Nur exemplarisch
an drei sich an eine breitere politisch interessierte Öffentlichkeit
wendende, essayistische Werke, die als Diskussionsstoff und Grundlegung
im aktuellen Politikunterricht eine wichtige Rolle spielen könnten, sollen
hier in einem eigenen argumentativen Kontext
vorgestellt und rezensiert werden – wobei auch weiterführende Bezüge nicht
ausgespart bleiben sollen:
Vargas Llosa, Mario,
2000: Nationalismus als neue Bedrohung Edition Zweite Moderne, Hg. von
Ulrich Beck. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag). [Aufsätze von 1993,
1995, 1996, 1998, 1999].
Kaldor, Mary,
2000: Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der
Globalisierung. Edition Zweite Moderne, Hg. von Ulrich Beck. Frankfurt am
Main (Suhrkamp Verlag). {New & Old Wars.
Organized Violence in a Global Era, 1999).
Burke, Peter,
2000: Kultureller Austausch. Erbschaft unserer Zeit. Vorträge über den
Wissensstand der Epoche Band 8. Im Auftrag des Einstein Forums hg. von
Gary Smith. Frankfurt am Main (edition suhrkamp 2170).
„Camus und Orwell in
Tschetschenien. In einem seiner Essays schreibt Orwell, man müsse nicht
herausfinden, was vorgefallen sei, wenn Arbeiter einer Gruppe von
Polizisten gegenüberstehen, um sich mit den Arbeitern solidarisch zu
fühlen. Und in einer berühmten Erklärung erläutert Albert Camus kurz und
bündig, warum er in einer gerechten Sache wie der Unabhängigkeit
Algeriens nicht Partei ergriff: ‚Weil ich mich bei der Wahl zwischen der
Gerechtigkeit und meiner Mutter für meine Mutter entscheide!‘ (Sie war
eine spanische Hausangestellte aus Oran.)“
So leitet Mario
Vargas Llosa, Philosoph, Literat und aktiver oppositioneller Politiker
in Peru, seinen Essay über den Tschetschenienkrieg (Vargas Llosa,
2000: 69) ein und spannt dabei einen literarischen Bogen über die
Kontinente: ein historisch-philosophisches Bewußtsein, in Perspektiven
und Maßstäben nicht durch nationale Grenzen eingeschränkt, dennoch den
geistigen, kontroversen Diskursen Europas über Werte und Zugehörigkeiten
exemplarisch verpflichtet – auch in ihren Widersprüchlichkeiten –,
bezeichnend für die immer dringlicher werdende Entgrenzung der
Realitätsdeutungen und die Suche nach Grenzen und Evidenzen, die quer zu
den eingefahrenen Kategorien und Alltagsrealitäten stehen.
Über Grenzen
kann nur der sinnvoll sprechen, der sie von innen wie von außen kennt,
der weiß, daß die Evidenz des Unbegrenzten in der Existenz der Grenzen
ebenso liegt, wie die Evidenz der Grenze die Existenz des Unbegrenzten
voraussetzt.
Vargas Llosa
steht für diese Zweideutigkeit der europäischen Kultur und Geschichte, die
sich aus ihrem Verständnis der Grenzen heraus begreifen läßt: Aus dem
Verfestigen der europäischen Grenzen zum Staat und gesellschaftlich zur
Staatsgesellschaft mit ihrem Ausschließlichkeitsanspruch entsteht eine
Hegemonialvorstellung, die Europa durch den Kolonialismus und
Imperialismus zum politischen und kulturellen Oktroy ders
eurozentrischen Weltbilder verkommen läßt.
Der Band versammelt
Texte, die Mario Vargas Llosa zwischen 1993 und 1999 an
verschiedenen Orten zu verschiedenen Gelegenheiten vorgelegt bzw.
vorgetragen hat. Entsprechend vielfältig sind die inhaltlichen Ansätze
und Themen, die vom Erschrecken über den Bürgerkrieg in Bosnien
(„Mäuseträume“, 1993) bis zur Frage nach der „Französischen Identität“
(1995) reicht, als Rezension den „perfekten lateinamerikanischen Idioten“
(1995) vorstellt und, wie schon Eingangs zitiert, „Camus und Orwell in
Tschetschenien“ (1995) aufsucht.
Immer aber ist eine
kritische, humanistische und prononciert liberale Position seines Denkens
erkennbar, in der die Vorstellung von ideologischem Denken
bezeichnet wird als politische und gesellschaftliche Dummheit, die in
verblendete Grausamkeit mündet, die Mario Vargas Llosa vor allem in
kollektivistischen politischen Vorstellungen begründet sieht. Er
spricht damit direkt das Individuum an, dessen Möglichkeit und Fähigkeit,
sich selbst aus der Verstrickung aus ideologischer Borniertheit und
politischer Dummheit zu befreien, für ihn außer Frage steht.
Nach dem
Zusammenbruch des sozialistischen Zwangssystems in der von der UdSSR
beherrschten Einflußsphäre sieht Mario Vargas Llosa in erster
Linie im Nationalismus und im religiösen Fundamentalismus
heutige existenzielle Bedrohungen für die Menschheit.
„Die Bekämpfung des
Nationalismus, dieser hitzköpfigen und engstirnigen politischen Haltung,
dieser Religion der Kleingeister und ungebildeten Leute, scheint mir am
Ende unseres Jahrtausends ebenso große Priorität zu haben wie die
ausnahmslose Verteidigung der fortschreitenden Internationalisierung des
Lebens, der schrittweisen Auflösung der Grenzen. Denn von diesem Kampf
wird es in den kommenden Jahren abhängen, ob der Sieg, den die liberale
Kultur mit dem Zusammenbruch des Kommunismus feiern konnte, sich bestätigt
oder in Frage gestellt wird. Es ist eine Schlacht, die mit Ideen,
Argumenten, politischen Aktionen, ökonomischen und kulturellen
Initiativen, also mit allen Waffen der Intelligenz und der Vernunft zu
schlagen und zu gewinnen ist. Doch wir dürfen nicht die Polizei zur
Verstärkung rufen, damit sie unseren Argumenten mit Knüppelschlägen
Nachdruck verleiht – wir müssen, in anderen Worten, bereit sein, uns
geschlagen zu geben. Bomben und Knüppel verzerren nämlich ideologische
Debatten immer und geben am Ende wie in Tschetschenien möglicherweise
denen recht, die es nicht haben, und berauben jene des Rechts und der
Wahrheit, die im Recht waren. Das ist die weise geheime Lehre des
allegorischen Bilds Orwells, auf die auch das Diktum Albert Camus’ zielt:
Es gibt keine vertretbare politische Einstellung, keine Philosophie,
keine Überzeugung, in deren Namen ich rechtfertigen müßte, daß man meine
Mutter tötet“ (S. 75).
Zwei Momente scheinen
mehrfach auf: Einmal die Erkenntnis, daß positiv motivierte ideologische
Prämissen letztlich in gegenteilige Folgen umschlagen können, und,
andererseits, daß Nationalismus und ethnischer Konflikt nicht
zwangsläufiges Ergebnis der geschichtlichen Erfahrung, sondern von und im
Interesse der Herrschaft gemachter Ideologien sind:
„Müssen wir also annehmen, daß die Einwohner Bosniens, die über
Generationen friedlich zusammenlebten und so vieles miteinander teilten,
einfach gerissene Schwindler waren? Daß Kinder, Eltern, Enkel und
Urenkel, während sie Schulter an Schulter schufteten, Güter und
Dienstleistungen austauschten und sogar untereinander heirateten, nur so
taten, als ob? Die einen wie die anderen Heuchler von Geburt,
programmierte Verräter, warteten sie über Jahrzehnte der vorgetäuschten
Toleranz und Freundschaft auf den geeigneten Augenblick, einander
Dolchstöße zu versetzen? – Ich vermute eher, daß Koexistenz und
allmähliche Integration eine Realität waren, die bewußt zerstört wurde,
und zwar von verantwortungslosen Politikern, die wissen, daß in
Übergangszeiten – und in Zeiten ideologischer Verwirrung – der kürzeste
Weg zur Befriedigung ihres Machthungers der Nationalismus ist.
Es ist kein Zufall, daß
Präsident Slobodan Milosevic, bis gestern noch ein verbohrter Kommunist,
aus heiterem Himmel eine nationalistische Bekehrung erfuhr, um dann der
Vorkämpfer Großserbiens und der Hauptanstifter, ‑komplize und ‑waffenlieferant
Radovan Karadzics, des »ethnischen« Führers der bosnischen Serben, zu
werden. Die nationalistische oder ethnische Alibiideologie erlaubte
vielen Machthabern der alten stalinistischen Regime – Rumänien ist ein
jüngstes Beispiel –, an der Macht zu bleiben und ein neues politisches
Leben zu beginnen, ausgerüstet mit einem Beglaubigungsschreiben, das –
jedenfalls im Westen – jede Kritik dämpft, wenn nicht gar verstummen läht:
Sie treten als Beschützer unterdrückter Minderheiten auf, die ihr Recht
auf Unabhängigkeit einklagen. Was aber, wenn diese Ethnien in Auflösung
begriffen oder eine bloße historische Tatsache ohne Aktualität sind? Dann
werden sie wieder restauriert oder gar erst produziert – vorzugsweise
durch den Krieg, diesen Brennstoff, der die Patriotismen erzeugt und bis
zur Weißglut schürt, rationale Erwägungen beiseite schiebt und sie durch
die Irrationalität der Leidenschaft ersetzt. Das ist die Geschichte vom
Zusammenbruch Jugoslawiens und der Geburt der neuen »Nationen« auf dem
Balkan.
Diejenigen, die es in
den demokratischen Ländern eilig hatten, die Loslösung Sloweniens,
Kroatiens und Bosniens zu bejubeln und für die frischgebackenen Staaten
internationale Anerkennung zu fordern, wurden von jenen guter Absichten
geleitet, mit denen, wie das Sprichwort sagt, die Hölle gepflastert ist (S
8-9).
Die andere Dimension
seiner Kritik, die „Entlarvung“ der „wohlmeinenden Ideologien“ über
die globalen Opfer der Geschichte (wobei die lateinamerikanischen
dependencia-Theoretiker einem gleichnamigen von ihm rezensierten
Buches folgend im Zentrum seiner polemischen Kritik des „perfekten
lateinamerikanischen Idioten“ stehen) ist gerade für Soziologen und
Zivilisationstheoretiker – die Mario Vargas Llosa unmittelbar
anspricht – von einiger Brisanz, da der ethische Individualismus, den er
postuliert, durchaus Auswirkungen auf die Urteilskontexte der
Sozialwissenschaften hat und mit ihnen tendenziell im Konflikt steht.
Sicher ist seine scharfe Kritik an einem undistanzierten Kollektivismus
oder eines wissenschaftlichen Kollektiv-Determinismus wichtig und nicht
von der Hand zu weisen. Doch ist der Ansatz von Mario Vargas Llosa,
individuelle Verantwortung in den Mittelpunkt zu stellen, letztlich
ethisch und nicht sozialwissenschaftlich fundiert.
Wie bei allen
fundamentalen ethischen Fragen gibt es hier keine letztgültige Beweiskraft
im Sinne einer wissenschaftlichen Deduktion. Im Kern werden hier
Auseinandersetzungen aktualisiert, die in anderen zeitgeschichtlichen
Kontexten schon zu den Leitfragen sozialwissenschaftlicher
Theoriebildung gehören. Mario Vargas Llosa arbeitet heraus, daß
aus dem wissenschaftlichen ein ethisch-politischer Widerspruch folgt. Das
Theorem des fortschrittlichen politikwissenschaftlichen
„Kollektivismus“ basiert auf der Überzeugung einer
gesamtgesellschaftlichen Verantwortung und Fundamentierung der
individuellen Identität. Sehr bald folgt daraus die These von einer
kollektiven Identität, die wissenschaftlich wie ethisch sehr fragwürdig
und bestreitbar ist, aber letztlich die notwendige Grundlage sowohl für
nationalistische wie für geschlossene religiöse Gruppenüberzeugungen
darstellt. Betreffen solche Konzepte die Legitimationsbemühungen der
gesellschaftlich Etablierten und der Herrschenden, ist ihre Kritik und
Abweisung Grundüberzeugung der political correctness. Anders sieht
es bei der postulierten kollektiven Identität der Opfer und
ihrer kollektiven Überzeugungen aus. Politisch wohlmeinende
Konzepte halten das in diesem Falle für wissenschaftlich legitim, was in
einer grundsätzlicheren Ebene als inadäquat abgewiesen wird. Dieser
Widerspruch, political correctness zur Richtlinie der
Realitätsdefinition zu machen, ist Kern der Kritik in den Aufsätzen von
Mario Vargas Llosa.
Den Traditionen und
Selbstverständnissen der Unterlegen wird in den kollektivistischen
politischen Realitätssichten ein höherer selbstbezüglicher Wert
zugesprochen. Die Konsequenz ist damit die (Neu‑)Konzeption von Ethnien,
Völkern und Nationalitäten, die letztlich in ihrer
Ausdifferenzierung kein Ende, in der Geschichte aber auch keine
Legitimation finden (am Beispiel Bosniens und des Kossovo dargestellt z.B.
auf S. 7-9 oder 118 ff, und passim).
Es wäre hier zu
fragen, wie sich ein vor allem in den Industrieländern selbst geführter
„Kampf für die bedrohten Völker“, der mehr sein will, als das Eintreten
für international akzeptierte Menschenrechte und ethische Normen,
sondern „alte Kulturen“ museal erhalten will, davon befreien kann,
wiederum Menschen kollektiv einer wohlmeinenden Fremdbestimmung zu
unterwerfen, indem individuelle Emanzipations- und
Modernisierungshoffnungen anathematisiert und unterdrückt werden im Namen
einer kulturellen Wertvorstellung, die eher Erfindung von Ethnographen
denn persistente Entität ist.
Die „heile Welt der
Ethnien“ und Kulturen ist alles andere als die erhoffte Abwendung vom
Eurozentrismus; sie ist nur eine neue und gefährliche Façette
machtstärkeren Hochmuts, der sich mit einer moralischen Legitimität der
„Uneigennützigkeit“ umgibt. Lateinamerikanischen Theoretikern der
Dependenz wirf Mario Vargas Llosa „Idiotie“ vor:
„Diese künstliche,
mutwillige und ausgesuchte Dummheit nimmt man aus intellektueller
Trägheit, ethischer Müdigkeit und einem Mangel an Zivilcourage bewußt an.
Sie ist ideologisch und politisch, vor allem aber frivol, denn sie zeugt
von der Verweigerung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, die Worte
mit den Tatsachen abzugleichen, die sie vorgeblich beschreiben, die
Rhetorik zu zerpflücken, die sich als Denken ausgibt. Sie ist die
Scheinheiligkeit der herrschenden Mode, das ewige
Mit-dem-Strom-Schwimmen, der Kult des Stereotyps und der Floskeln.
Keiner ist davor gefeit, in seinem Leben einmal dieser Art von Dummheit
auf den Leim zu gehen“ (S. 63).
An dieser Stelle kann
der grundsätzliche Diskurs über den ethischen Liberalismus von
Mario Vargas Llosa nicht in der notwendigen Breite fortgeführt werden.
Das Werk „Nationalismus als Bedrohung“ ist auch und gerade durch seine
aktuellen Bezüge, die immer wieder die nationalistischen und
partikularistischen Entwicklungen im ehemaligen Jugoslawien aufgreifen,
aber auch durch die façettenreiche grundsätzliche Auseinandersetzung mit
dem Nationalismus und seiner ethnizistischen Begründung, ein notwendiges
und lesenswertes Buch, das für die Fundierung eines kritisch-distanzierten
Politikunterricht wichtige Impulse setzen kann.
Die
Grenzen des Ansatzes von Mario Vargas Llosa werden jedoch auch
deutlich, vor allem im letzten Aufsatz des Bandes „Der Liberalismus am
Übergang des zweiten in das dritte Jahrtausend“ (1998, S. 132 ff.), der
zunächst die Kritik am „Neoliberalismus“ polemisch zurückweist und vor
allem semantisch diesen Begriff selbst als unsinnig charakterisiert, da es
nur einen „Liberalismus“ geben könne, der politische, bürgerliche und
ökonomische Freiheiten gleichermaßen umfaßt und umfassen muß. In seiner
„Kritik der Kritiker“ baut Mario Vargas Llosa jedoch einen
undifferenzierten Popanz auf. Kritiker des uneingeschränkten Marktes und
der gesellschaftlichen und ökonomischen Universalisierungs- und
Globalisierungsprozesse argumentieren längst nicht so undifferenziert und
„kollektivistisch“ (oder meint Mario Vargas Llosa hier
„sozialistisch“?), wie es in dem Buch immer wieder unterstellt wird.
Mario Vargas Llosa sieht den Liberalismus als Grarant gegen
undemokratische und unlegitimierte Herrschaft – was seiner
lateinamerikanischen Erfahrung mit Diktaturen jeglicher Coleur
entspricht –, er übersieht aber, daß Wirtschaftsliberalismus ohne
gesellschaftliche Kontrolle ebenso unlegitimierte Herrschaft
hervorrufen und begründen kann, daß also ein ungezügelt liberalistischer
Kapitalismus ebenso „kollektivistische“ Herrschaftssysteme oder
Diktaturen hervorruft. Auch für liberale Demokraten – auch unter
Wirtschaftswissenschaftlern – ist distanzierte und rationale Kritik am
sich globalisierenden Kapitalismus und seinen Institutionen (WTO) und
politischen Trägern (vor allem den USA) heute nicht mehr ungewöhnlich
oder systemfremd.
Diese Überlegungen
verlangen nach einigen grundsätzlichen Erörterungen, die letztlich über
den Rahmen einer Rezension hinausgehen und daher hier nur andeutungsweise
skizziert werden können. Sie beziehen sich auf aktuelle Ausführungen vor
allem bei Mary Kaldor (2000). Dieses schmale Werk aus der Reihe
„Edition Zweite Moderne“ gehört zu dem Wichtigsten, was der Rezensent als
Politiklehrer in der letzten Zeit gelesen hat. Mary Kaldor hat
praktische Arbeit im Rahmen der NGOs in Bosnien und in anderen
Krisenregionen geleistet und dabei nicht nur die humanitären Katastrophen
und Aufgaben kennen gelernt sondern wesentliche sozialwissenschaftlich
reflektierte Erkenntnisse über Stukturen, Ursachen und Folgen von
sogenannten „Bürgerkriegen“ erarbeiten können.
Sehr wichtig
ist die Einsicht, daß es sich eben nicht um Kriege der „Bürger“
gegeneinander handelt, sondern um interessengeleitete
Herrschaftskonflikte kleiner, unlegitimierter Machteliten, wie es am
Beispiel von Milošević auch Mario Vargas Llosa (S. 7 ff.)
ausgeführt hat.
„Bürgerkriege“ sind ebenso wie die „alten Kriege“ der
Staaten gemachte und grewollte Kriege. Sie sind „Neue Kriege“
im Sinne von Mary Kaldor, weil sie sich dem formalisierten
nationalstaatlichen Kriegsverständnis als Fortsetzung nationaler
Politik mit anderen Mitteln entziehen und sich auf die
Interessendurchsetzung von Gruppen beziehen, die im modernen
Nationalstaatensystem nicht als legitime staatliche Vertretungen angesehen
und anerkannt werden.
Im
zivilisationstheoretischen Kontext nach Norbert Elias handelt es
sich aber gleichermaßen um in sich abgeschlossene bzw. sich abschließende
„Überlebenseinheiten“, deren „Überleben“ vom eigenen Machterhalt abhängt,
und die sich durch die Konstruktion von Ethnien in ihrer sozialen
Basis verbreitern, was ihre Kampf- und Überlebensfähigkeit vergrößert und
sichert. Nicht zu vergessen ist dabei aber auch, wie es Mary Kaldor
herausarbeitet, daß nicht nur die eigenen Herrschafts- und
Gruppeninteressen diese Bürgerkriege ermöglichen und begründen,
sondern daß sie eingebunden sind in Netze globalisierter ökonomischer
Interessen. An den aktuellen „Balkankriegen“ verdienen
interne Gruppen, internationale Waffenliferanten, indirekt auch die
europäischen Staaten und irreguläre ökonomische Netze, die in der
Öffentlichkeit als mafiös wahrgenommen werden, in Wirklichkeit
aber eng verknüpft sind mit der legalen Ökonomie und ihr
zusätzliche Gewinne einbringen.
Daß diese
Verknüpfung von „legalen (d.h. nationalstaatlichen und
weltwirtschaftlichen) Interessen“ mit „kriminellen“
Machtgruppen auch für den „Terrorismus“ gilt, haben Jean-Charles
Brisard und Guillaume Dasquié in einem kürzlich in Frankreich
erschienenen Buch über Osama bin Laden. „Osama bin Laden ist kein ‚von
Fanatismus verblendeter Terroristenchef‘. Vielmehr das geradezu
unvermeidliche Ergebnis jahrzehntelanger Politik seines Heimatlandes
Saudi-Arabien.“
Die Eskalation des Terrors im Herbst 2001 setzen die Autoren mit dem
Amtsantritt von George W. Bush in den USA in Verbindung, der
offensichtlich als Interessenrepräsentant texanischer Erdölproduzenten auf
Distanz zu den nahöstlichen Erdölliferanten und damit auch Saudi Arabien
gehen kann. Eine Folge ist, daß das Terrorismus-Verdikt der USA, das lange
Jahre die Gruppe um Bin Laden ausgespart hatte, nun auch ihn traf und ihn
öffentlich zum Staatsfeind Nr. 1 der Vereinigten Staaten machte. Die
lange und geheimgehaltene Vorgeschichte wird von den beiden französischen
Autoren in aller Breite dargestellt und belegt die These, daß der „Kampf
gegen den Terrorismus“ nicht in erster Linie ethisch-moralisch motiviert
ist, sondern einer ökonomischen Interessen-Neubestimmung folgt.
In diesem Kontext
wird verständlich, warum Mary Kaldor „Alte Kriege“ den „Neuen
Kriegen“ gegenüberstellen kann: Wegen der neuartigen Verknüpfung
vor-staatsgesellschaftlicher, auf sich selbst ethnifizierenden
Machtklientelen basierenden lokalen Herrschaftsgruppen und
internationalen ökonomischen Interessennetzen, in die letztlich auch die
Nationalstaaten selbst eingebunden sind. Es ist daher notwendig,
Erklärungsansätze für die heutige Weltlage zu finden, die
Staatsgesellschaft und Nationalstaatlichkeit in Kontext setzen zu den
spezifischen Bedingungen der Herrschaft in den Semiperipherien,
zu denen die Türkei immer noch ebenso gehört wie die jugoslawischen
Nachfolgestaaten.
Notwendig sind
für die Herrschaftsdurchsetzung in den Semiperipherien vor allem
durchgesetzte Realitätsdefinitionen, die – wie der Nationalismus für das
nation building der Nationalstaaten in der europäischen Neuzeit –
ethnische Zugehörigkeits- (Integrations‑)Ideologien postulieren.
Dies geschieht durch die bewußte Konstruktion von Feindbildern,
Erschließung von Aggressionspotentialen und einer allgemeinen
gesellschaftlichen Brutalisierung. Am historischen Beispiel der
Balkankriege des Osmanischen Reiches an der Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert hat dies Elçin Kürşat-Ahlers
exemplarisch herausgearbeitet und historisch-soziologisch mit dem
nation building der Türkei, d.h. der „Erfindung des Türken“
durch die militärische Herrschaft verknüpft und dabei vor allem die Rolle
der Intellektuellen, hier vor allem der Schriftsteller, herausgearbeitet.
Wie kommt es aber, daß Intellektuelle, deren Sichtweise über die Grenzen
hinaus gehen könnte und deren existenzielle Interessen letztlich keinem
nationalistischen Eingrenzugsversuch zu unterwerfen sind, sich im Prozeß
der Nationalstaatenbildung in der Neuzeit zum Interessenwalter eines
aggressiven, auf Stereotypen rekurrierenden Nationalismus und Etatismus
machen? Welche divergenten Begriffe von Modernisierung stehen
hinter diesen Konzepten der Intellektualisierung einer Gesellschaft? Hier
versucht Peter Burke eine Antwort zu finden.
Mit der Entwicklung
des europäischen Systems der Staatsgesellschaften entwickelt die
damit verbundene europäische Intellektualisierung einer neuen, Grenzen
negierenden – wenn auch auf den europäischen Raum beschränkten –
‚Gelehrtenrepublik‘, deren Entstehung und Konzept Peter Burke
(2000: 74-101) in seinem Essay „Erasmus und die Gelehrtenrepublik“
nachgeht.
Voraussetzung dieser
frühen paneuropäischen intellektuellen Diskurse war zunächst die Existenz
einer lingua franca, des Lateinischen. Daß diese Gelehrtenrepublik
‚elitär‘ war, ist unbestreitbar; Elite bedeutet hier intellektuelle
Avantgarde. Doch sie war Voraussetzung dafür, daß in Europa in der
Neuzeit an die Stelle des kulturellen Bandes des Christentums eine
säkulare Zivilisation treten konnte, die Voraussetzung war für das, was
wir mit der Entwicklung der Nationalstaatsidee verbinden und als
‚europäische Modernisierung‘ in all ihren Auswirkungen bezeichnen.
Es ist kein Zufall,
wenn Norbert Elias die Belege für seine Zivilisationstheorie
ebenfalls immer wieder bei Erasmus findet.
Wieder diese
Zwiespältigkeit der europäischen Geschichte: Die Entwicklung der
europäischen Zivilisation fundiert die nationalstaatliche Begrenzung,
Verengung und die Hypertrophien des aggressiven Nationalismus, die der
‚Gelehrtenrepublik‘ zunächst die Freiheit des Denkens über die
Begrenzungen der Herrschaftsbereiche hinweg nimmt, indem sie nationale
Staatsraison einfordert, und schließlich auch die lingua franca als
Medium des intellektuellen Austauschs nimmt, indem Nationalsprachen zum
Medium nationalgesellschaftlicher Homogenisierung gemacht werden.
Wie so oft in der
Geschichte, zerstören die Folgen einer Modernisierung die
gesellschaftliche Basis, die diese Modernisierung erst möglich machten.
Daher ist begriffliche und historische Skepsis gegenüber der Kategorie der
‚Modernisierung‘ selbst angebracht. Die Herausbildung des Nationalstaates
war in dieser europäischen Entwicklung ein folgerichtiger Schritt. Doch
die Vorstellungen der ‚Gelehrtenrepublik‘ wurden nur noch als
intellektuelle Gegen- und Unterströmung der oppositionellen Denker und
Literaten tradiert: einer ‚Republik‘, die sich im antiken Sinne der res
publica, der allgemeinen Sache, d.h. dem Gemeinwohl der Stadtbürger
verpflichtet sah, das sich weder durch feudale Herrschaftsloyalitäten noch
durch nationale Staatsraison eingrenzen läßt.
Bedeutsam für die
zivilisatorische Entwicklung Europas ist es seither, daß die gedachte
‚Gelehrtenrepublik‘ eine europäische Option geblieben ist, daß
oppositionelles Denken und Widerständigkeit gegenüber
Herrschaftsanmaßungen seither zur geistigen Tradition Europas gehören und
als Handlungsmotivation gerade in Hinblick auf den neuzeitlichen Kampf um
Bürger- und Menschenrechte, um Herrschaftslegitimation und -begrenzung,
um Machtkontrolle und Gerechtigkeitspostulat Teil der Politischen Kultur
sind. Es gibt neben dem grausamen, kriegerischen und eurozentrischen
Europa, das weltweit immer wieder Beklemmungen und Ängste evoziert, immer
auch das andere Europa, das sich auf die Aufklärung der
‚Gelehrtenrepublik‘ zurückführen läßt und dessen Werte und politischen
Perspektiven lebendige Handlungsoptionen bleiben müssen.
In diesem
Kontext kann im 19. Jahrhundert auch Karl Marx als später Vertreter der
europäischen ‚Gelehrtenrepublik‘ verstanden werden, dessen
Gesellschaftsanalyse der Aufklärung und dem Säkularismus verpflichtet war
und dessen kommunistische Utopie einer gerechten klassenlosen
Gesellschaft ein Gegenentwurf zur nationalstaatlich verengten
Staatsgesellschaft war. In diesem Sinne kann seine Perspektive vom
Absterben des Staates und vom Internationalismus des Kommunismus als
provokant aktuell gedeutet werden, wenn wir heute die Entwicklungsgrenzen
des Nationalstaates erkennen und vor der Aufgabe einer inhaltlichen
Gestaltung der Globalisierung stehen. Diese wird wahrgenommen als ‚Entgrenzung‘
der Nationalstaaten, was ihre Validität als Ordnungsmuster
gesellschaftlicher und politischer Realität sinken läßt. Dabei darf nicht
übersehen werden, daß in den Peripherien der jetzigen wie einer
zukünftig nach Osten und Südosten hin erweiterten Europäischen Union die
verstärkte und zum Teil auch primäre Durchsetzung
staatsgesellschaftlicher Prinzipien – Gewaltmonopl des Staates,
Steuermonopol, Rechtseinheit etc. – nach wie vor ultima ratio ist. Alle
diese Offenheit haben spätere Marxisten ignoriert und z.T. pervertiert.
Die Tradition, die Rosa Luxemburg noch hätte weiter führen können, wurde
mit ihrer Ermordung durch den politischen Gegner endgültig
anathematisiert. Nationalstaatlichkeit, territorial begrenzte Herrschaft
und Weltrevolution legten sich als globaler Herrschaftsanspruch und
Machtoktroy über die kommunistische Utopie. Damit hat letztlich der
politische und intellektuelle Gegner des Marxismus in der kommunistischen
Bewegung selbst gesiegt, so daß Zusammenbruch und Ende eines hohlen
Machtapparates letztlich nur noch eine Frage der Zeit war. Das bedeutet
aber auch eine Chance, sich auf Karl Marx neu zu besinnen und seine
Modernität zu begreifen und neu zu denken.
Kritische
didaktische Überlegungen müssen zu allererst begreifen, daß das
europäische Politik- und Staatsverständnis des 20. Jahrhunderts an das
Ende einer ebenso sinn- wie verhängnisvollen Entwicklung gelangt ist und
daß diese Krise der Politik fokussiert wird in einer fundamentalen Krise
der Politischen Bildung.
Die Krise der
Politik ist äußerlich evident, betrachtet man die Vielzahl der Kriege
auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie müssen in ihrer
inhaltlichen und strukturellen Interpretation zu einem neuen und
differenzierteren Verständnis der fundamentalen Transformationsprozesse
der Gegenwart führen, indem das Augenmerk z.B. auf die
internationalisierten Kontexte auch scheinbar lokaler Konflikte (Kambodja,
Ruanda, Kongo, Bosnien oder Kosovo) gelenkt wird, wie es z.B. Mary
Kaldor in ihrer These von den „Neuen Kriegen“ tut, oder wie es in ein
umfassenderes Globalisierungsverständnis eingebunden werden muß, wie es
von Stein Rokkan
angeregt wird.
Der
didaktische Paradigmenwechsel muß sich aus der staatsaffirmativen
Einbindung lösen, ja zur Widerständigkeit gegenüber gesellschaftlicher
Opportunität hinführen.
Das bedeutet einerseits ein neues, diskursiv fundiertes
Selbstverständnis, das sich ebenso auf Habermas wie auf Foucault berufen
wird, als auch die Rezeption gesellschaftswissenschaftlicher Traditionen,
die den staatsgesellschaftlichen Homogenisierungsanspruch in historischer
Distanz analysieren und damit relativieren, die sich als selbst aus ihren
staatsaffirmativen Fesseln zu lösen verstehen und dem Blick auf das
‚andere Europa‘, von dem schon die Rede war, verpflichtet sind.
Dies wäre der
Ansatz einer „Zweiten Moderne“, wie es Ulrich Beck im Titel einer von ihm
herausgegebenen sozialwissenschaftlichen Buchreihe formuliert hat.
Ein notwendiger und aktueller Ansatz, der dem gesellschaftlichen ‚mainstream‘
durchaus entgegenzustellen ist und der in seiner didaktischen Umsetzung
auf älteren reformpädagogischen Fundierungen aufbaut und sich nicht den
oberflächlichen Effizienzideologemen der heutigen Bildungspolitik
unterordnet.
Letzlich geht es
darum, der durch Implikationen wie ‚Ersatzmachtkämpfe in den ›weichen‹
politischen Bereichen‘ wie diversen z.T. irrationalen gesellschaftlichen
Spannungsbeziehungen geprägten Bildungspolitik und dem
oberflächlich-akzeptierenden Umgang mit den gesellschaftlichen
Transformations- und Globalisierungsprozessen die Orientierung an den
Potentialen einer neuen, virtuellen ‚Gelehrtenrepublik‘
gegenüberzustellen, die sich bewußt an der gegenwärtigen res publica zu
messen bereit ist und einem sozial-elitären Anspruch heute widerspricht,
da die Kommunikationstechnologien, die Internationale von Technik und
Wirtschaft einen Bildungsanspruch mit viel weiterer sozialen und
regionalen Reichweite ermöglichen.
Gerhard Voigt