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politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1997

Politisches Denken – Politisch Handeln.


Jos Schnurer:

„Deine Armut kotzt mich an“ –
„Euere Ignoranz macht mich krank“

Eine Unterrichtseinheit für die Klassen 5 (4) bis 6 (7) der allgemeinbildenden Schulen

Anmerkungen

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Ziel ist es, ein Bewußtsein dafür zu schaffen, daß Armut und meist die Folge davon – Hun­ger – keine von den Betroffenen selbst verursachte Lebenssituation darstellt, sondern auf von Men­schen erzeugte Ursachen, wie z.B.: ungleiche Nutzung der natürlichen Ressour­cen, ungerechte Verteilungs- und Handelsbedingungen auf dem Weltmarkt, oft von Menschen verursachte Natur­katastrophen, zurückzuführen sind.

Es gilt, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Schlüsselqualifikationen wie Globale So­lidarität und Interkulturelles Lernen[1] in den Erziehungs- und Bildungsprozeß zu implementie­ren. Für die Jahrgänge 9 (8) bis 11 (12) wird auf weiterführende Unterrichtsvorschläge verwie­sen[2].

Zum Einstieg

  •  Nach den offiziellen Statistiken der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO* gab es 1970 rund 460 Millionen Menschen, die „wie Gespenster hungrig um­her­wan­dern“, fast die Hälfte davon sind Kinder. Von den auf der Welt in jeder Minute sterben­den fünf­zehn Menschen verhungerten fast die Hälfte. Zu diesen Hungernden mußte noch rund eine Milliarde unterernährte Menschen hinzugerechnet werden. Im Gegensatz dazu lei­den in den westlichen Industrieländern viele Menschen an Übergewicht. Die essen Diät, ab­solvieren Schlank­heitskuren und bemühen sich abzunehmen. Bei nicht wenigen bewirkt übermäßiges Essen sogar Herz- und Gefäßkrankheiten. In den reichen Ländern ist das Futter für Haustiere besser als die Ernährung von 40 Prozent der Weltbevölkerung[3]

  •  „Alle zwei Sekunden stirbt ein Kind irgendwo auf dieser Welt – vor 10 Jahren waren es mehr als 40.000 pro Tag. Alljährlich sterben knapp 15 Millionen in der Dritten Welt vor ih­rem fünfzehnten Lebensjahr, weil sie buchstäblich verhungern... Die Zahl der Hungernden und Unterernährten hat in knapp 10 Jahren rapide zugenommen: von 500 auf 780 Millionen die Hungernden, von 1,2 Milliarden auf 2 Milliarden die Unterernährten. Nicht mehr jeder Vierte wie vor 10 Jahren, sondern nunmehr 2 von 5 Menschen auf dieser Welt, 3 von 4 in „Rechnet man die in den 80er Jahren erreichten Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkom­mens bis zum Jahre 2050 hoch, so entsteht eine entmutigende Perspektive: Die reichen Län­der werden noch viel reicher werden, einige wenige Schwellenländer holen auf. Die große Mehr­heit der Entwicklungsländer aber bleibt zurück – die ärmsten Länder fallen sogar noch weiter zurück...“[4].

  •  Art. 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: (1) Jedermann hat das Recht auf ei­nen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Le­bensstandard, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Ver­sorgung und notwendiger sozialer Leistungen...[5].

2. Hunger, ein Weltproblem

Die Vereinten Nationen führen in regelmäßigen Abständen Weltkonferenzen zu den vielfältigen Fragen der menschlichen Entwicklung auf unserer Erde durch. In den 90er Jahren setzten sich zum Beispiel im Juni 1992 beim „Erdgipfel“ in Rio/Brasilien Vertreterinnen und Vertreter aus mehr als 180 Staaten mit den Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben für eine „nachhaltige Entwick­lung“ und einen Paradigmenwechsel beim wirtschaftlichen und sozialen Wachstum der Mensch­heit auseinander; bei der Weltkonferenz „Bevölkerung und Entwicklung“, im September 1994 in Kairo/Ägypten rangen Abgeordnete aus 179 Ländern um die Frage, wie das Wachstum der Welt­bevölkerung mit humanen Mitteln gebremst werden könne; beim „Weltgipfel für Soziale Ent­wick­lung“, vom 6.-12.3.1995 in Kopenhagen/Dänemark forderten 117 Regierungschefs und Ab­ge­sandte aus 189 Staaten der Erde zu einem Kurswechsel zur Überwindung der dreifachen Welt­krise – Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Desintegration – auf; bei der „Klimadebatte“, vom 28.3. – 4.4.95 in Berlin stellten die 757 Vertreterinnen und Vertreter von staatlichen und nicht­staatlichen Organisationen aus mehr als einhundert Ländern der Erde ungeduldig fest, daß sich die projektier­ten Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltsituation nicht hinreichend genug durchsetzen las­sen.

Beim „Welternährungsgipfel“, vom 13.-17.11.1996 in Rom, stellt sich die Situation für die Dele­gierten nicht allzu optimistisch dar: Bei der Welternährungskonferenz von 1974 wurden auf der Welt rund 920 Millionen Menschen als unterernährt bezeichnet. Das damalige Ziel, innerhalb ei­nes Jahrzehnts den Hunger zu besiegen, konnte nicht erreicht werden; heute gelten noch rund 840 Millionen Menschen als chronisch unterernährt. Die Ernährung der Menschen wird, ange­sichts der jährlich um rund 90 Millionen Menschen steigenden Weltbevölkerung, immer schwieri­ger. Dabei: „Drei Viertel der Unterernährten leben ausgerechnet dort, wo Reis und Hirse, Weizen und Kartoffeln eigentlich wachsen könnten – auf dem Land. Ihr Problem ist, daß sie arm sind. 1,3 Milliarden Menschen verfügen täglich über weniger als einen Dollar. Sie können sich nicht genug zu essen kaufen, geschweige denn ertragreiches Saatgut und Dünger. Oft verfügen sie nicht einmal über kleinste Parzellen und sind gezwungen, in die Städte zu flüchten“[6] Dazu kommt, daß sich weltweit die Nahrungsmittelpreise verringert haben, zugunsten derjenigen, die diese auf dem Weltmarkt und auf den lokalen Märkten kaufen können, zuungunsten der Anbauer und Erzeuger.

Nahrungsmittelpreise 1970 bis 1995 (in US-Dollar)[7]

 

1970

1995

Veränderung in %

Weizen

219

154

-29,7

Reis

504

279

-44,6

Sorghum/Hirse

207

103

-50,2

Mais

233

107

-54,1

Die Perspektiven für die Realisierung des Menschenrechts auf ausreichende Ernährung sind nicht allzu optimistisch. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Welternährungsgipfels haben sich wiederum in der sogenannten „Rom-Deklaration zur Welternährungssicherheit und in einem Welternährungs-Aktionsplan verpflichtet, das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen. Da­bei wurden die folgenden Ziele formuliert:

  • ·       Verringerung der Zahl der unterernährten Menschen, bis zum Jahr 2015 auf die Hälfte des gegenwärtigen Standes.

  • ·       Durchsetzung der Grundvoraussetzungen für die Ernährungssicherheit durch die Einführung und Bewahrung von demokratischen Staatsformen, Wahrung der Menschenrechte, transpa­rente und wirksame rechtliche Strukturen und gute Regierungsführung.

  • ·       Realisierung des Prinzips einer „nachhaltigen Landwirtschaft“, durch Ausweitung der Nah­rungsmittelerzeugung in Ländern mit Nahrungsdefiziten, Zugang der armen Bevölkerungs­gruppen zu Nahrungsmitteln und Einkommen, z.B. durch die Stärkung der Kaufkraft, effizi­enter Bodennutzung und Intensivierung von Anbaumethoden im Sinne eines ökologischen Landbaus.

  • ·       Maßnahmen zur Bevölkerungspolitik.

  • ·       Stärkung der Rechte der Frauen.

  • ·       Landreformen einzuführen, Eigentums-, Wasser- und andere Nutzerrechte anzuerkennen und zu schützen.

  • ·       Die landwirtschaftliche Produktion sollte sich stärker auf traditionelle und kulturell akzep­tierte Anbaufrüchte (Getreide, Öl, Saaten, Hülsenfrüchte, Wurzel- und Knollenfrüchte, Obst und Gemüse) konzentrieren.

  • ·       Verbesserung bei der Erhaltung und Lagerung von Nahrungsmitteln.

  • ·       Bewahrung und nachhaltige Nutzung von pflanzengenetischen Ressourcen, Förderung von Pflanzenzüchtungen und nachhaltiger Nutzung von tiergenetischen Ressourcen.

  • ·       Stärkung der nationalen und internationalen Agrarforschung.

  • ·       Veränderung der internationalen Handelsstrukturen, z.B. durch die Reduzierung der Subven­tionen bei nahrungsmittelexportierenden Ländern und von günstigen Finanzierungs- und Kreditbedingungen für die auf Nahrungsmittelimporte angewiesenen Entwicklungslän­dern.

  • ·       Nahrungsmittel dürfen nicht als Druckmittel zur Durchsetzung von politischen Zielen einge­setzt werden.

  • ·       Einrichtung von strategischen Notreserven auf lokaler und nationaler Ebene, in diesem Zu­sammenhang wurde auch die Schaffung von nationalen Frewilligencorps – „Weißhelme“ – vorgeschlagen, um Not- und Wiederaufbauhilfen zu leisten.

  • ·       Industrieländer und Entwicklungsländer werden aufgefordert, den Wirtschaftssektoren, die zur Ernährungssicherung beitragen, Priorität bei Investitionen einzuräumen. Mit den „Debt for food security swaps“ sollen den Entwicklungsländern, die Landeswährungsmittel zur Fi­nanzierung von Nahrungssicherungsprojekten und -programmen verwenden, internationale Schulden erlassen werden[8].

3. Die Geißel des Hungers

Die zwei Gesichter der Welt, in der wir leben, sind gekennzeichnet von zwei Extremen: Das eine ist die globale Vereinheitlichung der Lebensbedingungen derjenigen, die über die notwendigen Ressourcen für das politische, wirtschaftliche und kulturelle Dasein verfügen. Im positiven Sinne drückt sich dieses Gesicht aus in der Möglichkeit der Aufklärung über die vielfältigen Struktu­ren, die das Leben der Menschen überall in der Welt bestimmen, der Kenntnis von emanzipatori­schen und freiheitlichen Idealen und deren Verwirklichung; negativ, so wird die Entwicklung von vielen Kulturkritikern betrachtet, stellt sich die Situation der Globalisierung der Welt als „McDonaldisierung“[9] und „Coca-Colisierung“ dar, als Orientierung der Gesellschaften in aller Welt an den westlichen Entwicklungsmaßstäben von wirtschaftlicher Leistung, Rationalisierung, Effizienzsteigerung und Produktionskontrolle. Überfluß, Fehlernährung und ernährungsbedingte Zivilisationserkrankungen einerseits und Unterernährung, Mangelversorgung, körperliche und geistige Entwicklungsrückstände durch fehlende oder einseitige Ernährung andererseits, das ist das Dilemma.

Die beiden seit langem das (westliche) „Weltleben“ bestimmenden Charakteristika – „Sage mir, was du ißt, und ich sage dir, wer du bist“ (Anthelme Brillat-Savarin, 1826) und „Der Mensch ist, was er ißt“ (Ludwig Feuerbach, 1843) bedürfen heute einer neuen Zuordnung zu den kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen des Lebens der Menschen auf der Erde. Seit klar geworden ist, daß nicht in erster Linie die Relation von Weltbevölkerung und Nahrungsres­sourcen Grundlage für die Analyse des Welternährungsproblems sein können, sondern daß die un­gerechten Verteilungs- und Zugangsbedingungen für Nahrung Überfluß und Hunger auf der Erde bedingen, benötigen wir, auch im Bildungs- und Erziehungsprozeß eine neue Form von so­lidari­scher Verantwortung der Menschen auf der Erde für alle Menschen in der Einen Welt:

„Die gesamten Nahrungsmittelreserven der Welt würden voll und ganz ausreichen, um je­dem genug zu essen zu geben, wenn sie nur fair unter allen Ländern und sozialen Gruppen verteilt wären“[10].

Beim internationalen Kongreß „Frieden im Denken der Menschen“, der vom 26.6. bis 1.7.89 in Yamoussoukro/Elfenbeinküste/Westafrika stattfand, haben die Teilnehmerinnen und Teilneh­mer das Weltziel FRIEDEN neu definiert. Danach ist Frieden nicht mehr nur die Abwesenheit von Krieg und Konfliktsituationen, sondern eine umfassende Voraussetzung für das Zusammen­leben der Menschen auf der Erde: „Frieden verkörpert eine tiefverwurzelte Bindung an die Prin­zipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Men­schen“[11].

4. Sitzen wir in einem Boot mit den Armen der Welt?

Bundesarbeitsminister Norbert Blüm hat dies im Zusammenhang mit den Ergebnissen des „Weltgipfels für soziale Entwicklung“ in Kopenhagen (1995) behauptet und dazu aufgerufen, daß „bei uns ( ) sehr viel passieren (muß), bei uns muß sich das Bewußtsein verändern... Wir müssen erst einmal die Solidarität mit der Dritten Welt fördern, und zwar eine Solidarität, die nicht nur gespeist wird aus Mitleid und Barmherzigkeit, sondern aus einem wohlverstandenen Eigeninteres­se“[12].

Wie kann aber ein solches Bewußtsein bei uns erzeugt werden? Zum einen sicherlich da­durch, daß im Lernprozeß die vielfältigen Informationen[13] über die Bedingungen des Lebens der Menschen auf der Erde vermittelt werden, und in der Tat: Die in früheren Jahren als üblich prak­tizierten und sich leider auch heute noch in einigen Lernmaterialien vorfindbaren Zugänge über das Bild mit dem hungernden Kind aus Afrika, dem Teufelskreis und anderen Schreckenssigna­len, ha­ben eher bei den Rezipienten Abwehr verursacht und zu Reaktionen geführt, die von einer über­heblichen Selbstbestätigung der Richtigkeit der eigenen Lebensbedingungen bis hin zu in gleicher Weise blockierendem unkritischem Mitleidsverhalten geführt.

In den didaktischen Reflexionen wurde das Thema entweder (nur) dem Religionsunterricht zugeordnet, was nicht selten zur Ausklammerung einer Auseinandersetzung über politische, wirt­schaftliche und historische Bedingungen führte, oder älteren Schulstufen und sogar nur bestimm­ten Schulformen zugewiesen; zum anderen aber insbesondere durch eine tätige Beschäftigung mit den Ernährungs-(Lebens)bedingungen der Menschen auf unserer einen Erde. Wenn die Ergeb­nisse der repräsentativen Erhebungen über die Befindlichkeiten, Wünsche und Vorstellun­gen der Jugendlichen heute stimmen (Emnid-Studie „Jugend `97“), dann sind die jungen Men­schen heute durchaus „risikobereit und pflichtbewußt“, und sie haben den Wunsch, lebenslang zu lernen und sich mit den Fragen dieser Welt auseinanderzusetzen.

Es ist selten zu früh, oft aber zu spät, sich mit den globalen Situationen und Problemen im schulischen Lernen auseinanderzusetzen, das ist ein anderes Ergebnis. Im Rahmen der niedersäch­sischen Lehrerfortbildung werden im Sachgebiet „Interkulturelles Lernen“ Initiativen zur Einrich­tung und Weiterentwicklung von sogenannten Nord-Süd-Schulpartnerschaften geför­dert und be­treut. Am Beispiel von zwei ausgewählten Partnerschaften zwischen Grundschulen und Gleichalt­rigen in Kenia/Ostafrika und auf der Insel Negros/Philippinen wurde deutlich, daß globale Solidari­tät schon sehr früh initiiert werden kann und muß[14].

In diesem Lernprozeß, der bestimmt ist von der Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den ei­genen Lebensvorstellungen und -bedingungen und dem Engagement zum aktiven Handeln, fällt es nicht allzu schwer, tradierte Weltbilder infrage zu stellen und sich auf die Suche nach neuen Orientierungsmustern zu machen. Dazu lassen sich didaktisch zwei grundlegende Bil­dungsaufga­ben herausfiltern: da ist zum einen die globale Verantwortungsethik, die sich am Recht aller Men­schen auf ein humanes Leben orientiert, festgemacht am Imperativ des Philoso­phen Hans Jonas: „Handle so, daß die Wirkung deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens auf Erden“, und zum anderen die globale Empathie, nämlich das Bemühen um ein aktives Verständnis des Zustandes unserer Erde und zum aktiven Beitragen zur Verwirk­lichung der Men­schenrechte in allen Teilen der Welt: „Globale Empathie umschließt sowohl das Sich-Hinein-Den­ken als auch das Sich-Hinein-Fühlen in die Lage anderer Menschen überall auf dieser Welt“[15].

5. Unterrichtsbeispiele zur Auseinandersetzung mit der Thematik

5.1 Wie viele Menschen verkraftet die Erde?

Die Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung der Erde schwanken zwischen Schätzungen von rund 8 Milliarden Menschen im Jahr 2025 bis 28 Milliarden in 2150. Dabei stellt sich die Zu­nahme der Erdbevölkerung wie folgt dar: Anfang 1800 = 1 Milliarde Menschen; 1900 = 1,65; 1930 = 2; 1960 = 3; 1975 = 4; 1990 = 5,3; 1997 = 6 Mrd. Nach dieser Statistik würde sich erst, wenn die bisherigen Strukturen der Weltungleichheit nicht radikal verändert werden zugunsten einer gerechteren Verteilung der Güter der Erde, in rund hundert Jahren die „Bevölkerungsexplo­sion“ auf den Stand von rund 11,5 Milliarden Menschen einpendeln.

Einen Blickwechsel wagt in diesem Zusammenhang der Biologe Paul Ehrlich, indem er fest­stellt: „Ein Land ist überbevölkert, wenn es seine natürlichen Lebensgrundlagen zerstört“. Das gilt für die Entwicklungsländer genauso, etwa die Sahel-Länder, in denen die progressive Abhol­zung und Abweidung der Böden zur Desertifikation, Versteppung und Verwüstung der Land­schaft führt, wie für Industrieländer, die einen Großteil der Energievorräte verbrauchen, die na­türlichen Ressourcen verschwenden, die Landschaften mit Abfällen zuschütten und die Atmo­sphäre mit Abgasen vergiften.[16]

5.2 Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer

„Wie leben Menschen, denen es am Nötigsten fehlt, was denken sie, wovon träumen sie?“ – das fragt ein Autor in seinem Beitrag[17]; und er schildert das Leben der Familie Mboene in Um­pala/Mosambik: „... eine ganz gewöhnliche mosambikanische Familie, die in Deutschland ein Sozialfall wäre. Die Hütte, gebaut aus dürren Ästen, Lehm, Steinen und Stroh, ist windschief, zu­gug und voller Ungeziefer. Auf dem nackten Boden liegen zerschlissene Bastmatten: die gemein­same Schlafstatt. Draußen vor der Hütte die Feuerstelle, daneben ein Maismörser, zwei zerbeulte Tiegel, ein rostzerfressener Wasserkanister. Jaim Mboene hockt auf einer umgedrehten Blech­wanne: ringsum kauern die Angehörigen: Raquel António Lumbela, seine Frau, und die Kinder José, Adelaide, Sergio, Ophelia, Narciso. Silvia, die Kleinste, turnt quiekend auf ihrer Mutter herum. Sie hat rotstichiges Haar – ein untrügliches Zeichen für Mangelernährung... Raquel und Jaime stehen jeden Morgen um fünf auf. Sie geht auf den handtuchschmalen Acker, um zu säen, zu jäten oder zu ernten. Ohne die Mitarbeit der Frau könnte die Familie nicht überleben. Auf dem kärglichen Land wächst gerade genug, um die Mägen zu füllen. Jeden Tag, jahraus, jahrein, die gleiche Kost: Maisbrei mit Bohnen, Bohnen mit Maisbrei. Fleisch? Raquel lacht: „Im letzten Jahr hatten wir einmal Fleisch. Wir können uns das nicht leisten...“ Sie haben weder Stuhl noch Tisch, kein Bett, keinen Schrank. Ganz zu schweigen von fließendem Wasser, Stromanschluß oder gar einer Toilette. An Kleidern besitzen sie außer ein paar Fetzen nur das, was sie täglich am Leibe tragen. Jaime ist stolz auf sein Schuhwerk: ein paar ausgetretene Arbeitsschuhe sowie Gummistie­fel, mitgebracht aus Südafrika, wo er zwei Jahre lang in einem Bergwerk gearbeitet hat... Jaime geht in die Hütte, um seine wertvollsten Besitztümer zu holen, eine Machete und zwei Äxte. „Das Werkzeug gibt uns Essen“... und er zeigt auf zwei Dutzend krumme Stämme, die vor der Hütte trocknen. „Das ist Holz für den Hüttenbau“...*

5.3 Warum Wasa 18 Tonnen Knäckebrot als Müll verbrennt

1982 war’s, als Schüler voller Entrüstung auf eine kurze Zeitungsmeldung verwiesen: „18 Ton­nen Knäckebrot als Müll verbrannt“. In ein paar Zeilen berichtete die Tageszeitung (Hannover­sche Allgemeine Zeitung), daß ein schwedischer Knäckebrothersteller rund 72.000 Pakete Knä­ckebrot in eine Göteborger Müllverbrennungsanlage geliefert hat.

„Alle Versuche, das Brot an Hilfsorganisationen zu verschenken, blieben erfolglos“, sagte ein Unternehmenssprecher. Das Problem: Das Brot war in der Celler Wasa-Fabrik irrtümlich mit einem schwedischen statt mit einem deutschen Text versehen worden. Es wurde, da es in Deutschland nicht zu verkaufen war, nach Schweden geschickt. Weil als letztes Verbrauchsda­tum der 1. Dezember aufgestempelt war und der Umschlag im Einzelhandel bis zu neun Monate dau­ert, konnte es auch in Schweden nicht mehr abgesetzt werden...

In einem Unterrichtsprojekt setzten wir uns mit der Problematik auseinander und schrieben die Firma in Celle an. In einer wortreichen, dreiseitigen Antwort versuchte der Marketing-Sachbe­ar­beiter von Wasa Verständnis für diese Maßnahme zu erreichen: „Die Wasa GmbH in Celle und die Wasabröd AB in Schweden nehmen die moralische Seite einer Vernichtung von Lebensmit­teln angesichts des in vielen Teilen der Welt herrschenden Hungers sehr ernst“.

Sie stellten richtig:

  •  „In Celle wurde aufgrund von Bedarfsmeldungen für das schwedische Schwesterunterneh­men eine spezielle Sorte Knäckebrot gebacken, die neu auf dem skandinavischen Markt ein­geführt wurde. Dieses Knäckebrot war daher richtig und nicht irrtümlich in Banderolen mit schwedischem Aufdruck verpackt.

  • Wasa-Knäckebrot wird zum Schutz des Verbrauchers vor gelegentlich in Handelskanälen ver­altender Ware freiwillig, also ohne gesetzliche Vorschrift mit einem Endverbrauchsda­tum versehen. Das war selbstverständlich auch bei der in Celle gebackenen, in Skandinavien ein­geführten neuen Knäckebrot-Sorte der Fall. Diese verantwortungsbewußte Haltung er­schwert zwangsläufig die Bereitstellung der richtigen Warenmenge.

  • In Skandinavien verlief die Einführung der neuen Sorte langsamer als erwartet. Rechtzeitig vor Ablauf des Endverbrauchsdatums war abzusehen, daß eine größere Menge (ca. 72.000 Päckchen) nicht innerhalb dieser Frist über die normalen Handelskanäle an den Verbraucher gelangen konnte. Als Folge des beschriebenen Verantwortungsbewußtseins entschloß sich Wasabröd, diese Menge ebenfalls rechtzeitig karitativen Organisationen unentgeltlich zu überlassen.

  • Keine dieser Hilfsorganisationen, darunter außer schwedischen auch polnische Einrichtun­gen, konnte sich entschließen, das Angebot von Wasabröd anzunehmen. Die Entscheidung, diese Warenmenge daraufhin zu vernichten, ist niemandem leichtgefallen...

Ein Wort noch zum Schluß: Die Wasa GmbH in Celle wird wie die Wasabröd AB in Schwe­den eine lange und aus Überzeugung gepflegte Tradition, unaufgefordert und unöf­fentlich Hilfe zu leisten, weiterführen. In den vergangenen Jahren wurde wiederholt Brot über Hilfs­organisationen in Not befindlichen Menschen zur Verfügung gestellt...

Wir haben daraufhin verschiedene Hilfs- und karitative Organisationen angeschrieben und gebe­ten, zu dem Wasa-Brief Stellung zu nehmen.

Von terre des hommes, Deutschland e.V., Osnabrück, erhielten wir u.a. die folgende Ant­wort: „...Es dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein, daß eigentlich nirgendwo auf der Welt auch nur ein Mensch hungern müßte, weil ausreichend Nahrungsmittel produziert werden kön­nen, um die Erdbevölkerung zu ernähren... Generell – und damit komme ich zur Frage der Ver­nichtung von Lebensmitteln – läßt sich folgendes festhalten: Die Industriestaaten produzieren Lebensmittel auf Kosten der Dritten Welt, produzieren Überschüsse auf Kosten der Dritten Welt, lagern diese Überschüsse auf Kosten der Dritten Welt und vernichten sie schließlich auf Kosten der Dritten Welt... lösen läßt sich das Hungerproblem mit der Verschickung von Nahrungsmit­teln in die Dritte Welt nicht. Mit Nahrungsmitteln kann man momentane Not lindern, eine Gruppe von Menschen für kurze Zeit vor dem Verhungern bewahren – aber das hat lediglich auf­schiebende Wirkung. Ir­gendwann werden diese Menschen doch verhungern, weil sich durch diese Form der Hilfe nichts wirklich ändert... Wer jetzt wirklich etwas ändern will, gerät auf das Feld der Poli­tik... Wir müssen immer wieder mit derselben Argumentation darauf reagieren: Hunger, Elend und Unterdrückung werden produziert, sie sind keine gottgewollte Erscheinung, die sich zufällig auf die Länder der Dritten Welt konzentriert. Sie werden produziert von den Verantwortlichen aus Politik und Wirt­schaft in den reichen Ländern...“ (22.11.82).

medico international, Frankfurt/M., schreibt u.a.: „1. In einer Notsituation, wo die betrof­fene Bevölkerungsgruppe weder quantitativ (Energie) noch qualitativ (Eiweiß, Mineralstoffe, Vitamine) genügend ernährt werden kann, hat die Lieferung von Nahrungsmitteln gerade im Hinblick auf die Krankheitsvorbeugung absolute Priorität, wenn nur begrenzte Mittel zur Verfü­gung stehen. 2. Zur Bekämpfung der als Folge von Mangelernährung gehäuft auftretenden Infek­tionskrankheiten sollte in solchen Situationen eine beschränkte Zahl von ‚essentiellen‘ Medika­menten zur Verfügung ste­hen...“ (22.11.82)

Pfarrer Reinhold Hemker von der Fachstelle Entwicklungsbezogene Bildung in Schule und Un­terricht, Pädagogisches Institut, Villigst-Schwerte, führt aus: „... Hilfe zur Entwicklung darf nicht darin bestehen, überflüssige und überschüssige Produkte der Reichen (Länder) auf Umwe­gen den Armen (Ländern) zukommen zu lassen. Es geht darum, den Armen die Möglichkeit zu verschaffen, selbst das zu produzieren, was man zum Leben braucht... Ihr solltet z.B. wissen, daß Wasa das zu teure (am Nährwert gemessen) „Brot“ an die Reichen und Mächtigen in den soge­nannten Entwicklungsländern verkauft. Dadurch wird den Armen in diesen Ländern Geld vorent­halten... Vielleicht holt Ihr Euch mal einen guten Bäcker in die Schule, mit dem Ihr mal über den Nährwert unterschiedlicher Brote sprechen könnt. Ist es nicht ein Skandal, daß die vollgefresse­nen Wohlstandsbürger... das kalorienarme Knäcke-„brot“ essen müssen. Guckt Euch doch mal die schlimmen Werbungen für Diätprogramme an, wo für die Knäckies geworben wird... Der Skandal liegt in jeder Form von Überproduktion in den reichen Ländern, die auf Kosten der so­genannten Entwicklungsländer geschieht... Warum fressen die europäischen Kühe Futtermittel, die zum großen Teil aus Entwicklungsländern kommen? Diese Futtermittel werden aus Soja, Mais, Erdnüs­sen und anderen für die Menschen wertvollen Nahrungsmitteln gemacht...“ (24.11.82)

Die Deutsche Welthungerhilfe, Bonn, stellt uns die umfangreiche Korrespondenz mit der Firma zur Verfügung. Daraus ergibt sich u.a.: „Weder in Äthiopien, noch in Kenia, wo wir even­tuell das Knäckebrot zur Schaffung von Gegenwertmitteln hätten verkaufen können, noch in einem anderen afrikanischen Staat haben wir Abnehmer finden können. Auf der anderen Seite bitten wir Sie zu bedenken, daß die Frachtkosten für 5 Tonnen Mjölk-Bröd etwa 18.000.- bis 20.000.- DM (Inland und Luftfracht) ausmachen und wir noch die Verpackungs- und Frachtko­sten im Empfängerland zu tragen hätten. Wenn Sie berücksichtigen, daß ein Kilo Brot in Kenia z.B. etwa DM 1,30 kostet, könnten allein für die durch ihre Spende entstehenden Nebenkosten etwa 16 – 18 Tonnen Brot verkauft werden, das an Bedürftige verteilt werden könnte“ und „Un­sere Organi­sation hält es für sinnvoller, die Spenden nicht für die hohen Transportkosten für Knäckebrot einzusetzen, das in der Dritten Welt höchstwahrscheinlich von der Bevölkerung nicht als Nah­rungsmittel akzeptiert wird, sondern stattdessen konkrete Hilfsmaßnahmen durch­zuführen. Dazu gehören z.B. der Bau von Brunnen in Trockengebieten, der Bau von Lagerhäu­sern, die An­lage von Gemüsegärten, die Verbesserung von Anbaumethoden, die Bereitstellung von Krediten und ähnlichem Hilfe zur Selbsthilfe, d.h. auf lange Sicht die Beseitigung von Hun­ger, das ist unser Ziel... (29.11.82)

Misereor, Aachen, äußert sich u.a.: „... Die direkte, unmittelbare Nahrungsmittelhilfe ist bei Hungerkatastrophen oft die einzige Möglichkeit, den Hungertod von vielen Menschen zu verhin­dern. Sie ist positiv zu bewerten. Aber die Erfahrungen in solchen Fällen zeigen, daß häufig die organisatorischen und infrastrukturellen Voraussetzungen der Nehmerländer fehlen, um die gelie­ferten bzw. benötigten Nahrungsmittel an die Bedürftigen weiterzugeben. Nahrungsmittel­hilfen in anderen Fällen sind nur dann sinnvoll, wenn sie Element einer Strategie zur Überwin­dung der Hungersituation sind. Einfache Nahrungsmittelgeschenke sind völlig fehl am Platz. Sie haben ... durchweg negative Auswirkungen, z.B.: 1. Die Geschenke an Entwicklungsländer füh­ren zur Stei­gerung des Nahrungsmittelangebots in den Nehmerländern und bewirken, daß die Nahrungsmittel­preise sinken. Die einheimischen Landwirte erwirtschaften als Folge sinkende Erträge und produ­zieren, entmutigt durch die schlechte Ertragslage, schließlich nur noch für ih­ren Eigenbedarf. 2. Durch die Lieferung von Nahrungsmitteln, die in den betreffenden Entwick­lungsländern nicht produziert werden, können die Ernährungsgewohnheiten geändert werden (z.B. von Reis oder Hirse zu Weizen)... Als Auswirkung der Nahrungsmittelhilfe wird die Ab­hängigkeit von ausländi­schen Nahrungsmittellieferungen verfestigt. 3. Die Regierungen der Empfängerländer werden da­hingehend beeinflußt, notwendige Eigenmaßnahmen zur Verbesse­rung der Ernährungssituation hinauszuschieben. 4. Das Gefühl bzw. Bewußtsein der Abhängig­keit von „Almosen“ “ und „Geschenken“ kann negative Auswirkungen auf das Selbstbewußtsein des Empfängerlandes ha­ben...“ (2.12.82)

Das Diakonische Werk der evangelischen Kirche in Deutschland, Stuttgart, argumentiert wie folgt: „... Die meisten Länder der sogenannten Dritten Welt haben tropisches oder subtropi­sches Klima. Wenn nun keine geeigneten Lagermöglichkeiten vorhanden sind – und das Brot müßte ja zunächst einmal gelagert werden, solche Mengen müssen ja erst einmal verteilt werden, was wie­derum eine gute Logistik voraussetzt – verschimmelt Brot (generell) eben sehr schnell. Und wer wollte einem Verhungernden verschimmeltes Brot schicken! Würde man das Knäcke­brot also ver­schifft haben und zu diesem Zeitpunkt bereits das Verfallsdatum eingetreten sein, so könnte es sein, daß man für nicht mehr eßbare Ware auch noch teure Frachtkosten bezahlt hätte. Und wem wäre damit geholfen? Außerdem – und dies ist ein ganz wichtiges Argument – ist der ge­ringe Ka­lorienwert kaum eine große Hilfe für einen verhungernden Menschen. Natürlich blei­ben all diese Dinge kaum begreifbar, wenn es um die Vernichtung von Nahrungsmitteln geht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Butterberge, Tomaten, Knäckebrot oder auch wegge­worfenes Vesper­brote handelt. Vom menschlichen Standpunkt aus muß die Vernichtung von Nahrungs­mitteln un­begreifbar (nicht unverständlich) bleiben...“ (22.12.82)

Die AgV, Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher e.V., Bonn, reagiert auf unsere Anfrage u.a.: „Selbst wenn man einmal unterstellt, daß das Knäckebrot diesen Vorgang ausgehalten hätte: Um­packen, Aussortieren, gegebenenfalls in neue Packungen füllen und zu einem möglichen Abneh­mer bringen, wäre dieses in der Summe sicher teuerer als das Brot neu zu produzieren. Das Paral­lelbeispiel Äpfel für Polen ist hier interessant: Kostenlose Äpfel nach Polen zu liefern, würde praktisch das gleiche kosten wie der normale Verkauf minus des Preises für den Rohstoff Apfel. Diese Transport- und Verteilungskosten aber sind mindestens doppelt so hoch wie der normale Apfelpreis irgendwo in Europa (auch in Polen!). Außerdem hätten die verschenkten Äp­fel die Preise für die armen polnischen Apfelerzeuger natürlich nach unten gedrückt... Der Hun­ger in der Welt ist... nicht die Folge des Mangels an Nahrungsmitteln oder Nahrungsmittelroh­stoffen, son­dern ein Mangel an Kaufkraft, an Geld... Wenn also etwas unmoralisch ist, dann ist es die Res­sourcenverschwendung, d.h. die Verschwendung von Kapital, Rohstoffen und Arbeits­kraft...“ (22.12.82).

Vom Deutschen Roten Kreuz, Bonn, erhalten wir folgende Stellungnahme: „... ob überhaupt ein Angebot der Fa. Wasa an uns herangetragen wurde. Unseren Nachforschungen zufolge war dies nicht der Fall... Es hat schon in ausreichender Zahl Fälle gegeben, wo gut gemeinte Hilfsgü­ter­sendungen – von leicht verderblichen Gütern etwa – katastrophale Auswirkungen nach sich zo­gen. Wenn verdorbenes Vollmilchpulver oder geschmolzene Schokolade, zum Beispiel, eher den Gesundheitszustand der Empfänger verschlechtern als verbessern. Gerade im Bereich der Nah­rungsmittelhilfe kommt es darauf an, wertvolle und hochwertige Nahrung einerseits und den Eß­gewohnheiten der Betroffenen angepaßte Nahrung andererseits zum Versand zu bringen. Knä­ckebrotlieferungen nach einer Hungerkatastrophe in Afrika beispielsweise erscheinen wenig sinnvoll...“ (6.1.83).

Von der Polenhilfe Zandecki, Salzhausen, erfahren wir: „... Das Knäckebrot hätten wir auf alle Fälle angenommen, hätte man uns benachrichtigt. Wenn man bedenkt, daß wir im meisten Teil polnische Kinderkrankenhäuser betreuen und wie schlecht es der polnischen Wirtschaft geht, tut es nichts zur Sache, ob Knäckebrot viel oder wenig Kalorien hat...“ (12.1.83).

Arbeitsanregung

Rollenspiel: Stellt Gruppen zusammen bei denen jeweils eine Schülerin bzw. ein Schüler die Po­sition der beteiligten Firma und der verschiedenen Organisationen übernimmt. Versucht, die ein­zelnen Argumente durch zusätzliche Informationen zu bestärken. Versetzt Euch in die Rolle von Menschen, die Hunger leiden. Wie würden sie auf die Argumente reagieren?

5.4 „Armut ist Schande“

Diese Aussage ist in der Zeitschrift BISS („Bürger in sozialen Schwierigkeiten), Nr. 1/84, zu fin­den, die von einem Interessenkreis von Obdachlosen und Obdachbesitzenden in München heraus­gegeben wurde. Mittlerweile gibt es in vielen Städten Zeitungen, die von „Bürgern mit so­zialen Schwierigkeiten“ gemacht und verkauft werden. Die Charakterisierung für den Zustand der Welt – „Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer“ – gilt mittlerweile auch für unser Land. Es besteht die Gefahr, daß unsere Gesellschaft auseinanderfällt in zwei Teile, „in die Gruppe, de­nen es in der neuen ökonomischen Welt ganz gut oder sogar bessergeht, und in die Gruppe der anderen, die nicht mehr gebraucht werden“[18].

5.5 Die Geschichte von Otto und John[19]

Das ist die Geschichte von zwei Obdachlosen in zwei der reichsten Länder der Erde. Sie kennen sich nicht; ihre Lebensbedingungen sind ähnlich. Otto, 46 Jahre alt, über sich selbst: „Ich bin Al­koholiker, lungenkrank“. Er lebt auf der Straße in Hamburg. Zum Übernachten kommt er ins „Pik As“, der „Übernachtungsstätte für obdachlose Männer“. Er hat mehrere Entziehungskuren hinter sich. Sie haben nichts gebracht. Nach wenigen Tagen ist er wieder bei seinem Quantum: Drei Fla­schen Korn am Tag oder ein paar Flaschen mehr „Pennerwein“, billigsten Fusel. In Großvaters Kneipe kippte er bereits als Sechsjähriger die Reste hinter der Theke: „Die Erwach­senen fanden das immer furchtbar lustig“; Sonderschule, Kellner, arbeitslos, Prügeleien, Körper­verletzung, Diebstahl, Gefängnis..., das ist seine „Karriere“. In Hamburg, 1,7 Millionen Einwoh­ner mit einem Pro-Kopf-Einkommen von durchschnittlich 53.000.- DM jährlich, leben zwischen 6000 bis 8000 Obdachlose. Ihre Zahl nimmt zu. Ottos Bleibe im „Pik As“ hat 262 Betten; 54 So­zialarbeiter kümmern sich um die Insassen: „Mit zehn Mann biste hier auf der Bude, es stinkt, einer hat immer Läuse, manche spritzen, manche kotzen, machen ins Bett, und waschen tut sich sowieso keiner – die Duschen sind ja auch im Keller“. Von der Sozialhilfe bekommt er 150.- DM Taschengeld, die er in drei Tagen „versprittet“ hat. Danach sammelt er Flaschen und Dosen, bettelt und schlägt sich irgendwie durch: „Ich bin nun mal ein Berber, einer der es nie lange ir­gendwo aushält. Obwohl, hier komm’ ich wohl nicht mehr raus“.

John lebt in Boston/Massachusets, in den USA. Die Stadt hat 570.000 Einwohner. Das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung beträgt 39.000.- DM jährlich; zwischen 4.500 und 5.000 Ob­dachlose leben in der Stadt. John sagt von sich selbst, er sei ein „free bird“, ein „Berber“ wie Otto. Er lebt im „Pine Street In“, dem größten Obdachlosenheim in Boston, mit 850 Betten. Das Haus, das mit öffentlichen Geldern und Spenden betrieben wird, wird von einer Organisation mit 300 Mitarbeitern betreut. Ab 4 Uhr nachmittags werden die „Gäste“ eingelassen, nachdem sie mit elektronischen Geräten nach Messern, Waffen und Spritzen durchsucht worden sind. Auch John, 38 Jahre alt, aber mit seinem wilden Bart und dem zerfurchten Gesicht wie 70 aussehend, ist Al­koholiker. Eine halbe Gallone Wodka, 3 Flaschen, braucht er täglich. Mit zwölf Jahren lief er von zu Hause weg, mit dreizehn begann er zu trinken: „Die Abhängigkeit in der Schule und von den Eltern, das paßte mir nicht“. Jahrelang trampte er durch ganz Amerika, jobbte mal als Zirkusarbei­ter, mal im Zoo, trat in einigen Filmen in Hollywood auf: „Es gibt nicht viel, was ich nicht gemacht habe in meinem Leben“. Wenn er am Tag im Einkaufswagen Dosen sammelt, die er für fünf Cent das Stück verkauft und so den Schnaps finanziert, dann machen die Leute einen Bogen um ihn.

Auch für ihn wird das „Pine Street In“ die Endstation sein, wie für Otto das „Pik As“.

 Arbeitsanweisung:

Informiert Euch über die Obdachlosensituation in Euerer Stadt oder Eurem Ort, z.B. beim Sozi­alamt oder in Obdachlosenunterkünften. Diskutiert die Lebensschicksale von Otto und John und stellt fest, weshalb sie so verlaufen sind. Was haben die beiden Personen, ob­wohl sie sich nicht kennen, gemeinsam?

5.6 TransFair: ein starkes Bündnis

Die Initiative, die von 33 Organisationen aus den Bereichen Entwicklungspolitik, Kirche, Sozial­ar­beit, Verbraucherschutz, Bildung und Umwelt gegründet wurde, setzt sich zum Ziel, zum Fai­ren Han­del beizutragen. TransFair verkauft in alternativen Läden, mittlerweile aber auch in Super­märk­ten und Lebensmittelgeschäften Kaffee, Tee, Kakao, Bananen, Honig... mit dem Ziel, den Er­zeugern der Produkte in den Ländern der sogenannten Dritten Welt einen gerechten Preis zu be­zah­len.

Arbeitsanweisung:

Informiert Euch über die Ziele von TransFair (Remigiusstr. 21, 50937 Köln), BanaFair und ande­ren alternativen Einrichtungen, wie z.B. Dritte-Welt (Eine-Welt) Läden, über deren Geschäftsbe­dingungen, Vertriebswege und Bilanzen. Könntet Ihr Euch vorstellen, daß diese Aktivitäten Vor­bild für einen gerechteren Welthandel sein könnten?

Jos Schnurer, Dipl.-Päd., Immelmannstr. 40., 31137 Hildesheim, Tel.: 05121-59124,  (19. 1.1997)

Anmerkungen

[1]      Jos Schnurer, Interkulturelles Verstehen. Lernen für das Leben in der „Einen Welt“, in: W.Münzinger/W.Klafki (Hg.), Schlüsselprobleme im Unterricht. Thematische Dimensionen einer zukunftsorientierten Allgemeinbildung, Die Deutsche Schule, 3.Beiheft 1995, S.60-74

[2]      Jos Schnurer, „Die einen essen sich zu Tode, die anderen hungern sich in den Tod!“, in: Geographie und Schule, 97/Okt.1996 (Teil 1), S. 41-44 und 98/Dez.1996 (Teil 2), S. 36-40, sowie: ders., „Geld wächst auf Bäumen“ - vom Paläogeld zur globalen Verschuldungsproblematik - oder Wege aus der Verschuldungskrise, in: RAAbits Geo­graphie, Dez.1996, S 1 - S 18

*      Food and Agricultural Organization, Via Delle Terme di Caracalla, I-00100 Rome/Italien, oder: Bundesministe­rium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BML), Rochusstr.1, 53123 Bonn

[3]      Bayerische Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit, Welternährungslage. Textheft zur Wandzeitung, 8/1977, München, 48 S.

[4]      Stiftung Entwicklung und Frieden, Globale Trends. Daten zur Weltentwicklung 1991, Bonn/Düsseldorf 1991, S.70

[5]      Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte - Internationale Dokumente, 4.Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948, Bonn 1981, S.53

[6]      Fritz Vorholz, Hehre Worte, leere Mägen, in: DIE ZEIT, Nr.46 vom 8.11.1996, S.26

[7]      Armartya K. Sen, Es gibt genug Nahrungsmittel - aber zu wenige haben Zugang dazu, in: E+Z Jg.37.1996:10, S.266

[8]      Michael Bohnet, Der Welternährungsgipfel, in: E+Z Jg.38.1997:1, S. 4-5

[9]      George Ritzer, Die McDonaldisierung der Gesellschaft, S.Fischer-Verlag, 1996, 336 S.

[10]    Paul Harrison, Hunger und Armut, aktuell rororo 4826, Reinbek b.Hamburg 1984, S.219

[11]    Deutsche UNESCO-Kommission, Internationale Verständigung, Menschenrechte und Frieden als Bildungsziel, Bonn 1992, S.39

[12]    „Wir haben vieles nicht kapiert“, in: DIE ZEIT, Nr.12 vom 17.3.1995, S.36

[13]    z.B. mit den Materialien: Deutsche Welthungerhilfe, Was ist eigentlich Hunger?. Daten, Fakten, Hintergründe, Adenauer Allee 134, 53113 Bonn, 1996, 24 S.; unicef, Kinderarbeit 1997. Zur Situation der Kinder in der Welt, Fischer-Tb 13481, Frankfurt/M. 1996, 187 S.

[14]    NLI, Heft 5: Schulpartnerschaften zwischen Grundschulen und Bildungseinrichtungen in der Dritten Welt, Hil­desheim, April 1996, 47 S.; in den anderen Heften 1-4 und 6 (1993-96) werden Partnerschaftsinitiativen aus den anderen Schulformen dokumentiert

[15]    SEF, Globale Trends, a.a.o., S.49

[16]    Helga Keßler, Mentekel mit Milliarden, in: DIE ZEIT, Nr.17 vom 22.4.1994, S.17f

[17]    Bartholomäus Grill, Weder Stuhl noch Tisch, in: DIE ZEIT, Nr.11 vom 10.3.95

*      Quellen: unicef, Kinder der Welt. - Wege aus der Armut, 1/95, Köln;  Christian Wernicke, Die Dritte Welt droht überall, in: DIE ZEIT, Nr.7 vom 10.2.1995, S.6

[18]    Warnfried Dettling, Mehr als Geben und Nehmen, in: DIE ZEIT, Nr.1 vom 27.12.1996, S.1. [Statistisch betrach­tet, stellt sich die Situation in Deutschland dar, wie es jeweils in aktuellen Datenzusammenstellungen interpretiert werden kann, z.B. im Fischer Weltalmanach 1997, S. 191-210. Anm. d. Hg.]

[19]    Erika Martens, Otto und John, in: DIE ZEIT, Nr.17 vom 22.4.1994, S. 28f

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2/1997
Politisches Denken – Politisch Handeln. Hannover,
Hannover, 1988. A 5, 134 S., geheftet.
[ISBN 3-9804023-5-5] - Printausgabe vergriffen.

Internetausgabe: 24.10.02  - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004  / 07.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

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