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politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1998

Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis


Jos Schnurer:

"Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" 

Anmerkungen

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Einen Hauptfehler begeht man, wenn man will, daß ein Kind eine Anstrengung allein aus Pflichtbe­wußtsein, nur aus Achtung vor der reinen Disziplin leiste... Für das Kind bedeutet Spielen Arbeit, das Gute, die Pflicht und das Lebensideal. [1]  

Das Spiel ist die erste Poesie des Menschen“, so definiert Jean Paul in seiner „Erzieh­leh­re“[2]. das Phänomen – oder auch das Selbstverständnis – daß „das Spiel der beste, ja sogar ein­zige Weg (ist), uns in das ästhetische Vergnügen, die Medi­tation... ein­zu­füh­ren“[3]. Große Wissenschaftler, wie Kepler, Ampère, Gauß, Pa­steur, Maxwell, Planck, Einstein u.a. äu­ßerten, daß sie im Augenblick ihrer Entdeckungen und Er­findungen die glei­che Freude er­lebt hätten wie Kinder beim Spielen. Thomas von Aquin nennt den Stellenwert so: „Das Spiel ist so not­wendig für das mensch­liche Leben wie das Ausruhen“[4]. Des­halb ist es auch nicht ver­wunderlich, daß in der Vergangenheit das Spiel den Bereichen Ästhetik und Phi­lo­so­phie zugeordnet wurde.

In einer Zeit, in der es gilt, „Schule neu zu denken“ (Hartmut von Hentig), in der das „Ende der Er­ziehung“ vorhergesagt wird[5], in der nach einer neuen „Lebenskraft“ Ausschau gehalten wird[6], in der es die „Langsamkeit“ zu entdecken gilt[7], zur „Entschleu­ni­gung des Le­bens“ aufge­rufen wird[8], in der die „Leich­tigkeit des Seins“ beschworen wird[9] und in der das Chaos auf der Erde ange­kündigt wird, wenn es nicht ge­lingt, daß wir Menschen zum Umden­ken bereit sind[10], in dieser Zeit wird auch in der Schule ei­ne (alte/neue) Denkauffassung einzu­führen sein, Lernen an­ders als bisher nach den überwiegend fächer­be­zogenen Kriterien und nach überholten Schulorga­nisationen zu begreifen. Der „zerstüc­kelte Schüler“, der in der ersten Stunde Mathe, in der zweiten Erdkun­de, in der dritten ... zu absolvieren hat, und das im 45-Minu­ten-Takt, muß der Vergangen­heit angehören.

Unser Gehirn besteht aus zwei Hälften. In der linken Gehirnhälf­te werden die Lernkapazi­tä­ten für das kognitive Lernen bereit gestellt, in der rechten die für das emotionale Lernen. Mit die­sen (alten) neuen Erkenntnissen erinnern die Neurologen dar­an, daß wir in der Schule das Lernen vielfach einseitig organi­sieren; während wir die Kapazitäten der linken Hirnhälfte erheb­lich strapa­zieren, lassen wir die der rechten Hälfte verküm­mern[11]. Und wir verhindern so das angestrebte Ziel eines Lernens mit Kopf und Hand, mit Hirn und Bauch, um eine „ganzheitliche Veränderung“ in unserem Denken und Handeln zu er­reichen.

Zur Thematik „Spiel“ gibt es mittlerweile eine Fülle von Lern­vorschlägen und -materialien; sie rei­chen von Anregungen für Rollenspiele[12], zum Theaterspielen[13], für Interkulturelles Ler­nen[14], bis hin zum Fremdsprachenlernen[15].

Interaktionsspiele, also Lernaktivitäten mit Sprache + Körper + Gruppe, sind traditionelle Ar­range­ments im Unterricht[16]. Der Verlag an der Ruhr legt in der Reihe „Gemeinsam leben lernen“ ein neues Material vor:

Udo Kliebisch: Kooperation und Werthaltungen. Inter­aktionsspiele und Infos für Jugendliche. Paperback, Mühlheim, September 1995, ISBN 3-86072-211-5, 158 S.

Der Autor, psychologisch ausgebildeter Beratungslehrer, als Dozent in der Lehrerfortbildung tätig, Lehr­beauftragter an der Universität Bochum, legt in seinem Buch 20 Interaktionsspiele zu den Themenberei­chen „Selbst-Erfahrung“, „Kooperation“ und „Wert­haltungen“ vor. Mit sei­nen Vor­schlägen wendet er sich an Lehre­rinnen und Lehrer, die „ein hohes Maß an Sensibiltät“ be­sitzen bzw. sich darum bemühen. Die Interaktionsspiele sind für Schüle­rinnen, Schüler ab Sekundarstufe I und Jugendliche und Erwachse­ne geeignet. Er beginnt mit zwei Fragebogen: Zur Koope­rations­fähigkeit und zu Werthaltungen. In der Auswertung der Antworten darauf werden ver­schiedene „Persönlichkeitsstile“ definiert und „Werte und Normen“ benannt, die im anschließen­den Grup­penge­spräch erläutert werden. Die ausgewählten Spiele werden nach einem immer wiederkehren­den 9-schrittigen Raster ausgeführt, der es dem Gruppenleiter er­möglicht, die Spielaktivitäten vor­zube­reiten und zu erklären. Die Vielfalt der mit unterschiedli­chem Schwierigkeitsgrad und An­spruch ausgestatteten Interaktionsspie­le bietet die Chance, sie bei verschiede­nen Lernanlässen, sowohl im Fachunterricht, fächerübergreifend, in Projektwo­chen, Ar­beitsgemeinschaf­ten, Schul­festen, in der Lehrerfortbildung, ja sogar bei Elternabenden einzusetzen. Kopierfähige Vorla­gen er­leichtern den Einsatz; Hinweise auf Ausweitungen und zusätzliche Gruppenaktivitäten bieten zu­dem Raum für eigene Kreativität. Ein Verzeichnis gibt Hinweise auf weitere Materialien und theoreti­sche Literatur.

„Zeit zum Spielen?“, von Schulaufsichtsbeamten, sicherlich auch von Lehrerinnen und Leh­rern und nicht zuletzt von Eltern – diese Frage muß mit einem großen Ja beantwortet wer­den; denn Zeit zum Spielen heißt auch Zeit zum ganzheitlichen Lernen! Laßt uns anfangen!

Jos Schnurer, Dipl.-Päd. Dezernent im Niedersächsischen Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwe­sen und Medienpädagogik (NLI), Keßlerstr. 52, 31134 Hildesheim.

Anmerkungen

[1]      Edouard Claparède: Kinderpsychologie und experimentelle Pädagogik. 1911; zit.in: UNESCO-Kurier 5/1991, Das Spiel, S. 18.

[2]     Jean Paul: Levana oder Erziehlehre. Baireuth, den 2.Mai 1806; Reclams Universal-Bibliothek, Miniaturausgabe, Leip­zig o.J. (ca. 1910).

[3]      Martine Mauriras-Bousquet: Die Bedeutung des Spiels für den Menschen. In: UNESCO-Kurier 5/91, S. 11.

[4]     zit.: Herzog August Bibliothek: Spielerische Seiten, Katalog einer Ausstellung. Wolfenbüttel 1992, S. 8.

[5]     Neil Postman: Keine Götter mehr – Das Ende der Erziehung. Berlin 1995, 247 S.

[6]     Hans A. Pestalozzi: Sinn durch Sinnlichkeit! Menschen­bild(n)er: Wandel! Werte? Utopien?! In: K. Hau­singer (Hg.), „BILDund beWEGt“, Dok. eines Kongresses. Österreichischer StudienVerlag Innsbruck 1995, S.21ff.

[7]     Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit. München 1983; vgl.auch: Ralph Kohlpeiß: Oldenbourg Interpretationen, mit Unterrichtshilfen. Bd. 77, München 1995, 142 S.

[8]     Hansruedi Müller: „Das Leben entschleunigen“. In: DIE ZEIT Nr.4 vom 19.1.1996, S. 58.

[9]     Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. München 1993; vgl.auch: W. Riedel / L. Wiese: Oldenbourg In­terpretationen. Bd. 75, München 1995, 123 S.

[10]    „Tanz auf dem Vulkan“, ein ZEIT-Gespräch mit Franz-Josef Radermacher. In: DIE ZEIT, Nr.48 vom 24.11.95, S.36f.

[11]    Franz Decker: Die neuen Methoden des Lernens und der Ver­änderung. Lern-und Organisationsent­wick­lung mit NLP, Kine­siologie und Mentalpädagogik. AOL+Lexika-Verlag, München/­Lichtenau 1995

[12]    W. D. Zimmermann u.a.: Aus Erfahrung lernen – Mit Erfahrung spielen. Verlag an der Ruhr, Mühlheim, 2. über­arb. Auflage 1992, 71 S.

[13]    Akademie für Lehrerfortbildung: Theaterspielen in der Schu­le. Ein Fortbildungsmodell. Dillingen 1990, ca.470 S.; vgl.auch G. Holzapfel / G. Roehlke: „... Man spielt, wie man ist, und merkt daran, wie man ist“. Bremen 1987

[14]    Helmolt Rademacher: Spielend interkulturell lernen? Wir­kungsanalyse von Spielen zum interkulturellen Ler­nen bei internationalen Jugendbegegnungen. Berlin 1991, ca. 150 S.; vgl. auch: Cornelia Johnsdorf: Arbeits­hilfe zu entwick­lungspolitischen Brettspielen. Arbeits-Stelle Ökumene, Amt für Gemeindedienst, Archivstr. 3, Hannover, April 1991; sowie: Brot für die Welt: „Spielend lernen“. Entwicklungspolitische Lern-und Akti­onsmodelle. Stuttgart 1994/95; und: Landesver­band der Volkshochschulen Niedersachsens e.V.: „Wir sitzen alle in einem Boot“. Spiele und Aktionen zur Förderung interkultureller Praxis. Hannover, Juni 1993; schließlich: „Multikulturelle Gesellschaft“, PRAXIS SPIEL+GRUPPE 1/93, Grünewald-Verlag, Mainz.

[15]    Manfred Schewe: Fremdsprache inszenieren. Zentrum für päd­agogische Berufspraxis, Carl von Ossietzky-Universität, Oldenburg 1992, 447 S.

[16]    Jürgen Fritz: Interaktionspädagogik. Methoden und Modelle. München 1975, 216 S.

 

   

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2 / 1998
Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis  
Hannover, 1998. 94 S., A 5, kart. [
ISBN 3-9804023-6-3], 4.7.98 - Printausgabe vergriffen

Internetausgabe: 11.11.02  - Letzte Überarbeitung: 7.6.2003 / 10.08.2004 / 07.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

pua 1-2/1998

ISSN

0945-1544

 

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