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Die Frage nach ihrem
Selbstverständnis gehört zu den am häufigsten diskutierten Themen von
Politiklehrer/innen. Es kann kein kollektives Selbstverständnis – im engen
Sinne verstanden – innerhalb der Mitgliedschaft eines Verbandes geben.
Gemeint ist beim Formulieren dieses Ansatzes zumeist die Vorstellung
mehrerer Individuen, innerhalb eines Sektors gesellschaftspolitischer
Vorstellungen identische Ziele zu erreichen. Inwieweit individuelle Wert-
und Zielsetzungen im Sinne eines eigenen, individuellen
Selbstverständnisses definiert werden können, ist abhängig vom Standort
desjenigen selbst, der versucht, diese vorzunehmen.
Ein Gruppenkonsens
kann aus der jeweiligen Selbstsicht erwachsen oder auch durch
Fremdzuordnung bestimmt sein. Basis dafür ist eine vergleichbare und
einander angenäherte Verfügung über Wissensbereiche. Aus Interaktionen –
vor allem aus erfolgreichen, manchmal auch erfolglosen – können durchaus
Gruppengefühle und -identitäten erwachsen.
Abstrahierungen, die
durch die Suggestion des Ansatzes im engen Sinne wiedergegeben werden,
sind eher den Versuchen zur Herbeiführung empfundener – manchmal auch nur
geglaubter – Gruppenbeziehungen zuzuordnen. Sie entsprechen methodisch
der Herausbildung von Standesdünkel privilegierter, d.h. machtstärkerer
Personengruppen, der Erzeugung von Korpsgeist seitens sich gegenüber dem
jeweils machtärmeren abgrenzenden Berufsgruppen oder ihrer Aspiranten.
‘Selbstverständnis’ möge vor allem den intellektualisierten, bzw. den
höher qualifizierten Berufsgruppen in Abhängigkeits- bzw. in
Beschäftigungsverhältnissen kennzeichnen.
Die Versuche, bei
Großfigurationen – z.B. der ‘Arbeiterklasse’ – die Überzeugtheit von
›Bewußtsein‹ zu bewirken, entspricht temporären Aspirationen und
gesteigerten wie partiell umgesetzten Wünschen. Entsprechendes ist vor
allem vor allem bei intellektualisierten Professionen zu finden.
Zur Beurteilung dessen
ist klar die dahinter stehende gesellschaftspolitische Implikation in
ihrem soziohistorischen Kontext zu sehen und ggf. in die theoretische
Abbildung einzubeziehen.
Ziel der folgenden
Überlegungen ist es, diesen Weg als fiktiv und den Ansatz als
interessenabhängiges Konstrukt herauszustellen. Erst wenn wir uns frei
gemacht haben von derartigen Versuchen, von ‘Selbstbespiegelungen’, von
fiktiven Überhöhungen, von in die Berufsausübung zurückprojizierten
Desideraten und Fiktionen, kann nüchtern eine Bestandsaufnahme der realen
Situation einer Berufsgruppe erfolgen, wie z.B. der Träger der
Politischen Bildung. Gegenstand sollte dabei eine differenzierte
Darstellung der gesamten Ausbildung und Praxis der Berufsgruppe und eine
Analyse ihrer Realsituation sein.
Notwendig ist dazu die
Erforschung des Zusammenhangs von gesellschaftlichen Entwicklungen, von
politischen Implikationen, sich verändernden Machtdifferentialen in der
eigenen Gesellschaft und des Einflusses von Globalisierungsprozessen.
Zweifellos kann dies im gegebenen Zusammenhang nur als Skizzierung der
Rahmenbedingungen geschehen.
Hierzu sind
Ausführungen und Beispiele aus der Alltagspraxis sinnvoll. Wenn nun
trotzdem die Frage nach dem Selbstverständnis gestellt wird, dann drängt
es jede(n) Betroffene(n) zunächst zur Projektion auf das eigene ›Ich‹.
Warum habe ich das Fach ›Wissenschaft von der Politik‹ studiert mit dem
Ziel des ›Höheren Lehramtes‹ – wie es im Amtsdeutsch heißt? Wollte ich
überhaupt ›Politiklehrer/in‹ werden? Interessant wäre es auch, zu fragen,
inwieweit man den (inneren) Zwiespalt überwunden hat, am Ende der 60er
oder in den 70er Jahren Gymnasiallehrer/in zu werden, um danach in einer
Anstalt tätig zu werden, der man gerade – vielleicht mit Freude, oft mit
mehr oder weniger gemischten Gefühlen – entflohen war?
Die Frage der
Herausbildung eines – möglichen – Selbstverständnisses macht eine
Rückbetrachtung auf die eigene Realsituation notwendig, sie bezieht sich
wesentlich auf die Phase der Prägung im Lehrerberuf, d.h. im
Referendariat sowie in den ersten Jahren als junge/r Lehrer/in.
Sie verlagert sich
damit auf die Wahrnehmung und Bewußtwerdung der eigenen Psycho- wie
Soziogenese als Lehrer/in. Die Situationen ist auf die andere Fächer
vertretenden Kolleg/innen in entsprechender Weise durchaus übertragbar.
Eine mögliche Generalisierbarkeit bezüglich der Herausbildung von
Gruppenidentität und -verhalten oder gar i.S. eines Selbstverständnisses
von Politiklehrer/innen muß verneint werden. Dies ist andererseits im
Kontext zu sehen zu größeren Figurationen
die oftmals den Anspruch erheben und den Versuch machen, über
Gruppenidentitäten zu verfügen, sie ausgebildet zu haben, zumindest aber
den Versuch von Induzierung oder Konstruktion gemacht zu haben.
In besonderem Maße
gilt die Postulierung von Bewußtsein und entsprechenden Verhaltensweisen
für die auf Zeit gewählten Repräsentanten wie langfristig angestellten
Mitarbeitern – insbesondere den intellektuellen – des entsprechenden
Verbandes, z. B. einer Gewerkschaft oder Körperschaften, wie den Kirchen.
Beide reproduzieren oft Trägerideologien, deren Akzeptanz, Befolgung oder
Umsetzung angesichts der Abnahme größerer innergesellschaftlicher wie
institutionalisierte Zwänge – z.B. ausgeübt durch die Schulaufsicht und
-verwaltung – an Wirkungsintensität eingebüßt haben.
Es wäre in diesem
Zusammenhang sinnvoll, repräsentative Biographien zu untersuchen und in
Beziehung zu setzen zu den realen Erfahrungen, bedingt durch die Zunahme
von Individualisierungserscheinungen. Dieses ist jeweils in
Interdependenz zu ‘öffentlichen’ Diskursen zu verstehen, deren subjektive
Überzeugungskraft nicht den Intentionen entspricht.
Die Frage eines
möglichen Selbstverständnisses ist damit geknüpft an die Folgen
vorhandener Individualisierungsprozesse. Die Richtungen der
Interdependenzen verschieben sich aus dem Komplex vertikaler wie
horizontaler Beziehungen auf die letztere Ebene, verbunden mit
Divergenzprozesse. Vielleicht spielt auch der individuelle Machtzuwachs
nach Erreichen der letzten möglichen Beförderungs- und Besoldungsstufe
eine Rolle. Die Bewußtwerdung eines hoch differenzierten individuellen
Lebens- und Berufsweges bedeutet somit eine paradigmatische Funktion für
jede/n Lehrer/in im Vergleich zu erstarrten chancenarmen Beziehungen in
der Gesellschaft oder sektoral sinkenden Lebenschancen in spezifischen
Bereichen, verbunden mit struktureller Arbeitslosigkeit.
Im weiteren Bezug dazu
steht die Auseinanderentwicklung der Lebenswelten aller Betroffenen.
Es zeigt sich der Mangel, daß entsprechende Untersuchungen, speziell über
die Berufsgruppen der Lehrer/innen nicht erfolgt sind. Weder die
staatliche Bürokratie noch die Pädagogik als Wissenschaft, geschweige
denn die Verbände sind ehrlich daran interessiert. Auf Tagungen erlebt
man, daß sich Gymnasial- und Gesamtschullehrer/innen kaum etwas zu sagen
haben oder hinter spezifischen Höflichkeitsfloskeln ihre Gespanntheit,
wenn nicht gar Vorbehalte oder Antipathien verbergen.
Die
Konkurrenzsituation liegt seit langem vor, sie wird nur nicht offen
diskutiert.
Die Selbstverständnisfragen sind somit unter die Differenziertheit
individueller wie kollektiver Entwicklungen zu subsumieren. Das hebt aber
nicht die Legitimität der Frage nach dem Selbstverständnis auf – diese
liegt durchaus vor – wohl aber wirft es einen Blick auf die viel zu hohe
Bewertung dieses für viele liebgewonnenen Phänomens und den als moralisch
geglaubte Notwendigkeit angestrebten Gruppenkonsens.
Die Fragestellung
verlagert sich somit in die Richtung: Wann hat sich der/die Student/in,
Referendar/in, Lehrer/in – mehr oder weniger überzeugt – in den
Entwicklungsstrom einbinden lassen. Es ist zu vermuten, daß die
Gefühlswelt, die Überzeugungsentwicklung in den 60er und 70er Jahren für
uns daran einen hohen Anteil hat. Sicherlich ist die z.T. durch Selbst-
wie auch Fremdzuordnung bewirkte Einbindung in das Spektrum der damaligen
oder gegenwärtigen linken, linksliberalen, alternativen, postmateriellen
oder Milieus als bestimmende Größe anzusehen.
Es scheint, daß die
Entwicklung von der Industriegesellschaft zur Moderne – man erinnere sich
vielleicht des Nostalgiebegriffes vom ›Spätkapitalismus‹ in der
Industriegesellschaft – und die Fortentwicklung zur ›Moderne‹, die
Neukonstatierung als, ›Postmoderne‹, den gesellschaftlich–prozessualen
Rahmen darstellt, der die entscheidende paradigmatische Funktion hat für
subjektiv empfundenes Selbstverständnis oder Zuordnungsprobleme. Wie
lange wird von der ›Zweiten Moderne‹ sprechen können? Was wird der auf
letztere folgende Paradigmenwechsel ergeben?
Ist überhaupt schon
untersucht, inwieweit die ›Null-Bock-Phase‹, das ›Yuppi‹-Verhalten, die
›Tabu- oder Verdrängungsmentalität‹ einer breiten Aufsteigerschicht, der
Lehrer/innen zumeist angehören, die Habitualisierung von
Politiklehrer-/innen beeinflußt hat?
Wie verarbeiten wir
das ›Hochleistungsdenken‹ einerseits oder das ›Resignativverhalten‹
andererseits, beides überlagert durch sich steigernden Freizeitgenuß in
unserer Funktion als Lehrer/in, insbesondere im Fach Politik/Sozialkunde?
Wie verkraften wir die subjektive Abnahme von Gemeinschaftsgefühl, das
oberflächenhafte, T-shirt-Mentalität
offenbarende Verhalten der Schüler/innen, die in kurzen Phasen
angeschwollene Welle hedonistischer und am ›Haben‹ orientierten Welle der
letzten Absolventenjahrgänge, wie den Verlust von Solidaritätsgefühlen?
Können wir
andererseits diese – individuell wie kollektiv empfundenen – privat wie
dienstlich im Sinne einer Einbindung erfahrenen, und originär die
Sozialwissenschaften wie die Politische Bildung tangierenden
gesellschaftlichen Veränderungen für den Politikunterricht kreativ
einsetzen? Sind wir dazu (noch) aufgrund unserer Fachqualifikationen,
deren Substanz wir zumeist vor einer Generation erworben haben, die –
selbst bei hohem, eigenen Bemühen und Engagement – den Folgen von
Paradigmenwechseln und Phasenverschiebungen unterliegt, in ausreichendem
Maße in der Lage?
Ein Aspekt, der auch
hier nicht vertieft werden kann, aber angesprochen werden soll, sind die
Tabubereiche des Schweigens. Worüber wird nicht gesprochen auf
beruflicher bzw. kollektiver Ebene? Was wird bewußt und aktiv
verschwiegen?
Dazu gehören auch
fachliche wie fachdidaktische Qualifikationen, Bereitschaft zur Fort- und
Weiterbildung, pädagogische Kompetenzen, von Machtdifferentialen,
Verdrängung und nicht zuletzt: Neid und Mißgunst bezüglich [manchmal nur
vermeintlichen] Erfolgen dritter sowie ambivalentes Verhalten bei
Mißerfolgen.
Ein die im
gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld der Schule – auch im Fach
Deutsch – tätigen Lehrer/innen tangierendes Problem, ist die des
Involviertseins in gesellschaftspolitische Aktivitäten.
Es sei dabei
unterstellt, daß ein erheblicher Teil der in Frage kommenden Lehrer/innen
einen eigenen politischen Anspruch haben oder hatten. Manche von ihnen
wollten gar ‘Politik’ gestalten. Hinzu kommt die Bewußtwerdung einer
Erfahrung, daß eigene Qualifizierung und Professionalisierung in der
Schule nur (sehr) begrenzt wahrgenommen wird. Diese Problematik steht im
Zusammenhang mit der Diskussion um die Definition von und Bewertung von
Allgemeinbildung.
Die individuellen
zumeist parallel laufenden oftmals damit verbundenen auch krisenhaften
Erscheinungen und Entwicklungen prägen – im Nachhinein betrachtet – viele
Biographien – wenn nicht generell, dann aber doch in charakteristischer
Weise. Sie haben Auswirkungen auf das eigene Befinden, auf
‘psychologische’ Reaktionen. Ihre Auswirkungen zeigen sich in gespürten
›Überlastungssyndromen‹, der Angst, bei gegenwärtigen und/oder künftigen
sich steigernden Erfordernissen, den dann steigenden Belastungen nicht
mehr genügen zu können oder zu versagen. Sie führen zu Streßerscheinungen
in der gefühlten erhöhten Spannungssituation, auch im Zusammenhang mit
durch den Dienstherrn induzierte Belastungserhöhungen.
Es greift aber zu
kurz, letzterem den entscheidenden – wenngleich auch wesentlichen –
Impuls zuzuordnen. Gerade Sozialwissenschaftler/innen müssen deutlich
machen, daß der abstrakte Dienstherr, ‘Vater Staat’, eine Organisierung
von Gesellschaft darstellt und nicht selbst – als Entität bzw. real
existierender eigener Korpus qua eigener gestalterischer Kraft –Ursache,
sondern Ausdruck gesellschaftlicher Prozesse ist. Die Schwierigkeit
besteht darin, sich zu verdeutlichen, daß die Vermittlung über diesen
Zusammenhang unzureichend ist und die oft schmerzliche Erkenntnis, sowie
das Ertragen derselben, über die sehr begrenzte Steuerungsfähigkeit
gesellschaftlicher Prozesse allgemein zweifellos psychosomatische Folgen
haben kann und hat.
Ein entscheidender
Paradigmenwechsel, der für die Sozialwissenschaften und damit für uns
Politiklehrer/innen zu verkraften ist, ist die Bewußtwerdung der
Verblassung wirtschaftswissenschaftlicher Theorien, die die Wirksamkeit
des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft zum Gegenstand haben,
verbunden mit der Erkenntnis, die bereits in den siebziger Jahren
formuliert wurden über die sinkende Bedeutung der
Wirtschaftswissenschaften.
Das schließ die
Problematik der Bewußtwerdung begrenzter Steuerbarkeit gesellschaftlicher
Prozesse wie auch die Reflexion des Prozeßcharakters im allgemeinen ein.
Wir müssen erkennen, daß Versuche, in marktwirtschaftlich organisierten
und parlamentarisch-demokratisch verfaßten Gesellschaften bzw. Systemen
die Steuerung gesellschaftlicher Prozesse, die der Beschleunigung von
gesellschaftlichem Fortschritt und der Herbeiführung von Ausgleich dienen
sollten, letztlich eine temporär akzeptierte Ratio darstellten und
bezüglich ihres Anspruchs schon vor dem Ende der Ära Schmidt an
Wirkungskraft eingebüßt haben oder gar obsolet geworden sind. Daran
ändern auch nichts die Versuche von sich selbst als ‘realistisch’ oder
‘alternativ’ definierenden oder ‘idealistisch’ beschriebenen
intellektuellen Milieus, durch inner- oder außerparlamentarische,
spontane wie organisierte Aktionen auf der Basis von
Trägervereinigungen, Verbänden, Parteien oder Initiativen den Zielen
ethisch abgeleiteter gesellschaftspolitische Ziele näher zu kommen. Dies
bedeutet aber keinesfalls, daß Legitimität und moralisch begründete
Ansprüche – nicht aber generelles Anspruchsverhalten – infrage gestellt
werden (sollen). Allein die Frage des Distanzgewinns, besser: des
Erlernens von Distanzierungsfähigkeit, die Rolle und Wechselwirkung in
den gesellschaftlichen Diskursen sind für Sozialwissenschaftler/innen
maßgebend. Für uns bedeutet es den Eingang des genannten Komplexes in die
Politische Bildung. Für den/die Politiklehrer/in hat es somit
Auswirkungen auf die Politische Didaktik.
Dieses Problem, die
Wahrnehmung einer zunehmend komplexer werdenden und sich verschärfenden
Problematik, die Bewußtwerdung der eigenen Einbeziehung in die
Komplexität, die Notwendigkeit ihrer distanzierten Betrachtung und
engagiert-distanzierte Behandlung erfordert Kraft.
Diese aufzubringen müssen wir leisten. Es ist nur leistbar durch
Rückbesinnung auf Tugenden wie Kollegialität, Loyalität, Solidarität und
Toleranz. Der Prozeß der Erosion dessen muß gestoppt und umgekehrt werden.
Wenn wir über ein
mögliches ›Selbstverständnis‹ sprechen wollen, dann müssen wir auch die
gegebenen Spannungskonstellationen in den eigenen Handlungsfeldern
offenlegen. Individuelles wie kollektives Verdrängen führt zu negativen
Sublimierungsphänomenen und ist leider allzu oft beobachtbar.
Phänotypisch ist weiterhin ein gewisser Zynismus als Gradmesser für die
eigene Unzulänglichkeiten, für Frust etc. – zu konstatieren.
Hinter den Kulissen
ist es manchmal auch das Wehtun-Wollen des/der Kollegen(in). In Betrieben
spricht man ungeniert von Mobbing, Akademiker tun vieles indirekter,
zumeist schweigend. In manchen Teilbereichen ist das Zerstören von
Erreichtem – sowie die bewußte Inkaufnahme und Verstärkung von
Negativentwicklungen als Tatsache zu vermuten.
Erst die Offenlegung
der Problematiken und der Diskurs darüber ergeben die Chance zur Umkehr.
Es stellt sich die Frage nach den Ursachen: Handelt es sich um
individuelles schuldhaftes Verhalten, gar menschliche Unzulänglichkeiten
– bei gleichzeitigem Aufrechterhalten von Fassaden – oder sind es
kollektiv wahrnehmbare Strukturdefizite? Benutzt man gar letzteres als
‘Äußeres’ um das eigene ‘Innere’ zu verbergen? Leiden vielleicht
Politiklehrer/innen besonders darunter, daß sie – politisches Engagement
zumindest als Erwartungshaltung Dritter sowie in der Selbstdefinition
unterstellt – wenig Rückzugsbereiche haben und neben den Kolleg/innen für
Religion sowie auch Werte und Normen
den ‘psychosozialen Mülleimer’ der Schule darstellen.
Die
Umsetzungsrealität, resultierend aus den Ansprüchen des
›Handlungsorientierten Unterrichts‹ erweist sich dabei als erhebliches
Problem, bietet andererseits aber die entscheidenden Chancen. Dies müßte
aber in einem erweiterten Rahmen diskutiert werden.
Weil noch nicht
expliziert, müßte als Hypothese diskutiert werden, inwieweit der
Bedeutungsverlust linker und linksliberaler Bewegungen, der faktische
Nichtzugang grün-alternativer Bewegungen und Parteien zur realen
Machtpartizipation, die deutliche Einflußbegrenzung von zumeist links
dominierter Gewerkschaften
Rückkoppelungen bewirkt bei den diesem breiten Spektrum zuzuordnenden
Trägern der Politischen Bildung. Zweifellos stellt nach dem
Einstellungsschub bis zur Mitte der siebziger Jahre im Fach Politik
(Sozialkunde), zumindest in den nördlichen Bundesländern, der sehr bald
in den meisten Bundesländern erfolgte Einstellungsstopp, verbunden mit
der schlagartig einsetzenden Perspektivlosigkeit für die jüngere
Generation ausgebildeter Fachlehrer/innen, eine erhebliche
Beeinträchtigung dar.
Es verbleibt das
beklemmende Gefühl, möglicherweise zu wenig den eigenen wie kollektiven
Interessen und Zielen betreffend einer möglicher Politisierung,
verantwortlichem Handeln, dem Zuarbeiten von anerkannten Zielen wie
›Frieden‹ oder ›Ökologie‹, der ›Demokratisierung‹ und ›Zivilisierung‹ der
eigenen Gesellschaft beigetragen zu haben.
Nicht nach verändertem
Bewußtsein von Politiklehrer/innen muß gefragt und geforscht werden,
sondern nach dem Versagen, sowie der zynisch-bewußten Inkaufnahme von
Situationen und Tendenzen, die man (ursprünglich) nicht gewollt hat, die
man dennoch – und auch das muß man so sagen – mit herbeigeführt hat.
Kennzeichen sind der Rückgang aus dem realen Politikbezug vieler,
die Zunahme von Illusionen und Utopiedenken.
Die Verbandsarbeit
kann all dem nur in sehr begrenztem Maße dienen. Sie erfolgt so minimal,
wie in vergleichbaren Verbänden oder Vereinigungen auch. Der Verlust an
Engagement, die altersbezogene Begrenzung in Parteien, Kirchen,
Gewerkschaften, Berufsverbänden ist ebenfalls spürbar. Das von
Großverbänden [Philologenverband; GEW etc.] herbeigeführte partielle
verbal–aggressive und eisige Klima im Umgang miteinander, das in den
jeweiligen Publikationen oder Flugschriften zum Ausdruck kommt, kann auf
der Ebene kleiner Fachverbände nur begrenzt aufgefangen und kompensiert
werden.
Zweifellos spielen
dabei auch partikularistische Interessen oder Desillusionierungsphänomene
eine erhebliche Rolle. Inwieweit sie gar Antrieb für unwürdige Machtkämpfe
sind, kann an dieser Stelle nicht untersucht und diskutiert werden.
Interessant und ermutigend ist aber der Sockel von Resonanzen seitens
vieler Mitglieder der angesprochenen Vereinigungen, die deshalb weiterhin
etwas leisten, weil sie erkennen, daß es letztlich viele sichtbare
positive Impulse gibt. Die aktiven Mitglieder stützen sich weiterhin
gegenseitig auf der Basis von Kollegialität und gegenseitiger Loyalität.
Wir können als
Lehrer/innen und Verbände die Folgen von allgemeinem Hedonismus und den
negativen Auswirkungen der Freizeitgesellschaft nicht auffangen. Die
Grenzen von Verantwortbarem, von hinnehmbaren Verlust
menschengesellschaftlicher Substanz, von Würde und Toleranz müssen
gewahrt bleiben und die Chancen auf selbststeuerndes Verhalten, müssen
stabilisiert werden. Wissenschaft, Didaktik, Lehren und Lernen
bleiben im Verantwortungszusammenhang.
Als Beispiel aus der
fortzuführenden Verbandsarbeit bleiben die Durchführung themenbezogener
Diskussionen, die Organisation von Seminaren, die Veröffentlichung ihrer
Ergebnisse und anderer Aufsätze sowie von Rezensionen und auch die
Herausgabe von Sonderpublikationen. Rechenschafts- und Erfolgsberichte
sollten nicht der Selbstbespiegelung dienen, deshalb werden sie im
gegebenen Zusammenhang nicht spezifisch behandelt.
Ziel von
Politiklehrer/innen muß bleiben oder wieder werden: gesellschaftliche
Entwicklungen wahrzunehmen, sie zu analysieren und durch
handlungsorientiertes Lernen im demokratisch verfaßten Staat legitimiert
mitzugestalten. Ansätze dazu sind die Wahrnehmung von Ungleichheiten und
Ungerechtigkeit, die Förderung der mentalen Ebene durch Herbeiführen von
Empathie und die Förderung der Entwicklung der Zivilgesellschaft. Dies
erfordert zugleich die Entwicklung von Synthesefähigkeit in der
Verknüpfung unterschiedlicher, divergenter Prozesse und anderer
Wertsysteme.
23.07.97
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