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Die
politikwissenschaftliche Beschäftigung mit den USA krankt derzeit – auch in
ihrer politikdidaktischen Umsetzung – daran, daß sie durch auf aktuelle
Ereignisse bezogene Wertungen überlagert wird.
Die Auseinandersetzung
geht weniger um die Realität Amerikas als um Ablehnung oder Befürwortung
eines amerikanischen „Führungsanspruches“ für eine so genannte „freie Welt“,
der Affirmativ als „Kampf für die Freiheit“, „Krieg gegen den Terror“ oder
kontradiktorisch als „oktroyierte Hegemonialpolitik“ oder „kapitalistischer
Imperialismus“ charakterisiert wird.
Diese Positionen sagen
oft mehr über die Situation und das Selbstverständnis der Urteilenden als über
die Realität – auch des politischen Systems – der USA selbst aus. Die
Unterwürfigkeit signalisierenden und dadurch verlogen wirkenden
ritualisierten „Solidaritäts‑“ und „Betroffenheits-Bekundungen“ seitens der
NATO-Verbündeten, lassen die eigenen Interessenlagen deutlich hervorscheinen.
Aber auch eine pragmatische „Länderkunde der USA“, wie sie für den
Schulunterricht vielfach vorgelegt wurde, hilft diesem Dilemma nicht ab.
Umso wichtiger und
faszinierenden ist es, wenn nun Dick Howard ein
politisch-geschichtliches und politisch-philosophisches Werk über die
Geschichte des politischen Denkens in den USA vorlegt, das unabhängig von
aktuellen Wertungsbezügen die Besonderheiten der amerikanischen Demokratie und
ihres Selbstverständnisses herausarbeitet, charakterisiert und an Hand
theoretisch artikulierter Kategorien systematisiert.
Der Wert des
Werkes – das den aktiv-gestaltenden Charakter politischen Handelns betont, was
sowohl durch den Originaltitel The Birth of American Political Thought,
1763-87 als auch, deutlicher noch, im Titel der Übersetzung
Die Grundlegung der amerikanischen Demokratie
betont wird – liegt nicht in der Unbestreitbarkeit seiner Thesen, sondern in
dem Ansatz, der neues und unmittelbar auf die soziale Realität bezogenes
Denken über die Entstehung und das Selbstverständnis der amerikanischen
politischen Gesellschaft möglich macht.
Deutlich wird hier aber
auch, welche in die Zukunft weisenden Intellektuellen und
politisch-konzeptionellen Potentiale die amerikanische Gesellschaft entwickelt
hat, die bis in die Gegenwart hinein in Gesellschaft und Politik nicht adäquat
umgesetzt und in ihren Konsequenzen nicht erfüllt worden sind. Aber auch diese
Disparität von Potential und Realität ist wiederum durch die geschichtliche
Untersuchung von Dick Howard heraus zu verstehen und nachzuvollziehen:
das politische Denken Amerikas als bis heute unvollendeter revolutionärer
Prozeß.
Der Verfasser gliedert
sein Werk in die Darstellung von drei grundlegenden Ansätzen der
amerikanischen Verfassungsentwicklung:
· Teil
I: Auf dem Weg zur Unabhängigkeit: Souveränität und Menschenrechte
· Teil
II: Freie Institutionen: Die Repräsentation des gemeinsamen Wohls und das
Individuum
·
Teil III: Von der republikanischen
Politik zur liberalen Soziologie.
Gerade auch aus Teil
II heraus lassen sich heutige Diskussionen um Staats- und Zivilgesellschaft
neu aktualisieren und verstehen.
Interessant und methodisch überzeugend ist die formale Parallelisierung, die
der Verfasser für die drei genannten Bereiche vornimmt und die er als
Unterabschnitte übereinstimmend benennt als:
· Gelebte
Geschichte ...
· Begriffene
Geschichte ...
· Reflektierte
Geschichte ...
· Die
Geschichte neu durchdacht ...
Viel deutlicher als in
vergleichbaren Theoriegeschichten wird hier auch der Unterschied zur
europäischen Tradition. Wenn auch die Begrifflichkeit zu diskutieren wäre,
ist dem Verfasser grundsätzlich zuzustimmen, wenn er als
Interpretationsmuster postuliert, die „amerikanische Geschichte als
revolutionäre“ Geschichte zu lesen.
„Wenn wir die Revolution
durch die drei Etappen ihrer Entwicklung hindurch verfolgen, werden wir auch
analysieren wie Historiker diese Geschichte gedacht haben. Ihre Art und Weise
die Ereignisse zu erfassen, die Sicht, die sie gewählt haben, um sie zu
interpretieren, und ihre eigene Verwicklung in die Zeitgeschichte, all das
trägt dazu bei zu zeigen, daß die Geschichtsschreibung nolens volens
eine philosophische und offene Disziplin ist. Die erste Schule von
Historikern, die über das Schließen der Grenze und die Einzigartigkeit der
amerikanischen Erfahrung neu nachdachte, betrachtete die Revolution
hinsichtlich ihres Verhältnisses zur europäischen Geschichte. Etwa zur
selben Zeit und im Gefolge der populistischen Bewegung am Ende des 19.
Jahrhunderts betonte eine »progressive«. Schule die breite Bürgerbeteiligung
an der Revolution und deren demokratischen Charakter. Diese Schule
projizierte ihre Kritik an den Trusts auf die Ereignisse, die zur Verfassung
von 1787 führten, die sie als einen coup d’état interpretierte, der von
bestimmten Interessengruppen geschickt gegen das Volk in die Wege geleitet
wurde. Nach 1945 entwickelte sich eine Kritik dieser »Progressiven«, die,
verbunden mit einer neuen positiven Interpretation als Schule der
amerikanischen »Sonderstellung« und des »Konsenses« bekannt geworden ist.
Diese Schule knüpfte an Tocquevilles These an, daß die Vereinigten Staaten das
Glück hatten, von Geburt an ein liberales Land gewesen zu sein. Dieser
Auffassung zufolge waren die Institutionen von 1787 dem amerikanischen
Nationalcharakter nachgebildet. Jede Reform, die auf mehr Beteiligung zielte,
jeder Versuch, die angebliche Tugend des Landes zu erneuern, konnte in dieser
Mittelklassendemokratie nur illusorisch sein. Aber diese Kontinuitätsthese
wirft von neuem die Frage der Revolution auf“ (S. 38).
Das Buch fragt zu Recht,
„warum die Frage der Amerikanischen Revolution auch heute aktuell bleibt“
(ibid.) und sieht einerseits die Wurzeln in einem amerikanischen „Mythos der
Grenze“ (S. 37), andererseits in dem immer wiederkehrenden Aufeinanderstoßen
historischer Arbeit mit den Forderungen der Gesellschaft, die der
Geschichtswissenschaft eine philosiphische Dimension verleiht.
Gerhard Voigt
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