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politik unterricht aktuell: Heft
2001
S. 34-43
"Verändern und Verbinden" |
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Wolf Dieckmann
Der ‚reiche Onkel‘ im Westen
Zur Rolle der EU im Transformationsprozess vom
Sozialismus zum Kapitalismus |
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Anmerkungen
Inhalt dieses Aufsatzes
Dokument Information
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Unzählige Kindergeschichten oder auch nur mütterliche Bedrohungsszenarien
haben aus ,dem Onkel‘ eine schillernde, doppeldeutige Gestalt gemacht
hat. Selbst den ,guten Onkel‘ mag man nur als ironische Verkehrung
verstehen und den ,reichen Onkel‘ im Sinne seiner Nützlichkeit. Selten
aber verbindet man ,Onkel‘ veritable Zuneigung. Immer gerät er unter
connativen Verdacht. Als geschätzten Altruisten soll es den ,Onkel‘
offenbar nicht geben.
Als
solcher kommt er auch nicht bei Jerzy Macków, Politologe an der
Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, vor, wenn er in seinem
vielbeachteten Aufsatz: Sowjetmenschen im Sozialstaat (DIE ZEIT vom
22.03.2001, Nr. 13, Seite 13, Politik Essay) die Entwicklung nach der
Wende als Systemtransformation vom Sozialismus zum Kapitalismus
rekonstruiert. Im Gegenteil: Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit
begegnet dem ,Onkel‘ aus Bonn Ablehnung, Frustration, miese Stimmung,
Passivität und Rechtsextremismus, obwohl er inzwischen fast 2 Billionen DM
an Transferleistungen aufgebracht hat, um den gesellschaftlichen
Transformationsprozess zu finanzieren, der größte Finanztransfer, der
jemals einer Gesellschaft zur Verfügung gestellt worden ist.
Polen
dagegen hat nach Macków aus eigener Kraft den Transformationsprozess
eingeleitet Polen habe keinen ,reichen Onkel‘ aufzuweisen gehabt, hier
haben sich die Menschen auf Gedeih oder Verderb dem Markt aussetzen
müssen, in Polen habe die Versorgungsmentalität des Sowjetmenschen keine
Chance gehabt. Polen sei allerdings auch niemals so sowjetisiert gewesen
wie die DDR.
Diese
Sowjetisierungsthese Mackóws zerstört den Mythos vom tüchtigen Deutschen,
der aus einer Anschubfinanzierung ,den Wiederaufbau‘ schafft und verweist
auf die Tatsache, dass es in der ehemaligen DDR und Polen um
Systemtransformation geht, die vergleichbar ist.
Wenn
das so hingenommen wird, dann soll im Weiteren aber dagegengehalten
werden, dass sich Polen immerhin mit dem Assoziierungsabkommen zwischen
der EG und Polen 1991 und der Beitrittsperspektive zur EU von einem
,reichen Onkel‘ adoptieren ließ.
Es
wird also vergleichend aufzuzeigen sein, welche Mittel zu welchem
politischen Zweck zur Verfügung gestellt werden. Denn eins dürfte sich
mit der sinkenden Zustimmung (... so würden für den Eintritt des eigenen
Landes in die EU 69 % der Ungarn, 55% der Polen und nur 51 % der
Tschechen sein“; Gazeta Wyborcza vom 18.10 2000) zu einem Beitritt zur EU
in Polen herumgesprochen haben: Der ,reiche Onkel‘ in Brüssel ist alles
andere aber kein Altruist.
So ist
einleitend in Kapitel 2. auf die privilegierte Sonderolle der DDR im
Gefüge der ,Comecon‘ oder
»Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe«, den »RGW-Staaten« hinzuweisen.
Die Kapitel 3. und 4. rekonstruieren den Zuwendungsbedarf der ehemaligen
DDR. Das Kapitel 5. bilanziert aus der Perspektive Mackóws das deutsch –
deutsche Verhältnis in Abgrenzung zu dem polnischen
Transformationsprozess. Im Kapitel 6. soll sich der Blick auf den
politischen Kontext des Transformationsprozesses eröffnen. Wenn die
Systemtransformation auf dem Gebiet der ehemaligen DDR von Bonn aus
initiiert werden konnte, so gehört zu ihrer Architektur die Vertiefung
der EG und die Beitrittsperspektive Polens. Brüssel garantierte bis zur
Grenze der NATO nicht nur den ökonomischen Prozess sondern auch den
politischen. Das Kapitel 7. macht mit der Darstellung der
,Heranführungsstrategie‘ der Brüsseler Politik auf den Anpassungsdruck,
dem die Beitrittskandidaten unterstellt sind, aufmerksam. Dies soll im
Kapitel 8. für Polen nachgewiesen werden. Kapitel 9 konkretisiert am
Beispiel der polnischen Landwirtschaft die Umsetzung der
,Heranführungsstrategie‘. Im Kapitel 10 sind mögliche Entwicklungen
antizipiert.
Für
die Bundesrepublik Deutschland blieb der Handel mit der DDR ein stetiges
Bindeglied. Er war trotz aller Anfechtungen durch andere Mitglieder der EG
immer als eine innerdeutsche Angelegenheit betrachtet worden, so dass man
etwas überspitzt behaupten kann, die DDR war während ihres Bestehens
ein Teil der EG.
Auch
die DDR hat trotz aller Bemühungen um Abgrenzung und Selbständigkeit nie
Einwände dagegen erhoben, dass sie handelspolitisch für die
Bundesrepublik kein Ausland war, sondern ohne Zollbelastungen mit der
Bundesrepublik Handel treiben und sogar von der Mitgliedschaft der
Bundesrepublik in der Europäischen Gemeinschaft profitieren konnte.
International ist der besondere Status der deutsch-deutschen
Handelsbeziehungen durch eine Ergänzung zum Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommen (GATT von 1951) und durch ein Protokoll zum
Vertrag über die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG
von 1957) abgesichert gewesen.
Diesen
Vorteil, den die DDR gegenüber anderen Mitgliedern des Rats für
Gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon
od. RWG) genoss, wurde noch gesteigert durch den zinslosen
Überziehungskredit, den die Bundesrepublik der DDR eingeräumt hat.
Ursprünglich hatte dieser »Swing« eine feste Höhe, die mehrfach neu
festgesetzt wurde und 1968 200 Millionen VE=DM betrug. Entsprechend einer
Vereinbarung vom 6. Dezember 1968 sollte der Swing ab 1969 25% der
Zahlungen für die Leistungen beider Seiten im Vorjahr betragen; er
sollte also mit der Erhöhung der Lieferungen der DDR steigen. Am 12.
Dezember 1974 wurde diese Vereinbarung verlängert mit der Maßgabe, daß
der Swing die Höchstgrenze von 850 Millionen VE = DM nicht überschreiten
sollte.
Der
Warenaustausch zwischen der Bundesrepublik und der DDR war auch in den
50er und 60er Jahren bei gelegentlichen Einbrüchen ständig gestiegen,
wobei die Lieferungen der DDR in die Bundesrepublik stets größer waren
als die Lieferungen der Bundesrepublik in die DDR. Aber erst nach
Beseitigung der Finanzierungsschwierigkeiten durch den Swing und durch die
ausdrückliche Förderung des innerdeutschen Handels mittels
umsatzsteuerlicher Sonderbehandlung in der Bundesrepublik nahm er
einen bemerkenswerten Aufschwung. [i]
Weitere Aspekte des innerdeutschen Handels und besonders der
Devisenbeschaffung waren
|
1.
|
die Aktivitäten des sogenannten KoKo (Kommerzielle Koordinierung), ein
nach marktwirtschaftlichen Maßstäben operierendes Unternehmen der
DDR, das vornehmlich mit sensiblen Gütern wie Waffen, Blutkonserven,
Antiquitäten usw. handelte. |
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2. |
Die Erlöse aus dem Freikauf von Häftlingen. |
|
3. |
Die Erlöse aus dem Zwangsumtausch. |
|
4.
|
Der Ausbau der Intershop-Läden und des Genex-Versandhandels, wo nur
gegen DM westliche Konsumgüter erstanden werden konnte. So versuchte
man Devisen der eigenen Bevölkerung abzuschöpfen. Wer also von
einem ,Onkel‘ im Westen DM bekam, hatte ganz erhebliche soziale
Vorteile. Die DM entwickelte sich zur einzigen begehrten Währung in
der DDR.[ii] |
Im
Jahr 1981 führte die Drosselung der Fördermenge an Rohöl durch die UDSSR
zu einer dramatischen Schuldenkrise in den RGW-Staaten. Nur ein
Jahr später reagierte die Bank für internationalen Zahlungsausgleich,
als nach den Zahlungsunfähigkeitserklärungen Polens und Rumäniens
gegenüber der DDR ebenfalls ein Kreditstopp verhängt wurde. Der
Kreditstopp durch westliche Gläubigerbanken war die Folge. Die erneut
forcierte Erhöhung von Westexporten bei gleichzeitiger rigider
Drosselung von Westimporten bedeutete jedoch keine Abhilfe. Vielmehr
wurden die dringend modernisierungsbedürftige Industriestruktur und das
Produktionspotenzial weiter geschwächt.
Erst
zwei vom bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz
Josef Strauß vermittelte Kredite in den Jahren 1983 und 1984 in Hohe von
insgesamt 1,95 Milliarden DM, für welche die Bundesrepublik
Deutschland eine Garantie übernahm, stellten – ohne dass sich die weiter
bestehenden gravierenden Wirtschafts- und Finanzprobleme grundlegend
änderten – die Kreditwürdigkeit der DDR wieder her. Dennoch war die
aufgelaufene Verschuldung in westlicher Valuta nicht mehr auszugleichen.
Seit 1981 pendelte das Schuldenvolumen bis zur ,,Wende” von 1989/90
zwischen 15 und 25 Milliarden DM. Auch die kleinste noch bestehende
Chance auf Besserung der katastrophalen Wirtschaftssituation schwand
1986, als ein rascher Einbruch der Rohölpreise und somit auch der Preise
für Erdölprodukte erfolgte. 1989 vermochten Devisenerlöse der
DDR-Ökonomie nur noch zu 35% Westimporte, Zinsen und Tilgung
abzudecken. [iii]
Nahezu
alle Staatsbetriebe der DDR hatten mit riesigen Verlusten operiert, die
allein im Jahre 1989 Staatssubventionen in Höhe von mehr als 120
Milliarden DDR-Mark erforderlich gemacht hatten. Da überdies die
Investitionsquote in den siebziger und achtziger Jahren zur Finanzierung
der Honeckerschen Konsum- und Sozialpolitik sowie zunehmend auch zur
Begleichung der aus dieser Politik ebenfalls resultierenden
Auslandsschulden drastisch reduziert worden war, waren ein völlig
veralteter und vielfach kaum noch funktionsfähiger Maschinenpark sowie
eine desolate Infrastruktur die Folge. So wiesen 1989 etwa 29
Prozent der Industrieausrüstungen in der DDR ein Alter zwischen 11 und
20 Jahre auf, 21 Prozent sogar mehr als 20 Jahre. Die Öffnung der
DDR-Wirtschaft zum Weltmarkt nach der Wende führte daher binnen kürzester
Zeit zu ihrem völligen Zusammenbruch, zumal auch die Ostmärkte in
dieser Zeit allgemeinen Wandels kollabierten. Die Talfahrt war bereits
Ende 1989 deutlich zu spüren und entwickelte sich nach der Wirtschafts-
und Währungsunion zum freien Fall. [iv]
Aus
dieser Situation erklärt sich die Notwendigkeit der staatlichen
Transferleistungen:
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Öffentliche Finanztransfers für Ostdeutschland in Milliarden DM |
|
|
1991
|
1992
|
1993
|
1994
|
1995
|
|
Finanztransfers der Gebietskörperschaften*
|
112,0
|
133,0
|
154,5
|
146,5
|
161,5
|
|
Fonds Deutsche Einheit
|
35,0
|
36,0
|
36,5
|
36,0
|
–
|
|
Nettotransfer des Bundes**
|
66,0
|
85,5
|
106,5
|
99,5
|
113,5
|
|
Umsatzsteuerausgleich Länder
|
11,0
|
11,5
|
11,5
|
11,0
|
–
|
|
Neuregelung des Finanzausgleichs
|
–
|
|
|
–
|
48,0
|
|
Finanztransfers der Sozialversicherungen
|
21,5
|
29,0
|
24,0
|
33,5
|
32,5
|
|
Arbeitslosenversicherung
|
21,5
|
24,5
|
15,0
|
19,5
|
17,5
|
|
Rentenversicherung
|
0,0
|
4,5
|
9,0
|
14,0
|
15,0
|
|
öffentliche Transfers insgesamt
|
133,5
|
162,0
|
178,5
|
180,0
|
194,0
|
|
Nachrichtlich:
|
|
Budgetdefizit der Treuhandanstalt
|
19,9
|
29,6
|
38,1
|
37,1
|
–
|
|
*
Ohne Verwaltungshilfen der Länder und Gemeinden, ohne
Mindereinnahmen in Westdeutschland durch Inanspruchnahme von
Investitionszulagen für Investitionen in den neuen Bundesländern,
ohne Zinssubventionen für ERP-Kredite.
|
|
**
ab 1995 einschließlich der Zinsausgaben für die bis Ende 1994
kumulierten Schulden der Treuhandanstalt.
|
|
Statistisches Bundesamt, Bundesministerium der Finanzen;
Treuhandanstalt; Berechnungen der Institute; 1995 Prognose der
Institute, Angaben gerundet. Deutschland Archiv 12/1995, S 1334.
|
Denn
alle Überlegungen, das Beitrittsgebiet zu einer Sonderwirtschaftszone zu
erklären, Grenzen erst nach Schon- und Übergangsfristen abbauen zu
wollen, damit den Eindruck zu erwecken, die Deutschen in der DDR seien
Bürger zweiter Klasse, war innenpolitisch untragbar und außenpolitisch
prekär abgesehen. Im Rahmen der Vereinigung der beiden deutschen Staaten
wurde es notwendig, die Sozialrechtsordnung der Bundesrepublik auf das
Gebiet der ehemaligen DDR zu übertragen und zu finanzieren. Im Bereich
der Arbeitsbeziehungen schlug die Vermögensbildung zu Buche.
An die
Stelle der Einheitssozialversicherung trat ein gegliedertes System mit
getrennten Renten-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherungen.
Bei den Renten wurde vorgesehen, mit der Angleichung der Löhne und
Gehälter in Ostdeutschland an das Niveau in den alten Bundesländern auch
die Renten entsprechend anzupassen, das heißt zu erhöhen. Die
Bundesrepublik erklärte sich hier zu einer vorübergehenden
,Anschubfinanzierung‘ bereit, solange die Beiträge und Staatszuschüsse
die Ausgaben für die erhöhten Leistungen der Rentenversicherung nicht
deckten. Entsprechendes galt für die Arbeitslosenversicherung, die
rasch zu einem Problem wurde, weil der Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zu
einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit führte, dessen soziale
Folgen von der Bundesregierung abzufangen waren.
Trotz
der Probleme, die mit dem tiefgreifenden sozialen Wandel nach der Wende
von 1989 für die DDR und die ostdeutsche Gesellschaft unvermeidlich
verbunden waren, trug diese Ausdehnung des sozialen Netzes der alten
Bundesrepublik auf die neuen Länder wesentlich dazu bei, die negativen
Auswirkungen des Umbruchs für die betroffenen Menschen in Grenzen zu
halten. Anders als in den anderen Staaten des sowjetischen
Hegemonialbereichs die nicht an westlichen Ressourcen partizipieren
konnten, vollzogen sich die Veränderungen in Ostdeutschland immerhin auf
gesicherter Grundlage. [v]
Nicht
nur in Bonn saß ein ,reicher Onkel‘ sondern auch in Brüssel, denn
angesichts der zahlreichen Probleme bei der Umstellung von einer
zentralen Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft beschloss die EG im
Sinne ihrer eigenen Förderkriterien für rückständige Regionen für die nun
neuen Länder der Bundesrepublik Deutschland ein besonderes integratives
Förderprogramm, das der anwachsenden Arbeitslosigkeit, der mangelhaften
Infrastruktur und dem Zusammenbruch der Landwirtschaft (!) begegnen
sollte. In Zahlen stellte sich die Lage so da, dass das BIP je Einwohner
der neuen Bundesländer bei 35% des Gemeinschaftsdurchschnitt lag
(Griechenland 50%, Portugal 60%, alte Bundesländer 122%)
|
Die neuen Bundesländer erhielten:
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aus
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für
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Von 1991 bis 1993
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6,15 Mrd. Euro
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dem Strukturfonds
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produktive Investitionen |
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von 1994 bis 1999
|
6,8 Mrd. Euro
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dem Regional- und Strukturfonds
|
wirtschaftsnahe Infrastrukturkleine und mittlere Unternehmen
|
|
von 1999
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bis 90% des BIP erreicht sind *
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dem Kohäsionsfond
|
Forschung und Technologie Schutz und Verbesserung der Umwelt
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|
In
Ergänzung dazu
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dem Regionalfonds
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Qualifizierungsmaßnahmen
|
|
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dem Sozialfonds
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Existenzgründermaßnahmen
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ab
1994 bis 1999
|
3,1 Mrd. Euro
|
dem Agrarfonds
dem Regionalfonds
dem Sozialfonds
|
Erhöhung der Attraktivität des ländlichen Raumes, Dorfentwicklung,
Ansiedlung von Handwerksbetrieben, Beihilfen für die
Nahrungsmittelindustrie
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(EU-Nachrichten 32/35, 1994)
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* Von den 213 Mill. Euro, die für den Strukturfonds bis 2006
ausgewiesen sind, erhält Spanien nach dem Berliner Kompromiss 18 Mill
jährlich. Sollten die Verteilungsregeln nach einer Osterweiterung so
bleiben wie sie sind, würden nur noch der Raum Dessau und Chemnitz
gefördert werden können.
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(F.Vannahme,
DIE ZEIT v. 23.5.2001, Politik S.7)
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Die
Anpassung der Landwirtschaft stieß auf erhebliche Probleme. Zu DDR-Zeiten
lagen die Erzeugerpreise 50% über dem europäischen Durchschnitt und
wurden mit 32 Mrd. DDR-Mark subventioniert. Mit der Öffnung der Märkte
kam es zu einem Stellenabbau von 800000 in der Landwirtschaft
beschäftigten auf 180.000.
Obwohl
die Betriebsgrößen von 150 bis 400 ha im Gegensatz zu 30 ha in den alten
Bundesländern Kostenvorteile hätten erbringen können, lag die
Produktivität 50% unter dem EU-Niveau. Weitere Schwierigkeiten ergaben
sich bezüglich:
-
der Eigentumsverhältnisse der kollektivierten Flächen
-
der hohen Verschuldung und deshalb geringen Kreditfähigkeit
-
der Verseuchung der Böden
-
der ungenügenden technischen Ausstattung
Die
Einbeziehung der neuen Bundesländer sollte möglichst ohne Übergangsfristen
erfolgen, deswegen galten folgende Übergangsregelungen bis nur 1991:
-
alte Produktionsmengen bei z.B. Milch und Getreide
-
alte Qualitätskriterien oder Verkauf nur in neuen Ländern
-
Sonderregeln bei Flächenstilllegungen
-
höhere Beihilfen bei Investitionen
-
größere Anbauflächen bei Getreide und Ölsaaten über 1991 hinaus
Auch
für die Industrie galten Übergangsregeln meist bis 1993 bei
technischen Normen, Produkten der Pharmaindustrie und der
Chemieindustrie, im Rahmen laufender Verträge mit RGW-Staaten. Besonders
im Bereich der Privatisierung der Stahl- und Schiffbauindustrie mussten
für die von der Treuhand eingesetzten Milliardenbeträge
Sondergenehmigungen in Brüssel eingeholt werden, da diese Subventionen
gegen das Wettbewerbsrecht der EG verstießen. Die EG verlangte allerdings
im Gegenzug die Herstellung der Wettbewerbsfähigkeit und die Begrenzung
der Kapazitäten, was mit einem erheblichen Personalabbau einherging. [vi]
Allerdings dürfen die öffentlichen Finanztransfers auch relativiert
werden. Die steuerliche Umlagefinanzierung in Form des
Solidaritätsbeitrages wird von allen Bundesbürgern aufgebracht.
Kindergeld wird z.B. als Transferleistung gerechnet, auch die
Einrichtung von Bundeswehrstandorten usw. Auch dürfe nicht verkannt
werden, dass die Vereinigung einen Boom im Westen hervorgebracht habe.
Erheblich sei auch der Rücktransfer von Kapital, das in den neuen
Bundesländern erwirtschaftet wird, so der ehemalige Wirtschaftsminister
von Sachsen-Anhalt, M. Gabriel, in einem Interview. [vii]
Er
konstatiert in selbigem Interview eine weitverbreitete passive
Grundhaltung der Menschen in der ehemaligen DDR, die mit ,schlechter
Laune‘ einhergehe. Auch wenn die Wohltaten des reichen Onkels
zurückgerechnet werden müssten, so sei der ,Jammer-Ossi‘ dennoch eine
unübersehbare Erscheinung in den neuen Bundesländern.
Da der
Umbruch trotz der eingebauten sozialen Sicherungen von vielen als
schmerzhaft empfunden wurde – vor allem wegen der früher unbekannten
Arbeitslosigkeit – lag dies nicht zuletzt an den
,Mentalitätsunterschieden‘, die in vierzig Jahren DDR entstanden
waren.
Solche
Mentalitätsunterschiede versucht Mackó w
zu erklären. Seiner Ansicht nach gab es keinen Staat im ehemaligen
sowjetkommunistischen Machtbereich, der weitergehend sowjetisiert war,
als die ehemalige DDR. Die DDR habe ein höheres Maß an Anpassung erzwingen
können, weil Gegeneliten ausgegrenzt werden konnten. Dass sie nicht
wirksam werden konnten, lag natürlich auch an den strategischen
Interessen UdSSR, die in keinem anderen Staat Ihres Machtbereichs in
Mitteleuropa mehr Militärpersonal unterhielt.
Im
Gegensatz zu anderen osteuropäischen Staaten seien eine Vielzahl der nach
der Wende aus dem Arbeitsprozess ausgegliederte Menschen von der einen
sowjetkommunistischen Versorgungsideologie in die andere des
westdeutschen Sozialstaates geraten, dessen Versorgungsleistung
allerdings ein entscheidend höheres Niveau behauptet. Sie seien
Sowjetmenschen im Wohlfahrtsstaat geblieben. Ein marktwirtschaftliches
Bewusstsein habe sich nie einstellen können. Für viele lohne es sich nicht
aufgrund der geringen Einkommensabstände, eine entlohnte Arbeit
aufzunehmen oder gar wirtschaftlich aktiv zu werden. Seine Überlegungen
leitet er wie folgt ein:
„Miese
Stimmung, hohe Arbeitslosigkeit, rechte Gewalt und Mutlosigkeit, wohin man
blickt – das ist die Lage des deutschen Ostens im zwölften Jahr der
Einheit. (...) Es ist die beispiellose sozialstaatliche Abfederung des
Vereinigungsprozesses, die es Ostdeutschen erlaubt, in
sowjetsozialistischer Mentalität zu verharren. (...) Beinahe zwei
Billionen Mark haben die 16 Millionen Ostdeutschen in einem Jahrzehnt als
Transferleistungen vom Westen erhalten. Das ist gut zweimal so viel wie
das jährliche Bruttoinlandsprodukt von Weißrussland, der Ukraine, Polen,
Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland und Estland
zusammen genommen – in diesen Ländern leben 130 Millionen Menschen. Auf
die einmalige Herausforderung der postkommunistischen Umwandlung
innerhalb eines Wohlstandsstaates reagierte die Bundesrepublik also mit
den größten Finanzhilfen, die einer Gesellschaft je zur Verfügung
gestellt wurden. Je mehr Geld von außen, desto günstiger die
gesellschaftliche Entwicklung: Wäre diese Gleichung mehr als ein Mythos,
müsste Ostdeutschlandheute ausschließlich von Engeln bewohnt sein.
(...)
Wo der marktwirtschaftliche Umbruch ausgeblieben ist, haben sich
autoritäre politische Systeme etabliert, und die wirtschaftliche
Katastrophe wurde zum Dauerzustand. Dort hat sich zudem der Homo
sovieticus als am beständigsten erwiesen. Wo hingegen der Markt Fuß
gefasst hat, bedeutet seine unsichtbare Hand den wichtigsten Erzieher,
imstande, die postkommunistischen Gesellschaften mental umzuformen.
(...) In Ostdeutschland wurde die positive erzieherische Wirkung des
Marktes eingeschränkt. Die Politik setzte seine Mechanismen auf dem
Währungs- und Lohnsektor außer Kraft, um eine schnelle Angleichung der
Einkommen an das Westniveau zu erreichen. Zugleich aber ließ man den
Markt dort wüten, wo die künstlich hoch gesetzten Löhne drastisch höher
waren als die Arbeitsproduktivität – mit extremer Arbeitslosigkeit als
Folge. Obendrauf hat man den über alle Maßen ausgebauten Sozialstaat der
alten Bundesrepublik gesetzt, der vielen Arbeitslosen die Suche nach
Beschäftigung ganz irrational erscheinen lässt. Die Lage der
Ostdeutschen ist besonders. Viele von ihnen, unter die Fittiche des
Sozialstaates geraten, sind zu Verlierern geworden, obwohl sie – gemessen
am DDR-Standard – in zuvor nichtgekanntem Wohlstand leben. Das Gefühl,
den eigenen Unterhalt nicht selbst bestreiten zu können, fördert
bekanntlich Frustrationen. Es gibt aber auch Frustrierte unter
denjenigen, die sich am Arbeitsmarkt durchgesetzt haben oder von den neuen
(westdeutschen) Betriebs- und Behördenleitungen übernommen wurden. Die
meisten dieser Menschen können sich in der neuen Ordnung nicht so gut
behaupten wie die Westdeutschen. Die geringere Arbeitseffizienz der
Ostdeutschen zeugt von einem selbstverständlichen Nachholbedarf, den
auch andere postkommunistische Gesellschaften kennen.“ [viii]
Macków
ist ohne Frage hervorragend platziert, um aus vergleichender Perspektive
zu veranschaulichen, dass der Transformationsprozess vom Sozialismus à
la DDR zum sozialstaatlich gebremsten Kapitalismus der BRD ein
entscheidender Erklärungsansatz für die besonderen Probleme Deutschlands
sein kann. Dies um so mehr, als Macków die ›Selbsttäuschung des reichen
Onkels im Westen‹, der da glaubte, bruchlos an die Wiederaufbaumentalität
aus den 50ger Jahren anknüpften zu können, denunziert. In der Hoffnung,
den ,tüchtigen Deutschen‘ aus der Zeit des Wirtschaftswunder zu finden,
sei ihm die postkommunistische Realität nicht in den Blick gekommen.
Parallel dazu seien die Transformationsprozesse in Polen und
anderer postkommunistischen Gesellschaften ohne reichen Onkel im Westen
eingeleitet worden. Dabei habe man sich erst die Einrichtungen der
sozialen Versorgung mühsam Schritt für Schritt auf parlamentarischer
Grundlage erarbeiten müssen. Die Menschen hätten sich der erzieherischen
Wirkung des Marktes zur Selbstverantwortung in viel stärkerem Maße
aussetzen müssen.
Kritisch nachzufragen ist allerdings, ob Macków die Rolle des Marktes in
Ostdeutschland nicht unterschätzt und für Polen angesichts des nach wie
vor bestehenden breiten staatlichen Sektors und der abgehängten
Landwirtschaft überschätzt. Zur Frage steht auch, ›ob nicht die EU
gegenüber Polen die Rolle des reichen Onkels im Westen mit wachsender
Intensität annimmt‹, wenn auch zeitverschoben.
Wenig
beachtet in der Tranformationsdiskussion bleibt die politische Rolle der
EU bei der Wiedervereinigung der Deutschen. Diese war niemals ein rein
deutsches Problem, sondern ein europäisches, also auch ein polnisches.
Wie
sehr die Wiedervereinigung an den Nerv der Franzosen ging, zeigen die
Interventionsversuche des verstorbenen Präsidenten Frankreichs
François Mitterand, der mit seinen Äußerungen Konstellationen von 1914
wachrief. So sei ein wiedervereinigtes, eigenständiges, unkontrolliertes
Deutschland unerträglich für Europa. Zu befürchten sei eine
wirtschaftliche und politische Hegemonie. Ähnliche dachte die britische
Premierministerin Maggie Thatcher, die eine Vereinnahmung der EG
durch ein wiedervereinigtes Deutschland erwartete. Nicht die militärische
aber die wirtschaftliche Dominanz eines 80 Millionen Volkes zerstöre die
,Balance of power‘ auf dem Kontinent. Wenig akzeptabel war für sie auch,
dass ganz Europa für die Hochzinspolitik der Bundesbank zur
Finanzierung der Einheit zahlen würde.
Während die europäischen Nachbarstaaten gegen die Wiederveinigung ein aus
historischen und ökonomischen Argumenten bestehende Bedrohungsszenario
entwarfen, setzten die Amerikaner auf die NATO und die EG. Die
Wiederherstellung der Einheit Deutschlands müsse seine weitere Einbindung
in die NATO und die EG gewährleisten. Damit erhielt die EG eine
entscheidende politische Rolle, die Frankreich schließlich bereit war
anzunehmen, als Deutschland eine Intensivierung der europäischen
Integration als europäische Komponente der nationalen Einheit zum
Programm erhob. Dies war durchaus nicht nur ein nach Westen gerichtetes
Versprechen. Denn es war im genuinen deutschen Interesse, auf diesem
Wege die Entstehung einer antideutschen Koalition zu verhindern.
Hier darf man den Ausgangspunkt für die forcierten Bemühungen zur
Verwirklichung der EU auf der Grundlage des Vertrages von Maastricht
im Jahre 1992 und der Entscheidung für eine gemeinsamen europäischen
Währung vermuten. England ging allerdings weiter davon aus, dass sich mit
Maastricht die deutsche Vorherrschaft eher verstärke.
Aber
nicht nur im Westen war die Beunruhigung über die baldige
Wiedervereinigung stark, sondern auch im Osten. Dazu hatten politische
Äußerungen, die die Oder-Neiße-Grenze zur Disposition stellen
wollten aber auch die Weigerung Kohls, eine Erklärung zum Recht der Polen,
in sicheren Grenzen zu leben, auszusprechen oder einen deutsch-polnischen
Grenzvertrag abzuschließen, beigetragen. Zwar gab es dazu Erklärungen
seitens der Bundesregierung und eine weitere Resolution des
Bundestages, aber kein klärendes Wort von Kanzler Kohl, auch nicht auf
einer Polenreise. Er zog sich auf die Rechtsposition zurück, dass
ein solcher Grenzvertrag erst nach der Wiederveinigung möglich sei. Vor
dem Hintergrund der positiven Prognosen über den Ausgang der Wahlen zur
Volkskammer der DDR, gelang es ihm, sich in Paris und Brüssel mit dieser
Position durchzusetzen, obwohl Mitterand vorher gegenüber Jaruzelski und
dem Premierminister Mazowiecki erklärt hatte, dass es keine
Wiedervereinigung gebe ohne einen solchen Grenzvertrag. Die Frage, warum
der Kanzler in dieser prekären Situation eine Stellungnahme
nachdrücklich vermied, wird mit Zugewinnen der ,Republikaner‘ bei den
Europawahlen und Kommunalwahlen in Westberlin begründet, die zu Lasten
der CDU gingen. Wollte der Kanzler den rechten Flügel seiner Partei bei
der Stange halten oder steckte mehr dahinter? Für den Gegenstand und die
Politisierung der EG soll unterstrichen sein, dass der Kanzler den
Präsidenten der europäischen Kommission Delors in die Auseinandersetzung
einbezog. Doch scheint damit auch die Grenze der Politikfähigkeit der EG
im Sinne einer wirksamen und vertrauensbildenden Machtkontrolle
Deutschlands angezeigt zu sein. Denn, so ist zu vermuten, hat erst die
quasi Garantieerklärung der USA für ein Polen in sicheren Grenzen,
die Mazowiecki am 19. März 1990, einen Tag nach den Wahlen zur
Volkskammer der DDR, in Washington gegeben wurde, die Situation
entspannt. Das Ergebnis dieser Wahlen bestätigte Kohls Politik der
Beschleunigung des Wiedervereinigungsprozesses vollends und überzeugte
die beteiligten Mächte, dass die Wiedervereinigung der Deutschen nicht
aufzuhalten war. Frankreich plädierte nunmehr für eine schnelle
Integration, der ostdeutschen Länder in die Bundesrepublik und bestand
nicht auf einem langwierigen Aufnahmeverfahren in die EG, wie man aus
früheren Verlautbarungen hätte vermuten können.
Wenn
hier durch den Begriff ,Orchestrierung‘ ein Bild nahegelegt wird, in dem
dominante und subalterne Rollen ins Spiel kommen, dann sind auch Annahmen
Mackóws im Visier, die diese Rollenverteilung nur für den
Transformationsprozess in Ostdeutschland behaupten. Denn
unbestreitbar unterliegt die Beitrittsintention einer
Anpassungserwartung seitens der EU bis ins Detail.
Schon
1989 begann die EG diplomatische Beziehungen zu den MOE-Staaten ( Estland,
Lettland, Litauen, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien,
Bulgarien, Slowenien) herzustellen. In der Folge wurden
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- |
Importquoten für eine Reihe von Produkten abgeschafft |
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Handelsvorteile eingeräumt |
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- |
Handels- und Kooperationsabkommen abgeschlossen |
Auch
das sich in den folgenden Jahren zum weltweit größten Hilfsprogramm für
Mitteleuropa entwickelnde PHARE-Programm wurde schon 1989
aufgelegt.
Mit
den Europa-Abkommen leitet die EG ab 1991 Assoziierungsabkommen mit den
MOE-Staaten in die Wege. Sie umfassen
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den politischen Dialog |
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Anpassung an die EU-Bestimmungen in den Bereichen Kapitalverkehr,
Wettbewerbsbestimmungen, Autorenrechte, öffentliche Auftragsvergabe |
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- |
Kooperation in den Bereichen Industrie, Umwelt, Verkehr, Zoll |
|
- |
schrittweise Einrichtung einer Freihandelszone (dabei liberalisiert
die EG den Zugang zu ihren Märkten schneller) |
Polen
unterzeichnet schon 1991. In Kraft trat das Abkommen 1994 und soll sich
bis zur Vollendung auf 10 Jahre erstrecken.
Die
MOE-Staaten stellen ab 1994 Anträge auf Mitgliedschaft. Besonders Polen
und Ungarn wird ein hohes gegenseitiges Interesse versichert. Von
deutscher Seite erklärt man gegenüber Polen eine ›moralische
Verpflichtung‹ aufgrund des während der nationalsozialistischen
Okkupation begangenen Unrechts. Dass auch noch die Schuld für Jalta
und die Spaltung Europas auf sich genommen wird, verweist auf ein
eigenartiges Bekennertum einiger Deutscher. Man darf es aber der deutschen
Seite schon aus Gründen der politischen Logik abnehmen, wenn mit der
Wiedervereinigung Deutschlands das Versprechen gegeben ist, die Spaltung
Europas zu überwinden. Zusätzlich kann in Deutschland niemand den Beitrag
der Polen im Kampf gegen das Sowjetsystem und ignorieren. Auch hieraus
ergibt sich eine politisch-moralische Verpflichtung. Die vielen
bilateralen Initiativen zeugen davon. Dennoch scheint inzwischen klar
geworden zu sein, dass die harten Fakten der Ökonomie ihr eigenes Gewicht
haben. Polen hat möglicherweise vor der europäischen Öffentlichkeit gute
Argumente, es ist aber nicht erkennbar, dass die EU bislang irgendwelche Sonderkonditionen eingeräumt hätte. Im Gegenteil, die deutsche
und österreichische Forderung, den Zugang zum jeweiligen Arbeitsmarkt
erst nach einer Übergangsfrist von 7 Jahren zu gestatten, ist inzwischen
durch Brüssel sanktioniert.
Den
Antrag auf Mitgliedschaft stellte Polen und andere MOE-Staaten in Kenntnis
der Kopenhagener Beitrittskriterien von 1993, die 1995 und 1999
spezifiziert und erweitert wurden.
So
gelten gemäß Kopenhagen folgende Kriterien:
|
– |
Stabilität der Institutionen |
|
– |
Demokratie |
|
– |
Rechtstaatlichkeit |
|
– |
Minderheitenschutz |
|
– |
wettbewerbsfähige Marktwirtschaft |
|
– |
Fähigkeit zur Übernahme von Pflichten aus der Mitgliedschaft |
|
– |
Einverständnis mit den Zielen einer politischen Union und
Währungsunion |
|
– |
Anpassung der Verwaltungsstruktur |
|
– |
Übernahme der Gesetzgebung der EU in die nationale Gesetzgebung |
|
– |
Schaffung der notwendigen Rechtsicherheit in diesem Zusammenhang |
|
– |
Anerkennung hoher Standards nuklearer Anlagen |
Inzwischen war die Europäische Kommission aufgefordert, die
beitrittswilligen Länder in Bezug auf die Erfüllung der Kriterien zu
überprüfen und den Finanzbedarf der EU für den Beitrittsprozess zu
prognostizieren. Die Europäische Kommission empfahl 1997
Beitrittsverhandlungen mit Estland, Polen, der
Tschechischen Republik, Ungarn, Slowenien und Zypern
zu eröffnen.
In den
Beitrittsverhandlungen geht es um 31 Kapitel, des sogenannten Acquis
Communautaire, die in einem Verfahren des Abgleichens (screening) und der
Berichterstattung (monitoring) zum Gegenstand der Verhandlung gemacht
werden. Die Kapitel können provisorisch abgeschlossen werden und je nach
Stand der Entwicklung erneut auf die Tagesordnung kommen. Gemäß einer
Veröffentlichung der Kommission sollen 8 – 11 Kapitel Anfang 2000
vorläufig geschlossen worden sein, während alle anderen inzwischen
verhandelt werden. Insgesamt stehen folgende Kapitel zur Verhandlung:
|
1. Freier Güterverkehr
|
9. Verkehrspolitik
|
17. Wissenschaft und Forschung
|
25. Zollunion
|
|
2. Freier Personen-verkehr
|
10. Steuern
|
18. Aus- und Weiterbildung
|
26. Außenbeziehungen
|
|
3. Freier Dienstleistungs-verkehr
|
11. Wirtschafts- und Währungsunion
|
19. Telekommunikation und Informations-technologien
|
27. Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik
|
|
4. Freier Kapitalverkehr
|
12. Statistik
|
20. Kultur und audiovisuelle Medien
|
28. Finanzkontrolle
|
|
5. Firmenrecht
|
13. Sozialpolitik und Bschäftigung
|
21. Regionalpolitik und Koordinierung
|
29. Finanz- und Haushaltsbe-stimmungen
|
|
6. Wettbewerbspolitik
|
14. Energie
|
22. Umwelt
|
30. Institutionen
|
|
7. Landwirtschaft
|
15. Industriepolitik
|
23. Verbraucherpolitik und Gesundheitsschutz |
31. Sonstiges
|
|
8. Fischerei
|
16. Kleine und mittlere Unternehmen |
24. Zusammenarbeit im Bereich Justiz und Inneres |
|
(Erweiterung – Die Europäische Union – Erweiterung, eine historische
Gelegenheit, hrsg. v. Europäische Kommission, Brüssel 2000).
Dabei
geht die EU davon aus, dass die beitrittswilligen Staaten ihr gegenüber
in der Pflicht stehen, entsprechende Fortschritte im Bereich des Acquis zu
machen. Die o.g. Publikation lässt daran keinen Zweifel. Dies klingt
insofern befremdlich, als in der polnischen Öffentlichkeit die
Beitrittsentscheidung als offen diskutiert wird.
Angesichts der mit den Beitrittsanträgen ab 1994
eingeleiteten Heranführungs- maßnahmen und finanziellen Aufwendungen
dürfte allerdings deutlich werden, dass das Beitrittsverfahren ein
unumkehrbarer Prozess geworden ist. Die Heranführungsmaßnahmen oder im
EU-Jargon ,Heranführungsstrategien‘ basieren für die MOE-Staaten auf
|
– |
den Europa-Abkommen, |
|
– |
den Beitrittspartnerschaften für die Übernahme des Acquis, |
|
– |
den Vor-Beitrittshilfen: |
|
|
- |
das Phare-Programm, |
|
|
- |
die Hilfen für Investitionen im Umwelt – und Verkehrsbereich
|
|
|
|
(ISPA) 1.040 Mio. Euro jährlich, |
|
|
- |
die Hilfen für Landwirtschaft (SAPARD) 520 Mio Euro jährlich, |
|
|
-
|
internationale Co-Finanzierung, |
|
– |
die Öffnung der Europäischen Gemeinschaftsprogramme und –agenturen. |
Über
das Europa-Abkommen wurde schon berichtet. Die ›Beitrittspartnerschaften‹
sollen nach einer vereinbarten Prioritätenliste Polen und ein
entsprechendes Partnerland z.B. Spanien für die Umstrukturierung und
Privatisierung der polnischen Kohle- und Stahlindustrie zusammenführen
und helfen, den Acquis zu realisieren. Das Partnerland stellt Experten und
entsendet EU-Beamte in die verantwortlich zeichnenden polnischen
Behörden. Die Partnerschaften sind ausdrücklich langfristig angelegt.
Für
das Phare-Programm sowie ISPA und SAPARD standen ab dem Jahr 2000
und werden bis zum Jahr 2006 über den o.g. Betrag hinaus jährlich 3.120
Mio Euro für die MOE-Staaten zu Verfügung stehen. Es geht darum in den
Beitrittsländern Verwaltungen aufzubauen, die in den Beitrittsländern die
Umsetzung und Anwendung der EU-Richtlinien sicherstellen. Das schließt die Ausbildung und Anwerbung von Managern, Inspektoren, Juristen,
Statistikern usw. ein. Hierfür sind 30% der Phare-Mittel vorgesehen. 70%
gehen in die Investitionsfinanzierung zur Übernahme der Acquis wie
Umweltschutz, nukleare Sicherheit, Verkehrssicherheit, Verbraucherschutz
aber auch Großprojekte zur Verbesserung der Infrastruktur. Für
Darlehensaktivitäten der EIB (Europäische Investitionsbank)
stehen inzwischen 7.000 Mio Euro zur Verfügung. In formeller Kooperation
mit anderen internationalen Finanzinstitutionen (z.B. der Weltbank, der
EBWE, Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung u.a.) werden
Mittel aus dem Phare-Programm und Eigenmittel des Beitrittslandes
aufgestockt. Jeder Euro aus dem Phare-Programm zog 5 bis 8 Euro nach sich.
Die
›Öffnung der Programme und Agenturen‹ meint die Teilnahmemöglichkeit von
Bewerbern aus den MOE-Staaten an den bestens bekannten Programmen wie
Sokrates, Leonardo da Vinci, Comenius, Erasmus die sich zur Aufgabe
machen, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Allerdings zahlen
die Beitrittsländer Beiträge zur Finanzierung der Programme. [ix]
Ende
2000 stellte die Kommission in einer Einschätzung folgenden Sachstand im
Hinblick auf die Erfüllung der Beitrittskriterien und der Übernahme der
Acquis fest:
„Polen
erfüllt die politischen Kriterien von Kopenhagen. Die Marktwirtschaft
funktioniert, und der private Sektor floriert zunehmend. Makroökonomisch
hat sich Polen als stabil erwiesen, auch gegenüber der Krise in
Russland. Bei der Angleichung. der Rechtsvorschriften und der Anpassung
der Strukturen stellt die Kommission jedoch fest, dass keine bedeutenden
Fortschritte erzielt worden sind. So sind im Agrarsektor zwar
Fortschritte bei der Übernahme des gemeinschaftlichen Besitzstandes
gemacht worden, es fehlen aber ausreichende Mittel für die Umsetzung.
Weder, in der Landwirtschaft noch in der Fischerei sind die notwendigen
Transformationsmaßnahmen eingeleitet worden. In weiteren Bereichen, die
für das Funktionieren des Binnenmarktes grundlegend sind, wie Schutz des
geistigen Eigentums, Datenschutz, staatliche Beihilfen, sind Fortschritte
dringend notwendig. Im Umweltbereich, wo die Rahmenrichtlinien nicht in
innerstaatliches Recht umgesetzt wurden, sind erhebliche Anstrengungen
notwendig. Das Europäische Parlament betont die Wichtigkeit, Polen so
bald wie möglich in die EU aufzunehmen Parlament und Regierung Polens
werden deshalb aufgefordert, Maßnahmen zur Stärkung der administrativen
Strukturen vorzunehmen und in ländliche Gebiete zu investieren, um die
sozialen Kosten der Umstrukturierung zu senken. EU-Mitgliedstaaten und
Kommission sollen eine neue Verhandlungsposition abstecken die rasche
Fortschritte bei den Agrarverhandlungen erlauben. (...). Die Kommission
und Polen sollen bei de angemessene Mittel für lnformationskampagnen
vorsehen, um den Wissensstand der Öffentlichkeit in bezug auf die
Erweiterungsthematik zu verbessern. (...)“
Die
von der Kommission benannten Defizite würdigen zu wenig die Anstrengungen,
so jedenfalls muss man den Polenspezialisten Zbigniew Wilkiewicz
verstehen. Wilkiewicz machte die folgende in wesentlichen Aspekten
wiedergegebene Eurostatistik zum Ausgangspunkt.
|
|
BIP pro Kopf |
Wachstum |
Konvergenzzahl EU=100[x] |
|
Slowenien |
68 |
4,5 |
71,5 |
|
Polen |
39 |
4,6 |
60,7 |
|
Bulgarien |
23 |
3,3 |
53,7 |
Zu
berücksichtigen ist der Ausgangspunkt des Wachstums, sodass die Stetigkeit
des Wachstums verlässlicher Auskunft gibt. Hier erreicht Polen im
Durchschnitt 8%. Ab 1993 begannen die marktwirtschaftlichen Reformen bei
einem anfänglichen Wachstum von 6%. Polen kann mit Recht als kleiner
Tiger bezeichnet werden. Das Wachstum ist zuerst Ursache des Zustroms von
ausländischem Kapital, wobei die BRD auf Platz 1 und Frankreich auf Platz
2 stand.
Folgende Beispiele saldieren Erfolge und Defizite:
Z.B.:
Rentenreform, Gesundheitsreform, Schulreform wurden unter erheblichen
Anstrengungen und begleitet von massiver Kritik schließlich durchgesetzt.
Z.B.:
Verwaltungsreform: Gebietskörperschaften: Kreise und Kreisfreie Städte
durchgesetzt
Z.B.:
Die Geldwertstabilität ist durch die Bindung an die DM behauptet. Die
Inflationsrate liegt bei 9% (!).
Z.B.:
Privatisierung der Schlüsselindustrien: 400 000 Bergleute sollen mit 22
000 Z³ entsprechend 88 000 DM in Kaufkraft gemessen, abgefunden werden.
Z.B.:
Landwirtschaft: 20% der Beschäftigten. Die EU-Norm ist 6%. Die EU erwartet
eine Angleichung. Die Probleme bestehen u.a. in der durchschnittlichen
Größe der Höfe von 4 – 6 h und der Überalterung. Der Bestand von 1/3 der
Höfe ist sicher gefährdet. Liegt eine Chance in der Naturpflege, dem
Tourismus, dem Ökobau?
Z.B.:
Infrastruktur: Polen erhält Mittel aus dem Phare-Programm der EU. Sie
sollen u.a. im Autobahnbau Verwendung finden.
Z.B.:
Umweltpolitik: Polen hat erhebliche Schwierigkeiten Städte mit Kläranlagen
auszustatten. Die EU verlangt eine Kläranlage für Gemeinden mit 2000 Einw.
Auf 15 Jahre sind 15 Mrd. Euro vorgesehen.
Z.B.:
Sicherung der Ostgrenze: Bei der EU bestehen Zweifel an dem politischen
Willen, die Ostgrenze Polens entsprechend der Forderungen der EU gegen
unberechtigte Übertritte zu sichern. Polen muss auch die Interessen von
polnischen Minderheiten in der Ukraine, Weißrussland und Litauen in
Rechnung stellen. Die Schattenwirtschaft an den Grenzen ist außerdem ein
wichtiger Wirtschaftsfaktor.[xi]
Z.B.:
Kampf gegen die Korruption: Polen ist weiterhin im Spitzenbereich des
internationalen Korruptionsindex.[xii]
Erhebliche Probleme veranlassen zu bemerkenswerten Anstrengungen (z.B.:
die 4 Reformen), die zu bemerkenswerten Erfolgen führen. Das schließe
Rückschläge in beitrittssensiblen Sektoren nicht aus. Hier werde neu
verhandelt werden müssen. Dennoch sei mittelfristig (in 6 – 8 Jahren) ein
erfolgreicher Beitritt möglich.
In der
ZEIT verfällt eine Journalistin im Zusammenhang mit der polnischen
Landwirtschaft auf die bemerkenswerte Prognose:
„Wenn
die Höfe überleben sollen, müssen sie schnellstens die Produktivität
vervielfachen. Das werden womöglich 400000 der etwa 2 Mill Höfe schaffen
(...). Die EU-Agrarpolitik wird somit erreichen, was Polens
kommunistischen Regierungen in viereinhalb Jahrzehnten nicht gelungen ist: die privaten Kleinbauern zum Aufgeben zu bringen. Erfolgreich hatten
sie sich gegen die Kollektivierung zur Wehr gesetzt, jetzt sollen sie in
wenigen Jahren einen Strukturwandel durchziehen, der in Deutschland seit
den sechziger Jahren andauert.“
Der
Blick auf EU-Agrarpolitik allerdings zeigt, dass in diesem Bereich
EU-Strukturen selbst in die schwerwiegendste Legitimationskrise seit 1957
geraten sind. Eines dürfte allerdings sicher sein, schon die Maßnahme, den
Agrarhaushalt auf 1,09 % des BSP der 15 Mitgliedstaaten zu beschränken,
wird viele Bauern der alten EU-Staaten in Schwierigkeiten bringen. Unklar
ist das weitere Schicksal der Agrarsubventionen überhaupt, da sie vom
Ausgang der Verhandlungen der WTO (Welthandelsorganisation) abhängen. Aber
selbst wenn alles so bliebe, gilt für alle Bauern in West und Ost, dass
Agrarreform der EU und Osterweiterung weniger Mittel auf mehr Bauern
verteilen werden. Das allerdings wird die polnischen Landwirte auf einem
prekären Niveau treffen.
Der
Bericht der Europäischen Kommission beschreibt den Zustand der polnischen
Landwirtschaft wie folgt:
|
Landbevölkerung |
38
% |
|
Fläche |
93
% |
|
In
der Landwirtschaft Beschäftigte * |
18
% |
|
durchschnittliche Betriebsgröße |
7,7 ha |
|
56% der Betriebe haben |
bis 5 ha |
|
0,4 % der Betriebe haben |
50
ha |
|
Von 2.000.000 Betrieben produzieren |
|
|
überwiegend für den Markt |
47
% |
|
überwiegend für den Eigenbedarf |
37
% |
|
um zu subsidieren
|
13
% |
|
Rückgang der Agrarproduktion |
3,7 % |
|
Rückgang der Pflanzenproduktion |
11,50 % |
|
Rückgang der Tierproduktion |
1,50 % |
|
Ausbildungsstand der Landbevölkerung |
|
|
Hochschulabschluss
|
2
% |
|
Abitur
|
15
% |
|
Grundschule
|
43
% |
|
Ohne |
11
% |
|
*
Polen hatte 27% angenommen. Also alle, einschließlich die, die als
Landwirte ausgewiesen waren, aber ihr Einkommen nicht aus der
Landwirtschaft bezogen. EU-Durchschnitt 6% |
(Auszug aus Pressematerialien der Europäischen Kommission,
Fortschrittsbericht Polen 2000).
In der
Liste bestehender Defizite für den ländlichen Raum insgesamt wird auf die
mangelnde Infrastruktur hingewiesen: Versorgung mit Telefon, fließendem
Wasser, Kanalisation, Mülldeponien. Für die einzelnen Betriebe wird
notiert, die mangelnde Hygiene, die geringe Spezialisierung, dass die
geringen Betriebsgößen kaum Produktion mit moderner Technik oder große
Viehbestände erlauben. Ferner fehle es an einer modernen Vermarktung:
z.B.: Agrargroßhandel und Produzentenverbände seien erst im Entstehen.
Eine
entsprechende Bestandsaufnahme der polnischen Regierung hat zu einem
sogenannten ,Pakt für die Landwirtschaft‘ geführt. Es ist die
Einsicht gewachsen, dass es nicht nur um die Modernisierung und
entschiedene Produktivitätserhöhung der landwirtschaftlichen Betriebe
gehen kann, sondern um die Verbesserungen der Lebensverhältnisse der
ländlichen Bevölkerung insgesamt. Dazu hat die EU-Mittel aus dem
SAPARD-Programm zur Verfügung gestellt. Allerdings haben Versäumnisse
auf welcher Seite auch immer dazugeführt, dass die EU-Mittel für 2000
nicht abgerufen werden konnten. Die polnische Zahlungsagentur, die diese
Gelder verwalten soll, war in Brüssel nicht rechtzeitig akkreditiert
worden. Die SAPRAD-Mittel werden durch Kredite der Weltbank und
öffentliche Mittel aus dem Haushalt aufgestockt. Insgesamt will die
Regierung rund 1,9 Milliarden Euro im Jahr 2001 im Rahmen des ,Paktes für
die Landwirtschaft‘ einsetzen.
Unterdessen verhandelt die EU der Fünfzehn und Polen um Produktionsquoten
und Direktbeihilfen für die polnischen Bauern für die Zeit nach
Polens Beitritt zur EU. Direktzahlungen an die Bauern der Kandidatenländer
sind allerdings im Haushalt der EU bis 2006 ohnehin nicht vorgesehen.
Aber selbst dann, wenn in der EU alles so bliebe wie bisher und Polen in
die Gemeinsame Agrarpolitik einbezogen würde, hätte das Heer der
polnischen Kleinbauern ohnehin nur ,Kleckerbeträge‘ zu erwarten, die
sie wirtschaftlich kaum nach vorn bringen würden. Auch würden nur Höfe mit
mehr als 3 ha berücksichtigt. Nach Schätzungen kämen deswegen 1/3 der
polnischen Landwirte nicht in Betracht.
Dennoch erachtet Polen die Direktbeihilfe für einen Akt der Gerechtigkeit.
Besonders in Deutschland, dem größten ,Nettozahler‘ in der Agrarpolitik,
erregt die Forderung nach Direkthilfen Kritik. Die Europäische
Kommission ermittelte Kosten für die Direkthilfe in Höhe von 7000 Mio
Euro. Polen geht von 3000 – 4000 Mio Euro jährlich aus und erwartet
nochmals 8000 Mio aus den Strukturfonds. 1999 standen der EU für
Strukturpolitik überhaupt ca. 30.000 Mio Euro zur Verfügung. [xiii]
Auch
für Hilfen zum Strukturwandel im Rahmen des ,Paktes‘, die aus Mitteln des SAPARD-Programms sowie anderen öffentlichen Geldern gespeist
werden, wurden Einstiegshürden in Gestalt bestimmter Anforderungen an die
Höhe der bisherigen Produktion aufgerichtet. Die Kleinen werden dadurch
von diesen Fördermittel abgeschnitten. Hinzu kommt, daß die Antragsteller
erhebliche Eigenmittel aufbringen müssen und dass eine
Doppelsubventionierung durch den polnischen Staat unzulässig ist.
Der
Bauer mit zwei Kühen im Stall hat demnach so oder so wenig Aussichten, ein
moderner Landwirt zu werden. Es sei denn, Modernität würde anders
definiert und im Rahmen der Agrarpolitik der EU besonders und breit
gefördert, etwa als biologischer Anbau, und wenn ökologische Produkte
einen großen Markt hätten.
Polen,
wo die Armut vieler Bauern dazu geführt hat, dass wenig
Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger eingesetzt wurden und deshalb die
Ackerkrume im Vergleich zu westlichen Ländern weniger mit Schadstoffen
belastet ist, hätte dann gute Voraussetzungen, sich auf den biologischen
Anbau zu spezialisieren.
Polnische Bauern ,
einst privatwirtschaftliche Inseln im sozialistischen. Mangelsystem, die
nun vom Sturm der Marktwirtschaft umbraust werden, sind da offenbar
skeptischer. Viele sehen das wirtschaftliche Ende herannahen, wenn das
Land Mitglied in der EU wird, die heute schon den Markt mit
hochsubventionierten Produkten überschwemmt. Das lässt sich auch aus
Umfragen folgern, in denen nur 13 Prozent der Befragten ihren Kindern
raten würden, auf dem Land zu bleiben und den Betrieb weiterzuführen. (M.
Ludwig in FAZ 264 v.13.11.2000 S. 20 Länderbericht)
Allerdings dürfte sich eine andere Entwicklung nicht nur im Bereich der
Landwirtschaft verstärken. Expandierende landwirtschaftliche Betriebe,
die in Deutschland ihre Fläche nicht vergrößern können, dennoch aber die
Einbußen aus der Agrarreform auffangen müssen, interessieren sich für
Investitionen in Polen. Gute Kreditbedingungen (5,5 % Zinsen) in
Deutschland und geringe Produktionskosten: 75 % der Kosten bei Saatgut,
Pflanzenschutz und Düngemittel und 50 % bei Diesel, Pacht, Lohn,
Grundsteuer begründen das Interesse. Dazu kommt ein über 5 DM höherer
Verkaufspreis pro dz bei Weizen. Trotzdem hält sich offenbar die
Begeisterung in Grenzen. Die Rechtslage ist nach wie vor unsicher. Es
bedarf einer Agencja (Zuschlag) seitens der polnischen Treuhand und einer
Erlaubnis des Innenministeriums. Diese bekommt nur, wer im Sinne des
alten ,joint venture‘ einen polnischen Partner hat, der die Mehrheit im
gemeinsamen Unternehmen besitzt. [xiv]
Nicht
nur die mangelnde Infrastruktur des ländlichen Raumes, sondern auch die
Tatsache, dass die polnische Regierung beim Landkauf, Ausländern
eine Sperre von 18 Jahren in Aussicht stellt und diese Frist als
Übergangsfrist in den Beitrittsverhandlungen einfordert, bremsen
ausländische Investoren. Hier handelt die Regierung in Übereinstimmung
mit der polnischen Bevölkerung. Nach einer Umfragen stimmen 80% dafür,
dass Ausländer und hier kommen fast ausschließlich Deutsche in den Sinn,
kein Land in Polen erwerben dürfen. Bislang wurden erst 2800
Genehmigungen erteilt (Die HAZ, Nr. 211, 9. 9. 2000. Bauen). Die meisten
im Bereich Handel und Gewerbe, nicht in der Landwirtschaft.
Die
Verlierer des Beitritts zur EU sind mit den mehr als 2/3 Hofstellen,
die die Anpassungsleistung an den EU-Standard nicht erbringen werden,
ausgemacht. Wie werden sie reagieren? Ins Gewicht fallen können durchaus
außerparlamentarische Proteste, die denen, zu denen die französischen
Bauern fähig sind, in nichts nachzustehen brauchen, denn es ist kaum zu
vermuten, dass die polnische Regierung ausreichend Mittel aufbringen
wird, um die die Betroffenen sozial ausreichend abzusichern. An dieser
Stelle sei an Macków und den von ihm vorgenommenen Vergleich zwischen der
Transformation auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und Polen erinnert: In
Deutschland die Übertragung eines hoch leistungsfähigen Sozialsystems, in
Polen bislang weitgehend nur die Selbsthilfe. Hier scheint Macków recht zu
behalten. Für viele wird die reine Subsistenzwirtschaft die einzige
Existenzgrundlage bleiben. Da der ländliche Raum abgehängt ist, werden
sich kaum Alternativen anbieten.
Eine
andere Gruppe von Verlieren könnten die Bergarbeiter, die Arbeiter in der
Schwerindustrie, anderen nicht konkurrenzfähigen Unternehmen und,
besonders sensibel, im Schiffbau sein. Wie werden sie reagieren? Offenbar
gibt es relativ effiziente Sozialpläne für den Bergbau und die
Stahlindustrie, will man dem o.g. Wilkiewicz glauben schenken. Werden sie
wie ihre deutschen Kollegen die soziale Deklassierung gegen Kasse maulend
hinnehmen? Das muss nicht sein angesichts der polnischen Tradition der
Arbeiterproteste. Schlimmstenfalls werden sich Arbeiter und Bauern und
andere Beitrittsgegner zu einer kritischen Masse vereinen. Sie könnten
aber auch nur mit ihrem Nein zu einem Beitritt das Referendum zu
Fall bringen und damit den Beitritt verzögern. Dies wäre zudem nur ein
Nein gegen eine bestehende De-facto-Mitgliedschaft.
Inwieweit der durch die EU ausgeübten Anpassungs- und Modernisierungsdruck
in Polen als Entmündigung und Entfremdung erfahren wird, um neben der
sozialen Zurücksetzung eine mentale zu erzeugen, ähnlich der, die Macków
in Ostdeutschland ausgemacht hat, mag man aus Texten nicht nur
nationalkatholischer Parteigänger und Beitrittsgegener ermitteln. Auch in
Pressetexten derjenigen Organe, die einen Beitritt befürworten, ist der
Begriff der Selbstbehauptung, des ,nationalen Prestige‘ gängiges
Indiz.
„Der
Kampf am Samstag in Nizza, um zwei Stimmen mehr für Polen im Rat der
Europäischen Union zeigte, dass obwohl wir noch nicht in der Union sind,
so haben wir doch schon Einfluss auf ihre Entscheidungen und wir sind zu
einem wichtigen europäischen Partner geworden. ... Das war nicht nur ein
Prestigekampf. Diese zwei Stimmen mehr erlauben Polen sich im
Unionsspiel der Bündnisse gleichzustellen mit den stärksten
Europaländern.“ [xv]
Überhaupt spricht die Presseberichterstattung in Polen Bände, wenn man in
der marginalen (!) Frage der Sitzverteilung im Europäischen Rat, die
Kommentare führender Zeitungen in der Bundesrepublik betrachtet. Hier
wurde eher die proeuropäische Haltung der Belgier und der Bundesregierung
nach Ihrem Verzicht auf höhere Anteile an Sitzen gemäß der
Bevölkerungszahl gelobt.
Eine
ähnliche Frage des Prestige scheint die Realisierung eines frühen
Beitritts zu sein. Allerdings dürften in dieser Frage auch Probleme
der Legitimationsverlustes der Regierung eine Rolle spielen. Wenn noch im
Jahr 2000 von polnischer Seite 2002 vor den Präsidentschaftswahlen und
2003 vor Nizza ins Auge gefasst wurde, so änderte sich die Prognose nach
dem Kanzlerbesuch im Dezember, da der Kanzler kein Datum nannte und dafür
in der polnischen Presse heftige Schelte bezog.
„Billiger Mut ... Hat die Ansprache des deutschen Kanzlers Gerhard
Schröder im Parlament, uns der Union nähergebracht? ... Die polnische
Verhandlungskommission hat noch bis gestern geglaubt, dass der Gipfel in
Nizza unsere Chancen des Beitritts in die Europäische Union im Jahr 2003
nicht durchgestrichen hat. Die letzte Hoffnung haben sie im deutschen
Kanzler gehegt, der einen Tag vor dem Treffen der Führer der Länder der
Fünfzehn nach Warschau gekommen ist. Aber Schröder hat nichts über das
Datum, an dem die Verhandlungen beendet werden, gesagt. In der Ansprache
im Parlament wiederholte er nur: »Die Aufgabe der kommenden Sitzung des
Europäischen Rats in Nizza ist die Schaffung der Voraussetzungen für den
Beitritt weiterer Mitglieder in die Europäische Union am Anfang des Jahres
2003«. Diese Deklaration befriedigte die polnische Verhandlungskommission
nicht. (...) Ein Eimer kaltes Wasser für die Eurobegeisterten (...)“. [xvi]
Aber
schon im Mai 2000 hatte die polnische Verhandlungskommission bei der EU
erkennen müssen, dass weder bei den Direkthilfen für polnische Landwirte
noch in anderen Fragen (Gesetzgebung für den europäischen Binnenmarkt,
Ostgrenze) schnelle Ergebnisse vorgelegt werden können. In ihren Reihen
fiel das Datum 2005. [xvii]
Dieses Datum nähert sich Vorstellungen an, die in Deutschland und
Frankreich aus den Parteizentralen kommen. In Frankreich und Deutschland
wird 2002 gewählt, sodass weder Chirac seinen Bauern noch Schröder den
Gewerkschaften Anlass zur Sorge geben möchte. Aber auch die
Schwierigkeiten der Beitrittskandidaten, die Forderungen der EU zu
erfüllen, zählen. Entscheidend scheint in Deutschland und Frankreich ein
anderer Grund zu sein, nämlich Zeit zu gewinnen, um die anstehenden
Verteilungsreformen der EU zu realisieren, bevor die Beitritte wirksam
werden.[xviii]
Anmerkungen
[i] P. Borowsky, Deutschland 1970 - 1976, Fackelträgerverlag 1980,
S.139 f.
[ii] G. Heydemann, Entwicklung der DDR bis Ende der 80er Jahre, in
Informationen zur politischen Bildung, Heft 270/2001 S. 26.
[iii] G. Heydemann, Entwicklung der DDR bis Ende der 80er Jahre, in
Informationen zur politischen Bildung, Heft 270/2001 S. 27.
[iv] M. Görtemaker, Probleme der inneren Einigung, in Informationen
zur politischen Bildung, Heft 250/1996 S. 48f.
[v]
M. Görtemaker, Probleme der inneren Einigung, in
Informationen zur politischen Bildung, Heft 250/1996 S. 52f.
[vi]
G. Renner, Herausforderung an die größere Union, in
Informationen zur politischen Bildung, Heft 213/1995 S. 50f.
[vii]
DIE ZEIT Nr 16 vom 11.4.01, Politik S. 5.
[viii]
DIE ZEIT Nr 16 v. 22.03.2001 S.1 3 Politik Essay.
[ix]
Erweiterung – Die Europäische Union – Erweiterung, eine
historische Gelegenheit, hrsg. v. Europäische Kommission, Brüssel
2000.
[x]
Auszug aus Pressematerialien der Europäischen Kommission 2000. Die
Berechnung der Konvergenzzahl ist nicht augewiesen.
[xi] M. Ludwig, Elastische Grenzen, in FAZ v. 30.11.00.
[xii]
M. Ludwig, Korruption ist in Polen ein Volkssport, in FAZ v.
12.04.99.
[xiii]
J. F. Vannahme in DIE ZEIT Nr.19 v. 03.05.01 Wirtschaft S.
27 und Informationen zur politischen Bildung Nr.213 1995, S. 15.
[xiv]
T. Busse in DIE ZEIT Nr.19 v. 03.05.01 Wirtschaft S. 27.
[xv]
Gazeta Wyborcza v. 11.12. 2000.
[xvii]
H. Bünde, in FAZ v. 15.5.00.
|
|
pua 1-2/2001
ISSN
0945-1544 |
|
Dokument
Information:
Veröffentlicht in
politik unterricht aktuell:
Verändern und Verbinden.
Hannover, 2001. 132 S., A 5, kart..
[ISBN 3-9807714-2-3].-
27.04.01/01.06.02 -
Printausgabe vergriffen
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02.08.2011
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Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum
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