Weitere Informationen unter http://www.politiklehrerverband.org
eMail politiklehrerverband.voigt@web.de

Home
Nach oben
Publikationen
Punlikationsinhalte
Impressum
Schulpolitik
Verbandsinformation
Rechtsradikalismus
Polen
Polnische Nationalkultur
Dritte Welt
Staatsgesellschaft
pua 2004-1
pua 2003-2
pua 2003-1
Schulreform
pua 2002-2
pua 2002-1
pua 2001
pua 2000
pua 1999
pua 1997
pua 1-2/1996
pua 1995
pua 1/2-1994
pua 1993
pua 1992
pua 1988
File Map

 

politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1998
Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis


Lothar Nettelmann:

Bilanz im Politischen – Schule im Bereich internationaler Aktivitäten* 

Dokument Information

 

 

I. Zum Osteuropa-Engagement – wie es zustande kam

II. Zur Rechtfertigung von pädagogischem Engagement – eine Legitimierung internationaler Aktivitäten im Bereich von Schule

III. Zur Wechselwirkung von pädagogischer und gesellschaftspolitischer Dimension

IV. Schlußbetrachtungen

 

Kein Mensch ist so reich, daß er seine Nachbarn nicht braucht!

Ungarisches Sprichwort

I. Zum Osteuropa-Engagement – wie es zustande kam

Zweifellos gab es viele parallele Ansätze und Gedanken, die zur Einrichtung des Schüler­austausches mit dem V. Lizeum in unse­rer polnischen Partnerstadt Posen geführt haben.

Die Erinnerungen an Begeben­hei­ten, Rück­blicke auf das Ge­sche­hen, die Bewältigung wie auch das Herbeiführen von Schwie­rig­­­kei­ten läßt die Gewiss­heit entste­hen: Man hat sich bemüht.

Ulrich Bauermeister hat in diesem gesamten Geschehen nicht nur wohlwollend unterstützend mitgewirkt, er hat viele eige­ne Ideen und Initiativen entwickelt. Bei ihrer Durchführung hat er Dy­namik und Kraft zur Durchset­zung gezeigt. Auf kollegiales Wir­ken wurde generell von ihm Wert gelegt. Manchmal fand eine Be­sprechung in seinem Garten statt. Alle Aktivitäten wurden ge­mein­sam umge­setzt. Vielleicht hätte öfter manches delegiert wer­den sol­len.

Der Verfasser konnte sich nach und nach etwas aus dem akti­ven Teil zurückziehen, da sich für ihn weiter­ge­hende Ansätze er­ga­ben: Ratschläge für andere Kolleg(-innen) in Vorträgen und Pu­bli­ka­tionen, die Mittler­rolle zu Institu­tionen in Polen, ins­beson­de­re auch zur Botschaft in Köln, dann die fachdidaktische und als Folge die wissen­schaft­liche Arbeit. Insgesamt ist darin eine zeit­lich logi­sche Folge erkennbar. Diese Arbeit wäre nicht mög­lich gewesen ohne kollegiale Einbin­dung und gegenseitige Impulsge­bung und Unter­­stützung, insbesondere bei erfolgter (auch eige­ner) Infrage­stel­lung.

Die Folgewirksamkeit der Aktivitäten zeigt sich oft erst im Rückblick. Selbstverständlichkeiten für den Einen implizie­ren Dis­krepanzen gegenüber dem Anderen. Unvermeidbar sind dabei fi­gu­rative Spannungs­erhö­h­un­gen. Dar­aus resultierten in privaten wie dienstlichen Lebensbereichen – also auch im Kollegium – Bela­s­­tungs­­erschei­nun­gen von Kol­leginnen und Kol­legen. Sie richten sich oft gegen die Träger alternativen pädagogischen Han­delns. Dieses wie­derum – und das ist die Grundlage der Überzeugung – ist kein Appendix oder ein schönes Addi­tum, sondern integraler Bestand­teil von Schule. Der gesamte Komplex stellt eine Anknüp­fung und Wei­ter­ent­wicklung an der Basis – der pädagogi­schen Tä­tigkeit von An­sätzen der zwanziger Jahre – dar, nicht nur eine Re­pro­duk­tion der Reformpädagogik dieser ›ersten‹ Nachkriegszeit. Bei ihrer Wie­der­aufnahme in den fünfziger Jah­ren – also auf den Trümmern des kultur­zerstörerischen Wirkens der Nazis – er­folgte die Zuord­nung eines an­ge­messe­nen Stel­lenwertes in der Pädago­gik. Insofern las­sen sich aus ihm metho­disch-didaktische Konzep­tio­nen und Stel­lenwert­ent­schei­dungen ableiten, die in letzter Konsequenz die endgültige Be­wältigung der restrik­ti­ven autorita­ti­ven Schulmeiste­rei der Wilhel­minischen Ära und der menschen­verachtenden Schule in der NS-Zeit bedeuten.

Überlagert wurde unser Engagement durch das Anwachsen der Migrationsbewegung aus den Regionen der neuen Semiperipherie Europas in den achtziger Jahren. Wir hörten seitdem oft pol­nische Laute in der Schule. Diese und die Schü­ler(-innen) aus Iran, der Türkei und dem Balkan internationalisierten unser Bild. Sie tru­gen über­wie­gend zur Be­wußtwerdung, zur Aufrecht­haltung sowie Neu­definition der pädagogischen Sinnhaftigkeit bei. Durch sie ver­la­gerte und ergänzte sich die Problematik der ursprünglichen Kon­zeption des Schü­ler­aus­tau­sches. Diese genann­ten Dimen­sio­nen wa­ren am Ende der siebziger Jahre, als die Konzeption ent­stand, abso­lut nicht vor­stell­bar und absehbar. Sicherlich war eine Folge das Gefühl zunehmenden Unvermögens, al­les Neue ver­kraf­ten zu kön­nen. Die Grenzen von Wahrnehmungs- und Bewälti­gungsfähig­keit schienen oft über­schritten. Fak­­tisch hatte nie­mand von uns pri­mär als Fachlehrer(-innen) aus­gebildeten Kol­leg(-innen) ei­ne Vor­be­rei­tung in der eigenen Ausbildung auf diese spezielle Aus­rich­tung hin erfahren können. Letzteres er­klärt si­cher­lich zum Teil die oft spürbare Zurück­haltung vieler. Nicht je­der wagt es, sich mit neuen Pro­blem­lagen zu be­schäftigen und bleibt lie­ber auf sei­nem vertrauten Ter­rain, bei dem was mensch gelernt hat.

Bis zum Ende der achtziger Jahre war eine zunehmende Ge­spanntheit spürbar. Die Problem­lage veränderte sich, die Auf­brü­che der Spannungen zwi­schen den neuangekommenen Über­sied­lern aus der DDR ab dem Sommer 1989 sowie der folgen­den an­haltende Ost-West-Wanderung innerhalb der nun ver­größerten Bundesre­publik und die Sicht­bar­machung von Spannungen zwi­schen ehemals erzwun­ge­nen und fas­sa­­denhaften Bruder- und Freund­schaftsritua­len im ehemaligen RGW- bzw. WPO-Bereich. Spürbar wurde ein affektiver Rückschlag nach Auf­brechen der Er­star­run­gen, ein Umschlag in mehr oder weniger offene Antipa­thien. Dem konnte man das Bearbei­ten im Unterrichts­ge­spräch entgegensetzen. Es ließen sich erfreuliche Ansätze zur Aufhebung feststel­len, eine Hinwendung zur Norma­lität menschlichen Mitein­an­ders.

Dazu gehörten aber auch – und das sollte nicht unausgespro­chen bleiben – die Eman­zipati­onsversuche von Ange­hörigen ande­rer mitteleuropäischer Sprachgruppen gegenüber z.T. jahr­hun­der­te­langer russischer Domi­nanz. Man spür­te das emanzipative Auf­begehren, auch die psychische Abwehrhaltung gegenüber Angehö­ri­gen ehe­­mals domi­nanter Ethnien. Insbesondere die polni­sche Sprachgruppe ver­suchte der lange erduldeten Hie­rar­chi­­sierung ent­­gegen­zuwirken. Ihr war aller­dings die Mythenhaftigkeit, das Anknüpfen an die historische Größe der Frühformen gesellschaft­li­cher Entitä­ten, einer damals noch nicht als (eigene) Ethnie oder Nation defi­nierten Sprach­gruppe, gar nicht bewußt. Lange Ver­decktes kam zu Tage und wurde zunehmend offengelegt. Die be­ob­acht­bare latente Sprachlosigkeit zwischen Angehörigen ver­schie­dener Herkunftsgruppen, für die Ansätze von Erklärungen, kaum aber ein Nachvollzug konstatierbar sind. Die nichtrussi­schen Grup­pen des ehemals rus­sisch-zaris­tischen und sowjetisch-kom­munis­ti­schen Herrschafts­bereiches sind besonders betroffen. In der pol­nisch­­spra­chigen Gruppe waren Wechselbeziehungen zwi­schen pol­ni­scher, deutscher und vor allem regionaler (ober­schle­sischer oder ma­zurischer) Identitäten sichtbar, aus denen mehrfa­che Span­nungs­­beziehungen resultier­ten. Eine gesellschafts­histori­sche Ana­ly­se und Differenzierung müsste an anderer Stelle erfol­gen. Leh­­rerseits war ein differenziertes Erscheinungsbild erkenn­bar, das auch Lust­losigkeit und Frust auf polnischer Seite ein­schloß. An­de­rer­seits hatten die Nicht­nach­­voll­zieh­barkeit vielerlei Problem­lagen eine gene­relle Infrage­stellung und parti­elle Abwen­dung zur Folge.

Es macht nun wenig Sinn, an dieser Stelle die Entwicklung des Schüleraustausches Revue passieren zu lassen. Die­ses ist vielfach in Publikationen aus der Schule heraus geschehen. Es ist vielmehr sinnvoll, Fra­gestellungen zu ent­wickeln und diese zu verbinden mit der Hoffnung auf möglichst viele (umsetzbare) Antworten.

II. Zur Rechtfertigung von pädagogischem Engagement – eine Legitimierung internationaler Aktivitäten im Bereich von Schule

Eine Legitimierung des zurückliegenden Engagements ist theore­tisch, moralisch und durch die er­folgreiche pädago­gi­sche Praxis er­folgt. Es soll nunmehr die Frage nach der Begründbarkeit in der gegenwärtig zu Ende gehenden Pha­se des Paradigmenwechsels in Ost­mitteleuropa gestellt werden. Die sich daran anknüp­fende Frage wäre die des Umge­hens, der Bewältigung auf pädagogischer Ebene mit aus der Spannungs­situation semi­peri­pherer Regio­nen resul­tie­renden Problemlagen in ihrer gesellschaftshistorisch be­stim­mbaren sozio-kulturellen Differenziert­heit.

Als zunehmend schwierig erwies es sich für viele Kolleg(-in­nen), ihr Engagement aufrechtzu­erhalten, das aus (subjektiv emp­fun­de­nen) mo­ralisch-pä­dagogischen Motiva­tionen heraus ent­stan­den war, aber auch aus Gutwilligkeit resul­tierte. Sie standen und ste­hen den ›östlich von uns‹ ab­laufenden Vor­gängen und ih­rem stei­­­gen­den Spannungsniveau oftmals resignierend ge­gen­über. Viele Men­­schen fühlen sich ten­den­tiell überrollt und überfordert ange­sichts des unfassba­ren Ge­sche­hens im Osten Mitteleu­ropas. Es ist nachvollziehbar, daß sich mensch dem gegenüber hilflos und oft auch ent­täuscht gegen­über­stehend sieht.

Schwer nachvollziehbar ist – obwohl rational betrachtet of­fen­kundig – daß sich die Problem­lagen für die Schüler(-innen) und Kolleg(-innen) in Polen, der Türkei und Rußland erheblich schwie­riger und unüber­schauba­rer gestalten, ohne daß dort Lö­sungen und Verbesserungen mittel­fristig denkbar sind. Wir müs­sen uns dabei vergegen­wärtigen, daß es in diesen Ländern zwar durch­aus Ansätze auf privater Ebene gibt, diese aber im staatlich-schu­li­schen Bereich gegenwärtig in weiter Ferne stehen. Hinzu kommt, daß eine pädagogische und gesell­schaftswissen­schaftli­che Erfor­schung dieser relativ neuen Situation in den ge­nann­ten Regio­nen nur in geringen Ansätzen erfolgt.

Im Gegenteil: Nahezu alle Aktivitäten Polens, die auf »kul­tu­rel­ler Ebene« erfolgen, haben als Bezugsebene einen tra­ditio­nell be­stim­mten historisch-kulturellen Bereich. Dies gilt in noch höhe­rem Maße für die westli­chen Sezes­sionsge­biete, der früheren So­wjet­union und die ‘Zerfallsprodukte’ Jugoslawiens. Ostmitteleu­ro­pä­i­sche Wissen­schaftler und Didaktiker ope­rieren zu oft in der Nähe zur Reproduktion von Geschichtsmythen; man funktionali­siert sie gar.[1] Dies ist zugleich ein Indiz dafür, daß diese Länder erhebliche Legitimationsprobleme haben, die Ausdruck und Er­schwernis dar­stellen in der Phase des Paradigmen­wechsels, in der sie sich befin­den. Mit der rück­wärtsgerichte­ten und verklärten Hinwen­dung zum scheinbar Schönen und Wertvollen kaschie­ren und über­spie­len sie ihre reale Situation. Auch dafür muß Ver­ständnis entwickelt werden. Die innergesellschaftliche Dynamik ist erheb­lich, das Span­nungs­niveau oft unerträglich hoch, die Macht­balan­cie­rungs­pro­zesse bei weitem noch nicht aus­gestanden oder gar beendet – im Gegenteil, sie verschärfen sich und die Hemm­schwelle zur phy­si­schen wie psychischen Gewalt­ausübung ver­rin­gert sich. Gewalt­ta­ten nehmen zu und brutalisieren sich. Zudem haben wir West­eu­ropäer kaum einen ‘Schimmer’ von dem, was in der Ukraine, in Weißrußland oder dem Bal­kan oder der östli­chen Tür­kei wirklich geschieht.

Das »Verstehen« muß im Schulisch-pädagogischen zu allererst auf der Gefühlsebene erfol­gen und gewollt sein, es muß dann eine Analyse wie auch die Reflexion vorhandener Problemla­gen ein­schließen, um entsprechendes Han­deln unsererseits nach sich zu ziehen.

Weggucken und sich ins angenehme Leben des Konsum- und Kulturbürgers zurückzuziehen – was sich leider zu oft hinter dem »Resig­nie­ren« verbirgt, kann sich mit unserer pädagogischen, d.h. auch gesellschaftspoliti­schen Ver­antwortung nicht verein­baren. Der Raum der Semiperipherie ist unwiderruflich einbezogen in un­seren gemein­samen europäischen Wohn­‑Raum. Auch dieses ist die Konse­quenz aus der fak­tisch bereits erfolgten Integration mehre­rer ostmitteleuropäischer Län­der in die Euro­päische Ge­mein­schaft.

Wenn es sich auch für die Vertreter des gesellschaftswissen­schaftlichen Aufgabenfeldes in der Schule ent­spre­chend dem Ak­tualitätsanspruch anbietet – und der Materialreichtum zwar er­drüc­kend umfangreich ist, aber einen gewis­sen permanenten Reiz bewirkt, ihn zu nutzen – es genügt nicht, (nur) hinzu­nehmen, daß die aus Osteu­ropa kom­menden Zuwande­rer an unserer Schule zwar den Ruf in Mathematik und Schachspiel aufrechterhalten und in den naturwis­sen­schaftlichen Fä­chern den Einbruch im LK- und P-Fach-Bereich verhindern, wir für ihre Problemlagen, die in­ge­samt eine langfristige Folge von schwer verkraftbaren Rahmen­bedin­gungen sind, zu wenig »engagierte Distanz« auf­zubringen vermö­gen.

Es ist nicht nur unsere moralisch-pädagogische Pflicht, es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns dem zu stellen, was als Globali­sierungsprozeß vorliegt und uns direkt erreicht und ver­einnahmt hat, zumal andererseits die Phase der Moderne schon (fast) abge­schlossen ist. Mit dem Nachtrau­ern und Hoffen auf ›bes­sere Zei­ten‹ hat noch keine ›Firma‹ ihre tempo­räre Krise über­lebt. Trotz rela­ti­ver Scho­nung stecken auch wir im staatlichen Be­reich mitten drin im Wettbewerb, ob wir wollen oder nicht. Neben konzeptio­nel­lem Denken im Sinne sog. Schwer­punkt- oder Pro­fil­bildung muß es die Wahr­nehmung vor­liegender Situatio­nen sein, und das bedeu­tet konkret die Kenntnis­nahme und Akzeptanz i.S. einer Zuord­nung vorliegen­der gültiger ‘moderner’ Ansprüche an­ge­sichts weltweiter Entwick­lungen im Bereich der Kommu­nika­tion. Risiken lassen sich nur dann bewältigen, vielleicht auch ver­min­dern, wenn man sie wahr­nimmt und sie rich­tig einzu­schätzen lernt. Die heutige Realsitua­tion, über­schrieben mit Zweiter Mo­derne, ist recht gut über den Begriff der Risikogesellschaft defi­nierbar. Diese Rahmen­ge­­bung durch diesen neuen Modernisie­rungs­schub gilt es wahr­zu­neh­men und in unsere Arbeit einzu­be­ziehen. Das kann dadurch geschehen, daß wir die Thematisie­rung vorneh­men, wie bisher auch schon viel­fäl­tig geschehen. Wir kön­nen zwar versu­chen, uns individuell vor dem zu ver­schließen – es geschieht allzu oft – von unse­ren Absol­­vent(-innen) wird es beim Übertritt in das weitere Ausbil­dungssy­stem oder dem Eintritt die Universitäten gefordert. Der Arbeits­markt verlangt es unerbitt­lich; Arbeitskraft wird auf dem Welt­markt tendenziell billiger!

Für unsere Schule bedeutet dieses u.a. ein Fördern naturwis­senschaftlich-technischen Den­kens und entspre­chender Fertigkei­ten auf möglichst hohem Niveau. Der zweite Faktor ist die Opti­mierung mutter- wie fremd­sprachlicher Kom­petenz. Die Fähigkeit zur Umsetzung und Reflexion koope­rativer Arbeits- und Denkstile ist die dritte, beide anderen überklammernde und damit ent­schei­dende ‘Tugend’. Unabdingbar sind dafür didaktisch-methodische Ansätze, wie sie z.B. der projektorientierte Unterricht umsetzt. Kooperations-, Kon­flikt- und Kommu­ni­kationsfä­higkeit er­reicht man nur dann, wenn man Chancen nutzt und ihre Basis entspre­chend ausbaut. Allein ‘ordentlichen Unter­richt’ machen zu wollen, genügt dazu nicht. Wir sind durch die heutige Ent­wicklung ge­zwun­gen, die pädagogische Paralyse – die zweifellos maßgeblich durch machtarrogan­te Verbandsfunktionäre vor­sätzlich und wis­sentlich beeinflußt und herbeigeführt wurde – zu überwinden und die gegenseitige inzwischen jahrzehntelange Blockade aufzubre­chen. Es drängt sich dabei oft der Eindruck auf, daß manchem nicht bewußt ist, daß die Achtundsechtzigerphase vorbei ist. An­dere müssen dagegen noch wahrnehmen, daß sie überhaupt statt­gefunden hat. Zweifellos muß deshalb die Erstarrung in Gra­ben­kämpfen zwischen uralten Ver­bandspositionen durchbrochen und überwunden werden.

Die Globalisierung als ein gegenwärtig vorliegender und ablau­fender Prozeß, der auch zur thematischen Ablösung von aktiven wie passiven »Ent­wicklungstheorien und -strategien« gegen­über »Ost­­eu­ropa« und der »Dritten Welt« führt und deren Offenle­gung als zumindest partielle Il­lusion einschließt. Dazu gehört auch die Aus­einanderset­zung um den Erhalt der »sozialen« Kom­po­nente der »Markt­wirt­schaft« gegenüber der Brutalisierung völ­liger Libe­ra­­li­­sierung. Auch dieses bedeutet für uns eine Problema­ti­sierung in der Schule.

Der nach wie vor konsensual als sinnhaft, legitim und notwen­dig angesehene ratio­na­le Den­k­ansatz, mit dem Ein­schluss bzw. auf der Basis ethischer Dimensionen im Verantwortungshandeln und den über die Religionen vermittel­ten Werte, muß durch An­sätze wie z.B. der Zivilisations­theorie oder der Machttheorie er­gänzt werden. Die sozial-emanzi­pa­tiven Ansätze müssen erhal­ten und ausgebaut werden.

Gerade die – im Sinne der neuen Moderne – begrenzt ent­wic­kelten Regionen der Semiperi­pherie und ihre Defizite im Bereich von Zivi­lisierung sind es, die nun in weltgesellschaftliche Prozeße einbegrif­fen sind und nur auf diese Weise beeinflusst werden können. Inso­weit stellen internationale Kontakte eine fort­laufen­de Basis für die bewußte Behand­lung und aktive Partizi­pa­tion an diesen Prozessen dar.

Damit ergeben sich zugleich erhebliche Motivationsverände­rungen für die Schüler(-innen). Dieses als Notwen­digkeit zu be­grei­fen und zu definieren erübrigt sich. Es ergibt sich dann zwin­gend die Frage: Wie gehen wir damit um? Wie bewälti­gen wir die eigenen Defizite, die eigenen notwendigen Anpassungen an die Er­forder­nisse, die sich stellen. Nie­mand hat diese Fähigkeit in seiner eige­nen Ausbildung entwickeln können. Kommunikatives Handeln schließt sich dabei an koopera­tives an. Dieses kann geübt und praktiziert werden, u.a. in Projekten oder im Gruppenun­terricht.

Das Plädoyer für die Fortführung von internationalen Aktivitä­ten ist nicht mehr als ein schö­nes Beiwerk von Schule zu betrach­ten oder als stressiger Appendix. Es ist ein bewußtes und ge­woll­tes sich Einstellen auf die Vorgänge im Jetzt. Der Reiz des neuen Neuen, des permanenten Entdeckens könnte vielleicht der Motiva­tion dienen. Ost­mit­tel- und Südosteuropa, die Türkei und die dort lebenden Menschen bieten sehr viel Neues. Dieses stellte dann ei­ne endgültige Beendi­gung der in zwei Weltkriegen erfolgten psy­cho­sozialen Erstarrung dar.

Trotz erheblich geringer Mobilität waren übrigens soziale wie kulturelle Kontakte mit dem Baltikum, der Türkei und Ruß­land im preussisch-deutschen wie habsburgischen Herrschaftsbe­reich vor dem Ersten Weltkrieg sehr intensiv. Knüpfen wir als Ausdruck ei­nes europäisch-inte­grativen Prozeßes daran an. Nutzen wir die Chan­ce für selbststeu­erndes, oder formuliert in der traditionellen bürgerlichen Sprache als verantwor­tungsvoll bezeichnetes pä­d­a­go­gisches Handeln.

Toleranz bedeutet dabei die wirkliche Akzeptanz anderer Le­bensweisen. Diese kann man praktizieren, wenn man dazu willens ist. Damit kann man auch die Barrieren der (z.T. vermeintli­chen) Intoleranz verringern. Man muß es zumindest ver­suchen. Die Frage, ob die gemachten Ausführungen nur für die Kolleg(-innen) bis fünfundfünfzig gelten, darf ein­fach nicht gestellt werden.[2]

III. Zur Wechselwirkung von pädagogischer und gesellschaftspolitischer Dimension

Der Versuch einer Bilanzierung schulisch-pädagogischer Arbeit muß unter dem Aspekt der Be­wer­tung und Gewich­tung im politi­schen Raum erfolgen. Es ist nicht die Pädagogisierung des Poli­ti­schen allgemein, sondern vielmehr die Feststellung, daß Lehre und Wissenschaft nicht trenn­bar sind von Gesellschaft. Sie sind deren inte­grale Bestandteile und damit ihren Interdependenzen, In­terak­tionen und Spannungen unterworfen.

Wenn Theologie und Philosophie auf abstrakter Ebene (oft­mals) in großer Ferne von der Re­algesellschaft ope­rie­ren, im Raum der Schule wird – bei allen Abstraktions­versuchen – der Ein­bezug in diese und damit die Unent­rinnbarkeit aus der gegebenen Pro­ble­ma­tik deutlich. Die Päd­agogik umschließt diesen Raum, der durch mehrfa­che Problem­ebe­nen eingegrenzt und bestimmt wird. Schule ist damit Organon des Politischen. Dieses órganon ist mit dem Be­griff der praxis (dem Handeln) zu ver­knüpfen, nicht mit dem der poiesis (dem des Herstellens).[3]

Hat nun Pädagogik primär mit Gliedern von Gesellschaft zu tun, so bekommt am Ende der siebziger Jahre die­ser Kontext be­zo­gen auf Schulkontakte mit Polen – verstärkt durch die Erhö­hungen der Spannungen in den frühen acht­ziger Jah­ren – eine hohe gesell­schaftliche Dimension im Raum des Politischen. Der ›kleine‹ Schü­leraus­tausch, der das gemeinsame Lernen im Mikro­be­reich von Schule zum Gegenstand hat, wird zumeist unterhalb der kogniti­ven Ebene angesiedelt und oft von dem leicht mißzu­verstehenden Begriff »affektiv« begleitet. Im zu diskutierenden Fall hat diese Ge­fühlsbeziehung im Mikrobereich der Gesellschaft einen hohen Stel­lenwert und wird zugleich zum Gegenstand des Politischen selbst.

Der Reiz besteht nun für uns als Lehrer in der – bewußten – Selbstdefinition des Pä­dagogen als Zoon Politikon. Die­ser Wert und die Wirkung insgesamt sind eingebunden in die gefühlte, z.T. un­bewußte, partiell reflek­tierte All­tags­wirk­lichkeit. Diese ist zu­gleich die Basis bzw. der Raum des Politischen.

Die genannte Dimension konkurriert in der Regel mit Versu­chen kognitiver Wahrnehmung und intellektueller Re­flex­ion im Unterrichtsgespräch. Dieser Kontext, dessen wir uns zweifellos be­wußt sind, ist es, der in den schönen Reden und Schriftdarstellun­gen zwar erwähnt, ob seines Stellenwertes aber zu wenig gewich­tet wird und wissen­schaftlich kaum erforscht ist.

Eine erhebliche theoretische wie pädagogisch-praktische Frage ist die Wechselwirkung zwi­schen der Dimension des Politischen und der mora­lischen Implikation. Die moralische Dimension zu postulieren kommt dabei zunächst einer Selbstverständlichkeit gleich. Als Hypothese ist sie je­doch kaum brauchbar. Sie ist nicht falsifizierbar, aber nicht ein­fach als Leerformel zu entwerten. Es handelt sich zweifellos um eine legitime Frage, die zu hinterfragen es sich lohnt und deren Va­lidität und Dimension auszu­leuchten durchaus fruchtbar, wenn nicht gar notwendig ist.

Die Frage hat ihre Wurzel in den vielfältigen widersprüchlichen und mehrfachfunktiona­len Prozessen in der westdeut­schen Nach­kriegsgesellschaft. Sie ist eingebunden in die politi­schen Auseinan­der­setzungen unter der Decke des Kalten Krieges, ja der inneren Widersprüchlichkeit, wenn nicht gar generel­len Heuchelei ange­sichts der Nichtbe­wälti­gung des zurückliegenden Ge­schehens. Die­ses zu begreifen, war die Nachkriegsgesell­schaft nicht in der Lage – viel­fach auch nicht gewillt. Ein Verarbeiten von Gewalttaten, de­ren aktive mit der pas­siv-lei­denden Komponente interde­pendent ver­bun­den ist und in der späteren Alltagsrealität umgewichtet und ver­schmolzen wird, erfordert Stärke und Distanzie­rungs­fä­higkeit, eine Bewältigung verlangt eine gewisse Größe. Das kol­lek­tive Gedächt­nis übte sich nach 1945 dies­bezüglich wesentlich im Ver­drän­gen. Die Re­alsituation des Einzelnen erforderte vor allem Kraft für die Über­lebens­arbeit.

Es ist kaum zu untersuchen, worin denn nun die wirklichen Mo­tive für unsere Vorgänger in den fünfziger Jahren bestanden, Schü­leraustausch zu praktizieren. Es scheint dabei nur für Angli­sten und Roma­nisten leicht zu sein, Antworten zu finden.

Vergessen wir nicht, es waren zuerst Bürgerinnen und Bürger aus Bristol – auch und gerade Überlebende des Holo­caust – die auf uns Hannoveraner zutraten und die Städtepartnerschaft an­reg­ten. Somit waren die frühen England­fahrten auch eine Folge der ausge­streckten Hände aus England. Sie wurde gern ange­nom­men. Sie hal­fen Dämme zu brechen und führten zu stabilen z.T. lebens­lan­gen Freundschaf­ten. Die Frank­reich betreffende Entwick­lung schloß sich an, war aber weitgehend politisch gewollt und hatte damit zugleich eine spezifische politische Funktion in der späten Adenauer-Ära. Sie war die Voraussetzung für die Über­windung der ökonomisch-politi­schen Machtschwäche im Vergleich zu dominan­ten wie auch aufsteigenden ehemals nebenrangi­gen Weltre­gionen. Auch der Verfasser erinne­rt sich gern an Frankreichfahrten wäh­rend seiner ei­genen Schul­zeit in den sechziger Jahren. Sie bedeu­te­ten zweifellos eine grundlegende Motivation für eigenes päd­agogi­sches Handeln in dem Raum, den Schule zur Verfügung stellte und weiterhin stellen muß.

Ähnliches gilt für die Hollandkontakte der Bismarckschule. Sie waren, wie auch später der kurze Finnland­aus­tausch, aus persönli­chen Begegnungen entstanden und haben sich spontan sehr schön ent­wickelt. Sie unterla­gen einer abnehmenden politischen Implika­tion und Notwendigkeit. So endete denn der Austausch mit Hol­land man­gels Inter­esse der Niederländer.

Mit Polen war das anders. Ausgestreckte Hände gab es bundes­deutscherseits zunächst nicht. Im Gegenteil: poli­tische Fühler sei­tens der um internationale Anerkennung und Loslösung von Mos­kau bemühten polnischen Regie­rung wurden in der Adenauer–Ära zurückgestoßen. Positive politische Implikationen gab es ebenfalls nicht. Man benö­tigte dagegen das Offenhalten der sog. Deutschen Frage als eine Art Bewußtseinsdroge zur Verhinde­rung der Aner­ken­­nung von entstan­denen Realitäten als Folge des verlorenen Krie­­ges, etwas, das Millionen von Menschen auf Grund ihrer Schick­­sale nicht zu ertragen vermochten. Die Einsicht in das »Un­ab­­änderliche«, das »ökonomisch-politisch Notwendige« und das mensch­lich »Sinnvolle« war niemals zu einem Staatsziel definiert wor­den. Daß sich dennoch die Entwicklung zu dem ergab, was als Neue Ost­politik in die Geschichte eingegangen ist, kann denn heute wohl eher als – zweifel­los mehrfachin­terdependenter – un­ge­steuerter gesell­­schaftlicher Prozeß begriffen werden.

Es soll an dieser Stelle nicht zum wiederholten Male die Rolle der Kirchen bei dem sog. Aus­söh­nungs-, Ver­stän­di­gungs- und dem daraus langfristig resultierenden Normalisierungs­prozeß her­vor­gehoben werden. Ihre Bedeu­tung angesichts politischer Lähmung in Westdeutschland in der Rolle des Initiators, der eine längst über­fällige Entwicklung lostritt, kann nicht hoch genug bewertet und gewürdigt werden. Aber: Welche Christen waren es denn, die die politi­sche Erstarrung klug durch­brachen? Konnten sie es nicht nur deshalb, weil ein Großteil ihrer in Kirchen­hierar­chien etablier­ten Amtsbrüder aus der Nazi­zeit entmachtet wor­den waren und nicht nur deren Schweigen, sondern erhebliche Mitschuld, gar Mit­tä­terschaft, längst in geschichtsdidaktischen Quel­len­samm­lun­gen der sechziger Jahre doku­mentiert wor­den war? War dieses nicht zugleich eine verspätete kollektive bzw. in­stitutionelle Reue, for­muliert von wenigen evangelischen Theolo­gen, gar ein Einge­ständ­nis von Schuld, ein Ersatz für das unter­las­sene Aufarbeiten von Ver­­strickungen?[4]

Zweifellos ist es – insbesondere für ehemals Involvierte – ver­breitete Praxis, darüber weitge­hend zu schwei­gen. Die Aufhebung dieser verdrängten Tabus mögen spätere Generationen aufar­bei­ten – sollte es denn jemals in diesen Machtmolochen, die die Orga­nisationen der etablierten Christenheit darstellt, über­haupt ge­schehen.

Die Frage, warum junge Pädagogen, vor allem Geschichts-, Erd­kunde- und Religionslehrer sich in den sechziger Jahren engagier­ten – die Politiklehrer kamen erst in den siebziger Jahren hinzu – ist nicht her­aus­lösbar aus der sie gesell­schaftspolitsch prägenden Phase, also ihrer »eigenen Epoche«.

Bevor man sich fragt, wieso jemand, der in den fünfzi­ger­/­sech­zi­ger Jahren als Schüler, Wehrdienst­leisten­der und Stu­dent seine Bewußt­seinsprägung erfährt, der vielleicht in Magde­burg, in Wies­ba­den oder Han­nover geboren ist, in Niedersachsen seine schuli­sche und universitäre Ausbildung erfahren hat und in der Lan­des­haupt­stadt arbeitet, sich für Polen interessiert, ohne je­mals fami­lia­le oder andere Beziehungen zum Land und seinen Men­schen geknüpft zu haben, muß die Frage nach der Bestimmung und Ein­gren­zung des Mo­ralischen erfolgen, sei sie denn – als Hypo­these – eine prägende, wenn nicht gar dominante Kategorie. Hinzu gesellt sich historische Neugier, das gesellschafts­politi­sche ›über-den-öst­li­chen-Tellerrand-schauen‹ des eigenen sehr kritisch betrach­te­ten Sy­stems, dessen nachbarli­ches konkurrierendes vor­geb­lich positiv gewertete Alternativen enthielt. Zumindest bot es sich damals theo­retisch an.

Das, was wir oftmals mit moralischer Implikation zu bezeich­nen pflegen, ist einerseits viel zu hoch gegriffen, will man die Trag­weite des Begriffes nicht zu sehr abschwächen. Das pädagogi­sche Han­deln ist wesentlich die logi­sche Folge der vielen kleinen Öff­nungs­prozeße seit den fünfzi­ger Jahren. Aus der skeptischen er­wuchs die kriti­sche Gene­ration, die nicht nur wagte, Fragen deut­lich zu stel­len, sondern den Protest über die frühen schein­heili­gen Antworten lauthals kundtat. War der Vietnamprotest nicht zu­gleich die Ab­rechnung mit den kollektiven Heu­cheleien der fünf­zi­ger Jahre? Richtete sich studentischer Protest nicht ge­gen die Ein­engung in die vielen Denk­kor­setts, die noch bestan­den? Wie viele Geschichts­professoren hatten denn in den sechzi­ger Jahren wirk­lich den Mut, aus der Tradition reproduzierter dogmatischer Lehr­meinungen aus­zubrechen. Wie lange hat es denn gedauert – um die gravie­rendsten Beispiele anzuführen – bis man nicht mehr die jeg­liche Schuldfrage unterlau­fende Phrase vom Hinein­schlit­tern in den Er­sten Weltkrieg reproduzierte, son­dern die höchst aktive Rolle und den erklärten Willen der preus­sisch-deutschen und Tei­len der habsburgischen Macht­eliten be­nannte. Wie lange brauch­te man, um die Legenden von der vor­geblichen Pflichterfül­lung sei­tens der Funktionseliten im Nazi-Deutschland, insbe­son­dere der beteiligten Offiziere, die Beteue­rung ihrer Nichtvoll­strickung in Gewaltakte bis hin zu Genoziden als gezielte und bewußte Verdec­kung historischer Realität offen­zu­le­gen?

Jede neue Pu­blikation der Fischer-Schule machte die Tragweite der Problematik deutlicher und ließ die akade­mi­schen und publizi­stischen Gegner noch mehr rasen und aufheulen. Irgend­wann wur­de es stiller um sie, zumeist auf­grund des Erreichens des ver­dien­ten Ruhestands. Wie lange brauchte man, um den Zweiten Welt­krieg nicht nur als entfesselt darzustellen, sondern als die begon­nenen Versuche zur syste­ma­tischen physi­schen und psychi­schen Aus­­löschung von Völ­kergruppen als Fortsetzung der Kriegs­ziele des Ersten Weltkrieges. Dieser back-ground in den Dis­kussio­nen historischer oder politik­wissen­schaftlicher Seminare in den sechzi­ger Jahren, in den Ausbil­dungsseminaren für Gymnasialleh­rer(‑in­nen), auch den Medien, hat uns nachhaltig geprägt. War die Schärfe der Argumenta­tion oft­mals unange­messen in der Vielfalt dieser Umbruchprozes­se, in dieser überfälligen und hoch dynami­schen akademi­schen wie gesellschaftlichen und geistigen »Re­vol­te« war sie kein Fehler, sondern die Folge einer lange ange­legten, aber ver­­­hinderten bzw. verzögerten Entwicklung, eine Auswirkung von erupti­ven Spannungsauf­brüchen. Zweifellos hat sie in den sieb­­zi­ger Jahren für die folgende Studentengene­ration an Be­deu­tungs­­kraft verloren. In deren Blickwin­kel erschien zu­nehmend die Dritte Welt, nicht mehr die Zweite.

Darunter mischte sich die Bewußtwerdung der Schuld der Vor­gängergeneration. Deren Wahrnehmen wie das Einge­ständnis an das eigene Beteiligtsein an Gewaltakten, ihre Verdrängung des Ge­schehens im Glücklichsein über das eigene ›Noch–mal–davon­ge­kom­­men­–sein‹ vieler, muß als Grenze des menschlich Verkraftba­ren gesehen werden. Diese Hypo­thek über­nahm die nächste Gene­ration. Die Logik der Verständigungs- und Aus­söhnungsprozesse im Westen, das Neugier­verhalten, der Wissensbedarf gegenüber dem, was hinter dem Eiser­nen Vor­hang geschah, nach­dem die­ser die ersten Risse und Rostlöcher bekommen hatte – ausgenommen ›na­­tür­lich‹ der Grenzzaun von Tra­vemünde bis Plauen, der mit säch­sischer Emsigkeit gezogen und preußischer Gründlichkeit be­wacht und instandge­halten wurde.

Hintergrund dessen, was sich individuell hinter dem verbirgt, was man mit Moral, Verantwor­tung, Wie­dergut­ma­chung oder Ge­stal­tungswille umschreibend bezeich­net, mag individuell unter­schied­lich gestaltet sein, kaum jemand outet sich dies­bezüglich wirklich. Vielleicht ist es die Ein­sicht in die Notwendigkeit, ange­sichts zuneh­mender ato­marer Bedro­hung und der Unfähigkeit oder gar des Unver­mögens bzw. der Unwilligkeit der westlichen Macht­eliten wie auch der östli­chen Macht­verfügenden, oder gar der Profiteure des steigenden Spannungsgra­des und ihrer ins Un­er­messliche gesteigerten Kosten. Es gilt, die Dimensionen des eben­falls damit verbundenen sich aus­deh­nen­den Elends in der Welt als Mitverursacher wahrzunehmen. Vielleicht war es auch nur die Chancenahme für diesen kleinen Part an politischer Ei­gentätigkeit. Vielleicht liegt es daran, in einem Berufe zu wirken, in dem tradi­tionelle ›harte‹ Machtquellen ver­schlossen sind, auf der psy­choso­zialen Ebene politisch im Klei­nen zu wirken und die ›kleine Befrie­digung‹ erfährt, in dem Versuch, dem Anspruch zu genü­gen, ein gesellschaftlich handelnder Mensch zu sein: ein Zoon politikon.

Insgesamt kann von einer gesellschaftspolitischen, fachwissen­schaftlichen und fachdidakti­schen Dis­kus­sion und Spannungs­ku­mu­lation gegen Ende der sechziger Jahre gesprochen werden. Als logische Kon­sequenz bot sich – sobald es im Verlauf der siebziger Jahre eine Hinwendung zu Osteuropa in politischer und – bezogen auf die Schule – in pädagogischer wie fachdidaktischer Hinsicht möglich wurde.

Pädagogisches Engagement resultiert aus der Zusammenfüh­rung vielfältiger gesellschaftspoli­tischer Impli­ka­tionen innerhalb international-politischer Rahmengebung. Es erwächst aus dem Spannungsbereich fachwissen­schaft­licher wie didaktischer Dis­kur­se, die wiederum im Kontext stehen zum Spannungsbereich von Rol­­lenzuord­nung – der tra­dierten Legitimationswissenschaften und ihrer Träger an Universitäten und öffent­lichen Schulen – wie den sich emanzipierenden, sich zunehmend als kritisch definieren­den Wissen­schaften und ihren Didak­tike(r)n, ausgehend von den Uni­­versitäten unter starker Impulsgebung durch außer­universi­täre Wissenschaftler und Publizisten.

Der (vordergründig) als didaktisch-methodisch verstandene Streit um »Geschichte als Sozi­alwissenschaft« ist heute ein längst aus­gestandenes und überlebtes Problem. Historiographie und Dy­na­stiekunde sind längst überla­gert und ersetzt durch Methoden aus Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft. Umgekehrt hat der histori­sche Ansatz seinen festen Platz in den (scheinbaren) Ge­genwartsdisziplinen.

Ein weiteres Paradigma stellt der Versuch bzw. das Ziel dar, Denken und Handeln in der Pädagogik miteinander zu ver­knüp­fen. Kognitives, abstrahierendes bzw. Distanzdenken verknüpft sich mit Handlungsorientierung und als ein heute der Utopie oder Irratio­nalität verdächtiger An­satz, die gesellschaftliche Verände­rung über Eman­zi­pierung und Macht­partizipation bisher Be­nach­tei­ligter herbeizuführen. Der Kompensationsgedanke, bezogen auf Benach­tei­ligt­sein, Unter­pri­vi­le­gie­rung sowie sozialer Ungleichheit trägt ebenfalls zum bewußten Eingang des Politischen in die Di­dak­tik bei.

Nun darf nicht übersehen werden, daß die idealistische Schule der Jahrhundertwende keines­wegs unpoli­tisch war – sie war es zu­höchst, nur hatte sie ihre spezifische Funktion in der Enge der damaligen bürgerli­ch und land­adlig defi­nierten Gesell­schaft und ihren starren Machkonstellationen.

All diese Zusammenhänge wurden in den sechziger Jahren nach und nach bewußt und wirk­sam. Sie führten zur Neu­de­fi­ni­tion des Pädagogischen – ohne zu konsensualem Verhalten der Beteiligten zu führen. Die vielfältigen Ver­suche zur Herausbildung einer Streit­­kul­tur waren nicht immer von Erfolg begleitet. Statt dessen repro­duzieren sich Machtkämpfe auf diver­sen Ebenen – insbeson­dere in intellektualisierten Berufsverbänden – die der Pädagogik abträglich sind.

In dem Paradigmenwechsel der prägenden sechziger Jahre wur­den unterdrückte Gefühle frei­gesetzt. Mit bitte­rem Beigeschmack erfuhren Studenten davon – zumindest diejenigen, die sich dafür interessieren bzw. durch Dozen­ten dafür interessiert werden. Da vieles von dem, was heute ›neu‹ gedacht wurde, ein Wieder­auf­neh­men der Gedanken der Reformdiskussion in der Weimarer Demo­kratie war – die ihrerseits ihre Wurzeln im admini­strativ unter­drückten Fortschrittsdenken des neunzehnten Jahrhunderts hatte. Man erinnere sich an die Forde­rung zum ganz­heitlichen oder na­turnahen Unterricht, zur Abschaffung der sog. Vorschulen.

Das, was man vielfältig als »moralisch« abgeleitetes Engage­ment angesehen wurde, ist mehr ein Offenlegen von unter­drück­ten Gefühlen, von am Gerechtigkeitspostulat orientierten Lebens­ziel­­vor­­stellungen – um den oft als häßlich oder garstig empfun­den­en Po­litikbegriff herauszuneh­men.

Kaum jemand kann klar und für den Fragenden nachvollzieh­bar schlüssig Motivation und Engagement im kon­­kreten Kontext erklären. Es ist vieles Freude, Genugtuung – weniger die sog. Ver­antwortung. Letzteres wäre ein viel zu hoch gegriffener Versuch, resultierend aus dem ver­krampften Festhalten am Kantischen Denken, oftmals eine Idealisie­rung aus der Verklärung im Nach­hinein, wenn nicht gar ein Ideo­lo­gem.

Bleiben wir auch hier bei unseren Leisten. Bei analytischer Be­trachtung kann nicht von einem impuls­geben­den Vorliegen eines Vorausgegangenen, einem »moralischen Impetus« ausgegangen wer­­den. Eine solche Hypo­these hält keiner gesellschaftswissen­schaft­­lichen Analyse stand. Die Kategorie der Moral ist auf die Mo­ti­­va­tion gesell­­schaftspoliti­schen Handelns nicht anwendbar. Man mag das beklagen. Ethisch-mora­lische Kate­gorien haben zwei­fellos einen hohen Stellen­wert in der Bewertung bereits er­folgter Hand­lungs­abläufe, auch ihre Bewer­tungsmuster im Zu­sammen­hang mit erzieherischer »Zielorientierung« sei her­vor­ge­hoben. Konträre Auf­­fassungen sind in die­sem Zusammen­hang zweifellos gegeben, nur muß klar gesehen werden, daß eine we­sentliche Funktion in der An­wendung von Existenz­legitimation und Zielpro­jektion der jeweils eigenen Gruppe besteht.

Die Kategorie des Moralischen ist dabei (nur) der Versuch, das hochdifferenzierte Interde­pendenzgeflecht von poli­ti­schen Impli­ka­tionen, von individuellen Verarbeitungs‑ wie kollektiven Ver­drän­gungsmechanismen zu über­la­gern. Sie hat dabei oftmals die Funk­tion, eine Ursachenana­lyse zu verhindern und real existieren­de Inter­­de­pen­den­zen zu verschlei­ern.

Wir können die Basis des pädagogischen Tuns als eine Art »Ant­­wort­handeln von unten« be­schreiben, als einen Ver­such zur Aus­deh­nung von Freiheitsräumen durch »kritisches Denken«, da­mit auch ein Wider­stehen dem Oktroi ehemals herrschender ›un­re­­flek­tierte‹ Wert- und Normenka­taloge.

IV. Schlußbetrachtungen

Es ist bedauerlich und bedrückend, daß nach den Erkenntnissen der zweiten Hälfte der sechziger Jahre – resultierend aus der Ein­sicht in die Not­wendigkeit, zu qualitativen Reformen zu gelan­gen – ein Kom­promiß, der zunächst auf breiter Basis stand und und getragen wurde von der Spannbreite politisch relevanter Kräf­te in der späten Nachkriegs­gesellschaft der BRD – nicht dazu führ­te, daß eine zukunfts­orientierte Reform im Konsens gelang.

Dabei kann generell konstatiert werden, daß, nachdem die ›har­­ten‹ Aus­einandersetzungen der Nach­kriegs­­zeit beigelegt wor­den wa­ren, alle politisch relevanten Kräfte unter dem Deckmantel der »Sozialen Marktwirtschaft« ihren Platz gefun­den hatten.

Die Frage,

  • ob eine tragische Verstricktheit der Beteiligten die Ursache war,

  • ob die Machteliten Westdeutschlands und ihre Funktionsträger zu sehr befürchten mußten, an Einfluß zu verlieren,

  • ob man – dem Zwang zum verbalen Schlagabtausch gehor­chend – die gesellschaftspoliti­schen Auseinandersetzungen in die »wei­chen« Gefielde verlegte,

  • ob trotz begonnener Reformen vor allem die ökonomischen Macht­quellen dieser Gesell­schaft in die »Gegenrichtung« spru­del­ten,

ist gegenwärtig nicht zu klären.

Der Wunsch und die Bereitschaft zum Konsens für Reformen waren dahin; der Mut zum Neudenken durch restaurative Ten­den­zen beseite gedrängt. Eine zweite Restaurationsphase in der Ge­schichte der Bundes­republik?

Konservative Kräfte versuchten zunehmend, seit der ersten »Wende« in Deutschland, den »Reform«-Begriff für sich zu rekla­mie­ren und neu zu besetzen. Dieses ist ihnen neben anderen Ver­su­chen[5]  partiell geglückt.

Für den Verfasser wird das Prinzip Reform weiterhin einen ho­hen Stellenwert haben. Die Politische Bildung hat die Verpflich­tung, die Gegenwart kritisch zu sehen und zu beurteilen, sie in der Folge historischer Pro­zesse zu deuten und zu gewichten.

Gerade angesichts der Schwelle zum Dritten Jahrtausend – das hier bei uns in Hannover mit dem wohl bedeutungsvollsten Ereig­nis eingeläutet wird – müssen wir weiterhin den Willen zum Fort­denken zeigen. Das bedeutet, wir müssen die Verzagten ermutigen und die Verstockten überwinden.

Wir dürfen die weitreichenden Entschei­dun­gen auf keinen Fall den anonymisierten »Global-Players« über­lassen. Reformen zu den­ken und voranzubringen ist unsere moralische Verpflich­tung.


*              aus: Kronig/Nettelmann/Voigt/Wehking: Reform ‑ vom Gedanken zur Praxis. Für Ulrich Bauer­meister. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 10. Hannover 1998. S. 82-102.

 [1]              Als ein Beispiel dafür kann die der deutsch-polnischen Verständigung dienende Zeitschrift DIALOG gelten, de­ren verdienst­volles Wirken seit vielen Jahren anerkannt wird. Insbeson­dere seitens der polnischen Autoren wer­den ‘schön­ge­schrie­bene’ kulturell-historische Be­gebenheiten dargelegt. Die Gefahr der Suggestion des ehemals (scheinbar) Positiven, der oft span­nungs­ge­mil­derten Darstellung, ist evident. Symptomatisch ist, daß die Pro­blem­phasen der gemein­sa­men Geschichte zwar bewußt einbezogen werden, in der Regel aber moralisierend und mythisch erdrüc­kend präsentiert werden. Kritisch-analytische Ansätze der Geschichtsforschung sind tabu, zu­mindest nicht gelitten. Eine Synthesebildung in der Moderne auf der Basis des Historischen ist da­durch sehr er­schwert, vermutlich ohne daß dies den Beteiligten in letzter Konsequenz bewußt ist. Die Wellen des Neuen über­decken einfach das Geschehene. Unsere Aufgabe in Westeuropa ist es, die sich bietenden Chancen der analyti­schen Aufarbeitung - in enga­gierter Distanz – zu nutzen als entscheidende Vor­aus­setzung für Bewältigungspro­zesse. Insofern enthalten unsere kleinen Schritte, sofern sie bewußt durchgeführt und begleitet sind, eine nicht zu un­terschät­zen­de und gering zu wertende Dimension.

 [2]              Wenn, dann ist sie leicht zu beantworten: Warum fährt ein zur Pensionierung anstehender Kollege mit sei­nem schnellen Wagen nach Italien – doch nicht, weil er dort die Sprache und Kultur, mit der er sich seit Jahren be­schäftigt, schon umfassend kennt?

 [3]              vgl.. Brokmeier, Peter: Institutionen als Organon des Politischen. In: Göhler, Gerhard (Hrsg.): Die Eigenart der In­sti­tutionen. Baden-Baden 1994, S. 167ff.

 [4]              Man vergleiche die jüngste Aufarbeitung und die Diskussionen um den Fall Maharens.

 [5] Ein anderes Beispiel ist die versuchte Neubelegung des »Solidaritäts«-Begriffes.

 

   

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2/1998
Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis  
Hannover, 1998. 94 S., A 5, kart.
ISBN 3-9804023-6-3, 9,20 EURO

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Pettenkoferstraße 13, D 30880 Laatzen

eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetseite / politik unterricht aktuell 1-2/1998 Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis/ Lothar Nettelmann: Bilanz im Politischen – Schule im Bereich internationaler Aktivitäten / PUA981A_1998 / 4.7.98 / Netzpublikation 7.6.2003

Letzte Überarbeitung: 10.08.2004
 

    Druckausgabe vgl. Publikationsliste. Bestellungsformular (im WORD-Format)

pua 1-2/1998

ISSN

0945-1544

 

  Zur Textgestaltung und zur rechtlichen Distanzierung
von "gelinkten" Seiten vgl. Impressum.

Alle Rechte Vorbehalten

Top    

[Zurück] [Home] [Nach oben] [Weiter]
Web-Fassung: 10.08.2004 - Verantwortlich: Gerhard Voigt <politiklehrerverband.voigt@web.de>