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politik unterricht aktuell, Heft 1/2003

"Interkulturelle Konflikte"

 


Aktuelles aus der Verbandsarbeit

Kopftuchstreit

Offener Brief  an den Herrn Ministerpräsident Christian Wulff – und eine Antwort

Antwort

Dokument Information

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Der Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, sieht einen wesentlichen Arbeitsschwerpunkt sowohl in politischer wie in politikdidaktischer Hinsicht im Bereich der Interkulturellen Bil­dung und der „Aus­länderpädagogik“, die besser als Pädagogik mit und für Migranten zu be­zeichnen ist. Der Verband hat in dieser Frage gemeinsame Veranstaltungen und Publikationen unter anderem mit dem NLI, der Nie­dersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Internationalen Haus Sonnenberg, dem UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Han­nover, e.V. und schließlich mit der Deutsch-Türkischen Vereinigung für Sozial- und Geisteswissen­schaftlichen Austausch, Han­nover, e.V. (am Soziologischen Institut der Universität Hannover) durchge­führt und sieht sich daher in besonderer Weise genötigt und befähigt, zu bedenklichen Entwicklungen in diesem Bereich in der aktuellen Politik und insbesondere in der Kultus- und Wissenschaftspolitik Stellung zu nehmen. Dazu gehören, in diesem Heft dokumentiert, die Einschränkung und Ge­fährdung des Faches Soziologie an der Universität Hannover, die Gefährdung der Arbeit des Georg-Eckert-In­stituts Braunschweig, die Insolvenz des Internationalen Hauses Sonnenberg sowie der unsäglich primi­tiv geführte so genannte „Kopftuchstreit“. Der Verband hat dazu an den niedersächsischen Kultusmi­nister und den niedersächsischen Ministerpräsidenten gleich lautende Protestbriefe geschickt:

 

„Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

sehr verwundert verfolgen meine Kolleginnen und Kollegen und ich die befremdlichen Stellung­nahmen zum so genannten »Kopftuchstreit«, der sich am Rechtsstreit von Frau Ludin um ihre ab­gelehnte Einstellung in den Schuldienst entzündet hat. Ohne das Thema hier noch einmal in aller wissenschaftlichen Breite aufrollen zu wollen, möchte ich in einigen zentralen Punkten meine grundsätzliche Kritik formulieren.

·            Es ist nicht zu vermitteln, wieso dieses eher marginale Thema einen solchen politischen und emo­tiona­len Rang in der öffentlichen Diskussion einnehmen soll und wieso hier überhaupt »Grundsatzentschei­dungen« erforderlich wären. Ich habe den Eindruck, dass es sich hier um eine typische »Entlastungs­diskussion« handelt, um die öffentliche Aufmerksamkeit von den wirklich wichtigen, aber von der Regie­rung nicht zu bewältigenden Aufgaben abzulenken.

·            Es erscheint mir einigermaßen dreist und überheblich zu sein, wenn Politiker, die sich selbst als Chris­ten definieren, über die Bedeutung von »Symbolen« aus anderen Kulturkreisen schwadronieren. So sollten doch einmal bekennende Muslime dazu befragt werden, welche Bedeutungskonnotation sie dem Christlichen Kreuz zuweisen (müssen): sicher nicht die eines »Symbols der Friedfertigkeit« (es ist schön, dass sich heutige Christen zu einer solchen Be­deutung bekennen!), sondern seit der Zeit der Kreuzfahrer und der »allerchristlichsten« Impe­rialismen und Völkermorde wird eher das Blut gesehen, das diesem Symbol in der Geschichte einen außerordentlich aggressiven Charakter verliehen hat.

·            Islam heißt auch Salam (Shalom) = Frieden. Viele Muslime sehen in dieser Bedeutung das Fun­dament ihres Glaubens und sehen in kulturellen Traditionen keineswegs Unterdrückungs- und Unfreiheitssym­bole.

·            Symbole sind keinen einheitlichen Bedeutungen zuzuordnen. Die geschichtliche Erfahrung be­stimmt, ob es sich um harte Symbole mit in einer Gesellschaft unbestrittener Bedeutung han­delt, wie die Herr­schaftssymbolik des Hakenkreuzes, der SS-Runen oder des Hammer-und-Si­chel-Signets. Die große Mehrzahl symbolischer Interaktionen nutzt aber traditionale, mehr­schichtige und ambivalente weiche Symbole, zu denen Kleidungsvorstellungen, ästhetische Normen, zivilisatorische Scham- und Intimi­tätsschranken sowie die Vielzahl der Höflichkeits­rituale gehören. Die Bedeutung ist fließend und situa­tionsabhängig, und auch eine individuelle religiöse Bedeutungskonnotation ist durchaus nicht der ge­sellschaftlichen Funktion zwingend zuzuschreiben. Zu diesen weichen Symbolen gehört sicherlich auch das in vielen Kulturen heimische Kopftuch als Teil einer „anständigen“ Bekleidung der Frau.

·            Meine Großmutter wäre niemals (bis zu ihrem Tode 1968) ohne Kopftuch oder Hut in der Öffent­lichkeit aufgetreten; Tanten von mir aus dieser älteren Generation trugen Hüte mit schwarzem Augenschleier; auch meine Eltern haben kaum je auf eine „angemessene“ Kopfbe­deckung verzichtet – sie hätten sich sonst als schamlos gefühlt, so wie es viele Muslima em­pfinden, wenn sie gezwungen würden, ohne „anständiges“ Kopftuch in der Öffentlichkeit auf­zutreten (das ist mitnichten ein religiöses Gefühl son­dern symbolisiert die Zugehörigkeit zu einer kulturellen und sozialen Tradition).

·            Dass alle Symbole auch aggressiv und zu Herrschaftszwecken missbraucht werden können, steht außer Frage, also sicherlich auch Bekleidungsregeln, die in der Familie zu Konflikten führen. Aber wie war das in unserer Jugend: Verbot des Hosentragens für Mädchen in der Schule, Verbot der „Blue Jeans“ für Jungen, Tabuisierung aller erotisch wirkenden Darstellun­gen in der Öffentlichkeit („Aktion saubere Leinwand“). Wenn die gesellschaftliche Liberalisie­rung, die diese Schranken obsolet werden ließ, als gesellschaftlicher Fortschritt bezeichnet werden sollte, so kann das Akzeptieren dieser neuen lockeren Umgangsregeln sicher nicht zur Verpflichtung für jeden Einzelnen gemacht werden. Die Dis­kussion um »Regeln lernen« und »Regeln einhalten«, die die derzeitige pädagogische Diskussion fast schon in peinlicher, weil rein formaler Hinsicht bestimmt, weist gerade in die entgegen gesetzte Rich­tung. Daher ist der Streit um diejenigen, die sich anders kulturell geprägter Traditionen zuordnen, ge­rade so empö­rend verlogen und inkonsequent.

Ich habe es mir seit über dreißig Jahren als Pädagoge zur Aufgabe gemacht, den Schülern die »Schlüssel­qualifikationen« der Interkulturellen Bildung, des Verstehens und Akzeptieren des Ande­ren und der Kommu­nikationsfähigkeit zu vermitteln.

Die derzeitige bildungspolitische Diskussion läuft nun in die entgegen gesetzte Richtung: hin zur affirmativen Staatsdidaktik, zur Dominanz des kognitiven Paukstoffes über die Schlüsselqualifika­tionen etc.

Ich kann hierin nicht mehr als Herrschaftszynismus erkennen, der die Lebenschancen der kommen­den Ge­neration nachhaltig beeinträchtigt und immer größere Gruppen, zum Beispiel auch der deut­schen Muslime ausgrenzt und damit unnötige und emotional belastende Konfrontationen provoziert. Die Geisteshaltung, die den so genannten »Kopftuchstreit« vom Zaun gebrochen hat, wird letztlich in Zukunft verantwortlich gemacht werden für zunehmende Segmentierungen in unserer Gesell­schaft, zunehmende Gewaltbereitschaft und abnehmende friedliche Zusammenlebensfähigkeit.

Stu­pid white men!

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, werden Sie Ihrer Verantwortung gegenüber der kommenden Genera­tion gerecht und beenden Sie diesen unsäglichen »Kopftuchstreit«!

Hochachtungsvoll

Gerhard Voigt, Vorsitzender des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover

 

Dieser Offene Brief wurde an die hannoverschen Tageszeitungen geschickt und wird gleichzeitig im Internet veröffentlicht auf der Homepage des Verbandes der Politiklehrer e.V., Hannover:

http://www.politiklehrerverband.org

und der Homepage der Deutsch-Türkischen Vereinigung für Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Austausch, Hannover, e.V. (am Soziologischen Institut der Universität Hannover):

http://www.dta-uni-hannover.de   

 

Das Antwortschreiben des Ministerpräsidenten:

 

Christian Wulff     
Niedersächsischer
Ministerpräsident     

6. Februar 2004   .

 Sehr geehrter Herr Voigt,

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 15. Januar 2004, in dem Sie in einigen zentralen Punkten Ihre grundsätzliche Kritik zum so genannten „Kopftuchstreit“ aufzeigen. Ich freue mich, dass Sie sich so engagiert mit der Frage auseinandersetzen, ob Musliminnen als Lehrerinnen im öffentlichen Dienst ein Kopftuch tragen dürfen und habe Ihr Schreiben zur näheren Prüfung an das Niedersächsische Kultusministerium weitergeleitet. Diese aktuelle Diskussion ist geprägt von hoher Emotionalität und großer gesellschaftspolitischer Tragweite.

Den Lehrkräften obliegt als Repräsentanten des Staates eine Dienstpflicht zur unparteiischen, dem Wohl der Allgemeinheit dienenden Amtsführung. Das Erscheinungsbild einer Lehrkraft darf deshalb nicht durch einseitige weltanschauliche, religiöse oder politische Bezüge geprägt werden. Es besteht eine grundsätzliche Neutralitätspflicht des Staates für den religiösen und weltanschaulichen Bereich. Beamtinnen und Beamte würden gegen das Neutralitätsgebot und damit gegen Dienstpflichten verstoßen, wenn sie die ihnen als Repräsentanten des Staates obliegenden Dienstpflichten zur unparteiischen, dem Wohl der Allgemeinheit dienenden Amtsführung verletzten.

Die in Niedersachsen vorgesehene Regelung setzt keine strengeren Maßstäbe an 'die Neutra­­lität, sondern schafft nur die nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts notwendige bereichsspezifische gesetzliche Grundlage. Das Bundesverfassungsgericht hat ausgeführt, dass das Grundgesetz den Ländern im Schulwesen dabei umfassende Gestaltungsfreiheit lasse. Es obliege dem Landesgesetzgeber, das unvermeidliche Spannungsverhältnis zwi­­schen positiver Glaubensfreiheit der Lehrkräfte einerseits und der staatlichen Pflicht zu welt­anschaulich‑religiöser Neutralität, dem Erziehungsrecht der Eltern sowie der negativen Glau­bensfreiheit der Schülerinnen und Schüler andererseits unter Berücksichtigung des Toleranz­­gebots zu lösen und entsprechende gesetzliche Grundlagen zu schaffen. Es war deshalb nur folgerichtig, dass die beiden die Landesregierung tragenden Fraktionen von CDU und FDP einen entsprechenden Gesetzesentwurf in die parlamentarische Beratung eingebracht haben. Ich bin zuversichtlich, dass wir in Niedersachsen zu einer gesetzlichen Regelung finden wer­den, die unsere Glaubensfreiheit, aber auch die Schultradition und die religiöse Verwurzelung der Bevölkerung angemessen berücksichtigt.

Ich danke Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen für das Engagement in dieser Sache.

Mit freundlichen Grüßen

 

 

 

 

 

pua 1/2003

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell
"Interkulturelle Konflikte"
Hannover, 2002. A 5, kart.
[ISBN 3-9807714-6-6] Printausgabe vergriffen

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe / Überarbeitung: 3.8.2004 / 03.05.2010 / 16.07.2011

 

 

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