|
Dokument Information
Seiten-navigation |
|
Interkulturelle Pädagoginnen und
Pädagogen müssen zur Kenntnis nehmen, daß einer ihrer großen Vorbilder
unserer Zeit gestorben ist: Paulo Freire (19.9.1921 – 2.5.1997).
Als „Pädagoge der Unterdrückten“ vermittelte
er die Pädagogik der Hoffnung; Millionen von Menschen, vor allem in den
Ländern der sogenannten Dritten Welt, in Lateinamerika, Afrika und Asien,
haben nach seiner „Methode der Befreiung“ lesen und schreiben gelernt und
Impulse für ein aktives politisches Leben erhalten. Als Verfolgter von
lateinamerikanischen Diktatoren mußte er selbst seine Heimat – Brasilien –
verlassen, lebte und lehrte im chilenischen Exil und fand schließlich bei
der UNESCO und von 1979 – 1980 beim Weltkirchenrat in Genf eine neue
Heimat („Counsellor of the Office of Education“). Von hier aus trug er
erheblich zur Befreiung der Länder aus der Kolonialherrschaft bei und zur
Alphabetisierung der Bevölkerung. Erst 1980 kehrte er mit seiner Familie
nach Brasilien zurück, war Mitbegründer der stärksten brasilianischen
Oppositionspartei, der Partei der Arbeiter (PT) und wirkte von 1989 bis
1991 als Staatssekretär für Erziehung in Sao Paulo.
Paulo Freires Pädagogik hat auch in Europa
Impulse auf alle Bereiche der Bildung, in der Sozialarbeit, Erwachsenen-
und Schulbildung, ausgeübt. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen
übersetzt; in vielen Ländern gibt es „Paulo-Freire-Gesellschaften“ und
Zusammenschlüsse, die seine Ideen und Konzeptionen diskutieren, wachhalten
und weiterentwickeln. In Deutschland ist dies die
Paulo Freire Gesellschaft e.V.,
Adlzreiterstr.23, 80337 München.
Sie gibt die Monatlich erscheinende „Zeitschrift für
befreiende Pädagogik“ heraus, die sich mit Themen zur Bildungsreform und
Aufklärung befaßt, wie z.B.: „Professionelle Kompetenz“, „Befreiende
Jugendarbeit“, „Theater der Unterdrückten als Methodik in der Schule“,
„Der Dialog in der Erziehungskonzeption von Paulo Freire“,
„Nord-Süd-Schulpartnerschaften als Innovation für eine Erziehung in Einer
Welt“, u.a. Die Freiresche „educatión popular“, die bei uns als
„Befreiungspädagogik“ bekannt ist, wird in Lateinamerika zu einer
„Pädagogik sozialer Bewegungen“ weiterentwickelt, in der sich Elemente der
„Straßenpädagogik“ und der „Straßensozialarbeit“ verbinden mit den
strategischen Zielen, daß sich die Menschen stärker und bewußter an den
strukturellen Veränderungen beteiligen und die täglichen (Über-)
Lebensprobleme gemeinsam mit anderen meistern.
In Norddeutschland hat sich die „Paulo Freire Kooperation“ gebildet,
die im Sinne des großen brasilianischen Pädagogen mit den Arbeits- und
Dialogschritten „Aktion – Reflexion“ Wege zur gesellschaftlichen
Veränderung bei uns und überall in der Welt suchen und in der
Bildungsarbeit erproben.
Zu den
Klassikern der Freireschen Literatur
|
Pädagogik der Unterdrückten, Kreuz
Verlag, Stuttgart 1971, 219 S. |
|
Erziehung als Praxis der Freiheit,
Kreuz Verlag, Stuttgart 1974, 170 S. und |
|
Pädagogik der Solidarität. Für eine
Entwicklungshilfe im Dialog, Hammer Verlag, Wuppertal 1974, 103 S. |
konnten
Mittlerweile bemerkenswerte theoretische und praktische Beiträge zu einer
„Pädagogik der Hoffnung“ hinzu, z. B.:
Joachim Dabisch / Heinz Schulze (Hg.),
Befreiung und Menschlichkeit. Texte zu Paulo Freire, Verlag AG SPAK,
München 1993, 286 S.
Joachim Dabisch, Die Pädagogik Paulo
Freires im Schulsystem. Mit Schülern lernen – eine empirische Untersuchung
zu Übertragungsmöglichkeiten der Pädagogik Paulo Freiers, Verlag
Breitenbach 1987, 240 S.
Inge Rutli Marcus, Trudi Schulze-Vogel, Heinz
Schulze, Globales Lernen. Projekte – Prozesse – Perspektiven. Eine
Materialsammlung, A-4-Format mit vielen Fotos, München 1995, 180 S.
Paulo Freire ist
tot, doch seine Pädagogik lebt, an vielen Stellen in der Welt. Die
Koordination und das Dach für die Verbreitung und Weiterentwicklung seiner
Gedanken bildet die International Community Education Association (ICEA)
im „Instituto Paulo Freire“ in Sao Paulo. Für uns, die Bildungs- und
Gesellschaftsreform, gibt die „Pädagogik der Befreiung“ Hoffnung und Mut,
bei uns anzufangen, damit sich in der Welt Gerechtigkeit und Solidarität
durchsetzen!
Jos Schnurer
Lehrerln sein, das ist... ?
Von den
„Meistern der Wahrheit“, wie in der historischen Zeit die großen Lehrer
wie Horner, Sokrates, Spinoza ... genannt wurden, den „Pionieren der
Erziehung“, wie etwa die Arbeit der Lateinamerikaner Simón Rodríguez und
Paulo Freire charakterisiert wird, den „geistigen Vätern“ der asiatischen
Kulturen, die das besondere Verhältnis zwischen dem Guru und dem Jünger
verdeutlichen, bis zur Empfehlung der UNESCO, Lehrerinnen und Lehrer
sollten „Profis des Bildungswesens“ sein, ist ein langer Weg.
Er ist gekennzeichnet von der traditionellen
Beschäftigung in den Erziehungswissenschaften mit den Aufgaben und
Problemen der Lehrerbildung und der Frage nach der „Seele des Erziehers“ (Kerschensteiner,
1927) bis zur Auseinandersetzung mit dem „Lehrer im Rollenkonflikt“ (Gerald
R. Grace, 1973). Die Diskussion in der Fach-, Verbands- und Tagespresse
verdeutlichen die Probleme, die für die einen das „Ende der Erziehung“
bedeuten, für die anderen die „Suche nach dem Selbstverständnis“ von
Schule und Lehrersein einläuten.
Von der „Intensivstation Klassenzimmer“ (DIE
ZEIT vom 20.10.93) ist hier die Rede; „Behaltet bitte die Nerven“ rät
Hartmut von Hentig den Lehrerinnen und Lehrern (DIE ZEIT, 8.9.95), „was
Lehrer leiden läßt“ listet Sabine Etzold ebendort vom 4.10.96 auf, und die
bisher größte Lehrerbefragung ergibt, daß Lehrerinnen und Lehrer
erstaunlich optimistisch seien und „mehr Lust als Frust“ in ihrer
Berufsausübung erlebten (DIE ZEIT vom 15.3.96). Aber auch der Vorwurf an
die Stätten der Lehreraus- und -fortbildung wird laut: „Lehrer lernen das
Falsche“ (DIE ZEIT vom 7.2.97).
Die Problemanalyse macht es deutlich: Das
Vorstellungsbild vom Lehrer steckt in der Krise, die eine Krise der
Gesellschaften ist. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen heute nicht nur
Wissensvermittler in einer sich immer schneller wandelnden Welt sein,
sondern auch und vor allem Initiatoren für die Autonomie des Denkens, des
Lernens, der Kreativität und des Selbstbewußtseins: „Der Lehrer muß das
Wissen, das er vermittelt, in irgendeiner Weise verkörpern. Er kann sich
nicht damit begnügen, es den Schülern zu erläutern, es ihnen darzustellen.
Sein Wissen muß für sein Leben, für seine eigene Entwicklung eine
Notwendigkeit sein. Er muß es, wörtlich gesagt, selbst leben“ (Prof. Jacky
Beillerot von der Pariser Universität, in: UNESCO-Kurier 9/92).
Im Zeichen der „veränderten Kindheit“ und
eines „Lifelong Learning“ brauchen die neuen Kinder also neue Lehrer. Wie
sollen sie ausgebildet werden? Wie sollen sie sich entwickeln?
Von der österreichischen Lehrerforschung wird
ein Buch vorgelegt, das sich mit den vielfältigen Fragen zum Lehrerberuf
auseinandersetzt:
Johannes Mayr (Hrsg.), Lehrer/in werden, Österreichischer Studien Verlag,
Innsbruck 1994, Reihe. Studien zur Bildungsforschung & Bildungspolitik,
Bd. 11, 264 S., ISBN 3-901160-44-2, DM 40,80, OES 298,00, SFR 38,00
Die Autoren, nur
Männer (!), referieren verschiedene Untersuchungen und Fragestellungen des
Lehrerwerdens und Lehrerseins, etwa zur Studienwahl, bei der festgestellt
wird, daß Lehramtsstudentinnen und -studenten „überdurchschnittlich
intelligent, ausgeprägt feinfühlig und extravertiert“ seien, sie zeigten
aber auch eine „hohe Bereitschaft zur Unterordnung“ (S.8/93). Die
Ergebnisse weisen auch nach, daß „Kontaktbereitschaft, Stabilität und
Selbstkontrolle“ als Voraussetzung für ein erfolgreiches und persönlich
befriedigendes Lehrerstudium gelten können (11/125). Eine weitere
Untersuchung macht deutlich, daß angehende Hauptschullehrerinnen und
-lehrer, „die über effiziente Techniken der Klassenführung verfügen, und
auch solche, die gut imstande sind, Streß durch angemessene
Coping-Stategien zu bewältigen“ nach Einschätzung ihrer Schüler erfolgreicher
unterrichteten als andere (141 ff). Im Vergleich von Studienbelastungen
bei den österreichischen Studentinnen und Studenten zeigen sich nicht
überraschende Unterschiede: Die (österreichischen)
Studierenden an den Pädagogischen Akademien (PÄDAK-Studenten)
weisen geringere Probleme bei der beruflichen Identitätsentwicklung auf
als solche an den Universitäten. Der Autor fahrt dies auf „die klaren, auf
den Volksschul- bzw. Hauptschullehrerberuf orientierten Berufsvorstellungen
und Berufsziele sowie die (im Verhältnis zu den meisten
Universitätsstudien) starke Praxisorientiertheit“ zurück; aber auch höhere
Belastungswerte bei der erstgenannten Studentengruppe, z.B. durch
„unrealistische Beschäftigungserwartungen hinsichtlich der Beschäftigung
in der Nähe des eigenen Wohnortes sowie auf die bei Frauen oftmals
hervortretenden Schwierigkeiten und Konflikte, die Berufstätigkeit und die
privaten Lebensziele und Wünsche miteinander in Einklang zu bringen“
(172). Die Frage „Wer wird – und wie wird jemand Lehrer/in?“ ist spannend
und zielt auf die Aufgaben von Studien- und Berufsberatung, -vorbereitung,
Aus- und Fortbildung, aber auch berufsbiographische Forschungen zum
Lehrerberuf.
Der Wandel von der traditionellen „beruflichen
Sozialisation“ zur „berufsbiographischen Entwicklung“, in der die
professionellen Handlungskompetenz mit einer aktiven Auseinandersetzung
des Einzelnen mit seiner Umwelt als lebensgeschichtliche Herausforderung
einhergehen muß, bietet die Chance, an die Diesterwegsche Erkenntnis
(1843) anzuknüpfen, daß Realismus auch und gerade im Lehrerberuf geboten
ist, dem jedoch Engagement nicht fehlen darf. Die österreichischen
Arbeiten zeigen zwei Richtungspfeile auf. Der erste: Die
wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse sind im wesentlichen
vergleichbar mit entsprechenden deutschen und anderen europäischen
Forschungsvorhaben, wenn auch nicht identisch. Bis auf wenige Ausnahmen
ist in den deutschen Bundesländern das Lehramtsstudium in
wissenschaftlichen Hochschulen integriert. Das österreichische Plädoyer
für ein stärker wissenschaftlich fundiertes Studium der sogenannten
Grundwissenschaften (Pädagogik, Psychologie, Sozialwissenschaften) in die
Ausbildung der Lehramtsstudierenden dürfte dadurch (ansatzweise!) hier
realisiert sein; die nach wie vor unterschiedlichen Studiengänge für
Lehrerinnen und Lehrer an Grund- und Hauptschulen, Realschulen und
Gymnasien (gymnasiale Oberstufe), die abgeschlossen werden mit einer
Klassifizierung der Lehrämter bei unterschiedlicher
Unterrichtsverpflichtung und Bezahlung und damit auch einem
unterschiedlichen gesellschaftlichen Ansehen, bleibt bestehen, in
Österreich, in Deutschland ... Der zweite Richtungspfeil zeigt auf,
wieviel im Hinblick zur Entwicklung einer „europäischen Dimension“ (vgl.
dazu die KMK-Empfehlungen „Europa im Unterricht“ von 1978 und 1991) in der
Lehrerausbildung noch getan werden muß, und nicht zuletzt, wie sich die
Bildungsaufgaben in einer globalisierten Einen Weit verändern müssen –
durch Kenntnis voneinander und Kooperation miteinander. Dies kann
geschehen durch eine intensivere internationale Zusammenarbeit von
Universitäten, durch Austausch von Wissenschaftlern, Lehrern und Studenten
und von Forschungsvorhaben und -ergebnissen.
Einige Adressen von ausländischen
erziehungswissenschaftlichen Gesellschaften:
American Education Research Association (AERA)
1230 17 Street North West
Washington DC 20936 / USA
Association des Enseignants
et Chercheurs en Sciences de l’Education
182 av. de Gravelle
F-94410 Saint Mande / Frankreich
Assoziazione Pedagogica Italiana
Farcolla di Magist. della Universita di Siena
I / Siena / Italien
Britische Gesellschaft für
Erziehungswissenschaft University of Bristol, School of Education 35,
Berkley Square. GB / Bristol
Freies Forschungsinstitut für Pädagogik
Sakala Str. 23
280 105 Tallin / Estland
Griechische Gesellschaft für
Erziehungswissenschaft
Klycladon 64
GR-71335 Iraklion-Kreta / Griechenland
Polnische Gesellschaft für
Erziehungswissenschaft
Akademie der Wissenschaften
PL-Warszawa / Polen
Schweizerische Gesellschaft für
Bildungsforschung
Universität Genf
24 Rue da Sal Oulour
CH- 1211 Genéve 4
|