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politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1997

Politisches Denken – Politisch Handeln.


Rezensionen
Anmerkungen

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Corrina Gomani und Michael Hinz:

Fremde und Zivilisierung

Hans-Peter Waldhoff: Fremde und Zivilisierung. Wissenssoziologische Studien – Probleme der modernen Peripherie-Zentrums-Migration am türkisch-deutschen Beispiel. Frankfurt am Main, Suhrkamp 1995, ISBN 3-518-58196-1. 435 Seiten, DM 56,-.

Derzeit setzt sich im Diskurs immer stärker die These vom Kulturkonflikt durch, wenn die zwischen- wie innerstaatlichen Beziehungen von Menschen und Gesellschaftsgruppen, die verschiedenen Kulturkreisen entstammen, problematisiert werden. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient die Arbeit von Hans-Peter Waldhoff, der beim Aufeinandertreffen von Einheimischen und Migranten eben nicht primär die kulturellen Distanzen, sondern die verschiedenen Zivilisationsstufen ins Zentrum seiner wissenssoziologischen Auseinandersetzung mit den kulturellen Differenzen rückt. ‚Zivilisation‘ faßt er dabei begrifflich in Anlehnung an Norbert Elias, befreit von kulturellen Überlegenheitsgefühlen: die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols und das Zurückdrängen der physischen Gewalt, die Verlängerung der Interdependenzketten sozialen Handelns sowie das damit einhergehende erlernte Vermögen, das Verhalten selbst zu steuern.

Am Beispiel der Etablierten-Außenseiter-Figuration von Türken und Deutschen werden die wechselseitigen Fremdheitsgefühle infolge von Migrationsprozessen genauer betrachtet. Anders als traditionelle Migrationsforscher liefert er einen mehrperspektivischen, interdisziplinären Beitrag zur Migrationsproblematik. Waldhoff durchbricht das „‚zivilisierte‘ Tabu der expliziten Thematisierung von Zivilisierungsdifferentialen“ zwischen den türkischen Migranten und der deutschen Einwanderungsgesellschaft, das der romantisierende „Multikulturalismus“ gegen stigmatisierende und ausgrenzende Behauptungen des aggressiven „Monokulturalismus“ aufgebaut hat. Hierfür wird aufgezeigt, wie unterschiedlich sich die europäischen und türkischen Staatenbildungs-, besonders Gewaltmonopolisierungsprozesse im Vergleich darstellen. Dabei hat der europäische Zivilisierungsprozeß jedoch nicht nur „zivilisiertere“ Gefühls-, Denk- und Verhaltensstandarde, sondern auch eine spezifisch „zivilisatorische Fremdheit“ hervorgebracht, d. h. eine starke Abneigung gegen Menschen, die nicht ein ähnlich gelagertes Selbststeuerungsmuster hinsichtlich ihrer Affekte, Triebe und ihres Verhaltens aufweisen.

Wer an der psychosozialen Verarbeitung von Fremdheit interessiert ist und darüber hinaus auch die historische Perspektive miteingedacht haben möchte, wird durch die Lektüre dieses Buches weiterreichende Anregungen bekommen.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Rezensenten aus: Betrifft Mehrheiten-Minderheiten. Zeitschrift der Ausländerbeauftragten des Landes Niedersachsen. Heft 3/97 (Juli/August). Hannover.

Michael Hinz

Zwischen Ritual und Alltag

Rezension von Maria Elisabeth Müller: Zwischen Ritual und Alltag. Der Traum von einer sozialistischen Persönlichkeit, Campus Forschung, Bd. 743, Frankfurt/New York: Campus Verlag 1997, 104 S., DM 38,-

Sieben Jahre nach der „Vereinigung“ der Deutschen Demokratischen Republik und der alten Bundesrepublik scheint das öffentliche Interesse am Scheitern des „Traumes von einer sozialistischen Persönlichkeit“ und einer staatssozialistischen Gesellschaft nachgelassen zu haben. Nachdem der von keinem „Experten“ vorausgesehene Zusammenbruch der DDR und die aus dem Zusammenschluß der beiden deutschen Teilgesellschaften resultierenden zwischenmenschlichen Probleme zunächst in aller Munde waren, sorgt sich ein Großteil der Westdeutschen inzwischen hauptsächlich darum, wie lange der sog. Solidaritätszuschlag noch zu zahlen ist. Demgegenüber schwelgen einige Ostdeutsche in einer Art realitätsentrückter „DDR-Nostalgie“. In der neuen, gesamtdeutschen Hauptstadt Berlin, wo sich die etablierten Westdeutschen und die ostdeutschen Außenseiter besonders nahe kommen – was eigentlich Hoffnungen für das „Zusammenwachsen“ beider und ein Nachlassen der Fremdheitsgefühle zwischen ihnen erwecken könnte –, lassen sich wachsende gegenseitige Ressentiments ausmachen.

Fern von kurzfristigen tagespolitischen und zeitgeistlichen Strömungen stellt sich Maria Elisabeth Müller dem Thema der unterschiedlichen Orientierungs- und Verhaltensmuster von Ost- und Westdeutschen in einer Langfristperspektive. Sie untersucht den ihr fremden, den „anderen deutschen Zivilisierungsprozeß“, ausdrücklich ohne einen systematisch-empirischen Vergleich der Deutschen in Ost und West anzustreben. Gleichwohl bilden, was sie auch reflektiert, ihre eigenen Erfahrungen des Aufwachsens in der alten Bundesrepublik die implizite Vergleichsfolie ihrer Arbeit. Bei ihrem Versuch, die spezifischen Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster der Menschen zu verstehen, die im rund vierzig Jahre real existierenden Staatssozialismus geformt und erzogen worden sind, zieht sie neben wissenschaftlichen Publikationen auch historische Tondokumente (Radioaufnahmen) heran. Diese authentischen „Hörbilder“ dienen ihr als – wissenschaftlich bisher wenig genutztes – Instrument, sich besser einfühlen (einhören) zu können in den sozialen Habitus der Menschen der ehemaligen DDR; sie machten sie auch aufmerksam auf die „beständige Diskrepanz zwischen positiver Beschreibung des neuen ›Wir-Ideals‹ in der DDR-Literatur und den Äußerungen realer DDR-Menschen“ (S. 14).

Der historische Ausgangspunkt von M. Müllers Betrachtung der DDR-Gesellschaft ist die staatliche Teilung Deutschlands als Resultat des Zweiten Weltkriegs. Im Zuge der strengen Entnazifizierung, der Enteignungen und Zwangskollektivierungen im Ostteil Deutschlands wanderten große Teile der alten gesellschaftlichen Oberschichten, des Besitz- und Bildungsbürgertums sowie adliger Gruppierungen, in den Westen ab. Diese Massenflucht ermöglichte den Menschen aus kleinbürgerlich-proletarischen Schichten ungeahnte soziale Aufstiegschancen. In einem gewaltigen gesellschaftlichen Umschichtungs- und Nivellierungsprozeß etablierten sich Angehörige zuvor unterprivilegierter Schichten als neue, loyale Macht- und Funktionselite, wodurch deren Wert- und Orientierungsmuster eine die Gesamtgesellschaft prägende Bedeutung erhielten. Die spezifische Persönlichkeitsstruktur dieser Aufstiegsgeneration, deren maßgebliche Sozialisation im Nationalsozialismus stattgefunden hatte, war auf (militärische) Disziplin, Konformität und Autorität-Gehorsams-Beziehungen ausgerichtet sowie hoch formalisiert. Entgegen ihres ideologischen Selbstbildes eines antifaschistischen Staates weist die DDR eine doppelte Kontinuität zum nationalsozialistischen Staat auf: zum einen die obrigkeitsstaatlichen Strukturen, zum anderen – damit korrespondierend – die soziale Hervorbringung eines „fremdzwangdominierten Zivilisierungsmusters“, welches sich auszeichnet durch übermächtige, strenge, rigide gesellschaftliche Kontrollen, die dem Einzelnen wenig Raum lassen zu lernen, sich selbst eigenverantwortlich zu steuern. M. Müller legt dar, daß das Fühlen, Denken und Handeln der Menschen in der DDR bis ins Innerste von einem disziplinierenden, autoritären Staat geprägt worden ist. Die streng hierarchisch organisierte Staatspartei, die zentrale gesellschaftliche Machtinstanz mit umfassendem, monopolistischem Herrschaftsanspruch, hat eigenverantwortliche, selbstbestimmte und selbstreflexivere Verhaltensweisen in nahezu allen Bereichen weitgehend unterbunden.

Dementsprechend basiert das (Um-)Erziehungskonzept der DDR, dessen Ziel die gänzlich mit der Gesellschaft versöhnte „sozialistische Persönlichkeit“ ist, nach M. Müller in erster Linie auf der Ausbildung einer formellen, disziplinierten Verhaltenssteuerung. Zahlreiche soziale Disziplinierungsinstanzen wie Krippen, Kindergärten, Jugendorganisationen, Schulen, Kasernen, Universitäten, Betriebe etc. zwangen die Menschen mittels militärartiger Erziehungspraktiken zu rigoroser Parteidisziplin. Selbst die (sozial-)wissenschaftliche Intelligenz unterlag dem Druck, die programmatisch-ideologischen Vorgaben der über das Monopol der Wissensvermittlung verfügenden Staatspartei widerspruchslos bis zum Wirklichkeitsverlust zu stützen. Eine Konsequenz des beinahe unausweichlichen Zwangs zur Einordnung in das „Kollektiv“ scheint ein „verhinderter Individualisierungsprozeß“ gewesen zu sein, eine starke Einschränkung des Spielraums individueller Selbstregulierung und Eigenverantwortung. Als tief verinnerlichte Grunddispositionen eines DDR-Habitus führt M. Müller an: ein starkes Treue- und Schutzverhältnis des Einzelnen zum Staat und damit einhergehend eine „fehlende Widerstandsmentalität“, ein kleinbürgerlicher Werte- und Geschmackskanon sowie eine prinzipiell affirmative Einstellung zur Arbeit und zum „Arbeitskollektiv“. Insgesamt bemerkt sie bei den DDR-Bürgern eine „doppelte Gewissensbildung“ angesichts der schizophrenen Situation zwischen einerseits extremer Ritualisierung des öffentlichen Lebens (Aufmärsche, Freundschaftstreffen, Heldenverehrungen etc.) zur Demonstration eines idealisierten Gemeinschaftsgefühls und andererseits realer Alltagserfahrung im privaten Bereich, der quasi als „Nische“ zur Distanzierung vom repressiv-autoritären Staat diente. Mit dem Rückzug ins Private vor der diktatorischen Staatsmacht ging allerdings eine weitgehende politische Entmündigung einher – ein solches „Doppelleben“ kennen wir auch aus der gemeinsamen deutschen Vergangenheit zur Zeit des Nationalsozialismus.

Die Akzeptanz und Loyalität gegenüber dem DDR-Staat scheint in großem Maße davon abhängig gewesen zu sein, daß dieser eine halbwegs befriedigende Versorgung seiner Bürger bereitzustellen vermochte. Sobald die staatlichen Wohlfahrtsleistungen nicht mehr gewährleistet schienen, wurde offenbar auch deren Preis, die staatliche Totalkontrolle der Einzelnen, nicht mehr in Kauf genommen. Während große Teile der älteren Generation in der Anfangsphase des staatlichen Konstituierungsprozesses noch durch ihren sozialen Aufstieg belohnt worden sind, blieb dieser den nachfolgenden Generationen angesichts sozialer Schließungsprozesse und blockierter sozialer Mobilität weitgehend verwehrt. Auf die Gründe für den Zusammenbruch des staatlichen Systems geht M. Müller nur am Rande ein – ihr geht es in ihrer anregenden, flüssig und verständlich geschriebenen Studie eher darum, den sozialen Habitus der Menschen der ehemaligen DDR, der sich nicht ebenso schnell wie die sozialen Strukturen zu wandeln vermag, besser zu verstehen und zu erklären.

Was diese Studie von vielen anderen über die DDR-Gesellschaft unterscheidet, ist die spezifische theoretische Betrachtungsweise. Diese zeichnet sich vor allem durch eine historische Langsicht und eine Mehr-Ebenen-Perspektive im Anschluß an Norbert Elias und mentalitätsgeschichtliche Ansätze aus. Gesellschaftliche und psychische Wandlungen werden hier als miteinander verflochtene, langfristige Prozesse erforscht. Ein solches Konzept hat schon der Ostberliner Soziologe Wolfgang Engler auf seine eigene deutsche Teilgesellschaft erfolgreich angewandt und dabei eine „zivilisatorische Lücke“ zwischen ost- und westdeutschen Gefühls-, Denk- und Verhaltensstilen konstatiert. Umsichtig an solche Überlegungen anschließend widersteht M. Müller in vorbildlicher Weise einer Gefahr, der viele Westdeutsche bei ihrem Blick auf die ehemalige DDR immer wieder erliegen: ein stereotypes, dichotomes Bild vom selbstgesteuerten, demokratisch-aufgeklärten Westdeutschen und dem fremdbeherrschten, unmündig-autoritätsverhafteten Ostdeutschen zu entwerfen. Indem sie die gesamtdeutsche Geschichte vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ihre Arbeit miteinbezieht, ist sie imstande, sich in DDR-Verhaltensweisen auch selbst zu erkennen und Verständnis für die Menschen aufzubringen, die in die DDR hineingeboren worden sind. Die auch gut als Einführung geeignete Studie von M. Müller zeichnet sich durch eine gelungene Balance zwischen Nähe und Distanz zum „Untersuchungsobjekt“ aus, den Menschen der ehemaligen DDR, und steht im besten Sinne in der „menschenwissenschaftlichen“ Tradition von N. Elias. Leider vermag der Preis des Buches nicht ebenso zu überzeugen wie die Fähigkeit der Autorin, präzise und stringent zu formulieren.

Axel Vahldiek und Hans-Peter Waldhoff:

Den Holocaust Denken

Über Harald Welzers Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust

Es ist unmöglich, mit Hilfe geisteswissenschaftlicher Methoden die Planung und Durchführung dieses Völkermordes zu analysieren; sie stehen im Widerspruch zu den seit Jahrtausenden generell von der Kulturmenschheit anerkannten Maßstäben menschlichen Verhaltens“ (Fraenkel und Bauer 1957, S.148).1 Das in diesem Satz angesprochene Problem dürfte wohl eine der elementarsten Fragen der Holocaust-Forschung sein. Obwohl von den bedeutendsten Forschern in vielen, tastenden Varianten formuliert, ist diese Fragerichtung merkwürdig unwirksam geblieben; sie ist es, die das Buch von Harald Welzer mit dem von Hannah Arendt entlehnten Titel „Verweilen beim Grauen“2 sehr klar und eindringlich aufgreift.

Sein grundlegendes und die gesamte Arbeit antreibendes Paradox lautet bündig, daß der Holocaust das am besten erforschte und doch am wenigsten verstandene Phänomen der neueren Geschichte darstelle. Mehr desselben ist unter diesen Umständen die falsche Strategie. Eine Überprüfung der Erkenntnismittel selbst drängt sich auf, der Denkstile oder Paradigmen, und damit auch der sie tragenden wissenschaftlichen Denkkollektive. Das aber verlangt von den Wissenschaftlern, sich selbst in Frage zu stellen; und dies in der Konsequenz weit radikaler als in den einleitend zitierten Beschreibungen einfacher Inadäquatheit: „Die unbefragte Inanspruchnahme wissenschaftlicher Erkenntnismittel“ läuft letztlich „auf den kafkaesken Versuch hinaus, daß der Irrsinn mit denselben Mitteln verstanden werden soll, mit dem er geplant und durchgeführt wurde.“ (Welzer 1997, S.20) Der Autor fragt, „ob nicht das wissenschaftliche Denken selbst das Handlungsmodell für den industriellen Massenmord bereitstellte?“ ( ebd., S.9) Dies nun ist eine Fragestellung, die engste Verwandtschaft mit Zygmunt Baumans Überlegungen zum Zusammenhang von „Wissenschaft, rationale Ordnung, Genozid“ (Bauman 1995, S.57-63) aufweist, und sich mit diesen sehr fruchtbar vergleichen und verknüpfen ließe. Es überrascht daher, daß Welzer nur Baumans Dialektik der Ordnung, und zwar außerordentlich kritisch, diskutiert, den gewissermaßen zweiten Teil dieser wichtigen Arbeit, Moderne und Ambivalenz, dagegen völlig ignoriert.

Der Autor kritisiert die mangelnde Distanzierungsleistung von Wissenschaftlern gegenüber der eigenen Berufsgruppe und deren Sozialisation, also eine Ebene mangelnder Selbstdistanzierung. Damit einher geht oft eine Überdistanzierung der Forscher von ihren Forschungsobjekten, jedenfalls aber systematisch eine mangelnde Reflexion dieser Beziehung und ihrer Einwirkung auf Forschungsergebnisse. Ein analoges Wahrnehmungsproblem ergibt sich hier vor allem bei deutschen Forschern durch die mangelnde (Selbst-)Distanzierung von der Präsenz eigener nationaler Prägungen und der Überdistanzierung von den vorangegangenen Generationen, insbesondere der des Holocaust. Beides wird als Fehlhaltung erkennbar, „wenn man mit Norbert Elias davon ausgeht, daß wir als Mitglieder sozialer Figurationen viel enger an historisch weit zurückliegende Geschehenszusammenhänge gebunden sind, als wir das vor dem Hintergrund unserer gegenwartsbezogenen Alltagswahrnehmung einerseits und sozialwissenschaftlicher Zustandsanalysen andererseits sehen können.“ (Welzer 1997, S. 21f., vgl. auch S. 69ff.)

Der Autor wehrt sich konsequenterweise auch dagegen, daß viele deutsche Forscher sich stillschweigend so verhielten, als hätten sie selbst nichts mit »denen« zu tun; statt dessen seien die Mitglieder der deutschen Nachkriegsgesellschaft „auch in einem sehr konkreten Sinne Kinder des Nationalsozialismus“, denn „auf der Ebene der Routinen und Praktiken ihres Alltagslebens“ habe es keineswegs einen so radikalen Bruch gegeben wie „auf der Ebene der Selbstrepräsentation der Wir-Gruppe“ (Welzer 1997, S.22). Aber auch diese ist von der Perspektive der Täter unbewußt kontaminiert.

Welzer bemängelt in einem weiteren Essay, daß die Entstehung jener Bilder (Photos, Filme, teilweise auch Architektur), mit denen heute versucht wird, die Erinnerung an die Geschehnisse wach zu halten, zuwenig berücksichtigt wird: diese sind größtenteils zu propagandistischen Zwecken produziert worden3, und zwar, wie etwa die Speersche »Ruinenwert-Theorie« zeigt, durchaus mit Berechnung der Wirkung auf heutige und zukünftige Betrachter. Dieser Essay über die täterproduzierten oder die Täterperspektive ungewollt transportierenden Bilder der Macht und die Ohnmacht der Bilder von den Opfern ist ein interessanter Beitrag zu den Theorien kollektiver Erinnerung (vgl. Welzer 1997, S.27-48). Die Bilder von den Opfern, wie sie etwa die Alliierten nach Befreiung der Konzentrationslager in kritischer Absicht machen, zeigen diese bis heute in dem entpersönlichten Zustand, in die sie von den Tätern gebracht wurden. Sie können nicht den brutalen Prozeß ihrer Zurichtung durch die NS-Täter zeigen.

Dieser paßt so wenig in den Rahmen unserer Alltagswahrnehmung und Menschen- und Gesellschaftsbilder, daß die überlebenden Opfer ihn bis heute kaum mitteilen können. Die Täter hingegen, wie an den Fallstudien Höß und Speer gezeigt wird, vermögen sich, eben weil sie Täter und nicht Opfer waren, als unzerstörte individuelle Persönlichkeiten und damit als weniger fremd für unser Verständnis zu präsentieren. Ihre Propaganda, rational entkräftet, lebt noch in tieferen Schichten, in der primärprozeßhaften Wirkung ihrer suggestiven Bilder auf uns Täternachkommen: Ein Muster aller nicht-reflexiven, unbewußten Formen der Moderne.

Die Nichtkommunizierbarkeit der extremen Opfererfahrung hingegen vererbt unverarbeitetes Grauen über die Generationen: „Es gibt Kinder von Überlebenden des Holocaust, die bis in ihr Jugendalter hinein gedacht haben, daß alle Menschen im Schlaf stöhnen und schreien“ (Welzer 1997, S.145). Drastischer lassen sich die Spätfolgen für die Opfer kaum noch vor Augen führen.

Gewiß bleiben in Harald Welzers »Verweilen beim Grauen« einige Fragen offen. So ist die These der Nicht-Kommunizierbarkeit4 der Geschehnisse an manchen Stellen so apodiktisch formuliert, daß sich, ganz gegen des Autors Absicht, die Frage aufdrängt, ob dann nicht auch in Zukunft eine wirksame Sozialforschung über den Holocaust unmöglich wäre; auch seine These, daß im Konzentrationslager „Parameter für überhaupt mögliches Handeln [...] auf Null reduziert sind“ (Welzer 1997, S.85) bedarf in dieser Zuspitzung einer Überprüfung.5 Insgesamt aber ist dieses Buch, welches sich weitgehend auf dem neuesten Stand der Forschung befindet, ein wertvoller Beitrag zu der Aufgabe, neue und vor allem die eigenen Denkpositionen besser miteinbeziehende Methoden zur Verarbeitung der Geschehnisse des Holocaust zu entwickeln.

Bauman, Zygmunt, 1995: Moderne und Ambivalenz; Das Ende der Eindeutigkeit. Frankfurt/M.

Fraenkel, Ernst/Bauer, Hrsg., 1957: Staat und Politik. Frankfurt/M.

Friedländer, Saul, 1987: Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung: Eine historiographische Studie zur nationalsozialistischen Judenpolitik und Versuch einer Interpretation. In: Eberhard Jäckel und Jürgen Rohwer (Hrsg.): Der Mord an den Juden im zweiten Weltkrieg; Entschlußbildung und Verwirklichung. Frankfurt/M.

Kannonier-Finster, Waltraud/Ziegler, Meinrad, 1993: Erinnern ohne Gedenken. In: Harald Welzer (Hrsg.): Nationalsozialismus und Moderne. Tübingen.

Kershaw, Ian, 1994: Der NS-Staat; Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Reinbek bei Hamburg.

Kielar, Wieslaw, 1989: Anus Mundi; Fünf Jahre Auschwitz. Frankfurt/M.

Langbein, Hermann, 1980: „...nicht wie die Schafe zur Schlachtbank“; Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Frankfurt/M.

Langbein, Hermann, 1995: Menschen in Auschwitz. Wien, München.

Rozanski, Zenon, 1948: Mützen ab. Hannover.

Sobanski, Tomasz, 1980: Fluchtwege aus Auschwitz. Warschau.

Überleben und widerstehen; Zeichnungen von Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-46“. Köln, Pahl-Rugenstein 1980.

von der Dunk, Hermann, 1987: Zur Diskussion über die Banalität des Bösen: Karl Jaspers, Hannah Arendt und Golo Mann. In: Eva Barlösius, Elçin Kürșat-Ahlers und Hans-Peter Waldhoff (Hrsg.): Distanzierte Verstrickungen; Die ambivalente Bindung soziologisch Forschender an ihren Gegenstand, S. 337-356. Berlin.

Welzer, Harald, 1997: Verweilen beim Grauen; Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust. Tübingen.

:Gerhard Voigt

Zur postmodernen Politikwahrnehmung – Zwischen Moral und »political correctness«:

»Mit aller Macht«: Ein mißverständlicher Titel. Anmerkungen zu »Primary Colors«

»Mit aller Macht«1 – so der deutsche Titel von »Primary Colors« – ist zwar der Roman des Kampfes um die Macht in den – fiktiven – Vorwahlkämpfen (primaries) der Democratic Party für die Präsidentschaftskandidatur in den USA – und als solcher situativ an eine Besonderheit des Wahlsystems in Amerika gebunden, der in der BRD nichts Entsprechendes entgegensteht –, es ist inhaltlich aber eher ein Roman über die Grenzen des Machterwerbs, die Bedingtheit der Machtmittel von den politischen und gesellschaftlichen Substrukturen und von dem Wechselspiel – der Machtbalance – der Interessen- und Funktionsgruppen in der us-amerikanischen Gesellschaft, bei der vor allem deren Fragmentierung und Segmentierung ins Auge fällt: und von dem Versuch, diese Machtbalance durch Einfluß auf die öffentliche Meinung durch Propaganda, aber auch durch Indiskretionen und Manipulationen zum eigenen Gunsten zu verschieben.

»Primary Colors« soll ein Schlüsselroman über den Präsidentschaftswahlkampf Bill Clintons sein und Indiskretionen über die Person und das Verhalten des heutigen Präsidenten enthalten. Der Verfasser – Anonymus, dessen Identität bis heute nicht aufgedeckt werden konnte – muß wohl über intime Kenntnisse aus dem Umkreis Clintons und über die politischen Interna Washingtons verfügen. Doch kann dies der Rezensent weder überprüfen, noch interessiert ihn diese Perspektive sonderlich, die in den USA sicherlich zum Bestseller-Erfolg des Buches beigetragen hat. Es geht in dieser Besprechung um eine andere als die personenbezogene »Authentizität« und Plausibilität des Romanes, es geht um die Frage, ob das Buch im Sinne eines wachen Beobachters gesellschaftlicher und politischer Prozesse aufschlußreich und nachdenkenswert ist und damit über den konkreten Fall hinaus exemplarische Einsichten in den Wandel der heutigen postmodernen politischen Kultur vermitteln kann, die auch in der gesellschaftlichen und politischen »Landschaft« der Bundesrepublik Deutschland von Interesse sein könnten.

Der ‚fiktive Präsidentschaftskandidat‘ wird im Laufe der Romanhandlung immer wieder mit angeblichem oder tatsächlichem Fehlverhalten in seiner Vergangenheit konfrontiert, in erster Linie mit Frauen-Affären und sexistischem Verhalten. Die Vorwürfe sind vernichtend und ohne jede Toleranzbereitschaft von einer sensationsgierigen Presse und den zu allen Tricks der Meinungsbeeinflussung bereiten Gegenkandidaten an die zu entrüstende Öffentlichkeit gebracht.

Bis dahin bedient das Buch alle erwarteten Stereotypen über die politische Öffentlichkeit in Amerika (stimmungsmäßig übertragbar auch auf Europa), aber, und das macht die Qualität des Romans aus, die Handlung und Politikdarstellung bleibt dabei nicht stehen.

In der von taktischen Winkelzügen durchsetzten Gegenstategie des Kandidaten, in der der fiktive Ich-Erzähler einer der wichtigeste Wahlkampfmanager wird: aus wohl recht vordergründigen Überlegungen ein familiär mit der Bürgerrechtsbewegung verknüpfter Afromamerikaner – was der political correctness entsprechen soll –, differenzieren sich die vordergründigen stereotypen Motivklischees und machen zunehmend deutlich, wie verstrickt in institutionalisierte Rollenerwartungen alle beteiligten Personen und politischen oder ‚öffentlichen‘ Gruppen verstrickt sind, wie wenig es auf subjektive Motive und ehrliche Überzeugungen ankommt und wie sehr das Verhalten von den ‚öffentlichen‘ Verhaltenserwartungen abhängt.

Hinter den Klischees werden immer deutlicher die institutionalisierten Machtbalancen und Machtressourcen etablierter konkurrierender Funktionseliten, die den Strukturen der Massengesellschaft entsprechend weitgehend entpersonalisiert sind. Indem dies offen gelegt wird, wird der für ethische Dissonanzerfahrungen empfängliche Leser immer weiter zu einer distanzierten Haltung gebracht gegenüber den Akteuren der politischen Handlung, die das selbst gar nicht durchschauen und von einer Frustration in die meist recht schnell vorübergehende Erfolgeuphorie taumeln, mehr getrieben als selbst planmäßig agierend...

Dies ist eine klassische Strategie der politischen Bildung, und das rechtfertigt den Hinweis auf dieses Buch auch im Zusammenhang mit dem Thema dieses Heftes über seinen Wert als Quelle und politisches Dokument hinaus.

Im Politikunterricht können an Hand dieses Romanes einige Problemfelder der heutigen Staatsgesellschaften der globalen ‚Zentren‘ aufbereitet und aufgearbeitet werden. So zunächst die starke Entpersonalisierung und der Zerfall in funktionale und separierte Subsysteme, was, nach Luhmann, einen Einstieg in die Systemtheorie ermöglicht; wichtiger erscheint mir aber die Möglichkeit, über den reinen Systemansatz hinaus die Wahrnehmungsdissonanzen der Realität dieser Gesellschaft zu erarbeiten, in denen sich einerseits die mit den sehr deutlich werdenden Machtkonkurrenzen verbundene Habitusentwicklung der sozialen Gruppen, andererseits aber auch das tradierte Verhaltensrepertoire der herrschenden Politischen Kultur im Rahmen eine historisch tieferen Zivilisationsprozesses ausdrückt.

Der an anderer Stelle dieses Heftes (im Aufsatz von Haselbach) thematisierte Konfliktbereich der ›political correctness‹ wird in dem rezensierten Buch in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und machtpolitischen Funktionalisierbarkeit evident und regt den Leser zu einer distanzierteren Überlegung zum Zusammenhang von Politik und Moral, von Liberalität und Antidiskriminierungspostulaten an.

Und damit ist schon, sieht man die hohe Auflage dieses Buches, das hoffentlich nicht nur wegen seines Skandalcharakters als Schlüsselroman gelesen wird, sehr viel für die Politische Bildung getan!

 

W

Gerhard Voigt:

Parallelwelten

Zu Christoph Ransmayr, „Morbus Kitahara“6

Was wäre gewesen, wenn 1945 die amerikanische Politik von Senator Morgenthau bestimmt worden wäre? Diese spekulative Frage mag am Anfang der Überlegungen gestanden haben, die zum Roman „Morbus Kitahara“ von Christoph Ransmayr führten. Doch diese Frage wird in dem Roman nicht beantwortet, kann nicht beantwortet werden, weil es sich sonst nicht um ein Werk der Literatur, sondern um eine politologische Spekulation oder besser um eine zeitgeschichtliche Modellanalyse handeln würde.

Christoph Ransmayr geht durch das Erzählen eines Romans der spekulativen Fragestellung selbst auf den Grund. Die Betroffenheit der Leser ist von Beginn an und im Verlauf der Lektüre immer stärker zwiespältig, gerade, da das Exposé anfangs der zeitgeschichtlichen Spekulation den Rang einer Erwartungshaltung zuweist, die dann sowohl erfüllt und gleichzeitig enttäuscht wird.

Merkwürdig vertraut ist die fremde Welt, in der der „Hundekönig“ im Auftrag der amerikanischen Militäradministration in einer fiktiven abgelegenen und fast hermetisch abgeschlossenen alpenländischen Gebirgswelt namens „Moor“ den Steinbruch eines ehemaligen KZ – in dem er selbst als Häftling gefoltert worden war – als permanente Mahnung, Strafe, Gedenkstätte und gleichzeitig immer noch nahezu einziger über die Subsistenz hinausweisenden Einnahmequelle und Arbeitsstätte der Bewohner von Moor verwaltet, sich den technisch begabten Schmied des Ortes, geboren zum Zeitpunkt des Kriegsendes und des „Oranienburger Friedens“, zum Fahrer, Leibwächter und technischen Famulus heranzieht, und schließlich dreißig Jahre nach dem Krieg die Räumung des ganzen Tals, das nun, nachdem die ganze Welt nach einer unabsehbaren Folge von Kriegen und Friedensschlüssen der pax americana unterworfen ist, von der amerikanischen Armee als Reparation als Manöver- und Bombenabwurfplatz benötigt und eingefordert wird, veranlassen muß.

Viele zu verallgemeinernde Fragen drängen sich auf, in dieser realistischen Welt des Nirgendwo: Fragen nach Sinn, Dauer und Wirkung verordneter Buße, Trauer, Reue; Fragen nach Herrschaftslegitimation, Dienst, Freude an der Gewalt und Entstehen von Haß; Fragen nach den Traum- und Wunschbildern des kaum erreichbaren „Anderswo“, Fragen nach dem Entkommen und dem Ende.

Realistisch sind die politischen Rahmenbedingungen, ihre Wirkungen und Widersprüchlichkeiten beschrieben; realistisch treten auch die gebrochenen, zwiespältigen und resignierten oder getriebenen Bewohner von Moor auf, glaubhaft gerade deswegen, weil sich der Verfasser der psychologisierenden Innensicht erhält, Motive aus den Handlungen erahnbar, aber nie ins vorgeblich Eindeutige gedrängt werden.

Doch dieser Realismus entsteht in einer völlig fremden Welt, deren Elemente gerade durch ihre Vertrautheit so erschreckend wirken. Es ist keine Modifikation, Abart oder fiktionale Umgestaltung unserer Welt und noch weniger das science fiction eines fremden Universums: Moor und der Frieden von Oranienburg, die amerikanische Herrschaft von Senator Stellamour, sind eine Parallelwelt unserer eigenen Welt, unsere Welt in einem Konjunktiv, der erahnen läßt, daß unendlich viele Parallelwelten existieren könnten, der erahnen läßt, daß letztlich unsere Existenz selbst eine Emanation des Konjunktivs ist.

Diese Grunderfahrung, die sich dem Leser von „Morbus Kitahara“ aufdrängt, ist bis in die Feinstrukturen der Erzählung durchgehalten. Die erzählten Biographien des „Hundekönigs“, der seinen Namen erhält von seinem Nachkriegsrefugium in einer alten verwilderten Villa, in dem sich in der ersten Nachkriegszeit ein Rudel verwilderter, bösartiger Hunde ansiedelte, mit denen der Steinbruchverwalter eine autoritatives Zusammenleben erzwingt, des „Schmiedes“, der als technisches Genie und sozialem Kretin, immer an der Grenze zur offensichtlichen psychischen Abnormität, als der „Vernünftigste“ in der Bewältigung des Lebens in Moor erscheint, die biographischen Momentaufnahmen der Randfiguren sind glaubhaft, immer nachvollziehbar, aber nie im literarischen Sinne zwingend – sie sind ebenso kontingent wie der Gesamtentwurf dieser Parallelwelt, es sind Parallelbiographien, genau real wie zufällig, folgerichtig wie willkürlich, eben in gewissem Maße ebenso uninteressant wie unsere eigene kontingente Biographie.

Die Studie über die Kontingenz, als die sich der Roman lesen läßt, belegt sich auch durch die Metaphern und Bilder, die zunächst als erklärend und bedeutungshaltig gelesen und verstanden werden, im Kontext der Handlung aber immer deutlicher ihre eigene Kontingenz erfahren lassen. Das trifft auch auf die titelgebende Krankheit des „Morbus Kitahara“ zu, einer teilweisen, vorübergehenden Erblindung, bzw. des beeinträchtigten Blicks durch „schwarze Löcher“ in der Netzhaut. Weder ist es aber eine „Erblindung vor der Realität“, die als psychosomatische Reaktion auf biographische Abstürze gerade auch zum Kriegsende real existierte, was ein starkes, aber unfragwürdiges Bild für die dargestellte Nachkriegssituation in Moor und die moralischen Defizite, die offensichtlich werden, gewesen wäre, noch ist diese Krankheit mit Sicherheit heilbar – auch das wäre ein zu eindeutiges Bild –; so ist der endgültige Verlauf der Krankheit bis zum Tod des „Schmiedes“ in Brasilien ungeklärt, wo er einen zunächst ebenfalls symbolisch erscheinenden, dann aber schlicht zufälligen aber wiederum aus der Situation heraus nachvollziehbaren Unfalltod erleidet, ohne daß die das Buch durchziehende Traumperspektive „Brasilien“ irgendeine erzählerische Bedeutung erlangen konnte: Kontingenz als Realitätsprinzip, Parallelwelten als Bild für den existentiellen Konjunktiv.

Hier ist es interessant, dieses Buch im Kontext mit dem früheren Roman von Christoph Ransmayr, „Die letzte Welt“7, zu lesen, in dem ebenfalls die Infragestellung der Realitätssicherheit in einer grandiosen erzählerischen Paraphrase zu Ovids Metamorphosen zentrale Leseerfahrung wird.

Im Gegensatz zu „Morbus Kitahara“ erscheinen also, Ovid folgend, die Metamorphosen der Gestalt und der Realität aus dem innersten Wesen der Existenz heraus nach außen zu dringen, die Zwangsläufigkeit der Vielfalt verdeutlichend, den ewigen Wandel des unwandelbaren Seins darstellend: eine antike philosophische Figur, der Christoph Ransmayr zwar folgt, sie aber schon hier vorsichtig ironisiert und – vielleicht könnte man sagen: – erzählerisch „überdehnt“.

Morbus Kitahara“ gibt diese letzten Bindungen auf und überantwortet Realität, Geschichte und Erzählung der Kontingenz. Damit ist dieses Buch auch eine erzählerische Antwort auf grundlegende philosophische Diskurse der Erkenntnistheorie und Geschichtsphilosophie und als solche in diese Diskurse auch didaktisch einzubeziehen.

 

Gerhard Voigt:

Moral und Ironie?

Zu Günter Grass’ „Unkenrufe“8

Die Erzählung »Unkenrufe« von Günter Grass ist in der literarischen Öffentlichkeit, wie nahezu alle seine neueren Erzählungen und Romane, kontrovers und eher kritisch aufgenommen und beurteilt worden. Im Kontext, in dem diese Rezension steht – aus der Perspektive des literarisch interessierten Sozialwissenschaftlers und Politikdidaktikers – sind literarische Beurteilungskriterien nur insoweit bedeutsam, als sie dem gesellschaftlichen Verständnis als Rezeptionsstandards oder -blockaden dienen können oder die Intentionalität der literarischen Fiktion verständlich machen.

Günter Grass stellt sich der Gegenwart, ohne literarisch verkappte politische Essays zu schreiben. Die erzählerischen Formen, die sein Werk bestimmen, sind die Formen von Erzählung und Roman, sind Literatur. Auch wenn diese Aussage tautologisch wirkt, ist sie notwendig, um maßstabsfremde politische Erwartungen und Anmaßungen abwehren zu können, die das Verständnis des Werkes verstellen könnten. Aus der Erzählung sind keine geschlossenen politischen Urteilskategorien, sind keine deduzierten Handlungskonzept abzuleiten. Dennoch ist das Werk durchzogen von einer politischen Moral, die alles andere als einfach, umsetzbar oder anwendbar erscheint, sondern fiktionale wie politisch-gesellschaftliche Realitäten distanziert, fragwürdig macht und eben diese Fragen provoziert. Die in Erzählhaltung und erzählerischem »Ich« uneindeutige, opalisierende literarische Form unterstützt diese Rezeption des Uneindeutigen, Distanzierenden und Moralisierenden und gibt gerade dadurch Anlaß zu Mißverständnissen und literarischer oder politischer Kritik.

Die Handlung ist einfach und verworren zugleich. Eine Erzählebene ist die zarte Liebesgeschichte des alternden deutschen Witwers Alexander, der beim Besuch seiner Geburtsstadt Danzig die etwa gleichaltrige polnische Witwe Alexandra trifft, die der Krieg aus ihrer Heimatstadt Wilna ins polnische Gdansk verschlagen hat. Alexander sucht die Gräber seiner Familie in Danzig, Alexandra erinnert sich ihrer Vorfahren, die in Vilnius begraben liegen. Parallelen des persönlichen, sehr subjektiven und moralisch-emotionalen Erlebens, die die zweite, die politisch-moralische Handlungsebene der Erzählung begründen. Warum können die in der Fremde Gestorbenen nicht wenigstens im Tode in heimatliche Erde zurückkehren? Hier spielt die Erzählung scheinbar unzeitgemäß mit den ambivalenten subjektiven Dimensionen des Heimatsgefühls und der Herkunftsverbundenheit, die in gewisser Weise das Werk von Grass in seiner Fixierung auf Danzig und die Kaschubei schon seit der »Blechtrommel« durchziehen. In dieser Hinsicht ist der Autor sehr subjektiv, unintellektuell, anachronistisch.

In der zweiten Erzählebene wird die »moralische Konsequenz« in dem Projekt eines »Versöhnungsfriedhofes« in Danzig fortentwickelt. Eine »Versöhnung über den Gräbern« soll nicht nur leere pathetische Nachkriegsphrase sein, sondern praktisches moralisches Handeln, das in seiner politische-praktischen Absurdität durch umso realistischere Detailtreue was Organisation, Ort und Anlage in Gdansk angeht – für den Ortskundigen leicht nachzuvollziehen – aufgewogen wird und so Glaubhaftigkeit gewinnen kann.

Die dritte Erzählebene ist die ironisch-politische Darstellung des – notwendigen – Scheiterns des Projektes gerade an seinem ökonomischen Erfolg. Daraus gewinnt Grass brillante Ansätze für den ironischen Blick auf gesellschaftlich-politische Fehlentwicklungen der Nachwendezeit, über das alles vereinnahmende und zu Geld machende Vermarktungsprinzip, das auch vor der Moral nicht Halt macht, über die politische Vereinnahmung und Funktionalisierung von Geschichte und Zeitgeschichte und über die demoralischen Erfolgszwänge des politischen und ökonomischen Managments, die Menschlichkeit durch funktionalistische Effizienz ersetzen.

Aber: wie eingehend schon ausgeführt, so eindeutig, so direkt moralisch ablesbar ist die Erzählung nicht, die kein politisches Essay sein will und kann. Aus der Mehrschichtigkeit des Erzählens entsteht die notwendige Rückfrage, wovon soviel Nachwendezeit-Unmoralismus denn abhängt, entstanden ist. Die hinfahre kritisch-ironische Beschreibung ist dazu viel zu undifferenziert. Liegen Fehlentwicklungen vielleicht schon strukturell in dem naiven Geschichtsmoralismus des Konzeptes eines »Versöhnungsfriedhofes« begründet, der die Last der Versöhnung von den Lebenden abwälzen und den umgebetteten Toten, die in immer größerer Zahl in der Erzählung nach Danzig »transferiert« werden, aufbürden will, so daß die Lebenden unbelastet ihrer gegenwärtigen Geschäftsgier nachkommen können? Liegen heutige Fehlentwicklungen begründet in den Menschen selbst, die nicht rechtzeitig ihre »Lektion« aus der Geschichte gelernt haben und utopischen oder gefühlsmäßig retrograden Vorstellungswelten anhängen?

Die Literarische Perspektive ist von solcher Uneindeutigkeit, daß sie gerade dieses Offenlassen der Bedeutung und der Begründung des Erzählten rezeptionell verstärkt. Die zeitliche Fixierung des Erzählzeitpunktes in einer – noch – Zukunft als Blick zurück in die Gegenwart, wird erst im Laufe der Erzählung deutlich, wenn sich die Erzählung des Scheiterns und der Distanz benötigenden ironischen Reflexion in den Vordergrund schiebt.

Die zarte Liebesgeschichte, die die subjektive Basis für das moralische Empfinden darstellt, von der aus das Versöhnungsprojekt seinen Ausgang nimmt, scheint dem Leser zunächst noch sehr gegenwärtig zu sein, wobei aber das erzählende Ich als dezenter Chronist sich einer Innensicht der Protagonisten Absichtsvoll verschließt und damit psychologistische Interpretationen der Erzählung von Anfang an abwehrt: was sehr wichtig ist, wenn die Frage nach der geschichtlichen Moral ernsthaft gestellt werden soll.

Im weiteren Verlauf der Erzählung tritt die Form der Chronik und der sachlichen Darstellung immer mehr in den Vordergrund, das Abgeschlossensein des – moralisch – gescheiterten Projektes – oder der moralisch gescheiterten »Wende« insgesamt: der bestehende rein materielle Erfolg legt diese symbolische Parallele ja nahe – wird zum Erzählprinzip und ermöglicht die ironische Distanzierung, vor der die Protagonisten in all ihren menschlichen Schwächen und Glaubwürdigkeiten, durch ihre fast liebevolle Einführung im ersten Teil der Erzählung aber weitgehend ausgespart bleiben.

Überlegen wir abschließend, dem Kontext der Rezension folgend, welche Anstöße diese Erzählung dem Sozialwissenschaftler und Politikdidaktiker über die literarische Beschäftigung hinaus geben kann, so wird der philosophische Ansatz sicher wichtig werden, Wirkung und die Ambivalenz einer nicht-metaphysischen Moral über den erklärend-zivilisationstheoretischen Ansatz hinaus als Bewußtseinsinhalt und Handlungswert des Menschen verstehen zu lernen und mit der nötigen kritisch-ironischen Distanz ernst zu nehmen, ihn als subjektiven, aber als solchen gültigen Wertmaßstab an eine lächerliche und gefährlich sich fehlentwickelnde politisch-ökonomische Realität anzulegen. Doch dies alles ohne eine eindeutige Moral.

Gerhard Voigt

Jos Schnurer:

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“*

Einen Hauptfehler begeht man, wenn man will, daß ein Kind eine Anstrengung allein aus Pflichtbewußtsein, nur aus Achtung vor der reinen Disziplin leiste... Für das Kind bedeutet Spielen Arbeit, das Gute, die Pflicht und das Lebensideal.9

„Das Spiel ist die erste Poesie des Menschen“, so definiert Jean Paul in seiner „Erziehlehre“10 das Phänomen – oder auch das Selbstverständnis – daß „das Spiel der beste, ja sogar einzige Weg (ist), uns in das ästhetische Vergnügen, die Meditation... einzuführen“11. Große Wissenschaftler, wie Kepler, Ampère, Gauß, Pasteur, Maxwell, Planck, Einstein u.a. äußerten, daß sie im Augenblick ihrer Entdeckungen und Erfindungen die gleiche Freude erlebt hätten wie Kinder beim Spielen. Thomas von Aquin nennt den Stellenwert so: „Das Spiel ist so notwendig für das menschliche Leben wie das Ausruhen“12. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß in der Vergangenheit das Spiel den Bereichen Ästhetik und Philosophie zugeordnet wurde.

In einer Zeit, in der es gilt, „Schule neu zu denken“ (Hartmut von Hentig), in der das „Ende der Erziehung“ vorhergesagt wird13, in der nach einer neuen „Lebenskraft“ Ausschau gehalten wird14, in der es die „Langsamkeit“ zu entdecken gilt15, zur „Entschleunigung des Lebens“ aufgerufen wird16, in der die „Leichtigkeit des Seins“ beschworen wird17 und in der das Chaos auf der Erde angekündigt wird, wenn es nicht gelingt, daß wir Menschen zum Umdenken bereit sind18, in dieser Zeit wird auch in der Schule eine (alte/neue) Denkauffassung einzuführen sein, Lernen anders als bisher nach den überwiegend fächerbezogenen Kriterien und nach überholten Schulorganisationen zu begreifen. Der „zerstückelte Schüler“, der in der ersten Stunde Mathe, in der zweiten Erdkunde, in der dritten ... zu absolvieren hat, und das im 45-Minuten-Takt, muß der Vergangenheit angehören.

Unser Gehirn besteht aus zwei Hälften. In der linken Gehirnhälfte werden die Lernkapazitäten für das kognitive Lernen bereit gestellt, in der rechten die für das emotionale Lernen. Mit diesen (alten) neuen Erkenntnissen erinnern die Neurologen daran, daß wir in der Schule das Lernen vielfach einseitig organisieren; während wir die Kapazitäten der linken Hirnhälfte erheblich strapazieren, lassen wir die der rechten Hälfte verkümmern19. Und wir verhindern so das angestrebte Ziel eines Lernens mit Kopf und Hand, mit Hirn und Bauch, um eine „ganzheitliche Veränderung“ in unserem Denken und Handeln zu erreichen.

Zur Thematik „Spiel“ gibt es mittlerweile eine Fülle von Lernvorschlägen und -materialien; sie reichen von Anregungen für Rollenspiele20, zum Theaterspielen21, für Interkulturelles Lernen22, bis hin zum Fremdsprachenlernen23.

Interaktionsspiele, also Lernaktivitäten mit Sprache + Körper + Gruppe, sind traditionelle Arrangements im Unterricht24. Der Verlag an der Ruhr legt in der Reihe „Gemeinsam leben lernen“ ein neues Material vor:

Udo Kliebisch, Kooperation und Werthaltungen. Interaktionsspiele und Infos für Jugendliche, Paperback, Mühlheim, September 1995, ISBN 3-86072-211-5, 158 S.

Der Autor, psychologisch ausgebildeter Beratungslehrer, als Dozent in der Lehrerfortbildung tätig, Lehrbeauftragter an der Universität Bochum, legt in seinem Buch 20 Interaktionsspiele zu den Themenbereichen „Selbst-Erfahrung“, „Kooperation“ und „Werthaltungen“ vor. Mit seinen Vorschlägen wendet er sich an Lehrerinnen und Lehrer, die „ein hohes Maß an Sensibiltät“ besitzen bzw. sich darum bemühen. Die Interaktionsspiele sind für Schülerinnen, Schüler ab Sekundarstufe I und Jugendliche und Erwachsene geeignet. Er beginnt mit zwei Fragebogen: Zur Kooperationsfähigkeit und zu Werthaltungen. In der Auswertung der Antworten darauf werden verschiedene „Persönlichkeitsstile“ definiert und „Werte und Normen“ benannt, die im anschließenden Gruppengespräch erläutert werden. Die ausgewählten Spiele werden nach einem immer wiederkehrenden 9-schrittigen Raster ausgeführt, der es dem Gruppenleiter ermöglicht, die Spielaktivitäten vorzubereiten und zu erklären. Die Vielfalt der mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad und Anspruch ausgestatteten Interaktionsspiele bietet die Chance, sie bei verschiedenen Lernanlässen, sowohl im Fachunterricht, fächerübergreifend, in Projektwochen, Arbeitsgemeinschaften, Schulfesten, in der Lehrerfortbildung, ja sogar bei Elternabenden einzusetzen. Kopierfähige Vorlagen erleichtern den Einsatz; Hinweise auf Ausweitungen und zusätzliche Gruppenaktivitäten bieten zudem Raum für eigene Kreativität. Ein Verzeichnis gibt Hinweise auf weitere Materialien und theoretische Literatur.

„Zeit zum Spielen?“, von Schulaufsichtsbeamten, sicherlich auch von Lehrerinnen und Lehrern und nicht zuletzt von Eltern – diese Frage muß mit einem großen Ja beantwortet werden; denn Zeit zum Spielen heißt auch Zeit zum ganzheitlichen Lernen! Laßt uns anfangen!

Jos Schnurer:

Scharareh heißt Funke

Ein Kräftemessen mit der Tradition, so bestimmt Mostafa Arki, der aus dem Iran stammende und in Hildesheim lebende Schriftsteller, der überwiegend in deutscher Sprache schreibt, sein neues Buch „Scharareh“. In vier Kurzgeschichten setzt er sich in poetischer Form mit der Situation von Frauen auseinander, die mit ihren Familien im deutschen Exil leben. Der Funke als Symbol für die lodernde, schöpferische Quelle des kontrollierten Feuers – und als zerstörerische, ungebändigte Kraft einer beginnenden Vernichtung – das sind die Zeichen, die der Autor überträgt auf die schicksalhafte Existenz von Frauen, sicherlich nicht nur iranischen, die in der Konstellation von islamischer Erziehung, persischem Rebellionsdrang und westlichem Freiheitsempfinden leben; zwischen nicht selten patriarchalischen Traditionen anhängenden Ehemännern, deren fundamentalistischen und fanatischen Verhaltensweisen, ihrem vermeintlich selbstverständlichem Recht, sich eine Geliebte zu halten und dem Eingeschlossensein in Haus und Gebundensein an Kinder. Die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, die oft erst in der Freiheit der Fremde übermächtig wird, trifft auf Spuren von westlichen Emanzipationserfahrungen. Daraus entwickeln sich Geschichten von vier iranischen Frauen, denen der Autor allen den gleichen Namen gibt: Scharareh. Sie sind konfrontiert mit Namen, die im persischen Freiheit, Offenheit und Entfaltungsmöglichkeit signalisieren: Schahram, Schahroch, Schaahin und Schohab, die Namen der Geliebten ihrer Männer. Diese wiederum tragen islamische Namen: Hossein-Ali, Alijar, Mohammad-Ali und Hassanali, als Prototypen für patriarchalisches und hierarchisches Denken.

Dabei gerät der Autor nicht in die Falle, die bei der Thematik leicht offensteht: Fundamentalismus / Islam = schlecht; westliche Kulturen / Freiheit = gut. Vielmehr differenziert er mit seinem erzählenden, persönlichen und emotional bestimmten Stil deutlich, um die Problematik, wonach ca. 90% der im Iran geschlossenen Ehen im deutschen Exil auf Veranlassung der Frauen geschieden werden, in einen Schicksalsbericht zu übersetzen. Eindringlich gelingt es Mostafa Arki, die Zweifel, die Hoffnungen, Begehrlichkeiten und Skrupel zu beschreiben, die „Scharareh I“ befallen, bis zu der Entscheidung: „Alles, was ein Mann tun kann, kann ich auch“. Die Gefühle und Wünsche von „Scharareh II“, aus ihren Konventionen und spürbaren Fesseln auszubrechen, waren nicht neu; zwar wird behauptet „es hänge mit dem Klima im Ausland zusammen“, weil die Frauen in Europa freier seien als in ihrer Heimat Iran, doch sie schämte sich ihrer Hoffnungen. Auch im Iran fühlte sie so, nur wurden diese Wünsche von der herrschenden Sitte und Moral unterdrückt. Bis es ihr gelingt, aus der „Gefangenschaft eines scheinbar ausweglosen Labyrinths“ auszubrechen, oder doch nicht? Denn kein Happy End-End krönte ihr Leben... In die Höhen und Abgründe des Lebens leuchtet der Autor, und Scharareh ist immer Opfer und Täterin zugleich; Opfer einer verbissenen Verfolgung aus einer kulturell verbrämten Gefangenschaft, die sich Ehe nennt und die ihr schließlich den Tod bringt; aber auch Täterin aus Liebe und Selbstbewusstsein, das sich ausdrückt in Widerspruch gegen die überkommenen und überholten Wertevorstellungen der Ehemänner. Ihr Mut, die Dinge beim Namen zu nennen, bringt ihr die Konflikte, an denen sie zerbricht und wächst, zerbricht und wächst, in unmenschlichen Tragödien und unermesslichen Glücksgefühlen. Als sich „Scharareh IV“ von ihrem Mann trennt, entführt er die gemeinsamen Kinder. Wie vorbestimmt folgt sie dem „Wegweiser“, der sie zu den Kindern bringt, weit weg...

Mostafa Arki nimmt in seinen Erzählungen Partei für die entrechteten Frauen; er appelliert gleichzeitig an die Männer, für die Demokratie der Geschlechter einzutreten. Dabei versteht er sich als Brücke zwischen orientalischem und westlichem Denken. Die „Vorherrschaft des Mannes“ gilt es in beiden Kulturbereichen kritisch zu hinterfragen. Der westliche Ruf „zurück zu der traditionellen Familie“ ist für ihn nichts anderes als der „Fundamentalismus des Westens“. Seine Hoffnung ist zweifelsohne ein mächtiger Wunsch; seine Wünsche sind allerdings auch einfach: „Die Würde der Frau ist die Würde von uns allen“: Scharareh!

Das Buch

Mostafa Arki, Scharareh. Erzählungen. Internationales Kulturwerk, Hildesheim 1997, 225 S. 32.– DM (Hardcover) oder 24.– DM (Paperback). ISBN 3 – 910069 – 72 – X

wird vom engagierten Verein IKW e.V. herausgegeben, der sich für die Flüchtlingssozialarbeit engagiert und als Verlag interkulturelle Literatur verlegt. Rund 70 Buchtitel sind bisher erschienen: Romane, Erzählungen, Sachbücher, Kinderliteratur und Lyrik, auch das Deutsch-Persische Wörterbuch von Prof. Dr. Cirus Djavid. Schließlich erscheint im IKW seit Januar 1992 die angesehene Literaturzeitschrift ARKADEN, mit bisher interessanten Schwerpunktthemen, wie „Kulturstandards“, „Rassismus in den Medien“, „Sexualität“, „Afrika“, „Familie“ und „Westliche Zivilisationen“.

Jos Schnurer

Jos Schnurer:

„Ich bin ein moderner Don Quichotte“

Es gibt immer mal wieder Tonkasetten-, Schallplatten- und CD-Aufnahmen von Schulbands. Die Produkte werden meist im schulischen Umfeld, bei Oma und Opa und in der Verwandtschaft zum Kauf angeboten. Als Pädagoge hält man sich zurück, wenn es um die Beurteilung von musikalischer Qualität und inhaltlicher Aussagekraft der Produkte geht – erst mal loben wegen des Engagements, wegen des Muts, sich in die Öffentlichkeit zu wagen, vielleicht sogar auf den heißumkämpften Musikalienmarkt.

Von einem solchen Unterfangen soll hier n i c h t berichtet werden. Vielmehr wird eine CD vorgestellt, die sowohl was den musikalischen wie den sprachlichen Ausdruck anbelangt, als bemerkenswert angesehen werden kann. Da tut sich ein Göttinger Oberstudienrat, vom Fach Naturwissenschaftler, von seinem Engagement her und von seiner Herkunft ein Interkultureller, mit Oberstufenschülern seiner Schule zusammen und gründet eine Band. Bald schon gibt die Gruppe Konzerte in der Schule und außerhalb; sie werden in Göttingen bekannt.

Sie spielen keine Walzer und Foxtrott, sondern sie mischen sich mit ihren Liedern und Musikstücken, die von Bala Prasad, dem Lehrer, ein. Sie spielen und singen „gegen Ökozid & Gewalt“ – so heißt auch ihre erste CD, die gerade auf dem Markt gekommen ist:

BALA PRASAD und die PHYSIKER: Gegen Ökozid & Gewalt, FTM, media productions, BP 28942/C+P 1996/LC 7997 (zu beziehen bei: Bala Prasad, Postfach 1117, 37001 Göttingen).

Das Cover verweist auf das Interkulturelle der Gruppe: Bala Prasad, so sein Künstlername, stammt nämlich aus Indien. Das indische Mandala als Meditationsmuster mit dem äußeren Kreislauf all dessen, was auf der Erde lebt und existiert, mit Brahman als der Weltseele, mit Raum und Zeit als abstrakte Elemente, und im inneren Kreislauf mit der lebensspendenden Kraft von Yang und Yin, gibt Ziel und Richtung der Musiker an: Mit musikalischem Engagement, gleichsam als Startzeichen für eine ganzheitliche Energie, geht es um Eintreten für Menschlichkeit, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, für eine globale Humanität und Solidarität, gegen Ausbeutung von Mensch und Natur. Die von Bala Prasad getexteten und von der Gruppe gemeinsam musikalisch umgesetzten Lieder sind eine Mischung aus vordergründig humorvollen Aussagen, wie etwa „Blumen in der Vase“, über die Tücken des Blumenschenkens bei Heuschnupfengeplagten, „Don Quichotte“ in seinem Kampf gegen den radioaktiven Schrott, „Affenmensch“, eine satirische Beobachtung der Wahlkämpfe und „Kiowa“, als Erinnerung an den im November 1990 in Eberswalde von Rechtsradikalen ermordeten Angolaner Amadeu Antonio Kiowa. Mit Original-Tablarhythmen wird es dann indisch: In dem Lied „Leher, Leher“, wird der Kampf der Küstenfischer gegen den aufkommenden Sturm besungen.

Die CD kann bei vielerlei Gelegenheiten eingesetzt werden. Die Arbeit im Unterricht wäre nicht die schlechteste, etwa wenn es um gesellschaftliches Engagement geht, um globale Solidarität und Interkulturelles Lernen.

Jos Schnurer

Anmerkungen

1 Andere Autoren formulierten dieses Problem z.B. als „die ewige Unerklärbarkeit von Auschwitz“ (Heinsohn 1995, S.47), als eine „außergewöhnliche Störung“, die in ein „Jenseits der eigenen Denk- und Handlungsmöglichkeiten“ gerückt wurde (Kannonier-Finster 1993, S.61), als eine „Lähmung der Historiker“ (Friedländer 1987, S.48) oder erklärten: „Eine angemessene Erklärung des Nationalsozialismus dürfte in der Tat intellektuell wohl nicht zu leisten sein. Im Nationalsozialismus haben wir ein Phänomen, das sich anscheinend kaum einer rationalen Analyse unterziehen läßt.“ (Kershaw 1994, S.17); hingegen schreibt ein anderer Autor: „Es bleibt da etwas, das sich, mehr für unser Gefühl als für unsere Ratio, zwischen die Shoah und die anderen Greuel schiebt“ (von der Dunk, 1997, S.337)

2 Harald Welzer: „Verweilen beim Grauen; Essays zum wissenschaftlichen Umgang mit dem Holocaust“. Tübingen 1997 (edition diskord).

3 Es gibt aber auch Bilder (Zeichnungen und Photos) aus den Vernichtungslagern, die von Häftlingen selbst während oder nach ihrer Haft angefertigt wurden, vgl. z.B. „Überleben und widerstehen“

4 Eine Vorstellung von den Unterschieden der jeweiligen ethischen und moralischen Vorstellungen im Lager und »draußen« vermitteln z.B. Kielar 1989 oder Rozanski 1948; andere Bereiche von »Anderswelten«, in denen ebenfalls eine gewisse Nicht-Kommunizierbarkeit auftreten kann, werden leider nur angerissen.

5 Vgl. in diesem Zusammenhang Berichte von Überlebenden, wie z.B. in Kogon 1974, Langbein 1980, Langbein 1995, Sobanski 1980 oder Rozanski 1948, hier v.a. S.60ff.

11 so der deutsche Titel von »Primary Colors«: Anonymus, Mit aller Macht, Roman, Aus dem Englischen von Uda Strätling, Brigitte Jakobeit, Christiane Buchner, Sabine Roth, München/Leipzig 1996 (List Verlag), 472 S.

6 Christoph Ransmayr, Morbus Kitahara. Roman. Frankfurt am Main 1995 (440 S. – S. Fischer Verlag).

7 Christoph Ransmayr, Die letzte Welt. Roman. Mit einem Ovidschen Repertoire. Frankfurt am Main 1988 (S. Fischer Verlag; Fischer Taschenbuch 9538).

8 Günter Grass: Unkenrufe. Eine Erzählung. Göttingen 1992 (Steidl Verlag, 300 S.).

**Jos Schnurer, Dipl.-Päd., Dezernent im Niedersächsischen Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI), Keßlerstr. 52, 31134 Hildesheim

9Edouard Claparède, Kinderpsychologie und experimentelle Pädagogik, 1911; zit.in: UNESCO-Kurier 5/1991, Das Spiel, S.18

10Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, Baireuth, den 2.Mai 1806; Reclams Universal-Bibliothek, Miniaturausgabe, Leipzig o.J. (ca. 1910)

11Martine Mauriras-Bousquet, Die Bedeutung des Spiels für den Menschen; in: UNESCO-Kurier 5/91, S.11

12zit.in: Herzog August Bibliothek, Spielerische Seiten, Katalog einer Ausstellung, Wolfenbüttel 1992, S.8

13Neil Postman, Keine Götter mehr – Das Ende der Erziehung; Berlin 1995, 247 S.

14Hans A. Pestalozzi, Sinn durch Sinnlichkeit! Menschenbild(n)er: Wandel! Werte? Utopien?! In: K. Hausinger (Hg.), „BILDund beWEGt“, Dok. eines Kongresses, Österreichischer Studien-Verlag Innsbruck 1995, S.21ff

15Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, München 1983; vgl.auch: Ralph Kohlpeiß, Oldenbourg Interpretationen, mit Unterrichtshilfen, Bd.77, München 1995, 142 S.

16Hansruedi Müller, „Das Leben entschleunigen“. In: DIE ZEIT Nr.4 vom 19.1.1996, S.58

17Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, München 1993; vgl.auch: W. Riedel/L. Wiese, Oldenbourg Interpretationen, Bd.75, München 1995, 123 S.

18„Tanz auf dem Vulkan“, ein ZEIT-Gespräch mit Franz-Josef Radermacher. In: DIE ZEIT, Nr.48 vom 24.11.95, S.36f

19Franz Decker, Die neuen Methoden des Lernens und der Veränderung. Lern- und Organisationsentwicklung mit NLP, Kinesiologie und Mentalpädagogik; AOL+Lexika-Verlag, München/Lichtenau 1995

20W.D. Zimmermann u.a., Aus Erfahrung lernen – Mit Erfahrung spielen; Verlag an der Ruhr, Mühlheim, 2. überarb. Auflage 1992, 71 S.

21Akademie für Lehrerfortbildung, Theaterspielen in der Schule. Ein Fortbildungsmodell, Dillingen 1990, ca.470 S.; vgl.auch G. Holzapfel/G. Roehlke, „... Man spielt, wie man ist, und merkt daran, wie man ist“, Bremen 1987

22Helmolt Rademacher, Spielend interkulturell lernen? Wirkungsanalyse von Spielen zum interkulturellen Lernen bei internationalen Jugendbegegnungen, Berlin 1991, ca. 150 S.; vgl. auch: Cornelia Johnsdorf, Arbeitshilfe zu entwicklungspolitischen Brettspielen, Arb.-St.Ökumene, Amt für Gemeindedienst, Archivstr. 3, Hannover, April 1991; sowie: Brot für die Welt, „Spielend lernen“. Entwicklungspolitische Lern-und Aktionsmodelle, Stuttgart 1994/95; und: Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsens e.V., „Wir sitzen alle in einem Boot“. Spiele und Aktionen zur Förderung interkultureller Praxis, Hannover, Juni 1993; schließlich: „Multikulturelle Gesellschaft“, Praxis Spiel+Gruppe 1/93, Grünewald-Verlag, Mainz

23Manfred Schewe, Fremdsprache inszenieren; Zentrum für pädagogische Berufspraxis, Carl von Ossietzky-Universität, Oldenburg 1992, 447 S.

24Jürgen Fritz, Interaktionspädagogik. Methoden und Modelle; München 1975, 216 S.

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ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2/1997
Politisches Denken – Politisch Handeln. Hannover,
Hannover, 1988. A 5, 134 S., geheftet.
[ISBN 3-9804023-5-5] - Printausgabe vergriffen.

Internetausgabe: 24.10.02  - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004  / 07.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

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