Interdisziplinarität
ist zu einer Leitforderung für einen anstehenden – oder eher:
noch ausstehenden – Paradigmenwandel in der Schulpolitik und der
Schuldidaktik geworden. Gerade auch die Didaktik der Politischen Bildung
hat diese Thematik aufgegriffen und als zentrales Postulat in die
fachdidaktischen Diskurse eingebracht.
Die lern- und
wahrnehmungspsychologischen Grundlegungen für ein Paradigma der
Interdisziplinarität sind ebenso bekannt und einleuchtend wie die
eher heuristischen Begründungen, daß Struktur und Inhalt von
(schulischen) Lernprozessen sich
-
der wachsenden Komplexität
gesellschaftlicher Verflechtungen und Prozesse,
-
der – im Sinne der Zivilisationstheorie –
wachsenden Länge der ›Interdependenzketten‹, in die sich der
Einzelne hinein gestellt sieht,
-
der unübersehbaren und zunächst schwer
strukturierbaren Informationsfülle der
›Informationsgesellschaft‹,
-
der Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher
Forderungen an den Einzelnen zwischen ›Individualisierungszumutung‹
und sozioökonomischen Globalisierungsprozessen,
-
der ›neuen Unübersichtlichkeit‹
unserer wahrgenommenen Realität
anpassen müssen, indem
sie von den traditionellen Wegen der Realitätserschließung durch
die herkömmlichen Schulfächer hin zu komplexeren und damit
interdisziplinären Vermittlungsformen fortschreiten.
So einsichtig und
wohlbegründet diese pauschale Forderung nach Interdisziplinarität auch
ist, so wenig läßt sich Interdisziplinarität als Leitprinzip in
der Schulpraxis tatsächlich feststellen – von vereinzelten,
experimentellen Ansätzen einmal abgesehen. Es muß also ernst zu nehmende
und gewichtige Hindernisse geben, die dem Prinzip der
Interdisziplinarität entgegenstehen. Um in Kürze die dabei
hervortretenden Diskurse zu skizzieren:
-
Das Qualifikationsproblem. Die
Lehrkräfte sind in den traditionellen Fächern ausgebildet.
Interdisziplinarität spielte an den Hochschulen in der Fachausbildung
keine Rolle, wenn man von den sogenannten ›Nebenfächern‹ absieht.
Durch Fort- und Weiterbildung sind auch inhaltlich nahe liegende
Fächer – für den Politologen z.B. die Betriebswirtschaftslehre, das
Internationale Recht oder die kulturwissenschaftlich orientierte
Semiotik, um nur diese Beispiele zu nennen – nur schwer und
unzureichend nachzuarbeiten. Ein Blick in die neuere Fachliteratur
dieser Fächer zeigt dieses sehr deutlich. Wieviel stärker werden die
Probleme bei dem Versuch, sich anwendbare Kompetenzen in inhaltlich
weiter entfernten Fächern aus anderen Fachbereichen selbst zu
erwerben. Hier steht eine generelle Neustrukturierung der fachlichen
Wissensvermittlung von der Universität ausgehend zum „lebenslangen
Lernen“ aus – eine Forderung, die viele Kolleginnen und Kollegen
kräftemäßig und psychisch unter den heutigen Arbeitsbedingungen
überfordern dürfte.
-
Das Methodenproblem. Neben Inhalten
und Problemstellungen der vielen im Projekt der Interdisziplinarität
möglicherweise heranzuziehenden Fächer in problemorientierten
Unterrichtskontexten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten – für
viele Kolleginnen und Kollegen also erst nach Abschluß ihrer
Universitätsausbildung – vor allem die Forschungsmethoden
grundlegend gewandelt und vor allem neue Technologien und die
Möglichkeiten der Informatik methodisch integriert. Diese neuen
methodischen Qualifikationen sind bei einer adäquaten
interdisziplinären Aufgabenstellung vorab zu erwerben und in ihren
Konsequenzen für die willigen wissenschaftlichen gültigen
Aussageformen zu rezipieren. Das dies letztlich Auswirkungen auf
das Realitätsverständnis hat und auch in der philosophischen Dimension
reflektiert werden muß, zeigen grundlegende wissenschaftstheoretische
Werke im Umkreis der ›science wars‹, die in den letzten Jahren
vor allem zwischen Kultur- und Naturwissenschaftlern geführt worden
sind.
-
Das ›Bildungsproblem‹: „Bildung“
hat viele Gesichter und ist nicht nur ausgerichtet auf Lernprozesse,
die mehr oder weniger „nützlich“ oder mit abschätzbarer
Wahrscheinlichkeit verwertbar sind für die bevorstehende berufliche
Biographie oder auch zur Bewältigung zukünftiger
Entscheidungssituationen oder gar Lebenskrisen. Bildung ist auch als
Teil einer überkommenen Politischen Kultur Bestandteil der
alltäglichen symbolischen Interaktion: Statusmerkmal, Machtmittel und
Ausfstiegspotential. „Bildung“ strukturiert und selektiert
gesellschaftliche Realitätswahrnehmungen und dient auch dazu,
individuelle und gesellschaftliche Sinngebung zur Deckung zu bringen.
Dazu dienen – unabhängig von ihrer sonstigen funktionalen Eignung –
grundlegende Kategorien, die sich in den Diskursen über einen
›verbindlichen Bildungskanon‹ oder über ›Grundbildungskonzepte‹
als Symbolhierarchien offenbaren, zu denen wesentlich auch die
Unterscheidung von Haupt- und Nebenfächern, das Prinzip der
›Fachsystematik‹ uder der ›fachlichen Sequenzialität‹
gehören.
Bildung ist in diesen Kontexten immer konservativ:
gesellschaftliche Realitätsverständnisse konservierend und Bewußtsein
prägend (vor allem auch das Bewußtsein der Lehrenden selbst).
Interdisziplinarität wäre hier ein störendes, duie
Symbolwelten destrukturierendes Element und steht daher in einer
immanenten Gegnerschaft zu herkömmlichen Bildungsvorstellungen.
Diese grundlegenden
Widerstände gegen die Interdisziplinarität liegen nun auf einer
grundlegend anderen kategorialen Ebene wie die Gründe, die für
einen solchen Paradigmenwechsel sprechen. Es ist daher nicht anzunehmen,
daß die rationale didaktische Diskussion des interdisziplinären
Unterrichtsmodells oder auch die – verständlicherweise eher zaghaften –
Ansätze in Erlassen und Rahmenrichtlinien, interdisziplinäre
›Korridore‹ zu öffnen,
dem Prinzip der Interdisziplinarität zu einem neuen paradigmatischen
Stellenwert in den Schulen verhelfen könnte. Im Gegenteil ist zu
erwarten, daß im Rahmen der allgemeinen Verunsicherung der politische
und innerschulische Widerstand wachsen wird.
Wie gehen nun
Reformdidaktiker mit dieser Problematik um? Unbestritten ist, daß dem
Paradigmenwandel
grundlegende gesellschaftliche Diskurse vorangehen müssen, die die
Stellung von Schule und Bildung in der Gesellschaft betreffen.
Dabei wird dieser
Diskurs von drei Kontroversbereichen angestoßen und vielleicht in
Richtung auf die Einsicht, daß neue Realitätsperspektiven in Zukunft
unabdingbar werden, vorangetrieben:
-
Das sind einmal die Konflikte um die –
unumkehrbaren – Individualisierungsprozesse in den
Industriegesellschaften und ihre politischen und legitimatorischen
Auswirkungen;
-
zum Anderen ist es die Anforderung an die
Gesellschaft, mit neuartigen, konfliktträchtigen und in den
Konsequenzen noch kaum überschaubaren Veränderungen der Arbeitswelt
und der darauf fußenden individuell-biographischen Perspektiven
umgehen zu müssen;
-
und da sind zudem die die eigenen
›kulturellen Selbstverständlichkeiten‹ sprengenden neuen
Dependenzen, die sich aus den Universalisierungs- und
Globalisierungs-Prozessen ergeben und die den Einzelnen am
Arbeitsplatz, in seinen politischen Partizipationschancen und durch
die Konfrontation mit den Problemen und Auswirkungen der
internationalen Migration unmittelbar berühren, und die die
Gesellschaftt als Ganzes teure und ungeliebte internationale
Verantwortlichkeiten aufbürdet.
Es ist zu erwarten, daß
– vielleicht in der Öffentlichkeit kurzfristig kaum bemerkt oder sogar
verdrängt – eine neue ›Kulturrevolution‹ – ähnlich wie der
fundamentale Umbruch in der Politischen Kultur und den
›gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten‹ Anfang der siebziger
Jahre
– stattfinden wird, die auch zu einem grundlegenden Neuverständnis von
Schule und Bildung führen müßte.
Diese
›Kulturrevolution‹ muß nun von den Lehrenden der Politischen Bildung
praezipert werden, um ihr auch individuell und in der eigenen
pädagogischen Praxis gerecht werden zu können. Folgende – für sich
genommen sicher noch unzureichende und oft an die Grenzen der
schulischen Realisierbarkeit stoßenden pädagogischen und
fachdidaktischen Handlungsperspektiven eröffnen sich heute schon für
die Praxis:
-
Der schulorganisatorische Ansatz:
In den Schulen können konkrete interdisziplinäre Projekte und
Unterrichtsangebote organisiert und durch Gewohnheit
institutionalisiert werden, wenn darüber ein Konsens unter den
Kolleginnen und Kollegen erzielt werden kann und wenn sich genügend
Lehrerinnen und Lehrer für die praktische Konzeptuierung und
Durchführung finden, wobei die Interdisziplinarität durch das
Einbringen der differenten Fachkompetenzen der Kolleginnen und
Kollegen in diese Unterrichtsvorhaben gesichert werden. Beispiele
sind wohlerprobt und teilweise auch publiziert,
z.B. Unterricht zu ökologischen Problemen mit Beteiligung der
Fächer Biologie und Erdkunde, Probleme der Gentechnik als
mehrere Fachbereich überspannene Projekte, ebenso Fragen des
Klimas und der Energienutzung, zu denen von nahezu allen Fächern
beigetragen werden kann,
Urbanistik und städtische Lebensräume, Lebensentwürfe in der
städtischen Umwelt in Koorperation der Fächer Kunst, Geographie,
Geschichte, Politik, Werte und Normen bzw. Religion etc. – Man sieht:
der pädagogischen Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Das Konzept
der Schlüsselprobleme in den Rahmenrichtlinien öffnet hier auch
administrativ viele Möglichkeiten.
-
Der fachdidaktische Ansatz: Eigene
Kompetenzbemöhungen vorausgesetzt – dadurch daß deutsche Lehrkräfte
grundsätzlich in mindestens zwei verschiedenen Fächern ausgebildet
sind, ergeben sich schon einige fruchtbare Ansätze –, bemüht sich der
(Politik-)Unterricht innerhalb der traditionellen
Fächerstruktur ganz bewußt durch die geeignete Auswahl
schlüsselproblemorientierte Unterrichtsvorhaben mit entsprechenden
Fragestellungen, Materialien und methodischen Vorgaben
(projektorientierter Unterricht) ›fachinterne
Interdisziplinarität‹ zu entwickeln und gegebenenfalls „Fragen an
die anderen Fächer“ zu formulieren. Hier geht es vor allem darum, bei
den Schülerinnen und Schüler selbst ein neues Bewußtsein des
inneren Zusammenhangs der unterschiedlichen Fachansätze zu
entwickeln und die Fähigkeit zu erzielen, Fachergebnisse in
anderen Fächer präsent zu haben und sinnvoll einbringen zu können.
-
Der handlungsorientierte Ansatz:
Intensiv diskutiert wird in der pädagogischen Literatur derzeit das
Konzept der Handlungsorientierung. Hier tritt zunächst der
Gedanke der inhaltlichen Vermittlung in den Hintergrund
gegenüber dem Ziel, mitbestimmte, mitgestaltete konkrete
Lernsituationen zu strukturieren und Arbeitsziele so zu
formulieren, daß gemeinsame – meist gesellschaftlich vermittelte –
Sinnverständnisse die weitere Arbeit bestimmen und legitimieren.
Wiederum stellt sich aber dann das Kompetenzproblem, wenn die
Ebene der banalen Methodik verlassen wird und sich die
gewählten Arbeitsziele an den leitenden Schlüsselproblemen
messen lassen müssen. Somit kann der handlungsorientierte Ansatz nur
dann fruchtbar umgesetzt werden, wenn er gleichermaßen eingebunden
bleibt in die gesellschaftlichen Relevanzdiskurse, die sich u.a. im
Konzept der Schlüsselprobleme realisieren. Damit steht die
Durchsetzung handlungsorientierte Unterrichtsformen im engen Kontext
mit den Überlegungen einer Veränderten Lehrer-Ausbildung,
-Weiterbildung und -Fortbildung, die damit zum Angelpunkt des
erwarteten Paradigmenwandels wird.
Das Résumé unserer
exkursorischen Überlegungen zum Problem der Interdisziplinarität läßt
sich in der Einsicht ziehen, daß interdisziplinäre Praxis sich nicht von
alleine erschließt und auch durch die Öffnung administrativer
Möglichkeiten nicht ohne Weiteres in der Schulpraxis etabliert werden
kann. Wenn nicht resignativ auf kommende Generationen von Lehrerinnen
und Lehrern gewartet werden soll, die einen bis dann – vielleicht –
vollzogenen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel in einem didaktischen
Paradigmenwandel nachvollziehen, verlangt die Orientierung an
interdisziplinären Unterrichtsmodellen ein ganz bewußtes
persönliches Engagement und die Neugier, über die eigenen
Fachgrenzen hinauszusehen. Für uns Lehrerinnen und Lehrer ist dies
sicherlich zunächst einmal die Konfrontation mit der neueren
Fachliteratur in einem ganz weiten Sinne.
Die folgenden
Rezensionsseiten sollen dazu Anregungen geben und unter diesem Aspekt
gerade einmal fachliche Fokussierungen außer Acht lassen – wenn auch
eine Beschränkung auf Werke im weiteren Sinne aus dem
gesellschaftswissenschaftlichen und humanwissenschaftlichen Bereich
bestehen bleibt. Bei einigen der vorgestellten und in unterschiedlichen
Kontexten zur Lektüre empfohlenen Werken ist sicherlich eine
unmittelbare Umsetzung in Unterrichtszusammenhänge im Fach Politik
nicht so ohne Weiteres denkbar. Als Erweiterung eigener Qualifikation
aber führt der Blick aus der fremden Perspektive zu
Fragestellungen, die beim Zugang zu den gesellschaftlichen
Schlüsselproblemen äußerst hilfreich sein können.
Was bedeutet „Wertorientierung“?
Beginnen wir unseren
„interdisziplinären Streifzug“ mit einem für Politologen eher
›sperrigen‹, wenn nicht befremdlichen fachlichen Beitrag aus dem Bereich
der Betriebswirtschaftslehre. Zwischen den Wirtschaftswissenschaften
und der Politikwissenschaft besteht seit je her ›fachliches Schweigen‹,
da Forschungsmotivation, Realitätsperspektiven und auch
gesellschaftliche Sinngebungen teilweise kontrovers voneinander
verstanden und wahrgenommen werden.
Dabei hat es die
Betriebswirtschaftslehre als praxis- und umsetzungsorientierte
Wissenschaft noch schwerer, das Gehör von Politologen zu finden, als die
Volkswirtschaftslehre, die über die Wirtschaftspolitik und ihre Schulen
noch unmittelbare Berührungspunkte zur Politikwissenschaft aufweist.
Daß daneben die der Politikwissenschaft immanente kritische – und das
heißt in unserer Gesellschaft vor allem auch: kapitalismuskritische
– Perspektive gegenüber der Betriebswirtschaftslehre als Element
der Optimierung kapitalistischen Wirtschaftens zu
distanziert-kritischen Haltungen gegenüber betriebswirtschaftlichen
Überlegungen bei Politiklehrkräften führt, dürfte nur zu verständlich
sein. Nicht legitimierbar ist aber das oft daraus folgende Negieren
betriebswirtschaftlicher Konzepte und Theoreme, da diese in unserer
eigenen Lebenswelt und zunehmend auch als Grundlage für
wirtschaftspolitische Entscheidungen eine wachsende Bedeutung erlangt
haben.
Die Verständnisproblematik wird schon
deutlich, wenn man als Politiklehrer das – wie sich zeigen wird äußerst
faszinierende und wichtige – Werk von
Knorren, Norbert, 1998: Wertorientierte Gestaltung der
Unternehmensführung. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Jürgen
Weber. Gabler Edition
Wissenschaft: Unternehmensführung & Controlling. Wiesbaden [DUV –
Deutscher Universitäts Verlag / Gabler. ISBN 3-8244-6863-8].
in die Hand nimmt und
auf den Terminus »Wertorientierung« stößt. Der Rezensent hat
gerade mehrere Seminare für die Weiterbildung im Fach ›Werte und
Normen‹ geleitet und dabei Wertorientierung als
Unterrichtsprinzip in philosophischer und gesellschaftlich-politischer
Hinsicht kontrovers diskutiert. Nun bedeutet hier bei
Knorren Wertorientierung eine Unternehmensstrategie,
die den ›Wert‹ des Unternehmens (›shareholder value‹) sichert und
steigert. So fragt sich der Sozialwissenschaftler zunächst: Was
interessiert mich das?
Es könnte
tatsächlich uninteressant sein, wenn es sich bei dem Buch tatsächlich
nur um eine Prtaxisanleitung handeln würde. Es ist aber
wesentlich mehr. Bedenkenswert ist es auch für den Nicht-Betriebswirt,
wenn Knorren mit
wohlfundierten Begründungen kurzfristig-spekulative Konzepte der
Realisierung des shareholder values zurückweist und auf die
Notwendigkeit einer das Gesamtunternehmen zielenden integrativen
Sichtweise (vgl. S. 2) und Unternehmensstrategie hinweist.
Knorren erarbeitet
systematisch einen großen Bereich von Faktoren und Variablen, die in ein
integratives Wertkonzept eingehen müssen, und zeigt dabei, daß diese
kritische betriebswirtschaftliche Perspektive in Deutschland noch viel
zu wenig implementiert ist. Sehr deutlich wird dem Leser die Komplexität
von Entscheidungsabläufen und ökonomischen Entwicklungen innerhalb der
Betriebe gemacht, was einige naive Vorstellungen von der Planbarkeit des
wirtschaftlichen Erfolges zurechtrücken kann. Eine über das Unternehmen
hinausweisende Perspektive eröffnet sich, wenn der Verfasser
abschließen als wichtige Einflußgröße die ›stakeholder‹, das
heißt verkürzt auch ›Interessengruppen‹,
ausmacht, die direkten Einfluß auf Unternehmensentscheidungen nehmen
und damit betriebs- und volkswirtschaftliche Sphären verklammern.
Interessant ist auch, wenn der Verfasser die veränderten Besitz- und
Einflußstrukturen diskutiert und darauf hinweist, daß heute in
wachsendem Maße Vermögen von institutionellen Anlegern verwaltet werden
(z.B. Anlagefonds etc.). Das hat nun wieder gravierende politische
Auswirkungen, da damit das traditionelle Unternehmerbild und das
Postulat der persönlichen Unternehmerverantwortung weiter zu
Gunsten von funktionalen Managementperspektiven zurück gedrängt
wird und damit die traditionelle Wirtschafts- und Kapitalismuskritik
zunehmend ›in’s Leere läuft‹. Gerade hier ist ein rationales,
nicht kurzfristig-spekulatives Wertkonzept für die
Unternehmensführung ebenso wichtig wie für die politische und
sozialwissenschaftliche Begleitung dieser grundlegenden Veränderungen
in der Wirtschaftsgesellschaft. Unter diesem Aspekt soll das Buch
ausdrücklich auch zur Lektüre durch Politik-Lehrerinnen und Lehrer
empfohlen werden.
Die Anwendung des
Systembegriffs durch die Politologie
Wer durch die vielbelästerte Dissertation
von Helmut Kohl über die Entstehung der CDU in Rheinland-Pfalz
sensibilisiert wurde für die Entwicklung der Parteien in den
Bundesländern und ihre Bedeutung für die Fortentwicklung des föderalen
Prinzips in der Bundesrepublik Deutschland, sollte an dem Werk von
Galonska, Andreas, 1999: Landesparteiensysteme im
Föderalismus. Rheinland-Pfalz und Hessen 1945-1996. DUV
Sozialwissenschaft. Wiesbaden [DUV – Deutscher Universitäts Verlag /
Gabler-Vieweg-Westdeutscher Verlag. ISBN 3-8244-4329-5].
nicht vorbeigehend.
Material- und detailreich wird die Entwicklung der ›Parteienlandschaft‹
in Rheinland-Pfalz und Hessen bis 1996 ausgebreitet und erörtert und
durch Tabellen mit den Ergebnissen der Landtagswahlen ergänzt.
Galonska stellt seinen
Untersuchungen einige kategoriale vergleichende Ausführungen voran, bei
denen er die parlamentarischen (Parteien-) Systeme mehrer europäischer
bzw. in der europäischen Tradition stehender (Kanada, Australien)
Staaten kategorisiert und charakterisiert. Für einen ersten Überblick
ist dieser Zugriff hilfreich und auch im Sinne einer traditionellen
strukturellen und institutionenkundlichen Politologie als Aspekt des
Politikunterrichts anwendbar und fruchtbar. Für eine vertiefte
Beschäftigung mit den Hintergründen dieser unterschiedlichen Phänomene
fehlt dem Verfasser jedoch die historisch-gesellschaftswissenschaftliche
Perspektive. Sogar noch, trotz des expliziten Verweises des Verfassers
auf entsprechende ›Traditionen‹, in der Untersuchung der beiden
thematisierten Bundesländer könnten regionale Unterschiede verstärkt in
historisch-soziologisch deutbaren Verstaatlichungs- und
Habitusdisparitäten gefunden werden.
Interessant und
anregend ist der Versuch, die Entwicklung des Parteiensystems der beiden
Länder in griffig etikettierte Phasen einzuteilen: Gründungsphase
(1945-1951), Die Phase der Hegemonie (1951-1969), Polarisierunsphase
(1969-1982/8), Öffnungsphase (seit 1982/83). Für die kritische
Lektüre ist diese Anregung jedoch noch keine abschließende Beurteilung,
sondern zeigt gewisse Züge kategorialer Willkürlichkeit, die sich zu
sehr an den äußeren Symptomen der Wahlergebnisse und Regierungsbildungen
orientiert.
Enttäuscht wird
die Erwartung, wenn die Verwendung des Systembegriffes im Buchtitel auf
eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Gegebenheiten der
Landespolitik unter Einbeziehung der Ansätze z.B. der Systemtheorie
hoffen ließ. Gerade das wäre nun ein für die Politikwissenschaft
innovativer Ansatz. Hier wird der Systembegriff umgangssprachlich,
bestenfalls als Grundlage einer eigenen inhaltlichen Kategorisierung
gebraucht. So ist im Sinne der theoretischen und histzorischen
Sozialwissenschaften das Buch von
Galonska wenig innovativ und anregend, als systematisch und
begrifflich saubere Einführung in die Sachverhalte ebenso wie als
Anstoß, über typisierende Kategorisierungen parlamentarischer Systeme
und auch zeitgeschichtlicher Phasen der parlamentarischen Entwicklung
ist das Buch interessant und gerade wegen seiner Praxisnähe für
Politik-Lehrerinnen und Lehrer durchaus empfehlenswert.
Façetten der Politikwissenschaft
Als
Sozialwissenschaftler und Geograph, der mehrfach den Nahen Osten und die
nordafrikanischen Länder aus der Perspektive beider Fachbereiche heraus
bereist hat – den Maghreb auch im Rahmen einer Studienveranstaltung mit
Schülerinnen und Schülern der gymnasialen Oberstufe – und auch unter dem
Aspekt der Auffassung, daß dieser Raum kompetenter und differenzierter
im Unterricht der Politischen Bildung aufbereitet werden sollte, als es
die üblichen Unterrichtsmaterialien vorgeben, hat der Rezensent mit
großem Interesse zu der Studie von Tobias
Schumacher über die
Maghreb-Politik der EU gegriffen:
Schumacher, Tobias, 1998: Die Maghreb-Politik der Europäischen
Union. Gemeinschaftliche Assoziierungspraxis gegenüber Algerien,
Marokko und Tunesien. Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Eberhard
Sandschneider. Studien zur
Internationalen Politik. DUV Sozialwissenschaft. Wiesbaden [DUV –
Deutscher Universitäts Verlag / Gabler-Vieweg-Westdeutscher Verlag. ISBN
3-8244-4320-1].
Daß eine Besprechung
nun hier im Rahmen einer Sammelrezension zum Thema
‚Interdisziplinarität‘ erfolgt, ist damit zu begründen, daß neben den
lesenswerten Ergebnissen der Untersuchung des Autors in Faktur und
Problemstellung grundsätzliche Aspekte des Selbstverständnisses der
Politikwissenschaften als Bezugswissenschaft der Politischen Bildung zu
erörtern sind.
Schumacher leitet seine
Untersuchungen ausdrücklich als ‚politikwissenschaftlich‘
bestimmt ein (S. 9). Die herangezogene, umfangreiche Literatur wie auch
sein eigener methodischer Ansatz zeigen im Rahmen der „Studien zur
Internationalen Politik“ vor allem – verkürzt formuliert –
‚verwaltungswissenschaftliche‘ oder auch
beschreibend-entscheidungszentrierten Charakter im Sinne der
angelsächsischen ‚area studies‘, was die Qualität und
Anwendbarkeit der Studie jedoch keineswegs mindert, aber
weitergehende, vor allem sozialwissenschaftliche Fragestellungen, die
für den Politik-Unterricht bedeutsam sind, offen läßt.
Zu Recht moniert der
Autor, daß die europäische Mittelmeerpolitik und insbesondere auch dem
Maghreb zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Sein Beitrag konzentriert
sich dabei auf die systematische und chronologische
Aufarbeitung umfangreicher politischer, rechtlicher, diplomatischer und
ökonomischer Quellen, bei denen die Handelsverträge und die Bestimmung
der jeweiligen Zollpräferenzen eine besondere und sicherlich
aufschlußreiche Rolle spielen. So wird die Politik der Europäischen
Union in Hinblick auf die sich wandelnden Beziehungen zu den
Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien detaillreich
dargestellt, wobei die politischen Konflikte und Motive eher
exkursorisch und wenig tiefgreifend erschlossen werden. Deutlich werden
auch die unterschiedlichen Gewichtungen, die der Magreb-Politik in
Frankreich als ehemaliger Kolonialmacht und den übrigen EU-Staaten
eingeräumt wird.
Schumacher gliedert die
gemeinsame europäische Politik gegenüber dem Maghreb in drei
aufeinander folgende Phasen: (1.) 1958-1989, in der die
Handelskooperation der EWG und die technische Zusammenarbeit aufgebaut
wird, wobei verständlicherweise Algerien, das erst mit dem Vertrag von
Evian 1963 seine staatliche Unabhängigkeit erhält, eine Sonderrolle
einnimmt; (2.) die Maghreb-Politik am Ende der 80-er Jahre, die vor
allem von den tiefgreifenden Strukturkrisen und sozioökonomischen und
politischen Umbrichen in der Arabischen Welt gekennzeichnet wird, wobei
der Leser eine stärkere kontextuelle Einbindung in die Krise des
Mittelmeergebietes parallel zum Ende des West-Ost-Konfliktes gewünscht
hätte, als sich die weltpolitischen Gewichte Europas wie der arabischen
Welt grundlegend neu definieren mußten; (3.) 1990-1996, als es in der
Konsequenz der genannten Umbrüche zu einer vorsichtigen Neuorientierung
Europas gegenüber den Maghreb-Staaten kam, die verstärkt auch politische
Dimensionen einbezog und in der die Auseinandersetzung mit dem
Bürgerkrieg in Algerien eine zunehmend wichtigere Rolle spielt. Dennoch
zeigt sich auch in diesem Dezennium immer wieder Orientierungs- und
Konzeptlosigkeit seitens der europäischen Politik, die sich im
traditionellen diplomatischen und ökonomischen Rahmen, den das Buch vor
allem thematisiert, kaum überwinden läßt.
Mit
umfangreichen Literaturverweisen und Zolltarifstabellen
Schumacher seine
Ausführungen, die damit ein sinnvolles und detailliertes
Informationsangebot sowohl für die Wissenschaft wie die
Unterrichtspropädeutik ausbreiten. Der sozialwissenschaftlich
orientierte Politologe wird jedoch weiter fragen nach den sozialen
und zeitgeschichtlichen Hintergründen und Prozessen, die die
Maghreb-Politik der EU sowohl von Seiten Europas wie von Seiten ihrer
nordafrikanischen Partner bestimmen. Viel stärker noch werden daher
Fragen nach den sich verändernden Machtbalancen und den Einflüssen
heutiger Globalisierungsprozesse in den Vordergrund treten, die
Erklärungsmuster aus den Disparitäten der Prozesse des ‚nation
building‘ und der damit verbundenen habituellen Politiktraditionen
abzuleiten versuchen. Einen Einstieg in solche Fragestellungen bietet
z.B. der knappe, aber aufschlußreiche Aufsatz von Dietrich
Haensch (1999) zur
Mittelmeerpolitik der EU,
in der eine weitere und analytisch-erklärendere Dimension des
»Politische« angerissen wird, als sie
Schumacher intendiert und
zu Grunde legt. So kommen wir zu dem Schluß, daß auch »innerhalb« der
Politikwissenschaft selbst »interdisziplinäre« Perspektivwechsel
notwendig und sinnvoll sind, um Politik-Unterricht umfassender der
Politischen Bildung zuordnen zu können.
Wo steht heute die Länderkunde
Länderkundliches Arbeiten, lange Zeit zentraler Gegenstand des
Erdkunde-Unterrichtes, war und ist – betrachtet man die Fachdidaktik –
für den Politik-Unterricht tabu. Dabei hat auch die geographische
Fachwissenschaft seit den 20-er Jahren in der kritischen
Auseinandersetzung z.B. mit dem ›Hettner-Schema‹, das allein noch in
gewissen Fällen für die Lexikographie anwendbar ist, oder der
›Dynamischen Länderkunde‹ von Spethmann Länderkunde im
klassisch-systematischen Kontext für Wissenschaft und Unterricht längst
ad acta gelegt. Heutige reflektierende Fachdidaktiker – die in der
Schulgeographie leider bis heute noch die Ausnahme darstellen[16]
– wie Schmidt-Wulffen oder Schramke haben zu den Banalitäten,
Staatsdidaktiken und ideologischen Irrwegen der Schulgeographie (die
sich z.B. hinter offenen bzw. leeren Kategorien wie »Raum«, »Landschaft«
oder »Natur« eher verstecken als unmittelbare Evidenz bezeugen) das
Nötige gesagt.[17]
Auf der anderen
Seite: Kenntnisse über die Realität werden nicht durch Theorie-Rezeption
oder durch ›philosophische Kosmogonien‹ (im Sinne einer ›neuen
Sophistik‹ des Strukturalismus und Funktionalismus) erworben,
sondern konkret, hier und heute. ›Arbeiten vor Ort‹ (um noch
einmal diese überstrapazierte bergbauliche Metapher zu gebrauchen) ist
die Grundlage, verallgemeinerungsfähige Perspektiven entwickeln zu
können; die Ergebnisse dieser konkreten Erfahrungsarbeit – die
niemals unreflektiert, theorielos sein kann – müssen verarbeitet,
reflektiert und, um sie in die allgemeinen gesellschaftlichen Diskurse
einzubeziehen, publiziert werden. Nur dann können sie vom
Erdkunde-Unterricht kritisch rezipiert und für Lernprozesse in Wert
gesetzt werden.
Wie nun muß –
als Ergebnis konkreten Arbeitens, Forschens und Auswertens in einem
bestimmten Land, an einem bestimmten Ort, – eine »Länderkunde« nach
dem »Ende der Länderkunde« Aussehen? Informationsbedarf,
Rezeptionsanforderungen gibt es genug und oft wünscht man sich im Blick
auf die weltweiten brisanten Aktualitäten in den Massenmedien nicht nur
für sich selbst bessere, aktuellere und den Problemen adäquate
Informationen sondern den Mitrezipienten dieser Aktualtäten
gesteigertes Bewußtsein, wie dringlich solche eigenen Zugänge zur
Sachinformation wie zu Beurteilungsmöglichkeiten sind und angesichts
globaler Vernetzungen zunehmend dringlicher werden. Um es ganz deutlich
zu sagen: der unredigierte, unstrukturierte, ungeprüfte und
unrezensierte Informationswust, wenn nicht »Infotainementmüll«
des Internet ist hier kein ernst zu nehmendes Angebot, es sei denn, für
den schon sachkundigen Wissenschaftler. Der Griff zum qualitätsvollen
Sach- und Fachbuch ist hier neben der Lektüre der aktuellen
»Printmedien« unerläßlich: und so sind wir wieder bei der
»Länderkunde«!
Zunächst einmal ist
es wichtig, als Zielgruppe umfangreicherer länderbezogener
Informationswerke in Niveau und wissenschaftlichem Anspruch nicht die
Schülerinnen und Schüler des Erdkunde-Unterrichts selbst und allein
anzusprechen, genauso wenig wie die Textgestalt allein an den Interessen
der Fach-Kolleginnen und -Kollegen auszurichten: doch lesbar und
interessant sollten die Bücher gegebenenfalls für beide sein – ein
schwieriger Spagat, der schriftstellerische Fähigkeiten und fachliche
Kompetenz gleichermaßen erfordert.
Auf einige nach
Auffassung des Rezensenten gelungene Werke in der länderkundlichen Reihe
des Klett-Perthes-Verlages soll hier hingewiesen werden, denen die
Gratwanderung zwischen problemorientierter Aufbereitung und Fokussierung
einerseits und systematischer, dem schnellen Zugriff gerechter
Ausbreitung von länderkundlichem Fachwissen andererseits
erstaunlich gut gelingt. Für Lehrerinnen und Lehrer nicht nur des
Faches Geographie sind die hier vorgestellten Bände für die eigene
Information und Weiterbildung, für die konkrete Fundierung des
Unterrichts und auch als Empfehlung für die Arbeit von Schülerinnen und
Schülern bei Referaten oder in einer Kurshandbibliothek in der
Sekundarstufe II sehr zu empfehlen:
Barth,
Hans Karl / Schliephake,
Konrad, 1998: Saudi Arabien. Perthes Länderprofile. Geographische
Strukturen, Entwicklungen, Probleme. Gotha/ Stuttgart [Klett-Perthes.
ISBN 3-623-00687-4].
Lamping, Heinrich, 1999: Australien. Perthes
Länderprofile. Geographische Strukturen, Entwicklungen, Probleme. Gotha/
Stuttgart [Klett-Perthes. ISBN 3-623-00687-4].
Wein,
Norbert, 1999: Sibirien. Perthes Regionalprofile. Geographische
Strukturen, Entwicklungen, Probleme. Gotha/ Stuttgart [Klett-Perthes.
ISBN 3-623-00693-9].
Über Saudi
Arabien ist hierzulande wenig und zumeist eher stereotypes
bekann, was der politischen und ökonomischen Bedeutung des Landes
keineswegs gerecht wird. Umso erfreulicher ist es, daß zwei ausgewiesene
Kenner dieser Region, Barth
und Schliephake, hier eine
Studie vorlegen, die dem Reihentitel Länderprofile im Gegensatz
zur herkömmlichen Länderkunde gerecht wird. Die Gliederung ist
zunächst systematisch, beginnt aber schon mit einer aufschlußreichen
Einführung, die die regionaltypischen Problemlagen gewichtet und einen
typische »saudischen Entwicklungsweg« vorstellt, der im
Folgekapitel über die geschichtliche Entwicklung Arabiens und die
Staatswerdung sinnvoll aufgefächert und begründet wird.
An dieser Stelle
hätte sich der Rezensent als Politik- und Gesellschaftswissenschaftler –
ohne daß damit eine konkrete Kritik am Konzept der Verfasser verbunden
werden soll – noch differenziertere Überlegungen und Reflexionen aus
dem Bereich der historischen Soziologie zur Zivilisations- und
Gesellschaftsentwicklung und ihrer Interdependenz zu den Prozessen des
nation building gewünscht, durchaus in der Kenntnis der
konkreten Schwierigkeiten, diese Prozesse in den Ländern der Arabischen
Welt hinreichend sicher empirisch untermauern zu können. Hier muß wohl
ergänzend auf das arabistische Schrifttum zurückgegriffen werden, daß
aber bekanntermaßen durchaus noch Interpretations- und
Informationsprobleme sichtbar werden läßt.
Im Sinne eines
modernen Geographieverständnisses werden bei
Barth und
Schliephake die einzelnen systematischen Kapitel – Naturraum,
Wasser, Landwirtschaft, Industrialisierung, Verkehr, städtische
Traditionen – immer wieder argumentativ verzahnt und aufeinander
bezogen, so daß an keiner Stelle die Belanglosigkeit einer summativen
Faktenvermittlung – einer Gefahr länderkundlicher Darstellungen gerade
wenn sie die Informationsdichte des vorliegenden Bandes aufweisen –
entsteht. So ist den Autoren anschaulich gelungen, nicht nur eine
geographische Momentaufnahme Saudi Arabiens zu liefern, sondern
Entwicklungen und Perspektiven prozessual herauszuarbeiten und in ihren
Bedingtheiten kenntlich zu machen.
Das Buch ist mit
Skizzen, Karten und Tabellen sowie mit weiterführenden
Literaturverweisen gut ausgestattet und kann so auch als Nachschlagwerk
dienen.
Dem Band sind viele
aufmerksame Leserinnen und Leser zu wünschen, deren Interesse an Arabien
als einer auch zukünftig für den Nahen Osten wie für das ganze Europa im
Süden abschließende Mittelmeergebiet bedeutenden politisch-ökonomischen
Macht wie eines beachtenswerten kulturellen Faktors in den
Umgestaltungsprozessen der Semiperipherien damit geweckt werden sollte.
Australien
ist »in«, wenn man den Äußerungen und Themenwünschen unserer
Schülerinnen und Schüler glauben darf. Kenntnisse und konkrete
Vorstellungen bleiben dagegen oft rudimentär und oberfächlich. Daher ist
es verdienstvoll, wenn Heinrich
Lamping seinen Band »Australien« in der Reihe der
Länderprofile vorlegt. Die für diese Reihe typischen positiven
Merkmale, die wir schon beim Band »Saudi Arabien« gewürdigt
haben, treffen auch auf dieses Buch zu.
Überzeugend ist es,
wenn Lamping in einem
Einführungskapitel zunächst fünf zentrale Charakteristiken
dieses Kontinents aufführt, die in den Folgekapiteln integrativ
aufgearbeitet und belegt werden. Dabei werden einerseits die extreme
landwirtschaftliche Limitation und ihren historisch-ökonomischen und
siedlungsgeschichtlichen Folgen den aus einer konkreten Erschließungs-
und Kolonialsituation heraus entstandenen städtischen Traditionen
andererseits, mit denen sich dann auch die Phase der Industrialisierung
wie des austalischen »nation building« verbindet,
gegenübergestellt und als zwei Seiten der Entwicklung Australiens in
die Gegenwart beschrieben.
Innzwei
umfangreichen integrativen Darstellungen wird die Landesentwicklung
einmal als In-Wert-Setzung des Raumes und die damit verbundenen
Erschließungsprobleme parallel zur Entwicklung der australischen
Wirtschaft bis hin zur Weltmarktintegration untersucht, dann noch
einmal, ausgehend von der Entwicklung der städtischen Zentren, ein
gesellschaftlicher Wandel und der politische Staatenbildungsprozeß über
mehrere Etappen verfolgt. Die Perspektiven verbinden sich in der Phase
der Industrialisierung und unter dem Aspekt der Einbindung Australiens
in die Globalisierungsprozesse und zunehmend auch in die Konfliktlagen
der ost- und südostasiatischen Nachbarregion, die dem australischen
Selbstverständnis als Glied der angelsächsischen Welt lange sehr fremd
geblieben ist.
Über das
beeindruckende Informationsangebot hinaus gibt
Lamping damit gerade für
Lehrerinnen und Lehrer in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern,
zu denen auch die Geographie gehört, wesentliche Anregungen und
Fundierungen, Unterricht zum Themenbeispiel Australien problemorientiert
didaktisch zu strukturieren, um damit eine sinnvolle fachliche Antwort
auf die diffuse Affinität zum Thema in der Schülerschaft geben zu
können. Für die Ausarbeitung von Referaten ist auch dieser Band wie
alle Bände der Reihe der Länderprofile gut geeignet und sollte
als Basismaterial verpflichtend gemacht werden, um der leider um sich
greifenden Verwendung unseriöser Informationsmedien als
Referatressourcen gegenzusteuern.
Der dritte hier
vorzustellende Band, Sibirien von Norbert
Wein, eröffnet eine neue
Reihe von »Regionalprofilen«, die die bisherige strikte
Ausrichtung auf Staaten in ihren derzeit gültigen politischen Grenzen
aufgibt zu Gunsten eines geographischen Abgrenzungsprinzipes von
Regionen. Dies erscheint sinnvoll, da geographische Räume, wenn sie
gesellschaftlich-ökonomisch oder als kulturell-politisch geprägte
Lebensräume definiert werden, selten mit den tatsächlichen
Staatsgrenzen korrespondieren. Andererseits sind Staatsgrenzen selbst
sehr wichtige geographisch-gesellschaftliche Wirkungs- und
Bestimmungsgrößen, wie sich schon allein in der strukturierenden
Wirkungsmacht von Verwaltungshierarchien und ihren Begrenzungen, aber
auch an der Tatsache, daß die meisten legalen und machtpolitischen
Einflußgrößen auf das Alltagsleben in politischen Grenzen
definiert ist, erkennen läßt. Für den geographischen Überblick sind
politische und Verwaltungsgrenzen genauso Grenzen der Verfügbarkeit
und Vergleichbarkeit von statistischen Daten. Wie wesentlich Grenzen
(Problem-) Bewußtsein prägt, zeigt die Untersuchung von Migrationen:
erst beim Überschreiten definierter Grenzen wird aus eher zufälliger
Binnenwanderung Migration mit all ihren Rechtsfolgen und
Konfliktpotentialen. So erklärt sich das Phänomen fast geometrisch,
daß der Anteil der Migranten in einer Staatsbevölkerung in der Regel
umgekehrt proportional zur Flächengröße eines Landes ist.
Gerade der Großraum
Sibirien rechtfertigt einen Zugriff über einen geographischen
Begriff der Region. Einerseits im Staat Rußland eingebunden in
eine vor allem nach Westen hin größere staatlich-politische Einheit, zu
derem Westteil gravierende strukturelle und machtpolitische
Disparitäten bestehen, andererseits nach dem Zerfall der Sowjetunion
vor allem im Süden durch neue staatliche Grenzen zerschnitten, die auch
durch die Gründung der »GUS« nicht abgemildert werden, lassen sich die
Entwicklungen und Perspektiven Sibiriens, Nordasiens, nicht im
herkömmlichen Sinne von Staatsgrenzen ausgehend hinreichend
interpretieren, ohne daß gerade diese politisch-administrative
Dimension vernachlässigt werden dürfte. Daraus entstehen Problemsichten
und Erörterungsmöglichkeiten, die gerade in der didaktischen Umsetzung
nicht vernachlässigt werden dürfen, aber einer kompetenten und
inhaltlich differenzierten Einführung für die Lehrerinnen und Lehrer
bedürfen, wie sie Wein
bietet.
Sibirien ist
keineswegs der einheitliche, undifferenzierte »leere Naturraum«,
als den unser geographisches Bild ihn erscheinen läßt und den auch die
Dominanz der russischen Ausbreitungs- und Russifizierungsgeschichte ihn
erscheinen lassen könnte. Doch können hier gerade die gegenseitigen
Interdependenzen und Einflußnahmen unterschiedlicher Geofaktoren (die
hier in erster Linie auch als gesellschaftliche Wirkungen aufscheinen)
in Großräumen als Übergangszonen oder regionale Disparitäten aufgezeigt
werden.
Norbert
Wein gelingt es,
differenzierte eigene Forschungsergebnisse in Sibirien einmal in einem
problemorientierten, historisch wohl fundierten Überblick, zum anderen
auch in sehr konkreten exemplarischen Raumbeispielen auszubreiten, die
wesentliche Urteilskriterien für die zukünftige politische und
sozioökonomische Entwicklung vermitteln, wobei auch ein Ausblick auf die
Rolle Sibiriens in der Weltwirtschaft gewagt wird.
Unter der Vielzahl
möglicher Anknüpfungspunkte zur Arbeit mit diesem Buch soll hier ein
sozialwissenschaftlich relevantes Thema herausgegriffen werden: die
Probleme der indigenen Völker Sibiriens (S. 138 ff.). Der Autor gibt
nicht nur in traditionell-geographischer Weise einen Überblick über die
regionale Verteilung der Völker Sibiriens und ihre Siedlungsgebiete,
sondern geht auch vertiefend auf die gesellschaftliche und ökonomische
Geschichte bis hin zu den heutigen Lebensbedingungen und Migrationen
ein, wobei sich die grundsätzliche Frage nach dem Erhalt indigener
Kulturformen in sich wandelnden sozioökonomischen Kontexten stellt.
Die Geschichte
Sibiriens ist geprägt von der Vereinnahmung durch Rußland und die damit
verbundene Russifizierung, die heute, nach der Auflösung der
Sowjetunion, zu unmittelbaren regionalen Konflikten und zur
Vergrößerung sozioökonomischer Disparitäten und Machtungleichgewichten
führt. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive stellt sich hier
wiederum die Frage nach den Charakteristiken des »nation building«
und der Charakterisierung Sibiriens als Transformationsraum,
Semiperipherie oder z.T. wohl auch sozioökonomischer Peripherie, der mit
den traditionell an den Ländern der »Dritten Welt« entwickelten
politologischen begrifflich-theoretischen Instrumentarium kaum
beizukommen ist. Intensiv müssen hier die konkreten
Zentrums-Peripherie-Beziehungen in den sich wandelnden zentralen und
regionalen Machthierarchien untersucht werden, wofür dieser Band
reichhaltige Materialien, Interpretationsanregungen und Fragestellungen
für die Weiterarbeit zur Verfügung stellt.
Da für Europa die
Ostbeziehungen sowohl politisch wie ökonomisch von zentraler Bedeutung
sein werden, ist eine intensive Auseinandersetzung mit den Risiken und
Potentialen dieses Teilkontinents Sibirien von entscheidender
Bedeutung. Daher sei diesem informierenden und anregenden Buch weite
Verbreitung und Aufmerksamkeit gewünscht.
Gerhard Voigt
Ein
deutsch-türkischer Dialog
Rezensionen von
Sammelbänden können immer nur unvollständige, eher
subjektiv-auswählende thematische Hinweise und Leseempfehlungen geben,
so auch der folgende Hinweis auf einen neuen
soziologisch-politiwissenschaftlichen Sammelband, der in origineller
Form die Probleme der Globalisierungsprozesse, der internationalen
Migration und der Kulturkontakte in deutscher wie in türkischer
Perspektive anspricht:
KürÔat-Ahlers,
Elçin
/ Tan, Dursun / Waldhoff,
Hans-Peter, Hg., 1999: Globalisierung, Migration und
Multikulturalität. Werden zwischenstaatliche Grenzen in innerstaatliche
Demarkationslinien verwandelt? Wissenschaftliche Schriftenreihe
ZwischenWelten: Theorien, Prozesse und Migrationen; Band 3. Frankfurt
am Main [IKO – Verlag für
Interkulturelle Kommunikation. ISBN 3-88939-479-5].
Das Thema hat zentrale
Bedeutung für heutige sozialwissenschaftliche Diskurse. Das Besondere
aber ist, daß hier der Versuch gemacht wird, den »interkulturellen« bzw.
»transkulturellen« Ansatz auch von Seiten der wissenschaftlichen
Bearbeitung zu realisieren, indem deutsche und türkische
Sozialwissenschaftler zu den Fragestellungen des Themas Aufsätze
vorlegen, die durchaus die unterschiedlichen Wahrnehmungsperspektiven
kenntlich machen und damit für eine aufschlußreiche Lektüre bürgen.
Diesem transkulturellen Ansatz hat sich die Deutsch-türkische
Vereinigung zum sozial- und geisteswissenschaftlichen Austausch (DTA),
Hannover, verschrieben, auf derem Symposium in der Universität Mersin
in der Türkei die Vorträge im November 1997 gehalten wurden, die
den Aufsätzen in diesem Buch zu Grunde liegen. Die DTA, von Mitgliedern
des Soziologischen Instituts der Universität Hannover vor zwei Jahren
gegründet, veranstaltet in regelmäßigen Abständen im Wechsel in
Hannover bzw. in der Türkei in Zusammenarbeit mit einer türkischen
Partneruniversität Symposien, die zu einem intensiveren
akademischen Austausch und der Einleitung engerer fachlicher Kontakte
zwischen der Türkei und den deutschen Sozialwissenschaftlern führen
sollen. Publikationen und die Etablierung eines Arbeitsschwerpunktes
»Türkei« an der Universität Hannover erscheinen dabei ein wichtiger
Schritt, die schwierige Nachbarschaft Europas und der Türkei durch
Eröffnung rationaler Diskurse zu verbessern und dem emotionalen Nebel,
der in Deutschlad wie in der Türkei vorurteilsfreie Begegnungen
erschwert, zu lichten.
Die Aufsätze
gruppieren sich zu den zentralen Kapiteln »Globalisierung«, »Migration«,
»Multikulturalität«, »Interkulturalität« und »Nation«. Bei vielen
Aufsätzen sind die Rezeption der Zivilisationstheorie und der
historischen Perspektiven zur Globalisierung in der Folge der
Weltsystemtheorie nach Immanuel Wallerstein erkennbar, also
letztlich historisch-soziologische Perspektiven, denen sich viele der
Autoren und insbesondere die Herausgeber verschrieben haben, ohne daß
daraus aber eine wissenschaftliche und thematische Einseitigkeit des
Sammelbandes herrühren würde. Im Gegenteil: die reflexive Arbeitsweise
der historischen Sozialwissenschaft führt zu erhellenden und
anregenden neuen Sichtweisen gerade auch zum Verhältnis der
Globalisierungsprozesse zur Entwicklung von Nation und
Staatsgesellschaft. Migration wird in diesem Kontext verstanden als
Folge der wachsenden Spannungsverhältnisse und Machtungleichgewichte
zwischen den Ländern der sozioökonomischen Zentren und den
semiperipheren und peripheren Regionen, deren regionalen Disparitäten
dazu noch durch Peripherisierungs- und Marginalisierungsprozesse
problemverstärkend wachsen.
Der Band soll gerade
auch für Politik-Lehrerinnen und -Lehrer dringend empfohlen werden,
denen in der Regel gerade diese neuen sozialwissenschaftlichen Ansätze
und Perspektiven eher fremd sind und die damit oft große
didaktisch-fachliche Probleme mit Themen wie Migration oder
Globalisierung haben, die im Sinne klassischer Interpretationen
vorwiegend ökonomisch und rechtlich (staatsrechtlich oder
menschenrechtlich) fokussiert werden. Dabei geht aber der prozessuale
Charakter, das Eingehen auf Interdependenzen, Spannungsbögen und
Gleichgewichtssituationen meist verloren.
Hier kann nur auf
einige lesenswerte Aufsätze hingewiesen werden, ohne sie ausführlicher
kritisch zu diskutieren. Die drei Aufsätze zur Globalisierung
sind von zentraler Bedeutung. Ingolf
Ahlers setzt sich „aus
abweichender Perspektive“ kritisch mit der Diskussion um die
Globalisierung und den herrschenden Theoremen der „Weltökonomie“ und
des „Neoliberalismus“ auseinander. Dabei wird deutlich gemacht, daß
Globalisierung nicht als alleiniges Erklärungskonzept für den
sozioökonomischen und politischen Wandel herangezogen werden kann. „Als
Subjekt des Lokalen agiert in erster Linie der Nationalstaat...
Hinzuweisen ist des weiteren auf das unterschiedliche
Integrationsniveau innerhalb der hegemonialen Wirtschaftsblöcke...“ (S.
39); sehr deutlich wird daher eine differenziertere, mehrperspektivische
Analyse der Globalisierungsprozesse eingefordert.
Baskin
Oran stellt den
Globalisierungsprozeß, wenn auch eher thesenartig verkürzt, in seinem
Aufsatz „Bedeutet Globalisierung Imperialismus?“ in einen
langfristigen historischen Kontext und stellt „1490, 1890, 1990“
vergleichend gegenüber. Diesen Ansatz zur Unterrichtsgrundlage zu
machen und dabei Politik und Geschichte interdisziplinär im Sinne der
historischen Sozialwissenschaft zu verknüpfen, könnte ausgesprochen
fruchtbar sein.
In wie weit die
Folgen der Globalisierung Grundlage für neue Spannungsbeziehungen in den
Gesellschaften, hier in der noch deutlich semiperipher strukturierten
Gesellschaft der Türkei, bedingen können, zeigt Oktay
Gökdemir in seinem Aufsatz
„Der radikale Islamismus im Kontext der Globalisierung“ auf. Das
ist ein guter Ansatz auch für die unterrichtliche Umsetzung, Fragen zum
Modethema des »Fundamentalismus«
nicht nur unter ethisch-rechtlicher, d.h. normativer didaktischer
Perspektive, oder unter dem Aspekt der »Sicherheitsbedrohung« zu
behandeln, sondern, realitätsangemessener, unter historischen und
sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Nina Clara
Tiesler ergänzt diesen
Ansatz durch Überlegungen zum Thema „Die Begegnung Europas mit dem
Islam im Zeitalter der Migration“. Daß gerade die Konfrontation mit
Migrationsprozessen die Frage nach den Gruppendefinitionen und
-selbstdefinitionen neu aktuell werden läßt, ist heute zentrale Aufgabe
der Soziologie. Dabei muß deutlich werden, daß alltägliche Kategorien
wie Volk, Nation und Ethnie keine Naturgegebenheiten sind,
sonder historisch entstandene gesellschaftliche Konstrukte, wie es Esma
Durugönül in ihrem Beitrag
„Die Funktion der Konstruktion von ethnischen Minderheiten am
Beispiel der türkischen Migranten in Deutschland“ konkret und
aktuell herausarbeitet.
Ohne hier nicht
genannte Aufsätze, die durchweg interessant und lesenswert sind, damit
abqualifizieren zu wollen, soll abschließend noch auf zwei Aufsätze
hingewiesenm werden, die auf weiter gefaßte sozialwissenschaftliche
Diskurse verweisen und im Kontext heutiger fachlicher
Auseinandersetzungen Position beziehen. Es geht um die kritische und
skeptische Auseinandersetzung mit zentralen Kategorien, die auch
bestimmend für das politische Alltagsbewußtsein in der Politischen
Kultur sowohl Deutschlands als auch der Türkei sind und damit der
reflexiven Forschung affektive und politische Barrieren entgegen
setzen: die Kategorie der »Identität« und die Kategorie der »Nation«.
Krassimir Stojanov („Der
Begriff ‚interkulturelle Identität‘ im Kontext der
Globalisierungsprozesse in der reflexiven Moderne“) relativier schon
im Titel den abschließenden Identitätsbegriff durch den kontextuell
orientierten Begriff der Interkulturalität. Die Auseinandersetzung mit
der Literatur (Habermas und Charles Taylor) ist interessant, aber
insgesamt doch wohl etwas knapp und exkursorisch, wenn auch Anregungen,
wie der Verweis auf die „dialogische Struktur der Identität“ (S.
198), interessante Anregungen zum Weiterdenken vermitteln. Der
Nationenbegriff wird von Ulrich
Bielefeld konstruktiv kontrastiert und damit problematisiert
durch den Begriff der Fremde in seinem Aufsatz „Nation und
Fremde. Formen des Nationalen und die Konstituierung des Fremden“.
Interessant sind hierbei die historischen und zeitgeschichtlichen
Perspektiven und die Einbeziehung von Beispielen aus der Geschichte
Frankreichs. Seine Schlußfolgerung: „So kann soziale Integration bei
politischer Desintegration zeitlich befristet durchaus gelingen.
Allerdings erweist sich politische Anerkennung ... langfristig als
Voraussetzung sozialer und kultureller Integration. Denn das politische
System inkludiert in diesem Falle auch die sozial oder kulturell
exkludierten. Der inklusive Staat steht der exklusiven Gesellschaft
gegenüber“ (S. 193). Dies läßt weiter reichende kritische
Schlußfolgerungen im Bereich der deutschen »Ausländerpolitik« zu, die
trotz aller Integrationsrhetorik den exklusiven Staat präferiert
und zum Leitbild erhoben hat. Hier liegt es nun nahe, sich mit den
sozialpsychologischen Prozessen der Erfahrung der Fremde bei
den Migranten selbst intensiver zu beschäftigen. Dazu sei hier auf ein
grundlegendes Werk verwiesen, das von dem einen der Herausgeber des
vorliegenden Buches stammt und das ohne eingehende Rezension
hier empfohlen werden soll:
Waldhoff, Hans-Peter, 1995: Fremde und Zivilisierung.
Wissenssoziologische Studien über das Verarbeiten von Gefühlen der
Fremdheit. Probleme der modernen Peripherie-Zentrums-Migration am
türkisch-deutschen Beispiel. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag.
ISBN 3-518-58196-1].
Abschließend noch der
Hinweis auf eine Festschrift zu Ehren von Peter
Gleichmann, der Mentor und
Initiator des hannoverschen Schwerpunktes der
Elias-Rezeption und der darauf aufbauenden Werke der
historischen Soziologie ist, der die hier vorgestellten Werke verbunden
sind:
Barlösius, Eva /
Kürșat-Ahlers,
Elçin / Waldhoff,
Hans-Peter, Hg., 1997: Distanzierte Verstrickungen. Die ambivalente
Bindung soziologisch Forschender an ihren Gegenstand. Festschrift für
Peter Gleichmann zum 65.
Geburtstag. Berlin [edition sigma rainer bohn verlag. ISBN
3-89404-433-0].
Leitmotivisch
durchzieht diese Arbeiten die Erfahrung, daß
gesellschaftswissenschaftliches Forschen,
Elias würde lieber von
»Menschenwissenschaften« sprechen, Distanzierungsprozesse notwendig
macht, die den gesellschaftlichen Bindungen und Affinitäten konträr
laufen; daß Rationalität und Affekte in einer Beziehung stehen, die
selbst als „Verstrickung“ aufgedeckt und untersucht werden müssen; daß
Selbstbezüglichkeiten eine Grundfigur soziologischen Arbeitens sind. Daß
diese selbstreferentiellen Denkstrukturen aktuellen
philosophischen Ansätzen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften
entsprechen (Konstruktivismus und Dekonstruktivismus, Chaos und
Kybernetik...), macht die Aktualität dieses Denkens aus. Diese
soziologische Tradition, der Zivilisationstheorie verpflichtet,
mit der Migrations- und Semiperipherieforschung verbunden und erweitert
zu haben, ist das Verdienst dieser »Schüler von Gleichmann« aus
den soziologischen Arbeitsgruppen an der Universität Hannover, wie
Elçin
Kürșat-Ahlers,
Hans-Peter
Waldhoff und Dursun Tan,
der sich auch intensiv mit religionssoziologischen Fragen
beschäftigt hat.
Gerhard Voigt
(Vorstandsmitglied der DTA)
Kurzbesprechungen
Gugel, Günther
/ Jäger, Uli, 1999: Global Handeln für Frieden und
Entwicklung. Voraussetzungen, Ansätze, Beispiele. Tübingen [Verein
für Friedenspädagogik. ISBN 3-932444-01-9].
Der Titel dieses
kleinen Handbuches, eher eines Leitfadens für die Vorbereitung von
konkreten Einsätzen bei Hilfsprogrammen in Krisengebieten denn
pädagogisch-didaktisches Grundlagenwerk für den Unterricht, stellt die
gängige Formulierung „global Denken – lokal Handeln“ auf den Kopf – ganz
bewußt, da die mentale und praktische »Beschränktheit« der alleine auf
das lokale Handeln ausgerichteten »alternativen Politik«
zusehends evident geworden ist und gerade in Deutschland zu
Engstirnigkeit, Borniertheit und Selbstbezogenheit der lokalen
Initiativen, bei denen längst die »globale Perspektive« zur
billigen Legitimationsideologie der »moralischen Übelegenheit«
verkommen ist und die von traditionellen liberalen Lobby für
Eigeninteressen nach dem »Sankt Florians-Prinzip« nicht mehr zu
unterscheiden sind, geführt hat. Das Buch, und das ist sein Vorzug, der
hier zur Leseempfehlung führt, lenkt den Blick auf die vielfältigen
Möglichkeiten, dort, wo die Krisen und die Not tatsächlich sind, aktiv
zu werden, zu helfen und zu neuen, sehr viel bescheideren Einschätzungen
der eigenen Möglichkeiten zu gelangen. Im ersten Teil stellen die
Verfasser jeweils um zentrale Textstellen aus der Literatur bzw. den
Medien herum, Problemfelder des Handelns und des Wahrnehmens vor, die
den Kontakt mit den Katastrophen bestimmen: Einmischung, Hilfe,
Motivation, Interkulturelles Lernen, Reisen, Sprache, Kommunikatien,
Bedrohungssituation, Opfer. Die kurzen Anmerkungen dazu sind
aufschlußreich und aufklärerisch und Regen zur vertieften Beschäftigung
an, können jedoch verständlicher Weise keine abschließenden Wertungen
und Lösungen anbieten. Vor allem die sozialwissenschaftliche Distanz und
Einordnung muß hier noch fehlen und für Unterrichtszwecke nachgearbeitet
werden. Nach einer Zusammenstellung von Regeln für Auslangseinsätze
folgt ein abschließender, didaktisch anregender Teil, in dem
Filmbeispiele aus unterschiedlichen Quellen zum Thema protokolliert
und charakterisiert werden. Der Band schließt mit ausführlichen
Literatur- und Anschriftenverzeichnissen.
Claußen, Bernhard, 1997: Politische Bildung. Lernen für die
ökologische Demokratie. Darmstadt [Primus-Verlag. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft. ISBN 3-89678-311-4].
Einen inhaltlichen
Schwerpunkt hat die Politische Bildung in den letzten Jahren
hinzugewonnen, parallel zur wachsenden auch tagespolitischen Bedeutung
der deutlicher wahrgenommenen und bewußt gewordenen Umweltprobleme: den
der ökologischen Bildung. Notwendig ist hier sicherlich
interdisziplinäres Arbeiten, da in diesem Bereich die Geographie ebenso
wie die Naturwissenschaften Kompetenzanforderungen aufstellen. Die
Sozialwissenschaften und die Politikdidaktik haben hier vor allem für
die kontextuelle Problemintegration zu sorgen. Claußen geht dabei recht
grundsätzlich vor und insistiert auf einer kritischen Begrifflichkeit
und einer differenzierten rationalen Problemsicht. Dabei ist im
Hauptteil des Buches das Thema eher eine kritische Auseinandersetzung
mit der Situation und den Zielbestimmungen der Politischen Bildung heute
als eine konkrete ökologisch-didaktische Studie. Dies werden an
praktischen Unterrichtsanforderungen orientierte Politik-Lehrerinnen und
-Lehrer wohl eher vermissen. Der kritisch-systematische und
aufklärerische Wert des Buches ist jedoch unbestritten und sollte
eigentlich grundsätzlichere Diskurse in der Lehrerschaft anregen.
Claußen leitet seine Ausführungen ein mit einem kritischen Blick auf die
Geschichte der Politischen Bildung, deren Problemfeld er zwischen
„Marginalisierung und Innovation“ angesiedelt sieht. Das Kapitel
über die Politische Kultur ist aufschlußreich, wenn auch
sozialwissenschaftlich etwas exkursorisch, was der Zielbestimmung des
Bandes zuzuschreiben ist. Ausführlich befaßt sich Claußen mit dem
Problemverständnis der Politischen Bildung. Wichtig ist dabei vor allem
die inhaltliche und begriffliche Abgrenzung z.B. vom Problemfeld der
politischen Sozialisation. Ein konkreter und definierter
Begriffsgebrauch ist die Voraussetzung eines innovativen Umgangs mit den
Inhalten der Politischen Bildung. Die Erörterung der Aufgaben,
Absichten und Orte Politischer Bildung entscheidet in der gebotenen
Kürze nicht immer klar genug zwischen normativen Zielbestimmungen und
reflexiv-diskursiven Erörterungen. Doch mag dieser Einwand marginal sein
angesichts des argumentativen Anspruchs, der trotz der Kürze der
Darstellung weit über das übliche didaktische Niveau der Literatur zur
Politischen Bildung herausgeht. Die abschließenen didaktischen
Konsequenzen sind knapp und präzise und regen zum Weiterdenken an.
Grundsätzlich wäre zu überlegen, welche sprachlich-editorischen
Vermittlungsformen die Kolleginnen und Kollegen in der Unterrichtspraxis
heute überhaupt noch ansprechen. Meine Skepsis, ob sie mit diesem Buch,
auch angesichts seiner argumentativ-differenzierten, in der
Terminologie klaren aber durchaus nicht allgemeinverständlichen Form,
überhaupt noch zu erreichen sind. Vielleicht ist dann der Zugang über
einen vom gleichen Verfasser zum Thema Ökologie herausgegebenen
Sammelband erfolgversprechender:
Claußen, Bernhard / Wellie,
Birgit, Hg., 1996: Umweltpädagogische Diskurse.
Sozialwissenschaftliche, politische und didaktische Aspekte
ökologiezentrierter Bildungsarbeit. Materialien zur
sozialwissenschaftichen Forschung (MaSoFo) – Band 10. Frankfurt am
Main [Haag + Herchen Verlag. ISBN 3-86137-532-X].
Einmalig ist hier
der von Claußen zusammengestellte über 130-seitige bibliographische
Anhang, der für eine weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem
Thema in Zukunft unverzichtbar sein wird. Der insgesamt 730-seitige Band
umfaßt 18 umfangreiche Studien, die alle Aspkte der sozial- und
politikwissenschaftlichen Umweltpädagogik umfassen und – da eine
detaillierte Würdigung hier nicht mehr möglich ist – den Kolleginnen
und Kollegen zu Lektüre dringen empfohlen sein sollen.
Hufer, Klaus-Peter
/ Wellie, Birgit, Hg.,
1998: Sozialwissenschaftliche und bildungstheoretische Reflexionen:
fachliche und didaktische Perspektiven zur politisch-gesellschaftlichen
Aufklärung. Festschrift für Bernhard Claußen zur Vollendung seines 50.
Lebensjahres. Glienicke/Berlin; Cambridge/Massachusetts [Galda +
Wilch Verlag. ISBN 3-931397-11-4].
Professor Bernhard
Claußen, Universität Hamburg, Vorstandsmitglied des Verbandes der
Politiklehrer, ist im letzten Jahr 50 Jahre alt geworden. Der Verband
hat ihm dazu gratuliert und sich an seiner »Geburtstagstagung«
Ostern 1998 in Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern) u.a. durch die
Integration der regulären Jahreshauptversammlung in das Seminarprogramm
beteiligt. Daß im Vorfeld dazu eine volumiöse und fachlich anregende
Festschrift schon zum 50. Geburtstag von seinen akademischen Schülern
herausgegeben wurde, zeigt die Bedeutung dieser außergewöhnlichen
Persönlichkeit, deren Mut, unangenehme politische und fachliche
Wahrheiten auszusprechen und sich dabei auch Feinde vor allem in den
affirmativen Institutionen des politischen und akademischen Lebens
zu machen, für die vielen Freunde, die ihn und seine Integrität und
menschliche Solidarität kennen gelernt haben, Ermutigung und fordernde
Anregung bedeutet, mit dem Wunsch, seiner Arbeitskraft noch lange
teilhaftig bleiben zu dürfen. In diesem Sinne soll statt einer
inhaltlichen Rezension des Bandes (vor allem, da der Rezensent ebenfalls
mit einem Aufsatz vertreten ist) nur Dank und Anerkennung an den
laureatus gehen mit dem Hinweis auf 35 Autorinnen und Autoren, die
in diesem Band ein vielfältiges Spektrum dessen abdecken, was heute mit
der Politischen Bildung verbunden ist, und das vor allem auch immer
wieder dem Anspruch der Interdisziplinarität folgt.
Gerhard Voigt