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Traditionelle politische
Strategien und Leitbegriffe verlieren ihre Bedeutung und
Wirkungsmacht in dem Maße, in dem sich die Wahrnehmung des
Politischen und die Artikulation des
Gesellschaftlichen ändert. Festhalten an traditionellen
Leitbildern politischen Verhaltens verurteilt dieses nicht nur zur
Wirkungslosigkeit, sondern erzeugt eben dadurch neue
gesellschaftliche Dissonanzerfahrungen und Frustrationen, die die
Problemlagen perpetuieren statt sie zu artikulieren.
Besonders betroffen
von der so generierten Macht- und Wirkungslosigkeit sind in den
fortgeschrittenen und sich ökonomisch-politisch globalisierenden
kapitalistischen Industriegesellschaften
sind die traditionellen gewerkschaftlichen Durchsetzungsstrategien
und betrieblichen Mitbestimmungsforderungen, die bestenfalls noch
punktuelle bei betrieblichen Einzelmaßnahmen, generell aber nicht mehr
bei Fragen des regionalen und überregionalen sozioökonomischen
„Strukturwandels“ Wirkung zeigen. Der Traum von der gewerkschaftlichen
Massenmobilisierung hat sowohl was die Ökonomie als was die
Gewerkschafter selbst angeht keine richtungweisende oder problemlösende
Kraft mehr.
Dabei ist
grundsätzlich zu fragen, wo die tatsächlichen Probleme und
Handlungsfelder unserer Gesellschaft liegen, wo sich als das
Politische artikulieren kann. Betriebs-, branchen- und
berufsbezogene Arbeitsplatzpolitik bleibt staatlicherseits
systembedingt widersprüchlich, halbherzig und inneffektiv,
gewerkschaftlicherseits in noch höherem Maße auf der Ebene des
inhaltsleeren, ritualisierten Protestes stehen. Letztlich hechelt
gewerkschaftliche Proteststrategie von Problem zu Problem, von Betrieb zu
Betrieb, von Region zu Region nicht mehr beeinflußbaren Macht- und
Strukturänderungen hinterher und hat nicht mehr die Kraft, die Macht und
das Problemdefinitionsvermögen zur Prioritäten setzenden Gestaltung der
Zukunft. Längst konterkarieren sich die Fülle der Einzelproteste zur
gesamtgesellschaftlichen Wirkungslosigkeit der Hahnenkämpfe in der
„Gruppendemokratie“, in der das Prinzip der individualisierten und
aktualisierten Interessenartikulation auch Strukturmerkmal des
Protestverhaltens von Gewerkschaften und Berufsverbänden geworden
ist. Dadurch wird arbeitnehmerorientierte Interessenpolitik
gesamtgesellschaftlich gesehen – kontradiktorisch zum historisch
gewachsenen Selbstverständnis als „Avantgarde einer besseren Zukunft“ –
zum konservativen und damit indirekt systemstabilisierenden Agens der
sozioökonomischen Realität.
Die Hoffnung auf ein
objektivierbares und im vernünftigen gesellschaftlichen Diskurs
durchsetzbares Gemeinwohl und einer volontée générale,
die dies in einer Gesellschaft der Freien und Gleichen durchsetzen
könnte, hat sich als historische Utopie erwiesen,
die den historischen gesellschaftlichen Handlungsfeldern nicht entspricht
und auch den Realitätswahrnehmungen der angesprochenen Bürgerinnen und
Bürgern zuwider läuft. Die falsche Hoffnung, Wertutopien und
ethisch-politische Leitbilder unmittelbar zu politischen
Handlungszielen machen zu können, oder diese ungeachtet aktueller
Machtstrukturen und Machtprozesse zur Beschreibung politischer
Realitäten verwenden zu können, setzt ein hohes Maß an Umdeutung
gesellschaftlicher Realität, Verdrängung realer Prozesse und
idealistischer Realitätskonzeptionen voraus, die, wie die historische
Erfahrung zeigt, als realitätsverschleiernde politische Ideologien
gesellschaftlich wirksam werden und die realen Problemlösungspotentiale
der Gesellschaft vermindern. Letztlich ist die gesellschaftliche Wirkung
der idealistischen Verwechslung von ethischer Norm und politischer
Strategie das Gegenteil von rationalem politischem Verhalten
und trägt die Perspektive in sich, genau das Gegenteil von dem zu
erreichen, was die ethische Norm fordert, d.h. die Summe menschlichen
Leides im Namen einer Idee zu erhöhen.
Die bürgerliche
Gegenthese des Liberalismus zur ethischen Norm des Gemeinwohles
durch die volontée générale hat sich durchgesetzt: daß der
„Kampf Aller gegen Alle“ letztlich nicht dauerhaft zu einem
gegenseitigen Vernichtungskrieg führt,
da dem der individuelle Eigennutz entgegen stände; aus dem „Kampf Aller
gegen Alle“ wird die bürgerliche Konkurrenzgesellschaft, in der die
gesellschaftlich erwünschten Leistungen durch materielle und soziale
Belohnungen („Leistungsanreize“) evoziert werden. Die herrschende
Sinngebung für gesellschaftliches liegt in individualisierten
Glücksversprechen.
Die Kritik und
Widerlegung dieser liberalen Legitimationsideologie kann einerseits
empirisch durch Analyse und Vergleich gesellschaftlicher Prozesse und
andererseits immanent durch Aufweisen der theoretischen Widersprüche
erfolgen. Daß die „Zivilisierung“ des „Kampfes Aller gegen Alle“
nicht durch den Rekurs auf die Gültigkeit eines objektivierbaren
Eigennutzes erwiesen ist, zeigen selbstzerstörerische
Gewaltbereitschaft, eine zunehmende Zahl von „Bürgerkriegen“ und die
internationale organisierte Kriminalität. Die bürgerliche
Konkurrenzgesellschaft ist kein Garant gegen Tendenzen und Gefahren der
Entzivilisierung und Zunahme personaler Gewalttätigkeit. Historisch
gesehen ist der abendländische Zivilisationsprozeß mit der Staatenbildung
und der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols, keineswegs aber mit
den Individualisierungstendenzen der bürgerlichen
Konkurrenzgesellschaft verbunden; eher das Gegenteil ist der Fall, daß
die zunehmende Individualisierungszumutung einen dezivilisatorischen
Effekt nach sich zieht.
Andererseits ist der ideologische Charakter der
Individualisierungsthese selbst zu erweisen, die in einen
dialektischen Zusammenhang mit der Globalisierungsthese gesetzt
werden muß und erst im Rahmen prozeßorientierter theoretischer Ansätze
hinreichenden Realitätsgehalt erlangt. Im innergesellschaftlichen Rahmen
erscheint die Individualisierungsthese als
Legitimationsideologie für eingeleitete Verschiebungen
gesellschaftlicher Machtbalancen und materieller Umverteilungen im
Sinne zunehmender sozialer Ungleichheit und Abwehr
traditioneller Gerechtigkeitsvorstellungen.
Diese Überlegungen
zeigen, daß weder der politische Veränderungswille auch im
Handlungsrahmen gewerkschaftlicher Betätigung noch der Diskurs
über die Ziele der politischen Bildung auf den traditionellen
statischen Gesellschaftsbildern und Leitbegriffen wie
„Individualisierung“ und „Globalisierung“ beharren darf,
sondern zu einer dynamischen und prozeßorientierten Neubestimmung
des Politischen gelangen muß, bei der eine kritische Thematisierung
der Symbol- und Interaktionssysteme der Politischen Kultur erfolgen soll.
Die gesellschaftliche
Realität und damit das gewerkschaftliche Handeln entspricht diesen
Forderungen und Standards noch längst nicht und ist völlig traditionellen
Verhaltensmustern und Wirkungserwartungen verhaftet, wobei die
Unzulänglichkeits- und Mißerfolgserlebnisse zur dominierenden
gesellschaftlichen Erfahrung zu werden drohen – das was man dann
umgangssprachlich als „Entpolitisierung“ mißversteht.
Am gewerkschaftlichen Solidaritätsverständnis ist die daraus
herzuleitende Folge problematisch, daß die Durchsetzungsfähigkeit
gewerkschaftlich organisierter Gruppen (Betriebsgruppen,
Berufsgruppen, Branchen) gerade in den gesellschaftlichen und
ökonomischen Bereichen besonders gut ist, die ohnehin sozioökonomisch –
gemessen an Status, Einkommen, beruflicher Sicherheit –
überdurchschnittlich gut gestellt sind; der gewerkschaftliche
Durchsetzungskampf ist dann zumeist motiviert von der Angst vor
Privilegienverlust
und – geht man, gesamtgesellschaftlich gesehen, von der Vorstellung des
Verteilungskampfes aus – wirkt sich vor allem zu Lasten der
sozioökonomisch ohnehin benachteiligten aus. Die Konfliktlinien in
unsere Gesellschaft sind real nicht mehr die traditionellen
Klassenauseinandersetzungen, sondern der Bewahrungskampf der
„Bessergestellten“ gegen die Benachteiligten, zu denen in dieser
umgekehrten Reihenfolge des Ausschließens die schwächeren Branchen,
die Ostdeutschen, die Alten, die Berufsanfänger, die Arbeitslosen, die
Außenseiter, die Kranken und Behinderten, die Ausländer und die sozial
Stigmatisierten Randgruppen (Obdachlose, Junkies etc.) gehören, deren
soziale Integration von den heute üblichen berufspolitischen und
gewerkschaftlichen „Kampfformen“ nicht nur nicht gefördert sondern eher
behindert wird, was letztlich als aktiv betriebene Ausgrenzung und
soziale Desintegration beschrieben werden kann. Dabei werden von
denjenigen, die über ein größeres Maß gesellschaftlicher
Artikulationsfähigkeit und Definitionsmacht verfügen, individuelle
und gruppenbezogene Benachteiligungs- und Leidensszenarien
aufgebaut, die zumindest soziale Schlagseite verraten, wenn sie nicht
geradezu gesamtgesellschaftlichen Lösungsperspektiven entgegenstehen.
Besonders deutlich wird dies an „Kahlschlagbefürchtungen“ der
›Kulturschaffenden‹ und „Überforderungs- und
Unzumutbarkeitsklagen“ in der Lehrerschaft, die den Blick
auf die gesellschaftlichen Realitäten längst verloren haben und ihrer
politischen Sozialisation folgend anachronistische ideologische
Gesellschaftsbilder der Sechziger und Siebziger Jahre für gültige
Realitätsbeschreibungen halten, um aus ihnen Handlungsoptionen und
Strategien des Politischen abzuleiten.
Im internationalen
Maßstab
ist Deutschland ein Land der „Besserverdienenden“, d.h. ein Land
der ökonomischen und politischen Zentren, das in diffizilen Machtbalancen
steht zu den Ländern der Peripherien und Semiperipherien.
Die „Peripherien im eigenen Lande“ – Obdachlose, Junkies,
Ausländer, Asylbewerber – sind ebenso Strukturdefizite der eigenen
Gesellschaft, die ihre Herrschaftsordnung auf Soziale Ungleichheit
gründet,
als auch Inseln der internationalen Peripherisierungsprozesse in den
Ländern des Zentrums. Um noch einmal auf die schon angesprochenen
gesellschaftlichen Wahrnehmungswidersprüche zurück zu kommen: Soziale
Deprivation wird vorwiegend als Problem der Individualisierung der
Sozialchancen für die Verlierer im sozialen Konkurrenzkampf
wahrgenommen,
in der volkswirtschaftlichen Analyse, mehr oder weniger kritisch je nach
politischer Option, aber als zwangsläufige Folge der
weltwirtschaftlichen Globalisierung gesehen, die notwendig ist, um im
Konkurrenzkampf der Volkswirtschaften und Betriebe bestehen zu können.
Beide Erklärungen sind solange einseitig und nicht realitätsgerecht – und
können insoweit keine erfolgsversprechenden politischen
Handlungsstrategien begründen – als sie nicht eingebunden werden in ein
übergreifendes prozessuales Realitätsverständnis,
das von einem interdependenten System sich verschiebender Machtbalancen
ausgeht und Wahrnehmung und Definition von Machtprozessen zum
Ausgangspunkt handlungsorientierter Politischer Bildung macht.
Anzusetzen ist bei
einer inhaltlichen Neubestimmung des Politischen und des
Ökonomischen,
um traditionelle und obsolet gewordene politische Strategien und
Ordnungsvorstellungen beiseite schieben zu können. Besser noch – in einer
Paraphrase auf Wallersteins grundlegendes Werk –: Unthinking Social
and Political Strategies. Es ist die Chance und die Zeit für
ein Wirksamwerden der sozialwissenschaftlichen Paradigmenwechsel in der
Bestimmung der politischen Realitäten und der Definition politischer
Zielvorstellungen und Strategien.
Die globalen
Machtbalancen sind als unabdingbare Voraussetzungen für den Erfolg
regionaler und lokaler Politiken zu erkennen, Interdependenzen und
Kontexte mit den Peripherien und Semiperipherien als Problemkostituanten
der eigenen politischen Handlungsspielräume und Gestaltungsoptionen zu
erfahren – fernab von der billigen Ideologie der traditionellen
„internationalen Arbeitsteilung“. Grenz- und Konfrontationsprobleme der
Semiperipherien sind als Kernfragen der Suche nach einer globalisierten
europäischen Identität zu begreifen, indem die eurozentristischen
Denk- und Wahrnehmungstraditionen der Industrialisierung und des
Kolonialismus, aber auch des europäischen Sozialismus – trotz aller
internationalistischer Postulate – ungedacht gemacht werden müßten.
Innergesellschaftlich
ist die Soziale Ungleichheit als Ausdruck sozialer
Peripherisierungsprozesse im globalen Kontext sich ändernder
Machtbalancen zu verstehen, auf die die Gesellschaft mit der Suche nach
neuen Handlungsoptionen, neuen Situationsdefinitionen und einer Abkehr
von traditionalen Nationalstaatsfixierungen, d.h. auch mit einer
Deetatisierung der Sozialbeziehungen, die praktisch ohnehin unter dem
Stichwort der Individualisierung eingeleitet ist, aber im öffentlichen
Bewußtsein als solches nicht zur Kenntnis genommen wird, reagieren muß.
Das Bild von
Politik und Gesellschaft wird sich grundlegend ändern; der
Interdependenz- und Prozeßcharakter der Sozialbeziehungen und die
Allgegenwart von Machtprozessen und dynamischen Machtbalancen wird in den
Vordergrund des Bewußtsein rücken und das statische Bild der Gruppen- und
Individualkonkurrenzen, des Marktes der politischen Entscheidungen,
verdrängen. Politische Organisation wird damit vordringlich zur
Intellektualisierungsinstitution werden müssen, in der die
Auseinandersetzung um adäquate Realitätsdefinitionen geführt wird.
Traditionelle Organisationsformen, die sich in
Versammlungsorganisation, Resolution, Beschluß und Protest sowie in
Selbstbestätigung der Gruppenidentität durch Streik- und
Demonstrationsdrohungen ausdrücken, werden nur noch punktuelle
politische Erfolge erzielen können und weder auf zukunftsgerichtete
Massenmobilisierung rechnen können noch einen angemessenen Stellenwert
im Rahmen der Lösung der Zukunftsaufgaben einnehmen.
Die Mitgliedschaft von
Gewerkschaften und Berufsverbänden hat dies in der Alltagspraxis und ohne
viel Reflexion darüber längst erkannt, wie Mitgliederschwund, sinkender
Organisationsgrad, politische Inaktivität und weitgehende Abstinenz bei
innerverbandlichen Aktivitäten nur allzu deutlich erweisen. Es fehlt die
Kraft, einzugestehen, daß das wirkungslos Gewordene, das
gesellschaftlich nicht mehr ernst Genommene gerade am öffentlichen
Auftreten der Lehrerschaft (vgl. Fußnote 9)
in der mangelnden Fähigkeit, Geschichte als Vergangenheit distanziert und
kritisch zu sehen und eigene, biographisch orientierte
Vergangenheitsbewältigung zu betreiben, liegt. Das kritische
Bewußtsein – und der Wille zur Wahrnehmung des Neuen, des Unverbauten –
ist nicht so weit entwickelt, als daß daraus konstruktive positive
Schlüsse zur Veränderung des politischen Verhaltens selbst
gezogen würden, im Gegenteil, die Mitgliedschaft von Gewerkschaften und
Verbänden erwartet traditionelles und konventionelles, d.h. auch in der
Öffentlichkeit den üblichen Protest- und Kampfritualen verpflichtetes
Auftreten und vor allem demonstrative öffentliche Präsenz, ohne
daß letztlich noch jemand bereit wäre, dieses Engagement selbst zu
leisten. Wenn es nicht dazu kommt, die durchaus vorhandenen sozialen
Potentiale dieser traditionellen Institutionen neu zu bewerten und als
Intellektualisierungsagenturen zur Neubestimmung des Politischen
in unserer Gesellschaft neu in Wert zu setzen, wären sie tatsächlich
anachronistisch und eines Verschwindens aus der politischen
Öffentlichkeit wert.
19.03.1997
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