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Corrina Gomani und Michael
Hinz:
Fremde und Zivilisierung
Hans-Peter Waldhoff: Fremde und
Zivilisierung. Wissenssoziologische Studien – Probleme der modernen
Peripherie-Zentrums-Migration am türkisch-deutschen Beispiel.
Frankfurt am Main, Suhrkamp 1995, ISBN 3-518-58196-1. 435 Seiten, DM 56,-.
Derzeit setzt
sich im Diskurs immer stärker die These vom Kulturkonflikt durch, wenn die
zwischen- wie innerstaatlichen Beziehungen von Menschen und
Gesellschaftsgruppen, die verschiedenen Kulturkreisen entstammen,
problematisiert werden. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient die Arbeit von
Hans-Peter Waldhoff, der beim Aufeinandertreffen von Einheimischen und
Migranten eben nicht primär die kulturellen Distanzen, sondern die
verschiedenen Zivilisationsstufen ins Zentrum seiner wissenssoziologischen
Auseinandersetzung mit den kulturellen Differenzen rückt. ‚Zivilisation‘
faßt er dabei begrifflich in Anlehnung an Norbert Elias, befreit von
kulturellen Überlegenheitsgefühlen: die Durchsetzung des staatlichen
Gewaltmonopols und das Zurückdrängen der physischen Gewalt, die
Verlängerung der Interdependenzketten sozialen Handelns sowie das damit
einhergehende erlernte Vermögen, das Verhalten selbst zu steuern.
Am Beispiel der
Etablierten-Außenseiter-Figuration von Türken und Deutschen werden die
wechselseitigen Fremdheitsgefühle infolge von Migrationsprozessen genauer
betrachtet. Anders als traditionelle Migrationsforscher liefert er einen
mehrperspektivischen, interdisziplinären Beitrag zur
Migrationsproblematik. Waldhoff durchbricht das „‚zivilisierte‘ Tabu der
expliziten Thematisierung von Zivilisierungsdifferentialen“ zwischen den
türkischen Migranten und der deutschen Einwanderungsgesellschaft, das der
romantisierende „Multikulturalismus“ gegen stigmatisierende und
ausgrenzende Behauptungen des aggressiven „Monokulturalismus“ aufgebaut
hat. Hierfür wird aufgezeigt, wie unterschiedlich sich die europäischen
und türkischen Staatenbildungs-, besonders Gewaltmonopolisierungsprozesse
im Vergleich darstellen. Dabei hat der europäische Zivilisierungsprozeß
jedoch nicht nur „zivilisiertere“ Gefühls-, Denk- und Verhaltensstandarde,
sondern auch eine spezifisch „zivilisatorische Fremdheit“ hervorgebracht,
d. h. eine starke Abneigung gegen Menschen, die nicht ein ähnlich
gelagertes Selbststeuerungsmuster hinsichtlich ihrer Affekte, Triebe und
ihres Verhaltens aufweisen.
Wer an der
psychosozialen Verarbeitung von Fremdheit interessiert ist und darüber
hinaus auch die historische Perspektive miteingedacht haben möchte, wird
durch die Lektüre dieses Buches weiterreichende Anregungen bekommen.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der
Rezensenten aus: Betrifft Mehrheiten-Minderheiten. Zeitschrift der
Ausländerbeauftragten des Landes Niedersachsen. Heft 3/97 (Juli/August).
Hannover.
Michael Hinz
Zwischen Ritual und Alltag
Rezension von Maria Elisabeth Müller:
Zwischen Ritual und Alltag. Der Traum von einer sozialistischen
Persönlichkeit, Campus Forschung, Bd. 743, Frankfurt/New York: Campus
Verlag 1997, 104 S., DM 38,-
Sieben Jahre
nach der „Vereinigung“ der Deutschen Demokratischen Republik und der alten
Bundesrepublik scheint das öffentliche Interesse am Scheitern des „Traumes
von einer sozialistischen Persönlichkeit“ und einer staatssozialistischen
Gesellschaft nachgelassen zu haben. Nachdem der von keinem „Experten“
vorausgesehene Zusammenbruch der DDR und die aus dem Zusammenschluß der
beiden deutschen Teilgesellschaften resultierenden zwischenmenschlichen
Probleme zunächst in aller Munde waren, sorgt sich ein Großteil der
Westdeutschen inzwischen hauptsächlich darum, wie lange der sog.
Solidaritätszuschlag noch zu zahlen ist. Demgegenüber schwelgen einige
Ostdeutsche in einer Art realitätsentrückter „DDR-Nostalgie“. In der
neuen, gesamtdeutschen Hauptstadt Berlin, wo sich die etablierten
Westdeutschen und die ostdeutschen Außenseiter besonders nahe kommen – was
eigentlich Hoffnungen für das „Zusammenwachsen“ beider und ein Nachlassen
der Fremdheitsgefühle zwischen ihnen erwecken könnte –, lassen sich
wachsende gegenseitige Ressentiments ausmachen.
Fern von kurzfristigen tagespolitischen und
zeitgeistlichen Strömungen stellt sich Maria Elisabeth Müller dem Thema
der unterschiedlichen Orientierungs- und Verhaltensmuster von Ost- und
Westdeutschen in einer Langfristperspektive. Sie untersucht den ihr
fremden, den „anderen deutschen Zivilisierungsprozeß“, ausdrücklich
ohne einen systematisch-empirischen Vergleich der Deutschen in Ost und
West anzustreben. Gleichwohl bilden, was sie auch reflektiert, ihre
eigenen Erfahrungen des Aufwachsens in der alten Bundesrepublik die
implizite Vergleichsfolie ihrer Arbeit. Bei ihrem Versuch, die
spezifischen Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster der Menschen zu
verstehen, die im rund vierzig Jahre real existierenden Staatssozialismus
geformt und erzogen worden sind, zieht sie neben wissenschaftlichen
Publikationen auch historische Tondokumente (Radioaufnahmen) heran.
Diese authentischen „Hörbilder“ dienen ihr als – wissenschaftlich bisher
wenig genutztes – Instrument, sich besser einfühlen (einhören) zu können
in den sozialen Habitus der Menschen der ehemaligen DDR; sie machten sie
auch aufmerksam auf die „beständige Diskrepanz zwischen positiver
Beschreibung des neuen ›Wir-Ideals‹ in der DDR-Literatur und den Äußerungen
realer DDR-Menschen“ (S. 14).
Der historische Ausgangspunkt von M. Müllers
Betrachtung der DDR-Gesellschaft ist die staatliche Teilung Deutschlands
als Resultat des Zweiten Weltkriegs. Im Zuge der strengen Entnazifizierung,
der Enteignungen und Zwangskollektivierungen im Ostteil Deutschlands
wanderten große Teile der alten gesellschaftlichen Oberschichten, des
Besitz- und Bildungsbürgertums sowie adliger Gruppierungen, in den Westen
ab. Diese Massenflucht ermöglichte den Menschen aus
kleinbürgerlich-proletarischen Schichten ungeahnte soziale
Aufstiegschancen. In einem gewaltigen gesellschaftlichen Umschichtungs-
und Nivellierungsprozeß etablierten sich Angehörige zuvor unterprivilegierter
Schichten als neue, loyale Macht- und Funktionselite, wodurch deren Wert-
und Orientierungsmuster eine die Gesamtgesellschaft prägende Bedeutung
erhielten. Die spezifische Persönlichkeitsstruktur dieser
Aufstiegsgeneration, deren maßgebliche Sozialisation im
Nationalsozialismus stattgefunden hatte, war auf (militärische) Disziplin,
Konformität und Autorität-Gehorsams-Beziehungen ausgerichtet sowie hoch
formalisiert. Entgegen ihres ideologischen Selbstbildes eines
antifaschistischen Staates weist die DDR eine doppelte Kontinuität zum
nationalsozialistischen Staat auf: zum einen die obrigkeitsstaatlichen
Strukturen, zum anderen – damit korrespondierend – die soziale
Hervorbringung eines „fremdzwangdominierten Zivilisierungsmusters“, welches
sich auszeichnet durch übermächtige, strenge, rigide gesellschaftliche
Kontrollen, die dem Einzelnen wenig Raum lassen zu lernen, sich selbst
eigenverantwortlich zu steuern. M. Müller legt dar, daß das Fühlen, Denken
und Handeln der Menschen in der DDR bis ins Innerste von einem
disziplinierenden, autoritären Staat geprägt worden ist. Die streng
hierarchisch organisierte Staatspartei, die zentrale gesellschaftliche
Machtinstanz mit umfassendem, monopolistischem Herrschaftsanspruch, hat
eigenverantwortliche, selbstbestimmte und selbstreflexivere
Verhaltensweisen in nahezu allen Bereichen weitgehend unterbunden.
Dementsprechend basiert das (Um-)Erziehungskonzept
der DDR, dessen Ziel die gänzlich mit der Gesellschaft versöhnte
„sozialistische Persönlichkeit“ ist, nach M. Müller in erster Linie auf
der Ausbildung einer formellen, disziplinierten Verhaltenssteuerung.
Zahlreiche soziale Disziplinierungsinstanzen wie Krippen, Kindergärten,
Jugendorganisationen, Schulen, Kasernen, Universitäten, Betriebe etc.
zwangen die Menschen mittels militärartiger Erziehungspraktiken zu rigoroser
Parteidisziplin. Selbst die (sozial-)wissenschaftliche Intelligenz
unterlag dem Druck, die programmatisch-ideologischen Vorgaben der über das
Monopol der Wissensvermittlung verfügenden Staatspartei widerspruchslos
bis zum Wirklichkeitsverlust zu stützen. Eine Konsequenz des beinahe
unausweichlichen Zwangs zur Einordnung in das „Kollektiv“ scheint ein
„verhinderter Individualisierungsprozeß“ gewesen zu sein, eine starke
Einschränkung des Spielraums individueller Selbstregulierung und
Eigenverantwortung. Als tief verinnerlichte Grunddispositionen eines
DDR-Habitus führt M. Müller an: ein starkes Treue- und Schutzverhältnis
des Einzelnen zum Staat und damit einhergehend eine „fehlende
Widerstandsmentalität“, ein kleinbürgerlicher Werte- und Geschmackskanon
sowie eine prinzipiell affirmative Einstellung zur Arbeit und zum
„Arbeitskollektiv“. Insgesamt bemerkt sie bei den DDR-Bürgern eine
„doppelte Gewissensbildung“ angesichts der schizophrenen Situation
zwischen einerseits extremer Ritualisierung des öffentlichen Lebens
(Aufmärsche, Freundschaftstreffen, Heldenverehrungen etc.) zur
Demonstration eines idealisierten Gemeinschaftsgefühls und andererseits
realer Alltagserfahrung im privaten Bereich, der quasi als „Nische“ zur
Distanzierung vom repressiv-autoritären Staat diente. Mit dem Rückzug ins
Private vor der diktatorischen Staatsmacht ging allerdings eine
weitgehende politische Entmündigung einher – ein solches „Doppelleben“
kennen wir auch aus der gemeinsamen deutschen Vergangenheit zur Zeit des
Nationalsozialismus.
Die Akzeptanz und Loyalität gegenüber dem
DDR-Staat scheint in großem Maße davon abhängig gewesen zu sein, daß
dieser eine halbwegs befriedigende Versorgung seiner Bürger
bereitzustellen vermochte. Sobald die staatlichen Wohlfahrtsleistungen
nicht mehr gewährleistet schienen, wurde offenbar auch deren Preis, die
staatliche Totalkontrolle der Einzelnen, nicht mehr in Kauf genommen.
Während große Teile der älteren Generation in der Anfangsphase des
staatlichen Konstituierungsprozesses noch durch ihren sozialen Aufstieg
belohnt worden sind, blieb dieser den nachfolgenden Generationen
angesichts sozialer Schließungsprozesse und blockierter sozialer Mobilität
weitgehend verwehrt. Auf die Gründe für den Zusammenbruch des staatlichen
Systems geht M. Müller nur am Rande ein – ihr geht es in ihrer anregenden,
flüssig und verständlich geschriebenen Studie eher darum, den sozialen
Habitus der Menschen der ehemaligen DDR, der sich nicht ebenso schnell wie
die sozialen Strukturen zu wandeln vermag, besser zu verstehen und zu
erklären.
Was diese Studie von vielen anderen über die
DDR-Gesellschaft unterscheidet, ist die spezifische theoretische
Betrachtungsweise. Diese zeichnet sich vor allem durch eine historische
Langsicht und eine Mehr-Ebenen-Perspektive im Anschluß an Norbert Elias
und mentalitätsgeschichtliche Ansätze aus. Gesellschaftliche und
psychische Wandlungen werden hier als miteinander verflochtene,
langfristige Prozesse erforscht. Ein solches Konzept hat schon der
Ostberliner Soziologe Wolfgang Engler auf seine eigene deutsche
Teilgesellschaft erfolgreich angewandt und dabei eine „zivilisatorische
Lücke“ zwischen ost- und westdeutschen Gefühls-, Denk- und
Verhaltensstilen konstatiert. Umsichtig an solche Überlegungen
anschließend widersteht M. Müller in vorbildlicher Weise einer Gefahr, der
viele Westdeutsche bei ihrem Blick auf die ehemalige DDR immer wieder
erliegen: ein stereotypes, dichotomes Bild vom selbstgesteuerten,
demokratisch-aufgeklärten Westdeutschen und dem fremdbeherrschten,
unmündig-autoritätsverhafteten Ostdeutschen zu entwerfen. Indem sie die
gesamtdeutsche Geschichte vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ihre
Arbeit miteinbezieht, ist sie imstande, sich in DDR-Verhaltensweisen auch
selbst zu erkennen und Verständnis für die Menschen aufzubringen, die in
die DDR hineingeboren worden sind. Die auch gut als Einführung geeignete
Studie von M. Müller zeichnet sich durch eine gelungene Balance zwischen
Nähe und Distanz zum „Untersuchungsobjekt“ aus, den Menschen der
ehemaligen DDR, und steht im besten Sinne in der
„menschenwissenschaftlichen“ Tradition von N. Elias. Leider vermag der
Preis des Buches nicht ebenso zu überzeugen wie die Fähigkeit der Autorin,
präzise und stringent zu formulieren.
Axel Vahldiek und Hans-Peter
Waldhoff:
Den Holocaust Denken
Über
Harald Welzers Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust
„Es ist
unmöglich, mit Hilfe geisteswissenschaftlicher Methoden die Planung und
Durchführung dieses Völkermordes zu analysieren; sie stehen im Widerspruch
zu den seit Jahrtausenden generell von der Kulturmenschheit anerkannten
Maßstäben menschlichen Verhaltens“ (Fraenkel und Bauer 1957, S.148).
Das in diesem Satz angesprochene Problem dürfte wohl eine der elementarsten
Fragen der Holocaust-Forschung sein. Obwohl von den bedeutendsten
Forschern in vielen, tastenden Varianten formuliert, ist diese
Fragerichtung merkwürdig unwirksam geblieben; sie ist es, die das Buch von
Harald Welzer mit dem von Hannah Arendt entlehnten Titel
„Verweilen beim Grauen“
sehr klar und eindringlich aufgreift.
Sein grundlegendes und die gesamte Arbeit
antreibendes Paradox lautet bündig, daß der Holocaust das am besten
erforschte und doch am wenigsten verstandene Phänomen der neueren
Geschichte darstelle. Mehr desselben ist unter diesen Umständen die
falsche Strategie. Eine Überprüfung der Erkenntnismittel selbst drängt
sich auf, der Denkstile oder Paradigmen, und damit auch der sie tragenden
wissenschaftlichen Denkkollektive. Das aber verlangt von den
Wissenschaftlern, sich selbst in Frage zu stellen; und dies in der
Konsequenz weit radikaler als in den einleitend zitierten Beschreibungen
einfacher Inadäquatheit: „Die unbefragte Inanspruchnahme
wissenschaftlicher Erkenntnismittel“ läuft letztlich „auf den
kafkaesken Versuch hinaus, daß der Irrsinn mit denselben Mitteln
verstanden werden soll, mit dem er geplant und durchgeführt wurde.“ (Welzer
1997, S.20) Der Autor fragt, „ob nicht das wissenschaftliche Denken
selbst das Handlungsmodell für den industriellen Massenmord
bereitstellte?“ ( ebd., S.9) Dies nun ist eine Fragestellung, die
engste Verwandtschaft mit Zygmunt Baumans Überlegungen zum Zusammenhang
von „Wissenschaft, rationale Ordnung, Genozid“ (Bauman 1995, S.57-63)
aufweist, und sich mit diesen sehr fruchtbar vergleichen und verknüpfen
ließe. Es überrascht daher, daß Welzer nur Baumans Dialektik der
Ordnung, und zwar außerordentlich kritisch, diskutiert, den
gewissermaßen zweiten Teil dieser wichtigen Arbeit, Moderne und
Ambivalenz, dagegen völlig ignoriert.
Der Autor kritisiert die mangelnde
Distanzierungsleistung von Wissenschaftlern gegenüber der eigenen
Berufsgruppe und deren Sozialisation, also eine Ebene mangelnder
Selbstdistanzierung. Damit einher geht oft eine Überdistanzierung der
Forscher von ihren Forschungsobjekten, jedenfalls aber systematisch eine
mangelnde Reflexion dieser Beziehung und ihrer Einwirkung auf
Forschungsergebnisse. Ein analoges Wahrnehmungsproblem ergibt sich hier
vor allem bei deutschen Forschern durch die mangelnde (Selbst-)Distanzierung
von der Präsenz eigener nationaler Prägungen und der Überdistanzierung von
den vorangegangenen Generationen, insbesondere der des Holocaust. Beides
wird als Fehlhaltung erkennbar, „wenn man mit Norbert Elias davon
ausgeht, daß wir als Mitglieder sozialer Figurationen viel enger an
historisch weit zurückliegende Geschehenszusammenhänge gebunden sind, als
wir das vor dem Hintergrund unserer gegenwartsbezogenen
Alltagswahrnehmung einerseits und sozialwissenschaftlicher
Zustandsanalysen andererseits sehen können.“ (Welzer 1997, S. 21f.,
vgl. auch S. 69ff.)
Der Autor wehrt sich konsequenterweise auch
dagegen, daß viele deutsche Forscher sich stillschweigend so verhielten,
als hätten sie selbst nichts mit »denen« zu tun; statt dessen seien die
Mitglieder der deutschen Nachkriegsgesellschaft „auch in einem sehr
konkreten Sinne Kinder des Nationalsozialismus“, denn „auf der
Ebene der Routinen und Praktiken ihres Alltagslebens“ habe es
keineswegs einen so radikalen Bruch gegeben wie „auf der Ebene der
Selbstrepräsentation der Wir-Gruppe“ (Welzer 1997, S.22). Aber
auch diese ist von der Perspektive der Täter unbewußt kontaminiert.
Welzer bemängelt in einem weiteren Essay, daß die
Entstehung jener Bilder (Photos, Filme, teilweise auch
Architektur), mit denen heute versucht wird, die Erinnerung an die
Geschehnisse wach zu halten, zuwenig berücksichtigt wird: diese sind
größtenteils zu propagandistischen Zwecken produziert worden,
und zwar, wie etwa die Speersche »Ruinenwert-Theorie« zeigt, durchaus mit
Berechnung der Wirkung auf heutige und zukünftige Betrachter. Dieser Essay
über die täterproduzierten oder die Täterperspektive ungewollt
transportierenden Bilder der Macht und die Ohnmacht der Bilder von
den Opfern ist ein interessanter Beitrag zu den Theorien kollektiver
Erinnerung (vgl. Welzer 1997, S.27-48). Die Bilder von den Opfern, wie sie
etwa die Alliierten nach Befreiung der Konzentrationslager in kritischer
Absicht machen, zeigen diese bis heute in dem entpersönlichten Zustand, in
die sie von den Tätern gebracht wurden. Sie können nicht den brutalen
Prozeß ihrer Zurichtung durch die NS-Täter zeigen.
Dieser paßt so wenig in den Rahmen unserer
Alltagswahrnehmung und Menschen- und Gesellschaftsbilder, daß die
überlebenden Opfer ihn bis heute kaum mitteilen können. Die Täter
hingegen, wie an den Fallstudien Höß und Speer gezeigt wird, vermögen
sich, eben weil sie Täter und nicht Opfer waren, als unzerstörte
individuelle Persönlichkeiten und damit als weniger fremd für unser
Verständnis zu präsentieren. Ihre Propaganda, rational entkräftet, lebt
noch in tieferen Schichten, in der primärprozeßhaften Wirkung ihrer
suggestiven Bilder auf uns Täternachkommen: Ein Muster aller
nicht-reflexiven, unbewußten Formen der Moderne.
Die Nichtkommunizierbarkeit der extremen
Opfererfahrung hingegen vererbt unverarbeitetes Grauen über die
Generationen: „Es gibt Kinder von Überlebenden des Holocaust, die bis
in ihr Jugendalter hinein gedacht haben, daß alle Menschen im Schlaf
stöhnen und schreien“ (Welzer 1997, S.145). Drastischer lassen sich
die Spätfolgen für die Opfer kaum noch vor Augen führen.
Gewiß bleiben in Harald Welzers »Verweilen beim Grauen«
einige Fragen offen. So ist die These der Nicht-Kommunizierbarkeit
der Geschehnisse an manchen Stellen so apodiktisch formuliert, daß sich,
ganz gegen des Autors Absicht, die Frage aufdrängt, ob dann nicht auch in
Zukunft eine wirksame Sozialforschung über den Holocaust unmöglich wäre;
auch seine These, daß im Konzentrationslager „Parameter für überhaupt
mögliches Handeln [...] auf Null reduziert sind“ (Welzer 1997, S.85)
bedarf in dieser Zuspitzung einer Überprüfung.
Insgesamt aber ist dieses Buch, welches sich weitgehend auf dem neuesten
Stand der Forschung befindet, ein wertvoller Beitrag zu der Aufgabe, neue
und vor allem die eigenen Denkpositionen besser miteinbeziehende Methoden
zur Verarbeitung der Geschehnisse des Holocaust zu entwickeln.
Bauman, Zygmunt, 1995: Moderne und
Ambivalenz; Das Ende der Eindeutigkeit. Frankfurt/M.
Fraenkel, Ernst/Bauer, Hrsg., 1957: Staat
und Politik. Frankfurt/M.
Friedländer, Saul, 1987: Vom Antisemitismus
zur Judenvernichtung: Eine historiographische Studie zur
nationalsozialistischen Judenpolitik und Versuch einer Interpretation.
In: Eberhard Jäckel und Jürgen Rohwer (Hrsg.): Der Mord an den Juden im
zweiten Weltkrieg; Entschlußbildung und Verwirklichung. Frankfurt/M.
Kannonier-Finster, Waltraud/Ziegler, Meinrad,
1993: Erinnern ohne Gedenken. In: Harald Welzer (Hrsg.):
Nationalsozialismus und Moderne. Tübingen.
Kershaw, Ian, 1994: Der NS-Staat;
Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Reinbek bei
Hamburg.
Kielar, Wieslaw, 1989: Anus Mundi; Fünf
Jahre Auschwitz. Frankfurt/M.
Langbein, Hermann, 1980: „...nicht wie die
Schafe zur Schlachtbank“; Widerstand in den nationalsozialistischen
Konzentrationslagern. Frankfurt/M.
Langbein, Hermann, 1995: Menschen in
Auschwitz. Wien, München.
Rozanski, Zenon, 1948: Mützen ab.
Hannover.
Sobanski, Tomasz, 1980: Fluchtwege aus
Auschwitz. Warschau.
„Überleben und widerstehen; Zeichnungen von
Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-46“. Köln,
Pahl-Rugenstein 1980.
von der Dunk, Hermann, 1987: Zur Diskussion
über die Banalität des Bösen: Karl Jaspers, Hannah Arendt und Golo Mann.
In: Eva Barlösius, Elçin Kürșat-Ahlers
und Hans-Peter Waldhoff (Hrsg.): Distanzierte Verstrickungen; Die
ambivalente Bindung soziologisch Forschender an ihren Gegenstand, S.
337-356. Berlin.
Welzer, Harald, 1997: Verweilen beim
Grauen; Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust.
Tübingen.
:Gerhard Voigt
Zur postmodernen
Politikwahrnehmung – Zwischen Moral und »political correctness«:
»Mit aller Macht«:
Ein mißverständlicher Titel. Anmerkungen zu »Primary
Colors«
»Mit
aller Macht«
– so der deutsche Titel von »Primary Colors« – ist zwar der
Roman des Kampfes um die Macht in den – fiktiven – Vorwahlkämpfen (primaries)
der Democratic Party für die Präsidentschaftskandidatur in den USA
– und als solcher situativ an eine Besonderheit des Wahlsystems in Amerika
gebunden, der in der BRD nichts Entsprechendes entgegensteht –, es ist
inhaltlich aber eher ein Roman über die Grenzen des Machterwerbs,
die Bedingtheit der Machtmittel von den politischen und gesellschaftlichen
Substrukturen und von dem Wechselspiel – der Machtbalance – der
Interessen- und Funktionsgruppen in der us-amerikanischen Gesellschaft,
bei der vor allem deren Fragmentierung und Segmentierung ins Auge fällt:
und von dem Versuch, diese Machtbalance durch Einfluß auf die öffentliche
Meinung durch Propaganda, aber auch durch Indiskretionen und
Manipulationen zum eigenen Gunsten zu verschieben.
»Primary Colors« soll ein Schlüsselroman über
den Präsidentschaftswahlkampf Bill Clintons sein und Indiskretionen über
die Person und das Verhalten des heutigen Präsidenten enthalten. Der Verfasser
– Anonymus, dessen Identität bis heute nicht aufgedeckt werden
konnte – muß wohl über intime Kenntnisse aus dem Umkreis Clintons und über
die politischen Interna Washingtons verfügen. Doch kann dies der Rezensent
weder überprüfen, noch interessiert ihn diese Perspektive sonderlich, die
in den USA sicherlich zum Bestseller-Erfolg des Buches beigetragen hat. Es
geht in dieser Besprechung um eine andere als die personenbezogene
»Authentizität« und Plausibilität des Romanes, es geht um die Frage, ob
das Buch im Sinne eines wachen Beobachters gesellschaftlicher und politischer
Prozesse aufschlußreich und nachdenkenswert ist und damit
über den konkreten Fall hinaus exemplarische Einsichten in den
Wandel der heutigen postmodernen politischen Kultur vermitteln
kann, die auch in der gesellschaftlichen und politischen »Landschaft« der
Bundesrepublik Deutschland von Interesse sein könnten.
Der ‚fiktive Präsidentschaftskandidat‘ wird im
Laufe der Romanhandlung immer wieder mit angeblichem oder tatsächlichem
Fehlverhalten in seiner Vergangenheit konfrontiert, in erster Linie mit
Frauen-Affären und sexistischem Verhalten. Die Vorwürfe sind
vernichtend und ohne jede Toleranzbereitschaft von einer
sensationsgierigen Presse und den zu allen Tricks der Meinungsbeeinflussung
bereiten Gegenkandidaten an die zu entrüstende Öffentlichkeit
gebracht.
Bis dahin bedient das Buch alle erwarteten
Stereotypen über die politische Öffentlichkeit in Amerika (stimmungsmäßig
übertragbar auch auf Europa), aber, und das macht die Qualität des Romans
aus, die Handlung und Politikdarstellung bleibt dabei nicht stehen.
In der von taktischen Winkelzügen durchsetzten
Gegenstategie des Kandidaten, in der der fiktive Ich-Erzähler einer
der wichtigeste Wahlkampfmanager wird: aus wohl recht vordergründigen
Überlegungen ein familiär mit der Bürgerrechtsbewegung verknüpfter
Afromamerikaner – was der political correctness entsprechen
soll –, differenzieren sich die vordergründigen stereotypen Motivklischees
und machen zunehmend deutlich, wie verstrickt in institutionalisierte
Rollenerwartungen alle beteiligten Personen und politischen oder
‚öffentlichen‘ Gruppen verstrickt sind, wie wenig es auf subjektive Motive
und ehrliche Überzeugungen ankommt und wie sehr das Verhalten von den
‚öffentlichen‘ Verhaltenserwartungen abhängt.
Hinter den Klischees werden immer deutlicher
die institutionalisierten Machtbalancen und Machtressourcen etablierter
konkurrierender Funktionseliten, die den Strukturen der Massengesellschaft
entsprechend weitgehend entpersonalisiert sind. Indem dies offen gelegt
wird, wird der für ethische Dissonanzerfahrungen empfängliche Leser immer
weiter zu einer distanzierten Haltung gebracht gegenüber den Akteuren der
politischen Handlung, die das selbst gar nicht durchschauen und von einer
Frustration in die meist recht schnell vorübergehende Erfolgeuphorie
taumeln, mehr getrieben als selbst planmäßig agierend...
Dies ist eine klassische Strategie der
politischen Bildung, und das rechtfertigt den Hinweis auf dieses Buch
auch im Zusammenhang mit dem Thema dieses Heftes über seinen Wert als
Quelle und politisches Dokument hinaus.
Im Politikunterricht können an Hand dieses
Romanes einige Problemfelder der heutigen Staatsgesellschaften der
globalen ‚Zentren‘ aufbereitet und aufgearbeitet werden. So zunächst die
starke Entpersonalisierung und der Zerfall in funktionale und separierte
Subsysteme, was, nach Luhmann, einen Einstieg in die Systemtheorie
ermöglicht; wichtiger erscheint mir aber die Möglichkeit, über den reinen
Systemansatz hinaus die Wahrnehmungsdissonanzen der Realität
dieser Gesellschaft zu erarbeiten, in denen sich einerseits die mit den
sehr deutlich werdenden Machtkonkurrenzen verbundene
Habitusentwicklung der sozialen Gruppen, andererseits aber auch das
tradierte Verhaltensrepertoire der herrschenden Politischen Kultur
im Rahmen eine historisch tieferen Zivilisationsprozesses
ausdrückt.
Der an anderer Stelle dieses Heftes (im
Aufsatz von Haselbach) thematisierte Konfliktbereich der ›political
correctness‹ wird in dem rezensierten Buch in seiner ganzen
Widersprüchlichkeit und machtpolitischen Funktionalisierbarkeit evident
und regt den Leser zu einer distanzierteren Überlegung zum Zusammenhang
von Politik und Moral, von Liberalität und Antidiskriminierungspostulaten
an.
Und damit ist schon, sieht man die hohe
Auflage dieses Buches, das hoffentlich nicht nur wegen seines
Skandalcharakters als Schlüsselroman gelesen wird, sehr viel für die
Politische Bildung getan!
W
Gerhard
Voigt:
Parallelwelten
Zu Christoph
Ransmayr, „Morbus Kitahara“
Was wäre gewesen, wenn 1945 die
amerikanische Politik von Senator Morgenthau bestimmt worden wäre?
Diese spekulative Frage mag am Anfang der Überlegungen gestanden haben,
die zum Roman „Morbus Kitahara“ von Christoph
Ransmayr führten. Doch diese Frage wird in dem Roman nicht
beantwortet, kann nicht beantwortet werden, weil es sich sonst nicht um
ein Werk der Literatur, sondern um eine politologische Spekulation
oder besser um eine zeitgeschichtliche Modellanalyse handeln
würde.
Christoph Ransmayr geht
durch das Erzählen eines Romans der spekulativen Fragestellung selbst
auf den Grund. Die Betroffenheit der Leser ist von Beginn an und im
Verlauf der Lektüre immer stärker zwiespältig, gerade, da das Exposé
anfangs der zeitgeschichtlichen Spekulation den Rang einer
Erwartungshaltung zuweist, die dann sowohl erfüllt und gleichzeitig
enttäuscht wird.
Merkwürdig vertraut ist die fremde Welt, in
der der „Hundekönig“ im Auftrag der amerikanischen Militäradministration
in einer fiktiven abgelegenen und fast hermetisch abgeschlossenen alpenländischen
Gebirgswelt namens „Moor“ den Steinbruch eines ehemaligen KZ – in dem er
selbst als Häftling gefoltert worden war – als permanente Mahnung,
Strafe, Gedenkstätte und gleichzeitig immer noch nahezu einziger über
die Subsistenz hinausweisenden Einnahmequelle und Arbeitsstätte der
Bewohner von Moor verwaltet, sich den technisch begabten Schmied des
Ortes, geboren zum Zeitpunkt des Kriegsendes und des „Oranienburger
Friedens“, zum Fahrer, Leibwächter und technischen Famulus heranzieht,
und schließlich dreißig Jahre nach dem Krieg die Räumung des ganzen
Tals, das nun, nachdem die ganze Welt nach einer unabsehbaren Folge von
Kriegen und Friedensschlüssen der pax americana unterworfen ist,
von der amerikanischen Armee als Reparation als Manöver- und
Bombenabwurfplatz benötigt und eingefordert wird, veranlassen muß.
Viele zu verallgemeinernde Fragen drängen
sich auf, in dieser realistischen Welt des Nirgendwo: Fragen nach Sinn,
Dauer und Wirkung verordneter Buße, Trauer, Reue; Fragen nach
Herrschaftslegitimation, Dienst, Freude an der Gewalt und Entstehen von
Haß; Fragen nach den Traum- und Wunschbildern des kaum erreichbaren
„Anderswo“, Fragen nach dem Entkommen und dem Ende.
Realistisch sind die politischen
Rahmenbedingungen, ihre Wirkungen und Widersprüchlichkeiten beschrieben;
realistisch treten auch die gebrochenen, zwiespältigen und resignierten
oder getriebenen Bewohner von Moor auf, glaubhaft gerade deswegen, weil
sich der Verfasser der psychologisierenden Innensicht erhält, Motive
aus den Handlungen erahnbar, aber nie ins vorgeblich Eindeutige gedrängt
werden.
Doch dieser Realismus entsteht in einer
völlig fremden Welt, deren Elemente gerade durch ihre Vertrautheit so
erschreckend wirken. Es ist keine Modifikation, Abart oder fiktionale
Umgestaltung unserer Welt und noch weniger das science fiction
eines fremden Universums: Moor und der Frieden von Oranienburg, die
amerikanische Herrschaft von Senator Stellamour, sind eine
Parallelwelt unserer eigenen Welt, unsere Welt in einem Konjunktiv,
der erahnen läßt, daß unendlich viele Parallelwelten existieren
könnten, der erahnen läßt, daß letztlich unsere Existenz selbst eine
Emanation des Konjunktivs ist.
Diese Grunderfahrung, die sich dem Leser von
„Morbus Kitahara“ aufdrängt, ist bis in die Feinstrukturen der
Erzählung durchgehalten. Die erzählten Biographien des „Hundekönigs“,
der seinen Namen erhält von seinem Nachkriegsrefugium in einer alten
verwilderten Villa, in dem sich in der ersten Nachkriegszeit ein Rudel
verwilderter, bösartiger Hunde ansiedelte, mit denen der
Steinbruchverwalter eine autoritatives Zusammenleben erzwingt, des
„Schmiedes“, der als technisches Genie und sozialem Kretin, immer an der
Grenze zur offensichtlichen psychischen Abnormität, als der
„Vernünftigste“ in der Bewältigung des Lebens in Moor erscheint, die
biographischen Momentaufnahmen der Randfiguren sind glaubhaft, immer
nachvollziehbar, aber nie im literarischen Sinne zwingend – sie
sind ebenso kontingent wie der Gesamtentwurf dieser Parallelwelt,
es sind Parallelbiographien, genau real wie zufällig,
folgerichtig wie willkürlich, eben in gewissem Maße ebenso uninteressant
wie unsere eigene kontingente Biographie.
Die Studie über die Kontingenz, als
die sich der Roman lesen läßt, belegt sich auch durch die Metaphern und
Bilder, die zunächst als erklärend und bedeutungshaltig gelesen und
verstanden werden, im Kontext der Handlung aber immer deutlicher ihre
eigene Kontingenz erfahren lassen. Das trifft auch auf die titelgebende
Krankheit des „Morbus Kitahara“ zu, einer teilweisen, vorübergehenden
Erblindung, bzw. des beeinträchtigten Blicks durch „schwarze Löcher“ in
der Netzhaut. Weder ist es aber eine „Erblindung vor der Realität“, die
als psychosomatische Reaktion auf biographische Abstürze gerade auch zum
Kriegsende real existierte, was ein starkes, aber unfragwürdiges Bild
für die dargestellte Nachkriegssituation in Moor und die moralischen
Defizite, die offensichtlich werden, gewesen wäre, noch ist diese
Krankheit mit Sicherheit heilbar – auch das wäre ein zu eindeutiges Bild
–; so ist der endgültige Verlauf der Krankheit bis zum Tod des
„Schmiedes“ in Brasilien ungeklärt, wo er einen zunächst ebenfalls
symbolisch erscheinenden, dann aber schlicht zufälligen aber wiederum
aus der Situation heraus nachvollziehbaren Unfalltod erleidet, ohne daß
die das Buch durchziehende Traumperspektive „Brasilien“ irgendeine
erzählerische Bedeutung erlangen konnte: Kontingenz als
Realitätsprinzip, Parallelwelten als Bild für den existentiellen
Konjunktiv.
Hier ist es interessant, dieses Buch im Kontext mit dem
früheren Roman von Christoph Ransmayr,
„Die letzte Welt“,
zu lesen, in dem ebenfalls die Infragestellung der Realitätssicherheit
in einer grandiosen erzählerischen Paraphrase zu Ovids Metamorphosen
zentrale Leseerfahrung wird.
Im Gegensatz zu „Morbus Kitahara“
erscheinen also, Ovid folgend, die Metamorphosen der Gestalt und
der Realität aus dem innersten Wesen der Existenz heraus nach außen zu
dringen, die Zwangsläufigkeit der Vielfalt verdeutlichend, den ewigen
Wandel des unwandelbaren Seins darstellend: eine antike philosophische
Figur, der Christoph Ransmayr zwar folgt, sie aber
schon hier vorsichtig ironisiert und – vielleicht könnte man sagen: –
erzählerisch „überdehnt“.
„Morbus Kitahara“ gibt diese letzten
Bindungen auf und überantwortet Realität, Geschichte und Erzählung der
Kontingenz. Damit ist dieses Buch auch eine erzählerische Antwort auf
grundlegende philosophische Diskurse der Erkenntnistheorie und
Geschichtsphilosophie und als solche in diese Diskurse auch didaktisch
einzubeziehen.
Gerhard Voigt:
Moral und Ironie?
Zu Günter Grass’ „Unkenrufe“
Die Erzählung »Unkenrufe«
von Günter Grass ist in der literarischen Öffentlichkeit, wie nahezu
alle seine neueren Erzählungen und Romane, kontrovers und eher kritisch
aufgenommen und beurteilt worden. Im Kontext, in dem diese Rezension
steht – aus der Perspektive des literarisch interessierten
Sozialwissenschaftlers und Politikdidaktikers – sind literarische
Beurteilungskriterien nur insoweit bedeutsam, als sie dem
gesellschaftlichen Verständnis als Rezeptionsstandards oder -blockaden
dienen können oder die Intentionalität der literarischen Fiktion
verständlich machen.
Günter Grass stellt sich der Gegenwart, ohne
literarisch verkappte politische Essays zu schreiben. Die erzählerischen
Formen, die sein Werk bestimmen, sind die Formen von Erzählung und
Roman, sind Literatur. Auch wenn diese Aussage tautologisch wirkt, ist
sie notwendig, um maßstabsfremde politische Erwartungen und Anmaßungen
abwehren zu können, die das Verständnis des Werkes verstellen könnten.
Aus der Erzählung sind keine geschlossenen politischen
Urteilskategorien, sind keine deduzierten Handlungskonzept abzuleiten.
Dennoch ist das Werk durchzogen von einer politischen Moral, die alles
andere als einfach, umsetzbar oder anwendbar erscheint, sondern
fiktionale wie politisch-gesellschaftliche Realitäten distanziert,
fragwürdig macht und eben diese Fragen provoziert. Die in Erzählhaltung
und erzählerischem »Ich« uneindeutige, opalisierende literarische Form
unterstützt diese Rezeption des Uneindeutigen, Distanzierenden und
Moralisierenden und gibt gerade dadurch Anlaß zu Mißverständnissen und
literarischer oder politischer Kritik.
Die Handlung ist einfach und verworren
zugleich. Eine Erzählebene ist die zarte Liebesgeschichte des alternden
deutschen Witwers Alexander, der beim Besuch seiner Geburtsstadt Danzig
die etwa gleichaltrige polnische Witwe Alexandra trifft, die der Krieg
aus ihrer Heimatstadt Wilna ins polnische Gdansk verschlagen hat.
Alexander sucht die Gräber seiner Familie in Danzig, Alexandra erinnert
sich ihrer Vorfahren, die in Vilnius begraben liegen. Parallelen des
persönlichen, sehr subjektiven und moralisch-emotionalen Erlebens, die
die zweite, die politisch-moralische Handlungsebene der Erzählung
begründen. Warum können die in der Fremde Gestorbenen nicht wenigstens
im Tode in heimatliche Erde zurückkehren? Hier spielt die Erzählung
scheinbar unzeitgemäß mit den ambivalenten subjektiven Dimensionen des
Heimatsgefühls und der Herkunftsverbundenheit, die in gewisser Weise das
Werk von Grass in seiner Fixierung auf Danzig und die Kaschubei schon
seit der »Blechtrommel« durchziehen. In dieser Hinsicht ist der Autor
sehr subjektiv, unintellektuell, anachronistisch.
In der zweiten Erzählebene wird die
»moralische Konsequenz« in dem Projekt eines »Versöhnungsfriedhofes« in
Danzig fortentwickelt. Eine »Versöhnung über den Gräbern« soll nicht nur
leere pathetische Nachkriegsphrase sein, sondern praktisches moralisches
Handeln, das in seiner politische-praktischen Absurdität durch umso
realistischere Detailtreue was Organisation, Ort und Anlage in Gdansk
angeht – für den Ortskundigen leicht nachzuvollziehen – aufgewogen wird
und so Glaubhaftigkeit gewinnen kann.
Die dritte Erzählebene ist die
ironisch-politische Darstellung des – notwendigen – Scheiterns des
Projektes gerade an seinem ökonomischen Erfolg. Daraus gewinnt Grass
brillante Ansätze für den ironischen Blick auf
gesellschaftlich-politische Fehlentwicklungen der Nachwendezeit, über
das alles vereinnahmende und zu Geld machende Vermarktungsprinzip, das
auch vor der Moral nicht Halt macht, über die politische Vereinnahmung
und Funktionalisierung von Geschichte und Zeitgeschichte und über die
demoralischen Erfolgszwänge des politischen und ökonomischen Managments,
die Menschlichkeit durch funktionalistische Effizienz ersetzen.
Aber: wie eingehend schon ausgeführt, so
eindeutig, so direkt moralisch ablesbar ist die Erzählung nicht, die
kein politisches Essay sein will und kann. Aus der Mehrschichtigkeit des
Erzählens entsteht die notwendige Rückfrage, wovon soviel
Nachwendezeit-Unmoralismus denn abhängt, entstanden ist. Die hinfahre
kritisch-ironische Beschreibung ist dazu viel zu undifferenziert. Liegen
Fehlentwicklungen vielleicht schon strukturell in dem naiven
Geschichtsmoralismus des Konzeptes eines »Versöhnungsfriedhofes«
begründet, der die Last der Versöhnung von den Lebenden abwälzen und den
umgebetteten Toten, die in immer größerer Zahl in der Erzählung nach
Danzig »transferiert« werden, aufbürden will, so daß die Lebenden
unbelastet ihrer gegenwärtigen Geschäftsgier nachkommen können? Liegen
heutige Fehlentwicklungen begründet in den Menschen selbst, die nicht
rechtzeitig ihre »Lektion« aus der Geschichte gelernt haben und
utopischen oder gefühlsmäßig retrograden Vorstellungswelten anhängen?
Die Literarische Perspektive ist von solcher
Uneindeutigkeit, daß sie gerade dieses Offenlassen der Bedeutung und der
Begründung des Erzählten rezeptionell verstärkt. Die zeitliche Fixierung
des Erzählzeitpunktes in einer – noch – Zukunft als Blick zurück in die
Gegenwart, wird erst im Laufe der Erzählung deutlich, wenn sich die
Erzählung des Scheiterns und der Distanz benötigenden ironischen
Reflexion in den Vordergrund schiebt.
Die zarte Liebesgeschichte, die die
subjektive Basis für das moralische Empfinden darstellt, von der aus das
Versöhnungsprojekt seinen Ausgang nimmt, scheint dem Leser zunächst noch
sehr gegenwärtig zu sein, wobei aber das erzählende Ich als dezenter
Chronist sich einer Innensicht der Protagonisten Absichtsvoll
verschließt und damit psychologistische Interpretationen der Erzählung
von Anfang an abwehrt: was sehr wichtig ist, wenn die Frage nach der
geschichtlichen Moral ernsthaft gestellt werden soll.
Im weiteren Verlauf der Erzählung tritt die
Form der Chronik und der sachlichen Darstellung immer mehr in den
Vordergrund, das Abgeschlossensein des – moralisch –
gescheiterten Projektes – oder der moralisch gescheiterten
»Wende« insgesamt: der bestehende rein materielle Erfolg legt
diese symbolische Parallele ja nahe – wird zum Erzählprinzip und
ermöglicht die ironische Distanzierung, vor der die Protagonisten in all
ihren menschlichen Schwächen und Glaubwürdigkeiten, durch ihre fast
liebevolle Einführung im ersten Teil der Erzählung aber weitgehend ausgespart
bleiben.
Überlegen wir abschließend, dem Kontext der
Rezension folgend, welche Anstöße diese Erzählung dem
Sozialwissenschaftler und Politikdidaktiker über die literarische
Beschäftigung hinaus geben kann, so wird der philosophische Ansatz
sicher wichtig werden, Wirkung und die Ambivalenz einer
nicht-metaphysischen Moral über den erklärend-zivilisationstheoretischen
Ansatz hinaus als Bewußtseinsinhalt und Handlungswert des Menschen
verstehen zu lernen und mit der nötigen kritisch-ironischen Distanz
ernst zu nehmen, ihn als subjektiven, aber als solchen gültigen
Wertmaßstab an eine lächerliche und gefährlich sich fehlentwickelnde
politisch-ökonomische Realität anzulegen. Doch dies alles ohne eine
eindeutige Moral.
Gerhard Voigt
Jos Schnurer:
„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er
spielt“
Einen Hauptfehler begeht man, wenn man will,
daß ein Kind eine Anstrengung allein aus Pflichtbewußtsein, nur aus
Achtung vor der reinen Disziplin leiste... Für das Kind bedeutet Spielen
Arbeit, das Gute, die Pflicht und das Lebensideal.
„Das Spiel
ist die erste Poesie des Menschen“, so definiert Jean Paul in seiner
„Erziehlehre“
das Phänomen – oder auch das Selbstverständnis – daß „das Spiel der beste,
ja sogar einzige Weg (ist), uns in das ästhetische Vergnügen, die
Meditation... einzuführen“.
Große Wissenschaftler, wie Kepler, Ampère, Gauß, Pasteur, Maxwell, Planck,
Einstein u.a. äußerten, daß sie im Augenblick ihrer Entdeckungen und
Erfindungen die gleiche Freude erlebt hätten wie Kinder beim Spielen.
Thomas von Aquin nennt den Stellenwert so: „Das Spiel ist so notwendig für
das menschliche Leben wie das Ausruhen“.
Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß in der Vergangenheit das
Spiel den Bereichen Ästhetik und Philosophie zugeordnet wurde.
In einer Zeit, in der es gilt, „Schule neu zu denken“
(Hartmut von Hentig), in der das „Ende der Erziehung“ vorhergesagt wird,
in der nach einer neuen „Lebenskraft“ Ausschau gehalten wird,
in der es die „Langsamkeit“ zu entdecken gilt,
zur „Entschleunigung des Lebens“ aufgerufen wird,
in der die „Leichtigkeit des Seins“ beschworen wird
und in der das Chaos auf der Erde angekündigt wird, wenn es nicht gelingt,
daß wir Menschen zum Umdenken bereit sind,
in dieser Zeit wird auch in der Schule eine (alte/neue) Denkauffassung
einzuführen sein, Lernen anders als bisher nach den überwiegend
fächerbezogenen Kriterien und nach überholten Schulorganisationen zu
begreifen. Der „zerstückelte Schüler“, der in der ersten Stunde Mathe, in
der zweiten Erdkunde, in der dritten ... zu absolvieren hat, und das im
45-Minuten-Takt, muß der Vergangenheit angehören.
Unser Gehirn besteht aus zwei Hälften. In der linken
Gehirnhälfte werden die Lernkapazitäten für das kognitive Lernen bereit
gestellt, in der rechten die für das emotionale Lernen. Mit diesen (alten)
neuen Erkenntnissen erinnern die Neurologen daran, daß wir in der Schule
das Lernen vielfach einseitig organisieren; während wir die Kapazitäten
der linken Hirnhälfte erheblich strapazieren, lassen wir die der rechten
Hälfte verkümmern.
Und wir verhindern so das angestrebte Ziel eines Lernens mit Kopf und
Hand, mit Hirn und Bauch, um eine „ganzheitliche Veränderung“ in unserem
Denken und Handeln zu erreichen.
Zur Thematik „Spiel“ gibt es mittlerweile eine Fülle von
Lernvorschlägen und -materialien; sie reichen von Anregungen für
Rollenspiele,
zum Theaterspielen,
für Interkulturelles Lernen,
bis hin zum Fremdsprachenlernen.
Interaktionsspiele, also Lernaktivitäten mit Sprache +
Körper + Gruppe, sind traditionelle Arrangements im Unterricht.
Der Verlag an der Ruhr legt in der Reihe „Gemeinsam leben lernen“ ein
neues Material vor:
Udo Kliebisch, Kooperation und
Werthaltungen. Interaktionsspiele und Infos für Jugendliche, Paperback,
Mühlheim, September 1995, ISBN 3-86072-211-5, 158 S.
Der Autor,
psychologisch ausgebildeter Beratungslehrer, als Dozent in der
Lehrerfortbildung tätig, Lehrbeauftragter an der Universität Bochum, legt
in seinem Buch 20 Interaktionsspiele zu den Themenbereichen „Selbst-Erfahrung“,
„Kooperation“ und „Werthaltungen“ vor. Mit seinen Vorschlägen wendet er
sich an Lehrerinnen und Lehrer, die „ein hohes Maß an Sensibiltät“ besitzen
bzw. sich darum bemühen. Die Interaktionsspiele sind für Schülerinnen,
Schüler ab Sekundarstufe I und Jugendliche und Erwachsene geeignet. Er
beginnt mit zwei Fragebogen: Zur Kooperationsfähigkeit und zu
Werthaltungen. In der Auswertung der Antworten darauf werden verschiedene
„Persönlichkeitsstile“ definiert und „Werte und Normen“ benannt, die im
anschließenden Gruppengespräch erläutert werden. Die ausgewählten Spiele
werden nach einem immer wiederkehrenden 9-schrittigen Raster ausgeführt,
der es dem Gruppenleiter ermöglicht, die Spielaktivitäten vorzubereiten
und zu erklären. Die Vielfalt der mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad
und Anspruch ausgestatteten Interaktionsspiele bietet die Chance, sie bei
verschiedenen Lernanlässen, sowohl im Fachunterricht, fächerübergreifend,
in Projektwochen, Arbeitsgemeinschaften, Schulfesten, in der
Lehrerfortbildung, ja sogar bei Elternabenden einzusetzen. Kopierfähige
Vorlagen erleichtern den Einsatz; Hinweise auf Ausweitungen und
zusätzliche Gruppenaktivitäten bieten zudem Raum für eigene Kreativität.
Ein Verzeichnis gibt Hinweise auf weitere Materialien und theoretische
Literatur.
„Zeit zum Spielen?“, von
Schulaufsichtsbeamten, sicherlich auch von Lehrerinnen und Lehrern und
nicht zuletzt von Eltern – diese Frage muß mit einem großen Ja beantwortet
werden; denn Zeit zum Spielen heißt auch Zeit zum ganzheitlichen Lernen!
Laßt uns anfangen!
Jos Schnurer:
Scharareh heißt Funke
Ein Kräftemessen
mit der Tradition, so bestimmt Mostafa Arki, der aus dem Iran stammende
und in Hildesheim lebende Schriftsteller, der überwiegend in deutscher
Sprache schreibt, sein neues Buch „Scharareh“. In vier Kurzgeschichten
setzt er sich in poetischer Form mit der Situation von Frauen auseinander,
die mit ihren Familien im deutschen Exil leben. Der Funke als Symbol für
die lodernde, schöpferische Quelle des kontrollierten Feuers – und als
zerstörerische, ungebändigte Kraft einer beginnenden Vernichtung – das
sind die Zeichen, die der Autor überträgt auf die schicksalhafte Existenz
von Frauen, sicherlich nicht nur iranischen, die in der Konstellation von
islamischer Erziehung, persischem Rebellionsdrang und westlichem
Freiheitsempfinden leben; zwischen nicht selten patriarchalischen
Traditionen anhängenden Ehemännern, deren fundamentalistischen und
fanatischen Verhaltensweisen, ihrem vermeintlich selbstverständlichem
Recht, sich eine Geliebte zu halten und dem Eingeschlossensein in Haus und
Gebundensein an Kinder. Die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, die
oft erst in der Freiheit der Fremde übermächtig wird, trifft auf Spuren
von westlichen Emanzipationserfahrungen. Daraus entwickeln sich
Geschichten von vier iranischen Frauen, denen der Autor allen den gleichen
Namen gibt: Scharareh. Sie sind konfrontiert mit Namen, die im persischen
Freiheit, Offenheit und Entfaltungsmöglichkeit signalisieren: Schahram,
Schahroch, Schaahin und Schohab, die Namen der Geliebten ihrer Männer.
Diese wiederum tragen islamische Namen: Hossein-Ali, Alijar, Mohammad-Ali
und Hassanali, als Prototypen für patriarchalisches und hierarchisches
Denken.
Dabei gerät der Autor nicht in die Falle, die
bei der Thematik leicht offensteht: Fundamentalismus / Islam = schlecht;
westliche Kulturen / Freiheit = gut. Vielmehr differenziert er mit seinem
erzählenden, persönlichen und emotional bestimmten Stil deutlich, um die
Problematik, wonach ca. 90% der im Iran geschlossenen Ehen im deutschen
Exil auf Veranlassung der Frauen geschieden werden, in einen
Schicksalsbericht zu übersetzen. Eindringlich gelingt es Mostafa Arki, die
Zweifel, die Hoffnungen, Begehrlichkeiten und Skrupel zu beschreiben, die
„Scharareh I“ befallen, bis zu der Entscheidung: „Alles, was ein Mann tun
kann, kann ich auch“. Die Gefühle und Wünsche von „Scharareh II“, aus
ihren Konventionen und spürbaren Fesseln auszubrechen, waren nicht neu;
zwar wird behauptet „es hänge mit dem Klima im Ausland zusammen“, weil die
Frauen in Europa freier seien als in ihrer Heimat Iran, doch sie schämte
sich ihrer Hoffnungen. Auch im Iran fühlte sie so, nur wurden diese
Wünsche von der herrschenden Sitte und Moral unterdrückt. Bis es ihr
gelingt, aus der „Gefangenschaft eines scheinbar ausweglosen Labyrinths“
auszubrechen, oder doch nicht? Denn kein Happy End-End krönte ihr Leben...
In die Höhen und Abgründe des Lebens leuchtet der Autor, und Scharareh ist
immer Opfer und Täterin zugleich; Opfer einer verbissenen Verfolgung aus
einer kulturell verbrämten Gefangenschaft, die sich Ehe nennt und die ihr
schließlich den Tod bringt; aber auch Täterin aus Liebe und
Selbstbewusstsein, das sich ausdrückt in Widerspruch gegen die
überkommenen und überholten Wertevorstellungen der Ehemänner. Ihr Mut, die
Dinge beim Namen zu nennen, bringt ihr die Konflikte, an denen sie
zerbricht und wächst, zerbricht und wächst, in unmenschlichen Tragödien
und unermesslichen Glücksgefühlen. Als sich „Scharareh IV“ von ihrem Mann
trennt, entführt er die gemeinsamen Kinder. Wie vorbestimmt folgt sie dem
„Wegweiser“, der sie zu den Kindern bringt, weit weg...
Mostafa Arki nimmt in seinen Erzählungen
Partei für die entrechteten Frauen; er appelliert gleichzeitig an die
Männer, für die Demokratie der Geschlechter einzutreten. Dabei versteht er
sich als Brücke zwischen orientalischem und westlichem Denken. Die
„Vorherrschaft des Mannes“ gilt es in beiden Kulturbereichen kritisch zu
hinterfragen. Der westliche Ruf „zurück zu der traditionellen Familie“ ist
für ihn nichts anderes als der „Fundamentalismus des Westens“. Seine
Hoffnung ist zweifelsohne ein mächtiger Wunsch; seine Wünsche sind
allerdings auch einfach: „Die Würde der Frau ist die Würde von uns allen“:
Scharareh!
Das Buch
Mostafa Arki, Scharareh. Erzählungen.
Internationales Kulturwerk, Hildesheim 1997, 225 S. 32.– DM (Hardcover)
oder 24.– DM (Paperback). ISBN 3 – 910069 – 72 – X
wird vom
engagierten Verein IKW e.V. herausgegeben, der sich für die
Flüchtlingssozialarbeit engagiert und als Verlag interkulturelle Literatur
verlegt. Rund 70 Buchtitel sind bisher erschienen: Romane, Erzählungen,
Sachbücher, Kinderliteratur und Lyrik, auch das Deutsch-Persische Wörterbuch
von Prof. Dr. Cirus Djavid. Schließlich erscheint im IKW seit Januar 1992
die angesehene Literaturzeitschrift ARKADEN, mit bisher interessanten
Schwerpunktthemen, wie „Kulturstandards“, „Rassismus in den Medien“,
„Sexualität“, „Afrika“, „Familie“ und „Westliche Zivilisationen“.
Jos Schnurer
Jos Schnurer:
„Ich bin ein moderner Don
Quichotte“
Es gibt immer
mal wieder Tonkasetten-, Schallplatten- und CD-Aufnahmen von Schulbands.
Die Produkte werden meist im schulischen Umfeld, bei Oma und Opa und in
der Verwandtschaft zum Kauf angeboten. Als Pädagoge hält man sich zurück,
wenn es um die Beurteilung von musikalischer Qualität und inhaltlicher
Aussagekraft der Produkte geht – erst mal loben wegen des Engagements,
wegen des Muts, sich in die Öffentlichkeit zu wagen, vielleicht sogar auf
den heißumkämpften Musikalienmarkt.
Von einem solchen Unterfangen soll hier n i c
h t berichtet werden. Vielmehr wird eine CD vorgestellt, die sowohl was
den musikalischen wie den sprachlichen Ausdruck anbelangt, als
bemerkenswert angesehen werden kann. Da tut sich ein Göttinger
Oberstudienrat, vom Fach Naturwissenschaftler, von seinem Engagement her
und von seiner Herkunft ein Interkultureller, mit Oberstufenschülern
seiner Schule zusammen und gründet eine Band. Bald schon gibt die Gruppe
Konzerte in der Schule und außerhalb; sie werden in Göttingen bekannt.
Sie spielen keine Walzer und Foxtrott, sondern
sie mischen sich mit ihren Liedern und Musikstücken, die von Bala Prasad,
dem Lehrer, ein. Sie spielen und singen „gegen Ökozid & Gewalt“ – so heißt
auch ihre erste CD, die gerade auf dem Markt gekommen ist:
BALA PRASAD und die PHYSIKER: Gegen Ökozid &
Gewalt, FTM, media productions, BP 28942/C+P 1996/LC 7997 (zu beziehen
bei: Bala Prasad, Postfach 1117, 37001 Göttingen).
Das Cover verweist auf das Interkulturelle der
Gruppe: Bala Prasad, so sein Künstlername, stammt nämlich aus Indien. Das
indische Mandala als Meditationsmuster mit dem äußeren Kreislauf all
dessen, was auf der Erde lebt und existiert, mit Brahman als der
Weltseele, mit Raum und Zeit als abstrakte Elemente, und im inneren
Kreislauf mit der lebensspendenden Kraft von Yang und Yin, gibt Ziel und
Richtung der Musiker an: Mit musikalischem Engagement, gleichsam als
Startzeichen für eine ganzheitliche Energie, geht es um Eintreten für
Menschlichkeit, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, für eine globale
Humanität und Solidarität, gegen Ausbeutung von Mensch und Natur. Die von
Bala Prasad getexteten und von der Gruppe gemeinsam musikalisch
umgesetzten Lieder sind eine Mischung aus vordergründig humorvollen
Aussagen, wie etwa „Blumen in der Vase“, über die Tücken des
Blumenschenkens bei Heuschnupfengeplagten, „Don Quichotte“ in seinem Kampf
gegen den radioaktiven Schrott, „Affenmensch“, eine satirische Beobachtung
der Wahlkämpfe und „Kiowa“, als Erinnerung an den im November 1990 in
Eberswalde von Rechtsradikalen ermordeten Angolaner Amadeu Antonio Kiowa.
Mit Original-Tablarhythmen wird es dann indisch: In dem Lied „Leher, Leher“,
wird der Kampf der Küstenfischer gegen den aufkommenden Sturm besungen.
Die CD kann bei vielerlei Gelegenheiten
eingesetzt werden. Die Arbeit im Unterricht wäre nicht die schlechteste,
etwa wenn es um gesellschaftliches Engagement geht, um globale Solidarität
und Interkulturelles Lernen.
Jos Schnurer
Anmerkungen
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