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politik unterricht aktuell: Heft 2001

"Verändern und Verbinden"

Gerhard Voigt:

Rezensionen:
Ein systematischer Blick auf die amerikanische Demokratie und ihre Grundlegung im politischen Denken

Howard, Dick, 2001: Die Grundlegung der amerikanischen Demokratie. Frankfurt am Main (edition suhrkamp 2148). {The Birth American Political Thought, 1763-87}.

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Die politikwissenschaftliche Beschäftigung mit den USA krankt derzeit – auch in ihrer politikdi­dakti­schen Umsetzung – daran, daß sie durch auf aktuelle Ereignisse bezogene Wertungen überla­gert wird.

Die Auseinandersetzung geht weniger um die Realität Amerikas als um Ablehnung oder Be­für­wortung eines amerikanischen „Führungsanspruches“ für eine so genannte „freie Welt“, der Affirma­tiv als „Kampf für die Freiheit“, „Krieg gegen den Terror“ oder kontradiktorisch als „ok­troy­ier­te Hegemonialpolitik“ oder „kapitalistischer Imperialismus“ charakterisiert wird.

Diese Positionen sagen oft mehr über die Situation und das Selbstverständnis der Urteilenden als über die Realität – auch des politischen Systems – der USA selbst aus. Die Unterwürfigkeit signali­sierenden und dadurch verlogen wirkenden ritualisierten „Solidaritäts‑“ und „Betroffen­heits-Bekun­dungen“ seitens der NATO-Verbün­deten, lassen die eigenen Interessenlagen deutlich hervorscheinen. Aber auch eine pragmatische „Län­­der­kun­de der USA“, wie sie für den Schulun­terricht vielfach vor­gelegt wurde, hilft diesem Di­lemma nicht ab.

Umso wichtiger und faszinierenden ist es, wenn nun Dick Howard ein politisch-geschichtli­ches und politisch-philosophisches Werk über die Geschichte des politischen Denkens in den USA vorlegt, das unabhängig von aktuellen Wertungsbezügen die Besonderheiten der amerikanischen Demokratie und ihres Selbstverständnisses herausarbeitet, charakterisiert und an Hand theoretisch artikulierter Kategorien systematisiert.

Der Wert des Werkes – das den aktiv-gestaltenden Charakter politischen Handelns betont, was sowohl durch den Originaltitel The Birth of American Political Thought, 1763-87 als auch, deutli­cher noch, im Titel der Übersetzung Die Grundlegung der amerikanischen Demokratie[1] be­tont wird – liegt nicht in der Unbestreitbarkeit seiner Thesen, sondern in dem Ansatz, der neues und unmit­telbar auf die soziale Realität bezogenes Denken über die Entstehung und das Selbstver­ständnis der amerikanischen politischen Gesellschaft möglich macht.

Deutlich wird hier aber auch, welche in die Zukunft weisenden Intellektuellen und politisch-konzeptionellen Potentiale die amerikanische Gesellschaft entwickelt hat, die bis in die Gegenwart hinein in Gesellschaft und Politik nicht adäquat umgesetzt und in ihren Konsequenzen nicht erfüllt worden sind. Aber auch diese Disparität von Potential und Realität ist wiederum durch die ge­schicht­liche Untersuchung von Dick Howard heraus zu verstehen und nachzuvollziehen: das poli­tische Den­ken Amerikas als bis heute unvollendeter revolutionärer Prozeß.

Der Verfasser gliedert sein Werk in die Darstellung von drei grundlegenden Ansätzen der ameri­kanischen Verfassungsentwicklung:

·     Teil I: Auf dem Weg zur Unabhängigkeit: Souveränität und Menschenrechte

·     Teil II: Freie Institutionen: Die Repräsentation des gemeinsamen Wohls und das Individuum

·     Teil III: Von der republikanischen Politik zur liberalen Soziologie.

Gerade auch aus Teil II heraus lassen sich heutige Diskussionen um Staats- und Zivilgesellschaft neu aktualisieren und verstehen.[2] Interessant und methodisch überzeugend ist die formale Paralleli­sierung, die der Verfasser für die drei genannten Bereiche vornimmt und die er als Unter­abschnitte überein­stimmend benennt als:

·      Gelebte Geschichte ...

·      Begriffene Geschichte ...

·      Reflektierte Geschichte ...

·      Die Geschichte neu durchdacht ...

Viel deutlicher als in vergleichbaren Theoriegeschichten wird hier auch der Unterschied zur euro­päi­schen Tradition. Wenn auch die Begrifflichkeit zu diskutieren wäre, ist dem Verfasser grund­sätzlich zuzustimmen, wenn er als Interpretationsmuster postuliert, die „amerikanische Geschichte als revolu­tionäre“ Geschichte zu lesen.

„Wenn wir die Revolution durch die drei Etappen ihrer Entwicklung hindurch verfolgen, werden wir auch analysieren wie Historiker diese Geschichte gedacht haben. Ihre Art und Weise die Er­eignisse zu erfassen, die Sicht, die sie gewählt haben, um sie zu interpretieren, und ihre eigene Verwicklung in die Zeitgeschichte, all das trägt dazu bei zu zeigen, daß die Geschichtsschrei­bung nolens volens eine philosophische und offene Disziplin ist. Die erste Schule von Histori­kern, die über das Schließen der Grenze und die Einzigartigkeit der ameri­kanischen Erfahrung neu nachdachte, betrachtete die Revolution hinsichtlich ihres Verhältnis­ses zur europäischen Ge­schichte. Etwa zur selben Zeit und im Gefolge der populistischen Bewegung am Ende des 19. Jahrhunderts betonte eine »progressive«. Schule die breite Bür­gerbeteiligung an der Revolution und deren demokratischen Charakter. Diese Schule proji­zierte ihre Kritik an den Trusts auf die Ereignisse, die zur Verfassung von 1787 führten, die sie als einen coup d’état interpretierte, der von bestimmten Interessengruppen geschickt ge­gen das Volk in die Wege geleitet wurde. Nach 1945 entwickelte sich eine Kritik dieser »Pro­gressiven«, die, verbunden mit einer neuen positi­ven Interpretation als Schule der ameri­kanischen »Sonderstellung« und des »Konsenses« be­kannt geworden ist. Diese Schule knüpfte an Tocquevilles These an, daß die Vereinigten Staaten das Glück hatten, von Geburt an ein liberales Land gewesen zu sein. Dieser Auffassung zufolge waren die Institutionen von 1787 dem amerikanischen Nationalcharakter nachgebildet. Jede Reform, die auf mehr Betei­ligung zielte, jeder Versuch, die angebliche Tugend des Landes zu erneuern, konnte in dieser Mittelklassendemokratie nur illusorisch sein. Aber diese Kontinuitäts­these wirft von neuem die Frage der Revolution auf“ (S. 38).

Das Buch fragt zu Recht, „warum die Frage der Amerikanischen Revolution auch heute aktuell bleibt“ (ibid.) und sieht einerseits die Wurzeln in einem amerikanischen „Mythos der Grenze“ (S. 37), andererseits in dem immer wiederkehrenden Aufeinanderstoßen historischer Arbeit mit den Forderun­gen der Gesellschaft, die der Geschichtswissenschaft eine philosiphische Dimension verleiht.

 Gerhard Voigt


[1]    Nicht besonders glücklich ist der Wegfall des eindeutigen zeitlichen Bezugsrahmens im deutschen Titel, der einen Handbuchcharakter suggeriert, wo eine historisch-politikwissenschaftliche Studie in­tendiert ist.

[2]    Vgl. die Ausführungen von Claußen zur Zivilgesellschaft in: Voigt, 2001, vgl. Fußnote auf S. 21.

pua 1/2001

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell
Verändern und Verbinden.

Hannover, 2001. 132 S., A 5, kart. .[ISBN 3-9807714-2-3].  Printausgabe vergriffen

Internetausgabe:   - Letzte Überarbeitung: 1.8.2004 / 02.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

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