Manche fühlen sich von riesigen Bücherwänden und
-ketten bedroht, mich ermutigen sie. Ein so riesiges Bildungsinstrument muss mir dabei helfen können, mich über meine Affekte zu erheben... Wissenschaft tröstet,
denn sie macht den Schmerz zu einem interessanten Fall, an dem sich was beweisen
lässt.
Stan Nadolny:
Netzkarte
Die Identität einer Schule hängt von vielerlei
Einflussfaktoren und Entwicklungen ab. Doch selten nur gelingt es – und heute
immer weniger –, konsistente und konsensfähige Profile und Selbstverständnisse
tatsächlich in positive und innovative Bildungsangebote für die Schülerschaft
und damit für die Gesellschaft umzusetzen. Immer häufiger zerfallen Kollegien
in dem Bemühen, einen nicht zu erzielenden langfristigen Konsens über
Bildungsziele und Unterrichtspraxis zu erarbeiten. Vielen wird – oft eher
schemenhaft und rational schwer zu durchschauen – ein zugrunde liegender
Konflikt erfahrbar, der nicht aus dem Unvermögen der Kolleginnen und Kollegen,
erst recht nicht aus der Situation und den Befähigungen der Schülerinnen und
Schüler heraus zu erklären ist, sondern auf grundlegende gesellschaftliche
Dichotomien verweist, die durch die gesellschaftlichen Transformationen und
Krisenerscheinungen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts immer
deutlicher zum Vorschein gebracht wird. Für die einzelnen Lehrerinnen und
Lehrer wird diese Erfahrung zum ganz persönlichen Existenzproblem, ohne dass dabei Auswege und Lösungen aufscheinen würden. Ich möchte diese Erfahrung von
unlösbaren Dichotomien in der Gesellschaft als
absurd und paradox
beschreiben und gehe davon aus, dass zunächst ein eher persönlicher, d.h.
auf die Personen bezogener, und
erfahrungsorientierter, konkreter
Ansatz zum tieferen Verständnis dieser Situation hilfreich sein lohnte.
So wähle ich ein konkretes, mir bekanntes Schulbeispiel.
Die Beispielschule hat, so möchte ich es beschreiben, eine
»gespaltene Identität«: Naturwissenschaftlicher Schwerpunkt und
UNESCO-Projekt-Schule, technische Leistung, Effizienz und Politische Bildung,
Emanzipation und Liberalität. Es ist in zwanzig Jahren Ringens nicht
gelungen, diese beiden Pole eines breiten und potentiell fruchtbaren Lernangebots
zu versöhnen, in Wert zu setzen. Der langjährige Schulleiter dieser Schule
hat durch die Beteiligung an der Reformarbeit in Niedersachsen intensives
schulpolitisches Engagement bewiesen, gleichzeitig in seinem Unterricht in
fast allen Fächern des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes sich
bemüht, die Ziele der Politischen Bildung
für seine Schülerinnen und Schüler umzusetzen, fruchtbar zu machen. Doch
ist das, was wir hier verhandeln, nicht eigentlich nur ein Problem dieser
Schule, es ist ein Problem des Selbstverständnisses von Schule in unserer
heutigen Gesellschaft selbst und es ist ein Problem der Politischen Bildung,
des »Politischen«, das in eine »Krise« geraten ist.
Die subjektive Perspektive bietet sich nicht nur
wegen der geringen Distanz des Verfassers zum Thema, sondern auch durch die
langjährige Arbeit im Vorstand des Verbandes der Politiklehrer an. Nur wenige
Kolleginnen und Kollegen sind heute noch bereit, engagiert und aktiv an der
Gestaltung der wesentlichen Zukunftsaufgaben mitzuwirken. An diesen
Widerständen ist das Reform- und Aufbruchspotential der Beispielschule nicht
zur erwarteten Wirksamkeit gekommen. So sind meine Thesen vor allem auch
Fragestellungen, die einer wissenschaftlich-empirischen Überprüfung bedürfen
und als Beiträge, vielleicht auch Einreden, im innerfachlichen Diskurs zu
verstehen sind. So ist dieser Aufsatz auch eine Frage nach noch offenen
Auswegen.
Lehrerdasein zwischen »Konformitätsdruck und Profilierungszwang«
Politiklehrerinnen und Politiklehrer stehen vor der
Anforderung, das, was anderen Pädagogen aus pädagogischer Verantwortung heraus
aufgetragen ist: die eigene Situation
kritisch zu reflektieren, die Bedingtheit der Motivation und der eigenen
Kompetenz zu erkennen und das Verhältnis zur Institution Schule kritisch-rational
zu klären – als ebenso fachlich-kognitiven Bereich der eigenen stofflichen
Unterrichtskonzipierung zu verstehen und umzusetzen.
Dieses Leben aus der Selbstreferentialität heraus
begründet die typische »postmoderne«
Existenz der Politik- und Gesellschaftswissenschaften und der Lehrkräfte in
diesem Fachbereich. Damit sind sie aber auch typisch der
Krisenwahrnehmung und den Bewältigungshemmnissen dieser »Postmoderne«
unterworfen.
Was dem Menschen in unserer
Staatsgesellschaft allgemein am Ende des 20. Jahrhunderts als
Krise, Unübersichtlichkeit und Orientierungsunsicherheit,
ja als bedrohliche Auflösung der »Ordnungen« erscheint, stellt sich dem
selbstreferentiellen Perspektiven aufgeschlossenen Wissenschaftler und
Philosophen als Absurdität oder
Paradoxa der sowohl gesellschaftlichen wie wissenschaftlichen Realität dar.
Künstler haben diese Befindlichkeit im Laufe des 20. Jahrhunderts in ihrer
größeren Sensibilität gegenüber den Verwerfungen der Realität schon viel
früher erfahren und zum Ausdruck gebracht, als dies in anderen öffentlichen
Diskursen bemerkt und umgesetzt wurde; die gesamte Kunst- und Literaturgeschichte
der Moderne ist eine Auseinandersetzung mit dem Zerfall der einst als sicher
wahrgenommenen Realitäten. Es ist bezeichnend, dass der Anstoß zu einer
eingehenderen philosophischen Befassung mit den
Paradoxonen des Realen aus der mathematischen Logik und der
naturwissenschaftlichen Erkenntnistheorie kam, die an die Grenze des
euklidschen Welt- und Zahlenbildes gestoßen war. Die Konvergenz
künstlerischer Erfahrung mit der mathematisch-naturwissenschaftlichen
Erforschung der Grenzen der traditionellen Logik und Realitätswahrnehmung hat
in großartiger Weise Douglas R. Hofstadter in seinem Werk
Gödel, Escher Bach – ein Endloses Geflochtenes Band
ausgebreitet.
dass
gerade in den gesellschaftswissenschaftlichen und
politischen Disziplinen wie in einer breiteren Öffentlichkeit eine weitverbreitete
Tendenz dagegen besteht, diese irritierenden
und verunsichernden
Erkenntnisse abzuweisen, gar zu
anathematisieren und sich auf subjektiv begründete ethisch-normative
Scheinsicherheiten traditioneller
Realitätsdefinitionen und -wahrnehmungseinschränkungen
zurückzuziehen, ist menschlich verständlich, aber gesellschaftlich ebenso
gefährlich und destruktiv. Der Soziologie ist dieses Verhalten präsent und
einleuchtend, wenn das leitende gesellschaftliche Prinzip des
Bedürfnisses nach Ordnungs-, Orientierungs-
und Zukunftssicherheit untersucht wird, das die sozio-psychologische
Grundlage des Macht- und Legitimationsprozesses in der organisierten und
institutionalisierten (Staats-) Gesellschaft ist.
Wo Selbstreferentialität verunsichern
muss, bringt
gegenseitige Bestätigung der Ordnungsstrukturen
und Werte für das Leben des Einzelnen, aber auch für die Schule Schutz vor
der Kälte und Bedrohung durch die Realität und Schutz vor der Furcht vor Überforderung.
Gerade die Schule ist eine Institution, die zum einen in ihren Schülerinnen
und Schülern Menschen mit noch nicht hinreichend entwickelter Ich-Stärke und damit expliziter
Schutzbefohlenheit unterrichtet, die
zum anderen aber gerade auch die traditionelle gesellschaftliche Aufgabe
übernimmt, der folgenden Generation diese
Ordnungssicherheit
zu vermitteln – sie ist gerade nicht die Institution der ungeschminkten und
ungeschützten Konfrontation mit dem irritierenden und verunsichernden Zerfall
traditioneller Realitätssicherheit, mag diese Konfrontation auch rational
geboten und letztlich gesellschaftlich unabweisbar sein.
Daher auch das oft
panische
Festhalten von Pädagogen an obsoleten und zum Teil sogar gefährlichen
Grundbildungskonzepten und einer
affirmativ-rückwärtsgewandten Werteerziehung.
Politiklehrerinnen und -lehrer sind in dieser pädagogischen Konzeption
notwendigerweise dann Fremdkörper und
Außenseiter, wenn sie die prinzipiell
selbstreferentielle, auf grundsätzliche Verunsicherung zielende Struktur
ihres Faches noch ernst nehmen und zur Richtschnur ihres pädagogischen
Verhaltens machen. Nur zu schnell siegt aber in der eigenen Biographie die bequemere
affirmative Pädagogik über die irritierende gesellschaftswissenschaftliche
Bildung! Damit ist das Leiden der Politiklehrerschaft
an ihrem Fach zu verstehen und zu beschreiben. Gleichzeitig ist diese oft
mangelnde Identifikation mit den fachlich-rationalen Potentialen der Sozial-
und Politikwissenschaften aber auch mit ein Grund für den Bedeutungsverlust
des Faches und, fast möchte man sagen: das Verschwinden des originär
Politischen aus den öffentlichen
Diskursen, was es umso leichter macht, diffamierend Politik mit
Parteipolitik gleich- und herabzusetzen.
Welche Bedingungen finden Politiklehrerinnen und -lehrer
nun in der Schule vor, wenn sie diese gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten
und selbstreferentiellen Reflexionsansätze zum didaktischen und
unterrichtsmethodischen Leitprinzip erheben wollen?
Die
Institution
Schule ist nur vor dem Hintergrund des
Zivilisationsprozesses
zu verstehen. Eine fachgeschichtliche Wurzel der Politikwissenschaft, vor allem
im süddeutschen Raum noch heute in der Universitätsorganisation erweisbar, ist
das ältere Staatsrecht bzw. ist die
Staatsphilosophie, die den
entsprechenden juristischen und philosophischen Fakultäten zugeordnet sind.
Die sozialwissenschaftliche
Zuordnung zu einem ohnehin jungen und nicht einheitlich strukturierten Fachbereich
ist uneinheitlich und auch inhaltlich oft uneindeutig. Entsprechend der
zeitweise negativen Wertbesetzung des Begriffs »Gesellschaft«
ist damit auch in der Didaktik des Politikunterrichts die sozialwissenschaftliche
Fundierung des Politikbegriffes und erst recht nicht des »Staates« als Unterrichtsgegenstand
des Faches eindeutig und zwingend. Die Einführung eines im Kontext einer sozialwissenschaftlichen
Zivilisations- und Staatstheorie unverzichtbaren korrespondierenden Begriffes
einer »Staatsgesellschaft« als Charakteristikum
und Typkategorie ist daher nicht ohne weitere Reflexion des fachlichen
Selbstverständnisses des Politikunterrichts selbstverständlich.
Dementsprechend erreicht das Fach »Politik« in vielen
Fällen Schülerinnen und Schüler als »Staatsbürgerkunde«; auch spätere
Fachbezeichnungen sind auffällig uneinheitlich (Sozialkunde, Gemeinschaftskunde,
Gesellschaftslehre) und zeichnen die Uneindeutigkeit sowohl der didaktischen
Konzepte wie der sie tragenden politischen Setzungen nach.
Damit ist die
Unsicherheit
gegenüber einem wertbesetzten Gegenstand
und seine Einbindung in die Prozesse der Machtgewinnung und des Machterhalts
ebenso zu charakterisieren, wie daraus rein äußerlich die jeweiligen (partei-)
politischen Optionen der Landesregierungen als verfassungsmäßige Träger der
»Kulturhoheit« in der Bundesrepublik Deutschland abzulesen sind.
Entsprechend dieser institutionellen und
gesellschaftlichen Vorgaben ist der Fachgegenstand
von Anfang an deutlich gegenwartszentriert
und aktualistisch verstanden und
bewußt von einer, meist auch von aktuellen Bezügen befreiten,
»historischen Bildung«, die vom Fach
Geschichte getragen wird, abgesetzt worden. Die vom Gegenstand her nicht
hinreichend begründbare strikte Fächeraufteilung in Politik, Geschichte und
Erdkunde
bedingt einen uneinheitlichen und unscharfen Gebrauch von gemeinsamen
Begriffen und Kategorien.
Im Sinne der
Staatsgesellschaft
ist Schule vor allem eine Instanz, Affektkontrolle
und Distanzfähigkeit durchzusetzen und in der Gesellschaft allgemein zu
internalisieren. Wie in der ganzen Entwicklung des modernen Staates,
etabliert sich untergründig aber eine
gegenläufige Bewegung und Zielgewissheit,
eine Hoffnung, die Verkürzungen und Erstarrungen der Zivilisation aufzubrechen,
Autonomie und Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Spontaneität, Neugier
und Bereitschaft, gesellschaftliche Risiken einzugehen, in der Schule wie in
der Gesellschaft durchzusetzen. Zivilisationsprozesse
sind nie eindeutig und irreversibel, sondern in Gleichgewichtssysteme der
Gesellschaftsentwicklung eingebunden. Von Rousseau (»Emile«) über die
vielfältigen Schulreformkonzepte der zwanziger Jahre (Montessori, Landschulbewegung,
Waldorfpädagogik) bis zu alternativen Schul- und Lebenskonzepten der
Gegenwart (Summerhill, Cuernavaca, Paulo Freire, antiautoritäre Erziehung)
zieht sich eine neue antizivilisatorische, aber dennoch zutiefst
wertverpflichtete neue Tradition, Schule und staatsgesellschaftliche Zwänge zu
entkoppeln und immanente Widerständigkeit als Lebenskonzept zu ermöglichen.
Diese Anstöße von außen habe tiefe Spuren in Generationen von Lehrkräften
auch im staatlichen Schulwesen hinterlassen und Selbstgewissheiten und
unbefragte Traditionen aufgebrochen.
In den besten Zeiten des gesellschaftlichen Wandels in
der Bundesrepublik Deutschland vor allem in den siebziger Jahren konnten sich
auch Teile des Staatsapparates und der Kultuspolitik dieser immanenten Widerständigkeit
– sehr vorsichtig – nähern und eine Reformphase einleiten, deren Tiefgang und
gesellschaftliche Wirkung bis heute noch nicht endgültig wissenschaftlich ausgelotet
worden ist. Wir Politiklehrer waren eine Zeit lang Teil dieses Reformaufbruchs.
Die Reformer kamen in die Schulen und bewegten einiges, zum Teil – wie Ulrich
Bauermeister an der Bismarckschule Hannover oder Eckhart Jander an der
Tellkampfschule Hannover –als Schulleiter. Doch in einer Zeit, in der sogar
der Begriff Reform für Entliberalisierung den neuen Ausbau staatlicher
Repressionsapparate unter dem Furchtgespenst der Organisierten Kriminalität
und der Ausländerkriminalität und für die Bezeichnung massiven und
systematischen Sozialabbaus pervertiert wird, kann tatsächliche Reform wohl
kaum noch in die Realität umgesetzt werden. Und wo bleiben die
Unterrichtenden, die sich den emanzipatorischen Zielen der Politischen Bildung
verschrieben haben in der historischen Gewissheit, dass diese Widerständigkeit
notwendiger Teil auch der etablierten Politischen Kultur Mitteleuropas ist,
durch Revolutionen erkämpft, von Ketzern und Widerstandskämpfern geadelt? dass
letztlich die Grundrechte, die das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland
einleiten, nicht affirmatives Selbstverständnis der Staatsgesellschaft sein
können, sondern das erkämpfte Recht, Menschenrecht gegen den Staat einfordern
zu dürfen und zu müssen?
Kein Lehrer, keine Lehrerin der heute unterrichtenden
Generationen seit den Siebziger Jahren ist nicht von Motivation und Ausbildung
her auch mit den Konzepten der pädagogischen Widerständigkeit in Berührung
gekommen; die große Frage ist, ob er im täglichen unterrichtlichen Umgang mit
Schülerinnen und Schülern diese Widerständigkeit behaupten und glaubhaft
vermitteln kann, also auch bereit ist, das damit verbundene gesellschaftliche
Risiko einzugehen, oder ob er der Erfahrung der Widersprüchlichkeiten der
Alltagsrealitäten erliegt und sich wieder den traditionellen affirmativen
pädagogischen Rahmenbedingungen ein- und unterordnet.
In der Politischen Bildung verstärkt sich dieser
strukturelle Grundwiderspruch noch dadurch, dass er sich selbst thematisiert,
besser: thematisieren muss. Gerade über eine bewusste Politische Bildung kommen
moderne philosophische Konzepte des selbstreferentiellen Denkens in die
Didaktik. Das Dilemma ist, dass damit – vor dem Hintergrund von Herkunft,
Biographie und Ausbildung – Lehrerinnen und Lehrer, auf die unmittelbare
Unterrichtspraxis fixiert, prinzipiell überfordert sind und diese Überforderung
als Stress wahrnehmen. Und Stress verursacht Intoleranz, Mangel an Distanzierungs-
und Selbstdistanzierungsfähigkeit, letztlich: pädagogische Inkompetenz. K.
Peter Fritzsche schreibt dazu in
seinem lesenswerten Aufsatz: Über die Schwierigkeiten, Toleranz zu üben:
Toleranz “ist das Resultat eines mühsamen Lernprozesses
und beruht nicht auf Schwäche, sondern auf Stärke: Über die Wechselbeziehung
mit Stress... Es ist sozialer Stress, der Bürger anfällig für Intoleranz
macht. Toleranz-Schwellen sind deshalb als Stress-Schwellen zu begreifen.
Bei sozialem
Stress geht es um das Verhältnis von sozialen
und politischen Anforderungen und den Fähigkeiten der Menschen, damit
umzugehen, oder besser: Es geht um das Missverhältnis von Problemdruck und Problemlösungskompetenz
und um die Reaktionen auf dieses Missverhältnis. Wenn Belastungen der Gesellschaftsstruktur
oder des sozialen Wandels auf begrenzte oder fehlende Fähigkeiten ihrer
Verarbeitung treffen, wenn Problemdruck auf mangelnde Kompetenzen und Ressourcen
trifft, mit diesem Druck umzugehen, dann wird diese Konstellation von den betroffenen
Bürgern als Stress wahrgenommen: das Gefühl der Herausforderung wird durch
das Gefühl der Überforderung verdrängt. Abwehr- und Fluchtreaktionen sind
als Ersatzlösungen wahrscheinlich, um dem Stress zu entkommen.
Nach dieser
Stress-Konzeption gibt es keine absolute
Überforderung, sondern es gibt Gefühle von Überforderung, die immer von der
Einschätzung der Betroffenen abhängen. Der Stress ist weder allein das
Ergebnis von objektiven Belastungen noch von fehlenden Kompetenzen. Erst das
Zusammentreffen eines relativen Zuviel an Belastung und eines relativen Zuwenig
an Möglichkeiten der Bewältigung lässt das Gefühl der Überforderung entstehen.
Dieser Stress-Begriff unterscheidet sich also vom umgangssprachlichen Begriffsgebrauch,
wo Stress lediglich ein Zuviel an Belastung meint!
Die Toleranz-Schwelle in einer Gesellschaft
lässt sich
somit als Stress-Schwelle konzipieren: Je größer der soziale Stress, desto geringer
die Wahrscheinlichkeit, dass die gestreßten Bürger sich tolerant verhalten.”
Der niederländische Soziologe und Philosophie Cas Wouters
beschreibt den daraus resultierenden Grundwiderspruch des heutigen
Entwicklungszustandes des Zivilisationsprozesses anschaulich:
“Diese Zwänge zur Identifikation und Individualisierung,
zu Konformität und Profilierung, gehen wie die zwei Seiten eines Januskopfes
aus ein und demselben Prozess der Zivilisation hervor. Aus diesen Zusammenhängen
wird ersichtlich, wie wichtig es ist, in Gleichgewichten zu denken. Denn oft
genug wird eine kulturkritische Diagnose, welche die diktierten Muster der
fortschreitenden Einschränkung von Selbstbestimmungsmöglichkeiten verzeichnet,
einer Individualisierungsdiagnose gegenübergestellt, die, wie auch immer
formuliert, die gewachsene individuelle Freiheit betont. Freilich sind die
beiden miteinander verschränkten Diagnosen gleichermaßen einseitig: diktierte
Muster und Freiheitsträume spiegeln einander wie Ängste und Passionen,
Schreckensbilder und Ideale.
Jene Verschränkung macht aber jeden Versuch einer
Bewertung des Gesamtprozesses zu einem allenfalls ambivalenten Balanceakt.
Immer mehr Erfahrungen, Interpretationen und Ideale sind selbst ambivalent
geworden. Im Prozess der Informalisierung vollzieht sich eine ‚kontrollierte Dekontrolle‘
des sozialen Verkehrs und des Gefühlslebens; aber wo genau liegen deren Grenzen?
Es haben sich Ausblicke auf neuartige Verhaltens- und Gefühlsalternativen
ergeben; viele sind in neue Richtungen gegangen, manche gingen zu weit. Wie
verhält es sich zum Beispiel mit dem riskanten Hedonismus und dem
Sich-gehen-Lassen?”
Dieser gesellschaftlichen Ambivalenz begegnen
Politiklehrer und -lehrerinnen Tag für Tag bei ihren Schülerinnen und
Schülern, ohne dagegen eindeutige und widerspruchsfreie gesellschaftliche
Konzepte, Ordnungs- und Verhaltenbilder und Werte setzen zu können, dieser
gesellschaftlich-zivilisatorischen Ambiguität fühlen sie sich aber auch in
ihrer eigenen Biographie ausweglos unterworfen. So kann zunächst nur die
Forderung gestellt werden, die Fähigkeit, gesellschaftliche Dissonanzerfahrungen
und Paradoxien auszuhalten, zu verstehen
und distanzieren zu können. So komme ich noch einmal auf das Eingangs
zitierte Motto zurück: “Wissenschaft tröstet, denn sie macht den Schmerz zu einem
interessanten Fall, an dem sich was beweisen lässt...”
Über die fünf absurden Antagonismen im Leben des Politiklehrers
Fassen wir nun die bisher fachlich und philosophisch
gefassten Grundprobleme zusammenfassen in fünf Beobachtungen, die überspitzt
und eher feuilletonistisch auf den Punkt gebracht werden sollen. Das soll weh
tun und nicht der üblichen Affirmation dienen. Es lässt, das mag zu Recht einzuwenden
sein, Distanz und Selbstdistanz missen, es widerspricht den »abgehobenen«
Forderungen, die wir selbst eben formuliert haben. Doch soll es in durchaus
selbstreferentieller Weise eine Katharsis ermöglichen.
1. Distanzierte Verwicklung: Die Politik
Politiklehrer und -lehrerinnen wollen Politik machen,
vielleicht gar die Gesellschaft verändern und verbessern, die Schule zum Agenten
des gesellschaftlichen Fortschritts machen, sich auf die neue Generation
voller Hoffnung und Optimismus einlassen – und treten ein in eine Institution,
die den Ballast der herkömmlichen Ordnungsvorstellungen, die die
Selbstverständlichkeiten der Staatsgesellschaft zum Ordnungsmodell ihres
Funktionierens und ihres Alltags macht. Die Politik entfernt sich.
Gerade die große Zahl von Lehrerinnen und Lehrern
in den staatlichen Vertretungskörperschaften verweist auf eine absurde
Entwicklung: nicht aus ihrer Erfahrung als Lehrerinnen und Lehrer heraus wird
Politik gestaltet, sondern in der vorweggenommenen und überkompensierten
Furcht vor den negativen Stereotypen gegenüber der Lehrerschaft wird Politik
unbewusst als Flucht vor der eigenen Biographie betrieben: absurde Verwicklung.
2. Distanzierte Verwicklung: Die
Schule
Die Beziehung von Lehrerinnen und Lehrern zur Schule sind gekennzeichnet
von Dichotomien. Grundüberzeugungen
und affektive Strukturen bilden sich in den meist dreizehn Jahren eigener
Schulzeit heraus: sie sind der Orientierungsrahmen für die spätere Haltung
zum Lehrerberuf. Rollen, Muster, Rollenerwartungen, Rollendistanz und
Zuwendung werden hier schon angelegt. Der
»Frontwechsel«
ist für junge Lehrerinnen und Lehrer daher ein tieferer affektiver Einschnitt
als der Eintritt in einen anderen Beruf: vielleicht wird dieser Einschnitt aber
verdrängt durch die irrationale Hoffnung auf
Kontinuierung der sozialen Lebenswelt. Berufswahl des Lehrers als
Symptom einer affektiven und sozialen Entwicklungsverzögerung, von
Infantilismus?
Ein großes Problem stellen vor allem diejenigen
Lehrkräfte dar, die – vielleicht mit Ausnahme einiger Ferienjobs – nie eine
andere Arbeitswelt als die Bildungsinstitutionen Schule und Hochschule kennen
gelernt haben. Diese institutionalisierten, immobilen und staatsaffirmativen
institutionalisierten Lebenswelten, in denen Freiheit als
Narrenfreiheit definiert wird, sind mehr als nur ein üblicher
Arbeitsplatz, sie sind Orientierungsmuster für spezifische pädagogisierte
Welt- und Gesellschaftsbilder.
Es fällt von außen her daher leicht, die
Praxisferne der Lehrerschaft zu
verurteilen – erkennt man Lehrerinnen und Lehrer doch sehr schnell an einem
besonderen Habitus, an aufdringlichem Sprachduktus und an »besserwisserischen«
Weltbildern –, übersieht dabei jedoch, dass dieser Lehrerhabitus notwendige
strukturelle Folge einer objektiv widersprüchlichen Berufssituation ist, deren
Folge beinahe zwangsläufig affektive und soziale Überforderung ist. Dieser
affektive Widerspruch ist noch zu thematisieren.
Solange sich Schulpolitik im Aufrechterhalten vorher
willkürlich (will sagen: politisch) gesetzter Stundentafeln und Formalcurricula
erschöpft und von der dummen Annahme
ausgeht, Lernerfolg linear an erteilten Stundenzahlen erzielen zu können,
ist die Schule typischer und zentraler Ort des allseits beklagten
Staatsversagens.
Als Lehrer
Versagensverwaltung
zu betreiben und zu professionalisieren, fordert bestenfalls zynische oder
ironische Selbstdistanz, bewirkt aber wohl eher
Traumatisierungen...
3. Intellektualisierungsprozesse und
Affirmation
In der Schule vollziehen sich organisierte
Intellektualisierungsprozesse. Die kognitive und methodische Seite dieser
Prozesse ist Gegenstand der allgemeinen und der Fachdidaktik, sie ist
rationalen Kriterien offen und letztlich auch optimierbar. Dabei stellt sich
die grundsätzliche Frage, in wie weit sich Schule und Lehrerdasein auf diese
Effizienzperspektive reduzieren lässt und reduziert werden darf.
Der gegenwärtige schulpolitische Trend geht gerade in die
Richtung, die kognitiv-methodische Effizienz als mögliches und sinnvolles
Ziel der Schule zu behaupten und schulpolitisch-administrativ durchzusetzen.
dass
dem ein grundsätzliches Missverständnis zu Grunde
liegt, ist dem Sozialwissenschaftler sehr deutlich. Intellektualisierungsprozesse
sind nicht in erster Linie persönliche, individualpsychologisch begründbare
Prozesse des Wissens- und Fähigkeitserwerbs, sondern setzen kommunikative
Prozesse in der Gesellschaft, Diskurse über Gruppenidentitäten und soziale
Kohäsion, über offene oder verhinderte soziale Mobilität in eben dieser
Gesellschaft voraus. Alle effizienten kognitiv-erzieherischen Bemühungen der
Schule vermögen nichts gegenüber sozialen Diskriminierungs- und Distanzierungsprozessen,
die zu einer Einschränkung der informellen oder formalen Teilhabe an den
dargestellten Diskursen über die gesellschaftlichen Entwicklungen führen.
Unsere schulische Behandlung der so wahrgenommenen ethnischen,
sprachlichen oder nationalen Minderheiten – wobei diese
Wahrnehmungsperspektive zunächst einmal selbst kritisch relativiert werden
müsste! – ist weitgehend abhängig von gesellschaftlichen Distanzierungs- und
Ausgrenzungsstrukturen, die über Schülerschaft, Elternschaft und das
Kollegium selbst in den Schulalltag hineinwirken.
So ist eine formale Gleichbehandlung nicht nur zu
wenig, sondern eine deutliche Affirmation gesellschaftlicher Ungerechtigkeitsstrukturen
und damit auch nicht über personalisierte Ethik aufzulösen. Gerade
Politiklehrerinnen und -lehrer erleben diese grundlegende Nichtumsetzbarkeit
ihrer gesellschaftlichen Einsichten und Analysen in die Unterrichtspraxis, da
auch das Sprechen über dieses Thema im
Unterricht, da es ja durchaus legitimer Unterrichtsstoff in den gesellschaftswissenschaftlichen
Fächern ist, tendenziell zu einer Verstärkung und Bestätigung der Abgrenzungs-
und Fremdheitsdefinitionen führen kann, als Absurdität und existentiellen
Konflikt für das eigene Selbstbild.
4. Indirekte Sehnsucht nach der
Tat
Handlungsorientierter Unterricht gilt allenthalben als
unbestrittenes Leitziel. Aber bitte: Lehrer oder Lehrerin sollen nicht
»Handeln«, sondern Schülerinnen und
Schülern zum Handeln befähigen... Wer aber trägt die Verantwortung für
dieses »Handeln«? Werden hier nicht
gesellschaftliche »Stellvertreterkriege« ausgefochten, in denen der
durch reale Zwänge unterdrückte Handlungswunsch
des Lehrers den Schülerinnen und Schülern aufgebürdet wird, mit der Vorgabe,
dass dieses »Handeln« aber tunlichst
folgenlos zu bleiben habe? Stärker als je zuvor wird in der gegenwärtigen
kulturellen Situation Schule virtuell
und uneigentlich – und damit
verstärkt sich ihr Bedeutungsverlust
in den Biographien ihrer Schülerinnen und Schüler. Nur Lehrerinnen und Lehrer
scheinen noch – durch ihren täglichen Job – existentielles Interesse an der
Schule zu haben, nachdem das inhaltliche und gestalterische Interesse
zusehends verlischt... Eine absurde Situation, die noch widersprüchlicher
wird, geht man den affektiven Grundlagen und Konflikten nach:
5. Distanzierte Erotik
Eifersucht: Es ist zu untersuchen, ob ein
Eifersüchtiger wahrhaftig sich fürchtet, die Gunst der geliebten Person zu
verlieren, oder ob er dieses sich selbsten nur berede und als Vorwand brauche,
seinen Neid damit zu bergen.
Lexikon von 1734, nach Nadolny, Netzkarte, a.a.O.
Es wäre gesellschaftswissenschaftlich unsinnig zu behaupten,
dass »Schülerorientierung« und affektive Zuwendung zu Schülerinnen und
Schülern nichts mit auch intimen sexuellen Affekten zu tun hätte. Gerade das
ist der Grund einmal der Tabuisierung dieses Themas im Lehrerbewusstsein, zum
anderen der literarische und mediale Reiz, mit der dieses
Skandalon in die Diskurse der virtuellen Medienwelt hineinwirkt.
Es ist die typische Situation am Ende eines langen Zivilisationsprozesses, in
dem die Intimität und die Sexualität »hinter die Kulissen gelegt« worden ist,
in der die menschliche Identität durch das Erlernen einer wirksamen Affektkontrolle
sich fraktioniert in öffentliche und private Rollenspiele. dass diese Metaphorik
zur Beschreibung sozialpsychologischer Verhaltensstrukturen, in der das Leben
zum Spiel auf einer imaginären Bühne wird, in der die soziale Kontrolle sich
zu einem imaginären Publikum der Affektkontrolle und Affektdarstellung wandelt,
in der ein Leben in der Uneigentlichkeit, Mehrschichtigkeit und
Selbstdistanzierung, auch der Ambiguitäten und Zweideutigkeiten zum Alltag
geworden ist, heute zum alltäglichen Deutungsmuster für gesellschaftliche
Strukturen geworden ist, zeigt die tiefgehende Wirksamkeit der mittel- und
westeuropäischen Zivilisierung.
So wird noch einmal die Ambivalenz des
Zivilisationsprozesses sehr deutlich, der einerseits der gesellschaftlichen und
historischen Notwendigkeit entspringt, damit aber auch dem Einzelnen zunehmend
Begrenzungen und Konformitätszumutungen auferlegt. So wird Unsicherheit gegen
Selbstzucht eingetauscht.
Der in der klassischen Pädagogik thematisierte
Euphemismus des pädagogischen Eros,
der nur verschleiert, dass sein antiker Bezugsgegenstand sehr viel
unverhohlenere Sexualität meinte, steht einer konkreten Metamorphose zum amour fou auch heute noch offen.
Wieviel bedeutet doch die verrückte Liebe zu einer Frau, zu der schlanken,
dunkelhaarigen, jugendlich lachenden Abiturientin oder dem jugendlichen
Blondschopf vor der Panik des baldigen Niewiedersehens, das immer näher rückt?
Die vielen Übertragungen, Ersatzhandlungen und Anspielungen, die gerade
nicht verstanden werden sollen, die aber zu einem Selbstgespräch des Sozialwissenschaftlers
mit seinem alter ego als Lehrer
führt. Alltagserfahrungen, distanzierte Affekte, die umso interessanter
werden, als sie für den Politiklehrer nicht naiv erfahrbar sind, sondern im reflektierten
und selbstreferentiell überprüften Bedeutungskontext als
existentielle Absurdität erfahren
wird.
Doch sollte hier nicht in erster Linie das tabuisierte
Skandalon thematisiert werden, sondern die grundsätzliche Einsicht, dass Distanz
und Zuwendung, wenn diese nicht nur Rolle und angelerntes
Verhaltensrepertoire ist, über konkurrierende und sich ausschließende
Symbolwelten verfügen und Realität als Dichotomie uneindeutig und damit
verunsichernd definieren.
Die Widersprüchlichkeit offenbart sich vor allem in der
Nachkriegslehrergeneration, die einerseits mit dem ernstgemeinten Anspruch
ihren Beruf ergriffen hat, sich nicht von der alten autoritäreren Schulwelt
einfangen zu lassen, sondern Pädagogik aus den Bedürfnissen der Schülerinnen
und Schüler heraus zu entwickeln, die dabei zunächst freiere, alternative
Verhaltensformen zuließen und auch einforderten – bis zum generellen Zulassen
des »Duzens« –, dabei aber eine gewisse emotionale Distanzlosigkeit
erzeugten, die der weiterbestehenden funktionalen und strukturellen
Distanzforderung der Institution, des institutionellen Lehrens und
Beurteilens, zuwider liefen. Lehrerrolle ist widersprüchlich definiert
durch Nähe bei gleichzeitiger Distanz, und es wäre zu vordergründig, dies als
einen Widerspruch zwischen Pädagogik und Amt definieren zu wollen: es ist ein
Grundwiderspruch des intergenerationellen Interagierens, es ist Teil auch der
notwendigen Generationenkonflikte.
Oft wird dann die echte Zuneigung und Zuwendung gerade
dieser Kolleginnen und Kollegen aus der Interessenlage und der Realitätswahrnehmung
der betroffenen Schülerinnen und Schüler als aufgesetzte unechte Maske
abgelehnt und als Marotte oder persönliches Alltagsritual disqualifiziert.
Andere Kolleginnen und Kollegen, gerade mit Erfahrungen
in der Berufswelt, betonen in ihrer Alltagssymbolik die strukturelle Distanz,
auch um gesellschaftliche Klarheit und Differenzierungsfähigkeit zu erzeugen.
Frühzeitiges »Siezen« und höflicher Umgangston setzt sich vom traditionellen
autoritären Habitus durch gelebtes Ernstnehmen der Schülerpersönlichkeiten ab
und repräsentiert wahrnehmbare didaktisch-methodische Zuwendung und
Akzeptanz. In diesem Falle wird aber der strukturelle affektive Konflikt in die
Persönlichkeit des Lehrers zurückgenommen, „hinter die Kulissen verlegt“, was
zu den dargestellten »absurden« double-bind Beziehungen führen kann, aus denen
ein verletzungsfreier Ausweg kaum denkbar ist.
dass
diese Widersprüchlichkeit nicht nur theoretisches
Konstrukt der Selbstbespiegelung von Lehrern ist, zeigt vor allem die
Beobachtung der tiefgreifenden
Verunsicherung von Schülerinnen und Schülern, die – auch im Sinne einer
problembeladenen mehrfachkulturellen Akkulturation – Schulsysteme sowohl im
Ausland, vor allem in den Ländern der Semiperipherien und der Transformationsstaaten
Ost- und Südosteuropas mit ihren höher standardisierten und formalisierten
Alltagsritualen und dem offenen Machtanspruch persönlicher Hierarchien kennen
gelernt und durchlaufen haben, bei der Konfrontation mit Lehrerverhalten,
das in ihren Augen nicht konsistent ist: ernstgemeinte Kritik zu äußern,
verhaltenssteuernd einzugreifen und gleichzeitig
meist nonverbal Zuwendung und persönliche Akzeptanz zu vermitteln, bleibt
gleichermaßen unverständlich wie das gegenteilige Verhalten, verbal
pädagogische Überzeugungen der Zuwendung und Gerechtigkeit zu übermitteln
und dabei wiederum nonverbal Vorurteile, Ablehnung und affektive Distanz
sichtbar werden zu lassen. Letzteres ist leider die dominierende Erfahrung
unserer aus Osteuropa stammenden Schülerinnen und Schüler...
Die Mehrzahl der deutschen Politiklehrerinnen und
Politiklehrer ist in den siebziger Jahren an den Universitäten ausgebildet worden
und hat mit den Examina ihre Politikfakultas erworben. Schon Ende der siebziger
Jahre werden die Ausbildungskapazitäten der ersten wie der zweiten Phase der
Lehrerausbildung wieder eingeschränkt und das Fach wird gegen die Intentionen
der »Saarbrücker Rahmenvereinbarung«, die der Politischen Bildung eine zentrale
Integrationsfunktion in den Schulen zuwiesen, wieder zu einem
Nebenfach, in vielen Bundesländern
den »klassischen Fächern« des gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeldes Erdkunde und Geschichte nicht nur
neben-, sondern untergeordnet.
Das umfassende Konzept einer
Politischen Bildung hatte sich ohnehin im Schulalltag nicht
durchsetzen können; und seither werden Politiklehrerinnen und Politiklehrer
fast ausschließlich wegen ihres zweiten oder ihrer weiteren Fachbefähigungen,
nicht jedoch wegen ihrer Fakultas im Fach Politik von den Schulen gesucht und
in den Schuldienst übernommen. Ein erheblicher Teil des Unterrichtes, der der
Politischen Bildung dienen soll, wird fachfremd von Historikern und Geographen
erteilt. Das heißt letztlich, dass heute viele Schulen (fast) ohne ausgebildete
Politiklehrerinnen und Politiklehrer auskommen und die Kolleginnen und
Kollegen mit der Fakultas Politik überwiegend in anderen Fächern eingesetzt
werden. Damit verbunden ist auch die Erfahrung einer
Umprofessionalisierung der Politiklehrerinnen und Politiklehrer
selbst zu verweisen. Der Begriff des Selbstverständnisses
ist jedoch grundlegend zu relativieren, obwohl die Frage nach dem Selbstverständnis
zu den am häufigsten diskutierten Themen in der Politiklehrerschaft gehört.
Es kann kein kollektives Selbstverständnis einer Berufsgruppe geben!
Eine dazu entwickelte Fragestellung bedürfte aber
noch einer eingehenderen Bearbeitung: Wie wirkt sich die gegenüber allen anderen
Fächern auffällige Geschlossenheit und
Einheitlichkeit der Generations- und Berufserfahrung der Politiklehrerinnen
und Politiklehrer auf deren Politik- und
Gesellschaftsverständnis, ihre Realitätswahrnehmung
und ihr Selbstbild aus? Welche Konsequenzen
hat das für das öffentliche Erscheinungsbild des Faches Politik, seine
schulischen Wirkungsmöglichkeiten und seine gesellschaftliche Akzeptanz?
Zur Mehrdeutigkeit des gesellschaftlichen Umbruchs in den siebziger Jahren
als Primärerfahrung der heutigen Politiklehrerinnen und Politiklehrer
Die Politiklehrerschaft, die vornehmlich heute in den
Schulen aktiv ist, die aber auch maßgeblich an der Entwicklung der Richtlinien
für das Fach beteiligt war, hat ihre politische Sozialisation in den sechziger
und siebziger Jahren erfahren und Ende der sechziger, Anfang der siebziger
Jahre die politischen und gesellschaftswissenschaftlichen Deutungsmodelle und
Paradigmen erlernt, die noch heute maßgeblich die Schulpraxis des
Politikunterrichts bestimmen, während der fachfremd erteilte Politikunterricht
sich sehr viel häufiger an älteren Gesellschaftstheorien und funktionalistischen
»Alltagstheorien« über die Gesellschaft orientiert.
Ende
der sechziger Jahre war – so jedenfalls die eigene Erinnerung an das damalige
Politikstudium – die doppelte Auseinandersetzung mit den
zeitgeschichtlich-politischen Brüchen und ihren gesellschaftlichen Ursachen
und Folgen zentrale politikwissenschaftliche Fragestellung und Studienschwerpunkt:
Wie konnte es zu der – durchaus von
einem strikt moralisch wertenden Ansatz her gesehen –
Katastrophe des Nationalsozialismus in Deutschland und zum Weltkrieg
kommen, und, das ist die zweite Perspektive,
wie ist die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg mit der Erfahrung
des Nationalsozialismus und des Krieges umgegangen? Grunderfahrung auf
der subjektiven Ebene der Studienmotivation und des damit untrennbar
verbundenen politischen Engagements – was die Politologie in Teilen der
politischen Öffentlichkeit und erst recht in der
akademischen Gesellschaft von Anfang an suspekt machte und ihr
den Vorwurf der Subversivität und der
anarchistischen Aufsässigkeit einbrachte – war der Vorwurf, dass die
deutsche Gesellschaft eben nichts aus
diesen Erfahrungen gelernt hätte, was die aktuellen Bezüge auf die
restaurativ-verkrusteten Strukturen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit
der »Wiederaufbaujahre« hinreichend
plausibel machte, war aber auch der ethisch wertende Bezug auf die neu in die
öffentlichen Diskurse tretenden Desaster der Situation der »Dritten Welt«
und schließlich die moralische Dissonanzerfahrung des Vietnam-Krieges
zwischen Demokratiepostulat der »Freien Welt« und unverhüllter militärischer
Durchsetzung von Hegemonialansprüchen durch die USA.
Ein
wissenschaftliches Mittel, diese Dissonanzerfahrungen aufzuarbeiten, wurde in
der Rezeption der »Kritischen Theorie« und der neomarxistischen »Neuen
Linken« gesehen, die die studienleitenden Paradigmen an den meisten
politikwissenschaftlichen Lehrstühlen darstellten. Die didaktischen Modelle,
die sich darauf beziehen oder daraus mehr oder weniger überzeugend ableiten
ließen, stellen als Grundkategorien den Konfliktbegriff, die Emanzipationsforderung
und das Egalitätspostulat in den Mittelpunkt des Politikunterrichtes. Wie
wenig das in der Öffentlichkeit verstanden oder gar akzeptiert wurde, zeigte
die hochgradig emotionalisierte und in der Machtauseinandersetzung wenig
rational funktionalisierte Diskussion um die noch nach heutigen Maßstäben innovativen
und pädagogisch interessanten Rahmenrichtlinien-Entwürfe in Hessen und in
geringerem Maße auch in Nordrhein-Westfalen oder auch die Geschwindigkeit,
mit der unmittelbar nach dem Wechsel der Landtagsmehrheit in Niedersachsen
1978 die bisherigen Kursentwürfe und Unterrichtsmodelle, für die Reformierte
Sekundarstufe II (Gymnasiale Oberstufe) »in der Versenkung« verschwanden –
sehr zur Freude vieler Schulen, die sich dieser didaktischen Herausforderung
nur ungern gestellt hatten, wie der Verfasser aus vielen Beratungsgesprächen
an niedersächsischen Schulen im Auftrage des Kultusministeriums erfahren
musste.
Das
grundsätzliche Problem, das sich im weiteren Verlauf der didaktischen Umsetzung
und Begründung immer deutlicher zeigte, war, dass die genannten Postulate zwar
in einer altehrwürdigen philosophischen Tradition stehen – das anthropologische
Erziehungsmodell Rousseaus scheint in der Retrospektive deutlicher durch, als
es den überwiegend marxistisch überzeugten Protagonisten seinerzeit selbst
bemerkbar war –, ein theoretischer didaktischer oder fachlicher Kontext zwischen
diesen Kategorien völlig unterschiedlichen Charakters ließ sich damals und
lässt sich wohl auch heute nur schwer herstellen. Es handelt sich letztlich um
politische Leitvorstellungen und nicht um politikwissenschaftliche
Analysekategorien.
Aus
der – heute obsoleten – Überzeugung heraus, dass das »Theorie-Praxis-Modell«
ein geeignetes dialektisch strukturiertes Instrument zur Erhellung von
Lernprozessen sei und dass, davon ausgehend, ein Syntheseschritt zur »Einheit
von Theorie und Praxis« möglich wäre – was sich realiter unter dem Druck des
Misserfolges dieses Modells aber immer stärker zu einer tatsächlichen
Theoriefeindlichkeit von
»Schulpraktikern« entwickelte, die heutige Probleme unreflektierter
Emotionalität, Entzivilisierung, Rationalitätsskepsis
und schließlich der Durchsetzung irrationaler Weltbilder des New Age vorbereiten half – entwickelte
sich ein handlungsleitendes Gesellschaftsbild, das sich immer weniger eignete,
tatsächliche gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen real wahrzunehmen
und adäquat zu beschreiben und zu analysieren.
Aus dem ethisch-moralisch motivierten Ansatz eines
kritischen Politikstudiums und der Überzeugung,
politische Veränderungen bewirken zu müssen und zu können,
entwickelten sich bei einer Vielzahl von Politiklehrerinnen und Politiklehrer,
die in den siebziger Jahren in den Schuldienst eintraten und heute noch die
Mehrzahl der aktiven Politiklehrerinnen und Politiklehrer stellen, gesellschaftliche
Leitvorstellungen und Realitätsdeutungen, die immer weniger geeignet sind, die
realen gesellschaftlichen Prozesse und Veränderungen adäquat aufzuarbeiten. Die
strukturellen und lernsituativen Ursachen sind dabei gewiss noch nicht
umfassend genug dargestellt worden oder überhaupt schon darzustellen, so dass hier die kurzen Thesen dazu genügen müssen; wichtiger ist aber,
dass diese
Realitätsdistanz sich als weitgehend unreflektierte oder ideologisch
verschobene Dissonanzerfahrung bei den Kolleginnen und Kollegen in mangelnder
Berufsmotivation, Frustrationen und oft irrational strukturierten
»Widerstandshaltungen« negativ auf ihre Unterrichtspraxis und damit ihre
Erziehungserfolge auswirkt – oft im Sinne einer
self-fulfilling prophecy. Damit wird dieses Problem über die
individuelle Bedeutung hinaus zu einer gesellschaftsrelevanten Rahmenbedingung
für die weitere Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung.
Die »Reform« des Faches Politik?
Mitte der siebziger Jahre arbeiteten in Niedersachsen die
Kommissionen für die Reform der Sekundarstufe II. Für das Fach Gemeinschaftskunde
wurden in der Kommission B für das gesellschaftswissenschaftliche
Aufgabenfeld, den Saarbrücker Rahmenvereinbarungen folgend, zentrale und
integrative, d.h. auch in Hinblick auf die Bezugswissenschaften offene und
interdisziplinäre Curricula entwickelt, die sich sogenannten
Pflichtauflagen für die Politische Bildung ausdrückten. Konsequenz dieser
Konzeption war, dass das Kursthema den fachlichen Schwerpunkt determinieren
sollte – z.B. ein Kurs zum Thema Soziale Ungleichheit sollte schwerpunktmäßig
soziologische Fachbezüge aufgreifen – und nicht das Fachinteresse bzw. das
vorgegebene Fachcurriculum. Die Kurse sollten abgeschlossen, fachlich
voraussetzungslos und in der Lernsequenz beliebig kumulier- und
zusammenstellbar sein, woraus sich für jeden Kurs Mindestanforderungen zur
Vermittlung von Allgemein- und Orientierungswissen ebenso wie von instrumentellen
Qualifikationen ergaben.
Diese, vor allem vom damaligen niedersächsischen
Kultusminister Peter von Oertzen
persönlich initiierte und vorangetriebene Schulreform gab für die
sozial- und politikwissenschaftliche Didaktik
ebenso Grund zu Hoffnungen wie für die damals in den Schuldienst tretenden
Politiklehrer. Die erste Praxiserfahrung
dieser Generation war dann jedoch der massive
Widerstand der Schulen gegen diese Reform, die sich bald konzentrierte auf
den Widerstand gegen die umfassenden
Bildungsziele der Politischen Bildung.
Dagegen gestellt wurden zwei Prinzipien, die es in den Reformkommissionen
gerade zu überwinden galt: das Fachprinzip
und die Sequenzialität des schulischen
Curriculums.
Politisch blieb diese Gegenbewegung
siegreich. Schon in Zeiten der Reformkommissionen traten neben die
integrativen Kursangebote die –
zunächst noch als rein ergänzend
gedachten
– reinen Fachkurse, mit denen vor
allem die noch nicht integrativ qualifizierten älteren Fachlehrer ›beruhigt‹ werden sollten. Doch, ausgehend
vom Aufgabenfeld C, drang auch die Forderung nach der Festlegung
verbindlicher Kursfolgen, die inhaltlich
aufeinander aufbauen sollen, in den
Vordergrund und haben sich dann auch im gesellschaftswissenschaftlichen
Aufgabenfeld in den später entwickelten Rahmenrichtlinien wieder
durchgesetzt.
Diese Entwicklung wurde von den jungen Politiklehrern
›der ersten Generation‹ als Verrat an den Bedingungen wahrgenommen, unter
denen sie angetreten waren. Gleichzeitig zeigte es sich, dass in den Kollegien
und in der Öffentlichkeit gerade diese Politiklehrer verantwortlich und haftbar
gemacht wurden für all das ›Übel‹, das die Schulreform über die Schulen
gebracht hatte, mit der Konsequenz, dass schon in der zweiten Hälfte der
siebziger Jahre kaum noch eine Schule Bedarf an Politik- (Gemeinschaftskunde-
und Sozialkunde-) Lehrern geltend machte. Diese Gruppe war die erste Lehrergruppe,
die nicht mehr damit rechnen konnten,
eine Arbeitsplatzgarantie im öffentlichen Schulwesen zu besitzen.
Das Interesse der Politiklehrerinnen und Politiklehrer
muss wieder auf die Erneuerung ihres Faches geleitet werden
Soweit ist dieser
Prozess als »Scheitern der 68er Generation«
schon oft, wenn auch selten analytisch überzeugend und vor allem nicht auf
die Berufsgruppe der Politiklehrerinnen und Politiklehrer bezogen, dargestellt
worden. Die bisherige Darstellung ist daher in einem gewissen Sinne auch banal.
Doch stellen sich mir einige Fragen, die von der zeitgeschichtlichen Situation
verallgemeinernd abheben und auf eine mögliche Erneuerung der didaktischen
Paradigmen abheben. Als Selbstbetroffener wähle ich hier wieder diese
subjektivistische Perspektive.
Das Motiv, Politik zu studieren, war in unserer
Generation, wie schon erwähnt, vorwiegend durch ethisch-moralische Dissonanzerfahrungen
geprägt. Beim Verfasser war es, mir sei diese persönliche Reminiszenz hier
erlaubt, nach einem abgebrochenen ersten Studienabschnitt einer mehrjährigen
Berufstätigkeit als Straßenbahnfahrer, die den ersten biographischen Kontakt
zur Arbeitswelt darstellte, und immer stärker die Frage nach Ursachen und Funktionen
sozialer Ungleichheit, nach betrieblicher und staatlicher Herrschaft und nach
der Berechtigung oft schwierigster Arbeitsbedingungen wachsen ließ, zunächst
mit der praktischen Konsequenz der gewerkschaftlichen Organisation und dann,
als folgerichtig so empfunden, dem Eintritt in die SPD. Dann erst kam die
berufliche Umorientierung und die Entscheidung, aus eben diesen Gründen
Politikwissenschaften zu studieren.
Das wissenschaftliche Selbstverständnis des »sine irae et
studio«, das ohnehin ein gesellschaftlich kritisch zu hinterfragendes
Ideologem
ist, taugt zur Begründung und Handlungsleitung eines so motivierten Studiums
nicht.
Die vielfältigen Erfahrungen einer Generation, die die
Umbrüche und Verschiebungen der Machtbalancen in der Gesellschaft nicht hat
verarbeiten und positiv umsetzen können – wobei sich hier die Schuldfrage nicht
stellt, sondern das Verständnis der Wirkungsfaktoren Desiderat bleiben muss,
führten zu einer Moralisierung und Ethifizierung des Berufsbildes, das es
möglich machte, dass wieder obsolete Grundpostulate wie die Frage nach der
Grundbildung und der Werteerziehung in den Vordergrund traten und die
rationalen und emanzipativen Ansprüche der Politischen Bildung in den
Hintergrund drängten. Aus den recht subjektiven Anmerkungen dieses Aufsatzes
sollte zumindest deutlich geworden sein, welche Erfahrungen und biographische
Orientierungen zu diesem Verlust an politischer und wissenschaftlicher
Rationalität geführt haben und wie wenig allein das Betrauern dieses Verlustes
politisch wirksam sein kann.