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politik unterricht aktuell,
Heft 1/2003, S.51-52
"Interkulturelle Konflikte"
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Brief zum Jahreswechsel 2003 / 2004
»Von der Weisheit des Raben…« |
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Heftimpressum
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Das vorliegende Heft von »politik unterricht
aktuell« konnte aus den Gründen, die im Heft 2002-2 schon
ausführlicher erläutert worden sind, erst mit einer einjährigen
Verspätung in Druck gehen. Wir hoffen aber, im Laufe von 2004
wieder zu einer zeitlich besser angepassten Publikationsfolge
zurückkommen zu können. Dieses Heft erscheint somit erst nach dem
Jahreswechsel 2003-2004, und es scheint uns angebracht, dies zum
Anlass zu nehmen, den Mitgliedern und Freunden des Verbandes der
Politiklehrer e.V., Hannover, und den Lesern von »politik
unterricht aktuell« in lockerer Form einige Gedanken und Wünsche
zum Jahreswechsel und zu den problematischen Perspektiven der
Bildung und Politischen Kultur mitzugeben. |
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Allen Freunden des Verbandes der
Politiklehrer wünschen wir ein erwünschtes, gesundes und
erfolgreiches Jahr – obwohl der Begriff „Erfolg“ heute in einer
Weise diskreditiert ist durch materialistische Akzentsetzung und
Begriffsverwirrung hin zur Ellenbogengesellschaft, zu
Ungerechtigkeit und „Reformen“, die das Gegenteil meinen, dass
man Erfolg kaum noch ethisch vertretbar wünschen darf. Die
stupid white men habe diese Begriffe okkupiert; auch der
Begriff „materialistisch“, den ich eben gebraucht habe, ist ja
eigentlich ein ernst zu nehmender philosophischer Begriff ohne
pejorative Nebenbedeutung… Das fragt nach dem Ort der Weisheit,
den wir in der Schule nicht mehr finden werden. Weisheit, die noch
Ziel der Gespräche in der stoa war, die im sokratischen
Dialog gesucht wurde…

Die Weisheit des Raben können wir
nimmermehr erfahren. Doch nach Wissen und Weisheit dürstet uns.
Der Wahrheit sind wir im vergangenen Jahr kaum näher gekommen. Der
Glaube an das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel ist verblasst.
Ein Jahr ist zu
Ende, die Reifen fortgebracht, dann spielen noch zwei Hände das
Lied der Nacht.
Sicher ist es nicht weise, seine Freiheit
gegen das uneingelöste Versprechen der Sicherheit einzutauschen,
die Verantwortung der anderen zu akzentuieren und sich selbst
abzusichern, nur nach Regeln zu sehen und nicht nach Inhalten
und nicht zu erkennen, dass der Regelverstoß und der Widerstand
gegen Ordnungen und Hierarchien die notwendige Wurzel des
menschlichen Fortschritts ist. |
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Dieser Fortschritt aber orientiert sich nicht
an ökonomischem Nutzen, er widersetzt sich der gängigen
Ökonomisierung aller Lebensbereiche, und für diesen Fortschritt
ist Soziale Ungleichheit noch ein ethisches Problem und das
Gerechtigkeitspostulat keine Utopie sondern Richtschnur des
Verhaltens. Gerade in Zeiten der Globalisierung und
Universalisierung muss Ethik nicht als Normierung und
Regelsystem, sondern als offener Diskurs verstanden werden.
Notwendig ist dazu vor allem der interkulturelle Diskurs, bei dem
Liberalität, Empathie und Kommunikationsfähigkeit nicht durch
Verrechtlichung und Pädagogisierung überlagert werden, ohne
dass damit Positions- und Urteilslosigkeit verbunden sein dürfen.
Eine Charta des Zusammenlebens garantiert die
erkämpften Rechte des Schwächeren gegen die Herrschenden, wie es
die Magna Charta idealtypisch vorgemacht hat. Eine Charta ist
nicht eine bindende Übereinkunft über gemeinsames Verhalten: das
wäre bestenfalls ein Gesellschafts- schlimmstenfalls ein
Unterwerfungsvertrag – wobei der alte Konflikt zwischen Rousseau
und Hobbes wieder aufscheint. Interkulturelle Empathie braucht ein
konkretes Gegenüber. Sie basiert nicht auf vagen Gefühlen,
sondern auf Wissen. Lebenslange Beschäftigung mit Ländern und
Kulturen umfasst alle Wahrnehmungs- und Erkenntnisbereiche.
Letztlich ist auch die ästhetische Erfahrung Grundlage zur
Öffnung fremder Realität. So greifen
wissenschaftlich-rationales Denken, gesellschaftliches Handeln
und ethische Orientierung ineinander über |
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Welche Vorsätze für das bevorstehende Jahr
lassen sich aus diesen Überlegungen ableiten? Da ist zum einen der
Vorsatz, sich nicht zum Funktionsrädchen von Institutionen und
Hierarchien zu machen oder machen zu lassen sondern weiterhin
Widerständigkeit zu leben und zu vermitteln.
Da ist der Vorsatz, der interkulturellen
Bildung Vorrang vor affirmativen und kognitiv dominierten
Bildungsvorstellungen und Lernzielen einzuräumen. Da ist die
Überzeugung, dass Schule kein funktionaler Transmissionsriemen von
Herrschafts- und Ordnungsvorstellungen sein darf, sondern aus dem
Diskurs Ziele und pädagogischen Impetus abzuleiten hat.
Es ist der Spagat zwischen lokalem Handeln in
der Schule und globalem Denken, das sich and den Wertvorstellungen
der UNO und der UNESCO orientiert.
Ich
habe das Glück, seit über dreißig Jahren an einer
UNESCO-Projekt-Schule zu unterrichten.
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In unserer Welt, in der das neuzeitliche
System der Nationalstaaten sich in der selben Zeit in
Globalisierungs- und Universalisierungs-Prozessen auflöst und
integriert in der Länder der Peripherien und Semiperipherien erst
um nationalstaatliche Souveränitäten kämpfen, in der der
Globalisierungs-Verlierer weltweit Auswege in obsolet und
anachronistisch gewordenen National- und Ethnizitäts-Identitäten
suchen, in der „soldatischer Ethos“ gerade bei weltweit als
kriminelle Terroristen gesuchten Selbstmordattentätern zu finden
ist, die damit endgültig die „soldatischen Tugenden“, auf denen
Europa sich einst konstituierte, ad absurdum führen, in dieser
Zeit ist ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Politischen
Bildung notwendig. |
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Der Blick auf das „politische System“ der
Bundesrepublik Deutschland als Lernziel und Lernstoff der
Schulbücher und Richtlinien ist soweit albern, als er als
Wissensstoff vermittelt werden soll, während die
gesellschaftliche Realität sich längst in globale Kontexte und
prozesshafte Abläufe sublimiert hat. Es wäre sinnvoll, Schule als
diskursive Veranstaltung im internationalen Kontext zu
verstehen. Hier hatte die Bismarckschule Hannover als eine der
ersten UNESCO-Projekt-Schulen Deutschlands in den siebziger und
achtziger Jahren eine innovative Vorreiterrolle mit
internationaler Resonanz.
Mein Wunsch an uns alle für 2004: Dass alle diese Informationen
und Kontexte
zusammenfinden auf dem Weg in die Eine Welt!
Und dass die Schule einen Neuen Weg im Neuen Jahr findet.
Gerhard Voigt |
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pua 1/2003
ISSN
0945-1544
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Dokument
Information:
Veröffentlicht
in
politik
unterricht aktuell:
"Interkulturelle
Konflikte"
Hannover, 2002.(Druck
März 2004) A 5, kart. [ISBN
3-9807714-6-6]
Printausgabe vergriffen
Herausgeber:
Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum
(vgl. Seitennavigation).
eMail:
bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
Internetausgabe /
Internetseite / politik unterricht aktuell
1/1996 / Index / Netzpublikation 06.11.02
- Überarbeitung: 3.8.2004 / 03.05.2010 / 16.07.2011 |
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