Ziel ist es, ein
Bewußtsein dafür zu schaffen, daß Armut und meist die Folge davon –
Hunger – keine von den Betroffenen selbst verursachte Lebenssituation
darstellt, sondern auf von Menschen erzeugte Ursachen, wie z.B.:
ungleiche Nutzung der natürlichen Ressourcen, ungerechte Verteilungs-
und Handelsbedingungen auf dem Weltmarkt, oft von Menschen verursachte
Naturkatastrophen, zurückzuführen sind.
Es gilt,
gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Schlüsselqualifikationen wie
Globale Solidarität und Interkulturelles Lernen
in den Erziehungs- und Bildungsprozeß zu implementieren. Für die
Jahrgänge 9 (8) bis 11 (12) wird auf weiterführende
Unterrichtsvorschläge verwiesen.
-
Nach
den offiziellen Statistiken der Welternährungsorganisation der
Vereinten Nationen FAO
gab es 1970 rund 460 Millionen Menschen, die „wie Gespenster
hungrig
umherwandern“, fast die Hälfte davon sind Kinder. Von den auf der
Welt in jeder Minute sterbenden fünfzehn Menschen verhungerten
fast die Hälfte. Zu diesen Hungernden mußte noch rund eine Milliarde
unterernährte Menschen hinzugerechnet werden. Im Gegensatz dazu
leiden in den westlichen Industrieländern viele Menschen an
Übergewicht. Die essen Diät, absolvieren Schlankheitskuren und
bemühen sich abzunehmen. Bei nicht wenigen bewirkt übermäßiges Essen
sogar Herz- und Gefäßkrankheiten. In den reichen Ländern ist das
Futter für Haustiere besser als die Ernährung von 40 Prozent der
Weltbevölkerung
-
„Alle
zwei Sekunden stirbt ein Kind irgendwo auf dieser Welt – vor 10
Jahren waren es mehr als 40.000 pro Tag. Alljährlich sterben knapp
15 Millionen in der Dritten Welt vor ihrem fünfzehnten Lebensjahr,
weil sie buchstäblich verhungern... Die Zahl der Hungernden und
Unterernährten hat in knapp 10 Jahren rapide zugenommen: von 500 auf
780 Millionen die Hungernden, von 1,2 Milliarden auf 2 Milliarden
die Unterernährten. Nicht mehr jeder Vierte wie vor 10 Jahren,
sondern nunmehr 2 von 5 Menschen auf dieser Welt, 3 von 4 in
„Rechnet man die in den 80er Jahren erreichten Wachstumsraten des
Pro-Kopf-Einkommens bis zum Jahre 2050 hoch, so entsteht eine
entmutigende Perspektive: Die reichen Länder werden noch viel
reicher werden, einige wenige Schwellenländer holen auf. Die große
Mehrheit der Entwicklungsländer aber bleibt zurück – die ärmsten
Länder fallen sogar noch weiter zurück...“.
-
Art.
25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: (1) Jedermann hat
das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich
und seiner Familie angemessenen Lebensstandard, einschließlich
ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung
und notwendiger sozialer Leistungen....
Die Vereinten Nationen
führen in regelmäßigen Abständen Weltkonferenzen zu den vielfältigen
Fragen der menschlichen Entwicklung auf unserer Erde durch. In den 90er
Jahren setzten sich zum Beispiel im Juni 1992 beim „Erdgipfel“ in
Rio/Brasilien Vertreterinnen und Vertreter aus mehr als 180 Staaten mit
den Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben für eine „nachhaltige Entwicklung“
und einen Paradigmenwechsel beim wirtschaftlichen und sozialen Wachstum
der Menschheit auseinander; bei der Weltkonferenz „Bevölkerung und
Entwicklung“, im September 1994 in Kairo/Ägypten rangen Abgeordnete aus
179 Ländern um die Frage, wie das Wachstum der Weltbevölkerung mit
humanen Mitteln gebremst werden könne; beim „Weltgipfel für Soziale
Entwicklung“, vom 6.-12.3.1995 in Kopenhagen/Dänemark forderten 117
Regierungschefs und Abgesandte aus 189 Staaten der Erde zu einem
Kurswechsel zur Überwindung der dreifachen Weltkrise – Armut,
Arbeitslosigkeit und soziale Desintegration – auf; bei der
„Klimadebatte“, vom 28.3. – 4.4.95 in Berlin stellten die 757
Vertreterinnen und Vertreter von staatlichen und nichtstaatlichen
Organisationen aus mehr als einhundert Ländern der Erde ungeduldig fest,
daß sich die projektierten Maßnahmen zur Verbesserung der
Umweltsituation nicht hinreichend genug durchsetzen lassen.
Beim
„Welternährungsgipfel“, vom 13.-17.11.1996 in Rom, stellt sich die
Situation für die Delegierten nicht allzu optimistisch dar: Bei der
Welternährungskonferenz von 1974 wurden auf der Welt rund 920 Millionen
Menschen als unterernährt bezeichnet. Das damalige Ziel, innerhalb
eines Jahrzehnts den Hunger zu besiegen, konnte nicht erreicht werden;
heute gelten noch rund 840 Millionen Menschen als chronisch
unterernährt. Die Ernährung der Menschen wird, angesichts der jährlich
um rund 90 Millionen Menschen steigenden Weltbevölkerung, immer
schwieriger. Dabei: „Drei Viertel der Unterernährten leben ausgerechnet
dort, wo Reis und Hirse, Weizen und Kartoffeln eigentlich wachsen
könnten – auf dem Land. Ihr Problem ist, daß sie arm sind. 1,3
Milliarden Menschen verfügen täglich über weniger als einen Dollar. Sie
können sich nicht genug zu essen kaufen, geschweige denn ertragreiches
Saatgut und Dünger. Oft verfügen sie nicht einmal über kleinste
Parzellen und sind gezwungen, in die Städte zu flüchten“
Dazu kommt, daß sich weltweit die Nahrungsmittelpreise verringert haben,
zugunsten derjenigen, die diese auf dem Weltmarkt und auf den lokalen
Märkten kaufen können, zuungunsten der Anbauer und Erzeuger.
Nahrungsmittelpreise 1970 bis 1995 (in
US-Dollar)
|
|
1970 |
1995 |
Veränderung in % |
|
Weizen |
219 |
154 |
-29,7 |
|
Reis |
504 |
279 |
-44,6 |
|
Sorghum/Hirse |
207 |
103 |
-50,2 |
|
Mais |
233 |
107 |
-54,1 |
Die Perspektiven für die Realisierung des
Menschenrechts auf ausreichende Ernährung sind nicht allzu optimistisch.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Welternährungsgipfels haben sich
wiederum in der sogenannten „Rom-Deklaration zur
Welternährungssicherheit und in einem Welternährungs-Aktionsplan
verpflichtet, das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen. Dabei
wurden die folgenden Ziele formuliert:
-
· Verringerung
der Zahl der unterernährten Menschen, bis zum Jahr 2015 auf die Hälfte
des gegenwärtigen Standes.
-
· Durchsetzung
der Grundvoraussetzungen für die Ernährungssicherheit durch die
Einführung und Bewahrung von demokratischen Staatsformen, Wahrung der
Menschenrechte, transparente und wirksame rechtliche Strukturen und
gute Regierungsführung.
-
· Realisierung
des Prinzips einer „nachhaltigen Landwirtschaft“, durch Ausweitung der
Nahrungsmittelerzeugung in Ländern mit Nahrungsdefiziten, Zugang der
armen Bevölkerungsgruppen zu Nahrungsmitteln und Einkommen, z.B.
durch die Stärkung der Kaufkraft, effizienter Bodennutzung und
Intensivierung von Anbaumethoden im Sinne eines ökologischen Landbaus.
-
· Maßnahmen
zur Bevölkerungspolitik.
-
· Stärkung
der Rechte der Frauen.
-
· Landreformen
einzuführen, Eigentums-, Wasser- und andere Nutzerrechte anzuerkennen
und zu schützen.
-
· Die
landwirtschaftliche Produktion sollte sich stärker auf traditionelle
und kulturell akzeptierte Anbaufrüchte (Getreide, Öl, Saaten,
Hülsenfrüchte, Wurzel- und Knollenfrüchte, Obst und Gemüse)
konzentrieren.
-
· Verbesserung
bei der Erhaltung und Lagerung von Nahrungsmitteln.
-
· Bewahrung
und nachhaltige Nutzung von pflanzengenetischen Ressourcen, Förderung
von Pflanzenzüchtungen und nachhaltiger Nutzung von tiergenetischen
Ressourcen.
-
· Stärkung
der nationalen und internationalen Agrarforschung.
-
· Veränderung
der internationalen Handelsstrukturen, z.B. durch die Reduzierung der
Subventionen bei nahrungsmittelexportierenden Ländern und von
günstigen Finanzierungs- und Kreditbedingungen für die auf
Nahrungsmittelimporte angewiesenen Entwicklungsländern.
-
· Nahrungsmittel
dürfen nicht als Druckmittel zur Durchsetzung von politischen Zielen
eingesetzt werden.
-
· Einrichtung
von strategischen Notreserven auf lokaler und nationaler Ebene, in
diesem Zusammenhang wurde auch die Schaffung von nationalen
Frewilligencorps – „Weißhelme“ – vorgeschlagen, um Not- und
Wiederaufbauhilfen zu leisten.
-
· Industrieländer
und Entwicklungsländer werden aufgefordert, den Wirtschaftssektoren,
die zur Ernährungssicherung beitragen, Priorität bei Investitionen
einzuräumen. Mit den „Debt for food security swaps“ sollen den
Entwicklungsländern, die Landeswährungsmittel zur Finanzierung von
Nahrungssicherungsprojekten und -programmen verwenden, internationale
Schulden erlassen werden.
Die zwei Gesichter der
Welt, in der wir leben, sind gekennzeichnet von zwei Extremen: Das eine
ist die globale Vereinheitlichung der Lebensbedingungen derjenigen, die
über die notwendigen Ressourcen für das politische, wirtschaftliche und
kulturelle Dasein verfügen. Im positiven Sinne drückt sich dieses
Gesicht aus in der Möglichkeit der Aufklärung über die vielfältigen
Strukturen, die das Leben der Menschen überall in der Welt bestimmen,
der Kenntnis von emanzipatorischen und freiheitlichen Idealen und deren
Verwirklichung; negativ, so wird die Entwicklung von vielen
Kulturkritikern betrachtet, stellt sich die Situation der Globalisierung
der Welt als „McDonaldisierung“
und „Coca-Colisierung“ dar, als Orientierung der Gesellschaften in aller
Welt an den westlichen Entwicklungsmaßstäben von wirtschaftlicher
Leistung, Rationalisierung, Effizienzsteigerung und
Produktionskontrolle. Überfluß, Fehlernährung und ernährungsbedingte
Zivilisationserkrankungen einerseits und Unterernährung,
Mangelversorgung, körperliche und geistige Entwicklungsrückstände durch
fehlende oder einseitige Ernährung andererseits, das ist das Dilemma.
Die beiden seit
langem das (westliche) „Weltleben“ bestimmenden Charakteristika – „Sage
mir, was du ißt, und ich sage dir, wer du bist“ (Anthelme
Brillat-Savarin,
1826) und „Der Mensch ist, was er ißt“ (Ludwig
Feuerbach, 1843) bedürfen
heute einer neuen Zuordnung zu den kulturellen und gesellschaftlichen
Bedingungen des Lebens der Menschen auf der Erde. Seit klar geworden
ist, daß nicht in erster Linie die Relation von Weltbevölkerung und
Nahrungsressourcen Grundlage für die Analyse des Welternährungsproblems
sein können, sondern daß die ungerechten Verteilungs- und
Zugangsbedingungen für Nahrung Überfluß und Hunger auf der Erde
bedingen, benötigen wir, auch im Bildungs- und Erziehungsprozeß eine
neue Form von solidarischer Verantwortung der Menschen auf der Erde
für alle Menschen in der Einen Welt:
„Die gesamten
Nahrungsmittelreserven der Welt würden voll und ganz ausreichen, um
jedem genug zu essen zu geben, wenn sie nur fair unter allen Ländern
und sozialen Gruppen verteilt wären“.
Beim internationalen
Kongreß „Frieden im Denken der Menschen“, der vom 26.6. bis
1.7.89 in Yamoussoukro/Elfenbeinküste/Westafrika stattfand, haben
die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Weltziel FRIEDEN neu definiert.
Danach ist Frieden nicht mehr nur die Abwesenheit von Krieg und
Konfliktsituationen, sondern eine umfassende Voraussetzung für das
Zusammenleben der Menschen auf der Erde: „Frieden verkörpert eine
tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der
Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen
Menschen“.
Bundesarbeitsminister
Norbert Blüm hat dies im
Zusammenhang mit den Ergebnissen des „Weltgipfels für soziale
Entwicklung“ in Kopenhagen (1995) behauptet und dazu aufgerufen, daß
„bei uns ( ) sehr viel passieren (muß), bei uns muß sich das Bewußtsein
verändern... Wir müssen erst einmal die Solidarität mit der Dritten Welt
fördern, und zwar eine Solidarität, die nicht nur gespeist wird aus
Mitleid und Barmherzigkeit, sondern aus einem wohlverstandenen
Eigeninteresse“.
Wie kann aber ein
solches Bewußtsein bei uns erzeugt werden? Zum einen sicherlich
dadurch, daß im Lernprozeß die vielfältigen Informationen
über die Bedingungen des Lebens der Menschen auf der Erde vermittelt
werden, und in der Tat: Die in früheren Jahren als üblich praktizierten
und sich leider auch heute noch in einigen Lernmaterialien vorfindbaren
Zugänge über das Bild mit dem hungernden Kind aus Afrika, dem
Teufelskreis und anderen Schreckenssignalen, haben eher bei den
Rezipienten Abwehr verursacht und zu Reaktionen geführt, die von einer
überheblichen Selbstbestätigung der Richtigkeit der eigenen
Lebensbedingungen bis hin zu in gleicher Weise blockierendem
unkritischem Mitleidsverhalten geführt.
In den didaktischen
Reflexionen wurde das Thema entweder (nur) dem Religionsunterricht
zugeordnet, was nicht selten zur Ausklammerung einer Auseinandersetzung
über politische, wirtschaftliche und historische Bedingungen führte,
oder älteren Schulstufen und sogar nur bestimmten Schulformen
zugewiesen; zum anderen aber insbesondere durch eine tätige
Beschäftigung mit den Ernährungs-(Lebens)bedingungen der Menschen auf
unserer einen Erde. Wenn die Ergebnisse der repräsentativen Erhebungen
über die Befindlichkeiten, Wünsche und Vorstellungen der Jugendlichen
heute stimmen (Emnid-Studie „Jugend `97“), dann sind die jungen
Menschen heute durchaus „risikobereit und pflichtbewußt“, und sie haben
den Wunsch, lebenslang zu lernen und sich mit den Fragen dieser Welt
auseinanderzusetzen.
Es ist selten zu
früh, oft aber zu spät, sich mit den globalen Situationen und Problemen
im schulischen Lernen auseinanderzusetzen, das ist ein anderes Ergebnis.
Im Rahmen der niedersächsischen Lehrerfortbildung werden im Sachgebiet
„Interkulturelles Lernen“ Initiativen zur Einrichtung und
Weiterentwicklung von sogenannten Nord-Süd-Schulpartnerschaften
gefördert und betreut. Am Beispiel von zwei ausgewählten
Partnerschaften zwischen Grundschulen und Gleichaltrigen in
Kenia/Ostafrika und auf der Insel Negros/Philippinen wurde deutlich, daß
globale Solidarität schon sehr früh initiiert werden kann und muß.
In diesem
Lernprozeß, der bestimmt ist von der Bereitschaft zur Auseinandersetzung
mit den eigenen Lebensvorstellungen und -bedingungen und dem Engagement
zum aktiven Handeln, fällt es nicht allzu schwer, tradierte Weltbilder
infrage zu stellen und sich auf die Suche nach neuen
Orientierungsmustern zu machen. Dazu lassen sich didaktisch zwei
grundlegende Bildungsaufgaben herausfiltern: da ist zum einen die
globale Verantwortungsethik, die sich am Recht aller Menschen auf ein
humanes Leben orientiert, festgemacht am Imperativ des Philosophen Hans
Jonas: „Handle so, daß die
Wirkung deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz
menschlichen Lebens auf Erden“, und zum anderen die globale Empathie,
nämlich das Bemühen um ein aktives Verständnis des Zustandes unserer
Erde und zum aktiven Beitragen zur Verwirklichung der Menschenrechte
in allen Teilen der Welt: „Globale Empathie umschließt sowohl das
Sich-Hinein-Denken als auch das Sich-Hinein-Fühlen in die Lage anderer
Menschen überall auf dieser Welt“.
Die Prognosen zur
Bevölkerungsentwicklung der Erde schwanken zwischen Schätzungen von rund
8 Milliarden Menschen im Jahr 2025 bis 28 Milliarden in 2150. Dabei
stellt sich die Zunahme der Erdbevölkerung wie folgt dar: Anfang 1800 =
1 Milliarde Menschen; 1900 = 1,65; 1930 = 2; 1960 = 3; 1975 = 4; 1990 =
5,3; 1997 = 6 Mrd. Nach dieser Statistik würde sich erst, wenn die
bisherigen Strukturen der Weltungleichheit nicht radikal verändert
werden zugunsten einer gerechteren Verteilung der Güter der Erde, in
rund hundert Jahren die „Bevölkerungsexplosion“ auf den Stand von rund
11,5 Milliarden Menschen einpendeln.
Einen
Blickwechsel wagt in diesem Zusammenhang der Biologe Paul Ehrlich, indem
er feststellt: „Ein Land ist überbevölkert, wenn es seine natürlichen
Lebensgrundlagen zerstört“. Das gilt für die Entwicklungsländer genauso,
etwa die Sahel-Länder, in denen die progressive Abholzung und Abweidung
der Böden zur Desertifikation, Versteppung und Verwüstung der
Landschaft führt, wie für Industrieländer, die einen Großteil der
Energievorräte verbrauchen, die natürlichen Ressourcen verschwenden,
die Landschaften mit Abfällen zuschütten und die Atmosphäre mit Abgasen
vergiften.
„Wie leben Menschen,
denen es am Nötigsten fehlt, was denken sie, wovon träumen sie?“ – das
fragt ein Autor in seinem Beitrag;
und er schildert das Leben der Familie Mboene in Umpala/Mosambik:
„... eine ganz gewöhnliche mosambikanische Familie, die in Deutschland
ein Sozialfall wäre. Die Hütte, gebaut aus dürren Ästen, Lehm, Steinen
und Stroh, ist windschief, zugug und voller Ungeziefer. Auf dem nackten
Boden liegen zerschlissene Bastmatten: die gemeinsame Schlafstatt.
Draußen vor der Hütte die Feuerstelle, daneben ein Maismörser, zwei
zerbeulte Tiegel, ein rostzerfressener Wasserkanister. Jaim Mboene hockt
auf einer umgedrehten Blechwanne: ringsum kauern die Angehörigen:
Raquel António Lumbela, seine Frau, und die Kinder José, Adelaide,
Sergio, Ophelia, Narciso. Silvia, die Kleinste, turnt quiekend auf ihrer
Mutter herum. Sie hat rotstichiges Haar – ein untrügliches Zeichen für
Mangelernährung... Raquel und Jaime stehen jeden Morgen um fünf auf. Sie
geht auf den handtuchschmalen Acker, um zu säen, zu jäten oder zu
ernten. Ohne die Mitarbeit der Frau könnte die Familie nicht überleben.
Auf dem kärglichen Land wächst gerade genug, um die Mägen zu füllen.
Jeden Tag, jahraus, jahrein, die gleiche Kost: Maisbrei mit Bohnen,
Bohnen mit Maisbrei. Fleisch? Raquel lacht: „Im letzten Jahr hatten wir
einmal Fleisch. Wir können uns das nicht leisten...“ Sie haben weder
Stuhl noch Tisch, kein Bett, keinen Schrank. Ganz zu schweigen von
fließendem Wasser, Stromanschluß oder gar einer Toilette. An Kleidern
besitzen sie außer ein paar Fetzen nur das, was sie täglich am Leibe
tragen. Jaime ist stolz auf sein Schuhwerk: ein paar ausgetretene
Arbeitsschuhe sowie Gummistiefel, mitgebracht aus Südafrika, wo er zwei
Jahre lang in einem Bergwerk gearbeitet hat... Jaime geht in die Hütte,
um seine wertvollsten Besitztümer zu holen, eine Machete und zwei Äxte.
„Das Werkzeug gibt uns Essen“... und er zeigt auf zwei Dutzend krumme
Stämme, die vor der Hütte trocknen. „Das ist Holz für den Hüttenbau“...
1982 war’s, als Schüler
voller Entrüstung auf eine kurze Zeitungsmeldung verwiesen: „18
Tonnen Knäckebrot als Müll verbrannt“. In ein paar Zeilen
berichtete die Tageszeitung (Hannoversche Allgemeine Zeitung), daß ein
schwedischer Knäckebrothersteller rund 72.000 Pakete Knäckebrot in eine
Göteborger Müllverbrennungsanlage geliefert hat.
„Alle Versuche, das
Brot an Hilfsorganisationen zu verschenken, blieben erfolglos“, sagte
ein Unternehmenssprecher. Das Problem: Das Brot war in der Celler
Wasa-Fabrik irrtümlich mit einem schwedischen statt mit einem deutschen
Text versehen worden. Es wurde, da es in Deutschland nicht zu verkaufen
war, nach Schweden geschickt. Weil als letztes Verbrauchsdatum der 1.
Dezember aufgestempelt war und der Umschlag im Einzelhandel bis zu neun
Monate dauert, konnte es auch in Schweden nicht mehr abgesetzt
werden...
In einem
Unterrichtsprojekt setzten wir uns mit der Problematik auseinander und
schrieben die Firma in Celle an. In einer wortreichen, dreiseitigen
Antwort versuchte der Marketing-Sachbearbeiter von Wasa Verständnis
für diese Maßnahme zu erreichen: „Die Wasa GmbH in Celle und die
Wasabröd AB in Schweden nehmen die moralische Seite einer Vernichtung
von Lebensmitteln angesichts des in vielen Teilen der Welt herrschenden
Hungers sehr ernst“.
Sie stellten
richtig:
-
„In Celle
wurde aufgrund von Bedarfsmeldungen für das schwedische
Schwesterunternehmen eine spezielle Sorte Knäckebrot gebacken, die
neu auf dem skandinavischen Markt eingeführt wurde. Dieses Knäckebrot
war daher richtig und nicht irrtümlich in Banderolen mit schwedischem
Aufdruck verpackt.
-
Wasa-Knäckebrot
wird zum Schutz des Verbrauchers vor gelegentlich in Handelskanälen
veraltender Ware freiwillig, also ohne gesetzliche Vorschrift mit
einem Endverbrauchsdatum versehen. Das war selbstverständlich auch
bei der in Celle gebackenen, in Skandinavien eingeführten neuen
Knäckebrot-Sorte der Fall. Diese verantwortungsbewußte Haltung
erschwert zwangsläufig die Bereitstellung der richtigen Warenmenge.
-
In Skandinavien
verlief die Einführung der neuen Sorte langsamer als erwartet.
Rechtzeitig vor Ablauf des Endverbrauchsdatums war abzusehen, daß eine
größere Menge (ca. 72.000 Päckchen) nicht innerhalb dieser Frist über
die normalen Handelskanäle an den Verbraucher gelangen konnte. Als
Folge des beschriebenen Verantwortungsbewußtseins entschloß sich
Wasabröd, diese Menge ebenfalls rechtzeitig karitativen Organisationen
unentgeltlich zu überlassen.
-
Keine dieser
Hilfsorganisationen, darunter außer schwedischen auch polnische
Einrichtungen, konnte sich entschließen, das Angebot von Wasabröd
anzunehmen. Die Entscheidung, diese Warenmenge daraufhin zu
vernichten, ist niemandem leichtgefallen...
Ein Wort noch
zum Schluß: Die Wasa GmbH in Celle wird wie die Wasabröd AB in Schweden
eine lange und aus Überzeugung gepflegte Tradition, unaufgefordert und
unöffentlich Hilfe zu leisten, weiterführen. In den vergangenen Jahren
wurde wiederholt Brot über Hilfsorganisationen in Not befindlichen
Menschen zur Verfügung gestellt...
Wir haben daraufhin
verschiedene Hilfs- und karitative Organisationen angeschrieben und
gebeten, zu dem Wasa-Brief Stellung zu nehmen.
Von terre des hommes,
Deutschland e.V., Osnabrück, erhielten wir u.a. die folgende Antwort:
„...Es dürfte mittlerweile allgemein bekannt sein, daß eigentlich
nirgendwo auf der Welt auch nur ein Mensch hungern müßte, weil
ausreichend Nahrungsmittel produziert werden können, um die
Erdbevölkerung zu ernähren... Generell – und damit komme ich zur Frage
der Vernichtung von Lebensmitteln – läßt sich folgendes festhalten: Die
Industriestaaten produzieren Lebensmittel auf Kosten der Dritten Welt,
produzieren Überschüsse auf Kosten der Dritten Welt, lagern diese
Überschüsse auf Kosten der Dritten Welt und vernichten sie schließlich
auf Kosten der Dritten Welt... lösen läßt sich das Hungerproblem mit der
Verschickung von Nahrungsmitteln in die Dritte Welt nicht. Mit
Nahrungsmitteln kann man momentane Not lindern, eine Gruppe von Menschen
für kurze Zeit vor dem Verhungern bewahren – aber das hat lediglich
aufschiebende Wirkung. Irgendwann werden diese Menschen doch
verhungern, weil sich durch diese Form der Hilfe nichts wirklich
ändert... Wer jetzt wirklich etwas ändern will, gerät auf das Feld der
Politik... Wir müssen immer wieder mit derselben Argumentation darauf
reagieren: Hunger, Elend und Unterdrückung werden produziert, sie sind
keine gottgewollte Erscheinung, die sich zufällig auf die Länder der
Dritten Welt konzentriert. Sie werden produziert von den
Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft in den reichen Ländern...“
(22.11.82).
medico
international, Frankfurt/M., schreibt u.a.: „1. In einer
Notsituation, wo die betroffene Bevölkerungsgruppe weder quantitativ
(Energie) noch qualitativ (Eiweiß, Mineralstoffe, Vitamine) genügend
ernährt werden kann, hat die Lieferung von Nahrungsmitteln gerade im
Hinblick auf die Krankheitsvorbeugung absolute Priorität, wenn nur
begrenzte Mittel zur Verfügung stehen. 2. Zur Bekämpfung der als Folge
von Mangelernährung gehäuft auftretenden Infektionskrankheiten sollte
in solchen Situationen eine beschränkte Zahl von ‚essentiellen‘
Medikamenten zur Verfügung stehen...“ (22.11.82)
Pfarrer Reinhold
Hemker von der Fachstelle Entwicklungsbezogene Bildung in Schule
und Unterricht, Pädagogisches Institut, Villigst-Schwerte, führt
aus: „... Hilfe zur Entwicklung darf nicht darin bestehen, überflüssige
und überschüssige Produkte der Reichen (Länder) auf Umwegen den Armen
(Ländern) zukommen zu lassen. Es geht darum, den Armen die Möglichkeit
zu verschaffen, selbst das zu produzieren, was man zum Leben braucht...
Ihr solltet z.B. wissen, daß Wasa das zu teure (am Nährwert gemessen)
„Brot“ an die Reichen und Mächtigen in den sogenannten
Entwicklungsländern verkauft. Dadurch wird den Armen in diesen Ländern
Geld vorenthalten... Vielleicht holt Ihr Euch mal einen guten Bäcker in
die Schule, mit dem Ihr mal über den Nährwert unterschiedlicher Brote
sprechen könnt. Ist es nicht ein Skandal, daß die vollgefressenen
Wohlstandsbürger... das kalorienarme Knäcke-„brot“ essen müssen. Guckt
Euch doch mal die schlimmen Werbungen für Diätprogramme an, wo für die
Knäckies geworben wird... Der Skandal liegt in jeder Form von
Überproduktion in den reichen Ländern, die auf Kosten der sogenannten
Entwicklungsländer geschieht... Warum fressen die europäischen Kühe
Futtermittel, die zum großen Teil aus Entwicklungsländern kommen? Diese
Futtermittel werden aus Soja, Mais, Erdnüssen und anderen für die
Menschen wertvollen Nahrungsmitteln gemacht...“ (24.11.82)
Die Deutsche
Welthungerhilfe, Bonn, stellt uns die umfangreiche Korrespondenz mit
der Firma zur Verfügung. Daraus ergibt sich u.a.: „Weder in Äthiopien,
noch in Kenia, wo wir eventuell das Knäckebrot zur Schaffung von
Gegenwertmitteln hätten verkaufen können, noch in einem anderen
afrikanischen Staat haben wir Abnehmer finden können. Auf der anderen
Seite bitten wir Sie zu bedenken, daß die Frachtkosten für 5 Tonnen
Mjölk-Bröd etwa 18.000.- bis 20.000.- DM (Inland und Luftfracht)
ausmachen und wir noch die Verpackungs- und Frachtkosten im
Empfängerland zu tragen hätten. Wenn Sie berücksichtigen, daß ein Kilo
Brot in Kenia z.B. etwa DM 1,30 kostet, könnten allein für die durch
ihre Spende entstehenden Nebenkosten etwa 16 – 18 Tonnen Brot verkauft
werden, das an Bedürftige verteilt werden könnte“ und „Unsere
Organisation hält es für sinnvoller, die Spenden nicht für die hohen
Transportkosten für Knäckebrot einzusetzen, das in der Dritten Welt
höchstwahrscheinlich von der Bevölkerung nicht als Nahrungsmittel
akzeptiert wird, sondern stattdessen konkrete Hilfsmaßnahmen
durchzuführen. Dazu gehören z.B. der Bau von Brunnen in
Trockengebieten, der Bau von Lagerhäusern, die Anlage von
Gemüsegärten, die Verbesserung von Anbaumethoden, die Bereitstellung von
Krediten und ähnlichem Hilfe zur Selbsthilfe, d.h. auf lange Sicht die
Beseitigung von Hunger, das ist unser Ziel... (29.11.82)
Misereor,
Aachen, äußert sich u.a.: „... Die direkte, unmittelbare
Nahrungsmittelhilfe ist bei Hungerkatastrophen oft die einzige
Möglichkeit, den Hungertod von vielen Menschen zu verhindern. Sie ist
positiv zu bewerten. Aber die Erfahrungen in solchen Fällen zeigen, daß
häufig die organisatorischen und infrastrukturellen Voraussetzungen der
Nehmerländer fehlen, um die gelieferten bzw. benötigten Nahrungsmittel
an die Bedürftigen weiterzugeben. Nahrungsmittelhilfen in anderen
Fällen sind nur dann sinnvoll, wenn sie Element einer Strategie zur
Überwindung der Hungersituation sind. Einfache Nahrungsmittelgeschenke
sind völlig fehl am Platz. Sie haben ... durchweg negative Auswirkungen,
z.B.: 1. Die Geschenke an Entwicklungsländer führen zur Steigerung des
Nahrungsmittelangebots in den Nehmerländern und bewirken, daß die
Nahrungsmittelpreise sinken. Die einheimischen Landwirte erwirtschaften
als Folge sinkende Erträge und produzieren, entmutigt durch die
schlechte Ertragslage, schließlich nur noch für ihren Eigenbedarf. 2.
Durch die Lieferung von Nahrungsmitteln, die in den betreffenden
Entwicklungsländern nicht produziert werden, können die
Ernährungsgewohnheiten geändert werden (z.B. von Reis oder Hirse zu
Weizen)... Als Auswirkung der Nahrungsmittelhilfe wird die Abhängigkeit
von ausländischen Nahrungsmittellieferungen verfestigt. 3. Die
Regierungen der Empfängerländer werden dahingehend beeinflußt,
notwendige Eigenmaßnahmen zur Verbesserung der Ernährungssituation
hinauszuschieben. 4. Das Gefühl bzw. Bewußtsein der Abhängigkeit von
„Almosen“ “ und „Geschenken“ kann negative Auswirkungen auf das
Selbstbewußtsein des Empfängerlandes haben...“ (2.12.82)
Das Diakonische
Werk der evangelischen Kirche in Deutschland, Stuttgart,
argumentiert wie folgt: „... Die meisten Länder der sogenannten Dritten
Welt haben tropisches oder subtropisches Klima. Wenn nun keine
geeigneten Lagermöglichkeiten vorhanden sind – und das Brot müßte ja
zunächst einmal gelagert werden, solche Mengen müssen ja erst einmal
verteilt werden, was wiederum eine gute Logistik voraussetzt –
verschimmelt Brot (generell) eben sehr schnell. Und wer wollte einem
Verhungernden verschimmeltes Brot schicken! Würde man das Knäckebrot
also verschifft haben und zu diesem Zeitpunkt bereits das Verfallsdatum
eingetreten sein, so könnte es sein, daß man für nicht mehr eßbare Ware
auch noch teure Frachtkosten bezahlt hätte. Und wem wäre damit geholfen?
Außerdem – und dies ist ein ganz wichtiges Argument – ist der geringe
Kalorienwert kaum eine große Hilfe für einen verhungernden Menschen.
Natürlich bleiben all diese Dinge kaum begreifbar, wenn es um die
Vernichtung von Nahrungsmitteln geht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es
sich um Butterberge, Tomaten, Knäckebrot oder auch weggeworfenes
Vesperbrote handelt. Vom menschlichen Standpunkt aus muß die
Vernichtung von Nahrungsmitteln unbegreifbar (nicht unverständlich)
bleiben...“ (22.12.82)
Die AgV,
Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher e.V., Bonn, reagiert auf unsere
Anfrage u.a.: „Selbst wenn man einmal unterstellt, daß das Knäckebrot
diesen Vorgang ausgehalten hätte: Umpacken, Aussortieren,
gegebenenfalls in neue Packungen füllen und zu einem möglichen Abnehmer
bringen, wäre dieses in der Summe sicher teuerer als das Brot neu zu
produzieren. Das Parallelbeispiel Äpfel für Polen ist hier interessant:
Kostenlose Äpfel nach Polen zu liefern, würde praktisch das gleiche
kosten wie der normale Verkauf minus des Preises für den Rohstoff Apfel.
Diese Transport- und Verteilungskosten aber sind mindestens doppelt so
hoch wie der normale Apfelpreis irgendwo in Europa (auch in Polen!).
Außerdem hätten die verschenkten Äpfel die Preise für die armen
polnischen Apfelerzeuger natürlich nach unten gedrückt... Der Hunger in
der Welt ist... nicht die Folge des Mangels an Nahrungsmitteln oder
Nahrungsmittelrohstoffen, sondern ein Mangel an Kaufkraft, an Geld...
Wenn also etwas unmoralisch ist, dann ist es die
Ressourcenverschwendung, d.h. die Verschwendung von Kapital, Rohstoffen
und Arbeitskraft...“ (22.12.82).
Vom Deutschen
Roten Kreuz, Bonn, erhalten wir folgende Stellungnahme: „... ob
überhaupt ein Angebot der Fa. Wasa an uns herangetragen wurde. Unseren
Nachforschungen zufolge war dies nicht der Fall... Es hat schon in
ausreichender Zahl Fälle gegeben, wo gut gemeinte Hilfsgütersendungen
– von leicht verderblichen Gütern etwa – katastrophale Auswirkungen nach
sich zogen. Wenn verdorbenes Vollmilchpulver oder geschmolzene
Schokolade, zum Beispiel, eher den Gesundheitszustand der Empfänger
verschlechtern als verbessern. Gerade im Bereich der
Nahrungsmittelhilfe kommt es darauf an, wertvolle und hochwertige
Nahrung einerseits und den Eßgewohnheiten der Betroffenen angepaßte
Nahrung andererseits zum Versand zu bringen. Knäckebrotlieferungen nach
einer Hungerkatastrophe in Afrika beispielsweise erscheinen wenig
sinnvoll...“ (6.1.83).
Von der
Polenhilfe Zandecki, Salzhausen, erfahren wir: „... Das Knäckebrot
hätten wir auf alle Fälle angenommen, hätte man uns benachrichtigt. Wenn
man bedenkt, daß wir im meisten Teil polnische Kinderkrankenhäuser
betreuen und wie schlecht es der polnischen Wirtschaft geht, tut es
nichts zur Sache, ob Knäckebrot viel oder wenig Kalorien hat...“
(12.1.83).
Rollenspiel:
Stellt Gruppen zusammen bei denen jeweils eine Schülerin bzw. ein
Schüler die Position der beteiligten Firma und der verschiedenen
Organisationen übernimmt. Versucht, die einzelnen Argumente durch
zusätzliche Informationen zu bestärken. Versetzt Euch in die Rolle von
Menschen, die Hunger leiden. Wie würden sie auf die Argumente reagieren?
Diese Aussage ist in
der Zeitschrift BISS („Bürger in sozialen Schwierigkeiten), Nr. 1/84, zu
finden, die von einem Interessenkreis von Obdachlosen und
Obdachbesitzenden in München herausgegeben wurde. Mittlerweile gibt es
in vielen Städten Zeitungen, die von „Bürgern mit sozialen
Schwierigkeiten“ gemacht und verkauft werden. Die Charakterisierung für
den Zustand der Welt – „Die Reichen werden reicher, die Armen werden
ärmer“ – gilt mittlerweile auch für unser Land. Es besteht die Gefahr,
daß unsere Gesellschaft auseinanderfällt in zwei Teile, „in die Gruppe,
denen es in der neuen ökonomischen Welt ganz gut oder sogar bessergeht,
und in die Gruppe der anderen, die nicht mehr gebraucht werden“.
Das ist die Geschichte
von zwei Obdachlosen in zwei der reichsten Länder der Erde. Sie kennen
sich nicht; ihre Lebensbedingungen sind ähnlich. Otto, 46 Jahre alt,
über sich selbst: „Ich bin Alkoholiker, lungenkrank“. Er lebt auf der
Straße in Hamburg. Zum Übernachten kommt er ins „Pik As“, der
„Übernachtungsstätte für obdachlose Männer“. Er hat mehrere
Entziehungskuren hinter sich. Sie haben nichts gebracht. Nach wenigen
Tagen ist er wieder bei seinem Quantum: Drei Flaschen Korn am Tag oder
ein paar Flaschen mehr „Pennerwein“, billigsten Fusel. In Großvaters
Kneipe kippte er bereits als Sechsjähriger die Reste hinter der Theke:
„Die Erwachsenen fanden das immer furchtbar lustig“; Sonderschule,
Kellner, arbeitslos, Prügeleien, Körperverletzung, Diebstahl,
Gefängnis..., das ist seine „Karriere“. In Hamburg, 1,7 Millionen
Einwohner mit einem Pro-Kopf-Einkommen von durchschnittlich 53.000.- DM
jährlich, leben zwischen 6000 bis 8000 Obdachlose. Ihre Zahl nimmt zu.
Ottos Bleibe im „Pik As“ hat 262 Betten; 54 Sozialarbeiter kümmern sich
um die Insassen: „Mit zehn Mann biste hier auf der Bude, es stinkt,
einer hat immer Läuse, manche spritzen, manche kotzen, machen ins Bett,
und waschen tut sich sowieso keiner – die Duschen sind ja auch im
Keller“. Von der Sozialhilfe bekommt er 150.- DM Taschengeld, die er in
drei Tagen „versprittet“ hat. Danach sammelt er Flaschen und Dosen,
bettelt und schlägt sich irgendwie durch: „Ich bin nun mal ein Berber,
einer der es nie lange irgendwo aushält. Obwohl, hier komm’ ich wohl
nicht mehr raus“.
John lebt in Boston/Massachusets,
in den USA. Die Stadt hat 570.000 Einwohner. Das Pro-Kopf-Einkommen der
Bevölkerung beträgt 39.000.- DM jährlich; zwischen 4.500 und 5.000
Obdachlose leben in der Stadt. John sagt von sich selbst, er sei ein „free
bird“, ein „Berber“ wie Otto. Er lebt im „Pine Street In“, dem größten
Obdachlosenheim in Boston, mit 850 Betten. Das Haus, das mit
öffentlichen Geldern und Spenden betrieben wird, wird von einer
Organisation mit 300 Mitarbeitern betreut. Ab 4 Uhr nachmittags werden
die „Gäste“ eingelassen, nachdem sie mit elektronischen Geräten nach
Messern, Waffen und Spritzen durchsucht worden sind. Auch John, 38 Jahre
alt, aber mit seinem wilden Bart und dem zerfurchten Gesicht wie 70
aussehend, ist Alkoholiker. Eine halbe Gallone Wodka, 3 Flaschen,
braucht er täglich. Mit zwölf Jahren lief er von zu Hause weg, mit
dreizehn begann er zu trinken: „Die Abhängigkeit in der Schule und von
den Eltern, das paßte mir nicht“. Jahrelang trampte er durch ganz
Amerika, jobbte mal als Zirkusarbeiter, mal im Zoo, trat in einigen
Filmen in Hollywood auf: „Es gibt nicht viel, was ich nicht gemacht habe
in meinem Leben“. Wenn er am Tag im Einkaufswagen Dosen sammelt, die er
für fünf Cent das Stück verkauft und so den Schnaps finanziert, dann
machen die Leute einen Bogen um ihn.
Auch für ihn
wird das „Pine Street In“ die Endstation sein, wie für Otto das „Pik
As“.
Informiert Euch über
die Obdachlosensituation in Euerer Stadt oder Eurem Ort, z.B. beim
Sozialamt oder in Obdachlosenunterkünften. Diskutiert die
Lebensschicksale von Otto und John und stellt fest, weshalb sie so
verlaufen sind. Was haben die beiden Personen, obwohl sie sich nicht
kennen, gemeinsam?
Die Initiative, die
von 33 Organisationen aus den Bereichen Entwicklungspolitik, Kirche,
Sozialarbeit, Verbraucherschutz, Bildung und Umwelt gegründet wurde,
setzt sich zum Ziel, zum Fairen Handel beizutragen. TransFair verkauft
in alternativen Läden, mittlerweile aber auch in Supermärkten und
Lebensmittelgeschäften Kaffee, Tee, Kakao, Bananen, Honig... mit dem
Ziel, den Erzeugern der Produkte in den Ländern der sogenannten Dritten
Welt einen gerechten Preis zu bezahlen.
Informiert Euch über
die Ziele von TransFair (Remigiusstr. 21, 50937 Köln), BanaFair und
anderen alternativen Einrichtungen, wie z.B. Dritte-Welt (Eine-Welt)
Läden, über deren Geschäftsbedingungen, Vertriebswege und Bilanzen.
Könntet Ihr Euch vorstellen, daß diese Aktivitäten Vorbild für einen
gerechteren Welthandel sein könnten?
Jos Schnurer,
Dipl.-Päd., Immelmannstr. 40., 31137 Hildesheim, Tel.: 05121-59124,
(19. 1.1997)