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politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1997

Politisches Denken – Politisch Handeln.


Dieter Haselbach, Aston University:

Über den Fundamentalismus der Differenz:
Political Correctness

Anmerkungen

Dokument Information

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I.

Auch in Deutschland gewinnt „Political Correctness“ (im Folgenden: PC), zumindest in den Me­dien, zunehmend Präsenz. Dabei gilt PC als ein genuines Produkt der politischen Kultur Nord­amerikas.

Für die Politische Wissenschaft und für politische Bildung ist das Thema in mehrfacher Hin­sicht von Interesse:

  • PC ist ein Ansatz im Problemfeld „Politik und Sprache“.

  • PC bietet eine Strategie an, mit dem allen westlichen Gesellschaften gemeinsamen Problem der Multikulturalität umzugehen. Daß moderne Gesellschaft als zunehmend inhomogen er­fah­ren werden, hat Folgen für soziale Kohäsion, und hat Folgen für das Verhältnis von Uni­ver­sal‑, Individual- und Gruppenrechten, von Freiheit und Gleichheit.

  • Vor allem Gleichheitsforderung gewinnen im Sozialstaat eine eigentümliche Dynamik, stel­len sie sich als Gruppenansprüche an die Öffentliche Hand dar, durch die ein wachsender Anteil gesellschaftlichen Reichtums läuft. PC stellt das Problem radikal: Im Kontext von ,identity politics‘ gewinnen sozialstaatliche Verteilungskämpfe eine neue Qualität: Gleich­heit wird Funktion von Differenz.

  •  PC ist in den Kontext einer sich verändernden Sozial- und Berufsstruktur gegenwärtiger Ge­sellschaften zu stellen. Ich vertrete die These, daß Political Correctness, soweit sie nicht mo­ralische Forderung, sondern Interesse ist, sich vor dem Hintergrund einer neuen Konstella­tion in den arbeitenden Mittelklassen, bei Fortbestand alter gesellschaftlicher Macht- und Bruchli­nien, entschlüsseln läßt.

  • Schließlich ist PC ein Phänomen politischer Kultur. Zu klären ist, inwieweit PC auf Bedin­gungen zurückverweist, die der politischen Kultur Nordamerikas spezifisch ist, oder ob sich hier ein allgemeineres Problem moderner Gesellschaft ausdrückt.

Im Folgenden will ich mich diesen Problemen zuwenden und dabei grob entlang der eben aufge­stellten Themenliste verfahren. Vorher sollen jedoch einige einstimmende Bemerkungen zur po­liti­schen Kultur Nordamerikas stehen.

II.

„Spät abends in der Untergrundbahn setzte ich mich einem jungen Mädchen gegenüber, dem einzi­gen Fahrgast außer mir. Sie war recht bescheiden angezogen. ... Das Dürftige, Hilflose und doch der An­mut hartnäckig sich Bewußte machte sie reizvoll. Dem Betrachter flossen Mitleid, Härte und sau­gen­de Sehnsucht ineinander. Ich mußte lächeln; und ich lächelte ihr zu.

Ihr müdes Gesicht nahm sich zusammen und überzog sich mit der Abweisung, die sie für damenhaft hielt. ... [Sie] machte sich unfreundlich und zog den Rock über die schlanken Knie.
Wis­sen Sie nicht, sagte die Geste, daß wir in Amerika sind, wo man Frauen nicht ansprechen darf? Auch Anlächeln kommt für mich nicht in Frage. Wenn ich nach Hause fahre, fahre ich nach Hause; ich amüsiere mich nur, wenn ich mich amüsiere. ... Sie lächeln unverschämt und viel zu ernsthaft.“

Was hier steht, ist – gekürzt – ein kleiner Text Theodor W. Adornos, geschrieben ca. 1940, wäh­rend des New Yorker Exils. Adorno sieht in der portraitierten Frau eine europäische Immigran­tin, Jüdin vielleicht, und er gerät ins Grübeln über Europa, und über den Verlust dortiger kultu­reller Leichtigkeit:

„In Wien, woher sie kommen mochte, auch in Berlin hätte sie wieder gelächelt; im F-Wagen [in Wien] mit der Ironie der Stadt, die für jegliche Weise der Annäherung eine umfangende Konvention bereit hat, im Autobus 2 auf dem Kurfürstendamm sachlicher und schnöder: als ob ich ihr auf den Fuß getreten und hoppla gesagt hätte.“

In Amerika aber gebe es weder „umfangende Konventionen“ noch gebe es jene Einverständnis si­gnalisierende Sachlichkeit. Damit aber gibt es auch im Alltag keinen Halt mehr. Jedes Verhal­ten ist problematisch, explorativ, denn ohne Konvention gibt es auch keine konventionelle Ant­wort auf ein Lächeln von ferne. Adorno reflektiert dies als Verlust und, mit ein wenig Emigran­tensehnsucht, durchaus europäisch:

„Ich blickte auf, und sie strich sogleich wieder den Rock herunter: unterdessen hatte sie wohl ein­mal die Beine übereinander geschlagen. Das ist Hitlers Triumph, dachte ich. Er hat uns nicht nur Land, Sprache und Geld fortgenommen, sondern noch das bischen Lächeln konfisziert. Die Welt, die er geschaffen hat, wird uns bald so böse machen, wie er ist.“

Geben wir diesem kleinen Text eine etwas andere, zeitgemäßere Lesart. Denn es war nicht Hitler, oder die für diesen Namen stehenden Form des Herrschens, durch den jenes „bischen Lächeln“ konfiziert wurde. Auch noch im heutigen Amerika wäre Adornos Benehmen unstatthaft und er hätte nicht nur Grund, über das in der Emigration verlorene europäische Erbe nachzudenken. Die Szene in der U-Bahn grenzt hart an einen sexuellen Übergriff. Man kann soweit gehen, Adorno eines solchen Übergriffs schuldig zu erklären. Warum setzte er sich der Frau gegenüber? Alle Sitze in der U-Bahn waren doch frei. Kümmerte ihn nicht das offensichtliche Unbehagen der Frau? Merkt er denn nicht, daß er sie schon in seiner Wahrnehmung und seinem Denken ernied­rigt, wenn er sie als „junges Mädchen“ adressiert? Nein, solche Sensibilität war Adorno fern, in seinem Text prahlte er vielmehr mit seinem Übergriff, und so gab er seiner Miniatur den anspie­lungsrei­chen Titel „Kein Abenteuer“.[1]

Das ungehemmte Schweifen seines Blickes, seine Aufmerksamkeit für Knie und Beine sei­nes Gegenübers und nicht eben für ihre Persönlichkeit und Identität, sein eindeutig sexuelles Lä­cheln gar, geladen mit „Mitleid, Härte und saugende(r) Sehnsucht“, all dies zeigt, daß Adorno, als euro­päischer Mann, tief im Selbstgefühl des Patriarchats verwurzelt ist. Er ist es gewohnt zu herrschen, zu erobern, ohne Rücksicht auf die Zustimmung seines Opfers. Man könnte sagen, Adornos Text reflektiert die Urszene zwischen Mann und Frau: die Vergewaltigung. Kurz vorher jedoch, die Angst bei der Frau zeigt schon ihre Wirkung, kommt Adorno zur Besinnung:

„Ich schämte mich, und als sie abermals die Beine kreuzte, wagte ich schon gar nicht mehr hinzu­schauen.“

Mit diesem Einstieg möchte ich nicht belegen, daß selektives Zitieren überraschende Bedeutungs­schichten in Texten freilegen kann. Vielmehr habe ich versucht, Adornos Miniatur eine politisch-korrekte Auslegung zu geben.

III.

Über PC zu sprechen ist schwierig. Vertretern von PC geht es um Rassismus in der Gesellschaft, es geht ihnen um Gewalt, Vergewaltigung, und um Ungleichheit. Es geht ihnen um eine politi­sche Strategie, die beansprucht, für diese Probleme eine politische Lösung anbieten zu können. Wer würde mit solchen Bestrebungen nicht sympathisieren!

Skeptiker gegenüber PC allerdings werden sehr schnell mit eine spezifischen Dogmatismus konfrontiert: Sie werden, wenn sie die von PC verwendeten Begriffen etwa der Ethnizität, Rasse oder Identität oder auch mit dem Gewaltbegriff kritisch untersuchen, von Vertretern von PC sehr schnell mit dem Vorwurf belegt, daß ihre Kritik ein Bekenntnis zu Rassismus und sexueller Ge­walt beinhalte. Der Diskurs der PC polarisiert, durch jede Kritik macht man sich zum politischen Geg­ner. „To raise the slightest criticism of the biopolitical movements“ – so kürzlich ein Kritiker sol­cher Selbstabschottung – „is to subject oneself to accusations of liberal naïveté, obstructio­nism, or covert sexism/racism.“[2]

Wo sich die Sprache von PC durchgesetzt hat – und das ist in den Humanities wie den Sozi­alwis­senschaften an nordamerikanischen Universitäten inzwischen weitgehend der Fall – werden Über­legungen, die Denkweisen und Ansprüche von Political Correctness intellektuell angreifen, als Verstoß gegen eine moralisch angemessene Sprache sanktioniert. Political Correctness im­munisiert sich so prozedural gegen Kritik. In diesem Sinne charakterisiert die kalifornische Hochschullehre­rin Barbara Epstein PC als Mittel der Verdeckung, des Denkverbots; und sie be­richtet von „overt attempts to define certain areas [of scholarly discourse] as off-limits for dis­cussion“,[3] als moralisch anrüchig.

Die PC-Bewegung legt den Finger in manche Wunden, das heißt aber nicht, daß sie auch schon das Rezept zur Heilung in der Hand hält. Wer sich jedoch auf eine kritische Auseinander­setzung mit PC einläßt, muß massive Angriff und Feindschaft von PC-Anhängern in Kauf neh­men. Es muß bestanden werden auf dem Unterschied zwischen gesellschaftlichen Problemen auf der einen Seite und auf sie bezogenen policies auf der anderen.

Sprache in PC hat noch eine weitere Dimension: Political Correctness ist vor allem eine Sprachreform. Die neue Sprache, so das Programm, sei von allen unterdrückerischen Ausdrücken und Konnotationen zu reinigen. An einigen Beispielen will ich das vorführen.

Noch weitergehend durchgesetzt als hierzulande ist das Bestreben, beim Sprechen und Schreiben die grammatisch weibliche und männliche Form gleichberechtigt zu verwenden. Es ist inzwischen fast nicht mehr möglich, Beiträge zu Zeitungen oder wissenschaftlichen Zeitschriften einzureichen, die nicht ,gender neutral‘ sind. Glücklicherweise ist im Englischen der Eingriff in den Sprachfluß nicht so tief wie im Deutschen. Weiter ist es in Nordamerika jederzeit möglich, Hoch­schullehrer wegen eines Verstoßes gegen die politisch korrekte Sprechweise disziplinarisch zu belangen. Es gehe nicht an, so wird argumentiert, die Hälfte der Menschheit per stillschwei­gender Inklusion in den Plural/männlich ohne das Recht eigener sprachlicher Repräsentation zu lassen; und so erfüllt die Nichtbeachtung solcher informellen Sprachregeln den Disziplinartatbe­stand des ,harassment‘.

Zum Teil sind neue Euphemismen im alltäglichen wie im politischen Diskurs in Nordame­rika aber schlicht lächerlich. Im neuen, von sprachlicher Unterdrückung gereinigten, politisch korrekten Englisch, werden zum Beispiel die albernsten Umschreibungen vor allem für körperli­che oder psy­chosoziale Zustände oder Defekte erfunden. Dies, als ob ,vertically challenged‘ we­niger verletzend sei als klein, oder ,African American‘ und ,Latino‘ weniger diskriminieren als ,Black‘ und ,Chicano‘. Für manche solcher Prägungen ist schwer zu unterscheiden, ob die Er­gebnisse der Sprachreform ironische Erfindungen von Gegner von Political Correctness, oder ob sie schon jene ,andere‘ nicht-diskriminierende Sprechweise sind.

Aus eigenem Erleben will ich kurz darstellen, wie solche Sprachreform in den Diskurs an Universitäten hineinwirken: Bei einem Vortrag an der University of Victoria in British Columbia ging es um Altersheime[4] in Kanada; vorgestellt wurde eine Untersuchung zur gewerkschaftlichen Interessenwahrnehmung und ‑vertretung des Pflegepersonals. In der Diskussion wurde die Refe­rentin nach einer Reaktion der „old people“, der alten Menschen in der Wohnstätte, auf eine be­stimmte Interessenkonstellation gefragt. Die Referentin unterbrach die Fragerin scharf mit „Watch your adjectives!“ und zeigte sich über das Adjektiv „old“ tief betroffen. Ich war Zeuge geworden einer vermeintlichen Diskriminierung durch die Fragerin – „alt“ gilt in Nordamerika nicht als Be­schreibung, sondern als Verurteilung.[5] Solche Diskriminierung hat inzwischen auch einen Namen: ,ageism‘ ist zu verstehen parallel zu den durchgesetzteren ,racism‘ oder ,sexism‘; auch ähnliche Neologismen wie ,ableism‘, ,sizeism‘ u.a.m. werden zunehmend gebraucht.

Ein zweites Beispiel möchte ich aus einer Zeitungsmeldung[6] zitieren: Der Text eines wissen­schaftlichen Autors war für ein Schulbuch ausgewählt worden. Der Verlag nun forderte nach Lektorierung den Autor auf, der Begriff des „edlen Wilden“ aus einem Text zu eliminieren. Er solle durch das nicht diskriminierende „First Nations“ ersetzt werden. Daß der Begriff ein histori­sches Zitat von Rousseau ist, galt dem Verlag nichts. Das Attribut „wild“ ist nicht akzep­tabel, ein Urteil übrigens, das zu teilen keinem Leser der Indianerbücher von Karl May schwer­fallen dürfte. Mit dem betroffenen Autor allerdings teile ich die Befürchtung, daß durch solcher­lei purifikatori­sche Operationen eine historisch bezugreiche Sprache nicht mehr möglich ist.

Entgegen der emanzipatorischen Absicht trägt PC mit solchen Verboten und Neuprägungen zu einer Diskurskultur der Intoleranz bei. Die politische oder akademische Diskussion von Posi­tio­nen aus dem Spektrum des Feminismus, des Multikulturalismus, des Antifaschismus oder von sich ethnisch definierenden Gegenkulturen werden steril und scholastisch, die Möglichkeit von Kritik ist mit den der Sprache auferlegten Tabus mit unter den Bann gestellt.

An amerikanischen Universitäten sind Sprachcodes von PC zunehmend auch strafbewehrt. Die Benutzung falscher Formeln, der Verstoß gegen die Semantik von PC oder gegen die Gram­matik von ,gender neutrality‘ kann auf Antrag disziplinarisch verfolgt werden. Neben anderen Vergehen, wie z.B. dem Verzicht auf proportinale Representation von Minderheiten in Lehrpro­grammen und Leselisten, ist die Verwendung unangemessener Sprache in ,harassment codes‘ eini­ger Universitäten pönalisierbar als ,creating a hostile learning environment‘ für Minderheiten. Ist Seminarlektüre nicht mit PC-Sprachcodes kompatibel, bedeutet auch dies ein Risiko für die Leh­renden, das manifest wird, sobald sich Studenten öffentlich beschweren. Das Lesen von Texten aus Zeitepochen vor PC ist so, ist man als Hochschullehrer mit einer im Sinne von PC hoch sen­sibilisierten Studentenpopulation konfrontiert, riskant.

IV.

PC beansprucht, Opfern bestehender Verhältnisse, zu politischer Repräsentation zu verhelfen. Auch die PC-Sprachreform findet hier ihre Begründung: Durch neue Benennung sollen Opfer zu Subjekten werden. Die politisch korrekte Sprachform baut auf eine Anerkennung und die posi­tive Bewertung jener Abweichungen, die Menschen in die Opferschicksal gezwungen hatten. ,Differently abled‘ für das diskriminierende ,disabled (behindert)‘, ,differently intelligent‘ für dumm oder ,other visioned‘ für blind, alle diese neuen Formen haben gemeinsam, jene Anders­heit in ein positives Licht zu rücken.

Die Forderung nach Anerkennung von Opfern und Opferschicksalen ist in einem moralisch geprägten politischen Diskurs wie dem der USA ein starkes Argument. Rechte von Opfern kön­nen nicht nur politisch eingeklagt werden, sondern die im Opferstatus beschlossene Ungleichheit ver­langt auch nach rückwirkender Kompensation. In der Rhetorik von PC wird Opfern so ein durch die Rechte von ,Tätern‘ unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht und ein Recht auf Kom­pensation erlittener Ungleichheit zugestanden.

Wie konstruiert PC den Begriffe Opfer und Täter? Für den Opferstatus wird ein ganzer Bauchladen gesellschaftlicher Benachteiligung angeboten. Körperliche Besonderheiten sowie ethnische und kulturelle Minderheiten gehören dazu, aber auch die vom menschlichen Tun und Treiben geschundene Natur.

Systematisch bemißt sich der Opferstatus im PC-Diskurs nach folgendem Kriterium: Opfer ist, wer vom gesellschaftlichen mainstream abweicht. Opferrolle und ,otherness‘ sind für Politi­cal Correctness fast austauschbare Begriffe. Die poststrukturalistische Betonung von Differenz als ge­sellschaftlicher Grundkategorie spielt herein; für PC aber ist Andersheit ein Kampfbegriff: als ,anders‘ gilt hier, wer von der vermeintlich hegemonialen Kultur des Europäertums abweicht; Tä­ter ist dann natürlich der, der der europäisch-patriarchalischen Tradition angehört. Opfer sind bei PC so alle diejenigen, die biologisch nicht der Kategorie des ,white, European, heterosexual male‘ genügen, oder die sich intellektuell oder in der sexuellen Orientierung von der vermeint­lich nieder­drückenden Kultur der ,dead white European males‘, der weitgespannten Tradition von den Grie­chen bis zur französischen Revolution und dem westlichen Liberalismus, freige­macht haben.

V.

Das Bemessungskriterium für gesellschaftliche Zugehörigkeiten hat eine kulturalistische Her­kunft, es gilt als Form des Diskurses, in Anlehnung an Alfred Schütz[7], Berger/Luckmann[8] oder Ulrich Beck[9] könnte man es als ,soziale Konstruktion sozialer Wirklichkeit‘ bezeichnen. Aber gleichzeitig hat die Dichotomisierung von Gesellschaft in Täter und Opfer starke biologistische Untertöne.

Die nordamerikanischen Auseinandersetzungen um PC drehen sich in der Mehrzahl um die beiden Kernbegriffe oder gesellschaftliche Kernerfahrungen von Ethnizität und Geschlecht, ethnicity (zunehmend und mit zunehmend biologischer Konnotation auch race) und gender. Das reicht bis in die akademische Sozialwissenschaft hinein. Gender studies und ethnic studies haben im Fach, gemessen an der kontinentaleuropäischen Sozialwissenschaft, in Nordamerika einen überproportionalen Stellenwert. Dies erklärt sich nicht ausschließlich aus der größeren Bedeu­tung ethnischer Bruchlinien in der Gesellschaft, sondern verweist auf auf theoretische Moden. Hier möchte ich nur auf die amerikanische Entdeckung des Relativismus, den post-modernen Diskurs also, hinweisen. Ethnicity und gender gelten als zentral für die Herausbildung von Iden­tität, oder schärfer noch, personale Identität wird nicht selten als Funktion von ethnischer Zuge­hörigkeit und Geschlechtsrolle definiert. Man ist ,gay black‘, ,lesbian First Nation‘, oder, behüte, ,white hetero­sexual male‘.[10] Daß persönliche ,Identität‘ in der Regel komplexer ist als die Zugehö­rigkeit zu einer Gruppierung im Sinne ethnischer oder geschlechtlicher ,otherness‘, geht in solcher Zuschreibung verloren; ihr Vorteil ist eine enorme Reduktion von sozialer Komplexi­tät. Selbst in der sozialwis­senschaftlichen Literatur in Nordamerika ist es dabei nicht selten, daß sich ein biologisches Ver­ständnis von Ethnizität und Geschlechtsrolle in die Begriffsbestimmung einmischt. Insofern trägt Nordamerika, trotz aller postmodernen Moden, schwerer als Europa am historischen Erbe einer Soziologie als Möchtegern-Naturwissenschaft, ,science‘. Eine Politisie­rung der oft biologisch kon­notierten Begriffe Ethnizität und Geschlechterrolle in ,identity poli­tics‘ läßt einige Beobachter von ,biopolitics‘, biologischer Politik[11] sprechen, ein Begriff, dessen historische Geladenheit gerade in Deutschland nicht unvertraut sein sollten.

Ungeachtet solcher Vereinfachung und Politisierung sind Ethnizität ebenso wie gender aus sozialwissenschaftlicher Sicht in erster Linie sozio-kulturelle Kategorien. Natürlich ruht die so­zio-kulturelle Bestimmung auf Geschlecht und Hautpigment als körperlichen Merkmalen. Ent­schei­dend ist aber, wie in Gesellschaft diese Merkmale codiert werden, oder, in weniger techni­schem Jargon, wie Gesellschaft mit diesen Unterschieden umgeht. Ein solcher Begriffsgebrauch steht in der Tradition der ,klassischen‘ Soziologie, kann sich besonders auf Max Weber berufen. Eine ethnische Gemeinschaft ist wie eine Nation – in einer glücklichen Formulierung Robert Mi­chels’ – „Willensgemeinschaft“, eine vorgefundene Unterschiedlichkeit mag Anknüpfungspunkt einer ethni­schen Unterscheidung sein, aber sie ist nicht auch schon der Grund für die gesell­schaftliche Her­vorhebung gerade dieser Differenz. Für Weber hat die ethnische als „Willensge­meinschaft“ wie alle sozialen Institutionen auch eine politische Dimension. Ethnien und Natio­nen werden geformt durch Politik, und solche Politik mag mehr den Willen politischer Eliten ausdrücken als im empha­tischen Sinne einen Willen von Gemeinschaft. Michael Bodemann beo­bachtet so zutreffend, daß „[i]t is no great exaggeration therefore to say that for Weber, the mas­ses are irrelevant insofar as any political initiative is concerned: ethno-national awareness and solidarities are imposed upon them by those predestined to lead, and the domain of free will in the area of ethno-national con­sciousness is reserved for them.“[12]

Ethnizität ist sozio-kulturelle Kategorie, aber sie ist eine Kategorie, die geladen ist mit politi­schem Gestaltungswillen, mit Interessen an Gruppierung und Unterscheidung. Insofern ist die Kernfrage politischer Soziologie auch Zentralproblem einer Soziologie von Ethnizität: „Wem nützt es?“. Erfahrung von ethnischer Besonderheit, das was sich etwa im angelsächsischen Beg­riff der „visible minority“ abbildet, ist eine Dimension der ethnischen „Willensgemeinschaft“, aber Anders­sein ist politisiert, ist geformt und überformt von Macht- und Einflußspielen konkur­rierender Eli­ten. Ein ähnliches Argument ließe sich machen für Geschlechterrollen oder sexuelle Identität, wenn auch Geschlecht eine nur mit Mühe übersteigbare Grenze in der Freiwilligkeit der Wahl von Bezugsgruppen bildet. Der sozio-kulturelle Spielraum liegt in der gesellschaftlichen Ausformung von Geschlechterrollen, nicht in der Tatsache der gegebenen Geschlechtlichkeit, er liegt in ,gender‘ und nicht in ,sex‘, wie dies auch in der großen Mehrzahl der feministischen Lite­ratur in Nordame­rika wie in Deutschland völlig zu recht hervorgehoben wird.

VI.

Der Ort von Individuen in Gesellschaft bestimmt sich für PC nach den Gesichtspunkten ethni­scher Selbstzuordnung (also Herkunft und Hautpigment) und sexueller Orientierung. Die Gesell­schaft ist Wider- und das Zusammenspiel so definierter Gruppen. Emanzipatorische Politik, so wie PC sie versteht, wird zu einem Kampf von Rassen- und Geschlechtsgruppen, ei­nem Kampf der ,Opfer‘ gegen die ,Täter‘.

Inhalt dieses Kampfes ist Selbstbestimmung, ist die Behauptung, oder im Falle der Opfer: Herstellung von „Identität“ unter der und entgegen der Unterdrückung durch die weiß-patriar­chali­schen Täter und die von ihnen aufgerichteten hegemonialen Strukturen. Im Kontext von PC läuft dies unter dem Rubrum „Identitätspolitik“, ,identity politics‘.

Gefordert wird, daß die Gesellschaft sich von der Sünde der Unterdrückung reinige, und das Selbstbestimmungsrecht aller Opfergruppen umgehend anerkenne. In einer politisch korrekten Welt gibt es solche Selbstbestimmung nur für Opfergruppen, nicht für Täter. Den von PC ausge­machten Tätern bleibt allein das moralisch erhebende Gefühl, die Sünden vergangener Unterdrü­c­kung durch die Unterwerfung unter die Selbstbestimmung der Opfer wiedergutzumachen.

Ich möchte als ein Beispiel für diese Position Tom Lewis zitieren, der sich besonders der Rechte schwarzer Opfer annimmt: „The entire history of Black oppression [gemeint ist: ,op­pres­sion of Blacks‘, D.H.] justifies the unconditional right to self-determination for African-Ame­ri­cans.“ Selbstbestimmung faßt Lewis dabei denkbar radikal, und in völliger Souveränität der „Af­ri­can-Americans“: „If a separatist path is chosen then it must be seen as a response to white op­pres­sion: emphatically, it is not a form of ,black racism‘.“ Schwarze Apartheit ist für Lewis so nicht nur eine der möglichen Formen, in denen schwarze Selbstbestimmung sich ausdrücken kann; das­sel­be Recht auf Apartheit gilt für Weiße nicht: ,Weiße Apartheitspolitik wäre auch für Lewis platt – Rassismus. Rassismus, so Lewis weiter, „requires the power to oppress – a power that Blacks, La­tinos, and other minorities do not possess in this society. A class perspective on Afrocentrism and similar cultural movements, therefore involves unconditional support for them against their de­trac­tors.“[13]

Besonderheit, kulturelle Differenz gegenüber der ,herrschenden Kultur‘ tauchen in ,identity politics‘ zweimal auf.

  • Andersheit als Ansatzpunkt von Unterdrückung, das Andere als Anderes, als Abweichendes hatte sich in und durch sie kulturell konstituiert. Schwarze werden zu Schwarzen erst durch den Rassismus der dominanten weißen Gesellschaft. Bezugspunkt dieser Kritik ist die Rhe­torik der Gleichheit: Insistiert wird auf dem gleichen Menschenrecht der Teilhabe, unabhän­gig von persönlicher Besonderheit. Die Kritik greift die politische Gesellschaft in ihrem in­dividualistisch-liberalen Selbstverständnis, am programmati­schen Anspruch, gegenüber Hautpigment farbenblind zu sein und gegenüber Geschlecht und sexuellen Vorlieben gleichgültig. (Sprechen wir im Moment nicht vom Realisierungsgrad die­ser idealen Welt!)

  • Wo PC eine positive Vision anderer Gesellschaft ausmalt, wird die Bezugsebene radikal ge­wechselt: In einer politisch korrekten Welt, in der Diskriminierung verschwunden ist, ist An­dersheit Ausgangspunkt von Stolz, ,pride‘, ist Zugehörigkeit.

Bezugspunkt von Gleichheitsforderungen ist nun nicht mehr Individualität, sondern eine Verab­so­lutierung von rassischer und Geschlechtsidentität, eine positive Besetzung biologischer Diffe­renz. Die biologische Differenz, die eben noch als hegemoniales Konstrukt entlarvt wurde, wird positiv besetzt, wird Kern von Gegen-Identität. Hier geht es nicht mehr um einen Diskurs über Individual­rechte in einer bürgerlichen Gesellschaft, sondern um Rechte sich biologisch definie­render Grup­pen, die sich als Unterdrückte erfahren haben. M.a.W.: Das Thema ist nun Rassismus in benevo­lenter Absicht, eben „biopolitics“.

Freiheit im Sinne der bürgerlichen Gesellschaft ist hier suspendiert. Die Rolle als Opfer oder Täter ist biologisch zugeschrieben. Die Bezugsgruppe wird zur Zwangsanstalt, denn weder Haut­farbe noch Geschlecht kann man verlassen. Gesellschaft wird ethnisiert, Politik biologisiert. Identi­tät, Selbstbestimmung und Selbstsicherheit sind nur aus der Unterwerfung unter das biolo­gische Schicksal zu erreichen.

Identitätspolitik konstruiert Gesellschaft als Gruppenkampf, Frauen gegen Männer, Schwar­ze gegen Weiße, und alle gegen Koreaner[14]. Machtbegriff, Klassenbegriff und Grup­pen­be­g­riff der politisch korrekten Linken sind statisch und unhistorisch. Es fehlt moralisch die Kategorie der Ver­söhnung, politisch fehlt die Dimension eines Ausgleichs von Gegensätzen in einem hö­he­ren Drit­ten. Macht erwächst für sie nicht in gesellschaftlicher Interaktion, sondern sie ist Attribut eth­ni­scher Gruppen. Unterschiede zwischen ,politisch korrekter‘ Identitätspolitik und jenem Ras­sis­mus, der bisher Domäne der politischen Rechten war, sind zunehmend schwer auszumachen.

VII.

Wenn Gruppen als Gruppe politische Ansprüche erheben, dann hat das unter der Bedingung der wohlfahrtsstaatlichen Politik eine spezifische sozio-politische Dynamik. Im traditionellen Ver­ständnis liberal-bürgerlicher Gesellschaft galt Gleichheit als Gleichheit vor dem Gesetz, als Gleich­heit von Rechten, ohne Ansehen der Person. Es war dies die Gleichheit von Reichen und Armen, unter Brücken zu schlafen. Bezieht sich Gleichheit nicht mehr auf Individuen, sondern auf Grup­pen, besonders auf Identitätsgruppen im Sinne von Political Correctness, wird dieser Gleichheits­begriff auf den Kopf gestellt. Da Gruppen in der Welt von Political Correctness je­weils eine Identi­tät eigener Art haben, verlangt Gleichheit nun besondere Behandlung, eine An­erkennung der Gruppeneigenart. In einer Gesellschaft von Gruppen beansprucht jede Gruppe ihr eigenes Recht. Gleichheit liegt in der Anerkennung von Verschiedenheit, in Sonderrechten. Ist der Anspruch auf Sonderrechte durchsetzbar, wird Gruppenzugehörigkeit durch wohlfahrtsstaat­lichen Transfer gra­tifiziert. In der Ära wohlfahrtsstaatlicher Konfliktregelungen liegt im Beharren auf der Besonder­heit als Identitätsgruppe ein verteilungspolitischer Vorteil. Besonders der Status als Opfer-Gruppe gibt im alltagspolitischen Ringen um wohlfahrtsstaatliche Positionen der einen Positionsvorteil, können doch wechselweise Gleichheits- und Besonderheitsrhetorik zur Sub­stantiierung von sozial­politischen Forderungen angeführt werden.

Dies hat zwei Folgen. Zum einen stabilisiert die gesellschaftliche Durchsetzung von Sonder­rechten den Bestand der Gruppe. Abweichende Identität zahlt sich aus, Zugehörigkeit zur Gruppe wird attraktiver. Zum anderen entstehen um solche Sonderrechte als Kristallisationskerne neue be­rufspolitische Interessen. Im politischen Interessenkampf brauchen Gruppen politische Ver­tretung. Gleichzeitig entwickelt sich professionelle Hilfe in einer Kultur neuer sozialer Dienste.[15] In der fast unüberschaubaren Fülle von Hilfs- und Beratungsangeboten zur Hilfe von Opfern und zur Verfei­nerung und Befestigung der Diskurses der Differenz, in den ,harassment offices‘ der Universitä­ten, in den Vertretern der vielen Kulturen in den staatlichen Lobbies, etabliert sich eine neue so­zialberufliche Mittelschicht, deren beruflicher Erfolg oft unmittelbar von der Existenz politisch korrekter Gruppenpolitik abhängt. Die Eigeninteressen solcher neuer Professionsgrup­pen sichern eine weitere Befestigung der Identitäten und Unterscheidungen von Identitätspolitik. Damit beteili­gen sich nun gesellschaftliche und politische Eliten an der politischen Auseinander­setzung, die aus eigenem Antrieb den Diskurs der Differenz verschärfen.

Dieser Mechanismus der Selbststabilisierung wird sehr deutlich an der Politik des Multi­kultu­ralismus, wie sie in Kanada betrieben wird. Die Vergabe substantieller Summen öffentlicher Mittel zur Erhaltung und Förderung der Multikulturalität trug dazu bei, daß sich Gruppen eth­nisch, als Herkunftsgruppen redefinierten. Eine professionelle Kultur von Agenten, Mittelbe­schaffern, För­derern multikultureller Politik entstand. Ethnische Restrukturierung ist so zum Teil eine Folge einer Politik des Multikulturalismus und der von ihr angestoßenen gesellschaftlichen Dynamik.[16] Dies ist nicht anders in anderen Politikbereichen, in denen gesellschaftliches Han­deln durch öf­fentliche Mittelvergabe wesentlich strukturiert wird, vom – um deutsche Beispiele zu verwenden – Schiffbau über die Steinkohle bis zum städtischen Opernhaus.

Zusammenfassend: Identitätspolitik und die Sprache biopolitischer Besonderung in Political Correctness entschlüsseln sich als Anmeldung von Ansprüchen auf Sonderziehungsrechte auf den – im weitesten Sinne wohlfahrtsstaatlich verteilten – gesellschaftlichen Reichtum. Dieser Politik sind Mechanismen zur Selbststabilisierung und –perpetuierung inhärent. Je erfolgreicher die be­sondere Behandlung, und die Anerkennung als schützenswerter Gruppe im multikulturel­len oder multiethnischen Kontext, desto mehr kommt eine strukturkonservative Tendenz in der um ethni­sche Zugehörigkeit organisierten multikulturellen Gesellschaft zum Tragen: Privilegien verstehen sich aufgrund der biopolitischen Zugehörigkeit, sie aufzugeben verstieße so gegen mühsam er­kämpfte Positionsvorteile. Gefahren einer ethnischen Fragmentierung von Gesell­schaft wachsen.

VIII.

Ich habe Opferrhetorik, Unterdrückungskritik und das Gestaltungsangebot der Identitätspolitik be­wußt scharf gezeichnet. Wie jede Politik strebt auch Identitätspolitik nach Rationalisierung ih­rer Strategien und Argumente. Rationalisierung heißt hier: Verschärfung von Differenz. Blickt man auf die politischen Mittel von Identitätspolitik, zeigt sich eine für den europäischen Erfah­rungshin­tergrund beunruhigende Parallele. Identitätspolitik erscheint als eine Neuauflage des ra­dikalen ethnischen Nationalismus.

Man kann dasselbe auch unter Verweis auf die Geschichte sozialwissenschaftlicher Theorie ausdrücken: George Sorel hatte das Problem moderner „identity politics“ am Ende des letzten Jahrhunderts schon einmal durchbuchstabiert: Revolution, die Selbstbefreiung unterdrückter Gruppen – in seinem Fall: des Proletariats – von ihren Unterdrückern hatte Sorel als das Problem der Gewinnung von Selbstbewußtsein, vulgo: ,Identität‘, reformiert und sich damit vom Ökono­mismus im zeitgenössischen marxistischen Denken abgesetzt. Sorel thematisiert ideenpolitische Mechanismen gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Moderne. Der Glaube an eine Mission, ein konkreter, Politik leitender Mythos, erschien Sorel als Ressource von Gruppenintegration, nach­dem Tradition in der Moderne ihre Bindekraft verloren hatte. Sorel stellte sich gesellschaft­liche als moralische Integration vor, nicht etwa liberal als System von Interessen. Konkret malte Sorel aus, wie der Generalstreik beim Proletariat die Erfahrung von Gegenmacht ermöglichen solle, und wie daraus eine Kraft zur moralischen Erneuerung der Gesellschaft erwachse. Macht kommt für den Revolutionär Sorel nicht aus den Gewehrläufen, sondern erwächst aus Identitäts­glauben.[17]

In Europa wirkten diese Ideen Sorels bekanntlich nicht nur auf die anarcho-syndikalistische Linke, sie waren auch Inspirator für identitätspolitische Strategien im italienischen Faschismus: hier wurde der Mythos der proletarischen Macht im Generalstreik durch den der Nation als mo­ralischem Zentrum einer Gesellschaft und als Quelle von Identitätsglauben ersetzt. Auch in Deutschland hatte diese Diskussion ihren Niederschlag auf beiden Seiten des politischen Spek­trums, in der ,Konservativen Revolution‘ wie bei der nicht-marxistischen Linken wurde in der Zwischenkriegszeit an politischen Mythen zugunsten der je eigenen Sache gebastelt.

Frantz Fanon[18] formulierte nach 1945 Sorels Identitätsstrategie für antikoloniale Bewegun­gen neu. Bei ihm, in antikolonialer Identitätspolitik, lassen sich die ideengeschichtlichen Wur­zeln auch der PC-Bewegung in den USA ausmachen. Fanons Strategie war es, Identität aus der kolonialen Erfahrung von ökonomischer Ausbeutung als ethnischer und kultureller Unterdrü­ckung zu konstru­ieren. Ethnische und kulturelle Andersheit der Kolonisierten sollten Kristallisa­tionskern von Befreiungsbewegungen werden, die so gleichzeitig antikapitalistisch und antikolo­nialistisch, natio­nale Befreiungsbewegungen sein sollten.

Eines der Probleme bei der Übertragung von Fanons Identitätsstrategie auf das heutige Nord­amerika ist, daß es sich hier nicht um kolonial geprägte Gesellschaft handelt: Die vorkolo­niale Bevölkerung ist – bei aller Indianderromantik – keine prägende Größe mehr.[19] Vielmehr sind die nordamerikanischen Gesellschaften Ergebnis freiwilliger Einwanderung, dies mit der einen Aus­nahme der schwarzen Sklaven der südstaatlichen Plantagen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg und von deren Abkömmlingen. Gerade für die Schwarzen jedoch ist Ethnizität ein Begriff, der sich gegenüber Mythisierung sperrig zeigt: trotz aller Rede von ,African Americans‘ ist schwarze Identität keine Herkunftsethnizität, sondern deutlicher als die sich noch im sprachli­chen und kultu­rellen Residuum niederschlagende Herkunftsethnizität jüngerer Einwanderer­schichten Ergebnis gesellschaftlicher Definition- und Distinktionsprozesse innerhalb der der US-Gesellschaft. Die Versklavung und Verschickung in die amerikanische Kolonie bedeutete den Bruch jeder mögli­chen Herkunftslinie. In Nordamerika fehlt es so an jenem Erfahrungshinter­grund, auf den Fanon als politisch-kulturellem Hintergrund für seine antikoloniale Strategie setzte. Dies mag einer der Gründe dafür sein, warum die Versuche der Konstruktion und Kanoni­sierung von Black History in den USA so panische Züge haben.

IX.

Es ist nicht so, als ob eine Kritik an PC wie die hier vorgebrachte nicht auch in den nordame­rikanischen Diskussionen präsent wäre. Immer lauter wurden in den letzten Jahren libe­rale Stim­men in den USA, die vor den potentiell fatalen Folgen des Einbruchs von biopolitics in den politi­schen Diskurs warnten und sich von den in den Neuen Linken gefestigten Vorurteilen abwandten, daß Identitätspolitik einen menschenrechtlich progressiven Ansatz darstellen wür­den.[20] Es stellt sich die Frage, warum die Position der Identitätspolitik, warum die Forderungen nach Political Correctness bis heute einen so starken Einfluß in solchen sozialen Gruppen haben, die kein eigenes Interesse an dieser Politik haben. Warum waren die Sprachregelungen von Poli­tical Correctness trotz ihrer Absurdität so erfolgreich, daß sie in den akademischen Mittel­schichten bis heute steu­ern, was sagbar ist? Warum rührt sich Opposition gegen die ethnische Intoleranz in Identitätspoli­tik, die den Grundwerten liberaler Gesellschaft diametral entgegen­steht, so spät? Wie konnte Poli­tical Correctness, vor allem in Universitäten, zur Leitlinie adimi­nistrativen Handelns werden? Warum hat die Position von Political Correctness so viel politi­schen Kredit in Nordamerika?

Natürlich kann die Rhetorik von Political Correctness an eine puritanische Prägung in der US-Gesellschaft anknüpfen. Der Samen der moralische Hermetik, der Skepsis gegen Lust, des Stre­bens nach Kontrolle und Eingrenzung fällt auf den puritanisch vorbereiteten Acker. Dann ist mit der Tendenz zur Selbststabilisierung von Political Correctness und Identity Politics als sozi­alpoliti­schem Interessenzusammenhang zu rechnen. Ich meine jedoch, dies reicht als Erklärung nicht aus.

Zentrales Motiv der politischen Rhetorik von Political Correctness ist die Figur von Opfer und Sühne. Aus dem Anspruch auf Opferstatus erwächst viel von der moralischen Wucht und Legi­timität, mit der interessenpolitische Forderungen vorgebracht werden. Opfer zu sein bedeu­tet, letztlich für die eigene Lage nicht verantwortlich zu sein. Die Verantwortung liegt bei den Tätern, wenn nicht alle Opfer der Verhältnisse sind.

Die Forderung nach Anerkennung von Opfern und Opferschicksalen ist in einem moralisch geprägten politischen Diskurs wie dem der USA ein starkes Argument. Rechte von Opfern kön­nen nicht nur politisch eingeklagt werden, sondern die im Opferstatus beschlossene Ungleichheit ver­langt auch nach rückwirkender Kompensation. In der Rhetorik von Political Correctness ent­steht für Opfern ein durch die Rechte von ,Tätern‘ nicht beschränkbares Selbstbestimmungsrecht und ein Recht auf Kompensation erlittener Ungleichheit.

Täter, andererseits, entstehen durch die Zurechnung von Schuld nach denselben Kategorien der biopolitischen Teilhabe wie Opfer. Mitgefangen, mitgehangen. Oder weniger dramatisch: mit­beschuldigt, mit Schuld. Der erklärungsbedürfte Umstand ist, warum Individuen, denen die Täter­rolle zugerechnet wird, diese auch annehmen, und damit Teil der politisch korrekten Rheto­rik werden.

Ideologien und Erklärungsansätze sind nur dann politisches Kapital, wenn sie in für sie rele­vanten Gruppen gesellschaftliche Anerkennung finden. Es ist nicht schwierig, Interessen auszu­ma­chen, die sich mit politisch korrekter Identitätspolitik verknüpfen, erklärungsbedürftig ist, wa­rum Political Correctness ernsthaft Teil des politischen Diskurses jenseits solcher Interessen werden kann. Eine Erklärung könnte sein, daß die politische Rechte in Amerika die absurden Po­sitionen der politisch korrekten Linken braucht als einen Pappkameraden, auf den mit der schar­fen Muni­tion politischer Rhetorik geschossen werden kann und daß unsere Wahrnehmung von Political Correctness schon durch solche Feind-Rhetorik verbogen ist. In diesem Sinne schrieb Robert Hughes, daß beide Seiten einander brauchen, „um ihr jeweiliges Parteiprogramm zu einer chiliasti­schen Schlacht um die Seele Amerikas aufzubauschen. Die radikale akademische Linke und die kulturkonservative Rechte sind ineinander verkeilt in einer prachtvollen symbiotischen folie à deux...“[21].

Ich glaube, daß es über ein solches unfreiwilliges Bündnis der Radikalen hinaus einen tief­ver­ankerten Wunsch in der akademisch gebildeten Mittelschicht in Nordamerika gibt, persönli­che Schuld anzunehmen und anzuerkennen. In dieser Schuldannahme liegt ein wesentlicher Er­klä­rungsgrund für den Erfolg von Political Correctness und Identitätspolitik. Der Westen befin­det sich in einer mehrdimensionalen politischen Identitätskrise. Er hat seinen Feind, und damit seine raison d’étre verloren. Wenn es stimmt, daß Identitäten sich wesentlich aus Gegnerschaft definieren, dann folgt aus dem Verlust des Feindes, daß sich das Denken verdunkelt, daß sich die Differenzierun­gen zwischen uns und den anderen, zwischen richtig und falsch, und auch zwi­schen rechts und links verwirren.

Hinzu kommt, daß der angesichts des Elends in der Welt vergleichsweise gute Lebensstan­dard der Mittelschichten Schuldgefühle befördert, auch in Zusammenhang mit der ökologischen Ver­schuldung gegenüber ärmeren Bürgern und gegenüber kommenden Generationen. Es ist dies ein Schuldgefühl über den so bequemen westlichen Lebensstil, der genossen wird trotz – oder viel­leicht wegen? – all der gebrochenen Versprechungen des Westens, eine Schuld erwachsend aus dem Gefühl, irgendwie verantwortlich zu sein, für das, was sich nach vierhundert Jahren kulturel­ler Dominanz des Europäertums falsch entwickelt hat.

Solche Annahme von Schuld und Verantwortung ist dort am wahrscheinlichsten, wo die Be­rührung mit identitätspolitischen Forderungen am häufigsten sind. Dies sind die humanities und soft sciences im Bildungssystem, Universitätsadministration, Angehörige sozialer Berufe. Hier ist auch das Wissen darüber nicht abweisbar, daß die amerikanische, wie alle Geschichte der na­tiona­len Formation, eine Geschichte von Gewalt und Unterdrückung war, gegen die eigene Rhe­torik der Friedlichkeit, der Chancengleichheit, festgesetzt in der Konstitution und bekräftigt durch den Sieg der bürgerlichen Kräfte im amerikanischen Bürgerkrieg. Erst mit einer solchen Schuldan­nahme von Teilen der Mittelschichten kann der Erfolg der politischen Rhetorik von Po­litical Cor­rectness erklärt werden. Wenn es nicht um Interessen geht, sondern um Schuld, dann ist eine angemessene Strategie nicht politisches Aushandeln von Interessenausgleich, sondern ist Sühne.

Ein letztes kommt hinzu. In Nordamerika trifft die politische Rhetorik des ,Opfers‘ auf eine Gesellschaft, in der die Verbindlichkeit alltagskultureller Standards zunehmend erodiert. Dies be­förderte eine Konstellation in der politischen Kultur, die – wie John Fekete es kürzlich in einem Buchtitel ausdrücke – als „Moral Panic“ bezeichnet werden könnte.[22] Verhaltensunsicherheiten, ständige Angst vor Kriminalität, sicherlich gefördert durch die vergröbernde und verstärkende Wirkung von auf Sensationen angewiesenen Populärmedien, Mißtrauen gegenüber jeden Frem­den und alles Fremde, aber auch Mißtrauen gegenüber Nahestehenden, dem eigenen Mann, Bru­der, Vater. Lassen wir dahingestellt, ob es in Deutschland Anzeichen für ein ähnliches, von Angst und Panik geprägtes Lebensgefühl gibt. In Nordamerika jedenfalls sehen sich eine große Zahl von An­gehörigen gerade der mittleren sozialen Schichten wie in einem gefährlichen Dschungel: Überall und aus jeder Richtung droht Gewalt, unbekannte Gefahren lauern noch im Intimsten und Ver­trautesten, nichts auf der Welt ist mehr sicher, jeder Mitmensch ein potentieller Aggressor. Vor dem Hintergrund solcher ständiger Gefährdungsängste gewinnt die Rede von einer Gesellschaft der Opfer intuitive Plausibilität.

Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, daß Identitätspolitik in der Atmosphäre von Orientierungslosigkeit, Opferrhetorik, Schuld und Schuldannahme sich zum dominanten Diskurs ethnischen Nationalismus weiterentwickelt, dies mit allen Folgen, die ethnischer Nationalismus auf inneren gesellschaftlichen Frieden und innere gesellschaftliche Sicherheit haben kann.

X.

Ich möchte eine zusammenfassende Bewertung versuchen. Ich denke, daß sich das Phänomen PC auf vier Bedingungskomplexe zurückführen läßt.

  • Zunächst muß auf eine spezifische Form des nordamerikanischen Radikalismus hingewiesen werden. In Nordamerika gibt es eine Tradition politischen Utopismus und Rigorismus (im­merhin gilt es weiter, ,God’s own country‘ aufzubauen). Jeden europäischen Besucher auf­fallend ist ein sehr prüder Grundzug in der amerikanischen Wertewelt, der nicht in Wider­spruch steht zu einer ungeheuren Sexualisierung öffentlicher Diskurse. Gleichzeitig prägen eine starke Familien- und Gemeinschaftssehnsucht (American values) und ein starker Indivi­dualismus, geradezu ein Kult der Selbstverwirklichung die politische Kultur. Kulturelle Stan­dards sind in den Einwanderergesellschaften weit gefährdeter als in den vergleichsweise weit homogeneren westeuropäischen Gesellschaften. All dies bereitet den kulturellen Unter­grund für jenes Bedürfnis nach Orientierung für die Identitätssehnsucht, die scheinbar von PC be­friedigt wird.

  • Eine wichtige Rolle bei der Etablierung von PC als Diskurs und als politisches Dauerthema in Nordamerika haben die Massenmedien, die in vielem anders, kommerzieller, mehr auf die Sensation als auf Information ausgerichtet sind als das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Tagespresse hierzulande. Auf die Medien richteten sich zudem starke medienpoliti­schen Stra­tegien, teils aus dem Kontext von PC, teils aber auch aus der politischen Rechten in Nord­amerika, die PC als einen Popanz entdeckt haben, mit dem sie ,liberalism‘, sozial­politische staatliche Interventionspolitik und die Linke insgesamt lächerlich machen können.

  • Schließlich gibt es wachsende berufspolitische Interessen an PC. Ich habe auf das Entstehen einer relativ neuen professionellen Kultur sozialer Dienste hingewiesen. Hier, in der fast un­überschaubaren Fülle von Hilfs- und Beratungsangeboten zur Hilfe von Opfern und zur Ver­feinerung und Befestigung der Diskurses der Differenz, in den ,harassment offices‘ der Uni­versitäten, in den Vertretern der vielen Kulturen in den staatlichen Lobbies, hat sich eine neue sozialberufliche Mittelschicht etabliert, deren beruflicher Erfolg oft unmittelbar an die politisch korrekte Sicht der Dinge anschließt.

  • Schließlich steht die weite Akzeptanz von PC im Zusammenhang mit Schuldgefühlen und Opferrhetorik, die sich besonders in sozial und sozialpolitisch sensiblen Mittelschichten be­merkbar machen.

Steht auch hierzulande eine Welle von PC bevor, getreu der Beobachtung, daß kulturellen Strö­mungen aus Amerika mit einer gewissen Zeitverzögerung immer auch hier ankommen?

Das Phänomen sprachlichen Purismus, Bestrebungen, den Sprachgebrauch von allen Spuren der Benachteiligung zu reinigen, existiert auch hier. Um nur aus dem semantischen Feld der Mi­gration zu zitieren: fast niemand wagt sich mehr, die ganz unten in der sozialen Hierarchie situ­ier­ten Arbeitsimmigranten anders als mit „ausländische Mitbürger“ o.ä. zu benennen. Für Euphe­mismen anfällig ist aber z.B. auch der gesamte Komplex des Umgangs mit der deutschen Ge­schichte, der sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“. Was Westeuropa, wenn auch kulturell oft abgemildert, mit Nordamerika teilt, ist weiter der Prozeß der Modernisierung, der Individuali­sie­rung, damit einhergehend der Verlust von Sicherheiten und Verhaltensstandards. Anzeichen von ,moral panic‘ lassen sich auch hierzulande ausmachen. Schließlich wächst auch hier der so­zialbe­rufliche Mittelstand.

Was sich hier nicht findet, ist jene ethnisch fragmentierte soziale Landschaft, wie sie in Nord­amerika Ausgangspunkt der ,racialization‘ des Diskurses ist. Schließlich – so hoffe ich we­nigstens – ist in Europa die politische Tugend aufklärerischer Nüchternheit derzeit fester veran­kert als im heutigen Amerika, dies vielleicht auch wegen der bitteren politischen Erfahrungen im Europa der ersten Jahrhunderthälfte. Nordamerika hat sich in seiner politischen Kultur, und hier noch stärker auf der politischen Rechten als im Lager der politisch korrekten Linken, in einen alarmierenden politischen Fundamentalismus verstrickt. Die Desillusionierung der Linken in Europa, Folge der Epochenwende von 1989, könnte sich hier als Anker einer Ernüchterung, einer realpolitischen Nüchternheit der Linken erweisen. Daß aber im Mittelstand auch Panik ausbre­chen kann, ist eine Erfahrung, die gerade dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts nicht fremd ist. 

Anmerkungen

[1]      Alle Zitate aus Theodor W. Adorno: Kein Abenteuer; in: ders., Gesammelte Schriften, Bd.20.2, Frankfurt: Suhr­kamp, 1986, S.585f.

[2]      Brian Fawcett: A Radical Re-orderin; in: Books in Canada, April 1995, S. 28-31; hier: S. 29.

[3]      "Political Correctness" and Collective Powerlessness; in: Socialist Review 21. 1991, H. 3/4, S. 14-35; hier: S. 22.

[4]      Pardon: um Feierabendheime, nein, um Seniorenwohnstätten, oder wie lautet der derzeit gültige deutsche Euphemismus?

[5]      Daß das Attribut „alt“ nur dort diskriminierend sein kann, wo Jugendlichkeit als Leitwert gilt, wird in solcher an­tidiskriminatorischer Sprachpolitik nicht kritisiert, sondern bekräftigt.

[6]      Wie so oft, dämmerte es mir erst, nachdem ich meinen Globe and Mail bei der Altpapiersammlung abgeliefert hatte, daß ich dieses Stück kultureller Evidenz hätte aufheben sollen. Ich zitiere so aus der Erinnerung.

[7]      Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie, 2.Aufl., Wien 1960.

[8]      Peter L. Berger  und Thomas Luckmann : Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, m. e. Einl. v. Hellmuth Plessner, Frankfurt: Suhrkamp, 1980.

[9]      Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt: Suhrkamp, 1986.

[10]    In der amerikanischen ‚Linken‘ gilt – so beobachtet Paul Berman zutreffend – "that in cultural affairs, the single most important way to classify people is by race, ethnicity, and gender – the kind of thinking that leads us to de­fine one person as a white male, someone else as an Asian female, a third person as a Latina lesbian, and so forth."

[11]    Vgl. hier besonders pointiert John Fekete: Moral Panic. Biopolitics Rising, Montreal: Robert Davies Publisher, 1994.

[12]    Priests, Prophets, Jews, and Germans: The Political Basis of Max Weber’s Conception of Ethno-National Solidarities; in: Archives Européennes de Sociologie 34. 1993, S. 224-247; hier: S. 241.

[13]    "Political Correctness": A Class Issue; in: The Minnesota Review 39, Herbst/Winter 1992/93, S. 88-102; hier: S. 98.

[14]    Die Straßenkämpfe, die 1993 in Los Angeles ausbrachen, zeigten, daß die Verwerfungen in der US-Gesellschaft weit komplexer sind, als dies Vertreter von 'identity politics' wahrhaben wollen: Straßenkämpfe, die durch ein of­fensichtlich gegen die schwarze Bevölkerung diskriminierendes (und inzwischen korrigiertes) Gerichtsurteil aus­gelöst wurden, richteten sich gegen eine neue Gruppe von Immigranten, deren Beteiligung am juristischen Establishment sich auf keine Weise konstruieren läßt. Koreanisch betriebene kleine, meist sehr erfolgreiche Le­bensmittelgeschäfte (convenience stores) überall in der Stadt, waren überall die ersten Opfer der Unruhen. Ko­reaner gelten, möglicherweise aufgrund einer unterschiedlichen und als verletzend empfundenen Körpersprache, bei weißen und schwarzen Amerikanern gleichermaßen als Fremdkörper im Alltagsleben, auch neidet man ihnen den wirtschaftlichen Erfolg.

[15]    In übertragenem Sinn kann die polemische Beschreibung  sozialer Dienste in Deutschland aus der Feder Wolf­gang Englers meine Überlegungen hier illustrieren. Engler betrachtet die Situation aus der Perspektive eines Neuankömmlings in den deutschen Sozialstaat, sein Erstaunen ist ähnlich dem der Kunstfigur des Papalagi, der seinerzeit in der Weimarer Republik seine Zivilisationskritik vorgebracht hatte: „... hinter den klassischen Inter­ventionsstaffeln (Gesetzgebung, Steuer, Polizei, gegebenenfalls Bestrafung) lauern ... kleinere beweglichere, staatsfernere ‚Eingreiftruppen‘ auf ihre Chance – soziale Dienste. Ihr Credo ist das Credo der Gesellschaft selbst: humanistisch, pädagogisch, psychologisch; nicht verhindernd, sondern ermöglichend, und falls doch verhin­dernd, dann nicht um zu strafen, sondern um zu bessern. Gleich den Privatleuten sehen sie den Menschen einem Heer von Gefahren ausgesetzt, die abzuwehren endlose Forschungsarbeit, Untersuchungen und Früherkennung erfordert. Sie kämpfen den Kampf, den wir alle kämpfen: gegen das soziale Übel und für eine Welt ohne Sorgen, nur dauerhafter, systematischer, gründlicher. Und wenn wir es sind, die das Übel in die Welt tragen und anderen Kummer bereiten, leisten sie Beistand, um die noch nicht ‚sozialisierten‘, irgendwie ‚wilden‘ Bezirke unseres Selbst an die Kette zu legen. Natürliche Abkömmlinge des ‚sozialen Bewußtseins‘, sprechen sie seine Wahrheit unumwunden aus: Lieber ein Eingriff zuviel als ein Meer von Plagen. – Eine böswillige Unterstellung?“ (Engler 1994: 480f.)

[16]    Sehr aufschlußreich ist hier eine Studie Leslie A. Pals zum kanadischen Multikulturalismus: Interests of State. The Politics of Language, Multiculturalism, and Feminism in Canada, Montreal: McGill-Queen’s University Press, 1993.

[17]    Georges Sorel:  Über die Gewalt, übers. von Ludwig Oppenheimer (1928), m.e. Nachwort von George Licht­heim, Frankfurt: Suhrkamp, 1981.

[18]    Franz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Vorwort von Jean-Paul Sartre, übersetzt von Traugott König, Frank­furt: Suhrkamp, 1981 (frz. zuerst 1961)

[19]    Ausnahmen sind der kanadische Norden und Alaska.

[20]    Verwiesen sei hier nur auf Robert  Hughes’ Buch Culture of Complaint, 1993, das lange auf den US Bestseller­li­sten stand (dt: Nachrichten aus dem Jammertal. Wie sich die Amerikaner in political correctness verstrickt ha­ben, München:  Kindler, 1994).

[21]    Nachrichten aus dem Jammertal, a.a.O., S.111.

[22]    Fekete, a.a.O.

pua 1997

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2/1997
Politisches Denken – Politisch Handeln. Hannover,
Hannover, 1988. A 5, 134 S., geheftet.
[ISBN 3-9804023-5-5] - Printausgabe vergriffen.

Internetausgabe: 24.10.02  - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004  / 07.08.2011

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation).

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