I. Eindrücke
Vorab: Auch mich verbinden Erinnerungen
mit Edigna Schrembs. Ich lernte sie dadurch kennen, dass ich während der
Osterferien 1979 eine Studienfahrt nach Polen organisierte, an der sie
teilnahm. Die Reise war für Schüler der Bismarckschule gedacht und Mitglieder
des Verbandes der Politiklehrer war angeboten worden, teilzunehmen. Die Reise
wurde damals von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung
gefördert. Folgende Eindrücke blieben:
Erstens: In einem Telefonat zuvor
unterbrach sie das Gespräch, in dem ich sie auf ein für sie völlig unbekanntes
Land vorbereiten wollte mit den Worten: „Nun muss ich erst mal eine Zigarette
anzünden, denn das kann ja länger dauern!“ Die ersten Züge waren am Telefon
hörbar. Am Ende unseres Gespräches äußerte sie ein für sie besonders wichtiges
Problem: „Gibt es in Polen jederzeit Zigaretten zu kaufen“. Sie nannte ihre
Marke. Ich glaubte sie beruhigt zu haben. Trotzdem offenbarte sich bei der
Einreise-Kontrolle, dass sie zwei Stangen einer gängigen Marke mitgenommen hatte
– sicherheitshalber, wie sie sagte. Bei der Rückreise einige Stangen im
Devisenladen zollfrei auf Vorrat zu kaufen, die dann die nichtrauchenden
Teilnehmer ‚übernahmen‘, lehnte sie ab. Es widersprach ihrem Ethos. Es war das
einzige Mal bei meinen vielen Polenreisen, dass jemand bei der Einreis Reise
Zigaretten mit sich führte und bei der Ausreise nicht.
In Warschau hatten wir ein Gespräch mit
einem höheren Kultusbeamten – einem bekennenden Katholiken – was für sie als
aus Bayern kommende katholisch erzogene Lehrerin höchst interessant und nicht
erwartet worden war. Der Anspruch der Gesprächsebene sagte ihr zu.
Ein Dissens bei der Rückfahrt: In Posen
funktionierte etwas nicht mit der Organisation in einem Hotel. Sie äußerte sich
gegenüber dem polnischen Piloten (Reisebegleiter) unangenehm kritisch. Als
abfällig empfand er den Satz: „Polen muss noch sehr viel lernen“.
Ich sprach sie auf die Begebenheit an,
nachdem sie sich beruhigt hatte und wies ihre Äußerung als unangemessen zurück.
Dies geschah mit großer Deutlichkeit – was mir ansonsten im Übrigen nicht so
liegt. Sie verstand es sofort und akzeptierte meine Kritik. Sie entschuldigte
sich bei dem Reisebegleiter. Dies geschah dann in einer deutlichen Form des
Bedauerns, die ich von dieser an sich sehr distanziert und kühl auftretenden
Frau, die auch die Geselligkeit mit anderen ablehnte, nicht erwartet hatte. Es
wurde dann noch ein sehr schöner Abend und bis zur Abreise gab es viele
fruchtbare Gespräche.
Sie hatte jetzt sehr schnell begriffen,
warum das alles so kompliziert war im Polen des Jahres 1979 und welche Vielfalt
an interdependenten Bezügen auf vielen Ebenen vorlagen und bis heute vorliegen,
hier auch in besonderem Maße die emotionale. Edigna Schrembs wurde Mitglied der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover und besuchte öfter die
Informationsveranstaltungen.
Indirekt profitiere ich von ihr: Bei
Formulierungsproblemen oder bei Unklarheiten betreffend Rechtschreib- und
Kommaregeln frage ich meistens meine Frau. Diese weist oftmals darauf hin, das
sie die Deutsche Sprache sehr gründlich seinerzeit an der „Elsa“ (Elsa
Brändström Schule in Hannover) bei Frau Dr. Schrembs gelernt habe. Edigna
Schrembs war eine hoch qualifizierte und sehr geschätzte Lehrerin in der Sicht
ihrer damaligen Schülerinnen.
II. Nachbemerkungen zum Aufsatz von Jürgen Wolf
Es ist sehr zweifelhaft, dass dies ein
würdiger Artikel für Edigna Schrembs und eine gerechte Würdigung ihrer
Tätigkeit im Kultusministerium sowohl in den Regierungszeiten der SPD 1970 –
1976 und 1990 – 1995 als auch in Zeiten der Opposition von 1976 bis 1990 ist.
Auch die tatsächliche inhaltliche Arbeit der Sek.-II-Gruppe und ihre
Arbeitsergebnisse in den Handreichungen werden, wie manche Insider meinen,
verzerrt und z.T. verkehrt wiedergegeben. Alle Beteiligten wissen doch selbst,
wie lange und für wie viele der Lehrkräfte sie bedeutsam waren und manchmal noch
sind.
Von Frau Schrembs hatten Mitarbeiter des
KM, auch der langjährige Minister Rolf Wernstedt, anderen Eindruck von
der Qualität ihrer Arbeit als die tendenziell wegwerfende Art der Darstellung
bei Wolf es erscheinen lässt. Sie hat das eigentlich nicht verdient. Richtig ist
aber auch, dass Edigna Schrembs unendlich hohe Anforderungen an sich stellte,
die manchmal sie und jede Administration überforderten. Wenn es gewisse
Entfremdung zwischen dem Minister und ihr gegeben hat, dann hat das mit
Sicherheit nichts an dessen fachlicher Hochschätzung geändert. Politik kann man
leider nicht nur vom gesicherten Schreibtisch aus gerecht beurteilen.
Falsch sind z.T. die historischen Daten
der Regierungszeiten. Zur Erinnerung: Die große Koalition aus SPD und CDU
dauerte von 1965 bis 1970. Kultusminister war Langeheine. Seit dem Sommer
1970 bis 1974 regierte die SPD allein. Kultusminister war Peter von Oertzen.
Die FDP trat erst 1974 in die Koalition ein, die am 6.2.1976 zerbrach.
Kultusminister war Mahrenholz. Die CDU begann 1976 ihre Regierungszeit.
Im Übrigen ist es schon erstaunlich, wie
Jürgen Wolf, der sich immer – und zu Recht – zur Elite der politischen Bildner
gezählt hat, das Parlament und seine Bedeutung einschätzt. Die Fixiertheit auf
die Exekutive – früher nannten wir so etwas obrigkeitsstaatlich – wollten wir
immer aufbrechen. Das Parlament verächtlich und minderrangig zu bewerten hat in
Deutschland eine Tradition, die ganz von rechts kommt. Es ist schade, dass
Jürgen Wolf seine offenbare Vergrätztheit so wenig hat verstecken können.
Bei Jürgen Wolf kommt mir der Mensch
Edigna Schrembs zu kurz. Stattdessen ist eine ausgesprochen latente
Ich-Bezogenheit erkennbar.
Aber der Reihe nach:
Jürgen Wolf äußert sich als
ausgewiesener Kenner der Materie. Er gehört zu den wenigen Kollegen, die als
Politiklehrer in ihrer eigenen Praxis als unterrichtende Lehrer, als Didaktiker,
als mitprägende Gestalter der Reformprozesse im Aufgabenfeld ›B‹ über rund drei
Jahrzehnte zum Wohle von Lehrern und Schülern gewirkt haben.
Nicht ganz verständlich ist deshalb
seine Einengung auf den politischen Rahmen der Reform und deren
Strukturelemente. Er bezieht sich wesentlich auf Bewegungen und
Strukturveränderungen insbesondere in Niedersachsen, die so scheint es mir – den
Blick für den Leser verengen.
Zunächst sollte darauf hingewiesen
werden, dass Edigna Schrembs in wirklich erfolgreicher Arbeit die Reform in
Kooperation mit dem erwähnten Kollegenkreis umgesetzt hat.
Zu kurz kommen m.E. aber die Kollegen,
die als Politiklehrer (wie auch als Geschichts- bzw. Erdkundelehrer) in
Leitungsfunktionen wie auch in Fachkonferenzen und Diskussionen über Abi-Themen
sich doch in einem permanenten Prozess des Nachdenkens und Diskutierens
befanden. Hieraus haben doch Kollegen wie z.B. Ulrich Bauermeister, Gerhard
Voigt, Eckart Jander und Jürgen Wolf selbst – um nur die zu nennen, die mir
persönlich bekannt sind – Anregungen und fachdidaktische Substanz geschöpft, die
dann in die Diskussionen des ›Emder Arbeits-Kreises‹ sowie in vielfältige
Publikationen eingeflossen sind.
Prozesse der Kommunikation sind
Voraussetzung und Basis des Wirkens von Personen. Wenn Edigna Schrembs zu Recht
als herausgehoben gewürdigt wird, dann sollte der genannte Bezugsrahmen nicht
unerwähnt bleiben. Eine auf wenige Personen reduzierte Handlungsebene führt
leicht zu einer sich verengenden Sichtweise und zieht zu leicht
fatal-pessimistisches Fühlen nach sich. Statt positiver Würdigung dessen, was –
zweifellos und wirklich – erreicht worden ist, was damit auch nicht
anathematisiert werden darf, erfolgt ein Absturz in die nicht begründete
Resignation.
Diesen Pessimismus hat Edigna Schrembs,
hat die Reform der Schule, die Bildung des Aufgabenfeldes ›B‹ nicht verdient.
Das Bild, das von ihr gezeichnet wird, wirkt verzerrend.
Wenn sich das Fach ›Politik‹ in einer
Krise
befinden sollte – ich sehe dieses keinesfalls substanziell als gegeben an –
dann ist dies eingebunden in Machtkämpfe mit innereuropäischer Dimension und
Globalisierungstendenz, damit einbezogen in globale Prozesse – und damit
Ausdruck derselben.
Die riesigen Wellen als Folge sozialer
Beben in der Welt und den ‚kleinen‘ Strukturveränderungen – zweifellos den
zunehmenden Risiken und Unsicherheitsempfindung auch in der bundesdeutschen
Gesellschaft – lassen Machtkämpfe rigider erscheinen. Menschen reagieren
zunehmend nervöser und spannungsgeladener, erkennbar seit der Rezession von
1975.
Ein kritischer Punkt ist im Rückblick
zwingend notwendig, er darf aber nicht reduziert werden auf ›Schulpolitik‹
oder den Unwillen bzw. das Unvermögen von Eltern und Lehrern. Schulbürokratie
und an den Rahmenrichtlinien beteiligte Kollegen haben auch Leistungen
erbracht, unabhängig davon, wie Dritte dazu stehen.
Es ist nicht die strukturkonservative
Bevölkerung Sachsen-Anhalts per se! Wie soll eine Lehrerschaft anders reagieren
können, die nichts als zwei Diktaturen in drei Generationen und davor
autoritäre Gesellschaften erfahren hat?
Nicht allen war es vergönnt,
Emanzipation, Freiheit, Befreiung von Konventionen, das Abwerfen von Zwängen
gesellschaftlicher Konventionen seit den späten 60er Jahren zu erleben, ja auch
das, was mit dem unseligen Plakat ›68er-Bewegung‹ verknüpft wird. Die Wurzeln
reichen in die ›skepti-sche Generation‹ der 50er zurück.
Dass die Menschen, die jetzt in Pension
gegangen sind oder sie in wenigen Jahren erwarten – oder wie Edigna Schrembs –
leider schon verstorben sind, daraus geschöpft haben und ihre Gestaltungskraft
genutzt haben, war ihnen vergönnt. Sie haben es genutzt – insofern war es auch
ihr individuelles Verdienst. Aber es ist nicht zu Ende.
Der Schematismus BRD-Nord/Süd,
links/konservativ, und dieses – festgemacht an den „A“ und „B“-Ländern wie
politischen Lagern – ist sehr unglücklich, ja, tendenziell fatal. Ich teile die
pessimistischen Einschätzungen, die bei Jürgen Wolf zu Ausdruck kommen, gar
nicht. Ich muss gestehen, ich kann auch nicht die Schärfe nachvollziehen, die
im Tenor seiner Diktion zum Ausdruck kommt.
Zu den von allen progressiven Lehrern
beklagten Gesichtspunkten gehört der Bereich, der z.B. mit alternativem
Unterricht oder projektorientiertem Lernen überschrieben werden kann. Es ist
beklagenswert, dass diese Elemente nicht durchgesetzt werden konnten und
stattdessen ‚traditionelle‘ Methoden dominieren, die in Lehrerzentrierung,
Wissensabfragung, Kontrollierbarkeit und allgemein „Verkopfung“ münden.
Es ist unverständlich, dass die – damals
wie heute als sinnvoll und notwendig erkannten und von der „Wirtschaft“, dem
Dienstleistungssektor, der Industrie, dem Handwerk und auch den Hochschulen
geforderten „übergeordneten Lernzielen“ nicht vorhanden sind und als Defizit
beklagt werden, wie kooperatives Lernen, Teamfähigkeit etc.
Es darf nicht der Eindruck entstehen,
dass die Problematik auf die Ministerial- bzw. die Schulbürokratie reduziert
wird. Leider verengt m.E. Wolf den Blick zu sehr auf die ›Exekutive‹. Man kann
doch nicht davon ausgehen, dass die Fülle von Angehörigen des ›Öffentlichen
Dienstes‹ in den Parlamenten untätig oder gar unfähig sind (... das Parlament
ist immer voller Lehrer!). Sie sind doch nicht in ihrer Mehrzahl Regions- bzw.
Berufsgruppen-Lobbyisten.
Sicherlich wird in den Medien eher das ‚Fädenziehen‘
einzelner Abgeordneter kolportiert, die sich aus entsprechenden Machtpositionen
herausgearbeitet haben.
Die Person Rolf Wernstedt ist ein
Beispiel für eine enge Rollenzuordnung zum Parlament‹ einerseits und der
›Exekutive‹ andererseits. Wernstedt hat sich eben mit einer zwanzig Jahre langen
Arbeit als Schulpolitiker qualifiziert und spezialisiert. Wenn er nach acht
Jahren ein Amt, das nun wahrlich nicht zu den „weichen“ Sesseln gehört, aufgab
und sich um das Ehrenamt eines Parlamentspräsidenten bewarb, dann hat er selbst
darum gekämpft, es zu erhalten. Über die weiteren innerparteilichen
Hintergründe soll in diesem Zusammenhang nichts ausgesagt werden.
Wer kann denn bitte den Widerspruch
erklären zwischen der Forderung einer Gesellschaft nach „modernem“, d.h. für die
heutige Zeit einem von der Gesellschaft geforderten zukunftsgerichteten
Schulsystem mit adäquaten Methoden und Inhalten einerseits und der Nichtdurchsetzbarkeit
eben dessen, verbunden mit einer generellen Rückwärtstendenz, die sich leider
durchgesetzt hat und die – sagen wir es offen – bei vielen Lehrern zu Frust und
Resignation, zu Hilflosigkeit und letztlich einer Erkenntnis der (eigenen)
Machtlosigkeit geführt hat. Das, was man als sinnvoll und notwendig erkannt
hat, was wissenschaftlich gestützt ist, was auf gesellschafts-politischem
Konsens beruht, wenn das beiseite geschoben und zerstört wird, und wenn man das
aktive Betreiben dessen mit bewusstem Auge erlebt, dann ist mit all dem schwer
fertig zu werden. Das gilt für uns alle.
Leider hat der individuelle Kampf um
Positionen in den Hierarchieebenen erheblich dazu beigetragen. Dazu gehört auch
unsolidarisches, unpolitisches, verantwortungsloses Verhalten zwischen den
Personen und Gruppen, die sich als ‚links‘ einordnen.
Wenn jemand in seiner eigenen
Zielsetzung unterliegt, dann ist es nicht immer die ‚stärkere‘ oder gar
‚bessere‘ Position des Gegners, sondern eine wie auch immer herbei geführte
„Schwäche“ der eigenen Seite.
Man denke in diesem Zusammenhang an den
systematischen und z.T. sehr unwürdigen Kampf gewisser Leute in der GEW gegen
die Person Rolf Wernstedt. Es waren Leute, die seit Mitte der 70er Jahre eigene
Opfer-Ideologien produziert hatten und laute Kritik ertönen ließen, selbst aber
nichts zustande brachten und dann, als ein Regierungswechsel erfolgte (1976) und
danach bis 1986 als Ausdruck des Wählerwillens (!) dreimal bestätigt wurde,
permanent kuschten. „Mit denen wollen wir doch gar nichts zu tun haben!“, so
hörte man aus diesen Kreisen. Als die Parlamentsmehrheit 1990 wieder umschlug,
schoss man sich wieder ein – auf die Sozialdemokraten!
Ich denke, es sind nur wenige Beispiele,
die die Vielfalt von Interdependenzen im (schul)-politischen Raum andeuten. Wir
sollten das positiv Bewirkte hervorheben, es reflektieren und dokumentieren.
Jürgen Wolf ist längst in Pension, viele
andere ‚Reformorientierte‘ ebenso – oder sie sehen ihrer Pensionierung
entgegen. Eingeschlagene Eckpfeiler müssen aber sichtbar bleiben. Nur dann kann
die nächste Generation in Wissenschaft und Praxis Mut entwickeln und Begonnenes
neu durchdenken und aus Bewährtem, Entwickeltem, Geleisteten neue
Entwicklungen anknüpfen.
Ich sehe weiterhin, dass die Uni ihre
Studenten methodisch und didaktisch unzureichend ausbildet, verbunden mit
wissenschaftlichen Verengungen, dann mit Spezialisierungen und
Weichenstellungen, die ihrerseits Produkt subjektiver Positionen von
Einzelpersonen und insgesamt auf inneruniversitäre Machtkämpfe innerhalb und
zwischen den Fachbereichen hindeuten.
Ich sehe, dass der damals Hoffnung
versprechende Bereich der Fort- und Weiterbildung an einer Vielfalt von
Implikationen – auch von Inkompetenz und Obstruktionen, Fehlsteuerungen, auch
vom ‚Abblocken‘ vieler Schulleiter – gescheitert ist. Dazu gehört das NLI, aber
auch Häuser wie Vlotho, Sonnenberg, Hustedt und Loccum und weitere in
Niedersachsen wie auch das Georg-Eckert-Institut für internationale
Schulbuchforschung (GEI) in Braunschweig, das an sich hervorragende Arbeit
geleistet hat. Dass nun das Internationale Haus Sonnenberg in Sankt
Andreasberg/Oberharz durch Streichung der Landesmittel insolvent ist und dass
nach einer zu erwartenden Streichung der Zuschüsse aus Nordrhein-Westfalen das
GEI in seiner Existenz bedroht wird, zeigt sehr deutlich, dass ein Komplex aus
veränderten politischen Zielrichtungen einerseits und ökonomischen Begrenzungen
der Staatshaushalte andererseits gerade Fort- und Weiterbildung im Bereich der
Politischen Bildung und in ihren zentralen Arbeitsfeldern Interkulturelle
Bildung, internationale Konflikte und Migrationsfolgen um ihre
Existenz und Nachhaltigkeit bangen muss. Das Hin- und Her um die
Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung ist komplizierter.
Gerade dieses Haus steht für hervorragende Leistungen im Bereich der Politischen
Bildung seit den fünfziger Jahren.
Mitarbeiter in den Landeszentralen, dem
Georg-Eckert-Institut und der genannten Häuser haben substanziell Hervorragendes
geleistet.
Ich sehe, dass die Einrichtung und
Besetzung vieler Didaktik-Lehrstühle ein Flop war. Für eine
Wissenschaftskarriere Anstrebende war es ein Abschieben auf eine gepolsterte
C3/C4-Stelle. Andere meinten als Externe der Schule Lehrer ausbilden zu können,
ohne einen Einblick in die Realprobleme zu haben und ohne gründliche
Erfahrungen über mehrere Jahrgänge an einer Gesamtschule oder eines Gymnasiums
zu verfügen.
Nur, zu wenige orientieren sich an
Machbarem, leben in realgesellschaftlichen Bezügen und entwickeln in den
gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, in der Schule: dem ‚Aufgabenfeld B‘,
die Diskursplattform, sich mit diesen Realitäten auseinanderzusetzen. Es gibt
Leute, die publizieren nur innerhalb von Hochschul-Diskursen und haben jeglichen
Bezug zur Unterrichtspraxis verloren oder gar nicht gehabt. Diese leben dann nur
noch ihre Vorlieben aus und bewegen sich abgehoben in „sein-sollte“ oder „müsste“-Diskussionen,
verbunden mit kapriziösen Gedankenspielereien und Formulierungen. Wer liest und
verwendet eigentlich deren Aufsätze, außer vielleicht ihre Studenten –
gezwungenermaßen?
Viele Ansätze, die auch von Wolf
vertreten werden, betreffen die 70er Jahre. Ich denke viele von uns können sie
nachvollziehen, so auch ich. Nicht nur, weil sie mich selbst geprägt haben. Die
‚handfesten‘ Themenbeispiele boten Substanz und Entfaltungsmöglichkeiten für die
Fachlehrer. Die Rahmenrichtlinien boten realisierbare Schemata an. Die
gegenwärtig gültigen haben drei Ebenen mit einer Fülle von Beispielen
entwickelt, die dann in einer vierten Ebene – der in Absprache in den
Fachkonferenzen (oder auch nicht) erfolgten Festlegungen der Kursthemen. Nachdem
wohl an die hundert Themen möglich sind (die RRL führen bereits eine Fülle von
Beispielthemen an, die ja ergänzt werden können und sollen – das sagt das
Prinzip der Beispiele aus – müssen dann detaillierte Übereinkünfte
erfolgen, da Schüler, gerade auch die Kandidatinnen und Kandidaten der
Prüfungsfächer des Abiturs („P3“ bzw. „P4“ im Grundkursbereich), nicht mehr
unbedingt beim gleichen Lehrer vier Semester lang Unterricht gehabt haben. Das
Problem derjenigen Schülerinnen und Schüler, die nur – nach derzeitigem Stand
der Oberstufenordnung – ein Jahr, d.h. zwei Semester, das Fach Politik als
Pflichtfach belegen müssen (sie „decken die Auflage ab“ und die Kursnoten
werden Teil der Abiturnote) ist, dass sie in den meisten Gymnasien in den
gleichen Kursen sitzen wie die Prüfungsfachkandidaten, die vier Semester lang
das Fach belegen müssen. Sie nehmen daher immer nur an der Hälfte des
angebotenen Gesamtcurriculums des Faches teil. Wenn unter
Grundbildungsvorstellungen alle Schülerinnen und Schüler zumindest einen
gleichen Kernbestand an politischen Bildungsangeboten erhalten sollen – zum
Beispiel nach den derzeitigen Rahmenrichtlinien das Lernfeld „Politisches System
der Bundesrepublik Deutschland“ – bedeutet das, entweder für die
Prüfungsfachkandidaten zu Gunsten von Themenwiederholungen Einschränkungen in
der Breites des politischen Bildungsangebotes hinzunehmen, oder die
Pflichtthemen so zu kürzen und zu formalisieren, dass letztlich eine wirkliche
Umsetzung des „Grundbildungsgedankens“ nicht mehr erfolgt.
Es sei aber daran erinnert, dass in der
aktiven Zeit von Edigna Schrembs als Verantwortliche für die Konzipierung der
Sekundarstufen-II-Reform in Niedersachsen, in der Kommission für das
gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld („Gruppe B“) gerade diese Thematik
und der Versuch ihrer Lösung ein zentrales Element der Überlegungen und der
Kursentwürfe in den „Handreichungen“ war und dass der Diskussionsstand und das
Problembewusstsein gegenüber diesen Fragen weiter entwickelt war als der
derzeitige Stand der bildungspolitischen Reflexion.
Es sei noch einmal daran erinnert, dass
gerade der Versuch, ein Integrationsfach Politik (damals noch
„Gemeinschaftskunde“) zu schaffen, dem dann interessen- und themenbezogen
fachspezifische Schwerpunkte zuzuordnen wären, das politische Bildungsangebot
so sehr erweitert hätte, dass das Problem, Grundbildungsvorstellungen zu
vermitteln, kaum noch schwerwiegend gewesen wäre. Heute kann jedoch davon
ausgegangen werden, dass Schülerinnen und Schüler in den Fachkursen Erdkunde und
Geschichte wohl kaum mit den zentralen Punkten der Politischen Bildung in
Berührung kommen. Zudem versuchte die „Gruppe B“ Alternativen zu einem – heute
wieder weitgehend unbestrittenen – kognitiven Grundbildungsbegriff zu entwickeln
in der Einsicht, dass eben Grundbildung keineswegs identisch ist mit einem
definierten ‚Grundwissen‘, erst recht nicht mit dem Absolvieren von
Pflichtthemen. All dies wurde nicht weiter entwickelt und ist in der
bildungspolitischen Diskussion, die wieder auf den ‚Stoffkanon‘ fixiert ist,
heute kaum noch bewusst. Heute wird bildungspolitischer Erfolg und schulische
Effizienz über messbares Schachwissen, Prüfungen und Rankings, Verkürzung der
Schulzeit und die Einführung des Zentralabiturs fokussiert.
Einige Gymnasien haben versucht, ihren
in den siebziger und achtziger Jahre gegen große gesellschaftliche Widerstände
durchgesetzten Reformimpetus über die bildungspolitischen Paradigmenwechsel
hinweg weiter zu führen und weiter zu entwickeln. In Hannover ist zum Beispiel
die Tellkampfschule ein solches interessantes Beispiel, das aber letztlich,
wenn auch später als andere Schulen, an der Schulpolitik scheitern musste.
Diese Reformschule mit kollektiver
Schulleitung und der im Rahmen eines Schulversuchs nur noch auf Zeit besetzten
Schulleiterstelle, mit dem konsequenten Ausbau von Team-Teaching-Modellen und
gemeinsamer Klassenleitung in der Sekundarstufe I, hat erhebliche Krisen
durchgemacht, beginnend schon am Ende der 70er Jahre. Viele der postulierten
Ziele konnten nicht funktionsfähig durchgetragen werden und wurden z.T.
konterkariert durch den „schlechten Ruf“ der Schule als „chaotisch“ und nur für
„schwache Schülerinnen und Schüler“ geeignet, der im Sinne einer
self-fulfilling prophecy genau diese problematische Schülerschaft an die
Schule zog, was eine Reform „unter Normalbedingungen“ zeitweise sehr schwer
gemacht hat.
Dies ist ein Grundproblem jeder
Bildungsreform: dass sie in der Öffentlichkeit vor allem als Verunsicherung und
als Infragestellung gewohnter Ordnungsvorstellungen wahrgenommen und bekämpft
wird. In diesem Zusammenhang muss auch die Besetzungspolitik von
Leitungspositionen gesehen werden. Diese sind oftmals mit substanziellen
Veränderungen verbunden - also auch mit Rückentwicklungen. Die
Reformansprüche gründeten aber hohem Maße auf wenig in die Gesellschaft
einbezogenen Selbstbespiegelungen.
Auch andere Gymnasien – und nicht nur
die vielfach kritisierten und mit Negativschlagzeilen überzogenen Gesamtschulen
hatten ähnlich Problemphasen durchzumachen – ja, man kann sich fragen welche
eigentlich nicht?
Noch ein hannoversches Beispiel: die
seit den fünfziger Jahren der Interkulturellen Erziehung als
UNESCO-Projekt-Schule verpflichtete Bismarckschule Hannover, die besonderen
Wert auf die Integration osteuropäische Schülerinnen und Schüler legte, als
Fremdsprache Russisch anbot und mit Schulpartnerschaften in Polen Pionierarbeit
geleistet hat, wurde in der hannoverschen (Eltern‑) Öffentlichkeit als
„Russenschule“ diffamiert und hatte dann jahrelang fast nur noch
Neuanmeldungen aus dieser Schülerpolulation – was natürlich die intendierte
integrierende Pädagogik nahezu unmöglich machte.
Viele dieser Probleme der genannten
beiden Schulen wurden nun eher dadurch gelöst, dass man ›kosmetische
Strategien‹ entwickelt, Probleme nicht mehr offen aussprach und sie „unter den
Teppich“ kehrte. Echte Problemlösungen in einem offenen bildungspolitischen
Diskurs im Sinne des Vermächtnisses von Edigna Schrembs hatten letztlich aber
beide Schulen nicht anzubieten. Aber: In welcher Schule in Niedersachsen hat man
nicht mit mehr oder weniger Erfolg versucht, Problem hinter der verschlossenen
Tür zu verstecken?Und was müssen die Schulen und Fach-Kolleginnen
und ‑Kollegen jetzt dazu leisten?
Die Folge ist, das
Fachkonferenz-Beschlüsse zustande kommen nach dem Motto: „Wer kann was? Wer hat
welche Vorlieben? Wer beherrscht welche Modethemen? oder: Wer hat welche
Modethemen in seiner eigenen Ausbildungsphase kennen gelernt und ggf. welche
damals gültigen Modeautoren gelesen und verinnerlicht?“ Dabei wird zukünftig
nicht nach „Modethemen“ allgemein gefragt werden, sondern nach den „Modethemen“
der Schulverwaltung in den Vorgaben zum zukünftigen Zentralabitur. Beispiele
lassen sich dazu aus jeder Fachkonferenz anfügen, selbst wenn auch nur das
Durchschnitts‑Alter der Fachkollegen um ca. fünf Jahre differiert.
„Wer kann wie welche Mehrheit
herbeiführen?“ Und dann kommen noch oftmals motivierte aber unbedarfte und
völlig überforderte Schülervertreter hinzu. Komplizierter machen dann die Sache
noch Eltern, die in der Regel von der Sache wenig oder gar nichts verstehen,
aber ihre schuldemokratischen Rechte wahrnehmen möchten – d.h. ihre
individuellen Meinungen einbringen oder schichtspezifischen Interessen
berücksichtigt wissen wollen. Das Problem dieser Interessenlagen ist hinlänglich
bekannt und weckt sicherlich unangenehme Erinnerungen.
Bei Wolf klingt noch die Illusion
demokratischer Mitbestimmungsvorstellungen durch Eltern an zum Zwecke
‚sinnvoller‘ Weiterentwicklung. Ich teile diese Einschätzung nicht mehr.
Es entsteht bei ihm in mehreren Ansätzen
der Eindruck von illusionärer Sichtweise und Vorstellungen. Pädagogische Ideale
und Idealbilder der 70er Jahre werden ohne einen Anflug von Selbstreflektion
reproduziert und als Forderung perpetuiert.
Wolfs Sichtweise in der Einschätzung der
Grundhaltung des Gesetzgebers wie auch der Justiz müsste in anderem Kontext
diskutiert werden. Sie knüpft an seine bereits erwähnte und skizzierte
Grundhaltung an.
Die Vielfalt zurückliegender (und auch
abgeschlossener Ansätze) sehe ich nach wie vor als gegeben an und als Basis für
weitere Gestaltung. Auch wenn gegenwärtig eine Phase gewollten Zurückdrehens
erfolgt.
Aber auch diesbezüglich bin ich nicht
sehr skeptisch. Was erreicht wurde bleibt. Und dies ist ein Verdienst vieler –
in besonderem Maße ein Verdienst der verstorbenen Edigna Schrembs.
Anmerkungen
Impressum:
TEILNEHMER DES „EMDER
ARBEITSKREISES“
Ulrich Bauermeister,
OStD, Hannover [†2004.
REFORM - vom Gedanken zur Praxis
für Ulrich Bauermeister, Schulleiter der Bismarckschule von 1975 - 1998]
Peter Domann,
OStD, Hannover
Dr. Eckart Jander,
OStD, Laatzen
Wilhelm Leeker,
OStD, Emden
Dr. Edigna Schrembs,
RD', Hannover
Werner Stapp,
OStD, Hameln
Gerhard Voigt,
StR, Laatzen
Jürgen Wolf,
StD, Braunschweig
Weiter zu den Publikationen des Emder
Arbeitskreises:
Schulreform in Niedersachsen. Der "Emder Arbeitskreis" in Gedenken an
Dr. Edigna Schrembs
Der Emder
Arbeitskreis - Eine Reminszenz
Jürgen Wolf:
Gedanken zur Tätigkeit von Edigna Schrembs
Lothar
Nettelmann:
Noch einmal: Edigna Schrembs –
Beispiel für die Reform
Edigna
Schrembs / Jürgen Wolf: I. Bildung ‑ ein Kernproblem der inneren Schulreform
Eckart Jander / Gerhard Voigt: II. Was soll Schule
leisten, was kann unsere Schule
leisten?
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