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Das
vorliegende Referat stellt eine überarbeitete Fassung des
Manuskriptes eines Vortrages dar, der am 24.04.1998 im Polnischen
Institut in Leipzig gehalten wurde. Grundlage ist eine
gesellschaftshistorische Betrachtung, die zivilisationstheoretische
Ansätze sowie Fragen des Prozesses der Staatsbildung einbezieht. Der
Vortrag knüpfte an das Referat von Wodzimierz Bartodziej zum Thema
‚Die DDR-Stasi im befreundeten Nachbarland‘ an. Zunächst wird an
zwei Aussagen in Bartodziejs Vortrag Bezug genommen.
Es konnte
angeknüpft werden mit der Feststellung, dass, wenn man die Zahl der
Geheimdienstmitarbeiter in der DDR und der VR Polen vergleicht und in
Beziehung setzt zur Bevölkerungszahl, man auf etwa ein Verhältnis
von etwa 10 : 1 kommt. Das bedeutet, dass die DDR einen
entsprechend erheblich höheren finanziellen Aufwand beim Einsatz des
entsprechenden Personals gehabt hat. Vergleichbare Zahlen für diesen
Irrwitz können nur vermutet werden. Ziel des vorliegenden Referates
soll es u.a. sein, eine Antwort darauf zu erhalten, warum die langjährigen
Versuche der Stasi in der polnischen Gesellschaft kaum Resonanz
gefunden haben.
Es fällt
schwer, angemessene Begriffe für die ‚Opposition‘
zu finden um – ja, was eigentlich zu beschreiben? Die DDR
betreffend ist der Begriff überhöht und unspezifisch. Wenn, dann müßten
Personengruppen – gar als Widerstandsgruppen –
abgegrenzt und definiert werden. Dieses scheint kaum möglich. Auch
der Dissidenten-Begriff passt nicht. Er möge den tschechischen,
ungarischen und russischen Intellektuellen vorbehalten sein. Die
polnische Opposition hebt sich in ihrem Verhalten erheblich von dem
der UdSSR, der CSSR und Ungarns ab.
Man kann
sich bei diesen Betrachtungen, die die DDR betreffen, nicht auf wenige
Gedanken beschränken. Es zeigt sich, dass man die DDR nicht herausgelöst
von der gesamten deutschen Gesellschaftsgeschichte betrachten kann.
Der Weg der deutschen Gesellschaft hat sich nur kurzzeitig geteilt.
Man muss zunächst feststellen, dass in Polen die Oppositionsbewegung
(1980) einen Großteil der polnischen Gesellschaft umfasste.[ii]
In der DDR war im Gegensatz dazu die große Mehrheit der Bevölkerung
gegenüber dem Staat und seinem System weitgehend loyal.[iii]
Der große Umschwung kam erst nach der Maueröffnung am Abend des 9.
November 1989, dann aber binnen weniger Tage oder auch nur Stunden,
als sowohl die zuvor geglaubten propagandistisch vermittelten
Negativstereotype zusammenbrachen und eine Desillusionierung
betreffend der realen sozio-ökonomischen Situation erfolgte.
Dieses
soll nicht die Bedeutung von Friedens-Gebeten[iv]
schmälern, aber auch nicht die der nicht im ‚mainstream‘
der SED liegenden, machtärmeren
Angehörigen der DDR-Intelligenz. Die Fragestellung muss umgekehrt
lauten: Warum haben die Menschen in der DDR so lange funktioniert, so
lange loyal und pflichtbewußt gehandelt? Es muss mit dem zusammenhängen,
was man als den ‚Nationalcharakter[v]
der Deutschen‘ bezeichnet.
Der Schlüssel
liegt im Zivilisationsprozess dieser westmitteleuropäischen
Figuration.[vi]
Es handelt sich um einen historischen Prozess, der zunächst
betreffend die Oberschichten, den Adel und das Bürgertums, das den
Habitus des Adels nachahmte, beschrieben werden kann.[vii]
Der Preis war die Aufgabe einer eigenständigen intellektuellen
Entwicklung der DDR-Gesellschaft. Man denke zum Vergleich an das
Versagen des deutschen Bürgertums in der Phase nach 1848, das abrupte
Entfernen von den zuvor definierten ‚Idealen‘
‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘. Derartige Postulate sind oftmals
zu Phrasen verkommen und Ausübungsmechanismen von Macht bzw.
Herrschaft zuzuordnen, wie letztlich auch die Ideale
der französischen Revolution: ‚Freiheit‘,
‚Gleichheit‘ und ‚Brüderlichkeit‘.[viii]
Es gibt
in Deutschland keine nachhaltige Tradition
geistig‑oppositionellen Verhaltens. Man denke z. B. an die
aggressive Abwehrhaltung der etablierten Macht- und Funktionseliten im
Bürgertum Westdeutschlands seit der frühen Nachkriegszeit, der ‚politischen
Klasse‘, wie man sie seit einiger Zeit nennt, gegenüber
nicht-konformen politischen Verhaltensweisen.[ix]
Wie können dann diejenigen opponieren, die in proletarischen (oder
besser: kleinbürgerlichen) Milieus und ihrer Traditionen stehen?
Man hat
akklamiert und demonstriert im östlichen deutschen Staat und ist ‚wie angeordnet‘ solidarisch gewesen mit Chile, Kuba, Nicaragua
und den arabischen Ländern. ‚Helft
Ägypten‘ steht auf einer Briefmarke, die ich noch aus meiner
Kindheit besitze. Es war ein Symbol der 1956 verordneten Kehrtwendung
von der Unterstützung Israels zu der der Araber. Nein, Deutsche
mucken nicht auf, sie folgen eher den entsprechenden Weisungen ‚von
oben‘ und reproduzieren verinnerlichte Wahrnehmungsmuster.[x]
In der
DDR lebten eben die ‚deutscheren‘
Deutschen, sie war die ‚Republik
der Preußen und Sachsen‘, wie Charles de Gaulle es einmal
formulierte. Vermutlich hängen die Verhaltensweisen der Deutschen
dieses ehemaligen geistig weltabgeschlossenen untergegangenen (Gysi) ‚Insel-Staates‘
wesentlich damit zusammen, dass von 1945 bis 1989 ca. 3,5 Millionen
Menschen aus der SBZ/DDR nach Westdeutschland emigriert sind. Die
Basis einer potentiellen gegen das herrschende System opponierenden
Bevölkerungsgruppe war aufgrund ihrer Emigration zu sehr geschwächt
worden. Sie bildete andererseits in der BRD den insbesondere in der
CDU/CSU hoch einflußreichen ‚Verband der Sowjetzonenflüchtlinge‘.
Soziale
Aufsteiger mehrerer Stufen sind in der Regel loyal. Die
Funktionseliten der DDR bildeten sich zwangsläufig aus ihnen mehrfach
nach, bis in den siebziger Jahren eine Erstarrung eintrat. Die
notwendigen Anregungen z.B. zu an Widerspruch orientiertem
(kritischen) Denken und umfassender Intellektualität waren dadurch
eingeschränkt.
Andererseits
gab es seit der sozialliberalen Koalition 1969 – bereits
vorbereitet durch die große Koalition 1966 – die völkerrechtliche
Anerkennung einleitende und faktisch vollziehenden Vertragswerke mit
der DDR, die auch eine Stabilisierung der DDR zur Folge und zum Ziel
hatten, mit dem Endpunkt des Staatsbesuches Erich Honeckers im Herbst
1987: ein Besuch einschließlich aller völkerrechtlichen Attribute.
Die FDP hatte bereits 1968 die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der
DDR gefordert. Man hatte in der BRD ein klares Interesse an der
Fortexistenz einer stabilen DDR. Alles andere wäre zu einem Gutteil
Heuchelei gewesen. Es stünde damit in der Tradition der kollektiven
Heuchelei der Adenauer-Ära, also in einer langen Phase der
westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Zumindest könnte man die
Mechanismen der Machtinteressen in diesem Tenor skizzieren.
Es
existierte faktisch niemand, der gewillt war, eine Oppositionsbewegung
zu initiieren, zu stabilisieren und zu unterstützen, nicht in der BRD
und schon gar nicht in der DDR. Weder die westdeutschen Parteien noch
die (bis zuletzt faktisch gesamtdeutsche) evangelische Kirche und auch
nicht die universelle katholische Kirche waren dazu in der Lage. Diese
hat zudem andere Aufgaben und (längerfristig orientierte) Ziele.
In Polen
war alles anders. Die Opposition war das Volk. Die polnische tradierte
Elite war seit der Teilungszeit nie vollständig eliminiert, höchstens
geschwächt worden. Sie hatte in vielen Generationen spezifische
individuelle wie kollektive Überlebenstechniken entwickelt und war fähig
zur Reproduktion ihrer selbst sowie einer eigenen spezifischen
Intellektualität.[xi]
Die
polnische Nation hat historische Überlebensmechanismen entwickelt,
die sich z.B. durch generelle Illoyalität gegenüber dem Staat
auszeichnen, die wohl partielle wie temporäre pragmatische
Anpassungsmechanismen bedeuteten, niemals aber die Selbstaufgabe und
Selbstverleugnung der Nation gegenüber einer fremden Macht.[xii]
Die
polnische Gesellschaft ist in höherem Maße ‚universell‘. Sie ist
interdependent verbunden mit einer Kirche, die sich ebenfalls
traditionell in Antihaltung gegenüber dem Staat befand und wohl nie
(oder kaum) korrumpiert worden ist –etwas, was wesentlich von ihrer
eigenen Machtstärke sowie ihrem umfassenden Machtanspruch abhängt.[xiii]
In der VR
Polen war die katholische Kirchen nicht loyal –gleichwohl hat sie
auf mehreren Ebenen hervorragend mit dem ‚kommunistischen‘
Staat zusammengearbeitet –nicht mit dem System allgemein.[xiv]
Nur allzu gern werden die Legenden von der generellen Antihaltung und
Opferrolle gestrickt und reproduziert. Dennoch hat sie eine intensive,
effektive und letztlich erfolgreiche Oppositionswirkung gehabt. Die
Schwierigkeit besteht in der für Angehörige der polnischen Nation zu
geringen Distanzierungsfähigkeit zu ihrer Kirche. Das hat
nachvollziehbare Gründe. Die Rolle der Kirche darf aber nicht überbewertet
und auch nicht herabgemindert werden.[xv]
Man
sieht, wir sprechen nicht über die DDR oder
die BRD und Polen.
Welches
sind nun die Kerngedanken, die paradigmatische Funktion? Dazu ein
Einschub: In Westdeutschland waren die ‚Intellektuellen
sprachlos‘ angesichts des Geschehens ab 1989/90 in
Ostmitteleuropa, wie es z.B. Oskar
Negt, Sozialphilosoph in Hannover formulierte. Man muss es
korrigieren: Die westlichen Linksintellektuellen waren sprachlos. Das
große Geschehen lag jenseits ihrer Wahrnehmungs- und
Vorstellungsfähigkeit. Dies war auch die Folge ihrer selbstgewählten
geistigen Isolierung und damit Verengung im Denken.
Die
Fragestellung muss ausgehend vom Gegensatz der DDR-Gesellschaft
zur polnischen Gesellschaft erfolgen. Polen ist ein Land der
Semiperipherie. Das bedeutet, in der Gesellschaft werden tradierte
Mechanismen semiperipherer Gesellschaften reproduziert. Dazu gehört
ein spezifisches Untergrundverhalten.[xvi]
Loyalitäten erfolgen primär auf anderen, zumeist nicht-familialen
und nicht-staatlichen Ebenen. Die DDR ist dabei der abgetrennte Teil
einer frühen Zentrumsregion, die in hohem Maße Elemente einer
Staatsgesellschaft ausgebildet hatte und es auf die eigene Weise
forttat.
Alle
kommunistisch regierten Länder des früheren WPO/RGW-Bereiches haben
die autoritäre Komponente einer Staatsgesellschaft ausgebildet wie
Polizei- und Überwachungsapparate. Kontrollmechanismen dringen in
kleinere Einheiten der Gesellschaft vor und werden durch Elemente der
Verinnerlichung und Verdrängung bewusst nicht mehr wahrgenommen.[xvii] Im Rahmen einer
Etablierten/Außenseiter-Beziehung[xviii]
werden sie seitens der Ersteren, der im ›mainstream‹ sich
bewegenden ‚Angepassten‘
nicht im Sinne eigener negativer Betroffenheit (also als Opfer oder Täter)
wahrgenommen und eingeschätzt. Man glaubt und fühlt sich im
Ordnungssicherheit gewährenden Staat ‚geborgen‘.
Der politische Häftling wird nicht als Opfer der eigenen Gruppe
angesehen. Gruppenzwänge überlagern dieses: „Wir müssen
zusammenhalten, zusammenstehen, … das ‚Kollektiv‘ muss
funktionieren.“ Dies führt zugleich bis hin zur Leugnung von
Gewalt- und anderen Unrechtstaten und ist zugleich Ausdruck
restringierter Fähigkeit zur Selbstdistanzierung.
„Die
Werktätigen in den Betrieben für Druckerzeugnisse dürfen im Sommer
1980 nicht streiken, sonst können die Schulkinder am 1. September
nicht zur Schule gehen, weil sie wegen Mangels an Schulheften nicht
schreiben könnten.“[xix]
So oder ähnlich werden die Gedanken, die Ausreden, die eigenen Verdrängungen
gesellschaftlich-ökonomischer Realitäten auch in der eigenen
Figuration artikuliert. Etablierte, also Angehörige der Macht -
wie Funktionseliten -, akzeptieren niemals die Legitimität eines
Streiks, der gegen sie selbst gerichtet ist. In Polen hätte das
niemand in dieser Weise formuliert. Eine Propaganda-Sendung wäre auf
keinerlei Resonanz gestoßen. Die jahrzehntelange Wirkung von
indoktrinativer Sozialisation einer unreflektiven
Ich/Wir-Gruppenbezogenheit, war nicht gegeben. Dort gab es nicht die
systematische und substantielle Zerstörung der politischen Kultur und
ihrer Funktionalisierung im oktroyierten Herrschaftssystem. In diesem
Kontext findet sich nahezu der gesamte Erklärungsansatz dieses
Problemkomplexes.
In Polen
bestritten die Regierungsvertreter in den Verhandlungen in der Lenin-Werft, jetzt Danziger-Werft,
bis zuletzt, dass es politische Häftlinge gäbe. In den Vereinbarungen von Danzig mussten sie dazu gezwungen werden – allerdings,
um die Fassade zu wahren – nur indirekt. Das Verbot in der DDR,
diese von polnischen Werktätigen erstrittenen ‚Vereinbarungen‘ zu
veröffentlichen, drückt symbolisch die Schwäche und beginnende
sozio-ökonomische Agonie der DDR aus. Als kleines Symbol dafür mag
gelten: Es durfte kein Nachfolgemodell mehr für den Trabbi in Serie
gebaut werden. Günther Mittag soll entsprechende Vorschläge der zuständigen
Entwicklungsabteilung seit den siebziger Jahren untersagt haben. Ist
die Selbstbehinderung von Entwicklung schon als Selbsteingeständnis
entsprechenden Unvermögens zu werten?
Inwieweit
die oktroyierten und vielfach geglaubten Solidaritätsgefühle in der
DDR-Gesellschaft substanzlos waren und ihnen ein nennenswertes
Denunziatonsverhalten gegenübersteht, kann hier nicht abgeschätzt
werden. Es ist zu vermuten. Der abgestufte Überwachungsapparat
(„IM“ etc.) hätte sonst sicherlich nicht funktionieren können.[xx]
Die Apparate waren so wirksam, weil die Gesellschaft so gut ‚funktionierte‘,
also Menschen ohne wesentliche Hemmschwellen mitgespielt haben,
anderen Unbill zuzufügen. Es ist die deutsche Gesellschaft, die sich
bis heute schwer tut, z.B. Desertion moralisch nicht zu
diskreditieren.[xxi]
Die „zivilisatorische
Lücke“ zeigt sich z.B. heute nach wie vor im unterschiedlichen
Verhalten junger Männer, ‚zum Bund‘ zu gehen. Dieser saloppe
Begriff verdrängt langsam den Begriff ‚zur Armee‘ des
DDR-Alltags. In Polen war die Diskussion über einen Zivildienst vor
1980 weitgehend tabu – dort aber Ausdruck dafür, dass die
„WP“ (die Polnische Armee) als Ausdruck nationaler Unabhängigkeit
in der polnischen Gesellschaft akzeptiert ist und eine nicht in Frage
zu stellende mentale Klammer der gesamten Nation darstellt. Ein
wesentlicher Aspekt der „zivilisatorischen Lücke“ ist die verengte Entwicklung von
Intellektualität in der DDR.[xxii]
In Polen,
als einem Land der Semiperipherie ist ‚eben
alles anders‘. Die Gesellschaft war und ist zu charakterisieren
als eine „Doppelgesellschaft“[xxiii]
oder auch als ein System von ‚Halbheiten‘.[xxiv]
Eine Anekdote soll dieses beschreiben: Die Deutsch-Polnische
Gesellschaft Hannover e.V. hatte 1983 auf Empfehlung der Botschaft der
VR Polen den Minister Kakol zu einem Vortrag eingeladen. Wir hatten
zunächst Bedenken, da sich viele emigrierte Solidarnosc-Aktivisten in
Hannover aufhielten. Man befürchtete Ärger, da Kakol als
Religionsminister von ihnen als Provokation hätte empfunden werden können.
Nichts dergleichen: Alle waren in der Diskussion sehr höflich zu ihm.
Am Ende standen sie in der Reihe vor dem Eingang und begrüßten ihn.
Er ermahnte sie, recht fleißig zu sein und ihr Studium fortzusetzen.
Sie skandierten „Jawohl, Herr Professor!“ Kakol zu uns: „Es sind
doch alles meine ehemaligen Studenten und ich habe sie nur begrüßt
und mich nach ihrem Wohlergehen erkundigt.“
In der
DDR wäre auch folgendes Beispiel unmöglich gewesen: Der Journalist
K. bei Interpress [PAI] war bis zum Kriegszustand überzeugter
Kommunist gewesen. Seine Frau war praktizierende Katholikin und
Mitarbeiterin einer Solidarnosc-Zeitschrift. Sein Sohn wurde überzeugter
Anti-Kommunist. K. hat die Loyalitäts- bzw.
‚Unterwerfungserklärung‘ nicht unterschrieben und wurde
entlassen.[xxv]
Im Jahre 1982, so berichtete er mir später, habe ihn einmal der für
ihn zuständige Geheimdienstbeamte angerufen und ihm mitgeteilt: „Hör
zu, ich muss dich demnächst zwei Wochen lang abhören. Also, pass auf! Denk aber daran, dass ich auch etwas schreiben
muss!“ Man arrangierte sich.
Das
Beispiel deutsch-deutscher Tragik und Verstrickung,[xxvi]
sind die Tötungsvorgänge an Mauer und Stacheldraht, an der
innerdeutschen Grenze, wie es im westdeutschen Amtsdeutsch hieß, bzw.
an der Staatsgrenze der DDR, durch Grenzorgane eines permanent um
Anerkennung und Reputation heischenden Staates, der sowohl Tendenzen
zum Militär- wie Operettenstaat aufwies und seit 1990 zum
›Unstaat‹ mit dem Ziel des historischen Vergessens herabgewürdigt
wird.[xxvii]
Die Befehlsgebenden hat man bisher nicht klar ausgemacht.
Strafverfolger müssen nachforschen und finden sie nicht so recht.
Traditionell arbeitende Historiographen werden noch weiterhin
Schwierigkeiten bei der Erforschung dieser Frage haben. Das zentrale
Problem ist dabei: Die politisch relevanten Stasi-Akten bleiben
geschlossen, also geheim. Das Staatsinteresse dominiert über
Gerechtigkeit und Demokratieprinzip und Strafverfolgungs‑ wie Sühneanspruch.
In Polen ist es nicht so. In einigen intellektuellen, vor allem
nationalistisch-konservativen Kreisen wird nach wie vor eine
Aufdeckung und Bestrafung gefordert. Das Staatsinteresse wird nicht höher
eingestuft, sondern letztlich temporären Machtkämpfen untergeordnet.
Folgender
Gesichtspunkt ist dabei zu berücksichtigen. In Warschau wurde am ‚Runden
Tisch‘ (mündlich) vereinbart, Akten nach Möglichkeit – d.h.
abgesehen vom Vorliegen eindeutiger Straftatbestände – nicht
aufzudecken. Man wollte die ‚falschen‘ Patrioten (der Linken),
denen man die ‚lässige Sünde‘
vergibt, nicht strafen. Es ist charakteristisch für die Polnische
Nation, Kompromisse, Absprachen etc. konsensual auf informeller Ebene[xxviii]
herbeizuführen. Man hält sich in der Regel auch daran. Wenn nicht,
dann liegt ein hohes innergesellschaftliches Spannungsniveau vor.
Dieses Verhalten kann als Ausdruck der Spannungsbeziehungen zwischen
prinzipieller Staatsablehnung und dominanter nationsbezogener Loyalitäten
gewertet werden. In Polen wird es nur von einigen machtarmen Grüppchen
nicht aus dem innergesellschaftlichen Machtkampf herausgehalten. Die
Attacken und Instrumentalisierungsversuche der Rechten sind als
verbale Kampagne oder gar Wichtigtuerei zu verstehen.
Das
Stasi-Phänomen wird in ‚typisch
deutscher Weise‘ angegangen. Dieses zu erklären, ist nicht
immer leicht möglich. Adam Krzeminski berichtete mir 1984, dass er in
Thorn/Torun große Schwierigkeiten hatte, seinen Studenten und
Studentinnen der Germanistik/Landeskunde an der Kopernikus-Universität
zu erklären, dass ihre Kommilitonen/innen in der DDR tatsächlich
daran glaubten, was sie sagten bzw. was sie schriftlich und mündlich
vorgesetzt bekämen. Die Reaktionen der polnischen Studenten/innen
waren entsprechend.
Ein
polnischer Grenzsoldat hätte wahrscheinlich nicht auf einen Landsmann
geschossen, der ‚illegal‘
über die Grenze ‚abhauen‘ wollte. Für ihn gab es diesbezüglich
das Gefühl, die Einschätzung und Wertung des Begriffes des ‚Illegalen‘
gar nicht. Die polnischen Grenzpolizisten wünschten „Auf
Wiedersehen“ und „Bringt viele gute Sachen mit!“ Sie wussten,
etwas fiel sicherlich dabei für sie ab. Es war zwar vielen Emigranten
verwehrt, zurückzukommen, sie hatten aber mit Hilfe kleiner Tricks
ausreisen können. Seitens der deutsch-polnischen Gesellschaften war
man in manchen Fällen behilflich, ‚organisatorische‘
Probleme zu lösen und Folgeprobleme zu mildern.
Eine
Begebenheit in Krakau im September 1980: Ein M/L-Student aus der DDR
(KMU) erzählte im Studentenclub, dass man von ihm erwarte, Mitglied
der SED zu sein und dass man von ihm als Soziologie-Studenten auch
eine Identifizierung mit dem System erwarte. Er nutze dann jede
Gelegenheit, nach Polen zu fahren. Man durfte dieses allerdings bald
darauf nicht mehr ungenehmigt tun. Stattdessen produzierte die
DDR-Propaganda fleißig neue antipolnische Negativstereotype. Sie knüpfte
dabei an ‚bewährte‘
(und berüchtigte) alte an. Polnische Freunde berichteten sehr
deprimiert darüber. Im gegebenen Zusammenhang kann nicht weiter
darauf eingegangen werden.[xxix]
Ich
meine, der Widerspruch zwischen ‚Friedensliebe‘
als Staatsdoktrin und innerer wie äußerer Militarisierung der DDR
wird kaum abschließend erforscht werden. Niemand hat so recht ein
Interesse daran, es sei denn, dass ein kurzfristiges Interesse zur
Instrumentalisierung besteht. Deutlich sind andererseits die
Parallentwicklungen zur BRD.[xxx]
Es ist
die in fast zweihundert Jahren gewachsene Habitusentwicklung, das
geistige Milieu in der polnischen Nation, das anders ist – bei
denen, die dieses definiert: die Oberschicht, die wesentlich aus der
Szlachta resultiert, sowie denjenigen, die sich hinzurechnen. Darüber
wird nur unzureichend geforscht. Gerade deshalb ist es wichtig, darüber
nachzudenken und dieses zu diskutieren.
Am Ende
der siebziger Jahre erfolgte der Abbau der (zur Verinnerlichung
verordneten) äußeren Bedrohungsempfindung der polnischen Nation
aufgrund sich verändernder gesellschaftspolitischer, ökonomischer
und individuell-subjektiver Erfahrungen bezüglich Westdeutschlands
und des Kapitalismus. Andererseits ist der Sachverhalt verbunden mit
dem 1980 anschwellenden Bedrohungsempfinden gegenüber den beiden
Militärstaaten an der West- wie auch Ostgrenze Polens. Im kollektiven
Gedächtnis der polnischen Nation wurde die neue Bedrohung verknüpft
mit der Existenzbedrohung und begonnener Zerstörung 1939 durch
Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion. Dieser Zusammenhang hat
entscheidend zur Motivation der Streikbewegung im Sommer 1980
beigetragen.[xxxi]
Zu
beachten sind auch quantitative Aspekte, die eine gewisse
Relativierung oder Einschränkung bewirken. Die große Mehrheit einer
Bevölkerung arbeitet politisch unbeteiligt; z.T. möglicherweise
resignierend oder sich in ihr Schicksal fügend weiter. Man betrachte
in diesem Zusammenhang auch machttheoretisch die Funktion von religiösen
oder anderen Glaubenslehren bzw. Überzeugungen und deren Produzenten
wie Trägern. Man/frau stellt sich in der Regel auf neue Situationen
ein. Seit 1945 gab es viele erhebliche Probleme – stalinistisch-kommunistischer
Druck war in der Wahrnehmung für die Mehrheit der Bevölkerung
nachrangig. Es gibt zweifellos neue Aufstiegs- und andere Machtkämpfe,
die Übernahme neuer Ideologien und Dogmen – oder ihre
Ablehnung.[xxxii]
Nun zu
einigen Motiven in der Phase der Ereignisse bzw. der Erneuerung:
-
Es gab generell keine dominanten religiösen Motive,
weder bei Intellektuellen noch bei Arbeitern; wenn dann sind sie
nachrangig. Andererseits distanzierten sich Intellektuelle partiell
davon.
-
Die Streikbewegungen erfolgten im wesentlichen nicht
aufgrund wahrgenommener oder erduldeter politischer Unterdrückung.
-
Es erfolgte kein konkreter zielgerichteter und
programmatisch orientierter Machtkampf. Die Auseinandersetzungen sind
wesentlich als dichotomisches Verhalten zu kennzeichnen.
-
Man begreift die Situation eher als einen Prozess einer
zu Ende gehenden Herrschaft, in dem individuell wie kollektiv die
Chancen schwinden, am sozialen Aufstieg zu partizipieren und zu
prosperieren.
Dies erklärt
andererseits auch den Druck in der DDR (seitens des Kollektivs) gegenüber
individuellem, ‚abweichlerischem‘
Verhalten. Der Druck für den Erhalt des Erreichten ist verknüpft
mit der Überzeugung an das erfolgreiche ‚im
Kollektiv arbeiten‘, den kollektiven Zusammenhalt. Die
Grundvoraussetzung dafür ist die jeweils unterschiedlich ausgebildete
Staatsgesellschaft –und diese ist in Polen in spezifischer Weise
gegeben.
Zur Rolle der Krise
Man spürte
physisch wie psychisch und materiell den sozio-ökonomischen
Niedergang. Die umfassende Krise[xxxiii]
war allgegenwärtig. Parolen des Zusammenstehens unter der Führung
der Partei waren substanzlos und frustrierend. Unverhohlene Drohungen
Giereks in zwei Reden in den kritischen Tagen Ende August 1980
bewirkten nur das Gegenteil des Intendierten. Er verfügte dabei nicht
mehr über die physische Macht, entsprechende Zwänge auszuüben. Die
Kommunisten waren von den machtärmeren, um Funktionen konkurrierenden
Intellektuellen als die ‚Dummen‘ abqualifiziert, wie es Wladyslaw
Bartoszewski einmal in Hannover formulierte.[xxxiv]
Man war
in Polen strukturell, sozusagen ‚systemimmanent‘
seit langem gezwungen, individualistisch Lösungsstrategien zu
entwickeln –für von Prinzipien des Sozialismus Überzeugte ein
Widersinn. Für viele Menschen, die gesellschaftspolitische oder
sozio-ökonomische Überzeugungen gewonnen hatten bedeutete es, Fähigkeiten
zur Selbstdistanzierung zu entwickeln.
Die in
Staat, Partei und Ideologie Involvierten in der DDR wie in Polen
bauten tradierte Legenden auf: beliebt sind die ‚Agententheorie‘,
die ‚Finanzierung durch das
Ausland‘ oder gar ‚Geheimdienste‘
etc. Wenn, dann waren es sicherlich geringere Summen als die, die
Lenin 1917 zur Verfügung standen, um seine revolutionären Arbeiter
zu bezahlen. Die Verfügung über Geld-Kapital ist eine entscheidende
Machtquelle, man nutzt in Machtkämpfen alle Ressourcen, die verfügbar
sind.
Die in
Polen vom System zu verantwortenden sozio-ökonomischen Entwicklungen
führten zu Ablehnung und Ignoranz, im Konfliktfall zur kollektiven
Auflehnung, ähnlich wie in Frankreich mit der im dortigen kollektiven
Gedächtnis als positiv definierte Revolution.
Kerngedanke
ist, dass die deutsche Staatsgesellschaft über den Prozess der
Staatenbildung geprägt ist, die durch prinzipielle Akzeptanz
gekennzeichnet ist und sich in der polnischen Gesellschaft, einer Nationsgesellschaft,
eine generell antistaatliche Haltung mit entsprechenden
Verhaltensformen herausgebildet hat.
Die
Folge ist, dass die polnische Funktionselite und noch mehr die junge
aspirativ geprägte intellektuelle Elite die temporäre Loyalität
aufhoben, als ihnen die sozioökonomische Negativentwicklung nach
sichtbaren Alltagsveränderungen in den siebziger Jahren endgültig
aufgrund entsprechender Veröffentlichungen vergegenwärtigt und
bewusst wurde mit der Konsequenz, dass eine Besserung i.S. von
gesicherten oder auch nur hinreichenden individuellen Aufstiegschancen
oder auch nur dem kollektiven Erhalt der Situation ungesichert bis
aussichtslos erschien. Dieses steht zweifellos im Kontext mit der
zunehmenden Kenntnis wie auch der eigenen Realerfahrung der sozio-ökonomisch
höher entwickelteren Situation in den sog. kapitalistischen Ländern,
insbesondere der Bundesrepublik Deutschland und andererseits der lang
anhaltenden Stagnation bzw. Negativentwicklung im eigenen Land. Die
Aussichtslosigkeit, immanent, also systemkonform, aus der Situation
herauszukommen, wurde für jede Bürgerin und jeden Bürger deutlich
erkennbar. Neben diesen augenscheinlich-objektiven Wahrnehmungen stand
die zunehmende Demaskierung der politischen Glaubenspostulate der
etablierten Staatsdoktrin als populistische bis demagogische Phrasen
kommunistischer Herrschaft im ‚Realsozialismus‘.[xxxv]
Zu den bisher eingeübten Verdrängungen in der Wahrnehmung der
politischen Parolen kam die sich zunächst langsam, dann anschwellende
Bewusstwerdung eigener Stärke des ‚my‘ (wir) gegenüber ‚oni‘
(denen/die da oben).
Abschließende Wertung
Die
Verhinderung des Wissens seitens der Machtverfügenden der SED darüber,
was jenseits der selbst gezogenen Zäune geschah, war eine
existenz-immanente und äußerst kostspielige Staatsaufgabe. Den
entscheidenden Anstoß zur Öffnung der ungarisch-österreichischen
Grenze im Sommer 1989 war der Widerstand von Ökonomen und Politikern
in Budapest, die ‚notwendige‘ Erneuerung der ‚Stacheldraht-Zäune‘
nicht durchzuführen und diesen Irrsinn zu beenden – entgegen
den vehementen Protesten aus der DDR. Interessant ist in diesem
Zusammenhang, dass bisher keine realistische Schätzung veröffentlicht
worden sind für die Kosten dieser sog. Grenzsicherungs-Anlagen aus
teurem, z.T. aus der BRD importierten Spezial-Draht bis 1989, also
fast auf den Tag genau vierzig Jahre, bis zum faktisch vollständigem
Selbstverzicht auf Ausübung physischer Gewalt am 8./9. Oktober 1989
und damit seiner entscheidenden Machtquelle.
Man muss
dabei klar sehen, dass eine als ethisch-moralisch,
politisch-verantwortlich oder zivil-couragiert zu bezeichnende Ebene
zweifellos ebenfalls gegeben ist, aber bezogen auf das konkrete
Handeln eindeutig eine Hintergrundfunktion hat. Im Unterschied zur
DDR-Gesellschaft entwickelte sich in Polen eine gegen die etablierte
Macht gerichtete Bewegung, die historisches Untergrund- und
Widerstandsverhalten reproduzierte und evozierte.
In der
DDR dagegen zerfiel das ‚Kartenhaus‘, nachdem sich herausstellte,
dass es keine äußeren Stützbalken und Träger mehr gab und die
eigenen inneren zu schwach wurden bzw. sich nach der Entblätterung
als substanzlos herausstellten. Man erahnte wohl die
gesamtgesellschaftliche Krankheit, den sozio‑ökonomischen
Konkurs. Die Umsetzung dessen als kollektive Erkenntnis sozusagen ‚in toto‘ erfolgte erst einige Tage nach dem Mauerfall. Insofern
erübrigen sich Spekulationen um Legenden betreffend des Verdienstes
einiger machtverfügender Angehöriger des inneren Machtzirkels der
DDR bzw. der höheren Funktionselite. Die DDR befand sich in einer Art
‚Konkurssituation‘. Das wussten in ihrer Gesamtheit außer
Mittag und Schalk-Golodkowski offensichtlich nur wenige – wahrscheinlich
Mielke und Krenz. Die Mehrheit der ‚Gerontokraten‘
war vermutlich intellektuell überfordert.[xxxvi]
Konkret: die auf Warenaustausch beruhenden Beziehungen des RGW hatten
sich aufgehoben und bezüglich notwendiger Importe auf Devisenbasis
war die DDR zahlungsunfähig. Dies alles wurde noch im November 1989
publik. Vermutlich hat deshalb der innere Machtzirkel der SED am 9.
Oktober nicht schießen lassen. Man wollte offensichtlich für den ‚Tag
danach‘ die völlige völkerrechtliche Ächtung vermeiden und
sich möglicherweise auch vor späterer Strafverfolgung zu schützen.[xxxvii]
In Westdeutschland hat man sich (bis heute) kaum Gedanken gemacht. Das
Wissen um diesen ungeliebten Nachbarstaat war gering, das Interesse in
der Bevölkerung praktisch gleich null. Insgesamt eine traurige bis
tragische Situation, aus der heraus sich wiederum westliche Überheblichkeit
und verletzende Arroganz aber auch eine in hohem Maße
existenzvernichtende Praxis seit 1990 resultieren.
Die alles
überlagernde Frage ist aber noch nicht vollständig beantwortet:
Warum sich die Bevölkerung im nicht hinreichenden und sicherlich möglichen
Maße getraut hat, über den Zaum zu schauen, sich stattdessen bis
zuletzt den Zwängen der Nichtwahrnehmung, des fortwährenden
Mitmachens zu unterwerfen und keine Umsetzung in entsprechendes
gesellschaftspolitisches Handeln erfolgt ist. Die Polen haben
gesellschaftlich-politisch, die Tschechen intellektuell und die Ungarn
ökonomisch anders gehandelt, die Jugoslawen bereits in den vierziger
Jahren politisch-ökonomisch.
Zusammenfassend
ist festzustellen: Der Zivilisations‑Prozess zur (deutschen)
Staatsgesellschaft einerseits, die Genese der polnischen Nation über
die polnische Adelsgesellschaft und der Herausbildung und Reproduktion
der polnischen ›Inteligencja‹ in spezifischer Weise andererseits,
insgesamt eine Ausprägung als Untergrund-, Widerstands- oder als
Doppelgesellschaft sind Hintergrund und Basis für unterschiedliches
Verhalten, damit auch für historische Tragik.
Die Frage
also, warum die intellektuellen Eliten der DDR wesentlich nicht so
gehandelt haben, warum es keine nennenswerte und wirksame Opposition
gegeben hat, die der Bezeichnung entspräche und es auch keine
relevante intellektuelle Dissidentenbewegung gegeben hat, bleibt
unvollständig gelöst, will man über historiographische
Betrachtungen hinausgehen. Ob und inwieweit es relativ dem ‚mainstream‘ von kommunistischer Herrschaft entgegengerichtete
immanente Strömungen gab, bleibt noch in seinen Tiefen zu erforschen.[xxxviii]
Es
ist noch einmal zu betonen, die entscheidenden Geheimakten bleiben
weiterhin geheim. Auch die sog. Gauck-Behörde
arbeitet als politische Institution sektoral. Man ignoriert seitens
einiger Intellektueller den politischen Charakter dieser Behörde. Ihr
zweifellos anerkannt sinnvolles Wirken darf aber nicht darüber
hinwegtäuschen, dass wesentliche oder gar entscheidende Geheimakten
weiterhin geheim bleiben. In neueren Publikationen wird gar der
Vorwurf erhoben, dass wichtige Begebenheiten verschwiegen werden.[xxxix]
Elias, Norbert / Scotson, John I., 1993: Etablierte und Außenseiter.
Frankfurt am Main.
Elias, Norbert, 1987: Über die Begriffe der Figuration und der
sozialen Prozesse. Einführende Bemerkungen. Diskussionsbeiträge,
Berlin.
Elias, Norbert, 1995: Menschen in Figurationen. Ein Lesebuch zur
Einführung in die Prozeß- und Figurationssoziologie von Norbert
Elias. Opladen.
Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. I.
Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des
Abendlandes, Suhrkamp stw 158, Frankfurt/M. 1988.
Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. II.
Wandlungen der Gesellschaft; Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation
Suhrkamp, Frankfurt/M. 1990.
Engler, Wolfgang, 1992: Die zivilisatorische Lücke. Frankfurt/M.
Suhrkamp.
Engler, Wolfgang, 1993: Jenseits des Machtprinzips. In: Die Zeit Nr.
15 v. 09.04.1993.
Fuchs, Jürgen, 1998: Magdalena. MfS. Memfisblues. Stasi. Die Firma.
VEB Horch & Gauck. Ein Roman. Berlin.
Herzinger, Richard,
1998: VEB Horch & Gauck. Die Gauck-Behörde
behindert die Aufdeckung von Stasi-Verbrechen. In: Die Zeit Nr. 13 v.
19.03.1998, S. 45f
Müller, Maria Elisabeth, 1997: Zwischen Ritual und Alltag: der
Traum von einer sozialistischen Persönlichkeit, Frankfurt / N.Y.
Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard, 1996: Reflexionen über den
Begriff der Krise. In: politik unterricht aktuell Heft 1-2, 1996:
19-38.
Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard, 2001: Thesen zur „Wende“.
Probleme der Wahrnehmung, Bewertung und Bewältigung sozio-ökonomischer
Transformationsprozesse. politik unterricht aktuell Heft 1/2, 2000.
Nettelmann, Lothar, 1997: Polnische Intellektuelle und Arbeiter
1980/81. Hannover.
Schäfers, Bernhard, 1986: Grundbegriffe der Soziologie. Leverkusen.
Siberski, Elias, 1967: Untergrund und offene Gesellschaft.
Stuttgart.
Siedlarz, Jan, 1996: Kirche und Staat im kommunistischen Polen 1945
–1989. Paderborn, München, Wien, Zürich.
Wagner, Helmut,
1981: Die Doppelgesellschaft: Systemwandel in Polen,
Berlin.
[i]
Vgl.:
Wodzimierz Bartodziej: Die DDR-Stasi im befreundeten Nachbarland;
unveröff. Manuskript S. 1 und S. 8.
[ii]
Sie
rekurriert zunehmend auf den ‚Nations-Begriff‘
und sprach gar den mit der Macht (‚wadza‘) verbundenen
tendenziell ab, zur Nation zu gehören.
[iii]
Die
Frage, ob sie die Loyalität gegenüber dem Staat aus der
Akzeptanz seines Staatsdogmas, des ‚wissenschaftlichen
Sozialismus‘, ableitete oder die Akzeptanz des Systems aus
der Loyalität gegenüber dem Staat, der Herrschaft, soll nicht
weiter reflektiert werden. Es ist aber innerhalb dieser
Wechselbeziehung der zweite Gedanke zu präferieren, er
entspricht tradierter Machtlogik.
[iv]
Man
übersehe nicht, dass Friedensgebete in Kirchen nicht zur
generellen Praxis von Kirchenmitgliedern und schon gar nicht zu
von der Amtskirche gern gesehenen oder gar geförderten Aktionen
gehörten. Ihre gesellschaftspolitische Relevanz wurde zudem
oftmals erst im Nachhinein erkennbar – dann aber zugleich in
hohem Maße unter gleichzeitiger Funktionalisierung.
[v]
‚Nationalcharakter‘ ist nicht als eine anthropogene Konstante zu
verstehen, sondern als Ausdruck einer langfristigen
Habitusentwicklung. Fremdzuweisungen wie z.B. ‚Faulheit‘
etc. oder Selbstzuordnungen wie z.B. ‚Fleiß‘
sind in der Regel Ausdruck von Funktionalisierungen im
Zusammenhang von Machtkämpfen und ggf. Folge von gezielten
Abgrenzungen mit der Methode negativer Stereotypisierung. Sie
sind oftmals eingebunden in Etablierten/Außenseiter-Beziehungen.
[vgl. Elias / Scotson,
1993] Man ordnet Polen gegenwärtig im Zusammenhang mit der
Integration in die EU zunehmend positive Stereotype wie ‚Leistungsfähigkeit‘ und ‚hohe
Leistungsbereitschaft‘ zu. Dies korreliert mit dem Wandel
von der negativen Konnotation der DDR-Bürger/innen in
Westdeutschland, „Sie können nicht richtig arbeiten“ zu
tradierten positiven: „Die emsigen Sachsen“. Man beachte
auch im vorliegenden Zusammenhang die erhebliche, z.T. durch den
Staat (Partei/System) initiierte und gesteuerte Bildung von
Negativstereotypen gegenüber den östlichen Nachbarn, den ‚Brudervölkern‘
in ihrer Funktion zur Machtstabilisierung in der DDR.
[vi]
‚Figuration‘, als ein von Norbert
Elias geprägter Begriff, kann für Teilbereiche einer
Gesellschaft einschließlich ihrer Spannungsbeziehungen
verstanden werden; vgl.: Figurationen, in: Schäfers,
Bernhard: Grundbegriffe der Soziologie. Leverkusen 1986; S.
88 ff.; Elias, Norbert: Über die Begriffe der Figuration und der sozialen
Prozesse. Einführende Bemerkungen. Diskussionsbeiträge, Berlin
1987.
[vii]
Elias,
Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. I.
Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des
Abendlandes, Suhrkamp stw 158, Frankfurt/M. 1988; Elias,
Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Bd. II.
Wandlungen der Gesellschaft; Entwurf zu einer Theorie der
Zivilisation Suhrkamp, Frankfurt/M. 1990
[viii]
In der
Regel ist eine Funktionalisierung erfolgt. Man denke z.B. an die
Jakobiner und die Herrschaft Napoleons. Ähnliches gilt
zweifellos auch für zentrale Glaubensinhalte wie die ‚Nächstenliebe‘
der ‚institutionalisierten Christenheit‘ und die ‚Toleranz‘ der Machtapparate
im Islam.
[ix]
Als
Beispiele mögen gelten: Die Auseinandersetzungen um ‚Grohnde‘,
‚Gorleben‘, ‚Brokdorf‘ und ‚Wackersdorf‘, um die
‚Startbahn-West‘ oder die ‚Castor-Transporte‘.
[x]
Das
Elias’sche Fremdzwang-/Selbstzwangmuster bietet sich zur
Interpretation an.
[xi]
Die
nichtkommunistische Elite differenzierte in der Regel nicht
zwischen Kommunisten und Sozialisten. Eine Germanistin in Poznan
verwechselte z.B. die politische Zugehörigkeit der
(Sozialistin) Maria
Koszutska, die 1937 in der Sowjetunion von den Kommunisten
umgebracht worden war. Ihr eigener mentaler Abstand war viel zu
groß. Es war andererseits für sie kein Problem bei
Austauschprogrammen in der DDR Gruppen zu betreuen und höflich
die propagandistischen Begrüßungsreden in der Universität
Halle anzuhören. Sie hatte in ihrer Wahrnehmung spezifische
Verdrängungsmechanismen entwickelt.
[xii]
Zur
Problematisierung des Nations-Begriffes vgl.:
Nettelmann, Lothar: Polnische Intellektuelle und Arbeiter
1980/81. Hannover 1997; S. 59 ff und S. 70 ff.
[xiii]
Man
vergleiche z.B. die Rolle des Protestantismus in Deutschland,
Großbritannien und Skandinavien; der Orthodoxie in Russland
oder Serbien, des Katholizismus in der KuK-Monarchie, sowie im
20. Jahrhundert in Spanien, in Kroatien und der Slowakei, also
deren intensive Zusammenarbeit mit faschistischen oder Militärdiktaturen
oder auch dem kommunistischen Regime in der CSSR. Auch der
deutsche Faschismus ist nicht ohne die stabilisierende Wirkung
des Protestantismus wie des Katholizismus in der Phase der
‚Machtergreifung und ‑stabilisierung‘ denkbar. Für
den Austrofaschismus gilt entsprechendes. Leider wird dieses
heute zu oft verdrängt und zu wenig erforscht.
[xiv]
Man
thematisiert in der Regel dieses Problem nicht. Es erfolgt keine
Analyse oder Wertung. Stattdessen werden diese heiklen Elemente
in die Ebene von Anekdoten verlagert. Es wird z.B. von einem
Priester berichtet, der sich 1981 weigerte, der Aufforderung
seines Bischofs Folge zu leisten, den Regime-Gegner Jacek
Kuron in seiner Kirche auftreten zu lassen. Er hatte zuvor
die Zusage des Parteisekretärs erhalten, dass das Dach der
Kirche neu gedeckt würde. Auf Vorhaltungen einer Journalistin
antwortete er: „Dann soll doch bitte der Bischof auch das Dach
unserer Kirche reparieren.“ – Eine weitere Ebene ist die der
politischen Werte.
[xv]
Kaum
etwas ist aber schwieriger, als diesen Komplex mit
wissenschaftlicher Distanz zu begegnen. Die Kirche hat mehr als
eine Rahmenfunktion, sie ist aber nicht der Motor. Wenn, dann
ist sie zugleich auch Bremse! Viele Beispiele aus der Geschichte
des 19. und 20. Jahrhunderts belegen dieses; vgl.: Nettelmann
1997, S. 176 ff. Eine neuere Untersuchung über die Rolle der
polnischen katholischen Kirche tabuisiert wesentliche politisch
relevante Fragestellungen. Sie ist auch Ausdruck von nicht
erfolgender Selbstdistanzierung eines Involvierten; vgl.: Siedlarz,
Jan: Kirche und Staat im kommunistischen Polen 1945 –
1989. Paderborn, München, Wien, Zürich 1996.
[xvi]
vgl.: Siberski, Elias: Untergrund und offene Gesellschaft. Stuttgart 1967.
Siberski entstammt
selbst dem polnisch-jüdischen Milieu in Lód. Seine Studie
beruht auf der profunden Kenntnis der polnischen
Nationsgeschichte.
[xvii]
vgl.: Engler, Wolfgang: Die zivilisatorische Lücke. Frankfurt/M.
Suhrkamp, 1992, S. 26 ff.
[xviii]
vgl.: Elias, Norbert /Scotson, John I.: Etablierte und Außenseiter,
Suhrkamp, Frankfurt/M. 1993.
[xix]
Originalton eines Propagandisten in Radio DDR im
September 1980; vom Verfasser aufgenommen auf der
‚Transitstrecke‘ bei einer Rückreise aus Polen.
[xx]
Zum
Vergleich: Der (kriegsbedingt erheblich kleinere) Überwachungs-
und Terrorapparat der Gestapo hat wesentlich über briefliche
und telefonische, sehr oft anonyme ‚Anschwärzungen‘
gewirkt. Die übereifrigen Blockwarte – die deutschen Kleinbürger
– haben funktioniert!
[xxi]
In
Westdeutschland hat es sich z.B. nur sehr mühsam durchgesetzt,
Wehrdienstverweigerung innergesellschaftlich moralisch zu
akzeptieren. Firmeninhaber hatten noch in den siebziger Jahren
Mitarbeiter oftmals nur dann eingestellt, wenn sie ihren
Wehrdienst abgeleistet hatten. Zivildienstleistende wurden
oftmals abgelehnt. Erst nach und nach setzte sich der Eindruck
durch, dass das Motiv zur Kriegsdienstverweigerung oft
korrelierte mit selbständigem, bewußten und kreativem Handeln
– und solche Mitarbeiter benötigt eine Firma im
Leistungswettbewerb. Der Wandel erfolgte wesentlich über die
kollektive Wahrnehmung der ›Zivis‹ in unangenehmen Kranken-
und Altenpflegebereichen. Erleichtert wurde die Verweigerung,
als die regulären Arbeitsverhältnisse im Sozialsystem nicht
mehr finanzierbar waren und man auf die ‚kostenlosen
Zivis‘ gern zurückgriff. Jetzt erst waren sie keine ‚Drückeberger‘
mehr.
[xxii]
vgl. auch: Engler, Wolfgang: Jenseits des Machtprinzips. In: Die Zeit Nr. 15 v.
09.04.1993. Dies ist keineswegs zu verwechseln mit etwaiger
begrenzter Ausbildung von Intelligenz, von unintelligentem
Verhalten o.ä.! Eine Begebenheit soll andererseits das Problem
skizzieren: Im November 1987 fand in Hannover im Rahmen der Städtepartnerschaft
Hannover-Leipzig eine Diskussion statt mit dem damaligen Oberbürgermeister
Leipzigs, sowie einem weiteren Vertreter der Delegation, einem
Professor der Karl-Marx-Universität. Letzterer antwortete auf
die Frage eines Zuhörers nach den Schüssen an der Grenze der
DDR etwa, „das seien ganz normale Grenzsicherungsmaßnahmen
und im übrigen habe die DDR für ihre Grenzorgane
Dienstanweisungen, die bezüglich des Schusswaffengebrauchs
denen der BRD entsprächen.“ Letzterem kann formal nicht
widersprochen werden. Das Problem bestand nur darin, dass
seitens der DDR das Menschenrecht auf Freizügigkeit eingeschränkt
worden und seine Inanspruchnahme als illegal definiert worden
war. Seitens eines Intellektuellen dieses ignorieren zu müssen
– und es auch zu tun – ist die große Tragik.
[xxiii]
Wagner,
Helmut: Die Doppelgesellschaft: Systemwandel in Polen,
Berlin 1981; vgl. auch: Müller,
Maria Elisabeth: Zwischen Ritual und Alltag: der Traum von
einer sozialistischen Persönlichkeit, Frankfurt / N.Y. 1997.
[xxiv]
In öffentlicher
wie wissenschaftlicher Diskussion war es durchaus üblich,
diesen deskriptiven Begriff zu verwenden; so z.B. der Politologe
Kakol im Oktober 1983
in Hannover, kurz nach der Suspendierung des Kriegszustandes.
[xxv]
Die
Formulierung lautete verkürzt: „Bist du für die Reformen des
Generals Jaruzelski?“ Die Kirche hatte K. wieder aufgenommen.
Das bedeutete für ihn aber Buße und Unterordnung. Er musste
viel ‚auf den Knien
rutschen‘. Der Mann ist seitdem gebrochen – man lernt
dabei nicht den ‚aufrechten Gang‘. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin der UAM
in Poznan fragte mich, was die erzwungene Formulierung
inhaltlich bedeute und welche Reformen denn gemeint seien oder
ob das eine der üblichen Phrasen sei. Sie hatte es
unterschrieben, ohne weitere Gedanken auf den Text zu
verschwenden.
[xxvi]
Eine Begegnung
vor dem Fahrstuhl eines Warschauer Hotels im Herbst 1984: Ich
begrüsste eine deutsch sprechende Reisegruppe mit den Worten:
„Es ist ja schön, Landsleute zu treffen“ o.ä.. Sie gingen
einfach weiter; der letzte aus der Gruppe gab die Antwort ohne
weiteren Gruß: „Wir sind aus der DDR!“ Daraufhin sagte mein
polnischer Freund zu mir: „Eigentlich haben wir ja ein
Interesse daran, dass ihr euch nicht mögt, aber im Grunde
solltet ihr euch schämen.“ Ein Beispiel für
fremdzwangdominiertes Verhalten? Ein weiteres Beispiel ist das
Nichterwidern des Grußes bundesdeutscher Marineeinheiten auf
hoher See in der Ostsee, so Pressemitteilungen. Die polnischen
Matrosen haben die Anweisung, nicht zu grüßen, zumeist
ignoriert.
[xxvii]
Der durch die NVA
verkörperte spezifische (nach innen gerichtete) Militarismus
der DDR-Gesellschaft wurde weitgehend ‚unkritisch‘
aufgenommen. Die Herausbildung zur ‚Kritikfähigkeit‘,
zu ‚kritischem
Verhalten‘, ist Ausdruck der emanzipatorischen Ansätze
und Ziele insbesondere von Intellektuellengruppen in westlichen
Zivil-Gesellschaften.
[xxviii]
Zum Vermächtnis von
Norbert Elias gehört übrigens der Hinweis, eben diese informelle
Ebene sozialwissenschaftlich zu erforschen.
[xxix]
Die
Wahrnehmung der erstmalig aus Polen kommenden DDR-Besucher, die
den Krieg aus eigener Erfahrung oder den vielfältigen Bild- und
Tonmaterialien kannten, war geprägt durch die Uniformen wie
auch das Gehabe von ‚Grenzorganen‘,
die allzu sehr an die deutschen Wehrmachtssoldaten in der
Okkupationszeit erinnerten.
[xxx]
Die Bundeswehr
war nur symbolisch (nur äußerlich ?) zivilisiert worden.
Abgeschafft worden waren zwar Stechschritt, das Bajonett und öffentliche
Paraden. Bis in die sechziger Jahre hinein haben bestimmte Bevölkerungsgruppen
von ‚Alten Herren‘
noch das ‚Ostzonen-Fernsehen‘
(wie sie sagten) eingeschaltet, um am 1. Mai einmal ‚richtig marschierende Soldaten‘ zu sehen. „Ihr seid dagegen
doch nur Waschlappen“, sagte einmal 1966 jemand zu mir; ich
war gerade Rekrut beim ‚Bund‘
geworden. Die ‚Innere Führung‘
als Preis zur sozialdemokratischen Zustimmung 1955 zur ‚Wiederbewaffnung‘
Westdeutschlands ist kaum so richtig wahrgenommen und nur in
kleinen Ansätzen (als Alibi-Funktion?) realisiert worden.
Adenauer konnte, wie er sagte, „keine Achtzehnjährigen zu
Generalen machen“.
[xxxi]
In den
(westlichen) Medien wurden Abbildungen veröffentlicht, in denen
die dargestellten Panzer ihre Kanonen aus der DDR und der
Sowjetunion auf Polen gerichtet hatten. Jedem Menschen in Polen
war es dadurch ebenfalls gegenwärtig.
[xxxii]
Zum Vergleich: etwa
drei Prozent der Bevölkerung in Polen spürte direkt den
Verfolgungsdruck während der Okkupation i.S. direkter
Betroffenheit. Als Beispiel kann auch die Verfolgung sowie die Résistance
im besetzten Westeuropa angeführt werden: die allerwenigsten Bürgerinnen
und Bürger waren aktiv in die Gegnerschaft involviert. Die
Kommunisten mussten um des Überlebens Willen kämpfen, weil sie
verfolgt worden sind und sich zwangsläufig in verteidigender
Gegnerschaft befanden; die Juden, weil sie unter Verfolgungs-
und Vernichtungsdruck standen. Die bürgerlichen Eliten der
französischen Gesellschaft, der ‚Grande Nation‘, haben sich
in hohem Maße angepasst. Man denke an die kaum aufgearbeitete
und gar nicht bewältigte Vichy-Vergangenheit. In Teilen der
französischen intellektuellen Eliten gab es nach der Niederlage
Frankreichs 1940 Tendenzen, sich am deutschen
Nationalsozialismus zu orientieren, da das parlamentarische
System, die Republik, zum Niedergang geführt habe – so der
Tenor. Aus diesem Milieu bildet sich vor allem der Front
National. Sie mussten die erlittenen psychischen Deformationen
ertragen und kompensieren, z.T. durch Hinwendung zu
faschistischem Denken. Es gab eine funktionierende Rüstungsindustrie
in den besetzten Ländern; Freiwillige wurden für die SS in
Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Dänemark und Norwegen
rekrutiert. Faschistische Parteien und Gruppierungen entstanden,
vor allem in Flandern, den Niederlanden und Norwegen. Die Rüstungsindustrie
hat z.B. in dem in der Nazi-Sprache genannten ‚Böhmen/Mähren‘
sowie in der katholisch-faschistischen Slowakei hervorragend
funktioniert. Nach der Eroberung, Befreiung und erneuter
Okkupation durch die ›Rote Armee‹ produzierte man in der CSR
deutsche Waffen weiter, die die UdSSR z.B. an Israel lieferte.
Viele weitere Beispiele bieten sich an. Die Gefahr einer
Relativierung ist dabei grundsätzlich zu beachten.
[xxxiii]
Zur
Problematisierung des Krisen-Begriffes vgl.: Nettelmann,
Lothar / Voigt, Gerhard: Reflexionen über den Begriff der
Krise. In: politik unterricht aktuell, 1/2-1996, S. 19 –
38.
[xxxiv]
Sein Vortrag fand übrigens an einem historischen Datum statt,
dem Abend des 9. November 1989. Man distanzierte sich beizeiten.
So war denn auch der Zeitpunkt des Austritts aus der PVAP
wichtig, etwas das durchaus zu Spannungen geführt hat und zur
Waffe in den Umorientierungen und Machtkämpfen der
Nachwendezeit in Polen wurde. Für einige wurde der
Parteiaustritt 1980 als ‚zu früh‘ angesehen, für andere
war es dann 1982 schon ‚zu spät‘.
[xxxv]
Die Genese dieses
Begriffes ›Realsozialismus‹ als Kampfbegriff der DDR
formuliert gegenüber dem neuen Sozialismus-Begriff der (linken)
Sozialdemokraten in der Ära Brandt, ist nicht
außerachtzulassen.
[xxxvi]
Zumindest wurde dieser Eindruck in den westdeutschen
Medien bereits lange vor der Wende vermittelt. In Polen war er
ein Negativstereotyp der oppositionellen Volksbewegung etwa
gegen Ende der der siebziger Jahre.
[xxxvii]
Erich Krenz hat jahrelang in jeder öffentlichen Diskussion,
Talkshows und vor Gerichten seinen Anteil am Nichtschießen in
den letzten Tagen der (relativ) selbstständigen DDR betont,
also am Nichteinsatz eben der physischen Gewaltmittel
sowjetischer Bauart, auf deren Existenz dieser Staat beruhte und
aus denen er letztlich seine primäre Legitimation bezog. In
wieweit spätere Historiker diese entscheidende Phase erforschen
und beurteilen, bleibt abzuwarten.
[xxxviii]
In
der sich anschließenden Diskussion kann der an vielfache
Diskussionen in westlichen Milieus erfahrene Beobachter zwei
charakteristische Beobachtungen machen. Es ist die Neigung von
Intellektuellen der ehemaligen DDR zu erkennen, soziologischen
Fragestellungen auszuweichen, die die eigene Identität bzw. das
eigene Milieu betreffen. Eine beliebte Methode ist es, sich auf
die Ebene von Anekdoten zu begeben. Weiterhin kann eine recht
unkritische – gar affirmative – Haltung von
Wissenschaftler/innen festgestellt werden gegenüber heutigen,
zwar rechtsstaatlich legitimierten, aber dennoch
‚politischen‘ Institutionen, wie z.B. der sog. Gauck-Behörde.
Eine Nichtwahrnehmung von Funktionalisierung ist durchaus
erkennbar. Man befindet sich auf psycho-sozialer Ebene
offenkundig noch recht weit entfernt von ‚Bewältigung‘
oder wirklicher ‚Aufarbeitung‘
der Vergangenheit.
[xxxix]
Fuchs, Jürgen:
Magdalena. MfS. Memfisblues. Stasi. Die Firma. VEB Horch &
Gauck. Ein Roman. Berlin 1998; vgl. auch: Herzinger,
Richard: VEB Horch & Gauck. Die Gauck-Behörde behindert
die Aufdeckung von Stasi-Verbrechen. In: Die Zeit Nr. 13 v.
19.03.1998, S. 45f.
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