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Lothar Nettelmann:
Rezensionen: Norbert Elias: Symboltheorie, Frankfurt/M. 2001: Suhrkamp Verlag; Norbert Elias Gesammelte Schriften Band 13, Herausgegeben im Auftrag der Norbert Elias Stichting, Amsterdam. Aus dem Englischen. Titel der Originalausgabe: The Symbol Theory, London/Newbury Park/New Delhi. [EUR: 28,80] Ziel dieser Rezension soll nicht sein, das Buch in seiner Gesamtheit vorzustellen.[1] Es geht aber sicherlich auch darum, auf das Gesamtwerk Elias’ hinzuweisen.[2] Elias’ Werk selbst – obwohl und gerade weil es seine wesentliche Entstehung in den 20er und 30er Jahren parallel zu marxistischen und rationalistischen Strömungen erfahren hat – ist erst relativ spät in den 70er und 80er Jahren, dann aber aufbruchartig in der etablierten westdeutschen Wissenschaft zur Kenntnis genommen worden und hat den ihm gebührenden Platz in der Wissenschaftsgeschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften eingenommen. In seiner Gedankenführung, die sich insgesamt über mehrere Jahrzehnte erstreckt, sind keine Brüche erkennbar, wohl aber ein permanentes neu-reflektierendes Weiterdenken. Es geht an anderer Stelle – in politikdidaktischen Kontexten – diesen nun in Übersetzung vorliegenden Bandes darum unter spezifischen Aspekten zu skizzieren und anhand einiger Stichworte darzustellen. - Tragen die zivilisationstheoretischen und ,menschenwissenschaftlichen‘ Ansätze Elias’ dazu dabei, einen notwendigen Paradigmenwandel des Politikunterrichts und der Politikdidaktik zu fördern und zu fundieren? - Kann dies praktische, inhaltliche und methodische Auswirkungen auf den Politikunterricht haben? - Ergeben sich darüber hinaus pädagogische Aspekte aus dem wissenssoziologischen Ansatz von Elias? Der Verfasser ist der Auffassung, dass diese Fragen grundsätzlich zu bejahen sind und dass sich aus der Beschäftigung mit Elias fächerübergreifende und projektorientierte Fragestellungen ergeben können, die für das Fach ›Werte und Normen‹ ebenso wie in den erziehenden gesellschaftswissenschaftlichen Fächern genutzt werden sollten. Das vorliegende Buch ist ein wissenssoziologischer Begleiter in Ergänzung zu den grundlegenden gesellschaftshistorischen Studien ›Die höfische Gesellschaft‹ und ›Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. I/II‹. Als sehr lesenswert für das Fach ›Werte und Normen‹ empfiehlt sich ›Über die Zeit‹ oder auch ›Engagement und Distanzierung‹. Auch von Schülern und Lehrern im ›Politikunterricht‹ und ›WuN‹ prinzipiell sehr gut verwendbar ist das Werk ›Etablierte und Außenseiter‹ (Elias N./ L. Scotson)[3] u.a. wegen seines klaren analytischen und entmoralisierenden Zugriffs. Elias’ Bedeutungsaufstieg korreliert in gewisser Weise mit dem Validitätsverlust marxistischer Denkansätze in den westeuropäischen Geistes- und Sozialwissenschaften und der Journalistik sowie auch der verblassenden Bedeutung der ›Kritischen Theorie‹. Dieses ist zweifellos auch verbunden mit dem Generationswechsel seitens der Lehrenden wie auch der Auffächerung der Forschungsansätze. Letztere sind zwar evident für die Lehrerausbildung, leider aber nicht virulent bezüglich interdisziplinärer Vorgehensweise, so dass ihre fruchtbaren Ansätze zu inter- bzw. transdisziplinärem Denken und didaktischem Vorgehen nicht adäquat erfolgen. Im vorliegenden Werk wird deutlich: Das Denken muss Inhalte und Methoden formal sich als weit entfernt verstehender Fächer: Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften sowie Sprachwissenschaft und ihren Methoden wie Inhalten verknüpfen. Biologische Anlagen der Menschen werden über Interaktionen in der Gesellschaft zum Denken verknüpft. Beim Lesen offenbaren sich Schwächen der Schule und kommen dem Leser zu Bewusstsein. Das ,Unvermögen‘ vieler Kolleginnen und Kollegen besteht in einem erschwerten Zugang zum skizzierten interdisziplinären und zusammenführenden Ansatz. Dieses Phänomen ist einerseits zurückführbar auf Defizite in der zurückliegenden universitären Ausbildung der meisten Lehrerinnen und Lehrer, aber auch der 2. Ausbildungsphase. Andererseits erschweren die Schuladministration, entscheidend aber auch die Praxis der (insbesondere gymnasialen) Lehrerzimmer interaktives Arbeiten. Letzlich handelt es sich um bildungspolitische Strukturdefizite die (möglicherweise) in letzter Konsequenz als gewollt angesehen werden müssen. Andererseits, um es mit Elias’ Gedanken zu sagen, handelt es sich (möglicherweise) um nicht steuerbare Prozesse. Die Fülle der Chancen in diesen zu hoher Komplexität verknüpften (und auf hoher – spezifischer (S. 204f) – Syntheseebene befindlichen) Interdependenzen bleibt in ihrerer Mehrebenen-Problematik in der Lehrerausbildung weitgehend ungenutzt. Gegebene Chancen werden dort vertan und niederebenen Machtkämpfen wie Rivalitäten, Eitelkeiten und Ignoranzen geopfert. Elias kann als Beispiel genommen werden, wie vielschichtige Realitäten ohne adäquate inhaltliche Komplexitätsreduktion durch eine angemessene sprachliche Umsetzung verständlich und nachvollziehbar gemacht werden kann. Dem Leser erschließen sich dadurch höhere und angemessene Syntheseebenen für eine gesellschaftliche Realität, die nur als Mehrebenen-Problematik beschrieben werden kann. Diese Fähigkeit zu entwickeln versäumt die herkömmliche Lehrerausbildung. Die Beschäftigung mit Elias ist in der heutigen Zeit sowohl für für die Lehrenden, wie für die Schülerinnen und Schüler sinnvoll und notwendig. Norbert Elias hat in seiner geschichteten und Brüche erleidenden Biograhie als Denker und Hochschullehrer – [er selbst würde die Begriffe ,herausragend‘ oder ,dominant‘ weit von sich weisen und hat einmal seine ihm zugeordnete überagende Bedeutung abschwächen wollen und sich dabei als etablierter Außenseiter bezeichnet] – Kontinuität gewahrt. Er hat die unterschiedlichen Zugangsebenen in ihrer Tiefe und Breite indirekt verknüpft. Die Stärke dieses analytisch vorgehenden und zugleich die Schwächen der ,etablierten Wissenschaft‘ aufzeichnenden und dabei immer fein distinguiert vortastenden Werkes, liegt in ihrer argumentativen Klarheit, sich Gedanke für Gedanke vorarbeitend die Fortschritte mit Beispielen belegend und offensichtlich den Kontakt zum Leser (Zuhörer) nicht aus dem Kopf lassend. Die Größe liegt in der Einfachheit (d.h. auf überflüssigen Sprachkompliziertheiten) verzichtenden Sprache. Er beweist seine Wissenschaftlichkeit durch faszinierende Klarheit und Stringenz. Hehre Glaubensgrundsätze althergebrachter Postulate werden hinterfragt und aufgelöst. Folgende Zitate seien angeführt: „Die meisten lebenden Personen suchen wohl immer noch eine Antwort auf die Frage: »Wer hat die Welt erschaffen?« und nicht auf die Frage: »Welche Veränderungen sind für die gegenwärtige Konstellation des physikalischen Universums verantwortlich?« Die Suche nach langfristigen Prozeß‑Erklärungen befindet sich noch in einem frühen Stadium“ (S.20). „Aus der Tatsache, daß die Menschen die Welt auf zwei verschiedene Weise erfahrten können – als Welt, die sich am klarsten mittels Symbolen von unveränderlicher Regelmäßigkeit darstellen läßt, und als Welt, die eine Struktur unablässig aufeinanderfolgender Wandlungen in eine oder zwei komplementäre Richtungen darstellt –, aus dieser Tatsache könnte man leicht schließen, daß diese Welt aus zwei unterschiedlichen Universen besteht, von denen das eine durch das Schlüsselwort »Natur«, das andere durch »Geschichte« oder »Kultur« charakterisiert ist. In der Tat stehen diese Schlüsselwörter für zwei verschiedene Arten, Wahrnehmungen zu ordnen. … Es ist gar nicht unwahrscheinlich, daß in manchen Fällen die eine Art, in anderen die zweite der Wirklichkeit angemessener sein kann oder daß unterschiedliche Problemfelder verschiedene Mischungen dieser beiden Typen der symbolischen Repräsentation erfordern“ (S.21f). „Ein prozeß-soziologisches Herangehen an Sprache und Wissen muß sich, soll ihm Erfolg beschieden sein, von jenem Ansatz distanzieren, der als historischer Ansatz bekannt wurde“ (S.31). „Im gegenwärtigen Klassifikationsraster gelten Sprachen oft als Kulturprodukte. Den derzeitigen Sprach‑ und Denkgewohnheiten entsprechend, wird Kultur jedoch leicht als Nicht-Natur verstanden, wenn nicht gar als Anti-Natur. Am Beispiel der Sprachen kann man sehen, daß das ein Fehler ist“ (S.60). „Begriffe wie »Natur«, »Kultur« und »Gesellschaft« sind sprechende Beispiele für die Tendenz, auf einer hohen Syntheseebene Problemfelder getrennt voneinander zu betrachten und zu behandeln, wie sie symbolisch durch verschiedene Substantive repräsentiert werden, die wiederum eine nebulöse Aura ideologischer Untertöne umhüllt“ (S.63). Elias’ Gedankenführung kann als störend oder gar langatmig empfunden werden, wenn sich seine Gedanken (scheinbar) wiederholen. Sie unterscheiden sich in deutlich mehr als in ihrer Ziseliertheit. Übersetzer und Herausgeber haben sich bemüht – basierend auf den Überarbeitungen bereits in der englischen Originalausgabe – eine Straffung vorzunehmen. Der vorliegenden Band ist mehr als die Addition der ursprünglich zu Grunde liegenden Vortragsmanuskripte und Aufsätze aus lang überspannten Zeiträumen. Man muss sich zweifellos in die Elias’sche Sprache einlesen, ihre gewisse oder vermeintliche Langatmigkeit durchaus ,ertragen‘ lernen, dann kann auch das Lesen dieses wissenschaftlichen Textes zum Genuss werden. Eine Sicherheit und Gewissheit ausstrahlende Stringenz der gesamten Argumentation durchzieht das Werk. Wer abgeleitete, aufbauende und gesetzte Definitionen erwartet, kann leicht enttäuscht werden. Doch gerade das stetige vorsichtige defensive Vortasten seiner Gedankenführung ist eine notwendige Voraussetzung dafür, neue, adäquate, vielschichtige Realitätszustände zu erschließen. Die Widersprüchlichkeit von ›Natur und Gesellschaft‹, von ›Natur und Kultur‹, um es in einer anderen Sprache auszudrücken, werden durch Zusammenführung ihrer Symbole der Wahrnehmung und Beschreibung wieder zusammengeführt, eine künstliche Trennung überwunden. Kommunikation beruht auf Symbolen. Wer analog zu manchem neueren Theoriengebäude den Aufbau einer spektakulären und ,geschlossenen‘ Theorie erwartet, kann leicht enttäuscht sein. Die ,Greifbarkeit‘ des Ergebnisses selbst ist es, die eingebunden ist in die Gedankenflüsse und -führung. Ein Fazit soll deshalb unterbleiben. Für die Lehrerinnen und Lehrer lassen sich einzelne Textstellen im Politik- und im WuN-Unterricht verwenden. Empfehlungen dazu können nur schwerlich gegeben werden: Man muss es selbst lesen. Es eignet sich zudem hervorragend als wertvolles Geschenk. Im Folgenden sollen einige Stichworte zum Inhalt angegeben werden. · Die Kontinuität der Entwicklung der Sprache über die Symbole auf der Basis biologischer Bedingtheiten. · Sprache steht in biologischem Bezug sowie als Nicht-Kultur resp. Anti-Kultur. · Generell ist von Wechselbeziehungen zu biologisch-gesellschaftlichen Reifeprozessen auszugehen. · Lautmuster haben eine Symbolbedeutung; Lautmuster prägen symbolisch die Gesellschaft. · Die Entwicklung von Lautmustern und Begriffen, der Sprache insgesamt, befinden sich im Prozess, im Fluss. · Es gibt ein Gleichgewicht zwischen Gefühl, Phantasiegehalt und Wirklichkeitskongruenz · Sprache, Vernunft, Wissen sowie sprechen, denken, wissen stehen im Kontext zur Entwicklung der Sprache und zum Gruppenleben. · Sprachsymbole dienen als Kommunikationsmittel, sie sind Mittel zur Orientierung und Wissen. · Es gibt eine Wechselbeziehung zwischen Gruppendenken; das Postulat der Individualität des Denkens erfolgt auf der Basis eines Irrtums. · Wissens- und Sprachtheorien können nicht isoliert nebeneinander betrieben werden. · Gibt es eine Übertragung des Wissens (z.B. von Physikern) durch Aufeinanderfolge außergewöhnlicher Individuen? Wie ist die Wissenschaft von Newton zu Einstein gelangt? · Wissen ist kein statisches Objekt der Naturwissenschaften: kein Potpourri unverbundener Bruchstücke: Natur/Kultur/Wissen - wissenschaftliches und sonstiges - /Politik/Wirtschaft und die allumfassenden Symbole der Sprache. · Die Prozesse, auf die sich die Symbole beziehen, hängen miteinander zusammen und sind oftmals untereinander verflochten. · Unterschiede zwischen Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen. Phantasiewissen (Ideale) hat gegenüber wirklichkeitskongruentem Wissen ein deutliches Übergewicht. · Der Begriff »Wirklichkeitskongruenz« soll der Neigung entgegen wirken, Wissen existiere in einem Vakuum. · Wissen existiert nicht jenseits von Zeit und Raum und nicht außerhalb menschlicher Wesen. · Wissen hat eine gesellschaftlich festgelegte Bedeutung; sie wandelt sich von der Vorherrschaft der Phantasie zu einem Übergewicht der Wirklichkeitskongruenz. · Warum scheuen sich Transzendentalphilosophen, den Begriff der »Wahrheit« und der »Wirklichkeit« zu gebrauchen? Liegt es am Aufstieg des wirklichkeitskongruenten Wissenstyps der Naturwissenschaften? · Man lokalisiert Gegenstände der Kommunikation nicht nur nach den positionen Raum und Zeit, sondern auch nach ihrer Stellung in der eigenen Welt des Sprechens – eine fünfte Dimension! · Das der Synthese zugrunde liegende empirische Gesichtsfeld ist weiter gefasst durch die Ebene der theoretischen Synthese. · Politische Doktrinen haben oft Vorrang vor der Wirklichkeitskongruenz als Messlatte für den Erkenntniswert eines Modells. Lesenswert sind die Aussagen zum Wissenswachstum. In allem lässt sich ein lang angelegter Prozess‑Gedanke erkennen. Ebenfalls von erheblicher Bedeutung sind die Aussagen zu den Integrationsebenen Gesellschaft und Staat (S. 213ff). Lothar Nettelmann [1] Eine lesenswerte Rezension ist in der Süddeutschen Zeitung vom 6./7.10.2001 (Feuilleton-Beilage, S. III) erschienen. [2] Alle Titel sind bei Suhrkamp (STW) erschienen. Sehr zu empfehlen ist auch die auf der Elias’schen Zivilisationstheorie basierende Studie von Hans Peter Waldhoff: Fremde und Zivilisierung: Wissenssoziologische Studie über das Verhalten von Gefühlen der Fremdheit. Probleme der modernen Peripherie-Zentrums-Migration am türkisch-deutschen Beispiel, Frankfurt 1995. Die Problemstellungen stehen in Bezug zu den Schlüssenthemen ›Internationales‹, ›Zusammenleben von Menschen‹ und können gut für den Unterricht herangezogen werden. [3] Schlüsselthemen: ›Zusammenleben von Menschen›, ›Aufbau und Erhalt von Macht‹, ›Schaffung und Funktion von Stereotypen‹ und ›Frieden‹.
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politik unterricht aktuell 1/2-2001 / S. 87-91 / Nettelmann: Rezensionen. Norbert Elias: Symboltheorie. / Text. 01.06.02 Version 2, P1-1RZ1X.DOC / Netzpublikation 01.07.03 / P101-RV1.htm. Internetpublikation
01.07.2003.
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