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politik unterricht aktuell, Heft 2/2002 : 1-3

"Schulreform in der Kontroverse"

Zur Schulreform in Niedersachsen

Veröffentlichungen und Texte

des Emder Arbeitskreis

Überblick über die Berichte zum Emder Arbeitskreis

Impressum

Dokument Information

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Gerhard Voigt:

Emder Arbeitskreis

Nach einem Leben, das ganz der Schule, der Pädagogik, der Kulturpolitik und ihren Freunden gewidmet war, ist nach langen Leiden von uns gegangen Dr. Edigna Schrembs.
Ihre dankbaren Freundinnen und Freunde trauen um sie und werden sie nicht vergessen.
(aus der Todesanzeige)
Dr. Edigna Schrembs war lange Jahre im Vorstand des Verbandes der Politiklehrer im wissenschaftlichen Beirat aktiv gewesen.
Wir danken ihr für ihr unermüdliches Eintreten für eine bessere Schulpolitik.

   

In den siebziger Jahren startete das niedersächsische Kultusministerium einen tief greifenden Reformimpuls: die Reform der Sekundarstufe II. Grundprinzip war die Auflösung des sequenziellen Fachunterrichts in einem Kurssystem, die Zuordnung zu Aufgabenfeldern (A: sprachlich-künstlerisches Aufgabenfeld, B: gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld, C: mathematisch-naturwissenschaftliches Aufgabenfeld), die Umstellung der Leistungsbewertung von den traditionellen Noten auf ein Punktesystem (0 bis 15 Punkte), die größere Wahlfreiheit der Schülerinnen und Schüler in der Zusammenstellung eines individuellen Curriculums und schließlich - und das war das eigentliche Ziel der Reform - eine Revision der traditionellen Unterrichtsinhalte und Lernmethoden. Dabei sollte projektorientiertes Lernen, Problem- und Handlungsorientierung, exemplarisches Lernen und das, was heute wieder verstärkt gefordert wird: das Erlernen von Schlüsselqualifikationen ("soft skills") im Vordergrund stehen. Auch die Integration der allgemein bildenden und der beruflichen Ausbildung stand auf der Agenda.

Dazu wurden drei aufgabenfeldbezogene Reformkommissionen und eine koordinierende "Grundsatzkommission" eingesetzt. Die Reformarbeit erhielt in Hannover ein eigenes Büro und wurde geleitet von Frau RD´ Dr. Edigna Schrembs und dem leider früh verstorbenen O. E. Müller, die so zu sagen zu den "guten Geistern" der Reform wurden.

Edigna Schrembs ist nach langer Krankheit im November 2003 gestorben. Ein kurzer Blick auf ihr Lebenswerk sei hier eingefügt. Als Deutsch- und katholische Religionslehrerin, zuletzt an der Els-Brändström-Schule in Hannover, kam sie von der schulischen Praxis her, bevor sie in das Kultusministerium berufen wurde. Daher stehen am Anfang ihrer Laufbahn auch einige qualifizierte fachwissenschaftliche Publikationen:
Eugenie Felice Edigna Schrembs, Die Selbstaussage in der Lyrik des 17. Jh.s bei F., Gryphius, Günther (Diss. München), 1953
Wertung und Wirkung von Literatur.
von Hans-Georg Hölsken, Edigna Schrembs. Schroedel, Hann. Erscheinungsdatum: 1977. ISBN: 3507102560

Schrembs, Edigna: Textproduktion und Textrezeption zum Thema Reisen

Beschreibung des Artikels:  Materialien für die Sekundarstufe II Deutsch. Schroedel, Hannover, 1975. 120 S., kart.

Buch und Leser.
von Hans-Georg Hölsken, Edigna. Schrembs. Schroedel, Hann. Erscheinungsdatum: 1976
ISBN: 3507102552

Komik und Komödie.
von Jürgen Schoormann, Hans-Georg Hölsken, Edigna. Schrembs

Schroedel, Hann.
Erscheinungsdatum: 1976
ISBN: 3507102544

Später konzentrierten sich - neben ihrer beruflichen Arbeit im Kultusministerium - ihre Veröffentlichungen auf die bildungspolitischen Probleme und die Ergebnisse der Reformarbeit - auch heute noch lesenswerte Aufsätze, die sie dann auch zusammen mit den führenden Mitgliedern der Reformkommissionen verantwortete:

Schrembs, Edigna und Jürgen Wolf 1982: Das hessische Oberstufenurteil als Symptom für Konfliktfelder in Gesellschaft und Schule der Bundesrepublik Deutschland. In: DDS, 74, 1982, 3, S. 177-191

Müller, Otto E., Edigna Schrembs u. Jürgen Wolf: Das

gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld im Kurssystem der

gymnasialen Oberstufe in der Bundesrepublik Deutschland - seine

Umsetzung in Richtlinien und Handreichungen der Länder, seine

Auswirkungen auf Schulbücher und Unterrichtsmaterialien

Internationale Schulbuchforschung / Georg-Eckert-Institut Braunschweig

2. Jahrgang 1980, Heft 3

Die Ergebnisse der Reformarbeit wurden vom Kultusministerium publiziert in den so genannten "Handreichungen", in denen in einer Reihe von jeweils drei bis vier Bänden für jedes Aufgabenfeld Kursentwürfe mit Lernzielen, didaktischen Konzepten und Unterrichtsmaterialien veröffentlicht wurden. Daneben entstanden "Grundsatzpapiere" zu den Lernzielen und der Unterrichtsorganisation.

Nach dem Regierungswechsel Ende der siebziger Jahre in Niedersachsen wurde diese Arbeit abgebrochen, die Restbestände der "Handreichungen" verschwanden in den Kellern des Ministeriums und die Kehrtwende zu traditionelleren Schulkonzepten, die jetzt erst in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends bundesweit kumuliert. Kritische Anmerkungen dazu veröffentlicht z.B. der Verband der Politiklehrenden auf seiner Web-Site: <http://www.politiklehrerverband.org> .

Aber noch einmal zurück zum Ende der siebziger Jahre. Das "Grundsatzpapier" der Reformkommission für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld wurde nicht mehr vom Ministerium veröffentlicht - durch Vermittlung des Leiters der "Gruppe B", Herrn Dr. Eckart Jander - später Schulleiter der Tellkampfschule Hannover - konnte eine Druckauflage vom Philologenverband Niedersachsen publiziert werde. Zwei schon fertig gestellte Kursentwürfe, für das Fach Politik/Soziologie "Soziale Ungleichheit" von Jürgen Wolf und Gerhard Voigt, für das Fach Politik/Psychologie "Psychische Probleme in der Adoleszenz" von Schattenburg / Ziehe, wurden aus grundsätzlichen politischen Gründen vom Ministerium verboten und mit Verdikten wie "verfassungsfeindlich" oder "nicht  für die Schule geeignet" versehen. Doch fanden sich auch hier Publikationsmöglichkeiten bei der GEW Niedersachsen bzw. bei der Pädagogischen Arbeitsstelle Dortmund (pad), so dass diese Kurse wohl dann zum Ärger des Ministeriums die Arbeitsergebnisse der "Gruppe B" waren, die die meiste Aufmerksamkeit - bis hin zu einer Anfrage im Landtag - und Verbreitung - auch in der unterrichtlichen Erprobung und Umsetzung - gefunden haben.

Für die engagierten Mitglieder der Reformkommissionen war dieses Ende der Reformarbeit nicht erträglich. Durch eine Initiative von Frau Dr. Schrembs wurde der Zusammenhalt einer etwas wechselnden Reihe der Reformaktivisten aufrecht gehalten. Vor allem bis zu seiner Erkrankung Ulrich Bauermeister, OStD, Schulleiter der Bismarckschule Hannover, Peter Domann, OStD, Hannover, Dr. Eckart Jander, OStD, Laatzen, Schulleiter der Tellkampfschule Hannover, Wilhelm Leeker, OStD, Berufsbildende Schulen Emden, Dr. Edigna Schrembs, RD', Kultusministerium Hannover, Werner Stapp, OStD, Hameln, Gerhard Voigt, OStR, Laatzen, Jürgen Wolf, StD, Braunschweig, und Dr. Hellmut Roemer, Göttingen, sowie Marina Bökenkamp, Hannover, zeitweise auch der spätere SPD-Kultusminister Rolf Wernstedt, trafen sich regelmäßig zu bildungspolitischen Gesprächen bei Frau Dr. Schrembs. Originalität und kritischer Impetus dieser Gespräche waren ungebrochen und wiesen in die Zukunft der Bildungsentwicklung.

 

Höhepunkte der Arbeit und der Diskussionen waren jedoch unsere Treffen in Emden. Eingeladen hat uns Wilhelm Leeker, Leiter der Berufsbildenden Schulen II und lange Zeit im Rat der Stadt Emden nicht nur für die Bildungspolitik engagiert, sondern als Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion engagierter und hervorragender Kommunalpolitiker der Stadt Emden. In der Arbeit in der Reformkommission B (für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld) vertrat er die innovativen Ansätze im wirtschaftspädagogischen Bereich und über diese Kommission hinaus die Ziele der grundsätzlichen Integration beruflicher und allgemeinbildender Schulreformen. Zu seiner Person und seiner erworbenen "Ostfriesenschaft" schreibt der General-Anzeiger aus Ostfriesland ( ) in seinem Artikel "Seit Samstag gibt es drei Ostfriesen mehr. Rhauderfehner Gemeindedirektor nahm als "frisch gebackener Ostfriese" Indigenat der Ostfriesischen Landschaft entgegen":

Dritter im Bunde der "Ehren-Ostfriesen": Oberstudiendirektor i. R. Wilhelm Leeker. Geboren in Halle/Westfalen lernte er nach dem Krieg zunächst den Tischler-Beruf, bestand später als "Externer" die Hochschulprüfung und nahm ein Doppelstudium an den Wilhelmshavener Hochschulen für Gewerbelehre und Sozialwissenschaften auf. Nach weiterer Ausbildung kam er 1969 als Schulleiter der berufsbildenden Schule II nach Emden, wo er bis zur Pensionierung 1996 tätig war. In seiner Wahlheimat Emden und Ostfriesland habe er sich weit über seinen beruflichen Horizont hinaus verdient gemacht, so der Landschaftspräsident.

Von diesen Tagungen leitete sich als selbst gewählter Name die Bezeichnung "Emder Arbeitskreis" ab, die auch als "Marke" eine grundsätzliche bildungspolitische Veröffentlichung trägt, die Edigna Schrembs, Jürgen Wolf, Eckart Jander und Gerhard Voigt durch den Verband der Politiklehrer, Hannover, im Juni 1987 als Grundsätze der bildungspolitischen Arbeit des Emder Arbeitskreises vorgelegt haben. Beide Aufsätze aus diesem Heft sind auch auf dieser Internetseite in durchgesehener Fassung (2003) publiziert (vgl. Links am Ende dieser Seite) und sollen vor allem dem Andenken von Frau Dr. Edigna Schrembs und dem Dank an Wilhelm Leeker gewidmet sein, ohne die diese bildungspolitische Kontinuität nicht hätte erreicht werden können. Es wird Zeit, sich dieser auch heute noch innovativen Ansätze wieder zu erinnern und aus der Arbeit des "Emder Arbeitskreises" Impulse für ein Umsteuern in der verfahrenen und rückwärts gerichteten bildungspolitischen Situation nicht nur in Niedersachsen zu gewinnen.

Impressum:

TEILNEHMER DES „EMDER ARBEITSKREISES“

Ulrich Bauermeister, OStD, Hannover [†2004. REFORM - vom Gedanken zur Praxis
für Ulrich Bauermeister, Schulleiter der Bismarckschule von 1975 - 1998]

Peter Domann, OStD, Hannover

Dr. Eckart Jander, OStD, Laatzen

Wilhelm Leeker, OStD, Emden

Dr. Edigna Schrembs, RD', Hannover

Werner Stapp, OStD, Hameln

Gerhard Voigt, StR, Laatzen

Jürgen Wolf, StD, Braunschweig

Weiter zu den Publikationen des Emder Arbeitskreises:

Schulreform in Niedersachsen. Der "Emder Arbeitskreis" in Gedenken an
Dr. Edigna Schrembs

Der Emder Arbeitskreis - Eine Reminszenz

Jürgen Wolf: Gedanken zur Tätigkeit von Edigna Schrembs

Lothar Nettelmann:
Noch einmal: Edigna Schrembs – Beispiel für die Reform

Edigna Schrembs / Jürgen Wolf: I. Bildung ‑ ein Kernproblem der inneren Schulreform

Eckart Jander / Gerhard Voigt: II. Was soll Schule leisten, was kann unsere Schule leisten?

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Hannover im April 2004

Verband der Politiklehrer e.V., Hannover,

Vorsitzender: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

Internet-Präsenz: http://www.voigt-bismarckschule.de

Stand und Internetpublikation: 01. August 2004 / revidiert 1.8.2011

Parallelpublikation: Emder Arbeitskreis - Geschichte einer Bildungspolitischen Initiative

 

 

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