Lieber Herr Claußen,
mein 14-seitiger Aufsatz „Untiefen der
Katastrophendidaktik“ in PoBi 2/94 (S. 44-57) hat bei Ihnen so große
Resonanz gefunden hat, daß Sie auf ihn mit einem dreimal so langen Aufsatz
eingehen. Meine Absicht war in der Tat der Anstoß zu einer Diskussion über
den meiner Ansicht nach etwas vorschnellen Gebrauch des Katastrophenbegriffs
in der Didaktik des politischen Unterrichts und über die Zielkategorie der
„Schlüsselprobleme“, in der ich eine Ambivalenz sehe. Ich meine: Darüber
lohnt es sich nachzudenken. Daß Sie jedoch auf meinen Aufsatz in ausufernder
Weise und mit einer in unseren Fachdiskussion ungewöhnlichen persönlichen
Schärfe geantwortet haben, hat mich überrascht. Sie selber sind in meinem
Aufsatz dreimal als Beleg zitiert worden, zwei Zitate habe ich aufgegriffen:
Sie sehen in der Gegenwartsepoche, „daß erstmals von Menschen zwar
verantwortete, ihrem Zugriff aber entgleitende Katastrophen den Charakter
totaler Irreparabilität annehmen und das Ende der Gattung bedeuten können“,
ferner meinen Sie, „die diskursiv zu ermittelnde Ethik muß daher unbedingt
die Überwindung der herrschenden Produktionsverhältnis von vorneherein in
den Blick nehmen“ (bei mir S. 50, 51). Nun führe ich eine Reihe anderer
Autoren an, die ebenfalls Katastrophen beschwören und Lösungen vorschlagen.
Ich sah hier eine Verbreitung des Katastrophenbegriffs im Bereich der
politischen Bildung, der Behutsamkeit vermissen läßt und statt geduldigen
Argumentierens den Gebrauch starker Worte vorzieht. Mir ging es auch darum,
nicht die Theorie der „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck, aber deren mir
zu leichthändige Rezeption in der Didaktik zur Diskussion zu stellen. Und
diese geht ja über das beschriebene Begriffsfeld hinaus, – denn Beck
spricht ja von „Risikogesellschaft“ und nicht von
„Katastrophengesellschaft“.
Sie haben in Ihrem Aufsatz dann differenziert, indem
Sie auf die „Möglichkeit“ von Katastrophen etwa des Gattungsendes
hinweisen und erklären, durch die Aussage „einen etwaigen Trend des
Geschichtsverlaufs und die Eskalation zahlreicher im Vorfeld und auch ohne
Extremeinmündung schon hinreichend problematischer Katastrophen
hypothetisch einfangen sowie kulturell erfahr- und somit diskutierbar
machen [zu] wollen“ (bei Ihnen S. 52). Sie sprechen jetzt im Aussagemodus
der „Möglichkeit“, daher „etwaiger“ Trend, sie sprechen von „Hypothesen“ und
zielen auf die Erkenntnismöglichkeiten von Szenarien („kulturell erfahr- und
somit diskutierbar machen“). Das sind jetzt keine starken Worte mehr, wie
sie in der Summe meiner Aufzählung der verschiedenen Autoren wie Stichworte
einer mittelalterlichen Bußpredigt wirken, sondern die didaktisch
vertretbare Deutung, daß die Imagination von Gefahren einen Lernpozeß
ermöglicht, in der Erwartung – das füge ich hinzu –, daß er nicht nur Angst
vor dem Abgrund erzeugt. Was den Gebrauch des Begriffs anbelangt, so hat
Hilligen aus guten Gründen das Wort „Gefahren“ verwendet, weil man
komplementär durch das Nachdenken über „Chancen“ den Fatalismus des
Unausweichlichen vermeiden kann. Auch der Begriff „Risiko“ läßt diese
Alternative zu, während es sicherlich keine „Chancen“ gibt, die die
Kehrseite von „Katastrophen“ sein könnten. Mit dieser Einschränkung bin ich
mit Ihrer Antwort zufrieden und rechne es meinem Aufsatz zu, daß es zu
dieser Zurechtrückung gekommen ist.
Damit könnte ich also schließen. Aber mit Verlaub:
Für diese Klärung hätte es keiner 44 Druckseiten bedurft. Und wem soll ich
einen Gegenartikel zumuten, der dann ja wohl nach dem Gesetz der
mathematischen Serie wieder dreimal so lang wie der Ihrige werden müßte? Ich
will daher nur auf Weniges eingehen. Die bei mir unter der Überschrift
„Katastrophendidaktik II“ erscheinenden S. 50-52 haben Sie falsch gelesen.
Hier tauchen Sie mit zwei Zitaten unter 17 anderen auf. Ich sage hier im
Anschluß an die Ausbreitung des Gedankenfeldes, das ich Syndrom nenne: „So
liegt wie bei Kern die Verführung nahe, in die autoritären Lösungen zu
flüchten.“ (bei mir S. 51) Diese Absicht ist keinem einzelnen in die Schuhe
geschoben, ich kritisiere nur die Gedankenspiele, die sich in den Worten
der Autoren und auch in Ihren verbergen. Sagen Sie also genau, wie Sie es
sich vorstellen, wenn Sie fordern, daß die Ethik „unbedingt die Überwindung
der herrschenden Produktionsverhältnisse von vorneherein in den Blick
nehmen“, – von „vorneherein“, obwohl „diskursiv zu ermittelnde“, was ja
erst im nachhinein möglich ist. Geht das ohne „Einsatz von Macht“, „von
entschlossenen Führern und geschulten Kadern“, wie ich gefolgert habe und
wie die Geschichte lehrt (bei mir S. 51)? Sagen Sie doch, wie es konkret
gehen soll, wenn utopische Ziele als Rettung vom Abgrund entworfen werden.
Dazu wäre ja Gelegenheit gewesen. Andernfalls kann die Erzeugung von Angst
eben die beschriebenen Fluchtreaktionen bewirken. Solange dies nicht
geschieht, sehe ich die in den Zitaten erkennbare Verbalradikalität als
„Verführung“ an, wobei ja nicht unbedingt die jeweiligen Autoren der
Zitate die Verführer sein müssen, aber vielleicht doch die Leser die
Verführten dieser zugespitzten Formulierungen, falls sie sie ernst nehmen.
Anstelle der Klärung reagieren Sie gekränkt, werfen mir vor, ich würde die
Autoren und damit Sie „in die Nähe des Nazismus“ rücken (bei Ihnen S. 58),
sie entdecken ein „Arsenal der Verdächtigmachung“ (S. 53) bei mir, Sie
empfinden sich als „verpönenswert scheinender jüngerer Didaktiker“ (S. 55),
beklagen Stigmatisierung, „Diffamierung und Denunziation“ (S. 51) und
konstatieren eine „Ausgrenzung durch Auslassung“, wo Sie gar nicht erwähnt
werden (S. 61). Wie kommen Sie auf diese Gedanken? Warum ziehen Sie sich
einen Schuh an, den ich gar nicht aufgeschnürt habe? Es geht hier gar nicht
gegen Sie persönlich. Ich habe in dem Aufsatz weder didaktische
Konzeptionen noch Personen kritisiert, sondern Aussagen und Tendenzen, um
Nachdenken anzuregen, nichts anderes. Daß Sie sich so getroffen fühlen, ist
Ihr Problem, nicht meine Absicht.
Was die „Werbung“ anbelangt, so haben Sie recht: im
politischen Unterricht ist sie problematisch. Aber Sie können mich nur
deshalb so ausführlich verdammen, weil Sie das Zitat zunächst
zurechtgeschnitten haben. Ich habe geschrieben (bei mir S. 55): „Wenn
politische Bildung für etwas werben darf, dann sollte dies geschehen für
das Bewußtmachen und die Fortführung der Entscheidung für die Ordnungs- und
Lebensvorstellungen der westlichen Demokratie auch angesichts gobaler
Herausforderungen.“ Dies steht im Zusammenhang mit der Darlegung eines
didaktischen Postulats, auf das ich nicht näher eingehen will. Ich will nur
auf folgendes hinweisen: Der vollständige Satz ist eine Wenn-Dann-Aussage,
und damit liest er sich ganz anders als bei Ihnen (S. 45), wo Sie den
Konditionalis durch Pünktchen wegretouschiert haben, also vorsichtiger und
offener, nicht so postulativ wie bei Ihnen. Wir können über das „Wenn“
diskutieren, und vielleicht sollte man in der politischen Bildung
ausnahmslos nicht werben. Dann gilt der Satz in der Tat nicht. Und die
Formulierung zeigt: ich war mir der Problematik durchaus bewußt. Es ist also
kein Anlaß zur Empörung. Aber festhalten möchte ich an dem Kontext: Die
Methoden der Problembewältigung müssen den normativen Rahmen des
Politikprozesses beachten, damit man nicht – wie es Ulrich Beck formuliert
hat – einem „legitimen Totalitarismus der Gefahrenabwehr“ erliegt (bei mir
S. 55). Ihr Vorwurf hingegen, ich hätte gegen das Überwältigungsverbot und
den Beutelsbacher Konsens verstoßen, stößt ins Leere, und all die
Folgerungen, die Sie anschließen (S. 45-50), hätten Sie sich sparen können.
Ein Wort zur „Westorientierung“: Sie reagieren auf
dieses Wort wie auf ein rotes Tuch, das Abwehrreflexe erzeugt und Sie zu
dem Wortungetüm im Titel Ihres Aufsatzes: „katastrophenphobiehafter
West-Orientierung“, verleitet hat. Ich vermute, daß Sie das von mir Gemeinte
im Begriffsfeld des Ost-West-Konfliktes lesen, während ich Westorientierung
geschichtlich als Alternative zum deutschen Sonderweg verstehe, nicht als
Absage an etwas Östlichem. Dies habe ich im 1. Kapitel meiner „Geschichte
der politischen Bildung“ ausführlich dargelegt und den Begriff dabei auch
inhaltlich bestimmt, so daß genaue Lektüre das Mißverständnis eigentlich
nicht aufkommen lassen dürfte. Um es aber endgültig aus dem Wege zu räumen,
habe ich in der 2. Auflage, aus der Sie zitieren, auf S. 28 einen klärenden
Absatz eingefügt habe. Ich sage dort, die Westorientierung sei ein „Lernprozeß“
und nicht eine geopolitische „Richtungsentscheidung“. Sie ist, so wiederhole
ich nochmals, die Abkehr vom deutschen Sonderweg mit seiner heftigen Abwehr
des Westlichen gegenüber dem Deutschen, wie sie in der Ideologie des
Kriegsausbruchs von 1914 auch die Intellektuellen ergriffen hatte. Diese
Abkehr habe ich als gemeinsame geschichtliche Tradition des damals in Ost
und West geteilten Deutschlands dargestellt. Daher erschien mir nach 1989
Westorientierung in diesem Sinne auch für Ostdeutsche zumutbar, ja
erstrebenswert zu sein („Rückkehr nach Europa“). Zu beachten ist dabei meine
inhaltliche Bestimmung des Begriffs: „er enthält die Entscheidung für die
Verfassung vom Typ ,westliche Demokratie‘ mit seinen Grundprinzipien
Rechtsstaat, Parlamentarismus und Menschenrechte“, er „nennt die
verfassungsrechtlichen und normativen Prinzipien als Bedingung für eine
Kooperation europäischer Staaten“ (Geschichte der politischen Bildung, 2.
Aufl., S. 28, 29), und das tadeln Sie als eine „Pathetik der Beschwörung“
(bei Ihnen S. 47). Aber in Ihrem 5. Kapitel lese ich, daß es auch für Sie
„kein Zurück hinter die Verwestlichung“ gibt (bei Ihnen S. 67) und daß es
Ihnen vor allem um das „Darüberhinaus“ geht (ebd.), – eine schöne
Formulierung, der ich zustimme, weil sich darüber produktiv diskutieren läßt.
Aber worin liegt dann das so fundamental Konträre, das Sie zu den Angriffen
in den Kapiteln 1 – 4 provoziert hat?
So bleibt mir nur noch, etwas zu Ihrer
Begriffsbildung „Katastrophenphobie“ zu sagen. Wenn Sie mir diese Phobie zum
Vorwurf machen, dann müßten Sie ja wohl dem Gegenteil zuneigen. Dieses
Gegenteil wäre also „Katastrophenphilie“, also Katastrophensucht. Ich glaube
kaum, daß Sie sich mit diesem Etikett schmücken wollen. Ich für meine Person
jedenfalls kann mich für diese Sucht nicht erwärmen, und insofern bekenne
ich mich durchaus zu einer Sorge vor Katastrophen, aber nicht in der Form
einer Phobie. Denn ich stimme dem Satz zu, den meiner Erinnerung nach Carl
Friedrich von Weizsäcker einmal gebraucht hat: „Angst ist ein schlechter
Ratgeber.“ Darin ist auch die Grundintention meines Aufsatzes beschlossen.
Was die politischen Konsequenzen anbelangt, die ich sehe, so sind diese in
meiner Deutung der Position Hilligens enthalten: „Hilligens Didaktik enthält
ein didaktisches Instrumentarium, durch welches die zunächst
existentialistisch erfahrene Problemsituation letzten Endes doch in die
politische Entscheidungssituation einer demokratischen Gesellschaft
kleingearbeitet werden kann.“ (bei mir S. 47) Gemeint ist: ohne sofort
angesichts von Gefahren panikartig nach Systemüberwindung zu rufen. Das
„Kleinarbeiten lernen“ ist eines der didaktischen Postulate, die ich als
Folgerung aus meinem Ausloten der „Untiefen der Katastrophendidaktik“
gezogen habe (bei mir S. 53-54).
Vieles übergehe ich aus Höflichkeit: meine
angeblich „kumpaneihafte Kameraderie“ mit einem 1980 verstorbenen
Mitherausgeber der GEGENWARTSKUNDE, bei dem Sie eine zu seinen Lebzeiten
unbekannte Nazivergangenheit aufdecken (nachzulesen bei Ihnen S. 49f), um
mir eine faschistische Gesinnung anzuhängen, oder Ihre Laiendiagnose meiner
Psyche (Projektionen, Verdrängungen bei Ihnen S. 52), – da mögen sich die
Leser selber wundern. Das ist unter Ihrem Niveau! Dies und Ihre durchgängige
Wortwahl zeigen mir, daß Sie ein ehrwürdiges Prinzip des wissenschaftlichen
Diskurses nicht beachten: daß nämlich das argumentum ad personam unbedingt
zu vermeiden ist. Es führt zum Diskursabbruch. Anders bei Ihren beiden
Schlußkapiteln. Wenn man sie für sich nimmt, könnte man die Fortführung des
fachdidaktischen Diskurses für möglich erachten. Ich belasse es also bei
dieser Hoffnung.
Es grüßt Sie
Walter Gagel