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politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1998

Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis


Walter Gagel:

Antwort auf Bernhard Claußen „Zur politischen Theorie ,katastrophobiehafter West-Orientierung‘ in Didaktik und Praxis sozialwissenschaftlichen Unterrichts...“

in politik unterricht aktuell 1-2/1997, S. 42-85

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Lieber Herr Claußen,

mein 14-seitiger Aufsatz „Untiefen der Katastrophendidaktik“ in PoBi 2/94 (S. 44-57) hat bei Ihnen so große Resonanz gefunden hat, daß Sie auf ihn mit einem dreimal so langen Aufsatz ein­gehen. Meine Absicht war in der Tat der Anstoß zu einer Diskussion über den meiner Ansicht nach etwas vorschnellen Gebrauch des Katastrophenbegriffs in der Didaktik des politischen Un­terrichts und über die Zielkategorie der „Schlüsselprobleme“, in der ich eine Ambivalenz sehe. Ich meine: Darüber lohnt es sich nachzudenken. Daß Sie jedoch auf meinen Aufsatz in ausufernder Weise und mit einer in unseren Fachdiskussion ungewöhnlichen persönlichen Schärfe geantwortet haben, hat mich überrascht. Sie selber sind in meinem Aufsatz dreimal als Beleg zitiert worden, zwei Zitate habe ich aufgegriffen: Sie sehen in der Gegenwartsepoche, „daß erstmals von Men­schen zwar verantwortete, ihrem Zugriff aber entgleitende Katastrophen den Charakter totaler Ir­reparabilität annehmen und das Ende der Gattung bedeuten können“, ferner meinen Sie, „die dis­kursiv zu ermittelnde Ethik muß daher unbedingt die Überwindung der herrschenden Produktions­verhältnis von vorneherein in den Blick nehmen“ (bei mir S. 50, 51). Nun führe ich eine Reihe anderer Autoren an, die ebenfalls Katastrophen beschwören und Lösungen vorschlagen. Ich sah hier eine Verbreitung des Katastrophenbegriffs im Bereich der politischen Bildung, der Behutsam­keit vermissen läßt und statt geduldigen Argumentierens den Gebrauch starker Worte vorzieht. Mir ging es auch darum, nicht die Theorie der „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck, aber deren mir zu leichthändige Rezeption in der Didaktik zur Diskussion zu stellen. Und diese geht ja über das be­schriebene Begriffsfeld hinaus, – denn Beck spricht ja von „Ri­si­ko­ge­sell­schaft“ und nicht von „Katastrophengesellschaft“.

Sie haben in Ihrem Aufsatz dann differenziert, indem Sie auf die „Möglichkeit“  von Kata­strophen etwa des Gattungsendes hinweisen und erklären, durch die Aussage „einen etwaigen Trend des Geschichtsverlaufs und die Eskalation zahlreicher im Vorfeld und auch ohne Extrem­einmündung schon hinreichend problematischer Katastrophen hypothetisch einfangen sowie kultu­rell erfahr- und somit diskutierbar machen [zu] wollen“ (bei Ihnen S. 52). Sie sprechen jetzt im Aussagemodus der „Möglichkeit“, daher „etwaiger“ Trend, sie sprechen von „Hypothesen“ und zielen auf die Erkenntnismöglichkeiten von Szenarien („kulturell erfahr- und somit diskutierbar machen“). Das sind jetzt keine starken Worte mehr, wie sie in der Summe meiner Aufzählung der verschiedenen Autoren wie Stichworte einer mittelalterlichen Bußpredigt wirken, sondern die didaktisch vertretbare Deutung, daß die Imagination von Gefahren einen Lernpozeß ermöglicht, in der Erwartung – das füge ich hinzu –, daß er nicht  nur Angst vor dem Abgrund erzeugt. Was den Gebrauch des Begriffs anbelangt, so hat Hilligen aus guten Gründen das Wort „Ge­fah­ren“ ver­wendet, weil man komplementär durch das Nachdenken über „Chancen“ den Fatalismus des Un­ausweichlichen vermeiden kann. Auch der Begriff „Risiko“ läßt diese Alternative zu, während es sicherlich keine „Chancen“ gibt, die die Kehrseite von „Katastrophen“ sein könnten. Mit dieser Einschränkung bin ich mit Ihrer Antwort zufrieden und rechne es meinem Aufsatz zu, daß es zu dieser Zurechtrückung gekommen ist.

Damit könnte ich also schließen. Aber mit Verlaub: Für diese Klärung hätte es keiner 44 Druckseiten bedurft. Und wem soll ich einen Gegenartikel zumuten, der dann ja wohl nach dem Gesetz der mathematischen Serie wieder dreimal so lang wie der Ihrige werden müßte? Ich will daher nur auf Weniges eingehen. Die bei mir unter der Überschrift „Katastrophendidaktik II“ er­scheinenden S. 50-52 haben Sie falsch gelesen. Hier tauchen Sie mit zwei Zitaten unter 17 ande­ren auf. Ich sage hier im Anschluß an die Ausbreitung des Gedankenfeldes, das ich Syndrom nenne: „So liegt wie bei Kern die Verführung nahe, in die autoritären Lösungen zu flüchten.“ (bei mir S. 51) Diese Absicht ist keinem einzelnen in die Schuhe geschoben, ich kritisiere nur die Ge­dankenspiele, die sich in den Worten der Autoren und auch in Ihren verbergen. Sagen Sie also genau, wie Sie es sich vorstellen, wenn Sie fordern, daß die Ethik „unbedingt die Überwindung der herrschenden Produktionsverhältnisse von vorneherein in den Blick nehmen“, – von „vorne­her­ein“, obwohl „diskursiv zu ermittelnde“, was ja erst im nachhinein möglich ist. Geht das ohne „Ein­satz von Macht“, „von entschlossenen Führern und geschulten Kadern“, wie ich gefolgert ha­be und wie die Geschichte lehrt (bei mir S. 51)? Sagen Sie doch, wie es konkret gehen soll, wenn utopische Ziele als Rettung vom Abgrund entworfen werden. Dazu wäre ja Gelegenheit gewesen. Andernfalls kann die Erzeugung von Angst eben die beschriebenen Fluchtreaktionen bewirken. Solange dies nicht geschieht, sehe ich  die in den Zitaten erkennbare Verbalradikalität als „Ver­füh­rung“ an, wobei ja nicht unbedingt die jeweiligen Autoren der Zitate die Verführer sein müssen, aber vielleicht doch die Leser die Verführten dieser zugespitzten Formulierungen,  falls sie sie ernst nehmen. Anstelle der Klärung reagieren Sie gekränkt,  werfen mir vor, ich würde die Autoren und damit Sie „in die Nähe des Nazismus“ rücken (bei Ihnen S. 58), sie entdecken ein „Ar­se­nal der Verdächtigmachung“ (S. 53) bei mir, Sie empfinden sich als „verpönenswert scheinender jüngerer Didaktiker“ (S. 55), beklagen Stigmatisierung, „Diffamierung und De­nun­ziation“ (S. 51) und kon­statieren eine „Ausgrenzung durch Auslassung“, wo Sie gar nicht erwähnt werden (S. 61). Wie kommen Sie auf diese Gedanken? Warum ziehen Sie sich einen Schuh an, den ich gar nicht aufge­schnürt habe? Es geht hier gar nicht gegen Sie persönlich. Ich habe in dem Aufsatz weder didakti­sche Konzeptionen noch Personen kritisiert, sondern Aussagen und Tendenzen, um Nachdenken anzuregen, nichts anderes. Daß Sie sich so getroffen fühlen, ist Ihr Problem, nicht meine Absicht.

Was die „Werbung“ anbelangt, so haben Sie recht: im politischen Unterricht ist sie problema­tisch. Aber Sie können mich nur deshalb so ausführlich verdammen, weil Sie das Zitat zunächst zurechtgeschnitten haben. Ich habe geschrieben (bei mir S. 55): „Wenn politische Bildung für et­was werben darf, dann sollte dies geschehen für das Bewußtmachen und die Fortführung der Ent­scheidung für die Ordnungs- und Lebensvorstellungen der westlichen Demokratie auch angesichts gobaler Herausforderungen.“ Dies steht im Zusammenhang mit der Darlegung eines didaktischen Postulats, auf das ich nicht näher eingehen will. Ich will nur auf folgendes hinweisen: Der voll­ständige Satz ist eine Wenn-Dann-Aussage, und damit liest er sich ganz anders als bei Ihnen (S. 45), wo Sie den Konditionalis durch Pünktchen wegretouschiert haben, also vorsichtiger und offe­ner, nicht so postulativ wie bei Ihnen. Wir können über das „Wenn“ diskutieren, und vielleicht sollte man in der politischen Bildung ausnahmslos nicht werben. Dann gilt der Satz in der Tat nicht. Und die Formulierung zeigt: ich war mir der Problematik durchaus bewußt. Es ist also kein Anlaß zur Empörung. Aber festhalten möchte ich an dem Kontext: Die Methoden der Problem­bewältigung müssen den normativen Rahmen des Politikprozesses beachten, damit man nicht – wie es Ulrich Beck formuliert hat – einem „legitimen Totalitarismus der Gefahrenabwehr“ erliegt (bei mir S. 55). Ihr Vorwurf hingegen, ich hätte gegen das Überwältigungsverbot und den Beu­telsbacher Konsens verstoßen, stößt ins Leere, und all die Folgerungen, die Sie anschließen (S. 45-50), hätten Sie sich sparen können.

Ein Wort zur „Westorientierung“: Sie reagieren auf dieses Wort wie auf ein rotes Tuch, das  Abwehrreflexe erzeugt und Sie zu dem Wortungetüm im Titel Ihres Aufsatzes: „ka­ta­stro­phen­pho­bie­hafter West-Orientierung“, verleitet hat. Ich vermute, daß Sie das von mir Gemeinte im Be­griffsfeld des Ost-West-Konfliktes lesen, während ich Westorientierung geschichtlich als Alterna­tive zum deutschen Sonderweg verstehe, nicht als Absage an etwas Östlichem. Dies habe ich im 1. Kapitel meiner „Geschichte der politischen Bildung“ ausführlich dargelegt und den Begriff dabei auch inhaltlich bestimmt, so daß genaue Lektüre das Mißverständnis eigentlich nicht aufkommen lassen dürfte. Um es aber endgültig aus dem Wege zu räumen, habe ich in der 2. Auflage, aus der Sie zitieren, auf S. 28 einen klärenden Absatz eingefügt habe. Ich sage dort, die Westorientierung sei ein „Lernprozeß“ und nicht eine geopolitische „Richtungsentscheidung“. Sie ist, so wiederhole ich nochmals, die Abkehr vom deutschen Sonderweg mit seiner heftigen Abwehr des Westlichen gegenüber dem Deutschen, wie sie in der Ideologie des Kriegsausbruchs von 1914 auch die Intel­lektuellen ergriffen hatte. Diese Abkehr habe ich als gemeinsame geschichtliche Tradition des damals in Ost und West geteilten Deutschlands dargestellt. Daher erschien mir nach 1989 Westori­entierung in diesem Sinne auch für Ostdeutsche zumutbar, ja erstrebenswert zu sein („Rückkehr nach Europa“). Zu beachten ist dabei meine inhaltliche Bestimmung des Begriffs: „er enthält die Entscheidung für die Verfassung vom Typ ,westliche Demokratie‘ mit seinen Grundprinzipien Rechtsstaat, Parlamentarismus und Menschenrechte“, er „nennt die verfassungsrechtlichen und normativen Prinzipien als Bedingung für eine Kooperation europäischer Staaten“ (Geschichte der politischen Bildung, 2. Aufl., S. 28, 29), und das tadeln Sie als eine „Pathetik der Beschwörung“ (bei Ihnen S. 47).  Aber in Ihrem 5. Kapitel lese ich, daß es auch für Sie „kein Zurück hinter die Verwestlichung“ gibt (bei Ihnen S. 67) und daß es Ihnen vor allem um das „Darüberhinaus“ geht (ebd.), – eine schöne Formulierung, der ich zustimme, weil sich darüber produktiv diskutieren läßt. Aber worin liegt dann das so fundamental Konträre, das Sie zu den Angriffen in den Kapiteln 1 – 4 provoziert hat?

So bleibt mir nur noch, etwas zu Ihrer Begriffsbildung „Katastrophenphobie“ zu sagen. Wenn Sie mir diese Phobie zum Vorwurf machen, dann müßten Sie ja wohl dem Gegenteil zuneigen. Dieses Gegenteil wäre also „Katastrophenphilie“, also Katastrophensucht. Ich glaube kaum, daß Sie sich mit diesem Etikett schmücken wollen. Ich für meine Person jedenfalls kann mich für diese Sucht nicht erwärmen, und insofern bekenne ich mich durchaus zu einer Sorge vor Katastrophen, aber nicht in der Form einer Phobie. Denn ich stimme dem Satz zu, den meiner Erinnerung nach Carl Friedrich von Weizsäcker einmal gebraucht hat: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.“ Darin ist auch die Grundintention meines Aufsatzes beschlossen. Was die politischen Konsequenzen anbe­langt, die ich sehe, so sind diese in meiner Deutung der Position Hilligens enthalten: „Hilligens Didaktik enthält ein didaktisches Instrumentarium, durch welches die zunächst existentialistisch erfahrene Problemsituation letzten Endes doch in die politische Entscheidungssituation einer de­mokratischen Gesellschaft kleingearbeitet werden kann.“ (bei mir S. 47) Gemeint ist: ohne sofort angesichts von Gefahren panikartig nach Systemüberwindung zu rufen. Das „Kleinarbeiten lernen“ ist eines der didaktischen Postulate, die ich als Folgerung aus meinem Ausloten der „Untiefen der Katastrophendidaktik“ gezogen habe (bei mir S. 53-54).

Vieles übergehe ich aus Höflichkeit: meine angeblich „kumpaneihafte Kameraderie“ mit einem 1980 verstorbenen Mitherausgeber der GEGENWARTSKUNDE, bei dem Sie eine zu sei­nen Lebzeiten unbekannte Nazivergangenheit aufdecken (nachzulesen bei Ihnen S. 49f), um mir eine faschistische Gesinnung anzuhängen,  oder Ihre Laiendiagnose meiner Psyche (Projektionen, Verdrängungen bei Ihnen S. 52), – da mögen sich die Leser selber wundern. Das ist unter Ihrem Niveau! Dies und Ihre durchgängige Wortwahl zeigen mir, daß Sie ein ehrwürdiges Prinzip des wissenschaftlichen Diskurses nicht beachten: daß nämlich das argumentum ad personam unbedingt zu vermeiden ist. Es führt zum Diskursabbruch. Anders bei Ihren beiden Schlußkapiteln. Wenn man sie für sich nimmt, könnte man die Fortführung des fachdidaktischen Diskurses für möglich erachten. Ich belasse es also bei dieser Hoffnung.

Es grüßt Sie

Walter Gagel

 

   

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2 / 1998
Reformen im Politikunterricht – Konzeptionen und Unterrichtspraxis  
Hannover, 1998. 94 S., A 5, kart. [
ISBN 3-9804023-6-3], 4.7.98 - Printausgabe vergriffen

Internetausgabe: 11.11.02  - Letzte Überarbeitung: 7.6.2003 / 10.08.2004 / 07.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

pua 1-2/1998

ISSN

0945-1544

 

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von "gelinkten" Seiten vgl. Impressum.

Alle Rechte Vorbehalten

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