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politik unterricht aktuell, Heft 1/2002: 1-2

„Tod, Haß und Ehre – Zur gesellschaftlichen Funktion mörderischer Selbstkonzepte“


Aktuelles Colloquium zur Politischen Bildung
Dokument Information

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In der Universität Hannover im Soziologischen Institut, Am Schneiderberg 50, fand am Diens­tag, 30. Juli 2002, und am Mittwoch, 31. Juli 2002, ein Colloquium zur Politischen Bildung statt zum aktuellen Thema individuelle und kollektive Gewalt, Suizid und Selbstmordat­ten­tate... aus soziologischer, kulturwis­senschaftlicher und zivilisations­theo­retischer Sicht. Diese Tagung war gleichzeitig anerkannt als eine regionale Lehrer­fort­bildung im Bezirk Hannover. Veranstalter waren die Deutsch-Türkische Vereinigung zum sozial- und geisteswissenschaftlichen Austausch (DTA), Hannover in Kooperation mit der Niedersächsischen Landeszentrale für  politische Bil­dung und dem Soziologischen Institut der Universität Hannover. Mitveranstalter waren der Ver­band der Politiklehrenden, Hannover und der UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

Eingeladen worden sind Lehrerinnen und Lehrer, vor allem der gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Fächer, sowie Studentinnen und Studenten dieser Fächer und weitere interessierte Gäste

Leider war das Interesse der Leh­rerschaft an dieser Veranstaltung gering, die vor allem von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Kreis der Univer­sität und der sozialwissenschaftlich fun­dierten Berufe besucht worden ist.

Selbstmordattentate im Nahen Osten, im internationalen Terrorismus und auch in der eigenen Gesellschaft, sogar in unseren Schulen: – Schrecken, Verzweiflung, Orientierungslosigkeit als Reaktion auf diese in den Medien breit dargestellten schreckli­chen Gewalttaten herrschen bei Schülerinnen und Schülern ebenso vor wie bei unseren Kolleginnen und Kollegen.

Es ist notwendig, über die ersten spontanen und ritualisierten Trauer- und Betroffenheitsbe­kundungen, Schweigeminuten oder Lichterketten hinauszugehen, die zwar der individuellen Trauerbewältigung nützen können, aber die gesellschaftlichen und so­zialpsychologischen Bedin­gungen für individuelle Gewalt im sozialen Wirkungsfeld keineswegs erklären oder als gesell­schaft­liches Problem thematisieren können.

Soziologie und Sozialpsychologie haben sich mit diesen Fragen seit langem beschäftigt und entwerfen dabei keineswegs ein trostreiches Bild. Die verschiedenen Formen suizidaler Gewalt sind im Einzelfall nicht zu verhindern, sie sind aber eine Verhal­tensoption in fast allen Politi­schen Kulturen, bei denen der langdauernde »Zivilisationsprozess« (Norbert Elias) ein Versuch ist, diese Gewalt gesellschaftlicher Kontrolle zu unterwerfen. Im interkulturellen Konflikt bre­chen aber diese Formen der Ge­walt als kultureller Symbolformen immer wieder hervor und stellen Gesellschaft und Politik vor fast unlösbare Aufgaben.

Programm:

Dienstag, 30. Juli 2002:

9.³°

Begrüßung, Vorstellung, Thematische Strukturierung

10.³°

Vortrag:
Prof. Dr. Axel Schulte (Universität Hannover):
Konfliktpotenziale in der Interkulturellen Gesellschaft

11.³°

Gespräch über die Referatthematik

12.³°

Mittagspause

13.³°

Plenum: Bericht und Diskussion der Gruppenergebnisse

14.³°

Vortrag:
Gerhard Voigt, OStR (Bismarckschule Hannover / Vorsitzender des Verbandes der Politiklehrenden):
Die Grenzen des »Identitätskonzeptes«: Widersprüche, Ideologien

15.³°

Gespräch über die Referatthematik

16.³°

Ende des ersten Tages

Mittwoch, 31. Juli 2002:

9.³°

Begrüßung

10.°°

Vortrag:
Prof. Dr. Elçin Kürşat (Soziologisches Institut der Universität Hannover / Deutsch-Türkische Vereinigung für geistes- und sozialwissenschaftlichen Austausch / DTA):
Zur Verpflichtung der Ehre
(Programmthema: »Ehre«: Strukturen der Politischen Kultur in Semiperipheren Gesellschaften am Beispiel der Türkei und türkischer Migranten in Deutschland

11.³°

Gespräch über die Referatthematik)

12.³°

Mittagspause

13.³°

Vortrag:
Prof. Dr. Dawud Gholamassad (Universität Hannover):
Die Selbstmordattentate der Islamisten als Funktion der Destruktivität ihres Wir-Ideals. Zum Islamismus als mobilisiertes Widerstandspotential der islamisch geprägten Menschen gegen die als Imperialismus erfahrene Globalisierung.
(Programmthema: Die Selbstmordattentate als Funktion der Destruktivität von Wir-Idealen)

15.³°

Gespräch über die Referatthematik, Abschlussdiskussion

16.³°

Ende des zweiten Tages

 

Das Seminar war inhaltlich außerordentlich interessant und ergiebig und warf neue gesellschafts- und politikwissenschaftliche Fragestellungen auf. Fokussiert wurde vor allem die Auseinander­setzung mit den „üblichen“ Urteilskategorien über das Verhalten von Menschen, die in der Regel „psychologisch“ und individuell verstanden werden – wie »Ehre«, »Identität« oder »eth­ni­sche Zuordnung« – aber als soziale und sozialhistorische Kategorien aufzufassen sind.

Dadurch wird deutlich, dass die individuelle Sicht von Wertbegriffen wie »Ehre« einem Stand der Psychogenese der Zivilisation entsprechen, in dem die soziale Außensteuerung ersetzt ist durch Internalisierungsprozesse und Individualisierung. Dass diese Werte in der vormoder­nen ruralen Gesellschaft, wie sie fragmentarisch noch in den Semiperipherien anzutreffen ist, eben nicht im individualpsychologischen Sinne personale Identität stiften, sondern den sozialen Zusammenhalt der Gruppe (Familie, Gentes, Klientel) ermöglichen und sichern, von dem der Einzelne existenziell abhängig ist, ist aus der Sicht der individualisierten Industriegesellschaft kaum mehr verständlich und nachzuvollziehen.

Die Referate von Elçin Kürşat und Dawud Gholamassad, die diese Zusammenhänge in gro­ßer Klarheit thematisieren, werden in diesem Heft abgedruckt. In Heft 2/2002 folgt dann der Vortrag über die Probleme des Begriffes der »Identität«.

 

pua 1/2002

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell
"Tod, Haß und Ehre - 
Zur gesellschaftlichen Funktion mörderischer Selbstkonzepte"
Hannover, 2002. A 5, kart. [ISBN 3-9807714-3-1] (Printausgabe vergriffen)

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe:   - Letzte Überarbeitung: 1.8.2004 / 02.08.2011

 

 

 

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