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Es fällt nicht leicht, an dieser Stelle einen
zukunftsorientierten Bericht über die lange Jahre so erfolgreiche Türkeipartnerschaft
der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul
Lisesi zu geben. Der erste Blick auf die heutige Situation ist zwiespältig,
eher pessimistisch. Während sich in der Istanbul
Lisesi vieles seit 1985 bewegt hat, die Schulpartnerschaften einen zunehmend
wichtigeren Stellenwert einnehmen und immer deutlicher auf die Bildungsziele
der Schule ausstrahlen – durchaus bewußt als Gegenbewegung zu retardierenden
Momenten der türkischen Bildungspolitik und der problematischen Entwicklungen
in der Türkei –, ist an der Bismarckschule Hannover eher Rückschritt zu
verzeichnen, der typisch ist für die schulpolitische Situation in
Niedersachsen und in der Bundesrepublik Deutschland. Gerade deshalb erscheint
es sinnvoll, im Rahmen der Bildungspolitischen Diskussion in politik unterricht
aktuell ein solches konkretes Beispiel aus der Schulpraxis vorzustellen und
kritisch, auch mit einigen sehr persönlichen Akzenten versehen, zu
durchleuchten. Dabei sollte vor allem auch deutlich werden, wie wenig die
Institution Schule als solche durch ihre
Formalkörperschaften Gesamtkonferenz
etc. zu »Beweglichkeit« und
Phantasie in der Lage ist und wie stark
Innovationen von Zufällen, und damit von
zu personalisierenden Ereignissen, Kompetenzen und Erfahrungen abhängen.
Vom Aufbruch zu
neuen Bildungskonzeptionen, wie sie bei Colloquien und Veranstaltungen in der
Schule in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aufschienen wurde an der
Bismarckschule Hannover, seit den
fünfziger Jahren UNESCO-Projekt-Schule, der
»UNESCO-Club«
gegründet, der interkulturelle Projektveranstaltungen mehrfach mit großem Erfolg
durchgeführt hat. Von dieser Aufbruchstimmung ist wenig übrig geblieben; Resignation
bei vielen Kolleginnen und Kollegen greift um sich, wenn im Kollegium, wie
zunehmend in der Schüler- und Elternschaft der Interkulturellen Bildung
zuwider laufende Stimmungen und Einstellungen dominieren, die unterschwellig
sogar fremdenfeindliche Haltungen und Motive erkennen lassen, die sich an der
schultypischen großen Zahl von russischstämmigen Aussiedlern,
Kontingentflüchtlingen und Bürgerkriegsflüchtlingen in oft irrationaler Weise
entzünden, die aber einer UNESCO-Projekt-Schule, die über genügend rationale
Substanz verfügen müßte, mit sozialen und pädagogischen Akkulturationsproblemen
sinnvoll umzugehen, nicht würdig sind.
Daher soll zunächst ein persönlich gefärbter Bericht über
unsere Beziehungen zur Türkei gegeben werden, auch wenn ich beim Schreiben
immer denke, daß doch alles schon so oft gesagt und doch überall bekannt sei...
Doch zu leicht vergißt man ja, daß in einer langen Folge von Reiseberichten ja
immer wieder andere Reiseteilnehmer, und auch immer wieder andere Leserinnen
und Leser auch der Berichte in die Türkei-Arbeit der Bismarckschule Hannover
integriert wurden. Schon in der Gestaltung der Reiseprogramme ist darauf zu
achten, daß ein Grundbestand an Erfahrungen, Erlebnissen und Besichtigungen
für diejenigen, die zum ersten Male die Türkei besuchen, notwendiger
Bestandteil der Planung sein muß, auch wenn er in jeder Reise wieder auftaucht.
Für die jeweilige Reisegruppe sind diese Erfahrungen neu, einprägsam und notwendig.
Für die Leserinnen und Leser der Reiseberichte kann daher auch nicht auf die
notwendigen Grundinformationen verzichtet werden, müssen die Fragen
beantwortet werden, die jedes Mal auf’s Neue gestellt werden...
Es ist dies ein Grundproblem der Lehrerexistenz, vor
allem, wenn Lehrersein nicht nur als Abspulen immer der gleichen Lehrprogramme
und Unterrichtsstoffe verstanden wird, sondern die einmalige Lern- und
Kommunikationssituation mit den Schülerinnen und Schülern im Vordergrund
stehen soll, in der sich eigene Langeweile
sehr schnell auf die Lernmotivation
der ganzen Lerngruppe überträgt – was letztlich auch auf der x-ten
Wiederholung einer standardisierten Türkeireise passieren könnte! Jahrelang
in immer den gleichen Fächern und Klassenstufen zu unterrichten, führt zu
einer »Professionalisierung«, die von Erfolgen und Mißerfolgen gelernt hat und
dazu verführt, beim »Bewährten« stehen zu bleiben und die, in früheren Zeiten
zwangsläufigen, suchenden und erprobenden, riskanteren Unterrichtsabenteuer,
die erst das Lernen interessant und motivierend machen können, zu meiden:
nicht aus Faulheit und Risikoscheu – wenn es das sicherlich auch geben sollte
–, sondern aus der gut gemeinten Überzeugung,
das Falsche nicht zu tun!
Damit verliert der Beruf selbst seinen Reiz und die
Lehrerinnen und Lehrer die Chance, selbst weiter zu lernen – und wer nicht
lernt, ist geistig tot. Vielleicht hängt davon, unbewußt, auch der Eindruck
vieler älteren Kolleginnen und Kollegen zusammen, daß die Schülerinnen und
Schüler von Jahrgang zu Jahrgang weniger
leistungsfähig oder sogar ›dümmer‹
würden; in Wirklichkeit wächst nur die Diskrepanz zwischen Schülerinnen und
Schülern in immer wieder gleichen Alters- und Entwicklungsstufen und dem eigenen
Alter, der eigenen Erfahrung und »Professionalität« – ...habe ich das nicht
schon so oft gesagt, und sie haben es
immer noch nicht gelernt... Nein das
waren vergangene Jahrgänge, mit denen ich das immer gleiche Problem bearbeitet
hatte...
Manchmal mag es auch subjektiv etwas Wehmut hervorrufen,
wenn die eigene Freude am Neuen immer weiter zurück liegt und wenn ich dabei
die Freude und die Überraschung der Jüngeren beobachte, die alles nun zum
ersten Mal erleben.
So geht es mir auch bei unseren Türkeireisen. Wie viele
es bis heute waren, müßte ich erst einmal nachzählen, wobei eigene Reisen ohne
Schülerinnen und Schüler noch dazu kommen: zumindestens waren es fünf Reisen
im Rahmen unserer Schulpartnerschaft mit der Istanbul
Lisesi, die jeweils mit einem Aufenthalt in Istanbul
begannen und dann eine Rundfahrt durch die Mittel- und Westtürkei, Ankara,
Konya und Kappadokien, anschlossen.
Sehr deutlich wurde mir dieser Wiederholungscharakter
fast schlagartig, als wir bei unserer letzten Reise zum Empfang bei
Mahir bey, dem damaligen Direktor der Istanbul Lisesi, waren; die
Schülerinnen und Schüler etwas beeindruckt vom großen, repräsentativen
Amtszimmer – fast im klassischen Sinne des Amtes als
Autorität und Ehre –, auch etwas distanziert und gelangweilt, weil
die deutsche Alltagskultur gerade auch der Jugend diese Form der Amtsrepräsentanz
mit wachsender Distanz und emotionaler Ablehnung wahrnimmt – übrigens, wie
wir beobachten konnten, ähnlich und zunehmend auch bei den türkischen
Schülerinnen und Schülern zumindest in unserer Partnerschule: sehr zum Kummer
der türkischen Bildungsideologie –, daneben wiederum andere jüngere türkische
Kolleginnen und Kollegen, die bei unserem letzten Besuch noch nicht dabei waren,
aber gerade auch für die Übersetzungen gebraucht wurden, dazu Frau
Kadriye Ardiç, die als Subdirektorin
und Deutschlehrerin für die Schulpartnerschaft zuständig ist:
Mahir bey und ich in einem jetzt schon
erprobten Ritual der Begrüßung und des
gegenseitigen Dankes gegenüberstehend bzw. ‑sitzend – wobei beides sehr
ernst gemeint und herzlich ausgesprochen wurde und als notwendig für die
Kontinuität der Partnerschaft zu werten war. Es überkam mich wie ein
Déjà-vu-Erlebnis und blockierte dann
die Flüssigkeit der ewig wiederholten Floskeln; ich mußte mich selbst
herausnehmen, Istanbul war ja für mich nicht mehr fremd und neu,
es war ein fast vertrautes Wiedersehen,
bei dem zunehmend auch kleinere Veränderungen und Entwicklungen wahrgenommen
und registriert, Stimmungen und Hoffnungen erfüllt werden, es war eher eine
Rückkehr.
Und damit wird dieser Ort zu einem Teil auch so etwas wie
eine Heimat. Zweierlei wurde bei diesem Aufenthalt in Istanbul und in der Türkei deutlich: die
Erkenntnis, so vieles noch nicht zu wissen, noch nicht gesehen und noch nicht
verstanden zu haben – die Neugier wurde konkreter, zielgerichteter, die Fragen
präziser – und andererseits – auf der spontan bewußt gewordenen oberflächlichen
Ebene –: ich habe auf meinen Gängen durch das Zentrum von Istanbul keinen Stadtplan mehr
bei mir gehabt und auf unserer Rundreise durch Westanatolien brauchte ich kaum
je eine Autokarte, die bei früheren Reisen tägliches Instrument der Routenplanung
und der Orientierung war, um unserem Busfahrer den Weg zu unserem nächsten
Ziel zu weisen.
Nun, vielleicht ist dies jedoch etwas übertrieben: Meine
ursprünglichen Besichtigungswünsche waren, wenn auch gleich mit etwas Skepsis
formuliert, nicht ganz so zu realisieren. In der zur Verfügung stehenden Zeit
war ein eigentlich gewünschter Abstecher zur Schwarzmeerküste, der mit
Paßfahrten verbunden wäre, nicht möglich. Das zeigte noch in Istanbul ein intensiveres gemeinsames
Kartenstudium. Aber bis zur berühmten Ausgrabungsstätte der Hethiterhauptstadt
Hattuwa (Bogazköy), die ich bislang noch
nicht besucht hatte, konnten wir unsere Rundreise auf dem Weg von Ankara nach
Kappadokien doch ausdehnen.
Solche kleinen Modifikationen eines an sich bewährten
Reiseprogramms, nur möglich durch die fast unübersehbare Fülle der
geschichtlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten der Türkei, deren kulturelle
Wurzeln gut acht Jahrtausende zurückreichen und für die Mitteleuropa ein junger
Kontinent ist – geschweige denn die historische ›Eintagsfliege‹ Nordamerika –,
und unter Berücksichtigung der berechtigten Ansprüche der Reisegruppe, zu den
wirklich zentralen Erlebnisorten in Istanbul,
in Kappadokien und an der Ägäisküste geführt zu werden, sind keine
selbstsüchtigen
Wünsche, auch etwas Neues
zu erleben, sondern ein ›Medikament‹
gegen die Erstarrung in professioneller Routine, Reiseleitermentalität
oder das Erstreben eigenen Engagements und der eigenen Neugier.
Ein weiterer solcher Ort war diesmal das von mir erstmals
besuchte römisch-hellenistische Aphrodisias
westlich von Denizli in der Nähe des zuvor besuchten
Pamukkale. Das fügte sich fachlich-inhaltlich für die Begleiter
sehr gut, da wir in Istanbul
die große Chance und Freude hatten, durch Herrn TürkoGlu, den Mann
der Kollegin der Istanbul
Lisesi, die unseren Aufenthalt betreute und die vorangegangene türkische
Reisegruppe nach Hannover begleitet hatte,
einen fachlich überaus kompetenten Gesprächspartner gefunden zu haben, der im
Laufe der Zeit nacheinander Museumsdirektor in
Ephesus, in der Hagia Sophia
und im Topkapx Sarayx
gewesen und jetzt ›Gründungsdirektor‹ des neu der Öffentlichkeit
zugänglich gemachten Yxldxz
Sarayx
aus dem 19. Jahrhundert geworden ist. Mit ihm konnten wir mehrere Museen besichtigen
und, vor allem im Archäologischen Museum am
Gülhane
Park eine interessante ›Privatführung‹ durch die Antikensammlung erleben,
während der wir auch mit der künstlerischen und historischen Bedeutung der
Bildhauerschule von Aphrodisias konfrontiert wurden. Der besondere lachsrote
und lebendig gemaserte Marmor in Aphrodisias machte die Statuen aus diesem
Ort im ganzen römischen Imperium bekannt. Eine Art
Serienfertigung konnte nachgewiesen werden, in der
Standardstatuen ohne Kopf z.B. nach Rom
transportiert wurden, um dort mit nachträglich gefertigten Porträtköpfen der
Senatoren und Aristokraten, Militärs und Konsuln versehen zu werden. In
Kleinasien löste die Aphrodisias-Mode
die führende Rolle von Ephesus und
anderen lokalen Bildhauertraditionen ab.
So komme ich doch wider auf meine Eingangsüberlegungen zurück.
Ich kann nach einem Vierteljahrhundert Türkeierfahrungen nicht mehr die
gleiche Unbefangenheit und naive Überraschung bei einer neuen Türkeireise
beschreiben, die für unsere Schülerinnen und Schüler wesentliches Element
des Erlebens sind. Dazu ist die Türkei bei aller differenzierten Kenntnis zu
sehr Teil des eigenen Lebensentwurfes, das heißt auch in gewisser Weise:
Heimat geworden. Manchmal träume ich davon, ob nicht nach meiner Pensionierung,
die in etwas über einem Jahrzehnt ja schon recht unübersehbar näher kommt, ein
kleines Häuschen auf der asiatischen Seite des Bosporus nicht eine
verlockende Perspektive für den Lebensabend wäre, mit der Möglichkeit ruhigen
literarischen und wissenschaftlichen Arbeitens, unterbrochen von Reisen durch
den Nahen Osten, mit meinen türkischen Freunden... Aber ob wohl meine Frau
dabei mitmacht? Aber träumen ist erlaubt...
Zurück zur eigenen, privilegierten Biographie und der
Verantwortung, die eine solche aufbürdet. Es bot sich also 1970 an, die
schriftliche Examensarbeit im Fach Geographie mit einer Reise und einem privat
organisierten und finanzierten Forschungsaufenthalt in Iran zu verbinden, vom
Institut erfreut begrüßt und ideell unterstützt. Das Forschungsthema war eine
Untersuchung der naturgeographischen Voraussetzungen des Lebensraumes in
Südwest-Persien, etwa zwischen Esfahan und der Küste des Persischen Golfes.
Ein befreundeter Kommilitone, Wilfried Eilers, heute Lehrer in Salzgitter,
vervollständigte das Zweierteam. Er übernahm dann für seine eigene Staatsexamensarbeit
die wirtschaftsgeographische Untersuchung des gleichen Raumes. Eine solche
vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit ist eine Erfahrung, die
›wissenschaftliche Einzelkämpfer‹ unbedingt machen sollten, auch um die
grundsätzliche Beschränktheit nicht-dialogischen Arbeitens zu erkennen. Die
Erfahrung der integrativen Zusammenarbeit
legt damit auch die Fundamente für eine
diskursorientierte
Lern- und Unterrichtskonzeption.
So versuchten wir, eine möglichst umfassende Kenntnis des
Raumes und der Orte Südwestpersiens zu erarbeiten oder zu
erfahren – im wörtlichen Sinne mit einem alten VW-Variant –, und
wir genossen in vielen Städten die herzliche Freundschaft der vielen Bekannten
und Verwandten von Djalil. Doch diese Reise wäre Thema eines eigenen Buches und
Erlebnisberichtes. Hier sollen diese Reminiszenzen nur einen persönlicheren
Zugang zur Türkei-Arbeit auch der Bismarckschule Hannover und zu unserem Arbeitsschwerpunkt
Naher Osten eröffnen, um auch zu zeigen, daß Themen- und Arbeitsschwerpunkte
auch im schulischen Zusammenhang mehr sind als Rahmenrichtlinien-Vollzug und
nüchternes pädagogisches Kalkül,
sondern in biographische Kontexte eingebunden sind. Dieser betonte
Erfahrungs- und Erlebnischarakter der Themenvermittlung ist nun nichts
anstößiges, sondern soll
Bildungsprozesse anstoßen, die die
Persönlichkeit berühren und nicht nur Wissen
vermitteln. Hier liegt auch ein Wesenszug der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit,
dem sich die Bismarckschule verpflichtet weiß.
Kaum zu beschreiben ist der tiefe und unvergeßliche
Eindruck der ersten Ankunft in Iran. Die Grenze liegt auf einem einsamen
Gebirgspaß, in einer kahlen, schroffen und dunklen Hochgebirgssteppe zwischen
Doäubayazit auf der türkischen
und Maku auf der iranischen Seite.
Linkerhand wird diese Hochfläche überragt von dem gewaltigen, noch im Sommer
schneekappenbedeckten Doppelgipfel des
Ararat,
der sich bei unserer Ankunft in Wolken verhüllte. Religiöse Schauer hat der
Reisende jedoch nicht zu befürchten, jedenfalls nicht in der biblischen
Tradition, da die Zuweisung der biblischen Geschichte von der
Sintflut und der Strandung der
Arche auf dem Ararat auf einem
Übersetzungsmißverständnis beruht. Die biblische Geschichte meint einen im Namen
ähnlich lautenden Hügelzug in Mesopotamien, während das Araratmassiv seinen
Namen von dem altorientalischen Reich Urartu der
Urartäer bekommen hat.
Die Grenzabfertigung war – und wird es wohl auch heute
noch sein – von orientalischer Umständlichkeit und Bürokratie, natürlich in
jedem Land getrennt vorgenommen. Das große Rechteck des Hofes der gemeinsamen
Grenzgebäude ist durch eine Mauer in zwei ›U‹-förmige Teile getrennt, durch die
nur eine mit einer Kette gesicherte und militärisch bewachte Durchfahrt unter
den Flaggen der Türkei und Irans den Fahrzeugen in beiden Richtungen einzeln
den Durchlaß gewährt.
Ich will aber hier nicht von den Grenzabfertigungen
berichten; in den Jahrzehnten meiner Reisen in den Nahen Osten habe ich wohl
zusammengezählt Wochen an Grenzen
verbracht. Es geht hier nur darum, daß dann, endlich, nach den Anstrengungen
eines halben an der Grenze verbrachten Tages mit all seinen Befürchtungen und
Risiken, zudem ermüdet von einer über
eine Woche dauernden Autofahrt durch den Balkan und durch Anatolien – selbst
schon erlebnisreich und voller überraschender und überwältigender Eindrücke
und erster Berührungen mit einer fremden, damals noch viel ›orientalischeren‹
Welt als heute, zumindest will es die Erinnerung so –, und angespannt durch
eine beschwerliche Anfahrt durch die trostlosen aber auch abweisend-großartigen
Gebirgssteppen Ostanatoliens von Erzurum zum Grenzpaß empor,
endlich die Befürchtungen und
Belastungen schlagartig abfallen und eine ganz tiefe
Erleichterung eintritt, die unvergeßlich bleibt. Nach wenigen
Kilometern, entfernt vom eigentlichen Grenzkontrollbereich, öffnet sich zwischen
den dunkel-vulkanischen Massiven und Felswänden der erste Ausblick auf die
grünen Ausläufer der Hochebene von Azerbeidjan; die Wolken bleiben über den
Berggipfeln hängen und in einem unwirklich türkisgrünen Himmel brechen sich
glitzernd und flimmernd, die Konturen des Landes auflösend, die warmen nachmittäglichen
Sonnenstrahlen im Kontrast zu den dunklen Schatten der Berge ringsum. »Blau,
tiefblau atmen die Schatten, und die Nacht verzögert so sehr« (Benn).
Iran liegt vor uns, Anatolien ist durchquert, wir sind
da. Wir halten an und setzen uns eine halbe Stunde lang auf Steine am
Straßenrand, unfähig etwas zu sagen, in unsere eigenen Gedanken und Gefühle
vertieft. Nie wieder werden wir diese Erfahrung,
zum ersten Mal angekommen zu sein, haben können. In der Einsamkeit
des Gebirges sind wir plötzlich so etwas wie die ersten Menschen auf einem
fremden Planeten in einer noch leeren Welt, oder, um ein nahöstliches Gleichnis
zu verwenden, wie die Kinder Israels vor dem Gelobten Land. Viele im Alltag
banalisierte Sprachfloskeln und Bilder, die uns unsere Kultur zu Verfügung
stellt, füllen sich plötzlich mit einem unmittelbaren Erlebniswert, werden emotional
sinnfällig und decken damit die realen historischen Wurzeln ihrer Entstehung
auf.
In dieser
Gefühlsebene
des Erlebens stehen zu bleiben, würde jedoch
Mystizismus, Irrationalismus hervorrufen. Die Kontrolle der
Erfahrung durch die ordnende Analyse, das Einordnen in rationale Sinn- und
Erklärungszusammenhänge ist der notwendige zweite Schritt. Doch entsteht jetzt
eine große Offenheit, da die Subjektbeziehungen und Erkenntnisinteressen auch
zum Thema gemacht werden können und müssen. Nur in der Möglichkeit, existentielle
Bindungen zum Gegenstand seines Lernens und Arbeitens aufbauen zu können,
liegt die Chance eines dauerhaften verantwortlichen Umgangs mit den
auftretenden Problemen und Konflikten. So wie wir uns dann mit neuer Kraft in
das Abenteuer Staatsexamensarbeit stürzten, eine bis heute unvergeßliche Erinnerung,
so sollte auch Schülerinnen und Schülern die Chance gegeben werden, eine
unmittelbare und überraschende Beziehung zum Gegenstand des Lernens aufbauen
zu können, die Chance zu erleben, daß das, was gesehen, erlebt, erfahren und
gelernt werden kann und soll, eine persönliche, auch emotionale Beziehung zur
eigenen Person entwickeln kann und zum Bestandteil der eigenen unverwechselbaren
Biographie wird.
Auf dem Hin- wie auf dem Rückweg der Iranreise
durchquerten wir die Türkei sehr bewußt und neugierig und wählten dabei auch
verschiedene Wege. Istanbul,
Ankara und Kappadokien waren schon auf der Hinfahrt Orte, die uns länger als
nur für die Durchfahrt notwendig aufhielten – was wohl selbstverständlich ist.
Erste Eindrücke von Südostanatolien erwarben wir bei der Fahrt über
Kayseri – mit einem Abstecher zu den Hethiterausgrabungen
von Kültepe – und
Malatya, noch vor Beginn der Bauarbeiten
zum ›Südostanatolienprojekt‹ (GAP, Atatürk-Staudamm am Euphrat); daß neben
die Besichtigungen auch die ersten Erfahrungen mit Kakerlaken in billigen
Hotels traten, ist Quelle für viele heutige, leicht übertreibende,
Horrorerzählungen. Für die Rückfahrt wählten wir dann den Weg an der
Schwarzmeerküste und konnten damit unser erstes, noch rudimentäres Türkeibild
ergänzen.
Vier Jahre später fuhr ich mit einer Schülergruppe und
zwei VW-Bussen noch einmal nach Iran und konnte dabei in der Türkei weitere,
mir bisher unbekannte Regionen vor allem in Zentralanatolien zwischen den
Städten Konya und Sivas kennen lernen. Daß diese Reise unter keinem guten Stern
stand, sei nur am Rande erwähnt, um auch die Risiken eines solchen
investigativen pädagogischen Konzeptes
anzusprechen;
ein VW-Bus, der schon auf der Hinfahrt in Deutschland einen Kuppelungsschaden
hatte, mußte mit Getriebebruch von Ostiran nach Tehran geschleppt und dort
zollamtlich verschrottet werden. Die eine Hälfte der Reisegruppe fuhr
daraufhin mit dem Linienbus nach Istanbul
und von dort aus weiter mit der Eisenbahn nach Hannover zurück – sicher auch
ein aufregendes und wichtiges Erlebnis, aber doch das bedauerliche
Auseinanderbrechen der Reisegruppe. Der zweite VW-Bus hatte dann auf der
Rückfahrt auf der Strecke zwischen der türkischen Schwarzmeerküste und Ankara
einen ›Kolbenfresser‹, der ein Weiterkommen
aus eigener Kraft unmöglich machte. Erst eine Motorreparatur in Ankara machte
uns wieder flott für die Heimfahrt. Außerdem war die Schülergruppe nicht
einheitlich genug, um wirklich solidarisch und gemeinsam die Reise
durchzustehen – ein aus meiner Sicht bedauerliches Ergebnis, was aber den
eigentlichen Erlebniswert der Reise aber nicht minderte.
In diesem Kontext steht nun die Türkei in meiner eigenen
Biographie. Zunächst nur als Weg zu unserem Ziel ›hinter der Türkei‹ erfahren,
wurde sie immer mehr zum notwendigen und bald selbst geliebten Teil eines
Erfahrungsweges, in dem der Weg selbst zum Ziel wird. Die inhaltliche und
wissenschaftliche Arbeit zum Iran wie zu den arabischen Ländern des Nahen
Ostens und des Maghreb geht weiter, doch die Türkei ist zum Zentrum der Reisen
und der eigenen Beschäftigung geworden.
Daneben aber wird von der Schule ausgehend, konsequent
die Schulpartnerschaft mit der Istanbul
Lisesi aufgebaut, die zum Träger unserer Türkei-Arbeit geworden ist und neben
der engen Kontakte zu Polen, die auch seit den frühen achtziger Jahren bestehen,
zum zweiten Schwerpunkt der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der Bismarckschule
Hannover wurde.
Wie alle solche Projekte gründet sie auch auf Zufälle,
hier nämlich dem zufälligen Zusammentreffen mit einem deutschen Kollegen,
der an der Istanbul Lisesi
unterrichtet hatte und vorschlug, einmal von Deutschland aus den Kontakt zu
suchen und eine Kooperation oder Partnerschaft vorzuschlagen. Hintergrund
dieses Wunsches ist die schulpolitische Situation in der Türkei, in einem Land,
das große Schwierigkeiten bei seinem seit Atatürk vorgezeichneten Weg in eine
moderne, europäische Zukunft zu überwinden hat.
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Istanbul Lisesi
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Nachdem ich also an die ›deutsche Abteilung‹ der
Istanbul Lisesi geschrieben
hatte, hatte ich bald darauf erste schriftliche und telefonische Kontakte,
die 1985 zu unserer ersten Türkei-Reise führten, in der wir, letztmalig,
auch unseren Aufenthalt in Istanbul
noch selbst organisierten und in einem Hotel übernachteten. Später wurden
dann unsere Schülerinnen und Schüler regelmäßig in Gastgeberfamilien durch
die Istanbul Lisesi untergebracht,
was den Erfahrungs- und Erlebniswert natürlich sehr steigerte. Unsere Partnerschule
ist eine anspruchsvolle Traditionsschule mit deutschsprachigem und mathematisch-naturwissenschaftlichem
Schwerpunkt, in der im »bilingualem Unterricht« Fächer wie Mathematik oder
Naturwissenschaften von deutschen Kolleginnen und Kollegen in deutscher
Sprache erteilt werden. Das entspricht dem türkischen Schultyp eines »Anatolischen
Gymnasiums« (Anadolu Lise).
Der Andrang zu dieser Schule ist groß, so daß jedes Jahr
durch Aufnahmeprüfungen die besten Bewerber ausgesucht werden. Dafür steht
die Istanbul Lisesi seit
Jahren auf der Rangliste im Wettbewerb der türkischen Gymnasien bei den
Universitäts-Aufnahmeprüfungen mit an erster Stelle. 1996 war sie dann die
›beste Schule der Türkei‹, was einen erheblichen Medienrummel nach sich zog;
wir waren gerade zu der Zeit in Istanbul
und konnten einiges von der Freude und dem Stolz in der Schule mitbekommen.
Die Schülerinnen und Schüler dieser Schule werden später
zu denjenigen Führungskräften in der Türkei gehören, die mit den heutigen
politischen und sozialen Problemen des Landes fertig werden müssen und die
Türkei weiter an Europa und an demokratisch-rechtstaatliche Strukturen
heranführen sollen. Um dieses Ausbildungsziel zu erreichen, pflegt die Istanbul Lisesi eine ganze Reihe
von Schulpartnerschaften in Deutschland aber auch mit den Deutschen Schulen in
Athen und Moskau, bei denen die Kontakte mit der Bismarckschule Hannover
besonders gepflegt werden.
Bei den regelmäßigen Besuchen türkischer Schülerinnen und
Schüler in Hannover wollen wir daher unseren Gästen nicht nur die Attraktionen
unserer Region, das Leben in deutschen Familien und einen Einblick in den
Alltag unseres Schulunterrichts vorstellen, sondern ihnen auch einen ersten,
natürlich den Möglichkeiten Jugendlicher angepaßten anschaulichen Eindruck
unserer demokratischen politischen Kultur, unserer Technik und Wirtschaft
und unseres Rechts zu kritischem und selbstkritischem Denken vermitteln —
also jene Ziele ansteuern, die auch die Ziele der UNESCO-Projekt-Schularbeit
sind.
Dazu gehört sowohl von Seiten unserer Schule und der
beteiligten Lehrerinnen und Lehrer, als auch von Seiten der Eltern- und
Schülerschaft einiges Engagement, das nur aufgebracht werden kann, wenn sich
die Beteiligten der Chance und Risiken dieser Interkulturellen Bildung, ebenso
wie ihrer eigenen Motive und Dispositionen bewußt sind und darüber
Rechenschaft ablegen können.
Ich habe das mit einigen essayistischen Schlaglichtern
auf eigene biographische Prägungen für mich in den vorangegangenen Abschnitten
zu leisten versucht und hoffe auch, damit deutlich gemacht zu haben, welchen
hohen Rang ich persönlich unserer Türkei-Arbeit, aber darüber hinaus
insgesamt auch der Interkulturellen Bildung zumesse. Daher denke ich auch,
berechtigt zu sein, hier noch einmal ganz deutlich hervorheben zu dürfen, daß
UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit – das einzige wirklich zukunftsträchtige
»Profil«, das die Bismarckschule
Hannover in der Öffentlichkeit heute aufzuweisen und zu pflegen hat – nicht
nur in Freizeitbeschäftigungen
und Studienfahrtangeboten erschöpft
sein kann, sondern daß sie ganzheitlich
gesehen werden muß, mit allen Konsequenzen für den Umgang miteinander, vor
allem auch mit den Schülerinnen und Schülern unserer Schule selbst, die biographische
durch Kultursprünge, soziale Diskriminierung und Akkulturationsprobleme
belastet sind. Es geht also nicht nur um die Türkei als Land, Erfahrungs-
und Erlebnisraum, sondern um eine Veränderung unseres eigenen Verhaltens
gegenüber dem ›Fremden‹, ›Befremdlichen‹ und eventuell sogar ›Ängstigenden‹.
Und hier haben wir auch als Lehrerinnen und Lehrer, aber auch in der
Eltern- und Schülerschaft ganz erhebliche
Defizite aufzuarbeiten! Man kann nicht nur ›mal so eben‹ an einer
Schulpartnerschaft teilnehmen, in die Türkei oder nach Polen fahren, aber im
Unterrichtsalltag gegenüber Mitschülerinnen und -schülern keine Konsequenzen
ziehen.

Wesentlich gekürzt und
aktualisiert aus: Gerhard Voigt,
Hrsg.: Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft.
Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit
einer UNESCO-Projekt-Schule. Mit dem Reisebericht der Türkei-Studienfahrt der
Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im Frühjahr 1996
(11.-28.05.96). Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 9, Hannover
1997; nach der Fassung des Nachdrucks aus Kronig/Nettelmann/Voigt/Wehking: Reform
- vom Gedanken zur Praxis. Für
Ulrich Bauermeister. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 10. Hannover
1998. S. 60-73.
vgl. den Bericht von Rainer
Gusky über seinen Aufenthalt in der Familie Türkoglu in dem Heft »Ein
Jahrzehnt Türkeipartnerschaft«, a.a.O.
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