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Ziel dieser Rezension
soll nicht sein, das Buch in seiner Gesamtheit vorzustellen.
Es geht aber sicherlich auch darum, auf das Gesamtwerk Elias’ hinzuweisen.
Elias’ Werk selbst – obwohl und gerade weil es seine wesentliche Entstehung in
den 20er und 30er Jahren parallel zu marxistischen und rationalistischen
Strömungen erfahren hat – ist erst relativ spät in den 70er und 80er Jahren,
dann aber aufbruchartig in der etablierten westdeutschen Wissenschaft zur
Kenntnis genommen worden und hat den ihm gebührenden Platz in der
Wissenschaftsgeschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften eingenommen. In
seiner Gedankenführung, die sich insgesamt über mehrere Jahrzehnte erstreckt,
sind keine Brüche erkennbar, wohl aber ein permanentes neu-reflektierendes
Weiterdenken. Es geht an anderer Stelle – in politikdidaktischen Kontexten –
diesen nun in Übersetzung vorliegenden Bandes darum unter spezifischen
Aspekten zu skizzieren und anhand einiger Stichworte darzustellen.
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Tragen die
zivilisationstheoretischen und ,menschenwissenschaftlichen‘ Ansätze Elias’ dazu
dabei, einen notwendigen Paradigmenwandel des Politikunterrichts und der
Politikdidaktik zu fördern und zu fundieren?
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Kann dies
praktische, inhaltliche und methodische Auswirkungen auf den Politikunterricht
haben?
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Ergeben sich
darüber hinaus pädagogische Aspekte aus dem wissenssoziologischen Ansatz von
Elias?
Der Verfasser ist der
Auffassung, dass diese Fragen grundsätzlich zu bejahen sind und dass sich aus
der Beschäftigung mit Elias fächerübergreifende und projektorientierte
Fragestellungen ergeben können, die für das Fach ›Werte und Normen‹ ebenso wie
in den erziehenden gesellschaftswissenschaftlichen Fächern genutzt werden
sollten.
Das vorliegende Buch
ist ein wissenssoziologischer Begleiter in Ergänzung zu den grundlegenden
gesellschaftshistorischen Studien ›Die höfische Gesellschaft‹ und ›Über den
Prozeß der Zivilisation, Bd. I/II‹. Als sehr lesenswert für das Fach ›Werte und
Normen‹ empfiehlt sich ›Über die Zeit‹ oder auch ›Engagement und Distanzierung‹.
Auch von Schülern und Lehrern im ›Politikunterricht‹ und ›WuN‹ prinzipiell
sehr gut verwendbar ist das Werk ›Etablierte und Außenseiter‹ (Elias N./ L.
Scotson)
u.a. wegen seines klaren analytischen und entmoralisierenden Zugriffs.
Elias’ Bedeutungsaufstieg
korreliert in gewisser Weise mit dem Validitätsverlust marxistischer
Denkansätze in den westeuropäischen Geistes- und Sozialwissenschaften und der
Journalistik sowie auch der verblassenden Bedeutung der ›Kritischen Theorie‹.
Dieses ist zweifellos auch verbunden mit dem Generationswechsel seitens der
Lehrenden wie auch der Auffächerung der Forschungsansätze.
Letztere sind zwar evident
für die Lehrerausbildung, leider aber nicht virulent bezüglich
interdisziplinärer Vorgehensweise, so dass ihre fruchtbaren Ansätze zu inter-
bzw. transdisziplinärem Denken und didaktischem Vorgehen nicht adäquat
erfolgen. Im vorliegenden Werk wird deutlich: Das Denken muss Inhalte und
Methoden formal sich als weit entfernt verstehender Fächer:
Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften sowie Sprachwissenschaft
und ihren Methoden wie Inhalten verknüpfen. Biologische Anlagen der Menschen
werden über Interaktionen in der Gesellschaft zum Denken verknüpft.
Beim Lesen offenbaren sich
Schwächen der Schule und kommen dem Leser zu Bewusstsein. Das
,Unvermögen‘ vieler Kolleginnen und Kollegen besteht in einem erschwerten
Zugang zum skizzierten interdisziplinären und zusammenführenden Ansatz. Dieses
Phänomen ist einerseits zurückführbar auf Defizite in der zurückliegenden
universitären Ausbildung der meisten Lehrerinnen und Lehrer, aber auch der 2.
Ausbildungsphase. Andererseits erschweren die Schuladministration, entscheidend
aber auch die Praxis der (insbesondere gymnasialen) Lehrerzimmer interaktives
Arbeiten. Letzlich handelt es sich um bildungspolitische Strukturdefizite die
(möglicherweise) in letzter Konsequenz als gewollt angesehen werden
müssen.
Andererseits, um es mit
Elias’ Gedanken zu sagen, handelt es sich (möglicherweise) um nicht steuerbare
Prozesse. Die Fülle der Chancen in diesen zu hoher Komplexität verknüpften (und
auf hoher – spezifischer (S. 204f) – Syntheseebene befindlichen)
Interdependenzen bleibt in ihrerer Mehrebenen-Problematik in der
Lehrerausbildung weitgehend ungenutzt. Gegebene Chancen werden dort vertan und
niederebenen Machtkämpfen wie Rivalitäten, Eitelkeiten und Ignoranzen geopfert.
Elias kann als Beispiel
genommen werden, wie vielschichtige Realitäten ohne adäquate inhaltliche
Komplexitätsreduktion durch eine angemessene sprachliche Umsetzung verständlich
und nachvollziehbar gemacht werden kann.
Dem Leser erschließen sich
dadurch höhere und angemessene Syntheseebenen für eine gesellschaftliche
Realität, die nur als Mehrebenen-Problematik beschrieben werden kann. Diese
Fähigkeit zu entwickeln versäumt die herkömmliche Lehrerausbildung. Die
Beschäftigung mit Elias ist in der heutigen Zeit sowohl für für die Lehrenden,
wie für die Schülerinnen und Schüler sinnvoll und notwendig.
Norbert Elias hat in
seiner geschichteten und Brüche erleidenden Biograhie als Denker und
Hochschullehrer – [er selbst würde die Begriffe ,herausragend‘ oder
,dominant‘ weit von sich weisen und hat einmal seine ihm zugeordnete
überagende Bedeutung abschwächen wollen und sich dabei als etablierter
Außenseiter bezeichnet] – Kontinuität gewahrt. Er hat die
unterschiedlichen Zugangsebenen in ihrer Tiefe und Breite indirekt verknüpft.
Die Stärke dieses
analytisch vorgehenden und zugleich die Schwächen der ,etablierten
Wissenschaft‘ aufzeichnenden und dabei immer fein distinguiert vortastenden
Werkes, liegt in ihrer argumentativen Klarheit, sich Gedanke für Gedanke
vorarbeitend die Fortschritte mit Beispielen belegend und offensichtlich den
Kontakt zum Leser (Zuhörer) nicht aus dem Kopf lassend. Die Größe liegt in der
Einfachheit (d.h. auf überflüssigen Sprachkompliziertheiten) verzichtenden
Sprache. Er beweist seine Wissenschaftlichkeit durch faszinierende Klarheit
und Stringenz. Hehre Glaubensgrundsätze althergebrachter Postulate werden
hinterfragt und aufgelöst.
Folgende Zitate seien
angeführt:
„Die meisten lebenden
Personen suchen wohl immer noch eine Antwort auf die Frage: »Wer hat die Welt
erschaffen?« und nicht auf die Frage: »Welche Veränderungen sind für die
gegenwärtige Konstellation des physikalischen Universums verantwortlich?« Die
Suche nach langfristigen Prozeß‑Erklärungen befindet sich noch in einem
frühen Stadium“ (S.20).
„Aus der Tatsache, daß die Menschen die Welt auf zwei verschiedene Weise
erfahrten können – als Welt, die sich am klarsten mittels Symbolen von
unveränderlicher Regelmäßigkeit darstellen läßt, und als Welt, die eine
Struktur unablässig aufeinanderfolgender Wandlungen in eine oder zwei
komplementäre Richtungen darstellt –, aus dieser Tatsache könnte man leicht
schließen, daß diese Welt aus zwei unterschiedlichen Universen besteht, von
denen das eine durch das Schlüsselwort »Natur«, das andere durch »Geschichte«
oder »Kultur« charakterisiert ist. In der Tat stehen diese Schlüsselwörter für
zwei verschiedene Arten, Wahrnehmungen zu ordnen. … Es ist gar nicht
unwahrscheinlich, daß in manchen Fällen die eine Art, in anderen die zweite der
Wirklichkeit angemessener sein kann oder daß unterschiedliche Problemfelder
verschiedene Mischungen dieser beiden Typen der symbolischen Repräsentation
erfordern“ (S.21f).
„Ein prozeß-soziologisches Herangehen an Sprache und Wissen muß sichHerangehenHerangehen,
soll ihm Erfolg beschieden sein, von jenem Ansatz distanzieren, der als
historischer Ansatz bekannt wurde“ (S.31).
„Im gegenwärtigen Klassifikationsraster gelten Sprachen oft als Kulturprodukte.
Den derzeitigen Sprach‑ und Denkgewohnheiten entsprechend, wird Kultur jedoch
leicht als Nicht-Natur verstanden, wenn nicht gar als Anti-Natur. Am Beispiel
der Sprachen kann man sehen, daß das ein Fehler ist“ (S.60).
„Begriffe wie »Natur«, »Kultur« und »Gesellschaft« sind sprechende Beispiele für
die Tendenz, auf einer hohen Syntheseebene Problemfelder getrennt voneinander
zu betrachten und zu behandeln, wie sie symbolisch durch verschiedene
Substantive repräsentiert werden, die wiederum eine nebulöse Aura ideologischer
Untertöne umhüllt“ (S.63).
Elias’ Gedankenführung kann
als störend oder gar langatmig empfunden werden, wenn sich seine Gedanken
(scheinbar) wiederholen. Sie unterscheiden sich in deutlich mehr als in ihrer
Ziseliertheit. Übersetzer und Herausgeber haben sich bemüht – basierend auf den
Überarbeitungen bereits in der englischen Originalausgabe – eine Straffung
vorzunehmen. Der vorliegenden Band ist mehr als die Addition der ursprünglich
zu Grunde liegenden Vortragsmanuskripte und Aufsätze aus lang überspannten
Zeiträumen.
Man muss sich zweifellos
in die Elias’sche Sprache einlesen, ihre gewisse oder vermeintliche
Langatmigkeit durchaus ,ertragen‘ lernen, dann kann auch das Lesen dieses
wissenschaftlichen Textes zum Genuss werden. Eine Sicherheit und Gewissheit
ausstrahlende Stringenz der gesamten Argumentation durchzieht das Werk. Wer
abgeleitete, aufbauende und gesetzte Definitionen erwartet, kann leicht
enttäuscht werden. Doch gerade das stetige vorsichtige defensive Vortasten
seiner Gedankenführung ist eine notwendige Voraussetzung dafür, neue,
adäquate, vielschichtige Realitätszustände zu erschließen.
Die Widersprüchlichkeit
von ›Natur und Gesellschaft‹, von ›Natur und Kultur‹, um es in einer anderen
Sprache auszudrücken, werden durch Zusammenführung ihrer Symbole der
Wahrnehmung und Beschreibung wieder zusammengeführt, eine künstliche Trennung
überwunden. Kommunikation beruht auf Symbolen. Wer analog zu manchem neueren
Theoriengebäude den Aufbau einer spektakulären und ,geschlossenen‘
Theorie erwartet, kann leicht enttäuscht sein. Die ,Greifbarkeit‘ des
Ergebnisses selbst ist es, die eingebunden ist in die Gedankenflüsse und
-führung.
Ein Fazit soll deshalb
unterbleiben. Für die Lehrerinnen und Lehrer lassen sich einzelne Textstellen
im Politik- und im WuN-Unterricht verwenden. Empfehlungen dazu können nur
schwerlich gegeben werden: Man muss es selbst lesen. Es eignet sich zudem
hervorragend als wertvolles Geschenk.
Im Folgenden sollen einige
Stichworte zum Inhalt angegeben werden.
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Die Kontinuität der Entwicklung der
Sprache über die Symbole auf der Basis biologischer Bedingtheiten.
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Sprache steht in biologischem Bezug
sowie als Nicht-Kultur resp. Anti-Kultur.
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Generell ist von Wechselbeziehungen
zu biologisch-gesellschaftlichen Reifeprozessen auszugehen.
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Lautmuster haben eine
Symbolbedeutung; Lautmuster prägen symbolisch die Gesellschaft.
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Die Entwicklung von Lautmustern und
Begriffen, der Sprache insgesamt, befinden sich im Prozess, im Fluss.
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Es gibt ein Gleichgewicht zwischen
Gefühl, Phantasiegehalt und Wirklichkeitskongruenz
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Sprache, Vernunft, Wissen sowie
sprechen, denken, wissen stehen im Kontext zur Entwicklung der Sprache und zum
Gruppenleben.
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Sprachsymbole dienen als
Kommunikationsmittel, sie sind Mittel zur Orientierung und Wissen.
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Es gibt eine Wechselbeziehung
zwischen Gruppendenken; das Postulat der Individualität des Denkens erfolgt auf
der Basis eines Irrtums.
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Wissens- und Sprachtheorien können
nicht isoliert nebeneinander betrieben werden.
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Gibt es eine Übertragung des Wissens
(z.B. von Physikern) durch Aufeinanderfolge außergewöhnlicher Individuen? Wie
ist die Wissenschaft von Newton zu Einstein gelangt?
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Wissen ist kein statisches Objekt
der Naturwissenschaften: kein Potpourri unverbundener Bruchstücke:
Natur/Kultur/Wissen - wissenschaftliches und sonstiges - /Politik/Wirtschaft und
die allumfassenden Symbole der Sprache.
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Die Prozesse, auf die sich die
Symbole beziehen, hängen miteinander zusammen und sind oftmals untereinander
verflochten.
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Unterschiede zwischen Phantasie und
Wirklichkeit verschwimmen. Phantasiewissen (Ideale) hat gegenüber
wirklichkeitskongruentem Wissen ein deutliches Übergewicht.
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Der Begriff »Wirklichkeitskongruenz«
soll der Neigung entgegen wirken, Wissen existiere in einem Vakuum.
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Wissen existiert nicht jenseits von
Zeit und Raum und nicht außerhalb menschlicher Wesen.
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Wissen hat eine gesellschaftlich
festgelegte Bedeutung; sie wandelt sich von der Vorherrschaft der Phantasie zu
einem Übergewicht der Wirklichkeitskongruenz.
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Warum scheuen sich
Transzendentalphilosophen, den Begriff der »Wahrheit« und der »Wirklichkeit«
zu gebrauchen? Liegt es am Aufstieg des wirklichkeitskongruenten Wissenstyps
der Naturwissenschaften?
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Man lokalisiert Gegenstände der
Kommunikation nicht nur nach den positionen Raum und Zeit, sondern auch nach
ihrer Stellung in der eigenen Welt des Sprechens – eine fünfte Dimension!
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Das der Synthese zugrunde liegende
empirische Gesichtsfeld ist weiter gefasst durch die Ebene der theoretischen
Synthese.
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Politische Doktrinen haben oft
Vorrang vor der Wirklichkeitskongruenz als Messlatte für den Erkenntniswert
eines Modells.
Lesenswert sind die Aussagen
zum Wissenswachstum. In allem lässt sich ein lang angelegter Prozess‑Gedanke
erkennen. Ebenfalls von erheblicher Bedeutung sind die Aussagen zu den
Integrationsebenen Gesellschaft und Staat (S. 213ff).
Lothar Nettelmann
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