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Dr. Dariusz Adamczyk
Annotation: Zum ersten Mal ist in Deutschland die Zeitschrift „KARTA“ erschienen. „KARTA“, deren Name an die Charta der Menschen- und Bürgerrechte anknüpfte, wurde während des Kriegsrechts 1982 als eine Untergrundzeitschrift herausgegeben. Ihr Ziel bestand darin, die aktuellen politischen Ereignisse in Polen in einer Perspektive darzustellen, die sich von der der herrschenden Parteielite abhob. Sie druckte in erster Linie persönliche Aufzeichnungen sowie Photographien ab. Mittlerweile hat „KARTA“ 1450 persönliche Berichte, 3400 Memoiren und Tagebücher, 4200 illegale Bücher und Broschüren sowie etwa 40 000 Photographien aus Polen, Russland, der Ukraine und dem Baltikum gesammelt. „KARTA“ ist eine Zeitschrift, in deren Mittelpunkt neben der Dokumentierung und Aufzeichnung der Vergangenheit vor allem „die nahe Geschichte“ steht, also die „Erzählung“ der Vergangenheit vom individuellen Standpunkt. Die Autoren heben überall hervor, dass in der Zeitschrift „die Geschichte selbst das Wort hat – und in viel geringerem Grade ihre Erforscher.“ Nichtsdestotrotz sind fast alle Beiträge mit einem knappen Kommentar versehen, der die Ereignisse historisch einzuordnen hilft. Außerdem zeigt die Zeitschrift den Verlauf bedeutender historischer Ereignisse aus persönlicher Sicht nicht nur im Wort, sondern auch im Bild – jedes Heft enthält durchschnittlich etwa hundert Archivphotos. Die deutschsprachige „KARTA“, die alle sechs Monate in Buchform erscheint, setzt sich mit vielen kontroversen Themen der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinander. Hierbei lassen sich die Themen der ersten zwei Bänder drei inhaltlichen Schwerpunkten zuordnen. Insgesamt überwiegt die polnisch-russische Thematik, was angesichts des bis 1989 staatlich verordneten Schweigens hinsichtlich der polnisch-sowjetischen Beziehungen (sie in erster Linie bildeten bis 1989 den Großteil der „weißen Flecken“, also der verbotenen Themen aus der Vergangenheit Polens) nachvollziehbar erscheint. So werden z.B. persönliche Schicksale polnischer Bürger in der Sowjetunion nach 1939 dargestellt und einzige, in den 30er Jahren aufgenommene Photos, die die Zwangsarbeit der Vertreter ostmitteleuropäischer Nationen beim Bau des Weißmeerkanals zeigen, präsentiert. Der zweite Band enthält neben einem Bericht über Russland 1905 und einer Schilderung der Verbannung einer Polin 1940-1946 nach Kasachstan auch Dokumente über die Säuberung Lembergs nach dem Einmarsch der Roten Arme 1939. Diese Akten sind im Verein mit der persönlichen Geschichte von Micha Sobków im ersten Band ein eindrucksvolles Zeugnis der Wandlung Ostgaliziens und auch Ostmitteleuropas von einer „multikulturellen Gesellschaft bis zur von Hass geprägten Nachkriegsordnung“. Einen zweiten Schwerpunkt der Zeitschrift „KARTA“ stellen Erzählungen dar, die sich auf die einzelnen Aspekte der polnischen Geschichte nach 1944 beziehen. Dazu gehören im ersten Band u.a. ein Bericht über die Überwachung am 1. Mai im stalinistischen Polen sowie die Reaktionen von Prominenten (u.a. W. Bartoszewski, W. Frasyniuk, J. J. Szczepaski, T. omnicki), aber auch „einfachen“ Bürgern auf das Kriegsrecht 1981. Im zweiten Band wird die Problematik des Kriegszustands fortgesetzt, nämlich in Berichten über Alexander Janyschew, der im Herbst 1981 aus einer in Polen stationierten Einheit der Roten Armee desertierte. Ihnen folgt ein kurzes Gespräch mit ihm. Im zweiten Band ist zudem auf eine persönliche Geschichte von Ludwika Zachariasiewicz, einer Soldatin der Heimatarmee, hinzuweisen. Genauso dramatisch und komplex wie die polnisch-russischen/sowjetischen Beziehungen war die deutsch-polnische Geschichte im 20. Jahrhundert. Sie findet ihren Niederschlag in einem interessanten Bericht über die polnischen und deutschen Soldaten der Wehrmacht sowie in den persönlichen Erinnerungen von Franz Brachmann über seine Verfolgungen, u.a. in einem Internierungslager in witochowice (Schwientochlowitz), im Nachkriegspolen. Das ist auch bislang der einzige Bericht in den zwei publizierten Bändern, in dem die Polen nicht als Opfer, sondern als Täter geschildert werden. Außerdem ist das polnisch-jüdische und polnisch-ukrainische Verhältnis nicht frei von Mythen und oftmals schmerzhaften Erinnerungen, in denen die Polen sich nicht nur in einer Opferrolle finden werden. Dies zeigt deutlich die Debatte um den Anteil der „ganz normalen“ Polen an der Ermordung von Juden in Jedwabne und anderen Orten. Vor diesem Hintergrund kommt auf die „KARTA“ noch viel Arbeit zu. Sie wird sich auch an der Aufgabe messen lassen müssen, inwieweit sie ihrem selbst gesetzten Ziel, Mythen zu zerstören und Stereotype abzubauen, gerecht wird. Nur dann kann sie einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis der Völker Ost-, Ostmittel- wie Mitteleuropas leisten. Dr. Dariusz Adamczyk Redaktionsanschrift der KARTA in Deutschland: KARTA, Postf. 65 21 26, 13316 Berlin Tel.: 030 - 499 12569; Fax: 030 - 499 12 568 Preis DM 10,--
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Impressum
politik unterricht aktuell
1/2-2001 / S. 133 /
Dr. Dariusz Adamczyk:
Annotation: Internetpublikation
01.07.2003.
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