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Lothar
Nettelmann und Gerhard Voigt:
Thesen
zur „Wende“
Probleme
der Wahrnehmung, Bewertung und Bewältigung
sozio-ökonomischer Transformationsprozesse
Die
Veränderungen der sozio-ökonomischen Strukturen, der politischen
Repräsentationsformen der Herrschafts- und Machtverhältnisse sowie
der von den Bewohnern selbst wahrgenommenen Alltagswelten in den Ländern,
die vierzig Jahre im Rat für
gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW, COMECON) und im militärischen
Bündnis der Warschauer Pakt Organisation (WPO) im Hegemonialbereich der UdSSR
integriert waren und von diesem System geprägt wurden, lassen sich
als ‚Transformation‘
charakterisieren. Ein besonderes Problem für die Gesellschaft wie für
die Sozialwissenschaften ist dabei die DDR, in der Ansätze einer ‚autochthonen
Transformation‘ (vgl. dazu die Leipziger ‚Montagsdemonstationen‘) überlagert und letztlich abgebrochen
wurden durch den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland nach Art. 37
GG, der die Angliederung und Angleichung an das bestehende sozio-ökonomische
System der BRD notwendig zur Folge hatte.
Transformationsprozesse
sind vielschichtige Übergänge,
die weder als vollständiges Ersetzen des Vorherigen durch das Neue,
noch als kontinuierlicher Wandel hinreichend beschrieben werden können.
Transformationen erfolgen einerseits in der gesellschaftlichen Realität
als vielschichtiger und diskontinuierlicher Prozeß der Ersetzung,
des Entwickelns, der Übernahme
und Neufunktionalisierung und des Überlagerns.
Dies hat strukturelle Ähnlichkeit mit den Prozessen des
Kulturkontaktes, der Akkulturation oder Transkulturation, die heute
eine große Bedeutung in der kulturwissenschaftlichen Forschung
gewonnen haben. Andererseits erfolgen Transformationen auch im
gesellschaftlichen Bewußtsein als Umbewertung, Neudefinition
oder Anathematisierung sich
wandelnder Realitäten, aber auch als Dissonanzerfahrungen
und dem Erleben von Brüchen in der eigenen Biographie. Die
Definition des Eigenen und
des Fremden wird in Frage gestellt und wird zum existentiellen Problem.
Einige
wichtige Aspekte dieser komplexe
Mehrebenen‑Problematik sollen thesenhaft als Diskursanstöße
dargestellt werden. Die Untersuchung der komplexen Problematik kann
nur durch Analyse der sozial-strukturellen Gegebenheiten vor 1990 erfolgen. Es gilt die gesellschaftlichen Veränderungen
bezüglich der Spannbreite von psychosozialen bis sozial-strukturellen
Bezügen in Wechselwirkung zu den ökonomischen Veränderungen im
politischen Rahmen abzubilden.
In
gesellschaftstheoretischer und philosophisch-ethischer Hinsicht lassen
sich wichtige Denkanstöße aus einer intensiveren Analyse der
Transformationsprozesse sowohl in Deutschland wie in anderen Ländern
Ost- und Südosteuropas ableiten. Es ist daher kein Zufall, daß die
Notwendigkeit, die Transformation und ihre Folgen gesellschaftlich
bewerten und einordnen zu müssen, zu einer Remoralisierung
der politischen Diskurse geführt hat. Dies ist durchaus nicht
unproblematisch, da dadurch die Gefahr einer Dominanz
irrational-moralistischer Realitätsdeutungen und Weltbilder wächst.
Wechselbeziehungen wie auch tendenzieller gegenseitiger Ausschluß von
Gleichheit und Freiheit lassen sich anhand der Spannungen der Transformationsphase
deutlich machen und diskutieren.
Die
Problematik dieser Transformation wird besonders deutlich, wenn man
sich die Widersprüchlichkeit der öffentlichen Diskurse über
Ursachen, Charakter und Folgen der Veränderungen in Ostdeutschland
vor Augen hält. Die Diskussion springt undifferenziert und
unvermittelt zwischen der moralisierenden
Diskursebene, die vor allem auch der Vermeidung einer inhaltlichen
Auseinandersetzung mit dem politischen und gesellschaftlichen System
der DDR dient, und der Betonung ökonomischer Defizite und
Strukturprobleme in den „Neuen Bundesländern“ hin und her. Gerade
diese Beurteilungsunsicherheit verhindert eine distanzierte und
rationale Analyse der Entwicklungspotentiale in Ostdeutschland und im
weiteren Sinne auch in den übrigen Transformationsländern Ost- und Südosteuropas.
Dabei wird oftmals verdrängt, daß die ökonomischen Strukturprobleme
in Transformationsregionen nicht nur Folge von Fehlentwicklungen in
den vorherigen ökonomisch-politischen Systemen sind, sondern
Steuerungs- und Entwicklungsprobleme einer sich globalisierenden
kapitalistischen Weltwirtschaft deutlicher hervortreten lassen als in
den traditionellen industriellen Zentren der Weltökonomie.
Es
hilft daher kaum weiter, nur die äußerlichen Mechanismen neuer
Investitionen, die Rolle der Treuhandgesellschaft, die Überforderung
von Mitarbeitern, den Mißbrauch staatlicher Subventionen bis hin zu
verschiedenen Formen der Vereinigungskriminalität etc. aufzuzeigen
oder die in der Alltagswahrnehmung als ‚Zerschlagung‘ großer
Kombinate, dem ‚Plattmachen‘ ganzer Industriezweige etc.
darzustellen.
Die
Wende der Jahre 1989/90 in
Deutschland, die das Ende der DDR bedeutete, ist in einen längerfristigen
globalen Prozeß einzuordnen. Sie steht im Zusammenhang mit den
Transformationsprozessen und dem politischen Systemwandel in der
damaligen Sowjetunion und den übrigen RGW- und WPO-Staaten. Diese
Transformation ist wiederum eingebunden in grundlegende Strukturänderungen
in der Weltwirtschaft, die sich mit dem Begriff der „Globalisierung“
verbinden. Dadurch ergaben sich veränderte Interessenlagen der
Großmächte, die Veränderungen im Ost-West-Verhältnis bewirkten,
d.h. das Ende der Konfrontation im „Kalten
Krieg“, das sich bereits in den OSZE-Vereinbarungen abzeichnete.
Die Dominanz der Kategorie der „Wende“
in der Beschreibung der Transformationsprozesse in Ostdeutschland wird
nur verständlich in der zeitlichen Fixierung auf eine
„Bruchstelle“, als die in Deutschland der Zeitpunkt der
Vereinigung von BRD und DDR wahrgenommen wird, die aber in diesem
Zusammenhang inhaltlich letztlich als „fiktiv“
anzusehen ist. In historischer Perspektive gilt dieses kritische
Diktum mehr oder weniger wohl auch für Wahrnehmung der
Transformationsprozesse in Osteuropa, die fokussiert wird vor allem
auf die erstmalige Wahl nichtkommunistischer, „bürgerlicher“
Regierungen in den mit der Sowjetunion „verbrüderten“ Staaten
wie auch schließlich auf die zeitlich exakt zu terminierende formale
Auflösung von RGW, WPO und schließlich der UdSSR selbst.
Die
ursächliche Verknüpfung und Gleichzeitigkeit dieser einschneidenden
politischen Entscheidungen läßt sowohl in der Eigenwahrnehmung wie
in der Weltöffentlichkeit die Vorstellung einer abrupten Wende
entstehen, was für die gesellschaftlichen und sozio-ökonomischen
Grundstrukturen durchaus nicht in der postulierten Weise zutrifft. Es
ist auch zu prüfen, ob das Bild der „Wende“ machtpolitisch
funktionalisiert wurde und damit eine bestimmte Interessenperspektive
repräsentiert, inwieweit also zum Beispiel die Gewohnheit, von einer „friedlichen
Revolution“ zu sprechen, frühzeitige
Instrumentalisierungsversuche der westdeutschen politischen Klasse
darstellt.
Doch
sollte dies als Selbstverständnis
der aktiv werdenden DDR-Opposition 1989/90 nicht als von geringer
Bedeutung angesehen werden. Ein durchaus revolutionärer Impetus
zielte zunächst keineswegs auf die „nationale
Einheit“ sondern auf den demokratischen inneren,
gesellschaftlich-politischen Wandel.
Erst
in westdeutscher Perspektive wird die „friedliche
Revolution“ zu einem Beschwichtigungs-Etikett für den in
zentralen Bereichen ausbleibenden gesellschaftlich-politischen Wandel.
Es handelt sich dabei auch um den Versuch, durch Vereinnahmung dieses
– zweifellos eminent bedeutenden – Vorgangs psychische Machtmittel
gegenüber der politischen Klasse in der ehemaligen DDR in die eigene
Hand zu bekommen, die in den langfristigen politischen
Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner eingesetzt werden können.
Für die Bevölkerung, deren Stimmung bald nach der Euphorie des
Herbstes 1989, kurz nach dem 9. November 1989 in die Ahnung der
Depression umschlägt, scheint dieser gewollte Wandel der Realitätssicht
in psychischen Stabilisierungsversuchen zu bestehen. Diese wurde umso
vordringlicher, als die Bürger der DDR wahrnahmen, daß die „Wende-Anforderung“
zur Anpassung und Erneuerung und zur „fundamentalen Umstellung“
der ökonomisch-politischen Umwelt allein ihnen zugemutet wurde, nicht
aber, wie erhofft und gefordert, als Erneuerungsforderung und -chance
von allen Bürgern der „neuen
Bundesrepublik“, also auch der der „alten Bundesländer“,
verstanden worden ist. Es geht somit auch darum, daß an die Stelle
der Vereinigung, wie sie im
Grundgesetz der BRD mit dem Gebot einer Verfassungsdiskussion
verbunden war, der Beitritt
getreten war und die Forderung nach einem „gemeinsamen
Neuanfang“ von der politischen Klasse der BRD von vornherein
abgeblockt wurde.
Während
sich die ökonomischen Daten
in den Neuen Bundesländern nach dem ökonomischen Zusammenbruch
1990/91 langsam aber stetig wieder verbessern, sind die
psycho-sozialen Begleitwirkungen, die subjektiven Realitätssichten
der Bürger dieser Bundesländer nach wie vor problematisch und eher
durch negative Zukunftsperspektiven gekennzeichnet. Allein aus den
objektiven ökonomischen Veränderungen heraus läßt sich dies kaum
erklären und findet auch keine entsprechenden Parallelen in den
benachbarten Transformationsländern wie Ungarn, Polen oder
Tschechien, in denen trotz aller objektiven Probleme durchaus eine
zukunftsoffene und optimistische Stimmung vorherrscht. Dabei zeigt es
sich, daß die Hauptrichtung der gesellschaftlich-ökonomischen
Entwicklung in allen Transformationsländern durchaus nicht als
abrupte Richtungsumkehr sondern eher als längst notwendig gewordene
Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen und als
Modernisierungsschub bewertet werden kann. Die typischen Probleme in
den neuen Bundesländern liegen auf der Bewußtseinsebene, wo die Dissonanzerfahrung
zwischen der bisherigen Realitätswahrnehmung und -deutung in der DDR
und der euphemistisch-populistischen
Selbstdarstellung der BRD durch die Erfahrung der Diskrepanz zwischen „westlichem
Glücksversprechen“ und gesellschaftlicher Realität in der BRD
vertieft und erweitert wird.
Dies
ist zu verstehen auch auf dem Hintergrund der permanenten Propaganda
in der DDR nach der erzwungenen und nahezu hermetischen Abgrenzung
gegenüber dem Westen Deutschlands nach dem 13. August 1961 – an dem
einerseits der ökonomische
Zusammenbruch mit physischen Gewaltmitteln zunächst verhindert,
aber doch über die lange Stagnationsphase der Breschnew-Ära
letztlich nur hinausgezögert wurde, andererseits aber eine notwendige
und an veränderte Realitäten anpassende zivilisatorische
Fortentwicklung, insbesondere die eines reflexiven
gesellschaftlich-politisch wirkungsvollen Zivilisationsprozesses, wie
sie der 68er Umbruch in der BRD darstellte, verhindert wurde.
Vergleichbare
Modernisierungsschübe westlicher Industrie-Länder wurden in den
RGW-Ländern nur in Ansätzen vollzogen. Der enge Zusammenhang
zwischen gesellschaftlichen und ökonomischen Modernisierungsprozessen
wird gerade im Vergleich der Entwicklungen der Bundesrepublik
Deutschland und der DDR in den siebziger Jahren erkennbar. Der zivilisatorische Modernisierungsschub, der sich eher zu plakativ mit
dem Etikett der 68-er Reformen kennzeichnen läßt und der zu
tiefgreifenden und letztlich irreversiblen Erneuerungen im
gesellschaftlichen Bewußtsein, dem Rechtssystem und in den
Wertvorstellungen der Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik
Deutschland manifestierte, hatte auch ökonomische Ursachen in der
Erfahrung, daß das die Bundesrepublik Deutschland anfänglich
legitimierende „Wirtschaftswunder“ seine strukturellen
Entwicklungsgrenzen erreicht hatte. Folge war daher sowohl eine
Bildungs- und Qualifikationsinitiative
als auch eine grundlegende ökonomische Modernisierung der
westdeutschen Wirtschaft.
Die
mangelnde Fähigkeit der DDR in den siebziger und achtziger Jahren zur
grundlegenden ökonomischen Modernisierung, bei der sie tendenziell
noch von Polen und Ungarn in den Schatten gestellt wurde, hat daher
nicht nur wirtschaftsstrukturelle und steuerungspolitisch-systemische
Ursachen, sondern ist ebenso bedingt durch die immanente
gesellschaftlich-politische Unfähigkeit zur inneren Reformen und die
allgemeine Stagnation des öffentlichen Lebens, auf die sich der
bekannte Ausspruch Gorbatschows zum 40. Jahrestag der DDR bezog.
Die
Organisation der Volkswirtschaft der DDR wurde nicht nach Kriterien
wie Effizienz, Rationalisierung, Knappheits-Prinzip, technischer
Qualitätsoptimierung strukturiert. Daran zeigte sich auch das Unvermögen
der Wirtschaftswissenschaften der DDR, über marxistische Apologetik
hinaus die internationalen empirischen und theoretischen Entwicklungen
der westlichen Volks- und Betriebswirtschaftslehre zu rezipieren und,
gegebenenfalls auch kritisch, zu evaluieren und umzusetzen.
Ausgenommen von diesen Modernisierungsrückständen war höchstens der
von der UdSSR dominierte Rüstungssektor, der aber dennoch zu wenig
selbst technologisch innovativ war sondern im Rahmen intensiver ‚Blaupausen‘-Spionage
und nachvollziehender Orientierung an westlichen Rüstungs- und
Technologiestandards mögliches Investiv- und Qualifikations-Kapital
in erheblichem Maße band und von der allgemeinen wirtschaftlichen
Entwicklung abzog.
Doch auch dieser Sektor war durch seine politische Bevorzugung und Förderung
nicht in der Lage, Strategien des Umgangs mit knappen Ressourcen zu
erarbeiten.
Der
Wechsel von extensiver Ausbeutung der Arbeitskraft zur intensiven und
letztlich intelligenten Ausnutzung von human
capital, wurde in der DDR wie in den anderen RGW-Staaten nicht
erreicht. Er war durch Zementierung geltender Staatsdoktrinen
blockiert und dadurch verhindert worden. So erfolgte mit dem Ende der
DDR die „Demaskierung“ einer bislang in der Rangfolge der Industrie-Länder
hoch eingeordneten Volkswirtschaft. Diese auch im Westen
verbreitete Fehleinschätzung der ökonomischen Potentiale der DDR war
vor allem auch bewirkt worden durch die nicht vergleichbaren
statistischen Bewertungsmaßstäbe, durch manipulierte Statistiken,
eine verschleierte Außenverschuldung (ca. 80 Mrd. DM
DDR-Staatsschulden) und das zwar als positiv eingeschätzte, aber nur
unter den spezifischen Bedingungen (scheinbar) wirtschaftlich
funktionierende Binnensystem, das, wie die Ereignisse von 1989 zeigen,
strukturell instabil und nicht hinreichend legitimiert war.
Auch
in den neuen Bundesländern ist das Aufeinanderstoßen
antagonistischer wirtschaftlicher Paradigmen zu einem
Entwicklungshemmnis geworden, was eben gerade nicht eine
Auseinandersetzung von Sozialismus
und Kapitalismus bedeutet,
sondern sich auf die Bewertung der Produktionsfaktoren – Arbeit,
Produktionskapital, Flächenverbrauch – sowie auf die Verwendung und
rationelle wie auch verschwenderische Nutzung von Rohstoffen und
Energie bezieht und die Konsequenzen aus dem Knappheitspostulat
ziehen muß.
Auch
die im Selbstverständnis der DDR und teilweise noch in der
politischen Klasse der Neuen Bundesländer positiv bewerteten Errungenschaften
des Sozialismus im sozialen und gesellschaftlichen Bereich müssen
heute kritisch gesehen werden, weil sie einerseits notwendige
Modernisierungsprozesse verhindert haben und andererseits als
funktionalisierte Machtmittel eher zur Stabilisierung der
Herrschaftsverhältnisse als zur Verbesserung der realen
Lebensbedingungen der Bewohner der DDR beigetragen haben. Der
dominierende Versorgungsstaat griff – gewollt – tief in die
tradierten gesellschaftlichen Strukturen ein, ohne letztlich das Ziel
einer ‚neuen Gesellschaft‘ tatsächlich erreichen zu können.
Ebenso
wie die scheinbar positive Frauen-
und Jugendpolitik diente der
Versorgungsstaat letztlich
als Mittel kurzfristigen psycho-sozialen Ausgleichs. Das
gesellschaftlich-politische System der DDR, so wird in brutaler
Deutlichkeit klar, diente insgesamt der herbeizuführenden
Ruhigstellung einer psychisch-politischen Repressionen unterworfenen
DDR-Bevölkerung.
Hier
trifft sich die Krisen-Diagnose wieder auf die schon erörterten Modernisierungsdefizite gegenüber den in anderen Industrieländern
seit den 70-er Jahren wichtig werdenden emanzipatorischen
Strömungen, der Herausbildung selbstorganisierter Bürgerinitiativen
und den Bestrebungen zu Entwicklung einer Zivilgesellschaft.
Auch dieses sind wieder langfristige, sich auch an globalen Prozessen
orientierende Anpassungs- und Modernisierungsnotwendigkeiten gewesen.
In der DDR jedoch wirkte der Entwicklung
differenzierenden politischen Bewußtseins der staatsdominierte
Versorgungsstaat ebenso entgegen wie die Dominanz des Block- sowie
Freund-Feind-Denkens. Das politische Selbstverständnis der DDR-Führung
blieb tief in den staatsgesellschaftlichen Vorstellungen des 19.
Jahrhunderts verhaftet und kämpfte längst obsolet gewordene
politische Konflikte aus.
Die
Mechanismen der staatszentrierten Herrschaft in der DDR, in der Macht
abgesichert wurde sowohl durch die Steuerung der Ökonomie und
zugleich die Verfügung über die individuelle
wirtschaftlich-finanzielle Machtquellen der Werktätigen, d.h. die Löhne
und Renten, als auch mit restriktiven und repressiven
Steuerungsinstrumenten z.B. bei der Wohnungsvergabe, der Arbeits- und
Ausbildungsplatz‑Steuerung, bis hin zur Zuordnung der
Urlaubsorte, konnten zwar im Alltag der Werktätigen entlastend,
pazifizierend im Sinne des „nicht selbst entscheiden Müssens“
wirken, erweisen sich aber ökonomisch als dysfunktional, erst recht
nach der „Wende“ unter den Bedingungen einer freier
Leistungskonkurrenz. Politische Steuerungen, die allesamt über
Versprechen, Durchführen oder Versagen entsprechender Umsetzungen
wirken, sind tradierte Machtmittel von Herrschaft.
Eine
gewichtige Hypothek stellte die Abwanderung von leistungsbereiten und
‑fähigen mittelschichtenorientierten Binnenmigranten aus der
SBZ/DDR seit dem Kriegsende dar. Bei der gesellschaftlichen
Integration in das vereinte Deutschland stellten insbesondere die
damit verbunden Defizite bei der Herausbildung einer ökonomisch oder
intellektuell aktiven Mittelschicht als Träger gesellschaftlicher und
ökonomischer Entwicklung ein Hemmnis und Problem dar. Dieser Prozeß
des „brain drain“ von
Ost nach West findet unter den Bedingungen der Transformation in den
Jahren nach der „Wende“ seine Fortsetzung. Ostdeutschland erleidet
nach der Vereinigung beider deutscher Staaten vor allem durch die ökonomische
Sogwirkung des Einkommens- und Chancengefälles einen deutlichen Abfluß
leistungsbereiter und besonders leistungsfähiger, oftmals Schlüsselfunktionen
innehabender Arbeitskräfte.
Das
negative Gegenstück zu dieser Ost-West-(Binnen-)Migration in
Deutschland ist der temporäre Zuzug von „Investoren“ – besser:
Immobilienspekulanten und ‚Abschreibungs‘-Künstlern – aus
wohlhabenden Kreisen Westdeutschlands und aus anderen bisher als kapitalistisch
bezeichneten Ländern in die östlichen Bundesländer, die oftmals vor
allem an persönlichen Gewinnen durch kurzfristige Kapitalverwertung
oder Vernichtung potentieller Konkurrenten interessiert waren. Das
hatte gravierende ökonomische wie sozialpsychologische Wirkungen auf
die – an den Traditionen der DDR-Werktätigen orientierte – Bevölkerung
Ostdeutschlands, die meist mit Hilflosigkeit und Resignation
reagierte. Durch diesen doppelten konfliktreichen Kontakt, der sich in
den Migrationen ausdrückt, baut sich eine neue negative und
aggressive Stereotypebene auf, die die alten Stereotypmuster überlagert,
aber nicht restlos verdrängt, so daß wiederum intrapersonale
Dissonanzerfahrungen zur Verunsicherung und zur aggressiven Abwehr des
„Fremden“ und „Neuen“ beitragen.
Frauen
haben in besonderem Maße die Folgen der Transformation getragen durch
Verlust ihrer bezahlten Arbeitsplätze und der aus Erwerbstätigkeit
entstandenen Identitäten. Zugleich hat die in der
Transformationsphase erzwungene Modernisierung aber Kräfte
freigesetzt, Chancen zu ergreifen und neue Tätigkeitsfelder zu
besetzen.
Die
Situation – insbesondere qualifizierter Frauen in den
Transformationsländern – entspricht einem tragischen Spannungsverhältnis.
Viele Frauen können die Spannung zwischen ihrem ehemals hohen
Leistungsanteil, ihrer Leistungsfähigkeit und -bereitschaft
einerseits, verbunden mit geglaubten Emanzipationschancen durch den
Sozialismus und die Einbindung in die Funktionalität von
Herrschaftsausübung durch Systemstabilisierung andererseits nicht
verarbeiten. Die Rolle von Frauen wurde in den RGW-Ländern niemals
langfristig und prinzipiell definiert sondern erfolgte ad hoc durch
propagandistisch begleitete Lenkungsentscheidungen, die sämtlich
nicht verbunden waren mit originärem individuellen wie kollektiven
Machtgewinn, wirklichem Machtzuwachs sowie Verfügungsgewalt über
eine erhöhte finanzielle Basis durch Statussteigerung.
Ihr
Leistungswille kann nur in wenigen Ausnahmen in ihrer neuen ökonomisch
herabgesetzten Situation umgesetzt werden und führt vielfach zu
psychischen und sozialen Bewältigungsproblemen. Diese können auch
nicht durch objektive Kriterien wie Einbeziehung in die
Altersversorgung auf der Basis von Durchschnittseinkommen über die
Arbeitslosenversicherung und andere Sozialversicherungssysteme
kompensiert werden. Oftmals überlagert eine den erlernten und
verinnerlichten Bewertungsmustern entstammende Alltagswahrnehmung die
Transformationsproblematik und ist verbunden mit durchaus positiver
Einschätzung der individuellen Entwicklung aber negativer Sicht der
gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, einem Phänomen, das zunehmend
auch charakteristisch wird für die Gesellschaftsbilder in den
westlichen Bundesländern und als eine der Ursachen von „Entpolitisierung“
und „Politikverdrossenheit“
anzusehen ist.
Eine
erhebliche Weichenstellung ist als politisch gewollt, nicht aber als
Folge gesellschaftlicher Diskurse und parlamentarischer
Entscheidungsprozesse erfolgt: die als ‚Geldumtausch‘ im Verhältnis
1 : 1 (bzw. 2 : 1) wahrgenommene, aber durch die
Bundesregierung trotz erheblicher Warnungen von Wirtschafts- und
Finanzexperten durchgesetzte ‚Zwangs‘-aufwertung
der DDR-Mark. Eine Chance auf einen längerfristigen gleitenden Übergang
durch Aufrechterhaltung durchaus erfolgreicher Produktionssektoren war
dadurch verhindert worden. Durch einen dem Markt überlassenen
Wechselkurs hätten vermutlich erhebliche Verschwendungen von
Investivkapital vermieden werden können. Diskutiert werden kann in
diesem Zusammenhang die Polarität zwischen keynesianischen
(nachfrageorientierten) und neoliberalen (angebotsorientierten) Ansätzen
von Wirtschaftspolitik.
Insgesamt
reiht sich die Transformation von der DDR zum vereinigten Deutschland
des Jahres 2000 ein in eine Vielzahl langfristiger
und wesentlich ungesteuerter
Veränderungen von
Gesellschaften. Grundlegende Veränderungen der gesellschaftlichen
Entwicklung sind nicht intendierten oder gezielten Entscheidungen der
politischen Klasse zuzuordnen. Transformationsprozesse sind
vielschichtige, z.T. diskontinuierliche, widersprüchliche, mit gegenläufigen
Unterströmungen unterfütterte gesellschaftliche Phasen, die nur mit
„Mehrebenenmodellen“ der Realität rational und wissenschaftlich
beschrieben werden können. „Erfolge“ sind letztlich keine
objektiven Entitäten, sondern Bewertungen auf der Bewußtseinsebene, die selbst dem
Transformationsprozeß unterworfen sind. Sie sind deshalb auch nicht
personalisierbar. Als Schlüsselperson kann im konkreten Fall zwar –
wenn, dann mit Einschränkungen – Michael
Gorbatschow genannt werden, doch setzt diese Einschätzung eine gründlichere
und differenzierte Betrachtung der Transformation der UdSSR voraus.
Hier ist dann das historische Paradoxon an den Abschluß zu stellen,
daß zwar Geschichte von und durch handelnde oder nicht handelnde
Personen gemacht und von Personen erlitten und ertragen wird, daß
aber die Reduktion auf das Handeln einzelner Personen die komplexen
sozialpsychologischen Bedingtheiten, die das Leben jeder Person
bestimmen, nicht hinreichend einbezogen werden, so daß im Mittelpunkt
einer Geschichtsbetrachtung, vor allem wenn es um historische
Bruchstellen handelt, ein dialektisches Verhältnis personalen
Handelns und Leidens und struktureller, prozessualer Bedingungen und
Bedingtheiten stehen muss.
Die
wenn auch thesenhaft verkürzte Analyse der „Wende“
wirft somit eine Reihe von grundsätzlichen sozialwissenschaftlichen
Problemen auf, die entweder als Urteils-
oder als Frageperspektiven
verstanden oder als Schichten eines Mehrebenenmodells
die historisch-gesellschaftliche Realität in einen komplexen
Zusammenhang gestellt werden können, was als Anstoß für eine
vertiefende Beschäftigung mit dieser Problematik aufgefaßt werden
soll:
Die
„Wende“ ist in erster Linie ein Bewußtseinsphänomen,
eine neue historiographische Kategorie,
die ein Bild der Realität
konstruiert und repräsentiert.
Transformationsprozesse
sind uneindeutig und widersprüchlich;
dominanten – „sichtbaren“ – Strömungen laufen
„verdeckte“, aber nicht weniger wirksame, Unterströmungen
zuwider; ihre Bewertung und Wahrnehmung als Realität erfolgt durch
gesellschaftliche Diskurse.
Die
Frage einer historischen
Notwendigkeit des „Wendeprozesses“
ist ein ex-post-Konstrukt, das zu einer Reorganisation des
historischen Bildes der DDR wie der BRD aus der Perspektive gegenwärtiger
Entwicklungen und Interessen führt.
Der
topos der „verpaßten
Chance“ polarisiert West und Ost und auch die politische Klasse
Deutschlands durch den Verweis darauf, daß die Deutsche Einheit nicht
Neubeginn für alle, sondern „Wendezumutung“
nur für die einen war und der für die „Wiedervereinigung“
konzipierte Verfassungsauftrag weitgehend negiert wurde.
Die
Erfahrung, daß die Transformationsprozesse
– in einem über die Nation hinausreichenden Kontext – materielle
und kategoriale Geschichtsdeutungen auflösen, steht auch im
Zusammenhang heutiger philosophischer Konzepte einer
Geschichtsauffassung, die Realität in erster Linie als Bewußtseins-,
Wahrnehmungs- und Diskursphänomene, daher als „Konstrukt“
oder „Repräsentation“ versteht. Diese Auflösung banaler Sicherheit führt in der gesellschaftlichen Praxis zu einer
Betonung des ethischen Dilemmas der „Wende“,
daß die Kosten des
Modernisierungsprozesses dem Gerechtigkeitspostulat zuwider laufend
verteilt sind. Dies ist die nachvollziehbare Erklärung für die sozialwissenschaftlich zu beklagende „Remoralisierung“ der
„Wende-Diskurse“, die einleitend schon angesprochen wurde.
Anmerkungen
Es ist daher kein Zufall, wenn in anderen
historischen Kontexten Transformationsprozesse im
Zusammenhang mit der Entstehung und Herausformung der
modernen Staatsgesellschaften
gleichermaßen durch den Primat moralischer
Diskurse zu kennzeichnen sind, was ein Beleg für die dominante gesellschaftliche Verunsicherung und den Verlust traditionaler
Realitätsbewältigungsmuster zu verstehen ist.
Historische Exempel finden sich in der Geschichte der Französischen
Revolution (Wert-Diskussionen im „Wohlfahrtsausschuß“
wie auch die politische Legitimierung Robespierres), in
den nationalistisch-moralisierenden Diskursen der „bürgerlichen
Staatenbildung“ in Deutschland
im 19. Jahrhundert wie auch in der Moralisierung
der Öffentlichkeit in krisenhaften Schwellenländern wie
der Türkei (Islamismus-Kontroverse)
oder in der Islamischen
Revolution in Iran. Vgl. dazu auch Gerhard
Voigt: Zur Begriffsbestimmung von ‚Staat‘ und
‚Staatsgesellschaft‘, in: Gerhard
Voigt (Hrsg.), 2001: „Staatsgesellschaft“.
Historisch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur
Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Perspektiven.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am
Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. Hannover.
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