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politik unterricht aktuell, Heft 1-2 / 2001

»Verändern und Verbinden«

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Lothar Nettelmann

Gewalttaten im internationalen Rahmen

Moralische und politische Aspekte im Umgang mit den »Terror-Anschlägen«
– ein erneuter Paradigmenwechsel oder gar der Beginn einer neuen Zeit?

 

1. Im Unterricht

2. Zur Sache

3. Warum?

 

 

1. Im Unterricht

Sicherlich waren in den ersten Tagen nach dem furchtbaren Geschehen in New York alle Leh­re­rin­nen und Lehrer, nicht nur der ›Wertfächer‹ gefragt. Die ersten Reaktionen nach Verge­gen­wär­tigung des Schocks waren instinktiv: Ent-Emotionalisie­rung, Versuche, mögliche Hintergrund­in­formationen zu vermitteln, vor allem aber den Schülerin­nen und Schülern das Ge­fühl zu geben, dass sie nicht allein gelassen sind. Es ist eine vorrangige Aufgabe der Schule, Pauschali­sie­run­gen und emotional- wie vor­urteilsbesetzten Verhaltensformen entgegen­zu­wirken. Umso befremd­licher sind laut Schüler­äußerungen die Ausflüchte mancher Kolleginnen und Kollegen, den Sachverhalt auszublenden und entsprechende Diskussionen zu umgehen.

Nachdem als ein Schwerpunkt die konkrete Instrumentalisierung von Religion – hier des Is­lam – und damit den verbreiteten Vermutungen eines ursächlichen Hintergrundes der Religion entge­gen­­zuwirken besprochen war, wurde den Schülerinnen und Schülern nahegelegt, den das Fach Ge­schichte unterrich­tenden Kollegen zu bitten, ein oder zwei Beispiele aus der Geschichte kurz vor­zustellen, anhand derer der vermeintliche (bzw. vorgebliche) und nicht ,wirklich‘ ursächli­che Cha­­rakter von Konflikten als ›Religions-Kriege‹ deutlich gemacht werden könne. Als Bei­spiele könnten sich der ›Dreißigjährige Krieg‹ (der ,teutsche Krieg‘), die ›Kreuzzüge‹ oder (schon schwieriger, die als solche bezeichneten ›Kon­flikte‹ zwischen ›Protestanten‹ und ›Katho­li­ken‹ in Nord-Irland oder zwischen Hindus und Moslems in Nord-Indien (Punjab) anbieten. Die sicht­lich enttäuschten Schülerinnen und Schüler berichteten in der Fol­gestunde von der Wei­ge­r­ung des be­treffenden Kollegen. Er wollte im Unterrichtsthema fortfahren, so als sei nichts geschehen. Auf der anderen Seite lobte eine Klasse ihren Chemie-Lehrer, der spontan und intensiv das Ge­sche­hen besprochen hatte.

Ich denke, es ist eine wichtige Chance nach dieser hochgradigen ,Zufallsmotivation‘ auch und gerade schon in der Sekundarstufe I anhand des Begriffes Missbrauch zu Fragen von Instrumen­talisierung und Funktionalisierung hin­zuführen. Dies umso mehr, als somit im ,norma­len‘ Unter­richt Ansätze von Abstrahierungen sehr mühevoll zu erarbeiten sind. Grundsätzlich soll in diesem Kontext aber noch einmal festgestellt werden, dass es zur pädagogi­schen Pflicht von Lehrerin­nen und Lehrern gehört und der Wertorientierung der Schule insge­samt entspricht, in allen Fä­chern im Sinne einer umfassenden (politischen) Bildung zu arbeiten, d.h. alle uns möglichen Ebe­nen des Wissens angemessen zu berücksichtigen um die Komplexität des Mensch­seins abzu­bilden, die An­sätze und Beispiele aufzugreifen, auch wenn es manchmal un­ange­nehm erscheint. Dieser Auftrag gegenüber den Schülerinnen und Schülern hat unabding­bar Vorrang.

Ein weiterer in den Medien verbreiteter und generalisierender Begriff, dem entgegengewirkt werden müsste, ist der des ›Terrors‹. Ist der Begriff des Terror-Aktes noch im deskriptiven An­satz tolerabel (keinesfalls aber akzeptabel als Kategorie der politi­schen Sprache), so ist der perso­nifizie­rende wie pauschali­sierende Begriff des Terrorismus (bzw. der Terroristen) zu hinterfragen und zu verwerfen.[1] Gewalt-Akte, ausgeführt von Gewalt-Tätern, müssen als solche benannt, einge­ordnet und selbst­verständlich auch als moralisch verwerflich oder verdammenswürdig und strafverfolgungs­würdig ein­geordnet werden. Es muss aber zugleich allen den Sachverhalten und ihren Hintergrün­den fern stehenden Menschen (d.h. denjenigen, die Hintergründe nicht voll erfas­sen und nur be­grenzt verstehen) bewusst gemacht werden, dass die Begrenztheit unseres (gesi­cherten!) Wissens das Gebot einer wer­tenden Zu­rückhal­tung erzwingt sowie den Versuch einer Ent-Emotionalisie­rung von Haltungen und Mei­nungen zum Ziel haben muss. Ich denke, es ist eine wich­tige Aufgabe im Erziehungs­-Pro­zess, dem journalistischen Mainstream entgegenzuwirken.[2]

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2. Zur Sache

Ein bisher vorschnell erzeugtes Postulat ist das Entstehen einer völlig neuen Situation seit dem 11. September 2001. Sicherlich stellen die erfolgten Anschläge in der Erfahrung der US-amerikani­schen Gesell­schaft ein Novum dar. Die neue Wahrnehmung des Geschehens ist bisher Kriegser­scheinungen vorbe­halten. Kriegen Gewalt-Taten mit Tötungsabsichten und Folgen zuzuord­nen, ist nachvoll­ziehbar. Sie betrifft eine bisher vom Kriegsgeschehen des 20. Jahrhunderts nicht betrof­fene Zivil­be­völke­rung. Damit ver­bunden ist die als Novum definierte Ausübung der Taten mit mi­litär-ähn­li­cher Zer­stö­­rungsgewalt, die aber nicht einem Staat ursächlich zugeordnet werden kön­nen. Es steht kein Staat als Pla­nungs-, und Orga­nisationsinstanz im Hintergrund. Die Taten wer­den nicht durch die ent­sprechenden Ausführungsorgane im Rahmen des jeweiligen staatlichen Gewaltmo­nopols umgesetzt. Dies ist zweifellos neu – es hält weiterführenden differenzierten Be­trachtungen aber nicht stand. Auch der Verfasser hat zunächst die neue Diktion der Medien ak­zeptiert, sie versucht nachzu­vollziehen und zu eigen gemacht. Der Schock, der alle erfasst hat, war zweifellos extrem nach­hal­tig. Erst am Sonntag darauf vermochte ich selbst das Grauen emo­tional zu erfassen und Ge­fühle für die Opfer und ihre Angehörigen zu entwickeln.

Aus den diplomatischen Aktivitäten der europäischen Regierungen und aus vielfältigem ge­sell­schaftlichen Engagement heraus lassen sich Erfolg ver­sprechende Ansätze in Richtung auf De-Eskalierung, Ent-Emotionalisierung und damit politisch-rationale Dominanz erkennen. Die Me­dien berichten auch über ähnliche Vorgänge in der US-amerikanischen Gesellschaft mit zuneh­mender Tendenz und selbst (verbal) auch in der George W. Bush-Administration. Schwieri­ger ist es, dem Mainstream der Zuord­nung als religiöse Norm entgegenzuwirken. Die Gedanken­führung sollte sich dabei an folgenden Aspekten orientieren.

1.   Es handelt sich um Gewaltakte großen Ausmaßes, d.h. mit hundert- oder tausendfacher Tö­tungsfolge und um

2.   eine logistische Planung und Organisation und Ausführung von Gewalttaten mit militär-ähnli­cher Struktur.

3.   Es ist eine Instrumentalisierung erkennbar in konkreten Handlungen durch intellektuali­sierte, und indok­trinierte sowie fanatisierte Täter als Ausführende.

4.   Es erfolgt eine Funktionalisierung religiöser Bezüge oder einer Religion bzw. Konfession.

zu 1: Immer dann, wenn Menschen individuell oder in Vielzahl Opfer werden, besteht die Schwie­rigkeit einer angemessenen Distanz-Findung. Die Ehrfurcht vor Opfern gebietet die Vermei­dung von Relativierung. Opfern, zu Tode gebrachter Menschen, muss würdig gedacht wer­den. Das gilt für alle Opfer, unabhängig von Wohnort, Behausung, Arbeitsstätte, Hautfarbe, Religionszuord­nung oder Mut­tersprache. Erschreckend ist es aber, dass die »Würde« eng mit der massenme­dialen ›Aufmerksamkeit‹ korreliert, die wiederum selektiv auf die jeweiligen ,Erzeugergruppen‘ oder diejenigen, für die Identifikationsmuster vorfindbar sind, gerichtet ist. Dieses mediale ,Aus­blenden‘ fremder Leiderfahrungen muss bei der Erkennung der Ursachen der Gewaltakte berück­sichtigt und the­ma­tisiert werden.[3]

     In diesem Zusammenhang stellen die Opfer angesichts der durch Gewalt-Taten umgekomme­nen Menschen im 20. Jahrhundert kein Novum dar. Man denke allein an die Opfer genozida­len Aus­maßes in den 90er Jahren in mehreren afrikanischen Regionen, im indonesischen oder malai­ischen Inselbereich, im ehemaligen Jugoslawien. Das Grauen der Taten hat sich anders verteilt, es hat neue Gesichter[4] bekommen, es hat aber kein Neues ergeben.

zu 2: Die Frage des vorgeblich Neuen durch nichtstaatliche Organisationen und Ausführende (Tä­ter) liegen wesentliche Zuordnungs-Irrtümer und Missinterpretationen zu Grunde. Es gibt flie­ßende und nicht eindeutig analytisch wie interpretativ zuordnungsfähige Gesichts­punk­te und Ansätze. Das Handeln von Machteliten in formal als solche existierenden Staaten lässt sich defi­nitorisch nicht trennen von denen in Regionen, in denen ,staatliche Strukturen‘ gar nicht existieren bzw. zerfallen sind (Afghanistan / afrikanische und asiatische Regionen). Dies gilt gera­de für Län­der der Semiperipherie und der Peripherie, die von Ansätzen einer Staatsgesell­schaft weit entfernt sind.    Die im jeweiligen Zentrum stehenden Machtgruppen oder -verfügenden sind zudem insbe­son­dere aus der Sicht westlicher Gesellschaften nicht verortbar oder nur schwer identifizier­bar. Selbst in besser beschreibbaren und einzuordnenden Ländern wie der Türkei und sogar Israel[5] gibt es über das jeweilige Gewaltmonopol mehr oder weniger weit jenseits legitimier­ter staatlicher Insti­tu­tionen stehende physische wie psychische Gewalt ausübende Gruppen.

     Wenn nach dem 11. September 2001 die These verbreitet wurde (so z.B. durch Experten aus den Geheimdiensten), nur ein Staat verfüge über die entsprechenden Fähigkeiten und logisti­schen Voraussetzungen, so bestätigt das wesentlich die (unsere) Skepsis gegenüber der for­ma­len An­wendung des Staatsbegriffes. Damit stellt der Angriff seitens eines schwer ortbaren Macht­zen­trums die bisher allzu formale Betrachtungsweise von Staaten der Semiperipherie und Peri­pherie in Frage.

     Etwas bisher Verdrängtes, nicht grundsätzlich Wahrgenommenes, wird jetzt als Novum be­schrie­ben: Der An­griff einer nichtstaatlichen Institution und Gruppe [,Netzwerk‘] auf Ziele in einem stabi­len Staat. Derartige Ge­walt-Taten sind global wie historisch nur aus der Sicht von Staatsgesell­schaften bekannt, die ihr eigenes positiv gewertetes Bild übertragen.

zu 3/4: Man muss vermeiden, zurückliegende Militäraktionen wie den ›Golfkrieg‹ im Jahre 1991 als ur­sächlich für den ,Terrorismus‘ oder gar des ,Islamismus‘ zu bezeichnen. Gleichwohl hat die damalige ,Militäraktion‘ (Befreiung Ku­waits durch Krieg, Kampf gegen den Irak und das Regime Saddam Husseins) eine funktionale und trau­matische Bedeutung für fanatisierte intel­lektuelle Gewalt-Täter, dieses angesichts der absoluten technologisch-militärischen Dominanz westlicher (ins­besondere US-amerika­ni­scher) Machtfülle. Dies ist ver­bunden mit Assoziatio­nen: westlich – zi­vi­lisiert – christlich. Letztere Zuordnungen sind aber in westlicher Sicht vermeintliche (jour­na­lis­tisch-politi­sche) Attribute. Sie decken die Gefühle und Ge­dan­ken­welt dieser mit dem Islam ver­bun­denen Täter nicht ab, sind also weitgehend auf Ver­mutungen und unzu­reichenden Kennt­nis­sen beru­hen­de Projektionen, die eine westliche und zudem ober­flächliche Sichtweise verkör­pern. Wir ver­mögen nicht die Dimensionen in den konkreten Motiven der Täter­gruppen wie deren Ge­dan­kenwelt insgesamt zu erfassen. Einen wichtigen Aspekt muss dabei die Ent-Mythisierung [bzw. Mytho­lo­gisierung] des ,religiösen Hintergrun­des‘ allen Geschehens einnehmen.

Auf eines sollte insistiert werden: Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit und Zivilisation haben Vor­rang gegenüber emotionalisierenden Zugängen.[6] Ein Aspekt wäre es, das zivilisatorische Prinzip gegen das bellizistische zu stellen.[7] Ein beklemmender Ansatz, die Wahl der Formulierungen des US-Präsidenten George W. Bush sollten nicht weiter kommentiert werden: das Wort vom ›Kreuz­zug‹. Das dieses äußerst befremdliche Faktum, dessen Adresse an einen hohen Anteil sei­ner ,ame­rika-‘ oder gar nur ,regions-zentrisch‘ denkender und fühlender Wählerinnen und Wähler ge­richtet ist, entschuldigt nicht diese mit Sicherheit bewusste Verwendung eines Begriffes, der die Trau­ma­tisierung der muslimischen und arabischen Welt zum Gegenstand hat.

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3. Warum?

Eine in den Medien wie der Politik nicht (mehr) gestellte Frage ist: Welche Motive hat Osmar bin Laden, welche Motive stecken hinter seinem Tun bzw. dem des ,Netzwerkes‘? Terror um des Ter­rors willen? So oder ähnlich könnte man es formulieren. Mit hoher Sicherheit kann man sagen, dass keine materiellen oder ideologischen (hier: ,islamistische‘) Ziele dahinter stehen. Man kann es des­halb nur versuchen, zynisch auszudrücken. Es geht um Medienwirksamkeit! Und dieses Ziel ist höchst­ma­ßig erreicht worden. Ziel war nicht die Vernichtung einer Raketen-Fabrik oder eines glo­ba­len Bank-Institutes, auch nicht die in Schutt und Asche-Legung eines Groß­ge­bäudes als sol­chem. Auch der Tod von Tausenden von Menschen war nicht das Ziel, nicht das ,ei­gent­li­che‘ Ziel! Die Tötung von Menschen bedeutet diesen skrupellos opperierenden Gehirnen nichts – ein­schließlich der Miss­achtung des Tötungsverbotes religöser Schriften, hier des Koran.

Die jahre­lange durch offenkundig permantente Indoktrination mit dem Ziel des Abbaus der ›Angst vor dem eigenen Tod‹, d.h. vor dem ›sicheren Selbst-getötet-werden‹. die systematisch herbeige­führte Selbst­dis­ziplinierung und -kasteiung der Täter, die zielgerichteten Versuche ›Sen­kung der Hemmschwellen zum Töten anderer Menschen‹ hatte nur ein dämonisches Ziel: den Machtge­winn in der Symbolwelt der Medien. Und alles spricht dafür, dass dieses teuflische Ziel erreicht wurde und auch die – offenkundig ebenfalls klar eingerechneten – ,Gegenaktionen‘ einge­treten sind. Der Kern besteht in der Zuordnung der Taten individuell und Gruppen unabhängig von einer Re­ligion oder deren Strömungen. Ob und inwieweit eine Missdeutung dieses Zusam­menhangs im Han­deln der US-Administration und der europäischen Regierungen und damit einer Missachtung anerkannter Prinzipien des Denkens und Handelns vorliegt, soll ebenfalls nicht in die Über­le­gun­gen ein­bezogen werden. Es besteht die Gefahr durch das Setzen von Gewalttaten als ,Reaktion‘ auf (fast) anonym er­folg­te ,(Un)-Taten‘ den Ablauf von ›actio‹ und zwangsläufiger ›reactio‹ zu initiieren und damit ei­ne Es­ka­lation herbeizuführen, die selbst mittelfristig schwer be­herrschbar und schwerlich zu stop­pen sein wird. Fundamentale Fehleinschätzungen des ,Anderen‘ und substanzielle Fehl­ein­schät­zun­gen des ,Selbst‘ sind wesentliche Ursachen des Problems. Wenn dies zunächst für die US-ameri­ka­nische Gesellschaft und Administration gilt, so sind Europäer ebenfalls nicht frei davon.

In einigen Medien wurde darüber berichtet, dass der ,Islamismus‘ in der ›Islamischen Welt‹ an Bedeutung verlöre. Dies könnte ebenfalls als Hintergrund für die Taten Osamar bin Ladens gel­ten. Das extremistische Vorgehen hat (nach tradiertem Muster) eine Polarisierung zum Ziel, von der die Träger der bisherigen Gruppen und Organisationen profitieren. Ihren eigenen drohen­den Machtverlust vor Augen, lässt sie zu Mitteln greifen, die ihrerseits über deren Folgen die Es­kalie­rungen zum Ziel haben, d.h. weitere Nachfolge-Reaktionen. Diese wiederum machen die Existenz der Träger der ursprünglichen Gewalt-Taten ,notwendig‘, sie legitimieren bereits erfolgte wie noch zu erfolgende (eigene) Taten (dies gilt jeweils in der Gedankenwelt dieser extremis­ti­schen Grup­pen!) und erhöhen somit wiede­r­um die Machtfülle von deren Trägern.

Die perfide Logik dieser ›Teufels-Kreise‹ von Gewalt wiederholt sich, Methoden perpetuie­ren sich. Nur welche Macht dieser Träger in ihren spezifischen Hierarchie ist es? Es ist nicht die angestrebte erhöhte Verfügungsgewalt über ökonomische Ressourcen. Die Täter entstammen zumeist den Eliten ihrer Herkunftsländer und sind selbst z.T. sehr wohlhabend. Es ist das Ziel eines ,über Leichen‘ gehenden psychischen Machtgewinns, hier in einer spezifi­schen Symbol­ebene.[8] Es ist die Dämonie des Medienspektakels. Und dieser mediale Triumph ist Osa­ma bin La­den geglückt.


 

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[1]     Zum Vergleich sei der Stalin’sche Terror angeführt. Stalin führte zunächst nicht auf Grund seiner Macht­fülle ein Terror-Regime. Er hat seine Macht, die er zunächst nicht besaß, mit Hilfe von Terror herbeigeführt. Erst danach führte er ohne rechtliche, moralische oder ideologische (bzw. dogmatisch abgeleitete) Legitimität sein Terror-Re­gime. Es gab keine Instanz, die ihn kontrollieren oder gar hin­dern konnte. Im Gegenteil. Die konkreten Terror-Akte wurden auf Grund seiner eigenen Weisungen von dem ,Apparat‘ angehörenden Helfern, Hilfstruppen, vollständig vom Apparat, den Apparatschiks durch­geführt. Ein weiterer Aspekt ist auch, dass sich die als Terror bezeichneten Vorgänge ‚ver­selb­stän­­dig­ten‘, d.h. dass es keine schriftlichen oder auch nur mündlichen Handlungs-Anweisungen mehr bedurfte. Dazu gehört, dass diese über die ,Apparate‘ Verfügenden in der Provinz selbst zu Tätern wurden und den Terror als für sie erfolgreiche Methode praktizierten, um Gegner zu liquidieren (zu töten!) und da­durch die Macht zu erobern. In der zweiten Phase bedurfte es des Terrors um potenzielle Widersacher abzuschrecken oder Widerständler in Schach zu halten und die Bevölkerung insgesamt einzu­schüchtern. Es sei in diesem Zu­sammenhang auch erwähnt, dass Gewalt-Taten einschließlich sol­che genozidalen Ausmaßes ,nur‘ noch auf ,mögliche Gedanken‘ des ,Führers‘ zurückgeführt werden kön­nen (vgl. die Endphase der Nazi-Herrschaft).

[2]     Dazu gehört auch das substanzlose Gerede von Frau Merkel, oder den Herren März, Fischer, Schar­ping, Schrö­der, Stoiber und Westerwelle.

[3]     Möglicherweise erklärt dieses (die künftig drohende potenzielle und nicht unwahrscheinliche oder gar be­fürchtete direkte sachliche und personelle Einbezogenheit) die vorbehaltlose Zustimmung des ,offi­zi­el­len‘ Europa und auch die uneingeschränkte Bereitschaft, sich in militärische Maßnahmen ein­be­zie­hen zu lassen.

[4]     Man denke an die in den jüngsten Tagen bekannt gewordenen Attentate mit hochwirksamen tödlichen Krankheits­erregern – aber auch das Bombardieren einer Bevölkerung (die weder faktisch noch ursäch­lich im Zusammen­hang steht zu den Taten des 11.September 2001) in einem der ärmsten und dem Ge­schehen gegenüber völlig wehrlosen Land, wenngleich dessen Machthaber mit den Tätern vom 11.09.2001 vermutlich eng verstrickt sind. Zudem sind die Miliäraktionen der USA und Großbritan­niens völ­kerrechtlich höchst umstritten. Sie kommen dem Beginn eines Krieges gegenüber einem Land ohne Kriegserklärung nahe und sind nicht durch UN-Beschlüsse (wie bezüglich des Irak) abgedeckt. Die Fra­gen späterer Schadensersatzforderungen seitens der geschädigten Menschen in Afghanistan werden juristisch zweifellos interessant werden.

[5]     Die Situation in Israel ist tendenziell vergleichbar mit der Reichswehr, als damals so bezeichnetem ›Staat im Staa­te‹ in der Weimarer Republik. Das Militär verabsolutiert sich zunehmend in eigener Ver­fügbarkeit über die mili­tä­ri­sche Gewalt. In der Türkei stellen Generalstab und Armeeführung eine na­hezu uneingeschränkte Verfüg­barkeit über das Militär dar.

[6]     Es sei darauf hingewiesen, dass der Entwurf dieses Textes vor Ausbruch der Militäraktionen in Afghani­stan geschrie­ben wurde, als zugleich diplo­matische Aktionen im Bewusstsein der politischen Berichterstattung neben militärischen domi­nier­ten. Das Ma­nus­kript zum Text wurde noch vor dem 7. Oktober (dem Beginn der militärischen Aktionen in Af­ghanistan) ver­fasst (am 5.10.01). Es ist danach ergänzt worden.

[7]     Zu folgenden ,Stichwort-Komplexen‘ soll im gegebenen Zusammenhang nicht Stellung bezogen wer­den. Es sind: ›Amerika- bzw. Westorientierung‹, ›Abhängigkeit der europäischen Staaten von der Poli­tik der USA‹, ›amerikanische wie europäischen Öl-Interessen‹, ›Anti-Amerikanismus‹. Interessen der ,mili­tä­ri­schen High-tech-Industrie-Komplexe‘‹, ›Manipulation(en) in den Medien und Manipulationen durch Me­dien‹.

[8]     Zum theoretischen Bezug vgl.: Elias, Norbert, 2001: Die Symboltheorie. Gesammelte Schriften. Bd. 13. Suhr­kamp Verlag Frankfurt/M. (Vgl. Rezension in diesem Heft. Anm. d. Red.)

   

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 1-2/2001
Verändern und Verbinden.

Hannover, 2001. 132 S., A 5, kart. [ISBN 3-9807714-2-3]. Publiziert: 01.06.02 (Priintausgabe vergriffen)

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover [http://www.politiklehrerverband.org ]

Herausgegeben von Gerhard Voigt und Lothar Nettelmann

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe: 01.07.03 - Letzte Überarbeitung: 04.08.2011

 

 

 

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