|
In den siebziger Jahren startete das niedersächsische Kultusministerium einen
tief greifenden Reformimpuls: die Reform der Sekundarstufe II. Grundprinzip war
die Auflösung des sequenziellen Fachunterrichts in einem Kurssystem, die
Zuordnung zu Aufgabenfeldern (A: sprachlich-künstlerisches Aufgabenfeld, B:
gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld, C:
mathematisch-naturwissenschaftliches Aufgabenfeld), die Umstellung der
Leistungsbewertung von den traditionellen Noten auf ein Punktesystem (0 bis 15
Punkte), die größere Wahlfreiheit der Schülerinnen und Schüler in der
Zusammenstellung eines individuellen Curriculums und schließlich - und das war
das eigentliche Ziel der Reform - eine Revision der traditionellen
Unterrichtsinhalte und Lernmethoden. Dabei sollte projektorientiertes Lernen,
Problem- und Handlungsorientierung, exemplarisches Lernen und das, was heute
wieder verstärkt gefordert wird: das Erlernen von Schlüsselqualifikationen
("soft skills") im Vordergrund stehen. Auch die Integration der
allgemein bildenden und der beruflichen Ausbildung stand auf der Agenda.
Dazu wurden drei aufgabenfeldbezogene Reformkommissionen und eine
koordinierende "Grundsatzkommission" eingesetzt. Die Reformarbeit erhielt in
Hannover ein eigenes Büro und wurde geleitet von Frau RD´ Dr. Edigna Schrembs
und dem leider früh verstorbenen O. E. Müller, die so zu sagen zu den "guten
Geistern" der Reform wurden.
Edigna Schrembs ist
nach langer Krankheit im November 2003 gestorben. Ein kurzer Blick auf ihr
Lebenswerk sei hier eingefügt. Als Deutsch- und katholische Religionslehrerin,
zuletzt an der Els-Brändström-Schule in Hannover, kam sie von der schulischen
Praxis her, bevor sie in das Kultusministerium berufen wurde. Daher stehen am
Anfang ihrer Laufbahn auch einige qualifizierte fachwissenschaftliche
Publikationen:
Eugenie Felice Edigna Schrembs, Die Selbstaussage in der Lyrik des 17.
Jh.s bei F., Gryphius, Günther (Diss. München), 1953
Wertung und Wirkung von Literatur.
von
Hans-Georg Hölsken,
Edigna Schrembs.
Schroedel, Hann. Erscheinungsdatum: 1977. ISBN: 3507102560
Schrembs, Edigna: Textproduktion und Textrezeption zum Thema Reisen
Beschreibung des Artikels: Materialien für die Sekundarstufe II Deutsch.
Schroedel, Hannover, 1975. 120 S., kart.
Buch und Leser.
von
Hans-Georg Hölsken,
Edigna. Schrembs.
Schroedel, Hann. Erscheinungsdatum: 1976
ISBN: 3507102552
Komik und Komödie.
von
Jürgen Schoormann,
Hans-Georg Hölsken,
Edigna. Schrembs
Schroedel, Hann.
Erscheinungsdatum: 1976
ISBN: 3507102544
Später
konzentrierten sich - neben ihrer beruflichen Arbeit im Kultusministerium - ihre
Veröffentlichungen auf die bildungspolitischen Probleme und die Ergebnisse der
Reformarbeit - auch heute noch lesenswerte Aufsätze, die sie dann auch zusammen
mit den führenden Mitgliedern der Reformkommissionen verantwortete:
Schrembs, Edigna und Jürgen Wolf 1982: Das hessische Oberstufenurteil
als Symptom für Konfliktfelder in Gesellschaft und Schule der Bundesrepublik
Deutschland. In: DDS, 74, 1982, 3, S. 177-191
Müller, Otto E., Edigna Schrembs u. Jürgen Wolf: Das
gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld im Kurssystem der
gymnasialen Oberstufe in der
Bundesrepublik Deutschland - seine
Umsetzung in Richtlinien und
Handreichungen der Länder, seine
Auswirkungen auf Schulbücher
und Unterrichtsmaterialien
Internationale Schulbuchforschung / Georg-Eckert-Institut Braunschweig
2. Jahrgang 1980, Heft 3
Die
Ergebnisse der Reformarbeit wurden vom Kultusministerium publiziert in den so
genannten "Handreichungen", in denen in einer Reihe von jeweils drei bis vier
Bänden für jedes Aufgabenfeld Kursentwürfe mit Lernzielen, didaktischen
Konzepten und Unterrichtsmaterialien veröffentlicht wurden. Daneben entstanden
"Grundsatzpapiere" zu den Lernzielen und der Unterrichtsorganisation.
Nach
dem Regierungswechsel Ende der siebziger Jahre in Niedersachsen wurde diese
Arbeit abgebrochen, die Restbestände der "Handreichungen" verschwanden in den
Kellern des Ministeriums und die Kehrtwende zu traditionelleren Schulkonzepten,
die jetzt erst in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends bundesweit kumuliert.
Kritische Anmerkungen dazu veröffentlicht z.B. der Verband der Politiklehrenden
auf seiner Web-Site: <http://www.politiklehrerverband.org>
.
Aber
noch einmal zurück zum Ende der siebziger Jahre. Das "Grundsatzpapier" der
Reformkommission für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld wurde nicht
mehr vom Ministerium veröffentlicht - durch Vermittlung des Leiters der "Gruppe
B", Herrn Dr. Eckart Jander - später Schulleiter der Tellkampfschule Hannover -
konnte eine Druckauflage vom Philologenverband Niedersachsen publiziert werde.
Zwei schon fertig gestellte Kursentwürfe, für das Fach Politik/Soziologie
"Soziale Ungleichheit" von Jürgen Wolf und Gerhard Voigt, für das Fach
Politik/Psychologie "Psychische Probleme in der Adoleszenz" von Schattenburg /
Ziehe, wurden aus grundsätzlichen politischen Gründen vom Ministerium verboten
und mit Verdikten wie "verfassungsfeindlich" oder "nicht für die Schule
geeignet" versehen. Doch fanden sich auch hier Publikationsmöglichkeiten bei der
GEW Niedersachsen bzw. bei der Pädagogischen Arbeitsstelle Dortmund (pad), so
dass diese Kurse wohl dann zum Ärger des Ministeriums die Arbeitsergebnisse der
"Gruppe B" waren, die die meiste Aufmerksamkeit - bis hin zu einer Anfrage im
Landtag - und Verbreitung - auch in der unterrichtlichen Erprobung und Umsetzung
- gefunden haben.
Für
die engagierten Mitglieder der Reformkommissionen war dieses Ende der
Reformarbeit nicht erträglich. Durch eine Initiative von Frau Dr. Schrembs wurde
der Zusammenhalt einer etwas wechselnden Reihe der Reformaktivisten aufrecht
gehalten. Vor allem bis zu seiner Erkrankung Ulrich Bauermeister,
OStD, Schulleiter der Bismarckschule Hannover, Peter Domann,
OStD, Hannover, Dr. Eckart Jander, OStD, Laatzen, Schulleiter der
Tellkampfschule Hannover, Wilhelm Leeker, OStD, Berufsbildende Schulen Emden,
Dr. Edigna Schrembs,
RD', Kultusministerium Hannover, Werner Stapp,
OStD, Hameln, Gerhard Voigt,
OStR, Laatzen, Jürgen Wolf, StD, Braunschweig, und Dr. Hellmut Roemer,
Göttingen, sowie Marina Bökenkamp, Hannover, zeitweise auch der spätere SPD-Kultusminister
Rolf Wernstedt, trafen sich regelmäßig zu bildungspolitischen Gesprächen bei Frau
Dr.
Schrembs. Originalität und kritischer Impetus dieser Gespräche waren ungebrochen
und wiesen in die Zukunft der Bildungsentwicklung.

Höhepunkte der Arbeit und der Diskussionen waren jedoch unsere Treffen in
Emden. Eingeladen hat uns Wilhelm Leeker, Leiter der
Berufsbildenden Schulen II
und lange Zeit im Rat der Stadt Emden nicht nur für die Bildungspolitik
engagiert, sondern als Vorsitzender der SPD-Ratsfraktion engagierter und
hervorragender Kommunalpolitiker der Stadt Emden. In der Arbeit in der
Reformkommission B (für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld) vertrat
er die innovativen Ansätze im wirtschaftspädagogischen Bereich und über diese
Kommission hinaus die Ziele der grundsätzlichen Integration beruflicher und
allgemeinbildender Schulreformen. Zu seiner Person und seiner erworbenen "Ostfriesenschaft"
schreibt der General-Anzeiger aus Ostfriesland (
) in seinem Artikel
"Seit Samstag gibt es drei Ostfriesen mehr. Rhauderfehner
Gemeindedirektor nahm als "frisch gebackener Ostfriese"
Indigenat der
Ostfriesischen Landschaft entgegen":
Dritter im Bunde
der "Ehren-Ostfriesen": Oberstudiendirektor i. R. Wilhelm Leeker. Geboren in
Halle/Westfalen lernte er nach dem Krieg zunächst den Tischler-Beruf, bestand
später als "Externer" die Hochschulprüfung und nahm ein Doppelstudium an den
Wilhelmshavener Hochschulen für Gewerbelehre und Sozialwissenschaften auf. Nach
weiterer Ausbildung kam er 1969 als Schulleiter der berufsbildenden Schule II
nach Emden, wo er bis zur Pensionierung 1996 tätig war. In seiner Wahlheimat
Emden und Ostfriesland habe er sich weit über seinen beruflichen Horizont hinaus
verdient gemacht, so der Landschaftspräsident.

Von diesen Tagungen leitete sich als selbst gewählter Name die Bezeichnung
"Emder Arbeitskreis" ab, die auch als "Marke" eine grundsätzliche
bildungspolitische Veröffentlichung trägt, die Edigna Schrembs, Jürgen Wolf,
Eckart Jander und Gerhard Voigt durch den
Verband der
Politiklehrer, Hannover, im Juni 1987 als Grundsätze der bildungspolitischen
Arbeit des Emder Arbeitskreises vorgelegt haben. Beide Aufsätze aus diesem
Heft sind auch auf dieser Internetseite in durchgesehener Fassung (2003)
publiziert (vgl. Links am Ende dieser Seite) und sollen vor allem dem
Andenken von Frau Dr. Edigna Schrembs und dem
Dank an Wilhelm Leeker gewidmet sein, ohne die diese bildungspolitische
Kontinuität nicht hätte erreicht werden können. Es wird Zeit, sich dieser auch
heute noch innovativen Ansätze wieder zu erinnern und aus der Arbeit des
"Emder Arbeitskreises" Impulse für ein Umsteuern in der verfahrenen und
rückwärts gerichteten bildungspolitischen Situation nicht nur in Niedersachsen
zu gewinnen.

Impressum:
TEILNEHMER DES „EMDER
ARBEITSKREISES“
Ulrich Bauermeister,
OStD, Hannover [†2004.
REFORM - vom Gedanken zur Praxis
für Ulrich Bauermeister, Schulleiter der Bismarckschule von 1975 - 1998]
Peter Domann,
OStD, Hannover
Dr. Eckart Jander,
OStD, Laatzen
Wilhelm Leeker,
OStD, Emden
Dr. Edigna Schrembs,
RD', Hannover
Werner Stapp,
OStD, Hameln
Gerhard Voigt,
StR, Laatzen
Jürgen Wolf,
StD, Braunschweig
Weiter zu den Publikationen des Emder
Arbeitskreises:
Schulreform in Niedersachsen. Der "Emder Arbeitskreis" in Gedenken an
Dr. Edigna Schrembs
Der Emder
Arbeitskreis - Eine Reminszenz
Jürgen Wolf:
Gedanken zur Tätigkeit von Edigna Schrembs
Lothar
Nettelmann:
Noch einmal: Edigna Schrembs –
Beispiel für die Reform
Edigna
Schrembs / Jürgen Wolf: I. Bildung ‑ ein Kernproblem der inneren Schulreform
Eckart Jander / Gerhard Voigt: II. Was soll Schule
leisten, was kann unsere Schule
leisten?
|