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politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1999

Vertane Chancen – Paradigmenwechsel in der Politischen Bildung?


Gerhard Voigt

Interdisziplinarität

Das Politische in der Vielfalt der Fachperspektiven

Anmerkungen

Inhalt

Dokument Information

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Interdisziplinarität ist zu einer Leitforderung für einen anstehenden – oder eher: noch ausstehen­den – Paradigmenwandel in der Schulpolitik und der Schuldidaktik geworden. Gerade auch die Didaktik der Politischen Bildung hat diese Thematik aufgegriffen und als zentrales Postulat in die fachdidaktischen Diskurse eingebracht.

Die lern- und wahrnehmungspsychologischen Grundlegungen für ein Paradigma der Inter­disziplinarität sind ebenso bekannt und einleuchtend wie die eher heuristischen Begründungen, daß Struktur und Inhalt von (schulischen) Lernprozessen sich

  • der wachsenden Komplexität gesellschaftlicher Verflechtungen und Prozesse,

  • der – im Sinne der Zivilisationstheorie – wachsenden Länge der ›Interdependenzketten‹, in die sich der Einzelne hinein gestellt sieht,

  • der unübersehbaren und zunächst schwer strukturierbaren Informationsfülle der ›Infor­ma­ti­ons­ge­sellschaft‹,

  • der Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher Forderungen an den Einzelnen zwischen ›Individualisierungszumutung‹ und sozioökonomischen Globalisierungsprozessen,

  • der ›neuen Unübersichtlichkeit‹ unserer wahrgenommenen Realität

anpassen müssen, indem sie von den traditionellen Wegen der Realitätserschließung durch die herkömmlichen Schulfächer hin zu komplexeren und damit interdisziplinären Vermittlungsformen fortschreiten.

So einsichtig und wohlbegründet diese pauschale Forderung nach Interdisziplinarität auch ist, so wenig läßt sich Interdisziplinarität als Leitprinzip in der Schulpraxis tatsächlich feststellen – von vereinzelten, experimentellen Ansätzen einmal abgesehen. Es muß also ernst zu nehmende und gewichtige Hindernisse geben, die dem Prinzip der Interdisziplinarität entgegenstehen. Um in Kürze die dabei hervortretenden Diskurse zu skizzieren:

  • Das Qualifikationsproblem. Die Lehrkräfte sind in den traditionellen Fächern ausgebildet. Interdisziplinarität spielte an den Hochschulen in der Fachausbildung keine Rolle, wenn man von den sogenannten ›Nebenfächern‹ absieht. Durch Fort- und Weiterbildung sind auch in­haltlich nahe liegende Fächer – für den Politologen z.B. die Betriebswirtschaftslehre, das In­ternationale Recht oder die kulturwissenschaftlich orientierte Semiotik, um nur diese Bei­spiele zu nennen – nur schwer und unzureichend nachzuarbeiten. Ein Blick in die neuere Fachlitera­tur dieser Fächer zeigt dieses sehr deutlich. Wieviel stärker werden die Probleme bei dem Versuch, sich anwendbare Kompetenzen in inhaltlich weiter entfernten Fächern aus anderen Fachbereichen selbst zu erwerben. Hier steht eine generelle Neustrukturierung der fachlichen Wissensvermittlung von der Universität ausgehend zum „lebenslangen Lernen“ aus – eine Forderung, die viele Kolleginnen und Kollegen kräftemäßig und psychisch unter den heutigen Arbeitsbedingungen überfordern dürfte.[1]

  • Das Methodenproblem. Neben Inhalten und Problemstellungen der vielen im Projekt der In­terdisziplinarität möglicherweise heranzuziehenden Fächer in problemorientierten Unter­richts­kontexten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten – für viele Kolleginnen und Kol­legen also erst nach Abschluß ihrer Universitätsausbildung – vor allem die Forschungsme­thoden grundlegend gewandelt und vor allem neue Technologien und die Möglichkeiten der Infor­matik methodisch integriert. Diese neuen methodischen Qualifikationen sind bei einer adäquaten interdisziplinären Aufgabenstellung vorab zu erwerben und in ihren Konsequenzen für die willigen wissenschaftlichen gültigen Aussageformen zu rezipieren. Das dies letztlich Auswirkungen auf das Realitätsverständnis hat und auch in der philosophischen Dimension reflektiert werden muß, zeigen grundlegende wissenschaftstheoretische Werke im Umkreis der ›science wars‹, die in den letzten Jahren vor allem zwischen Kultur- und Naturwissen­schaftlern geführt worden sind.[2]

  • Das ›Bildungsproblem‹: „Bildung“ hat viele Gesichter und ist nicht nur ausgerichtet auf Lernprozesse, die mehr oder weniger „nützlich“ oder mit abschätzbarer Wahrscheinlichkeit verwertbar sind für die bevorstehende berufliche Biographie oder auch zur Bewältigung zu­künftiger Entscheidungssituationen oder gar Lebenskrisen. Bildung ist auch als Teil einer überkommenen Politischen Kultur Bestandteil der alltäglichen symbolischen Interaktion: Sta­tusmerkmal, Machtmittel und Ausfstiegspotential. „Bildung“  strukturiert und selektiert ge­sell­schaftliche Realitätswahrnehmungen und dient auch dazu, individuelle und gesellschaftli­che Sinngebung zur Deckung zu bringen. Dazu dienen – unabhängig von ihrer sonstigen funktio­nalen Eignung – grundlegende Kategorien, die sich in den Diskursen über einen ›verbindlichen Bildungskanon‹ oder über ›Grundbildungskonzepte‹ als Symbolhierarchien offenbaren, zu denen wesentlich auch die Unterscheidung von Haupt- und Nebenfächern, das Prinzip der ›Fachsystematik‹ uder der ›fachlichen Sequenzialität‹ gehören.[3] Bildung ist in diesen Kontexten immer konservativ: gesellschaftliche Realitätsverständnisse konservierend und Bewußtsein prägend (vor allem auch das Bewußtsein der Lehrenden selbst).[4] Interdis­ziplinarität wäre hier ein störendes, duie Symbolwelten destrukturierendes Element und steht daher in einer immanenten Gegnerschaft zu herkömmlichen Bildungsvorstellungen.

Diese grundlegenden Widerstände gegen die Interdisziplinarität liegen nun auf einer grundlegend anderen kategorialen Ebene wie die Gründe, die für einen solchen Paradigmenwechsel sprechen. Es ist daher nicht anzunehmen, daß die rationale didaktische Diskussion des interdisziplinären Unterrichtsmodells oder auch die – verständlicherweise eher zaghaften – Ansätze in Erlassen und Rahmenrichtlinien, interdisziplinäre ›Korridore‹ zu öffnen[5], dem Prinzip der Interdisziplinarität zu einem neuen paradigmatischen Stellenwert in den Schulen verhelfen könnte. Im Gegenteil ist zu erwarten, daß im Rahmen der allgemeinen Verunsicherung der politische und innerschulische Wi­derstand wachsen wird.[6]

Wie gehen nun Reformdidaktiker mit dieser Problematik um? Unbestritten ist, daß dem Pa­radigmenwandel[7] grundlegende gesellschaftliche Diskurse vorangehen müssen, die die Stellung von Schule und Bildung in der Gesellschaft betreffen.

Dabei wird dieser Diskurs von drei Kontroversbereichen angestoßen und vielleicht in Rich­tung auf die Einsicht, daß neue Realitätsperspektiven in Zukunft unabdingbar werden, vorange­trie­ben:

  • Das sind einmal die Konflikte um die – unumkehrbaren – Individualisierungsprozesse in den Industriegesellschaften und ihre politischen und legitimatorischen Auswirkungen;

  • zum Anderen ist es die Anforderung an die Gesellschaft, mit neuartigen, konfliktträchtigen und in den Konsequenzen noch kaum überschaubaren Veränderungen der Arbeitswelt und der darauf fußenden individuell-biographischen Perspektiven umgehen zu müssen;

  • und da sind zudem die die eigenen ›kulturellen Selbstverständlichkeiten‹ sprengenden neuen Dependenzen, die sich aus den Universalisierungs- und Globalisierungs-Prozessen ergeben und die den Einzelnen am Arbeitsplatz, in seinen politischen Partizipationschancen und durch die Konfrontation mit den Problemen und Auswirkungen der internationalen Migration unmittelbar berühren, und die die Gesellschaftt als Ganzes teure und ungeliebte internationale Verantwortlichkeiten aufbürdet.[8]

Es ist zu erwarten, daß – vielleicht in der Öffentlichkeit kurzfristig kaum bemerkt oder sogar ver­drängt – eine neue ›Kulturrevolution‹ – ähnlich wie der fundamentale Umbruch in der Politischen Kultur und den ›gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten‹ Anfang der siebziger Jahre[9] – statt­finden wird, die auch zu einem grundlegenden Neuverständnis von Schule und Bildung führen müßte.[10]

Diese ›Kulturrevolution‹ muß nun von den Lehrenden der Politischen Bildung praezipert werden, um ihr auch individuell und in der eigenen pädagogischen Praxis gerecht werden zu kön­nen. Folgende – für sich genommen sicher noch unzureichende und oft an die Grenzen der schuli­schen Realisierbarkeit stoßenden pädagogischen und fachdidaktischen Handlungsperspekti­ven er­öffnen sich heute schon  für die Praxis:

  • Der schulorganisatorische Ansatz: In den Schulen können konkrete interdisziplinäre Projek­te und Unterrichtsangebote organisiert und durch Gewohnheit institutionalisiert werden, wenn darüber ein Konsens unter den Kolleginnen und Kollegen erzielt werden kann und wenn sich genügend Lehrerinnen und Lehrer für die praktische Konzeptuierung und Durch­führung fin­den, wobei die Interdisziplinarität durch das Einbringen der differenten Fachkom­petenzen der Kolleginnen und Kollegen in diese Unterrichtsvorhaben gesichert werden. Bei­spiele sind wohlerprobt und teilweise auch publiziert[11], z.B. Unterricht zu ökologischen Problemen mit Beteiligung der Fächer Biologie und Erdkunde, Probleme der Gentechnik als mehrere Fach­bereich überspannene Projekte, ebenso Fragen des Klimas und der Energienut­zung, zu de­nen von nahezu allen Fächern beigetragen werden kann[12], Urbanistik und städti­sche Lebens­räume, Lebensentwürfe in der städtischen Umwelt in Koorperation der Fächer Kunst, Geo­graphie, Geschichte, Politik, Werte und Normen bzw. Religion etc. – Man sieht: der pädago­gischen Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Das Konzept der Schlüsselpro­bleme in den Rahmenrichtlinien öffnet hier auch administrativ viele Möglichkeiten.

  • Der fachdidaktische Ansatz: Eigene Kompetenzbemöhungen vorausgesetzt – dadurch daß deutsche Lehrkräfte grundsätzlich in mindestens zwei verschiedenen Fächern ausgebildet sind, ergeben sich schon einige fruchtbare Ansätze –, bemüht sich der (Politik-)Unterricht in­nerhalb der traditionellen Fächerstruktur ganz bewußt durch die geeignete Auswahl schlüs­sel­problemorientierte Unterrichtsvorhaben mit entsprechenden Fragestellungen, Materialien und methodischen Vorgaben (projektorientierter Unterricht) ›fachinterne Interdisziplinari­tät‹ zu entwickeln und gegebenenfalls „Fragen an die anderen Fächer“ zu formulieren. Hier geht es vor allem darum, bei den Schülerinnen und Schüler selbst ein neues Bewußtsein des inneren Zusammenhangs der unterschiedlichen Fachansätze zu entwickeln und die Fähigkeit zu er­zielen, Fachergebnisse in anderen Fächer präsent zu haben und sinnvoll einbringen zu kön­nen.

  • Der handlungsorientierte Ansatz: Intensiv diskutiert wird in der pädagogischen Literatur derzeit das Konzept der Handlungsorientierung. Hier tritt zunächst der Gedanke der inhalt­li­chen Vermittlung in den Hintergrund gegenüber dem Ziel, mitbestimmte, mitgestaltete kon­krete Lernsituationen zu strukturieren und Arbeitsziele so zu formulieren, daß gemeinsame – meist gesellschaftlich vermittelte – Sinnverständnisse die weitere Arbeit bestimmen und legi­timieren. Wiederum stellt sich aber dann das Kompetenzproblem, wenn die Ebene der bana­len Methodik verlassen wird und sich die gewählten Arbeitsziele an den leitenden Schlüssel­problemen messen lassen müssen. Somit kann der handlungsorientierte Ansatz nur dann fruchtbar umgesetzt werden, wenn er gleichermaßen eingebunden bleibt in die gesellschaftli­chen Relevanzdiskurse, die sich u.a. im Konzept der Schlüsselprobleme realisieren. Damit steht die Durchsetzung handlungsorientierte Unterrichtsformen im engen Kontext mit den Überlegungen einer Veränderten Lehrer-Ausbildung, -Weiterbildung und -Fortbildung, die damit zum Angelpunkt des erwarteten Paradigmenwandels wird.

Das Résumé unserer exkursorischen Überlegungen zum Problem der Interdisziplinarität läßt sich in der Einsicht ziehen, daß interdisziplinäre Praxis sich nicht von alleine erschließt und auch durch die Öff­nung administrativer Möglichkeiten nicht ohne Weiteres in der Schulpraxis etabliert wer­den kann. Wenn nicht resignativ auf kommende Generationen von Lehrerinnen und Lehrern ge­wartet wer­den soll, die einen bis dann – vielleicht – vollzogenen gesellschaftlichen Paradigmen­wechsel in einem didaktischen Paradigmenwandel nachvollziehen, verlangt die Orientierung an inte­rdis­zi­pli­nä­ren Unterrichtsmodellen ein ganz bewußtes persönliches Engagement und die Neu­gier, über die eige­nen Fachgrenzen hinauszusehen. Für uns Lehrerinnen und Lehrer ist dies si­cherlich zunächst ein­mal die Konfrontation mit der neueren Fachliteratur in einem ganz weiten Sinne.

Die folgenden Rezensionsseiten sollen dazu Anregungen geben und unter diesem Aspekt ge­rade einmal fachliche Fokussierungen außer Acht lassen – wenn auch eine Beschränkung auf Werke im weiteren Sinne aus dem gesellschaftswissenschaftlichen und humanwissenschaftlichen Bereich bestehen bleibt. Bei einigen der vorgestellten und in unterschiedlichen Kontexten zur Lektüre empfohlenen Werken ist sicherlich eine unmittelbare Umsetzung in Unterrichtszusam­menhänge im Fach Politik nicht so ohne Weiteres denkbar. Als Erweiterung eigener Qualifikation aber führt der Blick aus der fremden Perspektive zu Fragestellungen, die beim Zugang zu den ge­sellschaftlichen Schlüsselproblemen äußerst hilfreich sein können.

Was bedeutet „Wertorientierung“?

Beginnen wir unseren „interdisziplinären Streifzug“ mit einem für Politologen eher ›sperrigen‹, wenn nicht befremdlichen fachlichen Beitrag aus dem Bereich der Betriebswirtschaftslehre. Zwi­schen den Wirtschaftswissenschaften und der Politikwissenschaft besteht seit je her ›fachliches Schweigen‹, da Forschungsmotivation, Realitätsperspektiven und auch gesellschaftliche Sinnge­bungen teilweise kontrovers voneinander verstanden und wahrgenommen werden.

Dabei hat es die Betriebswirtschaftslehre als praxis- und umsetzungsorientierte Wissenschaft noch schwerer, das Gehör von Politologen zu finden, als die Volkswirtschaftslehre, die über die Wirt­schaftspolitik und ihre Schulen noch unmittelbare Berührungspunkte zur Politikwissenschaft auf­weist. Daß daneben die der Politikwissenschaft immanente kritische – und das heißt in unserer Ge­sellschaft vor allem auch: kapitalismuskritische – Perspektive gegenüber der Betriebs­wirt­schafts­lehre als Element der Optimierung kapitalistischen Wirtschaftens zu distanziert-kritischen Haltungen gegenüber betriebswirtschaftlichen Überlegungen bei Politiklehrkräften führt, dürfte nur zu verständlich sein. Nicht legitimierbar ist aber das oft daraus folgende Negieren betriebs­wirt­schaftlicher Konzepte und Theoreme, da diese in unserer eigenen Lebenswelt und zunehmend auch als Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheidungen eine wachsende Bedeutung erlangt haben.

Die Verständnisproblematik wird schon deutlich, wenn man als Politiklehrer das – wie sich zeigen wird äußerst faszinierende und wichtige – Werk von

Knorren, Norbert, 1998: Wertorientierte Gestaltung der Unternehmensführung. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Jürgen Weber. Gabler Edition Wissenschaft: Unternehmensführung & Controlling. Wiesbaden [DUV – Deutscher Universitäts Verlag / Gabler. ISBN 3-8244-6863-8].

in die Hand nimmt und auf den Terminus »Wertorientierung« stößt. Der Rezensent hat gerade mehrere Seminare für die Weiterbildung im Fach ›Werte und Normen‹ geleitet und dabei Wertori­entierung als Unterrichtsprinzip in philosophischer und gesellschaftlich-politischer Hinsicht kon­trovers diskutiert. Nun bedeutet hier bei Knorren Wertorientierung eine Unternehmensstrategie, die den ›Wert‹ des Unternehmens (›shareholder value‹) sichert und steigert. So fragt sich der So­zialwissenschaftler zunächst: Was interessiert mich das?[13]

Es könnte tatsächlich uninteressant sein, wenn es sich bei dem Buch tatsächlich nur um eine Prtaxisanleitung handeln würde. Es ist aber wesentlich mehr. Bedenkenswert ist es auch für den Nicht-Betriebswirt, wenn Knorren mit wohlfundierten Begründungen kurzfristig-spekulative Konzepte der Realisierung des shareholder values zurückweist und auf die Notwendigkeit einer das Gesamtunternehmen zielenden integrativen Sichtweise (vgl. S. 2) und Unternehmensstrategie hinweist.

Knorren erarbeitet systematisch einen großen Bereich von Faktoren und Variablen, die in ein integratives Wertkonzept eingehen müssen, und zeigt dabei, daß diese kritische betriebswirt­schaftliche Perspektive in Deutschland noch viel zu wenig implementiert ist. Sehr deutlich wird dem Leser die Komplexität von Entscheidungsabläufen und ökonomischen Entwicklungen inner­halb der Betriebe gemacht, was einige naive Vorstellungen von der Planbarkeit des wirtschaftli­chen Erfolges zurechtrücken kann. Eine über das Unternehmen hinausweisende Perspektive eröff­net sich, wenn der Verfasser abschließen als wichtige Einflußgröße die ›stakeholder‹, das heißt verkürzt auch ›Interessengruppen‹[14], ausmacht, die direkten Einfluß auf Unternehmensentschei­dungen nehmen und damit betriebs- und volkswirtschaftliche Sphären verklammern. Interessant ist auch, wenn der Verfasser die veränderten Besitz- und Einflußstrukturen diskutiert und darauf hin­weist, daß heute in wachsendem Maße Vermögen von institutionellen Anlegern verwaltet wer­den (z.B. Anlagefonds etc.). Das hat nun wieder gravierende politische Auswirkungen, da damit das traditionelle Unternehmerbild und das Postulat der persönlichen Unternehmerverantwortung weiter zu Gunsten von funktionalen Managementperspektiven zurück gedrängt wird und damit die traditionelle Wirtschafts- und Kapitalismuskritik zunehmend ›in’s Leere läuft‹. Gerade hier ist ein rationales, nicht kurzfristig-spekulatives Wertkonzept für die Unternehmensführung ebenso wich­tig wie für die politische und sozialwissenschaftliche Begleitung dieser grundlegenden Verän­derun­gen in der Wirtschaftsgesellschaft. Unter diesem Aspekt soll das Buch ausdrücklich auch zur Lek­türe durch Politik-Lehrerinnen und Lehrer empfohlen werden.

Die Anwendung des Systembegriffs durch die Politologie

Wer durch die vielbelästerte Dissertation von Helmut Kohl über die Entstehung der CDU in Rheinland-Pfalz sensibilisiert wurde für die Entwicklung der Parteien in den Bundesländern und ihre Bedeutung für die Fortentwicklung des föderalen Prinzips in der Bundesrepublik Deutsch­land, sollte an dem Werk von

Galonska, Andreas, 1999: Landesparteiensysteme im Föderalismus. Rheinland-Pfalz und Hessen 1945-1996. DUV Sozialwissenschaft. Wiesbaden [DUV – Deutscher Universitäts Verlag / Gabler-Vieweg-Westdeutscher Verlag. ISBN 3-8244-4329-5].

nicht vorbeigehend. Material- und detailreich wird die Entwicklung der ›Parteienlandschaft‹ in Rheinland-Pfalz und Hessen bis 1996 ausgebreitet und erörtert und durch Tabellen mit den Er­gebnissen der Landtagswahlen ergänzt.

Galonska stellt seinen Untersuchungen einige kategoriale vergleichende Ausführungen voran, bei denen er die parlamentarischen (Parteien-) Systeme mehrer europäischer bzw. in der europäischen Tradition stehender (Kanada, Australien) Staaten kategorisiert und charakterisiert. Für einen ersten Überblick ist dieser Zugriff hilfreich und auch im Sinne einer traditionellen struk­turellen und institutionenkundlichen Politologie als Aspekt des Politikunterrichts anwendbar und fruchtbar. Für eine vertiefte Beschäftigung mit den Hintergründen dieser unterschiedlichen Phä­nomene fehlt dem Verfasser jedoch die historisch-gesellschaftswissenschaftliche Perspektive. So­gar noch, trotz des expliziten Verweises des Verfassers auf entsprechende ›Traditionen‹, in der Untersuchung der beiden thematisierten Bundesländer könnten regionale Unterschiede verstärkt in historisch-soziologisch deutbaren Verstaatlichungs- und Habitusdisparitäten gefunden werden.

Interessant und anregend ist der Versuch, die Entwicklung des Parteiensystems der beiden Länder in griffig etikettierte Phasen einzuteilen: Gründungsphase (1945-1951), Die Phase der Hegemonie (1951-1969), Polarisierunsphase (1969-1982/8), Öffnungsphase (seit 1982/83). Für die kritische Lektüre ist diese Anregung jedoch noch keine abschließende Beurteilung, sondern zeigt gewisse Züge kategorialer Willkürlichkeit, die sich zu sehr an den äußeren Symptomen der Wahlergebnisse und Regierungsbildungen orientiert.

Enttäuscht wird die Erwartung, wenn die Verwendung des Systembegriffes im Buchtitel auf eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Gegebenheiten der Landespolitik unter Einbezie­hung der Ansätze z.B. der Systemtheorie hoffen ließ. Gerade das wäre nun ein für die Politikwis­sen­schaft innovativer Ansatz. Hier wird der Systembegriff umgangssprachlich, bestenfalls als Grund­lage einer eigenen inhaltlichen Kategorisierung gebraucht. So ist im Sinne der theoretischen und histzorischen Sozialwissenschaften das Buch von Galonska wenig innovativ und anregend, als systematisch und begrifflich saubere Einführung in die Sachverhalte ebenso wie als Anstoß, über typisierende Kategorisierungen parlamentarischer Systeme und auch zeitgeschichtlicher Pha­sen der parlamentarischen Entwicklung ist das Buch interessant und gerade wegen seiner Praxis­nähe für Politik-Lehrerinnen und Lehrer durchaus empfehlenswert.

Façetten der Politikwissenschaft

Als Sozialwissenschaftler und Geograph, der mehrfach den Nahen Osten und die nordafrikani­schen Länder aus der Perspektive beider Fachbereiche heraus bereist hat – den Maghreb auch im Rahmen einer Studienveranstaltung mit Schülerinnen und Schülern der gymnasialen Oberstufe – und auch unter dem Aspekt der Auffassung, daß dieser Raum kompetenter und differenzierter im Unterricht der Politischen Bildung aufbereitet werden sollte, als es die üblichen Unterrichtsmate­rialien vorgeben, hat der Rezensent mit großem Interesse zu der Studie von Tobias Schumacher über die Maghreb-Politik der EU gegriffen:

Schumacher, Tobias, 1998: Die Maghreb-Politik der Europäischen Union. Gemeinschaftliche Assozi­ierungspraxis gegenüber Algerien, Marokko und Tunesien. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Eberhard Sandschneider. Studien zur Internationalen Politik. DUV Sozialwissenschaft. Wiesba­den [DUV – Deutscher Universitäts Verlag / Gabler-Vieweg-Westdeutscher Verlag. ISBN 3-8244-4320-1].

Daß eine Besprechung nun hier im Rahmen einer Sammelrezension zum Thema ‚Interdisziplinari­tät‘ erfolgt, ist damit zu begründen, daß neben den lesenswerten Ergebnissen der Untersuchung des Autors in Faktur und Problemstellung grundsätzliche Aspekte des Selbstverständnisses der Politikwissenschaften als Bezugswissenschaft der Politischen Bildung zu erörtern sind.

Schumacher leitet seine Untersuchungen ausdrücklich als ‚politikwissenschaftlich‘ be­stimmt ein (S. 9). Die herangezogene, umfangreiche Literatur wie auch sein eigener methodischer Ansatz zeigen im Rahmen der „Studien zur Internationalen Politik“ vor allem – verkürzt formu­liert – ‚ver­wal­tungs­wis­senschaftliche‘ oder auch beschreibend-entscheidungszentrierten Charakter im Sinne der angelsächsischen ‚area studies‘, was die Qualität und Anwendbarkeit der Studie je­doch kei­neswegs mindert, aber weitergehende, vor allem sozialwissenschaftliche Fragestellungen, die für den Politik-Unterricht bedeutsam sind, offen läßt.

Zu Recht moniert der Autor, daß die europäische Mittelmeerpolitik und insbesondere auch dem Maghreb zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Sein Beitrag konzentriert sich dabei auf die systematische und chronologische Aufarbeitung umfangreicher politischer, rechtlicher, diplo­matischer und ökonomischer Quellen, bei denen die Handelsverträge und die Bestimmung der je­weiligen Zollpräferenzen eine besondere und sicherlich aufschlußreiche Rolle spielen. So wird die Politik der Europäischen Union in Hinblick auf die sich wandelnden Beziehungen zu den Ma­ghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien detaillreich dargestellt, wobei die politischen Konflikte und Motive eher exkursorisch und wenig tiefgreifend erschlossen werden. Deutlich wer­den auch die unterschiedlichen Gewichtungen, die der Magreb-Politik in Frankreich als ehemaliger Kolonialmacht und den übrigen EU-Staaten eingeräumt wird.

Schumacher gliedert die gemeinsame europäische Politik gegenüber dem Maghreb in drei aufeinander folgende Phasen: (1.) 1958-1989, in der die Handelskooperation der EWG und die technische Zusammenarbeit aufgebaut wird, wobei verständlicherweise Algerien, das erst mit dem Vertrag von Evian 1963 seine staatliche Unabhängigkeit erhält, eine Sonderrolle einnimmt; (2.) die Maghreb-Politik am Ende der 80-er Jahre, die vor allem von den tiefgreifenden Strukturkrisen und sozioökonomischen und politischen Umbrichen in der Arabischen Welt gekennzeichnet wird, wo­bei der Leser eine stärkere kontextuelle Einbindung in die Krise des Mittelmeergebietes parallel zum Ende des West-Ost-Konfliktes gewünscht hätte, als sich die weltpolitischen Gewichte Euro­pas wie der arabischen Welt grundlegend neu definieren mußten; (3.) 1990-1996, als es in der Konse­quenz der genannten Umbrüche zu einer vorsichtigen Neuorientierung Europas gegenüber den Maghreb-Staaten kam, die verstärkt auch politische Dimensionen einbezog und in der die Ausein­andersetzung mit dem Bürgerkrieg in Algerien eine zunehmend wichtigere Rolle spielt. Dennoch zeigt sich auch in diesem Dezennium immer wieder Orientierungs- und Konzeptlosigkeit seitens der europäischen Politik, die sich im traditionellen diplomatischen und ökonomischen Rahmen, den das Buch vor allem thematisiert, kaum überwinden läßt.

Mit umfangreichen Literaturverweisen und Zolltarifstabellen Schumacher seine Ausführun­gen, die damit ein sinnvolles und detailliertes Informationsangebot sowohl für die Wissenschaft wie die Unterrichtspropädeutik ausbreiten. Der sozialwissenschaftlich orientierte Politologe wird jedoch weiter fragen nach den sozialen und zeitgeschichtlichen Hintergründen und Prozessen, die die Maghreb-Politik der EU sowohl von Seiten Europas wie von Seiten ihrer nordafrikanischen Partner bestimmen. Viel stärker noch werden daher Fragen nach den sich verändernden Machtba­lancen und den Einflüssen heutiger Globalisierungsprozesse in den Vordergrund treten, die Erklä­rungsmuster aus den Disparitäten der Prozesse des ‚nation building‘ und der damit verbundenen habituellen Politiktraditionen abzuleiten versuchen. Einen Einstieg in solche Fragestellungen bietet z.B. der knappe, aber aufschlußreiche Aufsatz von Dietrich Haensch (1999) zur Mittelmeerpoli­tik der EU[15], in der eine weitere und analytisch-erklärendere Dimension des »Politische« angeris­sen wird, als sie Schumacher intendiert und zu Grunde legt. So kommen wir zu dem Schluß, daß auch »innerhalb« der Politikwissenschaft selbst »in­ter­dis­zi­pli­nä­re« Perspektivwechsel not­wendig und sinnvoll sind, um Politik-Unterricht umfassender der Politischen Bildung zuordnen zu können.

Wo steht heute die Länderkunde

Länderkundliches Arbeiten, lange Zeit zentraler Gegenstand des Erdkunde-Unterrichtes, war und ist – betrachtet man die Fachdidaktik – für den Politik-Unterricht tabu. Dabei hat auch die geogra­phische Fachwissenschaft seit den 20-er Jahren in der kritischen Auseinandersetzung z.B. mit dem ›Hettner-Schema‹, das allein noch in gewissen Fällen für die Lexikographie anwendbar ist, oder der ›Dynamischen Länderkunde‹ von Spethmann Länderkunde im klassisch-systematischen Kontext für Wissenschaft und Unterricht längst ad acta gelegt. Heutige reflektierende Fachdidak­ti­ker – die in der Schulgeographie leider bis heute noch die Ausnahme darstellen[16] – wie Schmidt-Wulffen oder Schramke haben zu den Banalitäten, Staatsdidaktiken und ideologi­schen Irrwegen der Schulgeographie (die sich z.B. hinter offenen bzw. leeren Kategorien wie »Raum«, »Landschaft« oder »Natur« eher verstecken als unmittelbare Evidenz bezeugen) das Nötige ge­sagt.[17]

Auf der anderen Seite: Kenntnisse über die Realität werden nicht durch Theorie-Rezeption oder durch ›philosophische Kosmogonien‹ (im Sinne einer ›neuen Sophistik‹ des Strukturalismus und Funktionalismus) erworben, sondern konkret, hier und heute. ›Arbeiten vor Ort‹ (um noch ein­mal diese überstrapazierte bergbauliche Metapher zu gebrauchen) ist die Grundlage, ver­all­ge­mei­nerungsfähige Perspektiven entwickeln zu können; die Ergebnisse dieser konkreten Er­fah­rungs­arbeit – die niemals unreflektiert, theorielos sein kann – müssen verarbeitet, reflektiert und, um sie in die allgemeinen gesellschaftlichen Diskurse einzubeziehen, publiziert werden. Nur dann kön­nen sie vom Erdkunde-Unterricht kritisch rezipiert und für Lernprozesse in Wert gesetzt wer­den.

Wie nun muß – als Ergebnis konkreten Arbeitens, Forschens und Auswertens in einem be­stimmten Land, an einem bestimmten Ort, – eine »Länderkunde« nach dem »Ende der Länder­kunde« Aussehen? Informationsbedarf, Rezeptionsanforderungen gibt es genug und oft wünscht man sich im Blick auf die weltweiten brisanten Aktualitäten in den Massenmedien nicht nur für sich selbst bessere, aktuellere und den Problemen adäquate Informationen sondern den Mitrezi­pienten dieser Aktualtäten gesteigertes Bewußtsein, wie dringlich solche eigenen Zugänge zur Sachinformation wie zu Beurteilungsmöglichkeiten sind und angesichts globaler Vernetzungen zu­nehmend dringlicher werden. Um es ganz deutlich zu sagen: der unredigierte, unstrukturierte, un­geprüfte und unrezensierte Informationswust, wenn nicht »Infotainementmüll« des Internet ist hier kein ernst zu nehmendes Angebot, es sei denn, für den schon sachkundigen Wissenschaftler. Der Griff zum qualitätsvollen Sach- und Fachbuch ist hier neben der Lektüre der aktuellen »Printmedien« unerläßlich: und so sind wir wieder bei der »Länderkunde«!

Zunächst einmal ist es wichtig, als Zielgruppe umfangreicherer länderbezogener Informati­ons­werke in Niveau und wissenschaftlichem Anspruch nicht die Schülerinnen und Schüler des Erdkunde-Unterrichts selbst und allein anzusprechen, genauso wenig wie die Textgestalt allein an den Interessen der Fach-Kolleginnen und -Kollegen auszurichten: doch lesbar und interessant sollten die Bücher gegebenenfalls für beide sein – ein schwieriger Spagat, der schriftstellerische Fähigkeiten und fachliche Kompetenz gleichermaßen erfordert.

Auf einige nach Auffassung des Rezensenten gelungene Werke in der länderkundlichen Reihe des Klett-Perthes-Verlages soll hier hingewiesen werden, denen die Gratwanderung zwischen problemorientierter Aufbereitung und Fokussierung einerseits und systematischer, dem schnellen Zugriff gerechter Ausbreitung von länderkundlichem Fachwissen andererseits erstaunlich gut ge­lingt. Für Lehrerinnen und Lehrer nicht nur des Faches Geographie sind die hier vorgestellten Bände für die eigene Information und Weiterbildung, für die konkrete Fundierung des Unterrichts und auch als Empfehlung für die Arbeit von Schülerinnen und Schülern bei Referaten oder in einer Kurshandbibliothek in der Sekundarstufe II sehr zu empfehlen:

Barth, Hans Karl / Schliephake, Konrad, 1998: Saudi Arabien. Perthes Länderprofile. Geographische Strukturen, Entwicklungen, Probleme. Gotha/ Stutt­gart [Klett-Perthes. ISBN 3-623-00687-4].

Lamping, Heinrich, 1999: Australien. Perthes Länderprofile. Geographische Strukturen, Entwicklungen, Probleme. Gotha/ Stutt­gart [Klett-Perthes. ISBN 3-623-00687-4].

Wein, Norbert, 1999: Sibirien. Perthes Regionalprofile. Geographische Strukturen, Entwicklungen, Pro­bleme. Gotha/ Stutt­gart [Klett-Perthes. ISBN 3-623-00693-9].

Über Saudi Arabien ist hierzulande wenig und zumeist eher stereotypes bekann, was der politi­schen und ökonomischen Bedeutung des Landes keineswegs gerecht wird. Umso erfreulicher ist es, daß zwei ausgewiesene Kenner dieser Region, Barth und Schliephake, hier eine Studie vorlegen, die dem Reihentitel Länderprofile im Gegensatz zur herkömmlichen Länderkunde ge­recht wird. Die Gliederung ist zunächst systematisch, beginnt aber schon mit einer aufschlußrei­chen Einführung, die die regionaltypischen Problemlagen gewichtet und einen typische »sau­di­schen Entwicklungsweg« vorstellt, der im Folgekapitel über die geschichtliche Entwicklung Ara­biens  und die Staatswerdung sinnvoll aufgefächert und begründet wird.

An dieser Stelle hätte sich der Rezensent als Politik- und Gesellschaftswissenschaftler – ohne daß damit eine konkrete Kritik am Konzept der Verfasser verbunden werden soll – noch differen­ziertere Überlegungen und Reflexionen aus dem Bereich der historischen Soziologie zur Zivilisati­ons- und Gesellschaftsentwicklung und ihrer Interdependenz zu den Prozessen des nation buil­ding gewünscht, durchaus in der Kenntnis der konkreten Schwierigkeiten, diese Prozesse in den Län­dern der Arabischen Welt hinreichend sicher empirisch untermauern zu können. Hier muß wohl ergänzend auf das arabistische Schrifttum zurückgegriffen werden, daß aber bekannter­maßen durchaus noch Interpretations- und Informationsprobleme sichtbar werden läßt.

Im Sinne eines modernen Geographieverständnisses werden bei Barth und Schliephake die einzelnen systematischen Kapitel – Naturraum, Wasser, Landwirtschaft, Industrialisierung, Ver­kehr, städtische Traditionen – immer wieder argumentativ verzahnt und aufeinander bezogen, so daß an keiner Stelle die Belanglosigkeit einer summativen Faktenvermittlung – einer Gefahr län­derkundlicher Darstellungen gerade wenn sie die Informationsdichte des vorliegenden Bandes aufweisen – entsteht. So ist den Autoren anschaulich gelungen, nicht nur eine geographische Mo­mentaufnahme Saudi Arabiens zu liefern, sondern Entwicklungen und Perspektiven prozessual herauszuarbeiten und in ihren Bedingtheiten kenntlich zu machen.

Das Buch ist mit Skizzen, Karten und Tabellen sowie mit weiterführenden Literaturverwei­sen gut ausgestattet und kann so auch als Nachschlagwerk dienen.

Dem Band sind viele aufmerksame Leserinnen und Leser zu wünschen, deren Interesse an Arabien als einer auch zukünftig für den Nahen Osten wie für das ganze Europa im Süden ab­schließende Mittelmeergebiet bedeutenden politisch-ökonomischen Macht wie eines beachtens­wer­ten kulturellen Faktors in den Umgestaltungsprozessen der Semiperipherien damit geweckt werden sollte.

Australien ist »in«, wenn man den Äußerungen und Themenwünschen unserer Schülerinnen und Schüler glauben darf. Kenntnisse und konkrete Vorstellungen bleiben dagegen oft rudimentär und oberfächlich. Daher ist es verdienstvoll, wenn Heinrich Lamping seinen Band »Australien« in der Reihe der Länderprofile vorlegt. Die für diese Reihe typischen positiven Merkmale, die wir schon beim Band »Saudi Arabien« gewürdigt haben, treffen auch auf dieses Buch zu.

Überzeugend ist es, wenn Lamping in einem Einführungskapitel zunächst fünf zentrale Cha­rakteristiken dieses Kontinents aufführt, die in den Folgekapiteln integrativ aufgearbeitet und be­legt werden. Dabei werden einerseits die extreme landwirtschaftliche Limitation und ihren histo­risch-ökonomischen und siedlungsgeschichtlichen Folgen den aus einer konkreten Erschließungs- und Kolonialsituation heraus entstandenen städtischen Traditionen andererseits, mit denen sich dann auch die Phase der Industrialisierung wie des austalischen »nation building« verbindet, ge­genübergestellt und als zwei Seiten der Entwicklung Australiens in die Gegenwart beschrieben.

Innzwei umfangreichen integrativen Darstellungen wird die Landesentwicklung einmal als In-Wert-Setzung des Raumes und die damit verbundenen Erschließungsprobleme parallel zur Ent­wicklung der australischen Wirtschaft bis hin zur Weltmarktintegration untersucht, dann noch ein­mal, ausgehend von der Entwicklung der städtischen Zentren, ein gesellschaftlicher Wandel und der politische Staatenbildungsprozeß über mehrere Etappen verfolgt. Die Perspektiven verbinden sich in der Phase der Industrialisierung und unter dem Aspekt der Einbindung Australiens in die Globalisierungsprozesse und zunehmend auch in die Konfliktlagen der ost- und südostasiatischen Nachbarregion, die dem australischen Selbstverständnis als Glied der angelsächsischen Welt lange sehr fremd geblieben ist.

Über das beeindruckende Informationsangebot hinaus gibt Lamping damit gerade für Lehre­rinnen und Lehrer in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, zu denen auch die Geographie gehört, wesentliche Anregungen und Fundierungen, Unterricht zum Themenbeispiel Australien problemorientiert didaktisch zu strukturieren, um damit eine sinnvolle fachliche Antwort auf die diffuse Affinität zum Thema in der Schülerschaft geben zu können. Für die Ausarbeitung von Re­feraten ist auch dieser Band wie alle Bände der Reihe der Länderprofile gut geeignet und sollte als Basismaterial verpflichtend gemacht werden, um der leider um sich greifenden Verwendung unseriöser Informationsmedien als Referatressourcen gegenzusteuern.

Der dritte hier vorzustellende Band, Sibirien von  Norbert Wein, eröffnet eine neue Reihe von »Regionalprofilen«, die die bisherige strikte Ausrichtung auf Staaten in ihren derzeit gültigen politischen Grenzen aufgibt zu Gunsten eines geographischen Abgrenzungsprinzipes von Regio­nen. Dies erscheint sinnvoll, da geographische Räume, wenn sie gesellschaftlich-ökonomisch oder als kulturell-politisch geprägte Lebensräume definiert werden, selten mit den tatsächlichen Staats­grenzen korrespondieren. Andererseits sind Staatsgrenzen selbst sehr wichtige geographisch-ge­sell­schaftliche Wirkungs- und Bestimmungsgrößen, wie sich schon allein in der strukturierenden Wir­kungsmacht von Verwaltungshierarchien und ihren Begrenzungen, aber auch an der Tatsache, daß die meisten legalen und machtpolitischen Einflußgrößen auf das Alltagsleben in politischen Gren­zen definiert ist, erkennen läßt. Für den geographischen Überblick sind politische und Ver­wal­tungsgrenzen genauso Grenzen der Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit von statistischen Da­ten. Wie wesentlich Grenzen (Problem-) Bewußtsein prägt, zeigt die Untersuchung von Migratio­nen: erst beim Überschreiten definierter Grenzen wird aus eher zufälliger Binnenwanderung Mi­gration mit all ihren Rechtsfolgen und Konfliktpotentialen. So erklärt sich das Phänomen fast geometrisch, daß der Anteil der Migranten in einer Staatsbevölkerung in  der Regel umgekehrt proportional zur Flächengröße eines Landes ist.

Gerade der Großraum Sibirien rechtfertigt einen Zugriff über einen geographischen Begriff der Region. Einerseits im Staat Rußland eingebunden in eine vor allem nach Westen hin größere staatlich-politische Einheit, zu derem Westteil gravierende strukturelle und machtpolitische Dispari­täten bestehen, andererseits nach dem Zerfall der Sowjetunion vor allem im Süden durch neue staatliche Grenzen zerschnitten, die auch durch die Gründung der »GUS« nicht abgemildert wer­den, lassen sich die Entwicklungen und Perspektiven Sibiriens, Nordasiens, nicht im her­kömmli­chen Sinne von Staatsgrenzen ausgehend hinreichend interpretieren, ohne daß gerade diese poli­tisch-administrative Dimension vernachlässigt werden dürfte. Daraus entstehen Problemsich­ten und Erörterungsmöglichkeiten, die gerade in der didaktischen Umsetzung nicht vernachlässigt werden dürfen, aber einer kompetenten und inhaltlich differenzierten Einführung für die Lehrerin­nen und Lehrer bedürfen, wie sie Wein bietet.

Sibirien ist keineswegs der einheitliche, undifferenzierte »leere Naturraum«, als den unser geographisches Bild ihn erscheinen läßt und den auch die Dominanz der russischen Ausbreitungs- und Russifizierungsgeschichte ihn erscheinen lassen könnte. Doch können hier gerade die gegen­seitigen Interdependenzen und Einflußnahmen unterschiedlicher Geofaktoren (die hier in erster Linie auch als gesellschaftliche Wirkungen aufscheinen) in Großräumen als Übergangszonen oder regionale Disparitäten aufgezeigt werden.

Norbert Wein gelingt es, differenzierte eigene Forschungsergebnisse in Sibirien einmal in einem problemorientierten, historisch wohl fundierten Überblick, zum anderen auch in sehr kon­kreten exemplarischen Raumbeispielen auszubreiten, die wesentliche Urteilskriterien für die zu­künftige politische und sozioökonomische Entwicklung vermitteln, wobei auch ein Ausblick auf die Rolle Sibiriens in der Weltwirtschaft gewagt wird.

Unter der Vielzahl möglicher Anknüpfungspunkte zur Arbeit mit diesem Buch soll hier ein sozialwissenschaftlich relevantes Thema herausgegriffen werden: die Probleme der indigenen Völker Sibiriens (S. 138 ff.). Der Autor gibt nicht nur in traditionell-geographischer Weise einen Überblick über die regionale Verteilung der Völker Sibiriens und ihre Siedlungsgebiete, sondern geht auch vertiefend auf die gesellschaftliche und ökonomische Geschichte bis hin zu den heutigen Lebensbedingungen und Migrationen ein, wobei sich die grundsätzliche Frage nach dem Erhalt indigener Kulturformen in sich wandelnden sozioökonomischen Kontexten stellt.

Die Geschichte Sibiriens ist geprägt von der Vereinnahmung durch Rußland und die damit verbundene Russifizierung, die heute, nach der Auflösung der Sowjetunion, zu unmittelbaren re­gionalen Konflikten und zur Vergrößerung sozioökonomischer Disparitäten und Machtungleich­gewichten führt. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive stellt sich hier wiederum die Frage nach den Charakteristiken des »nation building« und der Charakterisierung Sibiriens als Transformati­onsraum, Semiperipherie oder z.T. wohl auch sozioökonomischer Peripherie, der mit den traditio­nell an den Ländern der »Dritten Welt« entwickelten politologischen begrifflich-theoretischen In­strumentarium kaum beizukommen ist. Intensiv müssen hier die konkreten Zentrums-Peripherie-Beziehungen in den sich wandelnden zentralen und regionalen Machthierarchien untersucht wer­den, wofür dieser Band reichhaltige Materialien, Interpretationsanregungen und Fragestellungen für die Weiterarbeit zur Verfügung stellt.

Da für Europa die Ostbeziehungen sowohl politisch wie ökonomisch von zentraler Bedeu­tung sein werden, ist eine intensive Auseinandersetzung mit den Risiken und Potentialen dieses Teil­kontinents Sibirien von entscheidender Bedeutung. Daher sei diesem informierenden und an­regen­den Buch weite Verbreitung und Aufmerksamkeit gewünscht.

 Gerhard Voigt

Ein deutsch-türkischer Dialog

Rezensionen von Sammelbänden können immer nur unvollständige, eher subjektiv-auswählende thematische Hinweise und Leseempfehlungen geben, so auch der folgende Hinweis auf einen neuen soziologisch-politiwissenschaftlichen Sammelband, der in origineller Form die Probleme der Globalisierungsprozesse, der internationalen Migration und der Kulturkontakte in deutscher wie in türkischer Perspektive anspricht:

KürÔat-Ahlers, Elçin / Tan, Dursun / Waldhoff, Hans-Peter, Hg., 1999: Globalisierung, Migration und Multikulturalität. Werden zwischenstaatliche Grenzen in innerstaatliche Demarkationslinien verwandelt? Wissenschaftliche Schriftenreihe ZwischenWelten: Theorien, Prozesse und Migratio­nen; Band 3. Frankfurt am Main [IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation. ISBN 3-88939-479-5].

Das Thema hat zentrale Bedeutung für heutige sozialwissenschaftliche Diskurse. Das Besondere aber ist, daß hier der Versuch gemacht wird, den »interkulturellen« bzw. »transkulturellen« An­satz auch von Seiten der wissenschaftlichen Bearbeitung zu realisieren, indem deutsche und türki­sche Sozialwissenschaftler zu den Fragestellungen des Themas Aufsätze vorlegen, die durchaus die unterschiedlichen Wahrnehmungsperspektiven kenntlich machen und damit für eine aufschluß­rei­che Lektüre bürgen. Diesem transkulturellen Ansatz hat sich die Deutsch-türkische Vereini­gung zum sozial- und geisteswissenschaftlichen Austausch (DTA), Hannover, verschrieben, auf derem Symposium in der Universität Mersin in der Türkei die Vorträge im November 1997 gehal­ten wurden, die den Aufsätzen in diesem Buch zu Grunde liegen. Die DTA, von Mitgliedern des So­ziologischen Instituts der Universität Hannover vor zwei Jahren gegründet, veranstaltet in re­gel­mäßigen Abständen im Wechsel in Hannover bzw. in der Türkei in Zusammenarbeit mit einer türkischen Partneruniversität Symposien, die zu einem intensiveren akademischen Austausch und der Einleitung engerer fachlicher Kontakte zwischen der Türkei und den deutschen Sozialwissen­schaftlern führen sollen. Publikationen und die Etablierung eines Arbeitsschwerpunktes »Türkei« an der Universität Hannover erscheinen dabei ein wichtiger Schritt, die schwierige Nachbarschaft Europas und der Türkei durch Eröffnung rationaler Diskurse zu verbessern und dem emotionalen Nebel, der in Deutschlad wie in der Türkei vorurteilsfreie Begegnungen erschwert, zu lichten.

Die Aufsätze gruppieren sich zu den zentralen Kapiteln »Globalisierung«, »Migration«, »Multikulturalität«, »Interkulturalität« und »Nation«. Bei vielen Aufsätzen sind die Rezeption der Zivilisationstheorie und der historischen Perspektiven zur Globalisierung in der Folge der Weltsy­stemtheorie nach Immanuel Wallerstein erkennbar, also letztlich historisch-soziologische Perspek­tiven, denen sich viele der Autoren und insbesondere die Herausgeber verschrieben haben, ohne daß daraus aber eine wissenschaftliche und thematische Einseitigkeit des Sammelbandes herrühren würde. Im Gegenteil: die reflexive Arbeitsweise der historischen Sozialwissenschaft führt zu er­hel­lenden und anregenden neuen Sichtweisen gerade auch zum Verhältnis der Globalisierungspro­zes­se zur Entwicklung von Nation und Staatsgesellschaft. Migration wird in diesem Kontext ver­stan­den als Folge der wachsenden Spannungsverhältnisse und Machtungleichgewichte zwischen den Ländern der sozioökonomischen Zentren und den semiperipheren und peripheren Regionen, deren regionalen Disparitäten dazu noch durch Peripherisierungs- und Marginalisierungsprozesse pro­blemverstärkend wachsen.

Der Band soll gerade auch für Politik-Lehrerinnen und -Lehrer dringend empfohlen werden, denen in der Regel gerade diese neuen sozialwissenschaftlichen Ansätze und Perspektiven eher fremd sind und die damit oft große didaktisch-fachliche Probleme mit Themen wie Migration oder Globalisierung haben, die im Sinne klassischer Interpretationen vorwiegend ökonomisch und rechtlich (staatsrechtlich oder menschenrechtlich) fokussiert werden. Dabei geht aber der prozes­suale Charakter, das Eingehen auf Interdependenzen, Spannungsbögen und Gleichgewichtssitua­tionen meist verloren.

Hier kann nur auf einige lesenswerte Aufsätze hingewiesen werden, ohne sie ausführlicher kritisch zu diskutieren. Die drei Aufsätze zur Globalisierung sind von zentraler Bedeutung. Ingolf Ahlers setzt sich „aus abweichender Perspektive“ kritisch mit der Diskussion um die Globalisie­rung und den herrschenden Theoremen der „Weltökonomie“ und des „Neoliberalismus“ auseinan­der. Dabei wird deutlich gemacht, daß Globalisierung nicht als alleiniges Erklärungskonzept für den sozioökonomischen und politischen Wandel herangezogen werden kann. „Als Subjekt des Lo­kalen agiert in erster Linie der Nationalstaat... Hinzuweisen ist des weiteren auf das unter­schiedli­che Integrationsniveau innerhalb der hegemonialen Wirtschaftsblöcke...“ (S. 39); sehr deutlich wird daher eine differenziertere, mehrperspektivische Analyse der Globalisierungsprozes­se einge­fordert.

Baskin Oran stellt den Globalisierungsprozeß, wenn auch eher thesenartig verkürzt, in sei­nem Aufsatz „Bedeutet Globalisierung Imperialismus?“ in einen langfristigen historischen Kon­text und stellt „1490, 1890, 1990“ vergleichend gegenüber. Diesen Ansatz zur Unterrichtsgrund­la­ge zu machen und dabei Politik und Geschichte interdisziplinär im Sinne der historischen Sozial­wissenschaft zu verknüpfen, könnte ausgesprochen fruchtbar sein.

In wie weit die Folgen der Globalisierung Grundlage für neue Spannungsbeziehungen in den Gesellschaften, hier in der noch deutlich semiperipher strukturierten Gesellschaft der Türkei, be­dingen können, zeigt Oktay Gökdemir in seinem Aufsatz „Der radikale Islamismus im Kontext der Globalisierung“ auf. Das ist ein guter Ansatz auch für die unterrichtliche Umsetzung, Fragen zum Modethema des »Fundamentalismus«[18] nicht nur unter ethisch-rechtlicher, d.h. normativer didaktischer Perspektive, oder unter dem Aspekt der »Sicherheitsbedrohung« zu behandeln, son­dern, realitätsangemessener, unter historischen und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Nina Clara Tiesler ergänzt diesen Ansatz durch Überlegungen zum Thema „Die Begegnung Europas mit dem Islam im Zeitalter der Migration“. Daß gerade die Konfrontation mit Migrationsprozes­sen die Frage nach den Gruppendefinitionen und -selbstdefinitionen neu aktuell werden läßt, ist heute zentrale Aufgabe der Soziologie. Dabei muß deutlich werden, daß alltägliche Kategorien wie Volk, Nation und Ethnie keine Naturgegebenheiten sind, sonder historisch entstandene gesell­schaftliche Konstrukte, wie es Esma Durugönül in ihrem Beitrag „Die Funktion der Konstruk­tion von ethnischen Minderheiten am Beispiel der türkischen Migranten in Deutschland“ kon­kret und aktuell herausarbeitet.

Ohne hier nicht genannte Aufsätze, die durchweg interessant und lesenswert sind, damit ab­qualifizieren zu wollen, soll abschließend noch auf zwei Aufsätze hingewiesenm werden, die auf weiter gefaßte sozialwissenschaftliche Diskurse verweisen und im Kontext heutiger fachlicher Auseinandersetzungen Position beziehen. Es geht um die kritische und skeptische Auseinander­setzung mit zentralen Kategorien, die auch bestimmend für das politische Alltagsbewußtsein in der Politischen Kultur sowohl Deutschlands als auch der Türkei sind und damit der reflexiven For­schung affektive und politische Barrieren entgegen setzen: die Kategorie der »Identität« und die Kategorie der »Nation«. Krassimir Stojanov („Der Begriff ‚interkulturelle Identität‘ im Kontext der Globalisierungsprozesse in der reflexiven Moderne“) relativier schon im Titel den ab­schließenden Identitätsbegriff durch den kontextuell orientierten Begriff der Interkulturalität. Die Auseinandersetzung mit der Literatur (Habermas und Charles Taylor) ist interessant, aber insge­samt doch wohl etwas knapp und exkursorisch, wenn auch Anregungen, wie der Verweis auf die „dialogische Struktur der Identität“ (S. 198), interessante Anregungen zum Weiterdenken vermit­teln. Der Nationenbegriff wird von Ulrich Bielefeld konstruktiv kontrastiert und damit proble­matisiert durch den Begriff der Fremde in seinem Aufsatz „Nation und Fremde. Formen des Na­tionalen und die Konstituierung des Fremden“. Interessant sind hierbei die historischen und zeit­geschichtlichen Perspektiven und die Einbeziehung von Beispielen aus der Geschichte Frankreichs. Seine Schlußfolgerung: „So kann soziale Integration bei politischer Desintegration zeitlich be­fristet durchaus gelingen. Allerdings erweist sich politische Anerkennung ... langfristig als Vor­aussetzung sozialer und kultureller Integration. Denn das politische System inkludiert in diesem Falle auch die sozial oder kulturell exkludierten. Der inklusive Staat steht der exklusiven Gesell­schaft gegenüber“ (S. 193). Dies läßt weiter reichende kritische Schlußfolgerungen im Be­reich der deutschen »Ausländerpolitik« zu, die trotz aller Integrationsrhetorik den exklusiven Staat präferiert und zum Leitbild erhoben hat. Hier liegt es nun nahe, sich mit den sozialpsycho­logischen Prozes­sen der Erfahrung der Fremde bei den Migranten selbst intensiver zu beschäfti­gen. Dazu sei hier auf ein grundlegendes Werk verwiesen, das von dem einen der Herausgeber des vorliegenden Bu­ches stammt und das ohne eingehende Rezension[19] hier empfohlen werden soll:

Waldhoff, Hans-Peter, 1995: Fremde und Zivilisierung. Wissenssoziologische Studien über das Ver­arbeiten von Gefühlen der Fremdheit. Probleme der modernen Peripherie-Zentrums-Migration am türkisch-deutschen Beispiel. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag. ISBN 3-518-58196-1].

Abschließend noch der Hinweis auf eine Festschrift zu Ehren von Peter Gleichmann, der Mentor und Initiator des hannoverschen Schwerpunktes der Elias-Rezeption und der darauf aufbauenden Werke der historischen Soziologie ist, der die hier vorgestellten Werke verbunden sind:

Barlösius, Eva / Kürșat-Ahlers, Elçin / Waldhoff, Hans-Peter, Hg., 1997: Distanzierte Ver­strickungen. Die ambivalente Bindung soziologisch Forschender an ihren Gegenstand. Festschrift für Peter Gleichmann zum 65. Geburtstag. Berlin [edition sigma rainer bohn verlag. ISBN 3-89404-433-0].

Leitmotivisch durchzieht diese Arbeiten die Erfahrung, daß gesellschaftswissenschaftliches For­schen, Elias würde lieber von »Menschenwissenschaften« sprechen, Distanzierungsprozesse not­wendig macht, die den gesellschaftlichen Bindungen und Affinitäten konträr laufen; daß Rationali­tät und Affekte in einer Beziehung stehen, die selbst als „Verstrickung“ aufgedeckt und untersucht werden müssen; daß Selbstbezüglichkeiten eine Grundfigur soziologischen Arbeitens sind. Daß diese selbstreferentiellen Denkstrukturen aktuellen philosophischen Ansätzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften entsprechen (Konstruktivismus und Dekonstruktivismus, Chaos und Kyber­netik...), macht die Aktualität dieses Denkens aus. Diese soziologische Tradition, der Zivili­sations­theorie verpflichtet, mit der Migrations- und Semiperipherieforschung verbunden und er­weitert zu haben, ist das Verdienst dieser »Schüler von Gleichmann« aus den soziologischen Ar­beitsgruppen an der Universität Hannover, wie Elçin Kürșat-Ahlers, Hans-Peter Waldhoff und Dursun Tan, der sich auch intensiv mit religionssoziologischen Fragen beschäftigt hat.[20]

 Gerhard Voigt

(Vorstandsmitglied der DTA)

Kurzbesprechungen

Gugel, Günther / Jäger, Uli, 1999: Global Handeln für Frieden und Entwicklung. Voraussetzungen, Ansätze, Bei­spie­le. Tübingen [Verein für Friedenspädagogik. ISBN 3-932444-01-9].

Der Titel dieses kleinen Handbuches, eher eines Leitfadens für die Vorbereitung von konkreten Einsätzen bei Hilfsprogrammen in Krisengebieten denn pädagogisch-didaktisches Grundlagen­werk für den Unterricht, stellt die gängige Formulierung „global Denken – lokal Handeln“ auf den Kopf – ganz bewußt, da die mentale und praktische »Beschränktheit« der alleine auf das lokale Handeln ausgerichteten »alternativen Politik« zusehends evident geworden ist und gerade in Deutschland zu Engstirnigkeit, Borniertheit und Selbstbezogenheit der lokalen Initiativen, bei de­nen längst die »glo­ba­le Per­spektive« zur billigen Legitimationsideologie der »moralischen Übele­genheit« verkommen ist und die von traditionellen liberalen Lobby für Eigeninteressen nach dem »Sankt Florians-Prinzip« nicht mehr zu unterscheiden sind, geführt hat. Das Buch, und das ist sein Vorzug, der hier zur Leseempfehlung führt, lenkt den Blick auf die vielfältigen Möglichkei­ten, dort, wo die Krisen und die Not tatsächlich sind, aktiv zu werden, zu helfen und zu neuen, sehr viel bescheideren Einschätzungen der eigenen Möglichkeiten zu gelangen. Im ersten Teil stellen die Verfasser jeweils um zentrale Textstellen aus der Literatur bzw. den Medien herum, Problemfelder des Handelns und des Wahrnehmens vor, die den Kontakt mit den Katastrophen bestimmen: Einmischung, Hilfe, Motivation, Interkulturelles Lernen, Reisen, Sprache, Kommuni­katien, Bedrohungssituation, Opfer. Die kurzen Anmerkungen dazu sind aufschlußreich und auf­klärerisch und Regen zur vertieften Beschäftigung an, können jedoch verständlicher Weise keine abschließenden Wertungen und Lösungen anbieten. Vor allem die sozialwissenschaftliche Distanz und Einordnung muß hier noch fehlen und für Unterrichtszwecke nachgearbeitet werden. Nach einer Zusammenstellung von Regeln für Auslangseinsätze folgt ein abschließender, didaktisch an­regender Teil, in dem Filmbeispiele aus unterschiedlichen Quellen zum Thema protokolliert und charakterisiert werden. Der Band schließt mit ausführlichen Literatur- und Anschriftenverzeich­nissen.

Claußen, Bernhard, 1997: Politische Bildung. Lernen für die ökologische Demokratie. Darmstadt [Primus-Verlag. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. ISBN 3-89678-311-4].

Einen inhaltlichen Schwerpunkt hat die Politische Bildung in den letzten Jahren hinzugewonnen, parallel zur wachsenden auch tagespolitischen Bedeutung der deutlicher wahrgenommenen und bewußt gewordenen Umweltprobleme: den der ökologischen Bildung. Notwendig ist hier sicher­lich interdisziplinäres Arbeiten, da in diesem Bereich die Geographie ebenso wie die Naturwissen­schaften Kompetenzanforderungen aufstellen. Die Sozialwissenschaften und die Politikdidaktik haben hier vor allem für die kontextuelle Problemintegration zu sorgen. Claußen geht dabei recht grundsätzlich vor und insistiert auf einer kritischen Begrifflichkeit und einer differenzierten ratio­nalen Problemsicht. Dabei ist im Hauptteil des Buches das Thema eher eine kritische Auseinan­dersetzung mit der Situation und den Zielbestimmungen der Politischen Bildung heute als eine konkrete ökologisch-didaktische Studie. Dies werden an praktischen Unterrichtsanforderungen orientierte Politik-Lehrerinnen und -Lehrer wohl eher vermissen. Der kritisch-systematische und aufklärerische Wert des Buches ist jedoch unbestritten und sollte eigentlich grundsätzlichere Dis­kurse in der Lehrerschaft anregen. Claußen leitet seine Ausführungen ein mit einem kritischen Blick auf die Geschichte der Politischen Bildung, deren Problemfeld er zwischen „Marginalisierung und Innovation“ angesiedelt sieht. Das Kapitel über die Politische Kultur ist aufschlußreich, wenn auch sozialwissenschaftlich etwas exkursorisch, was der Zielbestimmung des Bandes zuzuschreiben ist. Ausführlich befaßt sich Claußen mit dem Problemverständnis der Politischen Bildung. Wichtig ist dabei vor allem die inhaltliche und begriffliche Abgrenzung z.B. vom Problemfeld der politischen Sozialisation. Ein konkreter und definierter Begriffsgebrauch ist die Voraussetzung eines innovativen Umgangs mit den Inhalten der Politischen Bildung. Die Erör­terung der Aufgaben, Absichten und Orte Politischer Bildung entscheidet in der gebotenen Kürze nicht immer klar genug zwischen normativen Zielbestimmungen und reflexiv-diskursiven Erörterungen. Doch mag dieser Einwand marginal sein angesichts des argumentativen Anspruchs, der trotz der Kürze der Darstellung weit über das übliche didaktische Niveau der Literatur zur Politischen Bildung herausgeht. Die abschließenen didaktischen Konsequenzen sind knapp und präzise und regen zum Weiterdenken an. Grundsätzlich wäre zu überlegen, welche sprachlich-editorischen Vermittlungsformen die Kolleginnen und Kollegen in der Unterrichtspraxis heute überhaupt noch ansprechen. Meine Skepsis, ob sie mit diesem Buch, auch angesichts seiner argu­mentativ-differenzierten, in der Terminologie klaren aber durchaus nicht allgemeinverständlichen Form, überhaupt noch zu erreichen sind. Vielleicht ist dann der Zugang über einen vom gleichen Verfasser zum Thema Ökologie herausgegebenen Sammelband erfolgversprechender:

Claußen, Bernhard / Wellie, Birgit, Hg., 1996: Umweltpädagogische Diskurse. Sozialwissenschaftli­che, politische und didaktische Aspekte ökologiezentrierter Bildungsarbeit. Materialien zur so­zialwissen­schaftichen Forschung (MaSoFo) – Band 10. Frankfurt am Main [Haag + Herchen Ver­lag. ISBN 3-86137-532-X].

Einmalig ist hier der von Claußen zusammengestellte über 130-seitige bibliographische Anhang, der für eine weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema in Zukunft unverzichtbar sein wird. Der insgesamt 730-seitige Band umfaßt 18 umfangreiche Studien, die alle Aspkte der sozial- und politikwissenschaftlichen Umweltpädagogik umfassen und – da eine detaillierte Wür­digung hier nicht mehr möglich ist – den Kolleginnen und Kollegen zu Lektüre dringen empfohlen sein sollen.

Hufer, Klaus-Peter / Wellie, Birgit, Hg., 1998: Sozialwissenschaftliche und bildungstheoretische Re­flexionen: fachliche und didaktische Perspektiven zur politisch-gesellschaftlichen Aufklärung. Fest­schrift für Bernhard Claußen zur Vollendung seines 50. Lebensjahres. Glienicke/Berlin; Cam­bridge/Massachusetts [Galda + Wilch Verlag. ISBN 3-931397-11-4].

Professor Bernhard Claußen, Universität Hamburg, Vorstandsmitglied des Verbandes der Politik­lehrer, ist im letzten Jahr 50 Jahre alt geworden. Der Verband hat ihm dazu gratuliert und sich an seiner »Geburtstagstagung«[21] Ostern 1998 in Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern) u.a. durch die Integration der regulären Jahreshauptversammlung in das Seminarprogramm beteiligt. Daß im Vorfeld dazu eine volumiöse und fachlich anregende Festschrift schon zum 50. Geburts­tag von seinen akademischen Schülern herausgegeben wurde, zeigt die Bedeutung dieser außerge­wöhnlichen Persönlichkeit, deren Mut, unangenehme politische und fachliche Wahrheiten auszu­sprechen und sich dabei auch Feinde vor allem in den affirmativen Institutionen des politischen und akademischen Lebens zu machen, für die vielen Freunde, die ihn und seine Integrität und menschliche Solidarität kennen gelernt haben, Ermutigung und fordernde Anregung bedeutet, mit dem Wunsch, seiner Arbeitskraft noch lange teilhaftig bleiben zu dürfen. In diesem Sinne soll statt einer inhaltlichen Rezension des Bandes (vor allem, da der Rezensent ebenfalls mit einem Aufsatz vertreten ist) nur Dank und Anerkennung an den laureatus gehen mit dem Hinweis auf 35 Auto­rinnen und Autoren, die in diesem Band ein vielfältiges Spektrum dessen abdecken, was heute mit der Politischen Bildung verbunden ist, und das vor allem auch immer wieder dem Anspruch der Interdisziplinarität folgt.

 Gerhard Voigt

Anmerkungen
[1]      Hier zeigt sich, daß es sich bei unserer Diskussion um die Qualifikation von Lehrkräften in Hinblick auf das Postulat der Interdisziplinarität im internationalen Bereich scheinbar um eine ›Luxusdiskussion‹ handelt, wenn vergleichweise die Ausbildungsvoraussetzungen und konkreten Arbeitsbedingungen – damit verbunden auch das oft geringe soziale Ansehen – von Lehrerinnen und Lehrern in anderen Ländern daneben gestellt werden. Hier zeigt sich, daß deutsche Lehrkräfte sowohl in der Schule wie an der Hochschule sogar noch bei reduzier­ten Arbeitsverträgen hochgradig privilegiert sind. Das kann unter zwei verschiedenen Perspektiven diskutiert wer­den: einmal als notwendige Voraussetzung, das generell hohe (industrielle) Qualifikationsniveau der deut­schen Bevölkerung auch in den nächsten Generationen aufrecht zu erhalten, da dies nahezu der einzige ge­wichtige positive Standortfaktor am ›Standort Deutschland‹ ist, zum anderen aber auch, die relativierend, ob die immer stärker auch den staatlichen und den Dienstleistungssektor einbeziehenden Globalisierungsbedin­gungen diese ›Luxus‹ einer hochprivilegierten Lehrerschaft überhaupt noch zulassen. Dabei muß, wie heute wohl generell, die Frage nach internationaler Gerechtigkeit und Solidarität ausgeklammert bleiben.  
[2]      Schon vor Jahren, um es einmal anekdotisch zu fassen, reagierte ein geisteswissenschaftlich orientierter, ver­dien­ter und angesehener Ordinarius der Geographie in Hannover auf Vorträge und Colloquien mit quantifizie­renden wirt­schaftswissenschaftlichen Methoden wie der Cluster-Analyse oder statistischen Vektorenberech­nungen mit seiner klassischen Standardfrage: „Was hat denn das mit Geographie zu tun...?“ – Das Methoden­problem führt im Übrigen stellenweise auch zu Statuskränkungen, wenn die ›Altershierarchie‹ im Lehrbetrieb offensichtlich nicht mehr mit der ›Kompetenzhierarchie‹ positiv korreliert. Dies scheint vor allem ein Problem der lehrenden Berufe zu sein.  
[3]      Es soll hier ganz deutlich hervorgehoben werden, daß aus der Perspektive sowohl der pädaghogischen Lern­psy­chologie wie der Sozialpsychologie alle drei genannten Kategorien für sinnvolle Lernprozesse dysfunktio­nal und gesellschaftlich selektiv wirksam sind.  
[4]      Zivilisationsgerschichtlich wäre dieser Befund in den Interpretationsrahmen der gesellschaftlich-kul­tu­rel­len ›Homogenisierungsprozesse‹ bei der Durchsetzung des Nationalstaates und der Staatsgesellschaft zu stellen.  
[5]      In Niedersachsen sind dies einmal die Einführung der Kategorie der ›Schlüsselprobleme‹ in den Rah­men­richt­li­nien u.a. auch des Faches Politik und die ausdrückliche Aufforderung zur interdisziplinären Kooperation und Ab­sprache zumindes im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld, sowie die in den Sekundarstzufen-II-Er­las­sen neu – an weiterführende Modelle der Reformphase in den siebziger Jahren an­knüpfend – strukturier­ten Mög­lichkeiten des Angebots ›polyvalenter‹ Kurse, von  Projektkursen und ›fächerübergreifenden und fächer­ver­­bindenden Kursen‹, wobei noch deutliche Widersprüche zwischen der inhaltlichen Potentialität die­ser Vor­ga­ben und den restriktiveren Organisationserlassen (Auflagensequenzen, Anrechnung und Abi­tur­qua­li­fi­ka­tion) bestehen, die in der Praxis wohl ein regelmäßiges Angebot dieser Kursformen verhindern werden.  
[6]      Die neuen und im Prinzip liberal und fortschrittlich erscheinenden Möglichkeiten, in der Schule „Schul­pro­gram­me“ oder fachliche „Schwerpunktprofile“ zu bilden, werden wohl i.d.R.zur Einigung auf einen Minimal­konsens und bestenfalls auf inhaltlich mehrdeutige Formelkompromisse hinaus laufen, die echte inhaltliche pädagogische In­novationen und Experimente, deren Erfolg ja nicht kurzfristig garantiert werden kann, eher verhindern werden.  
[7]      Dieser prozeßorientierte Begriff wurde absichtlich gewählt. Paradigmenwechsel würde in diesem Zu­sam­men­hang den politisch beeinflußbaren Prozeßcharakter der Veränderung ausblenden und zu irreal kurzfristigen Uto­pien anregen.  
[8]      Die, wie der Kosovo-Konflikt zeigte, bis hin zur letztlich durch internationale Verpflichtungen erzwungene Beteiligungen an militärischen Einsätzen führen können.  
[9]      Damals nicht ganz zutreffend aber politisch bezeichnend als ›Sozialdemokratisierung‹ der Industriegesell­schaf­ten etikettiert.  
[10]    In den Sozialwissenschaften deutet sich dieser Paradigmenwechsel, wenn auch gegen erhebliche Widerstände, schon an, z.T. evoziert durch die seit über einem Jahrzehnt erfolgende Rezeption zivilisations- und kulturwis­sen­schaftlicher Paradigmen, die vor allem mit dem Werk Norbert Elias verbunden sind und die in der philo­sophi­schen Auseinandersetzung mit dem Dekonstruktionismus und dem Konzept der ›Postmoderne‹ vor allem in dem Werk vor allem französischer Sozialphilosophen (Foucault, Derrida, Legendre u.a., aber auch Z. Bau­mann) ihre Paradigmatische Parallele finden, dann aber auch durch die Aufarbeitung der Weltsystemt­heorie von Imma­nuel Wallerstein und die Fokussierung der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit auf die Transforma­ti­ons­prozes­se jenseits der Grenzen der sozioökonomischen und industriellen Zentren. In der Politik reragiert man noch viel­fach hilflos, wobei das ›neue Denken‹ eher Etikettierung denn Paradigmenwandel an­zeigt; dafür ist das Schrö­der/Blair-Papier symptomatisch, das noch lange nicht dem Anspruch des „Ka­putt­den­kens“ – so die Überset­zung des Wallersteinschen ›unthinking‹ – überkommener und verfestigter politischer Verkürzungen und ›imaginärer politischer Fronten‹ entspricht.  
[11]    Es sei hier nur an die schon ›klassischen‹ Kursentwürfe aus der Reformarbeit der siebziger Jahre erinnert, die in Niedersachsen in der Reihe der „Handreichungen im Sekundarbereich II“ in vielen Bänden vom damaligen Kultusminister veröffentlicht worden sind und in denen modernere Ansätze der Interdisziplinarität und der handlungsorientierten Projekte zu finden sind, als es dem derzeitigen Diskursstand entspricht. {Ein Moment der resignativen Nostalgie beschleicht den Verfasser!}  
[12]    Noch einmal: vgl. den Kursentwurf „Energie“ in den niedersächsischen Handreichungen, der dieses inter­dis­zi­pli­näre Konzept bis ins Einzelne ausführt.  
[13]    Daß in der Wirtschaftspraxsis stehende Leser und Leserinnen, daß vor allem Betriebswirte diese Überlegungen be­lächeln und als ›weltfremde Spinnereien‹ eines Politologen abqualifizieren werden, nehme ich gerne hin, da ich der Auffassung bin, daß diesen ›Sprachschwierigkeiten‹ zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Teil­sy­ste­men (vgl. dazu die Systemtheorie z.B. nach Niklas Luhmann) nicht nur ephemere, sondern zentrale struk­tu­relle Bedeutung haben und daher in gesellschaftlichen Diskursen auf beiden Seiten erörtert werden müssen.  
[14]    S. 255: „Kunden, Arbeitnehmer, Lieferanten, Fremdkapitalgeber, Öffentlichkeit und staatliche Organe...“, womit diesen Gruppen nicht nur betriebswirtschaftlicher Objektcharakter, sondern belangvolle Subjektivität zuge­schrieben wird.  
[15]    Haensch, Dietrich, 1999: Was ist und zu welchem Zweck betreibt die EU ihre Mittelmeerpolitik? In: Kürșat-Ahlers, Elçin / Tan, Dursun / Waldhoff, Hans-Peter, Hg., 1999: Globalisierung, Migration und Mul­ti­kul­tu­ra­lität. Werden zwischenstaatliche Grenzen in innerstaatliche Demarkationslinien verwandelt? Wis­sen­schaft­li­che Schriftenreihe ZwischenWelten: Theorien, Prozesse und Migratio­nen; Band 3. Frankfurt am Main [IKO – Ver­lag für Interkulturelle Kommunikation. ISBN 3-88939-479-5], S. 69-92.  
[16]    Vgl. dazu auch: Voigt, Gerhard, 1996c: War diese Polemik wirklich notwendig? Eine Stellungnahme zum Beitrag von Dieter Richter: gegen Polemik und für eine innovative Diskussion über die Zukunft der Geogra­phie, in: Praxis Geographie 26/4, 46-47.  
[17]    Wir beabsichtigen zu diesem Thema im nächsten Heft von »politik unterricht aktuell« eine ausführlichere Rezension zu bringen zu: Schmidt-Wulffen, Wulf, / Schramke, Wolfgang, Hg., 1999: Zukunftsfähiger Erd­kundeunterricht. Trittsteine für Unterricht und Ausbildung. Perthes Pädagogische Reihe. Hg. Gerhard Fuchs. Son­derband. Gotha/Stuttgart [Klett-Perthes. ISBN 3-623-00648-3]. – Schmidt-Wulffen, Wulf, 1999: Schüler- und Alltagsweltorientierung im Erdkundeunterricht. Zu­gänge – Perspektiven für die Praxis – Bei­spiele aus dem Unterricht. Perthes Pädagogische Reihe. Hg. Gerhard Fuchs. Gotha/Stuttgart [Klett-Perthes. ISBN 3-623-00647-7]. – Vgl. auch die älteren Standardwerke: Jander, Lothar / Schramke, Wolfgang / Wenzel, Hans-Jürgen, 1982: Metzler Handbuch für den Geogra­phieunterricht (HGU). Metzler. Stutt­gart. – Schramke, Wolfgang, 1975: Zur Paradigmengeschichte der Geographie und ihrer Didaktik. Eine Un­ter­su­chung über Geltungsanspruch und Identitätskrise eines Faches.  Geographische Hochschul­manu­skripte Heft 2. Göttingen.  
[18]    Daß dieser Begriff unzulänglich und mißverständlich ist, hat in dieser Zeitschrift schon Peter Antes sehr deutlich herausgestellt. Wir gebrauchen diesen Begiff hier daher auch als Zitat im Sinne üblicher curricularer Themenfestlegungen. Vgl. Peter Antes: Selbstverständnis und Weltbild des »Politischen Islam« in der mo­dernen Welt. politik unterricht aktuell Heft 1-2/1996, S. 1-6.  
[19]    Der Rezensent hatte die Absicht, eine umfangreichere Rezension vorzulegen. Doch während der Arbeit weitete sich der »innere Diskurs« in einer Weise zu einer Auseinandersetzung mit den Zivilisations- und nation-buil­ding-Prozessen aus, die Waldhoff seiner Arbeit in der Schule von Norbert Elias zu Grunde gelegt hat, daß daraus ein eigenständiger Aufstand entstanden ist, der nun in Kürze in einem Sammelband zum Thema »Staats­ge­sell­schaft« publiziert werden soll [Voigt, Gerhard, Hrsg., 1999: Staatsge­sellschaft. Forum Polito­lo­gie und Soziologie. Galda + Wilch Verlag. Glienicke/Berlin / Cam­bridge/Massachusetts. (In Vorbe­reitung)].  
[20]    Vgl. den Aufsatz von Dursun Tan über das Menschenbild im Koran in diesem Heft. – Dazu auch: Tan, Dur­sun / Gomani, Corrina, 1997: Die Rolle des religiösen Diskurses in der Erziehung unter besonderer Berück­sichtigung der deutschen türkisch-muslimischen Minderheit in Deutschland. politik unterricht aktuell, Heft 1-2 / 1997 (Verband der Politiklehrer e.V., Hannover). S. 14-41.  

[21]    Die dort gehaltenen Vorträge sollen unter Beteiligung des Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, in Kürze publiziert werden in: Claußen, Bernhard / Donner, Wolfgang / Voigt, Gerhard, Hrsg., 1999 i.V.: Krise der Politik – Politische Bil­dung in der Krise? Diskussionsbeiträge aus der Arbeit der Akademie für Politik, Wirt­schaft und Kul­tur in Mecklenburg-Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Ver­band der Politiklehrer. De­mokratie und Aufklärung: Kritische Sozialwissenschaften und Politi­sche Bildung im Diskurs – Materialien, Band 1. Galda + Wilch Verlag. Glienicke/Berlin / Cam­bridge/Massachusetts.

Inhalt

Interdisziplinarität
Das Politische in der Vielfalt der Fachperspektiven
Was bedeutet „Wertorientierung“?
Die Anwendung des Systembegriffs durch die Politologie
Façetten der Politikwissenschaft
Wo steht heute die Länderkunde?
Ein deutsch-türkischer Dialog
Kurzbesprechungen

Anmerkungen

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2 / 1998
Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis  
Hannover, 1998. 94 S., A 5, kart. [
ISBN 3-9804023-6-3], 4.7.98 - Printausgabe vergriffen

Internetausgabe: 11.11.02  - Letzte Überarbeitung: 7.6.2003 / 10.08.2004 / 07.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

 

 

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Web-Fassung: 20.09.2011 - Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. <bismarckschule.voigt@gmx.de>