Vorbemerkungen
1. Die Erschaffung von Himmel und Erde
2. Die Erschaffung von Adam (Adem)
3. Die Erschaffung von Eva
(Havva)
4. Erbsünde (Ursünde) und die Unvollkommenheit des Menschen
5. Implikationen des Menschenbildes für Gesellschaft und Lebenswelt
6. Toleranz
7. Pluralisierung
8. Schlußwort
Literatur
Anmerkungen
„Menschen sind Gestalten in Zeit und Raum und können
jederzeit entsprechend ihrer Stellung in diesen Dimensionen lokalisiert und
datiert werden. Aber das genügt nicht. Als fünfte Koordinate tritt bei Menschen
in allem, was sie erleben und tun, die Bestimmung ihres Durchganges durch das
symbolische Universum hinzu, in dem Menschen miteinander leben. Ein
offensichtlicher Repräsentant dieser Dimension ist die Sprache, also
umfassende, komplexe, menschengeschaffenen Symbole, die von Gesellschaft zu
Gesellschaft verschieden sein können und die zugleich der Kommunikation unter
Menschen wie ihrer Orientierung dienen. Aber Symbolgehalte, so etwa Begriffe
oder etwa das, was wir den „Sinn“ von Kommunikationen nennen – kurzum alles,
was im Verkehr der Menschen durch ihr „Bewußtsein“ hindurchgeht und gestaltet
wird –, gehören zu dieser Dimension, aber ganz gewiß auch die gegenwärtige
Bedeutung der Begriffe „Raum und Zeit“. Diese (...) sind nicht einfach da – ein
für allemal. Sie sind immer in Fluß, immer geworden, was sie sind, und immer im
Werden. Sie entwickeln sich in der einen oder anderen Richtung, sei es zu
größerer Realitätsnähe und Objektadäquanz, sei es zu einer Verstärkung ihres
Charakters als Ausdruck menschlicher Affekte und Phantasien, oder etwa auch im
Sinne einer sich ausweitenden oder schrumpfenden Synthese“ (Elias: Über die
Zeit II, in Merkur, 10/1982: 1014).
Zu den menschengeschaffenen Symbolen gehören auch die
Glaubensvorstellungen und in ihrer systematisierten Form die Religionen,
vielleicht tiefer und sinnstiftender als alles andere. Aber auch die religiösen
Symbole und Praktiken sind nicht statisch für immer und ewig festgelegt, auch
wenn sie das für sich beanspruchen. Ein Blick in die europäische
Religionsgeschichte würde sofort vor Augen führen, wie im Laufe der Zeit sich
das Verständnis von Religion und der Symbolgehalt derselben Religion verändert
haben. Der islamischen Religion wird ihre Historizität häufig abgesprochen.
Jede Religion ist aber als historisches Produkt den Gesetzen der Entwicklung
unterworfen und ist vielfältigen Einflüssen ausgesetzt. Jede Religion muß
durch die jeweilige Zeit, den Raum und die vorgefundene Kultur hindurch gehen,
bevor sie überhaupt verstanden wird. Daher spiegelt ihre jeweilige Lesart immer
den geistigen Horizont einer bestimmten Zeit, eines bestimmten geographischen
Ortes und einer bestimmten Kultur wider. Der geistige Horizont des Koran in
seiner Entstehungsphase ist die arabische Halbinsel des 7. Jahrhunderts, der
geistige Horizont des Islam, wie er heute existiert, ist die globale
Weltgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Der Koran ist zwar das
heilige Buch des Islam, aber die islamische Kultur der Gegenwart ist weitaus
vielfältiger und komplexer, als die islamische Buchreligion. Für die islamische
Orthodoxie besitzen auch Hadithen (Kommentare/Sprüche/Lebenspraxis des
Propheten) ebenso Normkraft, allerdings schwächer als der Koran. Während die
Gebote im Koran als „farz“ (Pflicht) gelten, haben die Hadithen
Empfehlungscharakter (sunna). Weil die Mehrzahl der Muslime die Sunna als bindend
akzeptiert, werden sie „Sunniten“ genannt. Wenn im folgenden vom Menschenbild
im Islam die Rede ist, dann ist damit nur das Menschenbild, wie sie sich im
Koran findet, gemeint, exakter, das Menschenbild im Koran (als Text) aus der
heutigen Perspektive im Kontext der europäischen Kultur. Es handelt sich in
den folgenden Ausführungen um eine in erster Linie streng am Text orientierte
textanalytische Auslegung einzelner koranischer Verse (in der deutschen Übersetzung),
die das Menschenbild konstituieren. Sowohl die Hadithen als auch spezifische
Interpretationen durch die Rechtsschulen, Strömungen, Brüderschaften und
Sekten sowie länderspezifische Varianten müssen hier aus Raumgründen
unberücksichtigt bleiben. Die Auswahl der koranischen Texte und der erörterten
Themen ist mit Blick auf gegenwärtige Fragen, insbesondere mit Blick auf ihr
Potential für ein tolerantes Zusammenleben verschiedener Menschengruppen, im
„globalen Dorf Bundesrepublik Deutschland“ getroffen worden. Daß das hier
Vorgetragene über die Evidenz der angegebenen Quellen und qua Kraft des
Arguments hinaus keine Repräsentanz und Geltung beansprucht und daß der Autor
nicht für den Islam als Ganzes (schon gar im Namen aller Muslime) sprechen
kann, bedarf keiner besonderen Erläuterung. Die getroffene Auswahl und die
Interpretationen können je nach Autor auch anders ausfallen. Wie der in
Hannover lehrende Religionswissenschaftler Peter Antes einmal zutreffend
formuliert hat, ist der Koran kein systematisches und logisch konsistentes
Buch. Im Gegensatz zu logisch-geschlossenen Büchern sichert ihm dies immer
wieder von neuem seine Aktualität, weil er dadurch immer wieder neue und unterschiedliche
Interpretation ermöglicht.
1. Die Erschaffung von
Himmel und Erde
Nach islamischem Glauben hat Gott in 6 Tagen Himmel und
Erde, Pflanzen und Tiere, Engel und Geister erschaffen und sich dann auf seinem
Thron niedergelassen (Koran in der Übersetzung von Friedrich Rückert; 25, 59).
2. Die Erschaffung von
Adam (Adem)
„Für den Koran ist der Mensch, dessen Prototyp Adam ist, das
Geschöpf, das Gott vor allen anderen ausgezeichnet und bevorzugt hat (17,70).
Himmel, Erde und Luftraum sowie die Himmelskörper wurden von Gott in den
Dienst des Menschen gestellt“ (7,54; 55, 1-10; 6,97; 20, 53-55 usw.;
Islam-Lexikon: 38). Adam wurde als erster Mensch, als höchstes und schönstes
Geschöpf Gottes aus Lehm geformt und ins Leben gerufen und gegen die Bedenken
der Engel als Statthalter Gottes auf Erden eingesetzt. Die Tatsache, daß Gott
ihm von seinem Geiste einhaucht, macht Adam – daß heißt den Menschen – auch
nach islamischer Auffassung zum Träger göttlicher Eigenschaften. Er ist damit
aus Materie (Lehm) und Geist (Hauch). Daß dem Menschen nach islamischer Auffassung
ein hoher Stellenwert beigemessen wird, kommt auch darin zum Ausdruck, daß
Gott Adam über die Engel stellt. Die folgende Sure bringt das besonders
deutlich zum Ausdruck:
(28) Als nun dein Herr sprach zu den Engeln:
Ich will erschaffen einen Menschen
Aus einer Masse von geformtem Lehm;
(29) Wenn ich ihn nun gebildet habe,
Und eingehauchet ihm von meinem
Geiste,
So fallet vor ihm hin, euch
niederwerfend!
(30) Da beteten die Engel allesamt;
(31) Nur nicht Iblis, der weigert sich,
Zu sein mit denen, die sich
niederwerfen.
(Der Koran, nach der
Übersetzung von Friedrich Rückert: 15, 28-31)
Nachdem Gott Adam erschaffen hat, bittet er die Engel, sich
vor Adam niederzuwerfen. Bis auf Iblis, der zu stolz ist und sich weigert,
erkennen alle Engel die Überlegenheit des Menschen an, obgleich sie
voraussehen, daß er Verderben anrichten und Blut vergießen wird (Henning: 2,
28-31; auch Rückert: 38, 71-76; ähnlich Henning: 15, 26-35). Der folgende
Dialog Gottes mit Iblis verdeutlicht in besonderer Weise die Auserwähltheit des
Menschen durch Gott:
(75) Gott sprach:
was, Iblis, hielt dich ab,
niederzufallen,
vor dem, was ich erschuf mit meiner
Hand?
bist du zu stolz wohl oder zu
erhaben?
(76) Er sprach: Besser bin ich als er;
Du schufest mich aus Feuer,
doch ihn schufst du aus Lehm.
(Der Koran, in der
Übersetzung von Rückert: 38, 75-76)
Warum stellt Gott Adam dennoch über die Engel?
Aus der Sure 2, 28-32 (Henning-Übersetzung) läßt sich eine
Antwort ableiten.
(28) Und
als dein Herr zu den Engeln sprach: „Siehe, ich will auf der Erde einen Nachfolger
(chalif) einsetzen“, da sprachen sie: „Willst du auf ihr einen einsetzen, der
auf ihr Verderben anstiftet und Blut vergießt? Und wir verkünden dein Lob und
heiligen dich.“ Er sprach: „Siehe, ich weiß, was ihr nicht wisset.“
(29) Und
er lehrte Adam aller Dinge Namen; dann zeigte er sie den Engeln und sprach:
„Verkündet mir die Namen dieser Dinge, so ihr wahrhaft seid.“
(30) Sie
sprachen: „Preis dir, wir haben nur Wissen von dem, was du uns lehrtest; sieh,
du bist der Wissende, der Weise.“
(31) Er
sprach: „O Adam, verkünde ihnen ihre Namen.“ Und als er ihnen ihre Namen verkündet
hatte, sprach er: „Sprach ich nicht zu euch: Ich weiß das Verborgene der Himmel
und der Erde, und ich weiß, was ihr offenkund tut und was ihr verberget?“
Es ist demnach das Mehr an Wissen, also das Bewußtsein,
womit Gott Adam zusätzlich ausgestattet hat und weshalb er ihn über die Engel
stellt.
3. Die Erschaffung von
Eva (Havva)
Zur Erschaffung der Frau enthält der Koran keine klaren
Angaben. Aus vielen Suren, insbesondere Sure 4,1 oder 39,6, geht hervor, daß
Eva, als Prototyp der Frau, aus Adam erschaffen wurde. Aus diesen Prototypen
gingen dann viele andere Männer und Frauen hervor und breiteten sich aus:
„O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch aus einem
einzigen Wesen erschuf, aus ihm seine Gattin erschuf und aus ihnen beiden viele
Männer und Frauen entstehen und sich ausbreiten ließ“ (4, 1). Ähnlich auch
Sure 39, 6: „Er hat euch aus einem einzigen Wesen erschaffen, dann machte Er
aus ihm seine Gattin...“
4.
Erbsünde (Ursünde) und die Unvollkommenheit des Menschen
Adam und Eva wohnten bis zu ihrer Ursünde im Paradies
Gottes, der ihnen erlaubte, mit Ausnahme des einen Baumes von allem zu essen.
Aber sie wurden vom Satan verführt, das Verbot Gottes zu übertreten. Daraufhin
werden beide aus dem Paradies vertrieben (2, 32-36, auch 7, 19-25). Doch Adam
(Adem) und Eva (Havva) zeigten Reue, und Gott vergab ihnen. Allerdings ist die
Vergebung an Auflagen geknüpft. Sie müssen sich für eine Zeit auf der Erde
einer Prüfung unterziehen, bevor sie wieder in das Paradies aufgenommen werden
(2, 35-37). Eine Lehre der Erbsünde gibt es im Islam deshalb nicht. Der Mensch
wird nicht mit der Erbsünde geboren, die er dann abzutragen hat, wie das im
Christentum der Fall ist, sondern wird erst „Sünder“ im Verlaufe seines Lebens.
(7, 19) „O
Adam, bewohne, du und deine Gattin, das Paradies. Eßt, wo ihr wollt, und nähert
euch nicht diesem Baum, sonst gehört ihr zu denen, die Unrecht tun.“
(20) Der
Satan flüsterte ihnen ein, um ihnen zu zeigen, was ihnen von ihrer Blöße verborgen
geblieben war. Und er sagte: „Nur deswegen hat euch euer Herr diesen Baum
verboten, damit ihr nicht zu Engeln werdet oder zu denen gehöret, die ewig
leben.“
(21) Und
er schwor ihnen: „ Ich bin zu euch einer von denen, die (euch) gut raten.“
(22) Er
ließ sie durch Betörung abfallen. Und als sie dann von dem Baum gekostet
hatten, wurde ihnen ihre Blöße offenbar, und sie begannen, Blätter des
Paradieses über sich zusammenzuheften. und ihr Herr rief ihnen zu: „Habe ich
euch nicht jenen Baum verboten und euch gesagt: Der Satan ist euch ein
offenkundiger Feind?
(23) Sie
sagten: „Unser Herr, wir haben uns selbst Unrecht getan. Und wenn Du uns nicht
vergibst und dich unser erbarmst, werden wir bestimmt zu den Verlierern
gehören.“
(24) Er
sprach: „Geht hinunter. Die einen von euch sind Feinde der anderen. Ihr habt
auf der Erde Aufenthalt und Nutznießung auf eine Weile.“
(25) Er
sprach: „Auf ihr werdet ihr leben, und auf ihr werdet ihr sterben, und aus ihr
werdet ihr hervorgebracht werden.“
Gott ist gnädig und allverzeihend, doch Adam ist nach
islamischer Auffassung aus sich heraus nicht immer in der Lage, das Rechte zu
tun. Gott hatte seine Gnade mit bestimmten Auflagen versehen, die Adam nicht
einhalten konnte. Dennoch wird Adam auserwählt, Träger der Offenbarung Gottes
und der erste Prophet zu sein.
Die Unvollkommenheit des Menschen kommt noch einmal in
den Geschichten über Kain und Abel sowie über die Sintflut zum Ausdruck. Von
den beiden Söhnen Adams, Kain und Abel, ist in
Sure 5, 27-32 die Rede. Der, dessen Opfer von Gott nicht angenommen
wird, tötet seinen Bruder. Immer wieder wird über die große Flut und über Noah
erzählt, der nach Adam der erste Gesandte und Prophet Gottes ist: Er ruft,
allerdings vergeblich, zur Abkehr von falschen Göttern d.h. Götzen auf (Sure
71; 11, 36 ff.).
Eine islamische Überlieferung erzählt von der Himmelfahrt
Mohammeds, durch die die Unvollkommenheit des Menschen besonders gut zum
Ausdruck kommt. Auf dem Rückweg von der Himmelfahrt trifft er Moses, dem er
erzählt, was ihm Gott aufgetragen hat, nämlich daß sein Volk 50 mal täglich das
Gebet zu verrichten habe. Moses findet das zu viel für die Menschen. Seine Erfahrung
lehrt ihn, daß sie eine so hohe Bürde zu tragen nicht in der Lage wären. Daher
empfiehlt er Mohammed, noch einmal zu Gott zurückzukehren und um Reduzierung
der auferlegten Gebete zu bitten. Nach langem Bitten gelingt es Mohammed, die
Anzahl der täglich zu verrichtenden Gebete auf maximal 5 herunterzuhandeln.
Selbst das findet Moses noch zuviel. Aus seiner Menschenkenntnis und Weisheit
heraus weiß er, daß die Menschen zu schwach sind, um hohe göttliche
Erwartungen zu erfüllen. Als Moses Mohammed erneut zu Gott zurückschicken will,
damit er die Anzahl der Gebete noch weiter herunterhandelt, weist Mohammed dies
mit dem Argument zurück, daß er sich schäme, noch einmal vor Gott zu treten
(Kurt Kusenberg 1960:102).
Der Mensch ist nicht nur unvollkommen, sondern auch
unentschlossen, vergeßlich und leicht ablenkbar. In der Sure 6.74-79 (Rückert)
wird Abrahams Zweifel thematisiert:
(74) Wie
Abraham zu seinem Vater sprach:
O
nimmst du Bilder an zu Göttern?
Ich
seh’ dich und dein Volk in offener Irre.
(75) So
zeigen wir dem Abraham
Das
Reich der Himmel und der Erde,
Daß
er erkennen möge das Gewisse.
(76) Als
über ihn nun einbrach
Die
Nacht, erblickt’ er einen Stern,
Und
sprach: Das ist mein Herr. Doch als er untergieng,
Sprach
er: Ich liebe nicht die Untergehenden.
(77) Als
er nun sah den Mond vorbrechen,
Sprach
er: Das ist mein Herr. Doch als er untergieng,
Sprach
er: Wenn nicht mein Herr mich leitet,
So
werd’ ich seyn bei den Verirrten.
Abraham braucht mehrere Gottesbezeugnisse und Machtbeweise,
bis er sich endgültig überzeugen läßt. Denn erst als die Sonne, mächtiger als
Stern und Mond, erscheint, ist er einsichtig.
(78) Als er nun sah die Sonn’ aufbrechen,
Sprach er: Das ist mein Herr, das ist
ein größrer.
Doch als sie untergieng, sprach er:
Mein Volk, ich habe keinen Theil
An eurer Gottgesellung.
(79) Mein Angesicht hab’ ich gerichtet
Zu dem, der Himmel schuf und Erd’,
andächtig,
Und bin nicht von den Gottgesellern.
Der Mensch ist nach dem Islam somit ein ambivalentes
Wesen. Einerseits trägt er den Geist Gottes
und damit etwas Göttliches in sich, andererseits ist er in gewisser
Weise infantil, läßt sich fehlleiten und verführen, weiß nicht immer zwischen
Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das stellt die eigentliche Prüfung für den
Muslim dar: daß er es schafft, so wenig wie möglich zu sündigen. Während im
Christentum der Mensch das ganze Leben hindurch damit beschäftigt ist, die
Erbsünde wieder gut zu machen, ist der orthodoxe Muslim fortwährend damit
beschäftigt, sich so zu verhalten, daß er möglichst wenig sündigt. Die klaren
Regeln in Form von direkten Handlungsanweisungen helfen ihm dabei, die
Gemeinde unterstützt bei individueller Schwäche das Einhalten der Regeln durch
soziale Kontrolle und Sanktion.
5.
Implikationen des Menschenbildes für Gesellschaft und Lebenswelt
Eine vermittelnde Instanz zwischen Gott und Gläubigem,
wie z.B. eine Kirche, konnte sich im Islam nicht herausbilden. Im Schiitentum
bekommen die Imame und im Sunnitentum die rechtgeleiteten Kalifen zwar eine
vermittelnde Funktion, sie sind jedoch prinzipiell fehlbar. Die Gemeinde hat
jederzeit die Möglichkeit, sich von den Imamen abzuwenden, wenn sie feststellt,
daß diese den Glauben verfälschen oder für ihre Zwecke instrumentalisieren.
Daher fällt der Gemeinde in der islamischen Welt eine zentrale Rolle zu.
Allerdings birgt dies das Problem, daß in der Binnenstruktur eine starke
soziale Kontrolle auf die Individuen ausgeübt wird und dem Individualismus nur
wenig Raum bleibt.
Gegenüber Nichtmuslimen ist der Islam tolerant oder indifferent, sofern es sich
bei diesen um Buchreligionen handelt und diese den Islam nicht verächtlich
machen oder bekämpfen.
Die Toleranz wird in verschiedenen Suren thematisiert. In
Sure 2. 257 heißt es in bezug auf Glaubensfreiheit: „Es sei kein Zwang im
Glauben.“ Allerdings finden sich im Koran mehrere Verständnisse von Toleranz.
Diese widersprechen sich aber nicht, sondern komplementieren einander. In dem
hier zitierten Vers kommt eine selbstgewisse und aus der Überlegenheit
resultierende Vorstellung von Toleranz, die als gewährende Großmut verstanden
werden kann, zum Ausdruck. Der zweite Satz des Verses lautet weiter: „Klar ist
nunmehr unterschieden das Rechte vom Irrtum“. Daher bedarf es keines Streites
mehr über das Rechte. Auch eine indifferente Version von Toleranz ist im Koran
enthalten. Die Sure 109 ist eigens den „Ungläubigen“ gewidmet und klärt das Verhältnis
zu diesen. Dort heißt es wörtlich:
(1)
Sprich: O ihr Ungläubigen,
(2) ich diene nicht dem, dem ihr dienet,
(3) und ihr seid nicht Diener dessen, dem
ich diene.
(4) Und ich bin nicht Diener dessen, dem ihr
dientet,
(5) und ihr seid nicht Diener dessen, dem
ich diene.
(6) Euch eure Religion und mir meine
Religion.
(Der Koran, in der
Übersetzung vom Max Henning)
Eine eher im Sinne von akzeptierender Toleranz verstandene
Auffassung von Toleranz, die sich auf die Angehörigen der Buchreligionen
bezieht und die sehr stark an die Lessingsche Ringparabel erinnert, findet sich
in Sure 5, 52-53:
(52) Und
wir sandten hinab zu dir das Buch mit der Wahrheit, bestätigend, was ihm an
Schriften vorausging, und Amen darüber sprechend. Drum richte zwischen ihnen
nach dem, was Allah hinabsandte, und folge nicht ihren Gelüsten, (abweichend)
von der Wahrheit, die zu dir gekommen. Jedem von euch gaben wir eine Norm und
eine Heerstraße.
(53) Und so Allah es wollte, wahrlich, er machte
euch zu einer einzigen Gemeinde; doch will er euch prüfen in dem, was er euch
gegeben. Wetteifert darum im Guten. Zu Allah ist eure Heimkehr allzumal, und
er wird euch aufklären, worüber ihr uneins seid.
Diese Sure bestätigt zudem die Akzeptanz von Pluralität, die
in der islamischen Religion und Kultur strukturell angelegt ist. Gleichwohl
bezieht sich die Pluralität auf Kollektive, im Sinne von unterschiedlichen
Religionsgemeinschaften (Judentum, Christentum). Allerdings sagt ein Hadith
(Wort des Propheten): „Die Meinungsverschiedenheit in meiner Gemeinde ist ein
Zeichen göttlicher Barmherzigkeit“ (Schimmel: 1990: 53) und weitet das
Toleranzgebot auf die Binnenstruktur der islamischen Gemeinde aus und bewertet
Meinungsvielfalt positiv. Die fehlende zentrale Instanz im Islam hat zur
Pluralisierung der islamischen Religion und Praktiken geführt, so daß der Islam
in seinen kulturellen Ausdrucksformen sehr stark von den vorgefundenen
Bedingungen geprägt wurde (vier bzw. fünf Rechtsschulen, Spaltung in Sunniten
und Schiiten, arabischer Islam, vorderasiatischer Islam, afrikanischer Islam,
südostasiatischer Islam, amerikanischer Islam, europäischer Islam etc.). Auch
konnten sich trotz der gemeinschaftlichen Orientierung des Islam aufgrund der
fehlenden Zentralinstanz individuelle Formen des Glaubens ausbilden, die das
Individuum wieder aus der Verfügungsgewalt der Gruppe zurückholen. Als
Beispiele wären zu nennen die starken mystischen und spirituellen Praktiken im
Volksislam, die Marabuts in Afrika, Aleviten in der Türkei, Bektasis auf dem
Balkan und sonstige unzählige Orden wie die Mevlevis, die Naksibendis u.a. In
all diesen Fällen gilt, daß sie dem Credo folgen, daß es viele individuelle
Wege gibt, zu Gott zu gelangen oder Gott zu erfahren und daß jeder seinen
eigenen Weg finden muß.
Ein Beispiel für diese Auffassung vom Islam:
„...
Wenn ihr den Tempel Gottes sucht,
In eurem Herzen tragt ihr den.
Wohl dem, der bei sich selb kehrt ein,
Statt pilgernd Wüsten durch zu gehn.“
(Rumi: 1988, S. 46)
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß der Mensch im
Islam – trotz der Geringschätzung von Individualität – eine hohe Wertschätzung
genießt. Seine Würde leitet sich nicht nur davon ab, daß er Gottes Geschöpf
ist – und nur dieser über ihn urteilen kann – sondern auch, daß er mit dem von
Gott eingehauchten Geiste auch Träger göttlicher Eigenschaften ist. Wobei kritisch
anzumerken ist, daß im Koran der Mensch in erster Linie als Mann auftritt,
die Frau, Eva, ist, weil als Teil aus ihm hervorgegangen, dem Mann zugeordnet.
Entgegen der auch in Deutschland weitverbreiteten Auffassung, daß der Islam
im religiösen Kern nicht mit Demokratie, Pluralismus, Individualismus und
Toleranz vereinbar ist, sprechen die Belege eher dafür, daß die religiöse Botschaft
des Islam diesen Entwicklungen durchaus nicht im Wege steht. Das westliche
Demokratieverständnis, als Produkt der Antike und Aufklärung, darf jedoch
nicht mit dem Verständnis, das der islamischen Religion immanent ist,
gleichgesetzt werden. Das unmittelbar aus der islamischen Offenbarung
resultierende und in der islamischen Kultur historisch verankerte Verständnis
von Demokratie definiert seine Grenzen anders. Die Grenzen der Wahlfreiheit
werden durch den Glauben gesetzt. Daher hat Saribay (1994: 198 ff.) dieses
Verständnis zu Recht als „Theodemokratie“, seine Rechtsgrundlage als
„Theonomos“ bezeichnet. Sie ist theokratisch, weil sie Gottes Gebote zur
Handlungsgrundlage eines jeden Muslim erklärt, und demokratisch, weil sie jedem
Muslim in der Gemeinde den Status verleiht, Gottes Willen zu verwirklichen und
hierfür ein ständiges Entscheidungsgremium die Voraussetzung ist (vgl. ebd.:
214). Wahlfreiheit bezieht sich demzufolge dann immer auf die Freiheiten
innerhalb dieses Weltverständnisses. Dennoch, die Tendenz zur Demokratie und
Pluralismus ist unverkennbar. Um Erscheinungen wie den islamischen
Fundamentalismus oder totalitäre Entwicklungen im Islam angemessen erklären und
beurteilen zu können, bedarf es nicht nur des Blickes in den „Text“, sondern
auch eines in den „Kontext“. Das aber ist primär keine philologische oder
religionswissenschaftliche Aufgabe, sondern eine soziologische.
Bobzin, H.: Der Koran. Eine Einführung. München;
C.H.Beck-Verlag, 1999.
Der Koran, in der Übersetzung von Friedrich Rückert. Hrsg.
von Hartmut Bobzin. Würzburg, 1995.
Der Koran, in der Übersetzung von Max Henning. Wiesbaden
(o.J.): VMA-Verlag,
Elias, N.: Über die Zeit II., in Merkur, 10/1982.
Grunebaum von, G.E.: Der Islam im Mittelalter. Zürich und
Stuttgart: Artemis Verlag, 1963.
Khoury, A.T./Hagemann, L./Heine, P.: Islam-Lexikon. Band I-III. Freiburg, Basel,
Wien: Herder, 1991.
Kusenberg, K. (Hg.): Mohammed. In Selbstzeugnissen und
Bilddokumenten. Rowohlt-Monographien, Reinbek bei Hamburg, 1960.
Mewlana Dschelaleddin Rumi: Das Meer des Herzens geht in
tausend Wogen. Ghaselen. Übersetzt von Friedrich Rückert, neu herausgegeben von
Yildirim Dagyeli. Frankfurt am Main, 1988.
Saribay, Y.A.: Postmodernite, Sivil Toplum ve Islam
(Postmoderne, Zivilgesellschaft und Islam). Istanbul und Ankara: Iletisim 1994.
Schimmel, A.: Der Islam. Eine Einführung. Reclam. Stuttgart,
1990.
Anmerkungen:
Überarbeitete Fassung eines
Vortrags im Rahmen der Veranstaltung des Arbeitskreises „Abrahams Runder Tisch“
zum Expo-Motto Mensch-Natur-Technik am 13.6.1999 im Serbisch-orthodoxen Zentrum
in Hildesheim-Himmelsthür.
Nach orthodox-islamischer
Auffassung ist der Koran buchstäblich Gottes Wort, wie es vom Erzengel Gabriel
dem Gesandten und Propheten Mohammed als Auszug aus dem bei Gott verwahrten
Buch offenbart wurde. Aber auch wenn man der Auffassung der Orthodoxie folgte,
daß es sich um die Offenbarung Gottes handelt, muß diese Offenbarung durch
menschengeschaffene Symbole, wie Sprache und der Schrift, wie sie jeweils
existierten, hindurch gehen, um von den Menschen verstanden zu werden. Mag das
Wort auch göttlich sein, die Interpretation bleibt menschlich. „Es ist dem
Menschen nicht möglich, daß Gott zu ihm spricht, es sei denn durch Eingebung
(wahy) oder hinter einem Vorhang (higab)“ (Sure 42, 51). Auch dann also sind
die Religionen menschengeschaffene Symbolsysteme. Wenn auch die Offenbarung
Gottes Wort ist, erreicht das Wort den Menschen erst durch „Eingebung“, und
zwischen ihm und dem Wort ist ein „Vorhang“. Sonst wäre es ja auch nicht möglich
gewesen, daß die Offenbarung Gottes später verfälscht wurde, wie der Koran dem
Alten und Neuen Testament vorwirft (Sure 2, 75; 4, 46; 5, 13). Im Koran selbst
finden sich mehrere Hinweise darauf, daß Gott den Koran den Arabern in
arabischer Sprache offenbart habe, damit sie ihn auch verstehen könnten (Sure
20,113; noch deutlicher 26, 192-199). „(192) Und dieses ist die Offenbarung/
Vom Herrn der Welten,/ (193) Geoffenbaret vom betrauten Geiste/ (194) In deinen
Busen, daß du seist ein Mahner,/ (195) in klarer Zung’, arabischer
(Hervorhebung durch den Verfasser) (...) (198) Und hätten wir es offenbart/ An
einen der Fremdredenden,/ (199) Und hätt’ er es gelesen ihnen,/ So hätten sie
daran nicht glauben mögen“ (Rückert-Übersetzung). Verglichen mit der Orthodoxie
der Gegenwart scheint der Frühislam sich dem Wandel von Symbolen bewußter
gewesen zu sein, wenn der 5. Kalilf Mu‘awija (661-680) sagt: „Was heute
gebilligt wird, ward gestern getadelt; was heute verurteilt wird, wird in
künftigen Tagen gebilligt werden“ (zitiert nach Grunebaum 1963:38). Eine
kritisch-historische Erforschung und Interpretation der islamischen
Offenbarung sowie seiner Religionsgeschichte von islamischer Seite steht
weitgehend noch aus. Die islamische Kultur und Zivilisation hat den Gang durch
das Zeitalter der Aufklärung nicht mitvollzogen, ihr fehlt daher eine
nachaufklärerische, vernunftgeleitete Gottesvorstellung, die kritische
Reflexion und skeptische Befragung aller dies- und jenseitigen Phänomene –
selbst die Existenz Gottes – ermöglicht, ohne daß dies als Apostasie gewertet
würde.
Der erste Mensch, Adam, ist in
dieser Phase weder Mann noch Frau, sondern ein Mann-Weib, insofern aus ihm
sein weibliches Wesen, Eva, erschaffen wird. Der Mensch besteht zunächst aus
einem Wesen und wird dann von Gott in weiblich und männlich dividiert. Die
Ereignisse während des Sündenfalls, insbesondere der Fall des Engels Iblis
liest sich wie eine Eifersuchtsgeschichte. Iblis ist eifersüchtig auf Gott,
weil er ein neues Wesen schafft und es mehr schätzt als die Erstdagewesenen,
die Engel. Die Legende spiegelt gewissermaßen die Eifersuchtsgeschichte des
Erstkindes bei der Geburt des Geschwisters wider.
Eva, als Prototyp der Frau,
ist nach islamischer Auffassung erst nach Adam und aus ihm erschaffen. Sie
steht, wenn man das hier einmal kritisch anmerken darf, nicht vollständig für
sich allein, sondern tritt als Teil von Adam in die Schöpfung, sie ist Fleisch
aus seinem Fleische. Die islamische Schöpfungsgeschichte – und ihr Frauenbild
– folgt ganz der Traditionslinie der 1. und 2. Schöpfungsgeschichte des Alten
Testaments.
Die Verführung wird beiden
zugeschrieben und nicht wie in der christlichen Lesart Eva allein. Nach
islamischer Auffassung sind beide, Mann und Frau, nicht fähig, den Verführungen
Iblis zu widerstehen. Daraus leitet sich in Teilen der islamischen Kultur auch
heute noch die Verhaltensmaxime ab, daß beide Geschlechter zu schwach sind, um
unkontrolliert in Zweisamkeit gelassen werden zu dürfen.
Ähnlichkeiten zum Menschenbild von
J. Jacques Rousseau sind an dieser Stelle unübersehbar.
Aus dem Koran selbst geht die
Anzahl der täglich zu verrichteten Gebete nicht eindeutig hervor. In Sure 11,
114 ist von dreimal die Rede. So auch in Sure 17, 78. In Sure 24, 58 ist jedoch
nur von zweimal die Rede, vom Morgen- und Abendgebet.
Tatsächlich erwächst die dem
Islam typische Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft nicht so sehr
zwischen den „zwei Seelen in einer Brust“ wie bei den Christen. Daher ließe sich auch die These aufstellen, daß das
Problem mit den Menschenrechten im westlichen Sinne nicht aus der Geringschätzung
der menschlichen Würde resultiert, sondern aus der Geringschätzung von Individualität.
So ist der orthodoxe Islam zwar human, aber er hat kein humanistisches
Menschenideal als Voraussetzung „individueller Menschenrechte“ hervorbringen
können. So stellt Grunebaum treffend fest,
daß „(d)er mystische Lehrer, der Prophet, der König und der Dichter, und
selbst der Bettler – alle (nicht) wichtig darum sind, was sie als
Einzelmenschen darstellen; allein ihre Stellung in der Ordnung des Seins gibt
ihnen Bedeutung (ebd.: 286). Als Folge davon konstatiert Grunebaum für das
„Selbstideal“, daß sich die Entfaltungskraft des Individuums in Anpassung des
individuellen Ich an vorgeprägte Typen erschöpfte. Grunebaum wörtlich: „Die
sittliche Bildung setzt sich daher weder die Entfaltung des Selbst und die
größtmögliche Realisierung seines Potentials zum Ziel, noch auch seine
fortschreitende Heilung auf dem Wege einer auswahlweisen Selbstverwirklichung;
worauf sie abzielt, ist schlechthin Anpassung des individuellen Ich an den
vorgeprägten Typus“ (ebd.: 284).
Die Sure 109 trägt in der
Rückert-Übersetzung den Titel „Die Leugner“. Viel deutlicher als in der
Henning-Übersetzung kommt darin der zur Toleranz auffordernde Charakter zum
Ausdruck, wenn es in Verse 5 heißt, „Noch sollt ihr beten an, was ich anbete.“