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Einen Hauptfehler begeht
man, wenn man will, daß ein Kind eine Anstrengung allein aus
Pflichtbewußtsein, nur aus Achtung vor der reinen Disziplin leiste... Für das
Kind bedeutet Spielen Arbeit, das Gute, die Pflicht und das Lebensideal.
Das
Spiel ist die erste Poesie des Menschen“, so definiert Jean Paul in seiner
„Erziehlehre“.
das Phänomen – oder auch das Selbstverständnis – daß „das Spiel der beste, ja
sogar einzige Weg (ist), uns in das ästhetische Vergnügen, die Meditation...
einzuführen“.
Große Wissenschaftler, wie Kepler, Ampère, Gauß, Pasteur, Maxwell, Planck,
Einstein u.a. äußerten, daß sie im Augenblick ihrer Entdeckungen und
Erfindungen die gleiche Freude erlebt hätten wie Kinder beim Spielen.
Thomas von Aquin nennt den Stellenwert so: „Das Spiel ist so notwendig für
das menschliche Leben wie das Ausruhen“.
Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß in der Vergangenheit das Spiel
den Bereichen Ästhetik und Philosophie zugeordnet wurde.
In
einer Zeit, in der es gilt, „Schule neu zu denken“ (Hartmut von Hentig), in
der das „Ende der Erziehung“ vorhergesagt wird,
in der nach einer neuen „Lebenskraft“ Ausschau gehalten wird,
in der es die „Langsamkeit“ zu entdecken gilt,
zur „Entschleunigung des Lebens“ aufgerufen wird,
in der die „Leichtigkeit des Seins“ beschworen wird
und in der das Chaos auf der Erde angekündigt wird, wenn es nicht gelingt,
daß wir Menschen zum Umdenken bereit sind,
in dieser Zeit wird auch in der Schule eine (alte/neue) Denkauffassung
einzuführen sein, Lernen anders als bisher nach den überwiegend
fächerbezogenen Kriterien und nach überholten Schulorganisationen zu
begreifen. Der „zerstückelte Schüler“, der in der ersten Stunde Mathe, in der
zweiten Erdkunde, in der dritten ... zu absolvieren hat, und das im
45-Minuten-Takt, muß der Vergangenheit angehören.
Unser Gehirn besteht aus zwei Hälften. In der linken Gehirnhälfte werden die
Lernkapazitäten für das kognitive Lernen bereit gestellt, in der rechten die
für das emotionale Lernen. Mit diesen (alten) neuen Erkenntnissen erinnern
die Neurologen daran, daß wir in der Schule das Lernen vielfach einseitig
organisieren; während wir die Kapazitäten der linken Hirnhälfte erheblich
strapazieren, lassen wir die der rechten Hälfte verkümmern.
Und wir verhindern so das angestrebte Ziel eines Lernens mit Kopf und Hand,
mit Hirn und Bauch, um eine „ganzheitliche Veränderung“ in unserem Denken und
Handeln zu erreichen.
Zur
Thematik „Spiel“ gibt es mittlerweile eine Fülle von Lernvorschlägen und
-materialien; sie reichen von Anregungen für Rollenspiele,
zum Theaterspielen,
für Interkulturelles Lernen,
bis hin zum Fremdsprachenlernen.
Interaktionsspiele, also Lernaktivitäten mit Sprache + Körper + Gruppe, sind
traditionelle Arrangements im Unterricht.
Der Verlag an der Ruhr legt in der Reihe „Gemeinsam leben lernen“ ein neues
Material vor:
Udo
Kliebisch: Kooperation und
Werthaltungen. Interaktionsspiele und Infos für Jugendliche. Paperback,
Mühlheim, September 1995, ISBN 3-86072-211-5, 158 S.
Der
Autor, psychologisch ausgebildeter Beratungslehrer, als Dozent in der
Lehrerfortbildung tätig, Lehrbeauftragter an der Universität Bochum, legt in
seinem Buch 20 Interaktionsspiele zu den Themenbereichen „Selbst-Erfahrung“,
„Kooperation“ und „Werthaltungen“ vor. Mit seinen Vorschlägen wendet er
sich an Lehrerinnen und Lehrer, die „ein hohes Maß an Sensibiltät“ besitzen
bzw. sich darum bemühen. Die Interaktionsspiele sind für Schülerinnen,
Schüler ab Sekundarstufe I und Jugendliche und Erwachsene geeignet. Er
beginnt mit zwei Fragebogen: Zur Kooperationsfähigkeit und zu Werthaltungen.
In der Auswertung der Antworten darauf werden verschiedene
„Persönlichkeitsstile“ definiert und „Werte und Normen“ benannt, die im
anschließenden Gruppengespräch erläutert werden. Die ausgewählten Spiele
werden nach einem immer wiederkehrenden 9-schrittigen Raster ausgeführt, der
es dem Gruppenleiter ermöglicht, die Spielaktivitäten vorzubereiten und zu
erklären. Die Vielfalt der mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad und
Anspruch ausgestatteten Interaktionsspiele bietet die Chance, sie bei
verschiedenen Lernanlässen, sowohl im Fachunterricht, fächerübergreifend, in
Projektwochen, Arbeitsgemeinschaften, Schulfesten, in der
Lehrerfortbildung, ja sogar bei Elternabenden einzusetzen. Kopierfähige
Vorlagen erleichtern den Einsatz; Hinweise auf Ausweitungen und zusätzliche
Gruppenaktivitäten bieten zudem Raum für eigene Kreativität. Ein Verzeichnis
gibt Hinweise auf weitere Materialien und theoretische Literatur.
„Zeit zum Spielen?“, von Schulaufsichtsbeamten, sicherlich auch von
Lehrerinnen und Lehrern und nicht zuletzt von Eltern – diese Frage muß mit
einem großen Ja beantwortet werden; denn Zeit zum Spielen heißt auch Zeit zum
ganzheitlichen Lernen! Laßt uns anfangen!
Jos
Schnurer, Dipl.-Päd. Dezernent im Niedersächsischen Landesinstitut für
Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI),
Keßlerstr. 52, 31134 Hildesheim.
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