Lehrer und eine Lehrerin haben die Aufgabe,
eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nacht und
Nebel durch ein unwegsames Gelände zu führen, mit dem Ziel, daß alle bei
guter Stimmung und gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten
eintreffen.
Dieser Wandspruch aus
einem Lehrerzimmer macht ziemlich anschaulich deutlich, welche
Berufsaufgaben und Erwartungshaltungen an den Lehrerinnen- und
Lehrerberuf gestellt werden. Bücher- und
Zeitschriftenveröffentlichungen über die Widersprüche, die einerseits
von der Gesellschaft an die Schule und damit an die Agenten dieser
Einrichtung, die Lehrerinnen und Lehrer aller Schulformen und in
allen Schulstufen gerichtet werden, andererseits als Selbstbild in den
Köpfen der Kolleginnen und Kollegen vorhanden sind, füllen
mittlerweile ganze Bücherregale. Appelle an die Betroffenen werden
dabei in verschiedenen Richtungen erteilt: Da ist zum einen der Rat,
das „Subjekt sein in der Schule“ ja nicht zu vergessen: „Als Lehrer
kann ich den Schülern Sicherheiten jenseits der Abhängigkeitsverträge
nicht dadurch ermöglichen, daß ich ihnen eine speziell für sie
präparierte Sicherheit – oder, umgekehrt, eine pädagogisch angeblich
fruchtbare Verunsicherung – zu vermitteln versuche; ich für sie. Es
wird nur so möglich sein, daß ich das Risiko, die Auflösung der
gewohnten Verträge und die Suche nach neuen Wegen, alles das also, was
ich den Schülern zumute, in ebensolcher Intensität und mit gleicher
Offenheit für mich selbst erprobe“
.
Da ist die zweite
Erkenntnis, die „notwendigen Rationalisierungsbestrebungen im Bereich
des Unterrichts zwangsläufig darauf (zu) konzentrieren, die Tätigkeit
der voll ausgebildeten Lehrer wirkungsvoller als bisher zu machen“,
etwa durch „modernes Industrial Engineering“, durch
Arbeitszeitberechnungen, Arbeitsteilung und Definition der
Arbeitsmerkmale.
Da geht es um die
Erkenntnis, daß Konflikte im gesellschaftlichen Zusammenleben
unvermeidlich und im Erziehungsprozeß konstitutiv seien, gewissermaßen
der „Konflikt als paedagogicum“
ein Lernziel für die schulische Arbeit darstelle.
Da wird über
„Lehrerverhalten“ nachgedacht und erkannt, daß zwischen dem
Lehrerverhalten und dem Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler
eine regelhafte Beziehung bestehe und die „Qualität der Interaktionen“
bestimmt sei „vom Wissen der Lehrer über die Schüler und davon, wie sie
mit diesem Wissen umgehen, vom Selbst- und Professionsverständnis des
Lehrers und der Lehrerin, von dem Gefühl des Schülers/der Schülerin,
gerecht behandelt, ernst genommen und verstanden zu werden, von der
gegenseitigen Achtung und Anerkennung der Beteiligten“.
Da gibt es
soziologische Untersuchungen über die „Lehrerrolle im sozialen System
Schule“ und wie die vielfältigen Rollenkonflikte in diesem Beruf nicht
nur ausgehalten, sondern innovativ und positiv eingesetzt werden
könnten. „Es ist klar, daß Erziehungssysteme nicht allein dazu da sind,
den Lehrern maximale Befriedigung zu geben – es ist ebenso klar, daß
Reformversuche, die von der Voraussetzung ausgehen, der Lehrer werde
sich schon in neueste Pläne einfügen, zum Scheitern verurteilt sind“.
Da wird davor
gewarnt, das gängige Schlagwort von der „Vergreisung der Schule und des
Lehrpersonals“ allzu schnell und unbedacht in der Diskussion zu
benutzen, obwohl „die Berufssituation für den Nachwuchs ausgebildeter
Lehrer/innen nur als katastrophal bezeichnet werden kann“ – und der
Lehrerfort- und -weiterbildung eine wichtige Aufgabe zugewiesen...
Célestin
Freinet (1896-1966), der
bekannte Schulreformer und in einer kleinen, armselig ausgestatteten
französischen Volksschule arbeitende Lehrer, erzählt in einem seiner
Texte eine schöne Geschichte „Adler steigen keine Treppen“: Der Pädagoge
hat seinen Unterricht methodisch, didaktisch und wissenschaftlich aufs
genaueste vorbereitet. Verschiedene Stufen führen zu verschiedenen
Etagen des Wissens, immer der Leistungsfähigkeit kindlicher Beine und
Gehirne angepaßt, mit Treppenabsatz zum Atemholen und einem bequemen
Geländer zum Festhalten. Der Unterricht macht ihn unzufrieden, vor allem
deshalb, weil die Kinder kein rechtes Gefühl für seine Fürsorge
empfanden. Solange er nämlich dabei stand und Anweisungen gab, wie die
Treppen zu besteigen seien, wo und an welcher Stelle ausgeruht und sich
festgehalten werden könne, funktionierte der Unterricht; aber sofort,
wenn er die Kinder alleine steigen ließ, fing das Chaos an. Eine zweite
Beobachtung ärgerte ihn: Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die von
der Schule und vom Elternhaus genügend autoritär und angepaßt geprägt
waren, schafften die Aufgaben problemlos, „wie Schäferhunde, die ihr
Leben lang darauf dressiert wurden, passiv ihrem Herrn zu gehorchen,
und die es aufgegeben hatten, ihrem Hunderhythmus zu folgen, der durch
Dickichte bricht und Pfade überschreitet“.
Was hat die
Geschichte mit Lehrerrolle, Streß und ›burnout‹ zu tun? Ich
meine, sehr viel; denn wenn man sie weiterdenkt und sich die Lösungen
ausmalt, die es dem Lehrer und der Lehrerin ermöglichen, zufriedener
mit der professionellen Arbeit zu sein, wird unschwer deutlich, wohin
die Entwicklung in diesem Beruf und damit in der Schule und im
Bildungssystem gehen muß: Nicht hin zu noch mehr Angepaßtheit, noch
strikteren Lehrplänen, noch mehr autoritären Tricks, etwa durch die
Einführung von hierarchischeren Strukturen in der Schule und
Schulaufsicht – sondern zu mehr Innovationsbereitschaft, zu einer
deutlicheren Identifikationsfähigkeit mit dem Beruf und der
Berufsausübung.
In ihrer
Dissertation hat Kathrin Kramis-Aebischer
„Streß, Belastungen und Belastungsverarbeitung im Lehrerberuf“
untersucht (Verlag Paul Haupt, Bern 1995, 424 S.). Sie ist dabei zu
Ergebnissen gekommen, die nicht nur für die Diskussion in der Schweiz
interessant sein dürften:
Sie stellt fest, daß
rund 45% der untersuchten Lehrerinnen und Lehrer über fortwährende
Spannungen, Nervosität und Überlastungsgefühlen klagen; sie weist
andererseits nach, daß Lehrkräfte mit guten
Streßverarbeitungsstrategien weit weniger psychische Beschwerden und
weniger subjektiv empfundene Belastungen, also weniger
Burnout-Erscheinungen zeigen.
Sie nimmt eine
Bestandsaufnahme vor und stellt verschiedene Lösungsmöglichkeiten und
Verarbeitungsstrategien für Lehrerinnen und Lehrer zur Diskussion.
-
Die für
Lehrerinnen, Lehrer und Schule immer vielfältiger werdenden Bildungs-
und Erziehungsaufgaben (unterrichten, erziehen, beurteilen, beraten,
begleiten, fördern, fordern, innovieren) treffen in der rapide sich
verändernden Gesellschaft auf immer diametraler formulierte
Ansprüche und Erwartungshaltungen bei Schülerinnen und Schülern,
Kolleginnen und Kollegen, Behörden, Schulaufsicht, Politik und
Medien.
-
Daraus
resultierende Auswirkungen auf die psychische und physische
Befindlichkeit der Lehrerinnen und Lehrer treffen zusammen mit
Belastungssituationen, wie diffuse Rollenansprüche,
Leistungsbeurteilung, Stoffdruck, unzureichende berufliche
Aufstiegsmöglichkeiten, Innovationsdruck ohne wesentliche eigene
Beteiligungschancen, Prestige in der Öffentlichkeit, verändertes
Schülerverhalten, unzureichende Kooperationsbereitschaft der
Beteiligten und institutionalisierte Möglichkeiten zur
Zusammenarbeit und zum Erfahrungsaustausch im Schulalltag.
Bei rund 60% der
befragten Kolleginnen und Kollegen werden überdurchschnittliche
Berufsbelastungen nachgewiesen; rund 45% geben andauernde Anspannung
und Nervosität und Überlastungsgefühle an; rund 25% zeigen mittlere
bis starke Burnout-Probleme; immerhin geben rund die Hälfte der
untersuchten Lehrerinnen und Lehrer an, sehr mit ihrem Leben zufrieden
zu sein. Diese, so stellte sich heraus, sind in der Lage, mit ihrer
beruflichen Situation souveräner umzugehen:
„Lehrpersonen mit
guter Belastungsverarbeitung empfinden hoch signifikant weniger
psychophysische Beschwerden, weniger Angst, weniger Depressivität und
hoch signifikant weniger Burnout als Lehrpersonen mit schlechterer
Belastungsverarbeitung.
Lehrpersonen mit
guter Belastungsverarbeitung haben ein hoch signifikant besseres
Selbstkonzept, bessere selbstgeschätzte didaktische
Unterrichtskompetenz, bessere psychische Gesundheit und hoch
signifikant höhere Berufs- und Lebenszufriedenheit als Lehrpersonen mit
ungünstigerer Belastungsverarbeitung“ (S.266).
Bei dieser Analyse
setzen nun Vorschläge der Autorin an, wie die „Schlüsselqualifikation
Streß- und Belastungsarbeit“ konkret durchgeführt werden kann. In einem
Trainingsprogramm, das sowohl im Rahmen der schulinternen
Lehrerfortbildung, in Kooperationszirkeln, in Teamsupervision, als
auch in zentralen Fortbildungsangeboten durchgeführt werden kann,
werden die folgenden Situationen bearbeitet:
-
Es werden
stressende Ereignisse aufgezeigt, diese mit verschiedenen Methoden
simuliert, in Rollenspielen dargestellt und so zur Sprache und damit
handhabbar gemacht.
-
Es werden
diejenigen Situationen herausgefiltert, die von den Betroffenen nicht
reguliert werden können, also auch in der weiteren Berufsausübung
fortbestehen.
-
Es werden die
Ereignisse dargestellt, die regulierbar sind und voraussichtlich nicht
fortbestehen.
Im
Untersuchungszeitraum zeigten sich bereit nach einem Jahr hoch
signifikante positive Veränderungen.
Ein anderer Ansatz
kann in diesen Denkprozeß hineingenommen und erinnert werden: Das was
Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre als „Handlungsforschung“
bezeichnet wurde (Röhrs, Blankertz, Moser, Mollenhauer, u.a.), mit dem
Ziel, Theorie und Praxis zusammenzubringen und so die Schule auf einen
neuen Weg zu geleiten, hat sich, aus England aufgenommenem „action
research“, in den letzten Jahren (wieder) an den Pädagogischen
Instituten der Österreichischen Universitäten Klagefurt, Innsbruck
und Wien etabliert und wurde weiterentwickelt. Bernd
Hackl hat mit seinen
Studien „Forschung für die pädagogische Praxis“ und „Projektunterricht
in der Praxis“ (Österreichischer Studienverlag, Innsbruck 1994)
Wege aufgezeigt, wie der trügerische „etablierte
Gleichgewichtszustand“ aufgehoben und für Theoretiker und Praktiker
mehr Kompetenz, mehr Professionalität und damit mehr
Berufszufriedenheit möglich wird.
Mit dem Ziel zur
Ausweitung der Selbstbestimmung für die in Schule und
Unterrichtsforschung Tätigen liegen als Ergebnis einer Tagung von
österreichischen und englischen Pädagogen (29.5.- 2.6.95) neue und
zusammengefaßte Ergebnisse zur „Aktionsforschung –
Handlungsforschung“ vor, die auch von uns zur Kenntnis genommen werden
sollten:
Johanna
Juna/Paul
Kral (Hg.), Schule
verändern durch Aktionsforschung, Innsbruck/Wien 1996
Zum Schluß und als
Ermunterung noch mein Lieblingsspruch:
„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten: Wo
kämen wir hin! Und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme,
wenn man ginge!“
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„Burn-Out“ – Ursachen |
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Emotionale Erschöpfung
Resignation, Hilflosigkeit, wachsende
Unzufriedenheit, Nervosität, Reizbarkeit, Leere, Verzweiflung,
Versagen der Kontroll- und Bewältigungsmechanismen, Suizidgedanken |
Geistige Erschöpfung
Verlust der Selbstachtung, Gefühle der
Unzulänglichkeit und des Versagens, Dehumanisierung von Patienten,
negative Einstellungen zum Selbst, zur Arbeit, zum Leben
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Körperliche Erschöpfung
Erkältungen, Kopfschmerzen, vegetative
Beschwerden, psychosomatische Reaktionen, wie Migräne,
Magengeschwüre, Asthma, usw., Schlafstörungen |
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Ausgebrannt (Burn-Out) |
Jos
Schnurer, Dipl.-Päd., Immelmannstr. 40, 31137 Hildesheim, 20.9.1006