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Kommentare zu aktuellen Themen in Leserbriefen
20.10.89
Ein großer Lacherfolg:
Welch Geistes Kind sind diese
fundamentalistischen Bibelgläubigen, die unbeirrt am Berg Ararat nach
der Arche suchen? Unmittelbar vor dem Aufbruch zu einer eigenen Reise
in die Türkei reizt mich dieser Artikel doch dazu, den Unfug einmal
ernst zu nehmen und an einige, bei Archäologen und Orientalisten
unstrittige Sachverhalte zu erinnern (damit nicht ein neuer
Noah-Massentourismus diese großartige Landschaft „überschwemmt“):
Der Ararat an der nordöstlichen Grenze der Türkei
hat mit dem biblischen Berg Ararat, der in den alten Schriften zwar
ähnlich lautet, aber erst in einer später unverstandenen
Textüberlieferung dem nun nur noch bekannten Ararat sprachlich
angeglichen wurde, nichts zu tun. Der biblische Ort, der nicht mehr
widerspruchsfrei zu lokalisieren ist, liegt im Zweistromland und ist
sicherlich einer der Hügelzüge, die auch bei katastrophalen
Überschwemmungen trocken blieb. Der türkische Berg Ararat hat seinen
Namen von dem altorientalischen Reich Urartu, das in anderem
zeitlichen Kontext zwar auch im alten Testament erwähnt wird, niemals
aber in der Namensform Ararat.
Und im Übrigen: muss Bibelglauben auch bedeuten,
den Sintfluttext so zu verstehen, dass es auf einmal auf der Erde
Wassermassen gab, die die Erdoberfläche in einer Mächtigkeit von 5000
m überdeckten und dann wieder spurlos verschwanden?
An solchen Absurditäten sollte auch echte
Gläubigkeit nicht hängen (vor allem, da die Originalüberlieferungen
etwas ganz anderes meinen). Die Sintflutüberlieferung, von ihrem viel
bedeutsameren ethischen Aussagewert einmal angesehen, bezieht ihren
Realitätsgehalt aus einer oder mehreren katastrophalen Überflutungen,
die das Zweistromland tatsächlich kannte. Dass andererseits am
türkischen Ararat Artefakte zu finden sind, ist bei einem so alten
Kulturland nicht verwunderlich – eher, wenn man nichts Derartiges
fände. Was aber immer gefunden wird: die „Arche Noah“ kann es nicht
sein.
Quelle: Leserbrief Frankfurter Rundschau - Noah
Ararat 891020
20.09.1990
Von der militärischen Logik des Golfkrieges
1990
Ich gratuliere Ihnen, Herr Qwittnat, zu Ihrem
Entschluss, Ihr Blut, nicht mehr und nicht weniger wert als das der
anderen, im iraqischen Wüstensand zu vergießen. Auf jeden Fall wäre
das besser, als in Leserbriefen freihändig tausend Mitmenschen in den
unfreiwilligen Tod zu schicken!
Hände schmutzig zu machen, ist ja in Ihrem Sinne
ehrenhaft, moralische Bedenken gegen einen Kriegseinsatz, dessen Sinn
und Motiv doch mehr als umstritten sein sollte, gegen jeglichen
Kriegseinsatz gar – verwerflich?!
Ich billige keinem Staat zu, seine Bürger in den
Tod zu schicken, so genannte Feinde zu töten – und das sind in der
Mehrzahl ebenso unschuldige Opfer! – und obendrein seine
Führungschargen sorgfältig vor jeder Gefahr und Blessur zu schützen.
Solange unsere Minister und Leitartikler nicht in der vordersten Front
der Gefallenen liegen, sollte man tunlichst nicht über die
Moralvorstellungen Anderer urteilen!
Sympathie oder Rechtfertigung für Saddam Hussein?
Nein, niemals! Aber wo war der empörte Aufschrei des Westens bei dem
iraqischen Überfall auf Iran? Hier galt: meines Feindes Feind ist mein
Freund. Belohnung: Aufrüstung und Wirtschaftshilfe durch Westeuropa,
durch die BRD. Wo war der empörte Aufschrei, als zehntausende Kurden
durch Giftgas getötet wurden? Hier galt: dadurch lassen wir uns unsere
Wirtschaftsbeziehungen nicht stören. Wo ist die Initiative Europas und
der USA gewesen, die offensichtlichen Konflikte der Nahostregion, den
sozialen Sprengstoff zwischen Reichtum und Armut durch Hilfe und
Diplomatie friedlich zu entschärfen? Hier galt: im Bündnis mit den
Reichen und Herrschenden lässt sich mehr verdienen als mit
Verantwortung für die Hungernden und Unterdrückten! Und jetzt sollen
Völkerrecht und Moral die Motive für die gewaltige westliche
Truppenmassierung im Golfgebiet sein? Da glaube ich aber lieber an den
Weihnachtsmann, der uns das täglich Öl bringt!
Haben die USA nichts aus Vietnam gelernt? Wo
haben militärische Härte und Blockaden gegen einen entschlossenen
Gegner in dessen eigenem Lande jemals genutzt? Die militärische
Gegendrohung ist die Bankrotterklärung der Friedenspolitik und der
Diplomatie. Das muss nicht sein!
Zu den Artikeln über die Golfkrise –
Leitartikel „Sie halten uns für Drückeberger“ in der Ausgabe vom 8.
September – und dem Leserbrief „Gute Krämerseelen“ in der Ausgabe vom
20. September
Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine Zeitung:
Golfkrieg 1990
22.11.1990
Koalitionskrise in Berlin nach den Krawallen in
Ostberlin
Der von den GRÜNEN im Berliner Senat vollzogene
Bruch der Koalition ruft erhebliche Irritationen hervor. Einem
liberalen politischen Bewusstsein ist es, das sei voraus geschickt,
selbstverständlich, dass die persönlichen und sozialen Hintergründe
einer Straf- und Gewalttat bei der Bemessung der persönlichen Schuld
des Täters oder der Täterin herangezogen werden müssen.
Ebenso verlangt es das soziale Gewissen, dass die
Kenntnis der sozialen und ökonomische Ursachen gesellschaftlicher
Konflikte erkannt und zur Grundlage einer befriedenden Politik gemacht
werden, in dem der Einsatz staatlicher, polizeilicher Gewalt nur das
letzte Mittel sein darf.
Was mich aber mit Verwunderung und Besorgnis
erfüllt, ist, wie gering scheinbar von den GRÜNEN in Berlin
berechtigte Ängste und Schutzbedürfnisse der Anwohner, der „einfachen
Bürger“ gewertet werden im Gegensatz zum umfassenden Verständnis für
die Lage der Täter. Die Familien in diesen so genannten
„Krawallgebieten“ sind nicht in der Lage, sich selbst gegen die
Hausbesetzer- und „Autonomen“-Szene, gegen gewalttätige
Schlägerbanden zur Wehr zu setzen, geschweige denn aus eigenem
Vermögen gesellschaftlichen Frieden in diesen Bereichen wieder
herzustellen. Sie sind existentiell angewiesen auf staatlichen Schutz
und sie haben ein Recht, ihn einzufordern!
Wie irrational in dieser Situation die hektische
Kritik am Polizeieinsatz ist (wobei polizeitaktische Fehler oder
eventuelle Übergriffe selbstverständlich
kritisch-verantwortungsbewusst untersucht werden müssen), mache man
sich an einem nur leicht veränderten anderen Beispiel von Gewalt und
Schutzbedürftigkeit klar: Wie würden die führenden Politikerinnen der
GRÜNEN in Berlin auf den Vorschlag reagieren, wegen tiefempfundenen
Verständnis für die auswegslose psychologische Zwangslage der
Gewalttäter auf polizeilichen Schutz vergewaltigter und sexuell
bedrohter Frauen zu verzichten, um stattdessen auf die zeitlich nicht
absehbare gesellschaftliche Lösung des Problems hinzuarbeiten?
Ich möchte hier ausdrücklich feststellen, dass
mir die sozialdemokratische Position, keine Rangfolge der
Schutzbedürftigkeit gegenüber bestimmten Gewaltformen oder
Bedrohungssituationen anzuerkennen, sondern den staatlichen Schutz
gegenüber jeder Bedrohung zu fordern, dem Rechtstaatprinzip und der
Demokratie weitaus angemessener erscheint.
Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine Zeitung:
Berliner Krawalle
21.07.95
Rechtschreibreform:
Das „Experiment“ der Hannoverschen Allgemeinen
Zeitung, eine Seite in neuer Orthographie zu setzen, war
aufschlussreich und ermutigend. Zufällig hatte ich mehrere Artikel
dieser Seite gelesen, ehe ich mich mit dem Hauptartikel über die
Rechtschreibereform auseinandersetzte. Und: mir war bis dahin nichts
aufgefallen! Alles war lesbar wie sonst, die wenigen abweichenden
Schreibweisen fallen weder besonders auf, noch hindern sie das
Verständnis (und der Medienalltag bringt eine solche Fülle von
Neologismen und unüblichen Schreibweisen, dass solche kaum noch
Aufmerksamkeitswert besitzen — ob man das nun begrüßt oder beklagt).
Vier Fragen und Thesen möchte ich kurz anfügen,
die meine Praxis als Lehrer und »Korrigierender« von Klausuren und
Abiturarbeiten unmittelbar berührt:
Orthographie, die sich an »Zweifelsfällen« und »Ausnahmen« orientiert,
hat doch wohl nichts mit dem berechtigten Wunsch nach Verständlichkeit
und schneller Kommunikation zu tun; sie ist eher ein soziales
Selektionssymbol (Bildungsarroganz der Lehrer!);
vom Duden lasse ich meine eigene Orthographie in Zweifelsfällen nicht
bestimmen; bevorzuge ich aus dem Kontext heraus
sprachwurzelorientierte oder fremdsprachliche Schreibweisen, werde
ich sie auch benutzen, ebenso nutze ich Neologismen dort, wo sie mir
sinnvoll erscheinen; (warum sollte in der »Neuen Ortografie« das
Wortungeheuer Zooorchester nicht mit dem praktischen, sinnvollen,
geliebten Bindestrich »Zoo-Orchester« geschrieben werden? Ich werde es
jedenfalls immer so schreiben);
ich lese schnell und oft in Teilsätzen; mir sind Bagatellfehler völlig
egal (übrigens auch in meinen Korrekturen); warum in
Fach-Abiturarbeiten Rechtschreibefehler zum Punktabzug führen, ist mir
nicht einsichtig;
als Historiker und Gesellschaftswissenschaftler weiß ich und kann es
an vielen Beispielen belegen, dass Hochsprachen nicht zur besseren
Verständigung, sondern zur Durchsetzung des Kulturmonopols und
Hegemonialanspruches des zentralen Nationalstaats eingeführt wurden
(Spanien, Frankreich, heute auch die Türkei). Rigider
Hochsprachenzentralismus ist auch ein Stück sozialer und kultureller
Verarmung.
Zu: Hannoversche Allgemeine Zeitung
Nr. 167 vom 20.07.95, S. 7
Quelle: HAZ-Leserbrief: Alles Rhabarber – Vom Mut
der Ortografen, 950720
01.01.96
Zum Thema Mathematikdidaktik:
Mit großem Interesse lese ich die Beiträge in
Ihrer Dokumentation »Wie viel Mathe braucht der Mensch im Alltag?«
und möchte der Aufforderung von Claus Michael Ringel
folgen, mich als Politik- und Geographielehrer, also als
Nichtmathematiker zu den angeschnittenen Fragen zu äußern, die
tatsächlich über die Fachdidaktik Mathematik hinaus Aufmerksamkeit
verdienen.
Seit rund zwanzig Jahren arbeite ich in
Niedersachsen in konzeptioneller Weise an der Entwicklung der
reformierten gymnasialen Oberstufe sowie an der entsprechenden
Umgestaltung der Didaktik des gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeldes mit. Das Thema der »Allgemeinbildung« ist dabei zu
einem Kampfbegriff derer geworden, die zurück wollen zur alten
– sozial desintegrativen – Pauk- und Lernschule. Leider begegnet man
in der bildungspolitischen Diskussion – für die bedauerlicherweise
die Kultusminister mit am wenigsten inhaltlich qualifiziert sind! –
nur selten ernst zu nehmenden Beiträgen, die sich mit dem
Bildungsanspruch der Schulen aus dem sozialen Bedingungs- und
Interaktionsfeld Gesellschaft
Schüler heraus auseinandersetzen. Die Thesen von Hans Werner
Heymann tun das erfreulicherweise und vermeiden so die obsolete
Perspektive »vom eigenen Fach her«. Der gängige Legitimationsversuch
der traditionellen Schulfächer, in meinem eigenen Fachbereich in oft
grotesker Weise vom Fach Erdkunde vorgetragen (vgl. z.B. Praxis
Geographie 11/95!), funktioniert ja üblicherweise so, dass die
grundsätzlichen Fachinteressen als unabdingbar gegeben
vorausgesetzt werden – orientiert an universitären »Fachsystematiken«
– und dass innerhalb dieses Fachverständnisses nach Inhalten
und Methoden gesucht wird, die in der Schul- und
Bildungsöffentlichkeit die Unverzichtbarkeit des Faches für
die ›Allgemeinbildung‹ beweisen!
Meine eigene Praxis bestätigt die – aus der
Perspektive des Fachmathematikers sicher pessimistische –
Situationsbeschreibung von Hans Werner Heymann, die eine Neubestimmung
des Stellenwertes und der didaktischen Umsetzung des Faches
Mathematik umso dringlicher macht:
In nicht-akademischen sozialen Schichten, denen ich privat und
beruflich verbunden bin, sind auch die genannten mathematischen
Fertigkeiten der Klassenstufe 7 selten vorhanden; Dreisatz,
Prozentrechnung oder andere Berechnungen, die über ›plus‹ und ›minus‹
hinausgehen, werden nicht beherrscht und emotional als »Horror«
abgewehrt, war dieser mathematische Analphabetismus doch oft Grund
für schulisches Scheitern und tief sitzende Versagensängste.
Wohlgemerkt: ich spreche hier nicht von einer kleinen Minderheit,
sondern von einem recht großen Teil unserer Mitbürger!
Durchaus intelligente und fleißige Schülerinnen und Schüler in meinem
Leistungskurs Gemeinschaftskunde wehren die Zumutung, Statistiken
durchzurechnen, entsetzt ab mit dem Argument: „Warum habe ich denn
Gemeinschaftskunde gewählt – doch weil ich in Mathe nie auf einen
grünen Zweig kommen werde!“
Im Gespräch mit Schülerinnen und Schüler wird deutlich, dass nur eine
verschwindend kleine Minderheit auch derer, die in Mathematik nicht
versagen, tatsächlich ein Verständnis für mathematische
Zusammenhänge entwickeln. Ich kann daraus nur schließen, dass die
vorherrschende Mathematikdidaktik, zumindest im Gymnasium, über
Facharroganz und ein abstrus-elitäres Gesellschaftsbild nicht
hinausgelangt ist, was wegen der von Heymann ja aufgezeigten
pädagogischen Potentiale der Mathematik umso bedauerlicher ist.
Nun sind es gerade auch Schülerinnen und Schüler, die mit Mathe
»nichts am Hut haben«, die philosophischen Disputen über
Zahlentheorie, Selbstbezüglichkeiten und Logik gegenüber
ausgesprochen aufgeschlossen sind; die Zugangsweise von Douglas R.
Hofstadter (›Gödel, Escher, Bach‹) zeigt nur zu deutlich, wie
mathematisches Interesse sogar noch in der Oberstufe geweckt werden
kann!
Leider zeigt die Alltagserfahrung, dass ein obsoletes Fachverständnis
sehr schnell zu einem reaktionären Verständnis von Allgemeinbildung
führt; in vielen Gymnasien verhindert die meist geschlossen
auftretende Gruppe der Mathematiker, die unverdienter Weise im Ruf
besonderer Intelligenz und Wichtigkeit steht, pädagogische Reformen
und den Einsatz grundsätzlich schülerorientierter interdisziplinärer
und projektorientierter Lernformen, auch wenn sie schwerpunktmäßig
von anderen Fachbereichen getragen werden.
Ich kann nur hoffen, dass die Thesen von Heymann
zu einer neuen grundsätzlichen Diskussion um die »Allgemeinbildung«
führen und das traditionelle Fachverständnis nicht nur der Mathematik
infrage stellen werden!
Bezug auf Frankfurter Rundschau vom
28.12.95 – Dokumentation
Quelle: Leserbrief Frankfurter Rundschau
Mathematikdidaktik 960101
27.10.96
Mohrenköpfe und »political
correctness«
Replik auf einen Leserbrief von Bernd Basten in
der Frankfurter Rundschau Nr. 246 vom Dienstag, 22.10.96, S. 18
Lieber Leser Basten, ja, ja, natürlich, Richter
denen der »Mohrenkopf« im Magen statt dem Verstand im juristischen
Hirn sitzt, haben eine Aussetzung ihres Prozesses redlich verdient,
vielleicht, bis sie vom siebzehnten Jahrhundert endlich in der
Gegenwart angekommen sind. Aber dass Sie nun gleich für alle Fälle die
richtigen Sprachregelungen parat haben, stößt ebenso sauer auf.
Korrektheit und sinnvoller Ausdruck stehen nun einmal auf
verschiedenen Blättern. Jeder, der eine schwarze Hautfarbe hat, muss
also als »Afrikaner« oder »Afro-Amerikaner« gleich aus Afrika oder gar
aus Amerika und Afrika stammen? Da feiern doch ethnizistische
Abstammungsideologien fröhliche Urständ’! Und „ähnlich aussehende
Personen“? Bezüglich Körpergröße, Körperumfang (dies schreibt ein gar
nicht fröhlicher Übergewichtiger, den man daher überall wieder
erkennt, soweit zu »ähnlich«!) oder Hautfarbe? Schwarz, Neger,
Dunkelhäutig – rassistische werden diese Bezeichnungen durch
Situation und Kontext und nicht durch immanente Inkorrektheit. Der
Eiertanz des sich korrekt auf die Zunge beißen müssens ist doch eher,
lieber Leser Basten, ein Zeichen einer alternativen intellektuellen
Befähigung.
Quelle: Leserbrief Frankfurter Rundschau –
Mohrenköpfe und Rassismus 961027.doc
07.06.97
Bürgerlicher Bildungskanon?
Die deutsche Publizistik berichtet in diesen
Tagen „aufgeregt“ oder auch voller „klammheimlicher Freude“ über die
‚unsägliche‘ ZEIT-Umfrage, welche „Werke der deutschsprachigen
Literatur“ ein Abiturient mindestens „im Deutschunterricht gelesen
haben“ sollte. Mich trifft beinahe der Dahlschlag (hannöversch)!
Welcher Teufel hat dieses Blatt geritten, wieder einmal das alte
bildungsbürgerliche
Status-Arroganz-Überheblichkeits-Normenfindungs-Spielchen des
»Disputes über einen gymnasialen Literaturkanon« auf die Tagesordnung
des Feuilletons zu setzen? Der Bericht in der Neue Presse wird die
Diskussion sicher noch verbreitern – auf genauso unkritischem Niveau
wie in der ZEIT! Bei dem Spaß bleibt nicht viel Vergnügen, weil die
Schülerinnen und Schüler auf der Strecke bleiben und dem
Schulunterricht sicher keine Hilfe geleistet wird.
Generationen von Schülerinnen und Schüler haben
den Spaß an der Literatur im Deutschunterricht verloren; dazu gehören
leider auch viele Lehrerinnen und Lehrer, die sich nur zähneknirschend
den obsoleten Grundbildungsvorstellungen von verschnarchten
Kultusministern, Arbeitgebern, deren Bildungsarroganz umgekehrt
proportional zu ihrer eigenen Bildung ist, und der intellektuellen
Selbstbefriedigung holden Feuilletonredakteuren unterzuordnen müssen
glauben.
Und siehe da, die Redakteure finden in Scharen
gutwillige, naive Schriftsteller, Wissenschaftler und Talkmaster, die
Ihr Ansinnen einigermaßen ernst nehmen – und die die Literatur
tatsächlich lieben, für sie eintreten möchten. Schade. Hier war der
falsche Ort dazu!
Aus der Tiefe meiner wuchernden Bücherregale
heraus, deren einige zehntausend literarische und
fachwissenschaftliche Werke vielleicht ein gutes Wort für die
literarischen Neigungen ihres Besitzers und Lesers einlegen werden,
rufe ich ein verzweifeltes „Halt!“ in eure Redaktion: zum Lesen muss
man verführen, der Zauber der Literatur und ihre existentielle
Bedeutung erschließt sich nur am biographisch richtigen Ort zur
richtigen Zeit. Aufgabe des Lehrer kann es nur sein, wenn er die
Literatur wirklich liebt, diese Orte und Zeiten zu erkennen und den
jeweils richtigen Lesestoff dafür zu finden. Der muss nicht
klassisch sein, der muss nicht deutsch sein, der muss keinem
Bildungskanon entsprechen: er muss gut sein, er muss richtig sein, er
muss wichtig sein!
Mir, aus einem »goetheanischen« Elternhaus
stammend, der die erste Lebensjahrhunderthälfte schon einige Jahre
hinter sich bringen konnte, hat man in der Schule die Klassik
gründlich ausgetrieben. Daher habe ich kaum eines der Werke, die Ihre
Literaten als »unverzichtbar« oder wenigstens als besonders wichtig
aufzählen – hier wird ein leichtes Unbehagen an der Aufgabe doch recht
deutlich! – gelesen. Kein »Faust«, keine Schiller-Dramen, wenig
sonstiges Klassisches. Dafür habe ich als Schüler moderne Lyrik,
moderne Dramen der Fünfziger und beginnenden Sechziger Jahre in mich
herein gefressen, anfangs zum Kummer meiner Deutschlehrer – oder, was
konnte man damals mit expressionistischer Lyrik, mit dem frühen Benn,
mit Brecht in der Schule anfangen, mit all den inhaltlichen Tabus,
die es zu achten galt?
Heute sehe ich im Theater viele klassische Stücke
und habe keine Scheu zu sagen, dass es sich teilweise um
Erstbegegnungen mit »Pflichtstoffen« handelt, Begegnung an dem Ort,
für den sie geschrieben waren, vielleicht auch vor einem
Lebenshintergrund, für den die Dichter geschrieben haben. Vieles an
Distanz bestätigt sich, so bei Goethe und Schiller, deren Lebensgefühl
mir bis heute recht fremd geblieben ist, Begeisterung aber bei der
Begegnung mit Shakespeare, mit Lessing... Doch verführt es, jetzt auch
einmal die Texte zur Hand zu nehmen, zu fragen, warum gelten denn
diese Werke als klassisch? Das kulturhistorische Interesse ist
auch ein Schlüssel zum Werk.
Und hier liegt wohl das Grundmissverständnis
jeder Grundbildungsvorstellung, vor allem was einen möglichen
Literaturkanon angeht: Wert, Bedeutung und Qualität eines
literarischen Werkes wird normativ postuliert, von den
Rezeptionskontexten abstrahiert und absolut gesetzt. Aber nur durch
eine Näherung an die Literatur vom Leser her, aus der Situation der
Schülerinnen und Schüler heraus, beim bewussten Hereinstellen in
historische und gesellschaftliche Kontexte und
Begründungszusammenhänge wird schließlich das Nichterschließbare,
das Erratische, das dauerhaft Sperrige und Uneinlösbare großer
Literatur deutlich und existentiell erfahrbar. Auf dieses »Wunder der
Literaturrezeption« wartet ein guter Deutschunterricht und empfindet
einen vorgegebenen Literaturkanon, ja sogar den Disput über einen
solchen, als Hindernis auf dem Weg zum Lesen.
Und dabei, für die Germanistikdidaktik nicht
Neues, sind auch die traditionellen Kategorien der Literaturtheorie,
der Nationalliteraturen und der literarischen »Innensichten« wenig
hilfreich. Auf der einen Seite: Sigmund Freud, Norbert Elias, ja auch:
Eric J. Hobsbawn bieten exzellente literarische Zugänge,
Djelladin Rûmi, Omar Khayyam, Hafez können den literarischen
Augenblick aufleuchten lassen, und warum Zugänge suchen über die
Klassik? Ob Nadolny, Eco, Ransmayr, Norfolk und Rushdie in hundert
Jahren »kanonisiert« sein werden, steht dahin und ist mir ehrlich
gesagt »schnurzepiepe«. Aber mit diesen fünf Autoren, recht zufällig
aus meiner Lektüre des letzten Jahres herausgegriffen, lässt sich ein
literarischer Mikrokosmos aufbauen, der zum Weiterlesen, zum
Weiterfragen, zum »Egotrip in die literarische Vergangenheit«
einlädt, um allein die Anspielungen, Bezüge, Kontinuitäten und
Diskontinuitäten des Realitätsverständnisses erkennen und verstehen zu
können.
Dabei wird umso deutlicher, dass
Literaturverständnis nicht primär oder gar ausschließlich Sache des
Deutschunterrichts sein kann, sondern von allen Schulfächern gemeinsam
entwickelt, interdisziplinär begriffen werden muss.
Politikunterricht mit Norbert Elias, Sloterdijk, Ransmayr (Morbus
Kitahara) und »Anonymus« (Primary Colors) ist auch
Literaturunterricht! Und was ist für Schülerinnen und Schüler
spannender als eine Beschäftigung mit Gödel, Escher, Bach
(Douglas R. Hofstadter)? Aber bitte: macht nun nicht daraus gleich
wieder einen Literaturkanon!
Neue Presse, 05.06.97, S. 27
Quelle: Leserbrief Neue Presse: Deutschunterricht
Bildungsziele 970607
15.08.97
Widersprüche in den Berichten in der
Frankfurter Rundschau vom 15.8.97 zum Thema Asyl/Ausländer
Bei der Lektüre der heutigen Ausgabe der
Frankfurter Rundschau (188/33 vom 15.8.97) fand ich mehrere
Berichte zum Thema Asyl/Ausländer, die mich drängen, meine wachsende
Wut und Verzweiflung über den moralischen Verfall unserer
Gesellschaft deutlicher zu artikulieren.
Auf S. 1 berichten Sie über die Anklage gegen
Taxifahrer in Zittau, ›illegale‹ Ausländer transportiert zu haben.
Mein ganzes Recksstaatsverständnis wird durch diese Perversion der
Rechtsauslegung auf den Kopf gestellt: grundsätzliche Alltagsrechte
und Pflichten, der alltägliche Umgang mit Mitmenschen gilt nur nach
Prüfung, ob mein Mitmensch eine gültige Aufenthaltserlaubnis hat?
Besteht schon wieder die allgemeine Pflicht auf Bespitzelung und
Denunziation, die Pflicht zum Misstrauen gegenüber wie auch immer
definierten Ausländern? Ist das ›Volk der Deutschen‹ Hilfsorgan der
Ausländerbehörden? Sind wir schon wieder so weit?
Auf S. 3 berichten Sie über die skandalöse
Praxis, mit formal-legalistischen Argumenten Opfern der Shoah
ihr moralisches Recht auf ›Wiedergutmachungszahlungen‹ (um den
gebrauchten Euphemismus im Lichte des ohnehin niemals wieder ›gut‹
zu machenden doch zu gebrauchen) zu verweigern. Verharmlosung der
Vergangenheit? Ausblenden jedes menschlichen Maßstabs? Sind wir
schon wieder so weit?
Auf S. 4 berichten Sie über die Proteste von
Menschenrechtlern über ›Rückführungsabkommen‹ mit dem Staat Libanon.
Die Argumente für die Berechtigung dieser Proteste werden in Ihrem
Bericht ausführlich und überzeugend aufgeführt. Aber hat dies Wirkung
auf unsere exekutiven – und in der Folge auch die judikativen –
Staatsorgane? Interessiert es unsere Behörden und Gerichte, wenn
Menschen gefoltert und mit dem Tode bedroht werden? Interessiert es
unsere Behörden und Gerichte, wenn Menschen in menschenunwürdiges
Elend und Verarmung zurückgeschickt werden? Nein. Hauptsache, wir habe
ein gesetzliches Deckmäntelchen für jede staatliche Schweinerei: der
Asylkompromiss, die Ausländergesetzgebung, das
Schengener Abkommen und die darauf aufbauenden
Verwaltungsvorschriften. Vom Sinn des Grundgesetzes ist nun wirklich
nichts mehr übrig geblieben! Sind wir schon wieder so weit?
Die moralische Wende, die uns Kanzler Kohl
und seine Partei versprochen hat, ist nun erfolgreich durchgeführt
worden: Es gilt das Recht zu herrschen, das Recht, sich zu bereichern,
das Recht auf zynischen Machterhalt.
Und die Opposition, die SPD, seit Jahrzehnten
meine Partei? Ist es tatsächlich verantwortbar, um den
notwendigen Machtwechsel vorzubereiten, um die deutsche Gesellschaft
auf ihrer von der Regierung Kohl verantworteten Talfahrt in die
Katastrophe zu bremsen, ein politisches Mimikry zu betreiben, das jede
politische Tradition negiert und einen innenpolitischen Wandel
durch Annäherung – an die CDU-Stammtische – als einziges Mittel,
politisch zu überleben, ansieht? Vor Jahren hat Gerhard Schröder
meinen Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, in einem
langwierigen Verfahren gegen unseren Dienstherrn, den damaligen
CDU-Kultusminister, vertreten, als wir Ende der 70er Jahre vor
wachsendem Rechtsradikalismus warnten, als wir mehr Politische Bildung
einforderten, als wir gegen die ersten Ansätze einer rigideren
Haltung gegen Ausländer, Minderheiten und Außenseiter vehement
geklagt hatten. Die erfolgreichen Schriftsätze unseres Anwalts
zeigten ein sensibles und juristisch wie auch politisch reflektiertes
Grundrechtsverständnis. Sie sind heute noch lesenswert. Aber heute, in
der Tagespolitik, kann ich einfach nicht mehr ruhig zuhören, wenn sich
Gerhard Schröder an eine vermutete konservative Mehrheit anbiedert.
Die gesellschaftliche Situation in der
Bundesrepublik Deutschland ist katastrophal: Entsolidarisierung,
Ausbau von aggressiven Stereotypen und Vorurteilen, Politik des
inhumanen und grundrechtsverachtenden Machtzynismus. Wir haben
unserer Elterngeneration besorgt und kritisch die Frage gestellt, was
sie von der NS-Zeit des Staatsterrorismus gewusst, was sie dagegen
getan hat. Wir sehen heute, nachdem die dünne Decke der Liberalität
und des Grundrechtsbewusstseins zumindest teilweise weggezogen wurde,
dass der Schoß noch fruchtbar ist, der das gebar... Und wir
werden uns von unseren Kindern und Enkeln fragen lassen müssen, was
wir denn dagegen getan haben...
Manchmal frage ich mich, wo denn der Staat ist,
der mir Asyl gewährt, um diesem Sumpf an Unmenschlichkeit und
korruptem Denken zu entkommen.
Quelle: Leserbrief Frankfurter Rundschau: Asyl
/Ausländer 970815
08.12.97
Sozialverhaltenstraining:
Replik auf einen Artikel in der HAZ vom 5.12.97
Ihr Artikel berichtet von einem interessanten
Experiment von Sozialverhaltenstraining für Schülerinnen und Schüler,
das auf Einsichten in der Arbeit mit verhaltensgestörten Kindern und
Jugendlichen fußt. Bei aller Hochachtung für Konzept und Engagement
aller Beteiligten sollte am Rande doch auch eine etwas kritischere
Einschätzung ins Gespräch gebracht werden, wenn die Tendenz bestehen
sollte, gezieltes, psychologisch durchstrukturiertes
Verhaltenstraining in den Schulalltag einzuführen und sei es in
klassenfahrtähnlichen Veranstaltungen, wie der in Ihrem Bericht
geschilderten.
Ich sehe in der Psychologisierung und der damit
verbundenen Optimierung der Einfluss- und Schulungsmaßnahmen in der
Pädagogik eine große Gefahr, die Kinder in eine permanente
»Betreuungssituation« zu zwingen und freie, auch risikoreichere
Entwicklungsrichtungen damit abzuschneiden. Es geht hier auch um Würde
und Identität der Jugendlichen, die sich und ihre Geschlechterrolle
selbst finden müssen, ohne in einen fälschlich harmonisierenden und
egalisierenden Rollenset gezwungen zu werden.
Es ist für die Entwicklung einer echten Kultur
zivilisierten Umgangs zwischen den Geschlechtern wichtig, in einer
bestimmten Phase der Entwicklung auch Abgrenzung, Scheu und
»kindlichen Ekel« gefühlsmäßig zu durchlaufen, ohne dass das gleich
bagatellisiert und wegtrainiert wird: es sei denn, dass auch hier
wieder die Ideologie der Erziehung zum »geschlechtslosen Menschen«
durchscheint. Zivilisation ist auch Distanz, Vorsicht und Respekt –
wobei alle drei Faktoren gleichermaßen wichtig sind und dann erst
echte Nähe und verantwortete Beziehung ermöglicht.
Lasst doch den Jungen und Mädchen ihre Cliquen
und ihre »Hänseleien«: sie sind ein notwendiger Schritt zur Reife.
Nicht überall braucht man die »professionellen Helfer«!
Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Leserbrief
971205: Mein Gott – Sina ist nicht giftig! Sozialverhaltenstraining
02.05.98
Nationalstolz
Ihr Artikel zum Problem des »Nationalstolzes«,
„Brüllen oder leisetreten?“, ist erfreulich nachdenklich und
nachdenkenswert. Doch denke ich, dass einige Aspekt noch
differenzierter in einen größeren Rahmen gestellt werden sollten. Sie
schreiben: „Stolz ist man nicht auf ein persönliches Verdienst.
Stolz ist man auf eine Zugehörigkeit, für die man nichts kann.“
Und gerade da liegt das erste augenfällige Problem. Als
Situationsbeschreibung ist es so wohl richtig, ist es aber
akzeptierbar, tolerierbar, wenn es aggressive und die Soziabilität
gefährdende Verhaltensweisen begründet oder bei anderen evoziert? Ich
glaube, dass ich keinen »Stolz« auf etwas empfinden könnte, mit dem
ich nicht eigene Leistung, eigenes Verdienst verbinden kann. Pardon:
Stolz empfinde ich doch auf den schwer erkämpften Schulabschluss
meiner Tochter, auch darauf, dass sie im ersten Anlauf den
Führerschein »gemacht hat«, auch wenn dies nicht mein Verdienst ist.
Damit kommt eine grundsätzliche Problematik zum Vorschein: Stolz
nicht nur auf eigenes Tun, Stolz auch auf eigenes
Haben – die philosophisch ergiebige Frage nach dem Verhältnis von
Haben und Sein.
Betr.: K.-L.
Bader, Brüllen oder leisetreten? in Hannoversche Allgemeine Zeitung
vom Sonnabend, 2. Mai 1998
Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine Zeitung:
Nationalstolz, 980502
28.07.98
Berichterstattung und Leserbriefe über die
Frage nach dem Tragen des „muslimischen Kopftuches“
In der letzten Zeit erlebt die Bundesrepublik
Deutschland aus konkretem Anlass eine Diskussion, die schon vor Jahren
im strikter laizistischen Frankreich eine brisante Rolle gespielt hat:
inwieweit sind subjektiv religiös motivierte Kleidungssitten,
zumeist handelt es sich dabei um das Kopftuchtragen von Muslima,
„einheimischen“ Bekleidungssitten und Anpassungsforderungen
unterzuordnen oder inwieweit sind sie als Ausdruck individueller
Entfaltungsrechte auch im öffentlichen staatlichen Bereich
hinzunehmen.
Die unerwarteten „Überkreuz-Koalitionen“ in der
aktuellen Diskussion zeigen dabei jedoch zweierlei: einmal, dass die
Frage schwerlich eindimensional oder formalrechtlich eindeutig zu
beantworten ist, und zum andern, dass mit der Antwort auf die Frage
nach der Zulässigkeit z.B. des Kopftuchtragens im Lehrdienst mehr
über unsere eigene zivilisatorische Situation ausgesagt wird, als über
die unmittelbar betroffene Person oder gar den Islam.
Betrachten wir zunächst die „Koalitionen“, die
sich zusammengefunden haben: Da sind auf der Seite der Ablehner einmal
Konservative zu finden, die die alten „abendländischen“ Feindbilder
gegen den Islam und den „Orient“ ungebrochen fortführen (vgl. Said:
Orientalismus) und die aus der Sicht z.B. des türkischen Historikers
Inalcik das „kreuzzüglerische Europa“ repräsentieren, das auch Yilmaz
in seiner Kritik an Deutschland und Europa als „christlichem Club“
meint.
Beinahe nahtlos überlappt sich diese Einstellung
mit xenophob motivierter Ablehnung von Türken und anderen Ausländern
(die Diskussion über deren Ursachen wurde z.B. in der Frankfurter
Rundschau 1993 / Helma Lutz, 1994 / Ulrich Menzel, oder in der ZEIT
ebenfalls 1993 / D. E. Zimmer geführt), wobei sich Fremdenangst und
Fremdenfeindlichkeit des Ausdrucksarsenals der „abendländischen
Feindbilder“ bedienen. Auf der anderen Seite gehören zu den
Ablehnenden Aufklärer und „Modernisten“, die Rationalität und
Freiheit verbinden mit dem Ziel einer „Befreiung von
zivilisatorischen Zwängen“, wobei individuelle Selbstverwirklichung
gerade auch mit der Ablehnung von Bekleidungsnormen gleichgesetzt
wird. Meist wird diese Haltung mit dem Etikett der „68er-Generation“
versehen wird, wobei demonstrative Nacktheit („Kommune I“) und
Freiheit von Sexualnormen als emanzipatorisch und fortschrittlich
gewertet wurde.
Die Seite der „Zustimmer“ im konkreten
Konfliktfall ist nicht weniger heterogen. Da sind Christen, die in
ihre ökumenischen Vorstellungen auch den Islam mit einbeziehen und das
Recht auf religiös bestimmtes Alltagsverhalten auch im öffentlichen
Raum reklamieren; da sind zum anderen überzeugte Laizisten, die
Religion als individuelle Sphäre und vom Staat nicht zu bewertendes
Grundrecht verstehen und für eine strikte Gleichbehandlung aller
religiöser Bekenntnisse eintreten. Vor allem finden sich aber unter
den „Zustimmern“ Skeptiker, die der modernistischen Gleichsetzung von
Befreiung von Sexualnormen und Befreiung von Schamschranken und
gesellschaftlicher Emanzipation gerade unter der aktuellen Diskussion
über Pornographie und Sexualverbrechen keinen Glauben mehr schenken,
sondern für einen neuen Diskurs über zivilisatorische
Verhaltensstandards eintreten. Gerade auch im Feminismus dürfte
heute diese Gleichsetzung als in der Praxis frauenfeindlich
verstanden werden.
Zivilisationsgeschichtlich ist der Übergang von
äußerlichen Bekleidungsnormen zu verinnerlichter Verhaltenssteuerung
und Aggressionsbeherrschung ein Element der Entwicklung des modernen
Staates, die durchaus nicht so vollkommen gelungen ist, wie wir es uns
wünschen könnten. Staatsfremde Gesellschaften der Peripherien und
Semiperipherien, zu denen auch die Mehrzahl der islamischen Länder
noch heute gehören, kennen nicht den „sicheren“, vom staatlichen
Gewaltmonopol gesicherten „öffentlichen Raum“ (Gomani/Tan 1997), der
den Schwächeren, den Frauen und Kindern zumeist, den notwendigen
Schutz bietet. Schutz bieten die Familie, Ehrrituale und strikte
Verhaltens- und Bekleidungsvorschriften für den Alltag. Diese
Verhaltensweisen sind internalisiert und damit Teil der personalen
Identität, durch starke Schamschranken geschützt. Die religiöse
Motivierung ist dabei sekundär und belegt nur die Abwesenheit
säkularisierter Moralsysteme in der Gesellschaft. Damit „islamische
Bekleidungsvorschriften“ nicht primäre religiöse Gebote und Symbole,
sondern Schutz- und Schamschranken für die Befriedung des Alltags.
Eine Übertretung dieser Bekleidungsnormen ist daher nicht primär eine
religiöse Übertretung sondern ein schambelegtes Verhalten, eine
Unsittlich- und Unschicklichkeit, die sehr persönliche
Abwehrreaktionen und durchaus nicht das Gefühl einer Befreiung
hervorruft.
Darf ich hier eine sehr persönliche Bemerkung
einfügen: ich selbst, unter christlich-westeuropäischen Wertnormen
aufgewachsen, lehne für mich öffentliche Nacktheit grundsätzlich ab;
falls mein „Dienstherr“ mich verpflichten wollte, in Badehose – oder
nackt in der Sauna – in der Öffentlichkeit oder mit Schülerinnen und
Schülern bzw. Kolleginnen und Kollegen aufzutreten, würde ich meinen
Lehrerberuf aufgeben. Gefühlsmäßig dürfte das vergleichbar sein mit
dem Zumutung an eine autochthone Muslima, das Kopftuch in der
Öffentlichkeit ablegen zu müssen.
Selbstverständlich ist diese Position der
autochthonen islamischen Enkulturation nicht die einzige mögliche
muslimische Haltung zu Bekleidungsvorstellungen, die sich gerade
dadurch als nicht originär religiös beweisen. In der Phase des
Antikolonialismus und der Re-Islamisierung, die zeitweise parallel
verliefen, war die bewusste Rückkehr zu traditionellem Habitus ein
politisches Symbol, wie es im Algerienkrieg Frantz Fanon gerade am
Beispiel des Kopftuches beschrieben hat. Die sehr emotionale
französische Ablehnung des Kopftuchtragens reagiert somit auch auf
eine zeitgeschichtliche Frontstellung, die aus französischer – wenn
auch verfälschten – Sicht, auch heute noch durch traditionelle
Bekleidungssitten perpetuiert und aktualisiert wird. Dabei ist für
uns jedoch immer noch zu fragen, ob nicht sogar dieses symbolische
Verhalten, das sich engerer tages- und parteipolitischer Zuordnung
entzieht, den Wertnormen unseres Grundgesetzes soweit entspricht,
dass es auch im öffentlichen Dienst eines prinzipielle
antikolonialistischen Staates wie der Bundesrepublik Deutschland zu
dulden ist.
Wiederum eine andere Rolle spielen traditionelle
Bekleidungssitten in den „gespaltenen Gesellschaften“ sich
transformierender Semiperipherien, zu denen vor allem die Türkei,
sicher nicht aber die Bundesrepublik Deutschland gehört. Hier
symbolisiert die Kleidung die Zugehörigkeit oder auch Zuordnung zum
traditionell-ruralen oder laizistisch-urbanen Gesellschaftssektor. An
den Bruchlinien dieser Gesellschaften wird damit die Bekleidung zum
politische Kampfsymbol. Gerade durch die rigiden
Bekleidungsvorschriften und Bekleidungsverbote des Kemalismus wird in
der Türkei die Unbefangenheit im Umgang mit der Kleidung unmöglich
gemacht.
Hier und nur hier kann das Verbot des Kopftuches
oder der Freiwillige Verzicht auf diese Bekleidungsnorm auch eine
Aussage zur gesellschaftlichen der Frau übernehmen, also tatsächlich
in Ansätzen zur weiblichen Emanzipation von einer patriarchalischen
Gesellschaft beitragen. Das ist aber in anderen islamischen Ländern
durchaus nicht der Fall, wo gerade auch emanzipierte und gebildete
Frauen die klassische arabisch-muslimische Bekleidung als gewonnenen
Zivilisationsstandard befürworten und selbst praktizieren.
Professorinnen und Gesellschaftswissenschaftlerinnen im Maghreb aber
auch in der Türkei sind dafür Beispiel.
Durch diesen Aspekt der „Kopftuchfrage“ wird die
deutsche Haltung nicht einfacher. Einmal, aus der eigentlichen
deutschen Alltagskultur heraus und ebenso aus der Kenntnis der
arabisch-islamischen Alltagskultur, spricht nichts dagegen,
Bekleidungsvorschriften als individuelle Entscheidungen zu
akzeptieren und mögliche symbolische oder religiöse Konnotationen als
für uns irrelevant zu ignorieren. Wichtiger wird die Frage erst
dadurch, dass die in unserer Gesellschaft lebenden Mitbürger
türkischer Herkunft natürlich existenziell involviert sind auch in
die politisch-zivilisatorischen Konflikte in der Türkei. Ein
demonstratives Eintreten für traditionelle Bekleidungsvorschriften
könnte dabei durchaus von türkischen Mädchen als Affront gegen ihre
gewünschte Integration in die deutsche Gesellschaft verstanden
werden.
Dennoch wäre etwas mehr Gelassenheit in dieser
Frage für uns Deutsche angebracht; wir sind nicht Vormund religiöser
und sozialer Gruppen und sollten uns in Bekleidungsfragen in
Anbetracht der evidenten Sozialschädlichkeit eher gegen Pornographie
und permanente Sexualisierung der Öffentlichkeit als gegen
Kopftücher wenden. Erst wenn der Konflikt eine andere,
menschenrechtsrelevante Dimension erhält, das heißt, wenn eine
gewünschte Befreiung von Gruppennormen und Gruppenzwängen auch und
gerade von türkischen Mädchen nach Hilfe und Unterstützung ruft,
sollten wir zu unseren liberalen und grundrechtlich bestimmten
Traditionen stehen und ohne kulturelle Überheblichkeit und
Bevormundung den Einzelfall sehen und menschlich Hilfe leisten.
Quelle: Leserbrief Frankfurter Rundschau:
islamisches Kopftuch, 980728
12.07.98
Wer muss welche Sprache sprechen?
Welch ein Zusammentreffen! Warum regen sich in
den letzten Tagen deutsche Mallorca-Urlauber so auf, wenn die
„deutsche Zweitsprache“ aus dem Straßenbild verschwinden soll? Fragen
Sie Herrn Glos, der sagt Ihnen, quasi CSU-amtlich, warum Ausländer
erst einmal die Sprache des Gastlandes lernen sollen. Wenn man die
Idiotie des Deutschtums im Ausland sieht, kann man für die spanischen
Behörden nur Sympathie empfinden. Am Ballermann hat sich erwiesen: die
Deutschen sind die schlechtesten Ausländer. Dagegen benehmen sich
z.B. Türken in Deutschland äußerst zivilisiert und unauffällig. Ich
kann uns Deutschen nur raten: lernt etwas von den Türken (am besten
auch Türkisch). Ich hoffe jedenfalls, dass ich einem Land, in dem
Herrn Glos auch noch Beifall gezollt wird, einmal und dann endgültig
den Rücken kehren kann.
Zu: Hannoversche Allgemeine Zeitung,
158 / 9.7.98, S. 2: CSU: Zuzug begrenzen, und S. 10: Werbung nur
spanisch oder katalanisch
Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine Zeitung:
CSU Ausländerzuzug, 980712
27.09.98
Ausländerdiskriminierung im Berufsrecht:
Das Berufsverbot für Psychotherapeuten aus
Nicht-EU-Ländern, das der § 2 des neuen Psychotherapeutengesetzes
faktisch ausspricht, zeigt, in wie weit sich Ausländer ausgrenzendes
und -feindliches Denken schon im (gesetzgeberischen) Alltag und damit
in unserer aller Alltagsdenken durchgesetzt hat und wie weit wir uns
schon vom liberalen und rechtsstaatlichen Geist unserer Verfassung
entfernt haben.
Tatsache ist doch, dass ein
Berufszulassungsgesetz alleine im Interesse der Qualitätssicherung und
Ergebnishaftung der Berufsausübung – in diesem Falle also im
ureigensten Interesse der Patienten – zu rechtfertigen ist. Das
sicherlich berufsintern begleitende einkommensorientierte Motiv der
Konkurrenzminderung – das sich sonst ja z.B. auch auf die
Ausschließung kurzsichtiger oder blonder Psychotherapeuten stützen
könnte – darf für einen am Allgemeinwohl orientierten Gesetzgeber
keine Rolle spielen.
Wenn das Patientenwohl in unserem Falle durch
eine solche Gesetzgebung sogar noch negativ berührt wird, liegt die
Vermutung nahe, dass der Gesetzgeber mit dem Gesetz sachfremde Motive
und Ziele durchsetzen will: der Verdacht einer Böswilligkeit ist damit
mehr als nur eine Unterstellung.
Bedenklich ist die Tendenz, immer mehr
ausländerrechtliche Fragen – Zuzugs-, Einbürgerungs-, Status- und
Arbeitserlaubnisfragen – nicht explizit dort zu regeln, wo sie zu
regeln sind, nämlich in der Staatsangehörigkeits- und
Ausländergesetzgebung, sondern die Regelung in anderen Gesetz- und
Verordnungszusammenhängen quasi zu verstecken, wohl in der Hoffnung,
dass dadurch rechtsbedenkliche und z.T. menschenrechtswidrige
Einschränkungen und Schikanen gegenüber Menschen ohne deutsche
Staatsangehörigkeit in der liberaleren politischen Öffentlichkeit
nicht bemerkt werden.
Warten wir jetzt auf eine Welle der
»Erfolgsmeldungen«, dass bestimmte Berufsgruppen und Branchen
»ausländerfrei« sind???
Zu den Berichten über das neue
Psychotherapeutengesetz: »Rasches Ende eines Streits« und »„Für
Patienten eine Katastrophe“« in Frankfurter Rundschau vom Di., 22.
Sept. 98, S. 21:
Quelle: Leserbrief Frankfurter Rundschau:
Psychotherapiegesetz, 980927
15.01.02
Wie gehen wir in der Schule mit dem 11.
September um?
Wie viele andere Schulen haben Schülerinnen und
Schüler unserer Bismarckschule auf den Terror vom 11. September ebenso
wie auf die Erfurter Morde mit ehrlicher Betroffenheit und mit
Schweigeminuten reagiert. Das sollte keineswegs kritisiert werden,
doch sind weiterführende Überlegungen notwendig.
Zunächst muss man sich vor Augen halten, dass
Gewalt, Waffengewalt und auch suizidale Gewalttaten weder in unserer
noch in fremder Kultur wesensfremde und überwundene Verhaltensformen
sind, sondern zum tradierten Verhaltensrepertoire auch unserer
Politischen Kultur gehören (man denke an Heldenverehrung oder
„soldatische Tugenden“). Der Zivilisationsprozess hat zwar das
Gewaltmonopol des Staates postuliert, jedoch den Staat und sein
Verhalten nicht grundsätzlich pazifiziert. Gerade in einer Zeit, in
der die ehrenwerte Selbstzurücknahme der Bundesrepublik Deutschland
nach dem Zweiten Weltkrieg einem „unbefangeneren Umgang mit
Waffengewalt und Krieg“ – sicherlich aus durchaus ehrenwerten
Motiven einer „internationalen Verantwortung“ – weichen muss, weichen
auch zivilisatorische Schranken gegenüber der individuellen Gewalt,
die nur über ihre Folgen – die Opfer –, nicht aber über ihre
gesellschaftlichen Ursachen thematisiert wird.
Hier erschließt sich dann auch die Ambivalenz der
öffentlichen Betroffenheit und Trauer – wie wir es auch in der
weltweiten Reaktion auf Selbstmordattentate des nahöstlichen
Terrorismus beobachten können –: Die Aufmerksamkeit, die der Tat
gewidmet wird, ist Bestätigung der aggressiven Ziele des suizidalen
Mörders, ist eine symbolische Heldenfigur gegenüber einer fiktiven
oder abstrakten Eigengruppe, die real gar nicht zu existieren
braucht, im Nahen Osten aber von Mal zu Mal tatsächlich größer wird.
Diese Heldensymbolik des Einzelkämpfers hat für psychisch ähnlich
strukturierte Jugendliche Vorbildcharakter, die proportional zur
öffentlichen ritualisierten Reaktion größer und gefährlicher wird.
Zumindest diese ritualisierte „Trauerarbeit“ und die Mediendominanz
solcher Verbrechen sollt kritisch überdacht werden.
In unserer Politischen Kultur muss darüber hinaus
die negative Stigmatisierung der Gewalt weit über die Betroffenheit
mit den Opfern hinaus gehen und eine „political correctness“
induzieren, die das Spiel mit der Gewalt und den Umgang mit Waffen
ganz grundsätzlich als gesellschaftlich unerwünscht brandmarkt. Ich
bin froh darüber, dass ich in meinem achtundfünfzig jährigen Leben
noch nie eine Waffe (im klassischen Sinne) angefasst habe und würde
dies gerne als gesellschaftliches Leitbild verankert sehen. Mit dem „Notwehr“-Argument
Pazifisten als naive „Gutmenschen“ zu diffamieren, versucht eine alt-
oder neu-raktionäre Pragmatikergeneration auf perfide Weise gültige
auch, aber nicht nur religiöse Wertnormen zu diskreditieren. Dennoch
sollte mit Norbert Elias festgestellt werden, dass der Mensch zwar
nicht den Tod aber durchaus das Töten von Menschen abschaffen kann.
Erst das wäre der letzte Schritt des Zivilisationsprozesses.
Quelle: Leserbrief Hannoversche Allgemeine Zeitung:
Terror vom 11 September – Kritik, 030115
Inhalt
20.10.1989.
Ein großer Lacherfolg: Über die Suche nach der Arche Noah
20.09.1990.
Von der militärischen Logik des Golfkrieges
1990. Kämpfen oder Pazifismus? Eine Replik auf einen
Leserbrief
22.11.1990.Koalitionskrise in Berlin nach den Krawallen in
Ostberlin. Kontroversen um gesellschaftliche Gewalt
21.07.1995.
Rechtschreibreform: „Alles Rhabarber? Vom Mut der Ortografen“
01.01.1996.
Zum Thema Mathematikdidaktik: Wie viel Mathe braucht der Mensch im Alltag?
27.10.1996.
Mohrenköpfe und »political
correctness«. „Rassistisch und
ehrverletzend“. Replik auf einen Leserbrief von Bernd Basten in
der Frankfurter Rundschau Nr. 246 vom Dienstag, 22.10.96, S. 18
07.06.1997.
Bürgerlicher Bildungskanon? ›Vier Gedichte von Goethe, billiger mach’ ich
es nicht‹
15.08.1997.
Wie gehen wir mit dem »Fremden« um? Widersprüche in den Berichten in der
Frankfurter Rundschau vom 15.8.97 zum Thema Asyl/Ausländer
08.12.1997.
Sozialverhaltenstraining: »Mein Gott – Sina ist nicht giftig!« Replik auf einen Artikel in der HAZ vom 5.12.97
02.05.1998.
Nationalstolz »Brüllen oder leisetreten?«
28.07.1998.
Unerwartete Koalitionen des Anti-Islamismus. Berichterstattung und Leserbriefe über die
Frage nach dem Tragen des „muslimischen Kopftuches“
12.07.1998.
Wer muss welche Sprache sprechen? Herr Glos weiß, was Ausländern zukommt!
27.09.1998.
Ausländerdiskriminierung im Berufsrecht. Berufsverbot für Psychotherapeuten aus
Nicht-EU-Ländern
15.01.2002. Wie gehen wir in der Schule mit dem 11.
September um? Berichte über Reaktionen auf Gewalttaten
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