benommen hat. Wenn unsere Freundschaft zu Ende ist, ist er selber
Schuld. Was mich betrifft, so bleiben meine Gedanken bei Quinn. Er wird immer
bei mir sein. Und wohin immer er verschunden sein mag, ich wünsche ihm
Glück.“(160)
Personenübersicht
Paul Auster
Mit dem Namen Paul Auster
werden mehrere Personen bezeichnet, deren Beziehungen und Identitäten nicht
eindeutig sind. Materiell fassbar ist der Autor des gesamten Romans Paul Auster.
Er wird dem Leser durch sekundäre Quellen und Klappentexte bekannt gemacht,
deren Authentizität wie in allen vergleichbaren Fällen nicht unabhängig von der
Selbstdarstellung des Autors und den Zufälligkeiten der literarischen Rezeption
ist. Wie viel vom Autor sich in den Figuren seines Romans spiegelt ist nur
schwer zu erschließen. Paul Auster, die Romanfigur, wird zunächst nur als Name
eingeführt, der, der Verwechslung des Telefonanrufes, der Quinn erreicht,
eingeführt. Im weiteren Verlauf des Romans tritt aber Paul Auster als Figur auf,
die von Quinn aufgesucht wird (10.Kapitel).
Im Gegensatz zur Erwartung
ist Paul Auster (wie der Autor des Romans) Schriftsteller und kein
Privatdetektiv. Dadurch bleibt die Möglichkeit offen, wie es auch im Roman
selbst erwähnt wird, dass es ehedem einen Privatdetektiv in New York
gegeben haben könnte, der die Verwechslung am Anfang des Romans gegolten hatte.
Durch diese Verwechslung tritt
der Protagonist des Romans Daniel Quinn den Namen und vielleicht später auch die
fikitve Identität dieses nicht näher bezeichneten Privatdetektivs Paul Auster
an.
Inwieweit der auf der
vorletzten Seite namenlos eingeführte Ich-Erzähler dem im Roman die Autorschaft
des Romans als Tatsachenbericht zugeschrieben wird mit dem Autor Paul Auster
identisch sein soll bleibt spekulativ.
Die Romanfigur Paul Auster
bleibt als Figur in für den Roman typischerweise unscharf und wenig mit realem
Hintergrund ausgestattet. Man erfährt bei dem Besuch Quinns bei Auster, dass
dieser verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat, dessen nicht funktionierendes
Jojo ebenso als ein auf die Metaebene verweisendes Symbol verstanden werden
kann. Im Zentrum der Beschreibung Paul Austers steht jedoch die Darstellung
seines schriftstellerischen Projektes zu Cervantes Don Quichote. In diesem steht
die Spekulation über die fragwürdigen und selbstbezüglichen Aussagen über die
Romanfiguren und die Bedeutung fiktionaler Identität im Mittelpunkt. Das
verweist darauf, dass die Romanfigur Paul Auster letztlich dasselbe Thema
fokussiert wie der Autor Paul Auster in seinen Romanen oder Peter Stillman
in seiner die Grenze des Wahnsinns überschreitenden theologischen
Spekulation.
Diese Verknüpfung der
Identitäten weist auf eine Bedeutungsebene des Romans hin, die einen
philosophischern oder literaturwissenschaftlichen Diskurs anspricht. Als These
kann hier über den Roman selbst hinaus auf eine Auswechselbarkeit der
Identitäten – im Roman der mit Paul Auster bezeichneten Figuren – hingewiesen
werden, gleichwohl auch auf die Zufälligkeit und Uneindeutigkeit jeglicher
Identitätszuweisung.
Quinn
Es ist möglich die Figur von
Quinn als eine Spiegelung der von Paul Auster zu sehen. Nicht nur dass Quinn
durch Zufall mit Paul Auster verwechselt wird, und zwar dem Privatdetektiv Paul
Auster, sondern auch dass er anschließend als Paul Auster zur handelnden Figur
wird. Dass Quinn hier in eine andere Rolle und Identität schlüpft, ist auch
kennzeichnet für die Konzeption dieser Figur, die gerade damit eingeführt wird,
dass sie mit der Rolle des Schriftstellers Quinn nach dem Tod von Frau und Sohn
gebrochen hat und sich selbst konzipiert als Kriminalautor William Wilson. Die
von William Wilson, dem „alter ego“ von Quinn, kreierte Romanfigur Max Work
stellt damit eine potentielle Identität von Quinn dar, mit der er sich, nachdem
er in die Rolle des Detektivs Paul Auster geschlüpft ist, zunehmend selbst
identifiziert.
Die Vielzahl der Rollen und
Bezeichnungen für Quinn weisen auf multiple Identitäten hin. Dies ist jedoch
keinesfalls im psychologischen Sinne zu verstehen, denn die Psyche des
Protagonisten bleibt trotz ständiger Reflexionen unklar und widersprüchlich.
Damit ist der Identitätsbegriff in diesem Kontext auf die philosophische und
semiotische Metaebene zu beziehen und damit keine Auseinandersetzung mit
Realität , sondern mit Literatur.
Typisch für das Verhältnis von
Realität und Literatur ist schon folgende programmatisch zu verstehende Aussage
im Kapitel 1: „Wie die meisten Menschen wusste Quinn beinahe nichts über
Verbrechen. Er hatte nie jemanden ermordet, nie etwas gestohlen, und er kannte
auch niemanden, der so etwas getan hatte. Er war nie in einem Polizeirevier
gewesen, hatte nie einen Privatdetektiv kennen gelernt, hatte nie mit einem
Verbrecher gesprochen. Was er über diese Dinge wusste, hatte er aus Büchern,
Filmen und Zeitungen erfahren. Er betrachtete das jedoch nicht als Handicap.
Was ihn an den Geschichten, die er schrieb, interessierte, war nicht ihre
Beziehung zur Welt, sondern zu anderen Geschichten. Schon bevor er William
Wilson wurde, war Quinn ein eifriger Leser von Detektivromanen gewesen. Er
wusste, dass die meisten schlecht geschrieben waren, dass die meisten keiner
noch so oberflächlichen Prüfung standhalten konnten, aber die Form sprach ihn
an, und nur einen ganz besonders schlechten Detektivroman würde er sich zu lesen
geweigert haben“. (10/11)
Wenn dies für Quinn bzw.
William Wilson eine Aussage über eigene Autorschaft ist, gilt es im übertragenen
Sinne für alle Autoren, da das Nichtwissen der Realität nicht nur ein zufälliger
Defizit in der Kenntnis, sondern ein grundlegendes Problem von Wahrnehmung und
Rezeption ist, das im heutigen Roman und damit in besonderer Weise bei Paul
Auster zum Thema des Erzählens selbst gemacht wird.
Die Figur Quinn bildet eine
Person ab, deren vielfältigen Namen und Identitäten sie der Eindeutigkeit und
Fassbarkeit entziehen, sowie im spiegelbildlichen Sinne sich der Name Paul
Auster der eindeutigen Zuordnung zu einer Person entzieht. An dem
Berührungspunkt der beiden Figuren entsteht eine vexierbildhafte Identität
beider Figuren, bei der letztlich Paul Auster zur Quelle der Identität von Quinn
wird, und zwar als Berichtender im Roman selbst wie als Autor des Romans
(vielleicht auch als Ich-Erzähler).
Peter
Stillman jr.
Peter Stillman wird als Opfer
eingeführt, Opfer eines unbeschreiblichen Verbrechens seines Vaters und
potentielles Opfer einer Rache seines Vaters, der nach Aussagen des Sohnes,
dessen Leben bedroht, nachdem er aus der Psychiatrie entlassen wird. Diese
Befürchtung wird von seiner Frau Virginia Stillman bestätigt.
Die Geschichte des Peter
Stillman jr. Wird von ihm selbst berichtet. Zum größten Teil weniger durch
direkte Beschreibungen und Jaussagen als durch die Art seines Sprechens selbst,
durch die Evokation (Hervorrufung) von Affekten beim Zuhörer, die im Gegensatz
stehen zu der fast mechanisch klingenden, „künstlichen“ und einheitlich
emotionslosen Sprache des Peter Stillman.
Neun Jahre seiner Kindheit
soll Peter Stillman von seinem Vater in einem dunklen, geräuschlosen Raum ohne
jegliche Möglichkeit zu menschlicher Kommunikation eingesperrt gewesen sein. In
den dreizehn Jahren, die seit seiner Befreiung vergangen sind und in denen sein
Vater Strafe und Psychiatrie erfuhr, musste Peter Stillman jr. Sprechen und
Leben lernen. Seine spätere Ehefrau Virginia Stillman war zunächst seine
Therapeutin und blieb bei ihm, um ihn zu fördern und zu beschützen. Ihr
Verhältnis bleibt uneindeutig. Während Peter Stillman sexuelle Kontakte
bestreitet stellt Verginia diese Aussage in Frage.
Noch erscheint Peter Stillman
eher als künstliches Geschöpf, der eine lange einstudierte Rede vorträgt und zu
echter Kommunikation noch unfähig ist, denn als Persönlichkeit. Seine Identität
bleibt fraglich. Gegenüber dem Leser wird er durch sein Sprechen identifiziert
und charakterisiert, seine Rede ist in diesem Kontext enervierend (nervig). Vor
allem fällt die Uneindeutigkeit der Aussagen auf. Er bezeichnet sich zwar selbst
als Peter Stillman, wiederholt aber ständig „das ist nicht mein richtiger
Name“(27 deutsch). Ansonsten spricht er von sich in der dritten Person und nennt
sich mit Vornamen :“Peter war ein braver Junge“ (27). In einzelnen Sätzen belegt
er sich mit den verschiedensten Namen, die der referierten Stimmung entsprechen
und spricht absatzweise mit erfundenen Wörtern, deren Bedeutung nur er kennen
will (z.B. S. 26). Ein Schlüsselabsatz verbindet seine Lebenswelt mit der
Spekulation seines Vaters: “Peter kann jetzt wie Menschen sprechen, aber er hat
noch die anderen Wörter in seinem Kopf. Sie sind Gottessprache und niemand sonst
kann sie sprechen. Sie können nicht übersetzt werden. Deshalb lebt Peter so nahe
bei Gott. Deshalb ist er ein berühmter Dichter.“ (30)
Peters Aussage führt damit in
doppelter Weise in die Thematik des Romans, welche Beziehungen der Dichter zu
den Worten und zu den Dingen herstellt, herstellen kann, ob er tatsächlich
Gottes Sprache sprechen muss. Insofern entsteht hier ein Gegenbild zum
Selbstverständnis des Schriftstellers wie es bei Quinn alias William Wilson
formuliert wird.
Peter
Stillman sr.
Herbert Geisen
„Allenfalls der ältere Stillman
entzieht sich nicht von vornherein der Analyse.“ (242). Dennoch bleibt auch hier
eine fundamentale Unschärfe, die sich bei Peter Stillman sen. eher in
offensichtlichen Widersprüchen äußert zwischen den Wahrnehmungen der anderen
Romanfiguren und dem eigenen Verhalten und den geäußerten Selbstkonzepten.
Letztere finden ihre Entsprechung in dem schon vorher von Quinn gelesenen
und referierten Buch Stillmans über das Paradies und dem Turmbau zu Babel.
Die von Peter Stillman jun.
vorgetragenen Verbrechen seines Vaters weisen auf einen verwirrten,
psychotischen und antisozialen Charakter von Peter Stillman sen hin. Doch werden
sie vom Sohn, auch darin immer noch Geschöpf oder Spiegelung des Vaters, weniger
als Verbrechen an seiner Kindheit, denn als Bedrohung seiner Zukunft
wahrgenommen. Diese Charakterzüge werden von dem als gegeben angenommenen
Aufenthalt in der Psychiatrie vor seiner Ankunft in New York scheinbar
bestätigt, obwohl dies allein auf Aussagen von Peter und Virginia Stillman
zurück zu führen ist. Peter Stillmans Wege durch New York und seine Gespräche
mit Quinn zeigen einen versponnenen, schrulligen und in einer eigenen Welt
lebenden Charakter, wie er in der englischen Literatur immer wieder auftaucht.
Peter Stillman sen erscheint hier als durchaus sympathischer alter Mann, der
positiv und voller Liebe von seinem Sohn spricht. Aus diesen Kontakten Quinns zu
Stillman lässt sich keineswegs eine Bedrohung Peter Stillman jun. herauslesen.
Die Sprache von Peter Stillman
sen. ist zwar äußerlich dialogisch und in der Diktion eher einfach, bezogen auf
die kommunizierten Inhalte aber monomanisch( auf seine spekulativen Themen
bezogen). Der Anspruch seiner „Philosophie“ entspricht oft den spekulativen
Phantastereien pubertierender Jugendlicher, was nicht bedeutet, dass sich in
ihnen durchaus ernsthafte philosophische und theologische Diskurse
widerspiegeln.
Zur
Frage der Identität
Schon bei einer ersten Lektüre
von Paul Auster drängt sich die Frage auf, wie denn die Identität der einzelnen
Figuren zu fassen sei. Die Verschwommenheit, Uneindeutigkeit und besser noch
perspektiv gebundene Mehrdeutigkeit der Charakterisierungen der einzelnen
Figuren gehört zu den Charakteristiken dieses Romans und ist sicherlich als
Thema und Leitmotiv zu bezeichnen.
Uns begegnet in dem Roman
nicht die klassische Erzählhaltung, die den Eindruck erwecken will Realitäten
und in der Realität existierende oder realistisch glaubwürdige Personen
darzustellen. Der Leser im realistischen Roman in eine Welt herein gezogen,
deren fiktionaler Charakter für ihn in der Zeit der Lektüre nicht bedeutungsvoll
ist. Für die schon angesprochene postmoderne Erzählung ist diese Erzählhaltung
ganz grundsätzlich fragwürdig geworden und wird selbst zum Thema des Erzählens.
Somit erscheint die Identität
der Personen auch nicht mehr als Behauptung einer fest gefügten Realität,
sondern wird in Möglichkeiten aufgelöst, die abhängig von der Rezeption durch
die ebenso fiktionalen Figuren des Romans. Der Leser wird somit nicht zum
Teilhaber eines Zusammentreffens von „glaubwürdigen“ Charakteren, sondern wird
durch seine Zweifel über die Identität der Figuren zum grundsätzlichen Zweifel
am Konzept der Identität selbst geführt.
Damit kann eine Verbindung
hergestellt werden zum Fragwürdigwerden des Identitätsbegriffes in der
Philosophie und den Sozialwissenschaften.
Die Behauptung einer Identität ist ein Konstrukt in den Köpfen der Menschen und
damit vom kulturellen Kontext abhängig. Die Denknotwendigkeit einer Identität
besagt nicht, dass sie Eigenschaft der Natur selbst sei: Sie ist eine
Interpretation dessen, was wir als Realität wahrnehmen. „Identität ist die
Einheit von Unterscheidbarem: die Gleichheit von Etwas mit etwas anderem. Als
personale oder Ich-Identität kann man folglich die projektive Einheit eines
individuellen Subjekts bezeichnen, das sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten als
es selbst identifiziert.“
Jürgen Habermas definiert Identität als „Fähigkeit sprach- und handlungsfähiger
Subjekte auch noch in tiefgreifenden Veränderungen der
Persönlichkeitsstruktur... mit sich identisch zu bleiben“.
Was der Philosophie und
Gesellschaftswissenschaft fragwürdig geworden ist, kann von der Literatur
zumindest, wenn sie im geistigen Zusammenhang der Gegenwart steht, nicht
naiv ignoriert werden. Die Literatur bezieht sich nicht nur immanent, sondern
heute explizit auf die Literatur und literarischen Diskurse, die die eigentliche
literarische Realität sind. Philosophische Paradoxien finden sich in
literarischen Paradoxien. Bezeichnend ist hierfür Peter Stillmans sen. Erwähnung
von Lewis Carroll, wenn er ausführt: „Humty Dumpty: die reinste Verkörperung des
Menschseins. Hören sie mir aufmerksam zu , Sir. Was ist ein Ei? Es ist das, was
noch nicht geboren wurde. Ein Paradoxon, nicht wahr? Denn wie kann Humpty Dumpty
leben, wenn er noch nicht geboren wurde? Und dennoch lebt er – täuschen Sie sich
da nicht. Wir wissen es, weil er sprechen kann. Mehr noch, er ist ein
Sprachphilosoph. ‚wenn ich ein Wort gebrauche, sagte Humty Dumpty im
leicht verächtlichen Ton, so bedeutet das, was ich will dass es bedeutet – weder
mehr noch weniger. Die Frage ist nur sagte Alice, ob Sie machen können, dass
Wörter so viele Dinge bedeuten. Die Frage ist, sagte Humpty Dumpty, wird der
Herr sein soll – das ist alles.’“(140 engl.).
Stillman sen., und damit der
Autor Paul Auster, zeigt damit auf, dass die Frage nach der Problematik der
Identität nicht nur ein Thema moderner und postmoderner Philosophie ist, sondern
letztlich zu den klassischen Fragestellungen der Philosophen gehört, die in der
Literaturgeschichte immer wieder ihre Spiegelung erfahren haben.
Mit dem Begriff der Identität
verknüpfen sich in dem Roman von Auster andere Charakteristiken, die eben
leitmotivisch die einzelnen Kapitel durchziehen: die Frage der Spiegelung von
Situationen und Charakteren, die Frage der offensichtlichen
Widersprüchlichkeiten, in denen eine Behauptung oder Charakteristik explizit
oder immanent widerrufen oder unglaubwürdig gemacht wird, und auch die für
den Leser immer wieder aufscheinende Sinnhaftigkeit von Einzelheiten und Namen,
deren Sinn letztlich literarischen Lesegewohnheiten entnommen wird, die aber im
Kontext des Romanes nicht oder nur in spekulativer Interpretation bestätigt
werden können.
Spiegelungen von Situationen
finden sich in besonders auffälliger Weise in der erzählten Isolationssituation
von Peter Stillman jun. in seiner Kindheit mit der Situation von Quinn am Ende
des Romans, wobei der Spiegelcharakter in zweierlei Weise offensichtlich wird.
Befindet sich Peter Stillman jun in einer erinnerten, erlittenen Zwangslage, die
er nachträglich in gewisser Weise als positive Erfahrung umdeutet, begibt sich
Quinn am Ende seiner erzählten Existenz freiwillig in die Isolation, wobei die
Reduzierung seiner Identität gespiegelt wird in der zunehmenden Dunkelheit und
der abnehmenden Kommunikationsfähigkeit in seinem roten Notizbuch. Damit ist
auch schon die zweite Spiegelung angesprochen, die eine weitergehende
Interpretation voraussetzt, dass die Befreiung von Peter Stillman aus der
Dunkelheit ein Entwicklungsprozess ist, dem bei Quinn der Weg in die Dunkelheit
als Dekonstruktion seiner Identität bis hin zum physischen Verschwinden im Roman
bedeutet. Das spiegelhafte Aufeinanderbezogensein kann jedoch auch in dem
schließlichen Verschwinden aller Protagonisten des Romans gesehen werden.
Widersprüchlichkeiten sind in
dem Roman offensichtlich. Schon im ersten Kapitel schreibt der Autor „mit Quinn
brauchen wir uns kaum aufzuhalten. Wer er war, woher er kam und was er tat, ist
nicht so wichtig“. (3engl.) und sofort anschließend wird Leben,
Selbstverständnis und Werk von Quinn über mehrere Seiten hin von einem
„allwissenden Erzähler“ ausgebreitet. Selbst die Angaben zum Erzähler sind
widersprüchlich und inkonsistent. Ganz am Ende auf den letzten Seiten des Romans
führt sich ein nicht weiter benannter Ich-Erzähler ein, der sich als Freund der
Romanfigur Paul Auster bezeichnet und eine „Legende“ zum Entstehen des Buches
ausbreitet. Danach ist das Buch von ihm nach den Notizen in dem roten Notizbuch
und Erzählungen von Paul Auster entstanden, in dem er sagt: “ich habe mein
bestes getan und mich aller Deutungen enthalten.“(222/223 engl). Dies ist
offensichtlich die Unwahrheit, da er als Erzähler keineswegs Informationen über
den ersten Teil der Geschichte, bevor Quinn seine Aufzeichnungen begann, haben
konnte und erst recht nicht über Träume von Quinn berichten kann, die dieser
ausdrücklich vergessen hat. (14, 126,179; vgl. Geisen, a.a.O. 237). Damit steht
sowohl die Identität des „allwissenden Erzählers“ wie auch des zuletzt
eingeführten Ich-Erzählers grundsätzlich in Frage, die ausdrücklich weder mit
Paul Auster dem Autor, noch Paul Auster der Romanfigur, aber auch nicht mit Paul
Auster als realer Person identifiziert werden sollen. Stellt sich hier nicht die
Frage ob auch die Person Paul Auster wie sie in der biographischen Notiz auf S.
229 dargestellt wird, ebenfalls eine Fiktion ist?
Der Leser sucht in der
Literatur sinnvolle Aussagen. Entsprechend den Lesegewohnheiten der
Detektivgeschichte versucht er die Bedeutung der Einzelheiten zu erkennen und
aus ihnen Zusammenhang und Sinn zju konzipieren. Paul Auster lässt sich auf
diese Leseerwartung nur in kontradiktorischer Weise ein, indem er die Bedeutung
von Einzelheiten als Konstrukt im Roman selbst ebenso wie als Konstrukt durch
den Leser kenntlich macht. Dabei ist abschließend eine andere Ebene der
Betrachtung erreicht, bei der nicht mehr danach gefragt wird, welche Bedeutung
die Handlung des Romans hat, sondern ob die Frage nach Bedeutungen überhaupt
sinnvoll ist. Ein Erkenntnisgewinn ist durch die Lektüre des Romans durchaus zu
erreichen, aber er bezieht sich nicht auf die Bedeutung mehr oder weniger
realistisch dargestellter Sachverhalte, die auf eine außerliterarische Realität
verweisen, sondern er zielt auf ein Weiterführen literarischer und
philosophischer Diskurse, in denen er eine eigenständige spekulative Situation
aufbaut.
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Paul Austers Roman City of
Glass, dem ersten Teil seiner New York Trilogie, ist beim Lesen eine
irritierende Erfahrung. Wir haben in unseren Überlegungen versucht,
festzuhalten, dass diese Irritationen nicht zufällig oder durch
Rezeptionsprobleme beim Leser entstehen, sondern konstituierendes Element der
Konzeption des Romans sind.
Dabei konnten wir feststellen,
dass in der Literatur Paul Auster als herausragender Vertreter der Postmodern
Novel gilt. Für diese Klassifikation ist es typisch, dass sich in der Erzählung
die unmittelbaren Realitätsbezüge auflösen und die Irritation selbst zum
Charakterzug des Erzählens wird. Wir konnten ebenfalls feststellen, dass die
Einbeziehung von Elementen der Detektiv Story in dem Roman von Paul Auster
insofern ein Spiel mit der Lesererwartung ist, als dieser eine eindeutige
Identifizierung von Tat, Täter und Opfer auf der einen Seite und der Aufklärung
durch den Detektiv auf der anderen Seite gerade nicht erfüllt wird.
Die Frage nach der Identität
der Protagonisten des Romans, der wir in einem Abschnitt nachgegangen sind,
weitet sich zu der allgemeinen Fragestellung aus, ob heute ein eindeutiger
Identitätsbegriff sowohl in der Wissenschaft wie in der Literatur noch
vertretbar ist. Die postmoderne Literatur entwickelt hier ein auf die Literatur
selbst bezogenes diskursives Realitätsverständnis, das als Dekonstruktion von
üblichen Schemata der Realitätswahrnehmung und der Sinngebung verstanden werden
kann.
Autor, Leser und Romanfiguren
werden in ihren erzählten Identitäten miteinander verbunden, in dem die Sprache
selbst als realitätskonstituierend postuliert wird. So treten reale Namen unter
wechselnden Identitäten im Roman selbst auf wie Paul Auster, der damit als
Autor, Romanfigur und irrtümliche Benennung des Protagonisten Quinn über seine
Realexistenz hinaus in mehreren Schichten und Spiegelungen literarische
Identität hinzugewinnt. Andere Figuren des Romans werden im Laufe der Erzählung
in ihrer Identität reduziert oder reduzieren sich selbst, wie Quinn, bis sie aus
dem Romankontext verschwinden, entkommen in eine außerhalb des Romans
existierende Realität, die sie Autor und Leser danken. Diese gedankliche Figur
wird in Literaturbezügen im Roman selbst mehrfach angesprochen und spielt eine
zentrale Rolle in dem vorgestellten schriftstellerischen Projekt der Romanfigur
Paul Auster, in dem nachgewiesen werden soll, dass Don Quichote selbst Urheber
und Autor des Romans Don Quichote ist. Diese philosophische Selbstbezüglichkeit,
Grundlage einer paradoxen Realitätserfahrung, greift damit auch wieder ein
Grundmuster vieler Detektiv Novels auf, nämlich das Entkommen aus einem
verschlossenen Raum. Dieser verschlossene Raum ist hier die vom Autor kreierte
Erzählwelt des Romans. Chris Pace stellt in seiner Thesis diesen Gedanken in den
Mittelpunkt seiner Interpretation von Paul Austers New York Trilogie.
Er
schreibt dazu: “I believe that these moments, when the characters realize who
and what they are, and take action to change their condition by escaping from
the locked room of the text, are the most essential moments of the trilogy. For
they remind the readers that they, too, have a part to play in creating the
book. Works of fiction, which are supposed to make the reader use his or her
imagination to create the scenes and people in the book just as much as the
author creates them in writing them, have all too often become locked rooms
where the reader has been trained to expect certain highly stylized renditions
of reality; one action should, in a conventional novel, produce another, very
specific type of reaction”
Es ist schließlich zu
überlegen, ob sich mit dieser grundsätzlichen Relativierung von Realität und
Identität zu Gunsten eines literatur- und sprachbezogenen Diskurses eine
Spiegelung der auf mittelalterlichen Spekulation fußenden theologischen
Wahnideen Peter Stillman sen. erkennen lässt.
Paul Austers Werk ist
letztlich nicht isoliert zu verstehen, sondern Teil einer literarischen
Tradition, die in der Literatur einerseits als amerikanisch jüdische Tradition
verstanden wird, anderseits, vor allem auch in der europäischen Moderne, ihre
Vorläufer und Vorbilder hat. In der Gegenwart sind hier vor allem die Romane von
Umberto Eco zu nennen. Damit stellt sich auch die Frage, nach dem Leser neu,
wobei Paul Austers Auffassung, dass der postmoderne Roman sich mit sich selbst
beschäftigt und nicht an einen Leser wendet als eine weitere Ebene der Fiktion
und der gewollten Irritation kennzeichnen lässt.
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Herausgegeben von :Christopher Keep, Tim McLaughlin, Robin Parmar
Martin Eilers ist Student an der
Technischen Universität Braunschweig,
Fachbereich für Geistes- und Erziehungswissenschaften, –
Englisches Seminar –
Adresse: Moränenweg 42, 38228 Salzgitter,
Tel. 05341-50555
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