|
Klassenfahrten haben
zweifellos einen Unterrichtsbezug. Sie sind in der Regel projektorientiert
angelegt oder in ein Unterrichtsfach eingebunden. Sie ‘ergänzen’ den
Unterricht nicht, sondern sind integraler Bestandteil von Schule.
Der äußere Eindruck ist
nicht sehr einladend: Die Jugendherberge ‘Leipzig-Centrum’ ist eine zur
Hälfte in Renovierung befindliche Baustelle. Man musste das frühere Gebäude
aus Rückerstattungsgründen verlassen. Alle sind sehr freundlich und
hilfsbereit. Sie entschuldigen sich für die Unzulänglichkeiten, die sie
selbst nicht zu vertreten haben.
Der Bau, ein ehemaliges
Lehrlingswohnheim, ist Bestandteil einer größeren Wohn- und
Verwaltungsbauanlage der späten Epoche der DDR. Die Konzeption – der
Sanitätsbereich ist ein Kuriosum – ist schwer nachvollziehbar. Auch in
der »ehemaligen« brauchten die Architekten bekanntlich nicht in den
Objekten zu wohnen, die sie ›verbrochen‹ hatten. Der Bund hat bisher ca. 125
Millionen DEM in die Jugenherbergen der fünf neuen Länder investiert. Man
benötigt mindestens 300 Millionen!
Bedenklich stimmt, dass
bei den Schüler/innen der 11. Klassenstufe über den Geschichts-, Erdkunde-
und Sozialkundeunterricht nur wenig vorhandenes Wissen über den
Projektgegenstand spürbar ist. Der Oberbürgermeister ist darüber
offensichtlich irritiert. Er versteht nicht, dass sein Leipzig so unendlich
fern liegt in der Vorstellungs- und Erfahrungswelt der achtzehn Bismäcks.
Woher sollen sie es denn aber auch wissen? Das zwanzigste Jahrhundert hat für
sie bisher im Unterricht kaum stattgefunden. Schockierend wirkt dann der
vorwurfsvolle Rückblick des OBM: Man hat uns nach 1990 hängenlassen. Kohl war
zwar mal da und Lafontaine (offenkundig widerwillig) auch; das war es denn
aber auch schon. Offensichtlich hat der Beamtenapparat in Bonn wirklich
gemeint, man könne alles aus der ›Westentasche‹ heraus erledigen und der
Markt würde es dann schon von selbst regeln. Es war auch keine
›Wiedervereinigung‹, sondern der Beginn eines langsamen Zusammenfügens von
zwei wirtschaftlich und kulturell völlig auseinanderentwickelten Gebilden.
Die Leipziger können
z.B. absolut nicht verstehen, dass man sie bei einem Besuch der Düsseldorfer
Messe überhaupt nicht als eigenständig wahrgenommen hat, schon gar nicht
ihre Probleme. Man versteht andererseits überhaupt nicht die Probleme der
Hannoveraner mit ihrer Expo 2000. Für die Region Leipzig-Halle-Bitterfeld
wäre sie ein Geschenk des Himmels gewesen. Man war damals aber noch nicht in
der Lage, dieses Projekt zu übernehmen. Nur wenige Experten sind
gegenteiliger Auffassung. Die Hinterlassenschaft der DDR war zu
katastrophal. Es war aber durchaus bemerkenswert, dass es dort wichtigere
Kategorien gibt, als die Ruhe eines Bemeroder Vorgartens im Sommer des
Jahres 2000.
Kaum jemand beschäftigt
sich in einer deutschen Schule mit sächsischer Geschichte. Im ›Fürstenzug‹
wird in Meissener Porzellan die Linie sächsischer Einherrscher
dargestellt. Unwillkürlich assoziiert man Episoden aus dem historischen
Allgemeinwissen: Um die Jahrhundertwende amtierte ein König, es war wohl ein
Friedrich.
Bei seiner Absetzung im November 1918 erklärte er den Revolutionären, die
zuvor artig um eine Unterredung gebeten hatten: “Macht euren Dreck alleene”.
Anhand seiner Person kann man z.B. erwähnen, dass es die (sächsische) V.
Armee war, die im Ersten Weltkrieg auf Befehl dieses Königs an der Marne Halt
machte, weil die Soldaten völlig erschöpft waren. Die preußische Generalität
hat in ihrer ›Immer–feste–druff–Manier‹ an den anderen Fronten nicht aus
diesem Grunde vor dem Ziel aufgeben lassen.
Muss man dabei nicht
gleichzeitig an das Klischee von den »Krautjunkern im Offiziersrock« denken
und ihre wirkliche Einstellung gegenüber ihren Untertanen, etwas, das
später unter die preußische Pflichterfüllungsideologie subsumiert
wurde? Am Rande ist es vielleicht noch interessant, dass der hannöversche
Adel nach der Degradation Hannovers zur preußischen Provinz seine Söhne in
der Regel in sächsischen Regimentern hat dienen lassen.
Die Dominanz
preußisch-utilaristischen Verhaltens lässt sich nicht nur an der relativen
Sparsamkeit Potsdams verdeutlichen, sondern auch an ihrer Kehrseite: dem
expansiven militaristischen Denken am Vorabend des Ersten Weltkriegs.
Geradezu grotesk mutet es deshalb an, wenn man in einer von der Stadt Leipzig
herausgegebenen Schrift lesen kann, dass das zwischen 1898 und 1913
errichtete Völkerschlachtdenkmal einen ›friedensstiftenden Zweck‹ erfülle.
Die sinnverkehrende Formulierung eines subalternen Mitarbeiters kann nur
mit nachwendespezifischem Übereifer und Anpassungsdruck, mit
Unqualifiziertheit oder Ignoranz des Autors erklärt werden.
In Leipzig läßt sich
sehr gut ein wesentlicher Aspekt der Bevölkerungsverschiebung nach dem
Zweiten Weltkrieg verdeutlichen: Nahezu die gesamte tradierte Machtelite –
im wesentlichen das Stadtbürgertum – hat die SBZ/DDR nach der sowjetischen
Besetzung verlassen oder wurde durch die sowjetische Militärregierung sowie
die neuen kommunistischen Machtinhaber verdrängt oder hinausgeekelt.
Damit verbunden ist ein Verlust von in Jahrhunderten gewachsener
Identität. Dieser ist mittelfristig irreversibel und kann nur schwer
kompensiert werden. Auch die Neubürger/innen erreichen dieses nicht. Sie
bewirken eher eine modernistische Überformung der Gesellschaft des
Großraumes Leipzig, verbunden mit der ›Flucht‹ ins Umland; einer Tendenz,
der die Stadt durch Eingemeindungen nachfolgen will. Nur in Ansätzen bildet
sich eine differenzierte Stadtgesellschaft heraus.
Interessant sind zwei
Aspekte der Marktwirtschaft: Zunächst der mit hohen Subventionen (und
erheblicher Staatsverschuldung) erkaufte krampfhafte Versuch,
Investoren zu locken, um eine moderne Infrastruktur zu schaffen: die Neue
Messe als langfristiges Defizitunternehmen, der Hauptbahnhof für
fünfhundert Millionen DEM, finanziert über strittige Abschreibungsmodelle –
sonst wären die ›Investoren‹ aber gar nicht gekommen, die Mädler-Passage
als mit „peanuts“ bezahltes Pleiteprojekt aus Schneiders Bau–Imperium, die
neue Büroarchitektur und an der Stadtperipherie die neuen Konsumtempel im
Flachdachstil oder nach dem Pagodenstil von Mc-Donald. Dort sind denn auch
die Mc-Jobs
der Leipziger zu finden.
Der Einfamilienhaus-Bau
boomt. Ein Problem sind inzwischen die Überkapazitäten im Bürobereich und bei
renovierten und zum Verkauf anstehenden Altbauten. Das Mietniveau sinkt. Dies
spüren auch die mit hohen Renditeversprechungen gelockten Anleger.
Hochpreisige Wohnungen sind kaum vermietbar, verursachen andererseits aber
Kosten. Im Innenstadtbereich bewirken die leerstehenden Häuserzeilen
bedrückende Gefühle. Leipzig hatte 1933 ca. siebenhunderttausend Einwohner.
Vor der Wende waren es ca. funfhundertundfünfzigtausend. Vor allem abends
wird dem Besucher angesichts dunkler Häuserfronten und eingeschlagener
Fensterscheiben bewußt, was es bedeutet, wenn seit 1989 rund
hunderttausend Menschen der Stadt den Rücken gekehrt haben.
Andererseits ist das
Entstehen kultureller Vielfalt erkennbar. Ausdruck sind zunächst die
griechischen, italienischen und chinesischen Restaurants, arabische und
vietnamesische Schnellimbisse und türkische Döner-Buden. Die ehemaligen
Thälmann-Pioniere und FDJ-ler haben längst Geschmack gefunden an den
mediterranen und orientalischen ›Köstlichkeiten‹. Zumeist sind es Filialen
von in Westdeutschland zu Erfolg gekommenen ausländischen
Restaurantbesitzern.
Ein die kulturelle
Vielfalt abrundender Nachzug z.B. von türkischen Familien aus Dortmund,
Hannover oder West–Berlin erfolgt sehr zögerlich. In den Geschäften sieht man
überwiegend ausländische junge Leute, vor allem Männer, die auf dem
westdeutschen Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben. Bei faktisch
mindestens dreißig Prozent Arbeitslosigkeit mangelt es in Leipzig erheblich
an Kaufkraft.
Der Markt funktioniert
aber in Teilbereichen: Die Mieten und Preise für Wohneigentum sinken. Eine
Mittelschicht bildet sich langsam aus der Fassade des realsozialistischen
Egalitarismus der DDR heraus und etabliert sich. Andererseits: Es sind vor
allem die Angehörigen der DDR-Intelligenz, die die Wende nicht verarbeitet und
verkraftet haben.
Der Absturz aus der
privilegierten Situation z.B. der Akademiker ist bitter. Nicht alle wurden
abgestraft: die Ärzte und Juristen der alten DDR haben ihre privaten Praxen
und Kanzleien eröffnen können. Für sie gibt es viel Arbeit. Sie sind als
Profiteure der dahingesiechten DDR und ihrer ruinenhaften
Hinterlassenschaft nicht durch Klagen über Arbeitsplatzlosigkeit
vernehmbar. Stattdessen sind sie wesentlich am höheren Lebensstandard
ihrer westlichen Kollegen/innen orientiert.
Bitter dran ist der aus
dem Versorgungssystem herausgefallene ehemalige Lehrer oder die entlassene
Uni-Mitarbeiterin. Ihre Qualifikationen wurden nicht mehr benötigt oder sie
wurden durch z.T. miese Machenschaften hinausgedrängt.
Es ist für
Wissenschaftler des ehemaligen Mittelbaus der Universitäten und Hochschulen
nicht nachvollziehbar und schwer zu verkraften, dass gerade sie als
»intellektuelle Träger« der »ehemaligen« mit zumeist einem theoretischen
und methodischen Wissenschaftsniveau der sechziger Jahre als nicht geeignet
und daher als nicht mehr benötigt bzw. erwünscht definiert worden sind. Man
hat ihnen faktisch keine Chance gegeben, hinzuzulernen und ihre Defizite
auszugleichen. Sind sie damit Ausdruck von nicht erfolgter – und gar nicht
gewollter – Aufarbeitung oder zweiter Vergangenheitsbewältigung.
Unterliegen sie nicht einer knallharten Funktionalisierung? Liegt der
zynische Begriff von der Siegerjustiz oder Siegermentalität so
weit daneben? Sind sie dadurch Opfer geworden, daß personale Marktlücken
aufgerissen worden sind, um für den damaligen Überschuß an hoch
qualifizierten jungen Leuten aus der alten Bundesrepublik in der
zusammengebrochenen DDR berufliche Betätigungsfelder zu schaffen?
Die fleißige Germanistin
aus Halle, die Geographin aus Ost-Berlin, die Historikerin aus Leipzig
versteht nicht, dass sie zwecks Umschulung oder ABM durch das Arbeitsamt
›verwaltet‹ wurde, während der Überschuß westdeutscher Professoren und ihrer
Doktoranden und Diplomanden in die ›neu gegründeten Universitäten‹ strömt
und die Plätze besetzt hat.
Ob es wirklich immer die besser qualifizierten waren, die die früheren
Mitarbeiter/innen, die sich ja auch bewerben durften, ausstachen? Man hört
intern viele Dinge, geäußert in großer Bitternis, über die
Besetzungspraktiken. Die Berufungskommission hatte längst Wartelisten aus
westdeutschen Instituten, die miteinander abgeglichen wurden. Die
Betroffenen verstehen nicht, im Regelfall keinerlei reelle Chance bekommen
zu haben. Einem Germanisten, Spezialist für die DDR-Literatur, soll nach
Presseberichten vorgehalten worden sein, dass es gar keine wirkliche
DDR-Literatur gegeben habe, schließlich existiere die DDR nicht mehr.
Schwer zu verstehen ist
für den/die westdeutsche/n Schüler/in der „Ostalgieeffekt“ auch und gerade bei
Jugendlichen sowie das Anwachsen der Skinhead- bzw. Neonazi-Szene.
Angstgefühle wurden geäußert. Für diese Phänomene bieten sich
Erklärungsmuster an, die auch z.T. akzeptiert werden. Nicht wirklich
nachvollziehbar ist, dass ehemalige Lehrer/innen und Wissenschaftler/innen „an
etwas geglaubt haben“ oder „Überzeugungen hatten“, dieses ist für
Außenstehende oder Spätergeborene nicht möglich.
Die dafür nötige
Empathie kann nicht aufgebracht werden. Es mag aus der Situation dieser
ehemaligen sich selbst abschottenden Wahrnehmungs-Insel ableitbar sein, die
sich ›Deutsche Demokratische Republik‹ nannte, und den subjektiv
vermittelten Eindruck einer Mischung aus Militär- und Operettenstaat machte
mit dem Odeur kleinbürgerlichen Miefes des frühen 20. Jahrhunderts. Aber
auch dieses kann Gegenstand einer problemorientierten Betrachtung sein.
Es ist auch Ausdruck
dieser verordneten und akzeptierten, wenn nicht gar verinnerlichten
Wahrnehmungsmuster,
möglicherweise auch von begrenzter Intellektualität: der reflexiven
zivilisatorischen Lücke.
Sie ist möglicherweise charakteristisch für soziales Aufstiegsverhalten
verbliebener machtarmer Bevölkerungsgruppen angesichts zerstörter
Aufstiegsmuster, den früher entmachteten oder exilierten Trägern, oder den
tabuisierten Habitusformen einer Schicht, die man andererseits allzu gern
kopiert hätte – nur eben ungeschickter.
Die Chance auf äußere
Wahrnehmungen, die möglicherweise nachfolgenden Erklärungsansätze, die
Erarbeitung desselben sowie dessen (langfristige) Verarbeitung sind die
Grundlage für die Legitimierung von Studienfahrten.
|