I.
Auch in Deutschland
gewinnt „Political Correctness“ (im Folgenden: PC), zumindest in den
Medien, zunehmend Präsenz. Dabei gilt PC als ein genuines Produkt der
politischen Kultur Nordamerikas.
Für die Politische
Wissenschaft und für politische Bildung ist das Thema in mehrfacher
Hinsicht von Interesse:
-
PC ist ein
Ansatz im Problemfeld „Politik und Sprache“.
-
PC bietet eine
Strategie an, mit dem allen westlichen Gesellschaften gemeinsamen
Problem der Multikulturalität umzugehen. Daß moderne Gesellschaft als
zunehmend inhomogen erfahren werden, hat Folgen für soziale
Kohäsion, und hat Folgen für das Verhältnis von Universal‑,
Individual- und Gruppenrechten, von Freiheit und Gleichheit.
-
Vor allem
Gleichheitsforderung gewinnen im Sozialstaat eine eigentümliche
Dynamik, stellen sie sich als Gruppenansprüche an die Öffentliche
Hand dar, durch die ein wachsender Anteil gesellschaftlichen Reichtums
läuft. PC stellt das Problem radikal: Im Kontext von ,identity
politics‘ gewinnen sozialstaatliche Verteilungskämpfe eine neue
Qualität: Gleichheit wird Funktion von Differenz.
-
PC ist in
den Kontext einer sich verändernden Sozial- und Berufsstruktur
gegenwärtiger Gesellschaften zu stellen. Ich vertrete die These, daß
Political Correctness, soweit sie nicht moralische Forderung, sondern
Interesse ist, sich vor dem Hintergrund einer neuen Konstellation in
den arbeitenden Mittelklassen, bei Fortbestand alter
gesellschaftlicher Macht- und Bruchlinien, entschlüsseln läßt.
-
Schließlich ist
PC ein Phänomen politischer Kultur. Zu klären ist, inwieweit PC auf
Bedingungen zurückverweist, die der politischen Kultur Nordamerikas
spezifisch ist, oder ob sich hier ein allgemeineres Problem moderner
Gesellschaft ausdrückt.
Im Folgenden will ich
mich diesen Problemen zuwenden und dabei grob entlang der eben
aufgestellten Themenliste verfahren. Vorher sollen jedoch einige
einstimmende Bemerkungen zur politischen Kultur Nordamerikas stehen.
II.
„Spät abends in der
Untergrundbahn setzte ich mich einem jungen Mädchen gegenüber, dem
einzigen Fahrgast außer mir. Sie war recht bescheiden angezogen. ...
Das Dürftige, Hilflose und doch der Anmut hartnäckig sich Bewußte
machte sie reizvoll. Dem Betrachter flossen Mitleid, Härte und
saugende Sehnsucht ineinander. Ich mußte lächeln; und ich lächelte ihr
zu.
Ihr müdes Gesicht
nahm sich zusammen und überzog sich mit der Abweisung, die sie für
damenhaft hielt. ... [Sie] machte sich unfreundlich und zog den Rock
über die schlanken Knie.
Wissen Sie nicht, sagte die Geste, daß wir in Amerika sind, wo man
Frauen nicht ansprechen darf? Auch Anlächeln kommt für mich nicht in
Frage. Wenn ich nach Hause fahre, fahre ich nach Hause; ich amüsiere
mich nur, wenn ich mich amüsiere. ... Sie lächeln unverschämt und viel
zu ernsthaft.“
Was hier steht, ist –
gekürzt – ein kleiner Text Theodor W. Adornos, geschrieben ca. 1940,
während des New Yorker Exils. Adorno sieht in der portraitierten Frau
eine europäische Immigrantin, Jüdin vielleicht, und er gerät ins
Grübeln über Europa, und über den Verlust dortiger kultureller
Leichtigkeit:
„In Wien, woher sie
kommen mochte, auch in Berlin hätte sie wieder gelächelt; im F-Wagen [in
Wien] mit der Ironie der Stadt, die für jegliche Weise der Annäherung
eine umfangende Konvention bereit hat, im Autobus 2 auf dem
Kurfürstendamm sachlicher und schnöder: als ob ich ihr auf den Fuß
getreten und hoppla gesagt hätte.“
In Amerika aber gebe es
weder „umfangende Konventionen“ noch gebe es jene Einverständnis
signalisierende Sachlichkeit. Damit aber gibt es auch im Alltag keinen
Halt mehr. Jedes Verhalten ist problematisch, explorativ, denn ohne
Konvention gibt es auch keine konventionelle Antwort auf ein Lächeln
von ferne. Adorno reflektiert dies als Verlust und, mit ein wenig
Emigrantensehnsucht, durchaus europäisch:
„Ich blickte auf, und
sie strich sogleich wieder den Rock herunter: unterdessen hatte sie wohl
einmal die Beine übereinander geschlagen. Das ist Hitlers Triumph,
dachte ich. Er hat uns nicht nur Land, Sprache und Geld fortgenommen,
sondern noch das bischen Lächeln konfisziert. Die Welt, die er
geschaffen hat, wird uns bald so böse machen, wie er ist.“
Geben wir diesem
kleinen Text eine etwas andere, zeitgemäßere Lesart. Denn es war nicht
Hitler, oder die für diesen Namen stehenden Form des Herrschens, durch
den jenes „bischen Lächeln“ konfiziert wurde. Auch noch im heutigen
Amerika wäre Adornos Benehmen unstatthaft und er hätte nicht nur Grund,
über das in der Emigration verlorene europäische Erbe nachzudenken. Die
Szene in der U-Bahn grenzt hart an einen sexuellen Übergriff. Man kann
soweit gehen, Adorno eines solchen Übergriffs schuldig zu erklären.
Warum setzte er sich der Frau gegenüber? Alle Sitze in der U-Bahn waren
doch frei. Kümmerte ihn nicht das offensichtliche Unbehagen der Frau?
Merkt er denn nicht, daß er sie schon in seiner Wahrnehmung und seinem
Denken erniedrigt, wenn er sie als „junges Mädchen“ adressiert? Nein,
solche Sensibilität war Adorno fern, in seinem Text prahlte er vielmehr
mit seinem Übergriff, und so gab er seiner Miniatur den
anspielungsreichen Titel „Kein Abenteuer“.
Das ungehemmte
Schweifen seines Blickes, seine Aufmerksamkeit für Knie und Beine
seines Gegenübers und nicht eben für ihre Persönlichkeit und Identität,
sein eindeutig sexuelles Lächeln gar, geladen mit „Mitleid, Härte und
saugende(r) Sehnsucht“, all dies zeigt, daß Adorno, als europäischer
Mann, tief im Selbstgefühl des Patriarchats verwurzelt ist. Er ist es
gewohnt zu herrschen, zu erobern, ohne Rücksicht auf die Zustimmung
seines Opfers. Man könnte sagen, Adornos Text reflektiert die Urszene
zwischen Mann und Frau: die Vergewaltigung. Kurz vorher jedoch,
die Angst bei der Frau zeigt schon ihre Wirkung, kommt Adorno zur
Besinnung:
„Ich schämte mich,
und als sie abermals die Beine kreuzte, wagte ich schon gar nicht mehr
hinzuschauen.“
Mit diesem Einstieg
möchte ich nicht belegen, daß selektives Zitieren überraschende
Bedeutungsschichten in Texten freilegen kann. Vielmehr habe ich
versucht, Adornos Miniatur eine politisch-korrekte Auslegung zu geben.
III.
Über PC zu sprechen ist
schwierig. Vertretern von PC geht es um Rassismus in der Gesellschaft,
es geht ihnen um Gewalt, Vergewaltigung, und um Ungleichheit. Es geht
ihnen um eine politische Strategie, die beansprucht, für diese Probleme
eine politische Lösung anbieten zu können. Wer würde mit solchen
Bestrebungen nicht sympathisieren!
Skeptiker gegenüber
PC allerdings werden sehr schnell mit eine spezifischen Dogmatismus
konfrontiert: Sie werden, wenn sie die von PC verwendeten Begriffen etwa
der Ethnizität, Rasse oder Identität oder auch mit dem Gewaltbegriff
kritisch untersuchen, von Vertretern von PC sehr schnell mit dem Vorwurf
belegt, daß ihre Kritik ein Bekenntnis zu Rassismus und sexueller
Gewalt beinhalte. Der Diskurs der PC polarisiert, durch jede Kritik
macht man sich zum politischen Gegner. „To raise the
slightest criticism of the biopolitical movements“ – so kürzlich ein
Kritiker solcher Selbstabschottung – „is to subject oneself to
accusations of liberal naïveté, obstructionism, or covert
sexism/racism.“
Wo sich die Sprache
von PC durchgesetzt hat – und das ist in den Humanities wie den
Sozialwissenschaften an nordamerikanischen Universitäten inzwischen
weitgehend der Fall – werden Überlegungen, die Denkweisen und Ansprüche
von Political Correctness intellektuell angreifen, als Verstoß gegen
eine moralisch angemessene Sprache sanktioniert. Political Correctness
immunisiert sich so prozedural gegen Kritik. In diesem Sinne
charakterisiert die kalifornische Hochschullehrerin Barbara Epstein PC
als Mittel der Verdeckung, des Denkverbots; und sie berichtet von „overt
attempts to define certain areas [of scholarly discourse] as off-limits
for discussion“,
als moralisch anrüchig.
Die PC-Bewegung legt
den Finger in manche Wunden, das heißt aber nicht, daß sie auch schon
das Rezept zur Heilung in der Hand hält. Wer sich jedoch auf eine
kritische Auseinandersetzung mit PC einläßt, muß massive Angriff und
Feindschaft von PC-Anhängern in Kauf nehmen. Es muß bestanden werden
auf dem Unterschied zwischen gesellschaftlichen Problemen auf der einen
Seite und auf sie bezogenen policies auf der anderen.
Sprache in PC hat
noch eine weitere Dimension: Political Correctness ist vor allem eine
Sprachreform. Die neue Sprache, so das Programm, sei von allen
unterdrückerischen Ausdrücken und Konnotationen zu reinigen. An einigen
Beispielen will ich das vorführen.
Noch weitergehend
durchgesetzt als hierzulande ist das Bestreben, beim Sprechen und
Schreiben die grammatisch weibliche und männliche Form gleichberechtigt
zu verwenden. Es ist inzwischen fast nicht mehr möglich, Beiträge zu
Zeitungen oder wissenschaftlichen Zeitschriften einzureichen, die nicht
,gender neutral‘ sind. Glücklicherweise ist im Englischen der Eingriff
in den Sprachfluß nicht so tief wie im Deutschen. Weiter ist es in
Nordamerika jederzeit möglich, Hochschullehrer wegen eines Verstoßes
gegen die politisch korrekte Sprechweise disziplinarisch zu belangen. Es
gehe nicht an, so wird argumentiert, die Hälfte der Menschheit per
stillschweigender Inklusion in den Plural/männlich ohne das Recht
eigener sprachlicher Repräsentation zu lassen; und so erfüllt die
Nichtbeachtung solcher informellen Sprachregeln den
Disziplinartatbestand des ,harassment‘.
Zum Teil sind neue
Euphemismen im alltäglichen wie im politischen Diskurs in Nordamerika
aber schlicht lächerlich. Im neuen, von sprachlicher Unterdrückung
gereinigten, politisch korrekten Englisch, werden zum Beispiel die
albernsten Umschreibungen vor allem für körperliche oder psychosoziale
Zustände oder Defekte erfunden. Dies, als ob ,vertically challenged‘
weniger verletzend sei als klein, oder ,African American‘ und ,Latino‘
weniger diskriminieren als ,Black‘ und ,Chicano‘. Für manche solcher
Prägungen ist schwer zu unterscheiden, ob die Ergebnisse der
Sprachreform ironische Erfindungen von Gegner von Political Correctness,
oder ob sie schon jene ,andere‘ nicht-diskriminierende Sprechweise sind.
Aus eigenem Erleben
will ich kurz darstellen, wie solche Sprachreform in den Diskurs an
Universitäten hineinwirken: Bei einem Vortrag an der University of
Victoria in British Columbia ging es um Altersheime
in Kanada; vorgestellt wurde eine Untersuchung zur gewerkschaftlichen
Interessenwahrnehmung und ‑vertretung des Pflegepersonals. In der
Diskussion wurde die Referentin nach einer Reaktion der „old people“,
der alten Menschen in der Wohnstätte, auf eine bestimmte
Interessenkonstellation gefragt. Die Referentin unterbrach die Fragerin
scharf mit „Watch your adjectives!“ und zeigte sich über das Adjektiv „old“
tief betroffen. Ich war Zeuge geworden einer vermeintlichen
Diskriminierung durch die Fragerin – „alt“ gilt in Nordamerika nicht als
Beschreibung, sondern als Verurteilung.
Solche Diskriminierung hat inzwischen auch einen Namen: ,ageism‘ ist zu
verstehen parallel zu den durchgesetzteren ,racism‘ oder ,sexism‘; auch
ähnliche Neologismen wie ,ableism‘, ,sizeism‘ u.a.m. werden zunehmend
gebraucht.
Ein zweites Beispiel
möchte ich aus einer Zeitungsmeldung
zitieren: Der Text eines wissenschaftlichen Autors war für ein
Schulbuch ausgewählt worden. Der Verlag nun forderte nach Lektorierung
den Autor auf, der Begriff des „edlen Wilden“ aus einem Text zu
eliminieren. Er solle durch das nicht diskriminierende „First Nations“
ersetzt werden. Daß der Begriff ein historisches Zitat von Rousseau
ist, galt dem Verlag nichts. Das Attribut „wild“ ist nicht akzeptabel,
ein Urteil übrigens, das zu teilen keinem Leser der Indianerbücher von
Karl May schwerfallen dürfte. Mit dem betroffenen Autor allerdings
teile ich die Befürchtung, daß durch solcherlei purifikatorische
Operationen eine historisch bezugreiche Sprache nicht mehr möglich ist.
Entgegen der
emanzipatorischen Absicht trägt PC mit solchen Verboten und Neuprägungen
zu einer Diskurskultur der Intoleranz bei. Die politische oder
akademische Diskussion von Positionen aus dem Spektrum des Feminismus,
des Multikulturalismus, des Antifaschismus oder von sich ethnisch
definierenden Gegenkulturen werden steril und scholastisch, die
Möglichkeit von Kritik ist mit den der Sprache auferlegten Tabus mit
unter den Bann gestellt.
An
amerikanischen Universitäten sind Sprachcodes von PC zunehmend auch
strafbewehrt. Die Benutzung falscher Formeln, der Verstoß gegen die
Semantik von PC oder gegen die Grammatik von ,gender neutrality‘ kann
auf Antrag disziplinarisch verfolgt werden. Neben anderen Vergehen, wie
z.B. dem Verzicht auf proportinale Representation von Minderheiten in
Lehrprogrammen und Leselisten, ist die Verwendung unangemessener
Sprache in ,harassment codes‘ einiger Universitäten pönalisierbar als ,creating
a hostile learning environment‘ für Minderheiten. Ist Seminarlektüre
nicht mit PC-Sprachcodes kompatibel, bedeutet auch dies ein Risiko für
die Lehrenden, das manifest wird, sobald sich Studenten öffentlich
beschweren. Das Lesen von Texten aus Zeitepochen vor PC ist so, ist man
als Hochschullehrer mit einer im Sinne von PC hoch sensibilisierten
Studentenpopulation konfrontiert, riskant.
IV.
PC beansprucht, Opfern
bestehender Verhältnisse, zu politischer Repräsentation zu verhelfen.
Auch die PC-Sprachreform findet hier ihre Begründung: Durch neue
Benennung sollen Opfer zu Subjekten werden. Die politisch korrekte
Sprachform baut auf eine Anerkennung und die positive Bewertung jener
Abweichungen, die Menschen in die Opferschicksal gezwungen hatten. ,Differently
abled‘ für das diskriminierende ,disabled (behindert)‘, ,differently
intelligent‘ für dumm oder ,other visioned‘ für blind, alle diese neuen
Formen haben gemeinsam, jene Andersheit in ein positives Licht zu
rücken.
Die Forderung nach
Anerkennung von Opfern und Opferschicksalen ist in einem moralisch
geprägten politischen Diskurs wie dem der USA ein starkes Argument.
Rechte von Opfern können nicht nur politisch eingeklagt werden, sondern
die im Opferstatus beschlossene Ungleichheit verlangt auch nach
rückwirkender Kompensation. In der Rhetorik von PC wird Opfern so ein
durch die Rechte von ,Tätern‘ unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht und
ein Recht auf Kompensation erlittener Ungleichheit zugestanden.
Wie konstruiert PC
den Begriffe Opfer und Täter? Für den Opferstatus wird ein ganzer
Bauchladen gesellschaftlicher Benachteiligung angeboten. Körperliche
Besonderheiten sowie ethnische und kulturelle Minderheiten gehören dazu,
aber auch die vom menschlichen Tun und Treiben geschundene Natur.
Systematisch
bemißt sich der Opferstatus im PC-Diskurs nach folgendem Kriterium:
Opfer ist, wer vom gesellschaftlichen mainstream abweicht. Opferrolle
und ,otherness‘ sind für Political Correctness fast austauschbare
Begriffe. Die poststrukturalistische Betonung von Differenz als
gesellschaftlicher Grundkategorie spielt herein; für PC aber ist
Andersheit ein Kampfbegriff: als ,anders‘ gilt hier, wer von der
vermeintlich hegemonialen Kultur des Europäertums abweicht; Täter ist
dann natürlich der, der der europäisch-patriarchalischen Tradition
angehört. Opfer sind bei PC so alle diejenigen, die biologisch nicht der
Kategorie des ,white, European, heterosexual male‘ genügen, oder die
sich intellektuell oder in der sexuellen Orientierung von der
vermeintlich niederdrückenden Kultur der ,dead white European males‘,
der weitgespannten Tradition von den Griechen bis zur französischen
Revolution und dem westlichen Liberalismus, freigemacht haben.
V.
Das Bemessungskriterium
für gesellschaftliche Zugehörigkeiten hat eine kulturalistische
Herkunft, es gilt als Form des Diskurses, in Anlehnung an Alfred Schütz,
Berger/Luckmann
oder Ulrich Beck
könnte man es als ,soziale Konstruktion sozialer Wirklichkeit‘
bezeichnen. Aber gleichzeitig hat die Dichotomisierung von Gesellschaft
in Täter und Opfer starke biologistische Untertöne.
Die
nordamerikanischen Auseinandersetzungen um PC drehen sich in der
Mehrzahl um die beiden Kernbegriffe oder gesellschaftliche
Kernerfahrungen von Ethnizität und Geschlecht, ethnicity (zunehmend und
mit zunehmend biologischer Konnotation auch race) und gender. Das reicht
bis in die akademische Sozialwissenschaft hinein. Gender studies und
ethnic studies haben im Fach, gemessen an der kontinentaleuropäischen
Sozialwissenschaft, in Nordamerika einen überproportionalen Stellenwert.
Dies erklärt sich nicht ausschließlich aus der größeren Bedeutung
ethnischer Bruchlinien in der Gesellschaft, sondern verweist auf auf
theoretische Moden. Hier möchte ich nur auf die amerikanische Entdeckung
des Relativismus, den post-modernen Diskurs also, hinweisen. Ethnicity
und gender gelten als zentral für die Herausbildung von Identität, oder
schärfer noch, personale Identität wird nicht selten als Funktion von
ethnischer Zugehörigkeit und Geschlechtsrolle definiert.
Man ist ,gay black‘, ,lesbian First Nation‘, oder,
behüte, ,white heterosexual male‘.
Daß persönliche ,Identität‘ in der Regel komplexer ist als die
Zugehörigkeit zu einer Gruppierung im Sinne ethnischer oder
geschlechtlicher ,otherness‘, geht in solcher Zuschreibung verloren; ihr
Vorteil ist eine enorme Reduktion von sozialer Komplexität. Selbst in
der sozialwissenschaftlichen Literatur in Nordamerika ist es dabei
nicht selten, daß sich ein biologisches Verständnis von Ethnizität und
Geschlechtsrolle in die Begriffsbestimmung einmischt. Insofern trägt
Nordamerika, trotz aller postmodernen Moden, schwerer als Europa am
historischen Erbe einer Soziologie als Möchtegern-Naturwissenschaft, ,science‘.
Eine Politisierung der oft biologisch konnotierten Begriffe Ethnizität
und Geschlechterrolle in ,identity politics‘ läßt einige Beobachter von
,biopolitics‘, biologischer Politik
sprechen, ein Begriff, dessen historische Geladenheit gerade in
Deutschland nicht unvertraut sein sollten.
Ungeachtet solcher
Vereinfachung und Politisierung sind Ethnizität ebenso wie gender aus
sozialwissenschaftlicher Sicht in erster Linie sozio-kulturelle
Kategorien. Natürlich ruht die sozio-kulturelle Bestimmung auf
Geschlecht und Hautpigment als körperlichen Merkmalen. Entscheidend
ist aber, wie in Gesellschaft diese Merkmale codiert werden, oder, in
weniger technischem Jargon, wie Gesellschaft mit diesen Unterschieden
umgeht. Ein solcher Begriffsgebrauch steht in der Tradition der
,klassischen‘ Soziologie, kann sich besonders auf Max Weber berufen.
Eine ethnische Gemeinschaft ist wie eine Nation – in einer glücklichen
Formulierung Robert Michels’ – „Willensgemeinschaft“, eine vorgefundene
Unterschiedlichkeit mag Anknüpfungspunkt einer ethnischen
Unterscheidung sein, aber sie ist nicht auch schon der Grund
für die gesellschaftliche Hervorhebung gerade dieser Differenz. Für
Weber hat die ethnische als „Willensgemeinschaft“ wie alle sozialen
Institutionen auch eine politische Dimension. Ethnien und Nationen
werden geformt durch Politik, und solche Politik mag mehr den Willen
politischer Eliten ausdrücken als im emphatischen Sinne einen Willen
von Gemeinschaft. Michael Bodemann beobachtet so
zutreffend, daß „[i]t is no great exaggeration therefore to say that for
Weber, the masses are irrelevant insofar as any political initiative is
concerned: ethno-national awareness and solidarities are imposed upon
them by those predestined to lead, and the domain of free will in the
area of ethno-national consciousness is reserved for them.“
Ethnizität ist
sozio-kulturelle Kategorie, aber sie ist eine Kategorie, die geladen ist
mit politischem Gestaltungswillen, mit Interessen an Gruppierung und
Unterscheidung. Insofern ist die Kernfrage politischer Soziologie auch
Zentralproblem einer Soziologie von Ethnizität: „Wem nützt es?“.
Erfahrung von ethnischer Besonderheit, das was sich etwa im
angelsächsischen Begriff der „visible minority“ abbildet, ist eine
Dimension der ethnischen „Willensgemeinschaft“, aber Anderssein ist
politisiert, ist geformt und überformt von Macht- und Einflußspielen
konkurrierender Eliten. Ein ähnliches Argument ließe sich machen für
Geschlechterrollen oder sexuelle Identität, wenn auch Geschlecht
eine nur mit Mühe übersteigbare Grenze in der Freiwilligkeit der Wahl
von Bezugsgruppen bildet. Der sozio-kulturelle Spielraum liegt in der
gesellschaftlichen Ausformung von Geschlechterrollen, nicht in der
Tatsache der gegebenen Geschlechtlichkeit, er liegt in ,gender‘ und
nicht in ,sex‘, wie dies auch in der großen Mehrzahl der feministischen
Literatur in Nordamerika wie in Deutschland völlig zu recht
hervorgehoben wird.
VI.
Der Ort von Individuen
in Gesellschaft bestimmt sich für PC nach den Gesichtspunkten
ethnischer Selbstzuordnung (also Herkunft und Hautpigment) und
sexueller Orientierung. Die Gesellschaft ist Wider- und das
Zusammenspiel so definierter Gruppen. Emanzipatorische Politik, so wie
PC sie versteht, wird zu einem Kampf von Rassen- und Geschlechtsgruppen,
einem Kampf der ,Opfer‘ gegen die ,Täter‘.
Inhalt dieses
Kampfes ist Selbstbestimmung, ist die Behauptung, oder im Falle der
Opfer: Herstellung von „Identität“ unter der und entgegen der
Unterdrückung durch die weiß-patriarchalischen Täter und die von ihnen
aufgerichteten hegemonialen Strukturen. Im Kontext von PC läuft dies
unter dem Rubrum „Identitätspolitik“, ,identity politics‘.
Gefordert wird, daß
die Gesellschaft sich von der Sünde der Unterdrückung reinige, und das
Selbstbestimmungsrecht aller Opfergruppen umgehend anerkenne. In einer
politisch korrekten Welt gibt es solche Selbstbestimmung nur für
Opfergruppen, nicht für Täter. Den von PC ausgemachten Tätern bleibt
allein das moralisch erhebende Gefühl, die Sünden vergangener
Unterdrückung durch die Unterwerfung unter die Selbstbestimmung der
Opfer wiedergutzumachen.
Ich möchte als ein
Beispiel für diese Position Tom Lewis zitieren, der sich besonders der
Rechte schwarzer Opfer annimmt: „The entire history of Black oppression
[gemeint ist: ,oppression of Blacks‘, D.H.] justifies the
unconditional right to self-determination for African-Americans.“
Selbstbestimmung faßt Lewis dabei denkbar radikal,
und in völliger Souveränität der „African-Americans“: „If a separatist
path is chosen then it must be seen as a response to white oppression:
emphatically, it is not a form of ,black racism‘.“
Schwarze Apartheit ist für Lewis so nicht nur eine der möglichen Formen,
in denen schwarze Selbstbestimmung sich ausdrücken kann; dasselbe
Recht auf Apartheit gilt für Weiße nicht: ,Weiße Apartheitspolitik wäre
auch für Lewis platt – Rassismus. Rassismus, so Lewis
weiter, „requires the power to oppress – a power that Blacks,
Latinos, and other minorities do not possess in this society. A class
perspective on Afrocentrism and similar cultural movements, therefore
involves unconditional support for them against their detractors.“
Besonderheit,
kulturelle Differenz gegenüber der ,herrschenden Kultur‘ tauchen in ,identity
politics‘ zweimal auf.
-
Andersheit als Ansatzpunkt von Unterdrückung, das Andere als Anderes,
als Abweichendes hatte sich in und durch sie kulturell konstituiert.
Schwarze werden zu Schwarzen erst durch den Rassismus der dominanten
weißen Gesellschaft. Bezugspunkt dieser Kritik ist die Rhetorik der
Gleichheit: Insistiert wird auf dem gleichen Menschenrecht der Teilhabe,
unabhängig von persönlicher Besonderheit. Die Kritik greift die
politische Gesellschaft in ihrem individualistisch-liberalen
Selbstverständnis, am programmatischen Anspruch, gegenüber Hautpigment
farbenblind zu sein und gegenüber Geschlecht und sexuellen Vorlieben
gleichgültig. (Sprechen wir im Moment nicht vom Realisierungsgrad
dieser idealen Welt!)
-
Wo PC eine positive Vision anderer Gesellschaft ausmalt, wird die
Bezugsebene radikal gewechselt: In einer politisch korrekten Welt, in
der Diskriminierung verschwunden ist, ist Andersheit Ausgangspunkt von
Stolz, ,pride‘, ist Zugehörigkeit.
Bezugspunkt von
Gleichheitsforderungen ist nun nicht mehr Individualität, sondern eine
Verabsolutierung von rassischer und Geschlechtsidentität, eine
positive Besetzung biologischer Differenz. Die biologische Differenz,
die eben noch als hegemoniales Konstrukt entlarvt wurde, wird positiv
besetzt, wird Kern von Gegen-Identität. Hier geht es nicht mehr um einen
Diskurs über Individualrechte in einer bürgerlichen Gesellschaft,
sondern um Rechte sich biologisch definierender Gruppen, die sich als
Unterdrückte erfahren haben. M.a.W.: Das Thema ist nun Rassismus in
benevolenter Absicht, eben „biopolitics“.
Freiheit im Sinne
der bürgerlichen Gesellschaft ist hier suspendiert. Die Rolle als Opfer
oder Täter ist biologisch zugeschrieben. Die Bezugsgruppe wird zur
Zwangsanstalt, denn weder Hautfarbe noch Geschlecht kann man verlassen.
Gesellschaft wird ethnisiert, Politik biologisiert. Identität,
Selbstbestimmung und Selbstsicherheit sind nur aus der Unterwerfung
unter das biologische Schicksal zu erreichen.
Identitätspolitik konstruiert Gesellschaft als Gruppenkampf, Frauen
gegen Männer, Schwarze gegen Weiße, und alle gegen Koreaner.
Machtbegriff, Klassenbegriff und Gruppenbegriff der politisch
korrekten Linken sind statisch und unhistorisch. Es fehlt moralisch die
Kategorie der Versöhnung, politisch fehlt die Dimension eines
Ausgleichs von Gegensätzen in einem höheren Dritten. Macht erwächst
für sie nicht in gesellschaftlicher Interaktion, sondern sie ist
Attribut ethnischer Gruppen. Unterschiede zwischen ,politisch
korrekter‘ Identitätspolitik und jenem Rassismus, der bisher Domäne
der politischen Rechten war, sind zunehmend schwer auszumachen.
VII.
Wenn Gruppen als Gruppe
politische Ansprüche erheben, dann hat das unter der Bedingung der
wohlfahrtsstaatlichen Politik eine spezifische sozio-politische Dynamik.
Im traditionellen Verständnis liberal-bürgerlicher Gesellschaft galt
Gleichheit als Gleichheit vor dem Gesetz, als Gleichheit von Rechten,
ohne Ansehen der Person. Es war dies die Gleichheit von Reichen und
Armen, unter Brücken zu schlafen. Bezieht sich Gleichheit nicht mehr auf
Individuen, sondern auf Gruppen, besonders auf Identitätsgruppen im
Sinne von Political Correctness, wird dieser Gleichheitsbegriff auf den
Kopf gestellt. Da Gruppen in der Welt von Political Correctness jeweils
eine Identität eigener Art haben, verlangt Gleichheit nun besondere
Behandlung, eine Anerkennung der Gruppeneigenart. In einer Gesellschaft
von Gruppen beansprucht jede Gruppe ihr eigenes Recht. Gleichheit liegt
in der Anerkennung von Verschiedenheit, in Sonderrechten. Ist der
Anspruch auf Sonderrechte durchsetzbar, wird Gruppenzugehörigkeit durch
wohlfahrtsstaatlichen Transfer gratifiziert. In der Ära
wohlfahrtsstaatlicher Konfliktregelungen liegt im Beharren auf der
Besonderheit als Identitätsgruppe ein verteilungspolitischer Vorteil.
Besonders der Status als Opfer-Gruppe gibt im alltagspolitischen Ringen
um wohlfahrtsstaatliche Positionen der einen Positionsvorteil, können
doch wechselweise Gleichheits- und Besonderheitsrhetorik zur
Substantiierung von sozialpolitischen Forderungen angeführt werden.
Dies hat zwei
Folgen. Zum einen stabilisiert die gesellschaftliche Durchsetzung von
Sonderrechten den Bestand der Gruppe. Abweichende Identität zahlt sich
aus, Zugehörigkeit zur Gruppe wird attraktiver. Zum anderen entstehen um
solche Sonderrechte als Kristallisationskerne neue berufspolitische
Interessen. Im politischen Interessenkampf brauchen Gruppen politische
Vertretung. Gleichzeitig entwickelt sich professionelle Hilfe in einer
Kultur neuer sozialer Dienste.
In der fast unüberschaubaren Fülle von Hilfs- und Beratungsangeboten zur
Hilfe von Opfern und zur Verfeinerung und Befestigung der Diskurses der
Differenz, in den ,harassment offices‘ der Universitäten, in den
Vertretern der vielen Kulturen in den staatlichen Lobbies, etabliert
sich eine neue sozialberufliche Mittelschicht, deren beruflicher Erfolg
oft unmittelbar von der Existenz politisch korrekter Gruppenpolitik
abhängt. Die Eigeninteressen solcher neuer Professionsgruppen sichern
eine weitere Befestigung der Identitäten und Unterscheidungen von
Identitätspolitik. Damit beteiligen sich nun gesellschaftliche und
politische Eliten an der politischen Auseinandersetzung, die aus
eigenem Antrieb den Diskurs der Differenz verschärfen.
Dieser Mechanismus
der Selbststabilisierung wird sehr deutlich an der Politik des
Multikulturalismus, wie sie in Kanada betrieben wird. Die Vergabe
substantieller Summen öffentlicher Mittel zur Erhaltung und Förderung
der Multikulturalität trug dazu bei, daß sich Gruppen ethnisch, als
Herkunftsgruppen redefinierten. Eine professionelle Kultur von Agenten,
Mittelbeschaffern, Förderern multikultureller Politik entstand.
Ethnische Restrukturierung ist so zum Teil eine Folge einer Politik des
Multikulturalismus und der von ihr angestoßenen gesellschaftlichen
Dynamik.
Dies ist nicht anders in anderen Politikbereichen, in denen
gesellschaftliches Handeln durch öffentliche Mittelvergabe wesentlich
strukturiert wird, vom – um deutsche Beispiele zu verwenden – Schiffbau
über die Steinkohle bis zum städtischen Opernhaus.
Zusammenfassend:
Identitätspolitik und die Sprache biopolitischer Besonderung in
Political Correctness entschlüsseln sich als Anmeldung von Ansprüchen
auf Sonderziehungsrechte auf den – im weitesten Sinne
wohlfahrtsstaatlich verteilten – gesellschaftlichen Reichtum. Dieser
Politik sind Mechanismen zur Selbststabilisierung und –perpetuierung
inhärent. Je erfolgreicher die besondere Behandlung, und die
Anerkennung als schützenswerter Gruppe im multikulturellen oder
multiethnischen Kontext, desto mehr kommt eine strukturkonservative
Tendenz in der um ethnische Zugehörigkeit organisierten
multikulturellen Gesellschaft zum Tragen: Privilegien verstehen sich
aufgrund der biopolitischen Zugehörigkeit, sie aufzugeben verstieße so
gegen mühsam erkämpfte Positionsvorteile. Gefahren einer ethnischen
Fragmentierung von Gesellschaft wachsen.
VIII.
Ich habe Opferrhetorik,
Unterdrückungskritik und das Gestaltungsangebot der Identitätspolitik
bewußt scharf gezeichnet. Wie jede Politik strebt auch
Identitätspolitik nach Rationalisierung ihrer Strategien und Argumente.
Rationalisierung heißt hier: Verschärfung von Differenz. Blickt man auf
die politischen Mittel von Identitätspolitik, zeigt sich eine für den
europäischen Erfahrungshintergrund beunruhigende Parallele.
Identitätspolitik erscheint als eine Neuauflage des radikalen
ethnischen Nationalismus.
Man kann dasselbe
auch unter Verweis auf die Geschichte sozialwissenschaftlicher Theorie
ausdrücken: George Sorel hatte das Problem moderner „identity politics“
am Ende des letzten Jahrhunderts schon einmal durchbuchstabiert:
Revolution, die Selbstbefreiung unterdrückter Gruppen – in seinem Fall:
des Proletariats – von ihren Unterdrückern hatte Sorel als das Problem
der Gewinnung von Selbstbewußtsein, vulgo: ,Identität‘, reformiert und
sich damit vom Ökonomismus im zeitgenössischen marxistischen Denken
abgesetzt. Sorel thematisiert ideenpolitische Mechanismen
gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Moderne. Der Glaube an eine
Mission, ein konkreter, Politik leitender Mythos, erschien Sorel als
Ressource von Gruppenintegration, nachdem Tradition in der Moderne ihre
Bindekraft verloren hatte. Sorel stellte sich gesellschaftliche als
moralische Integration vor, nicht etwa liberal als System von
Interessen. Konkret malte Sorel aus, wie der Generalstreik beim
Proletariat die Erfahrung von Gegenmacht ermöglichen solle, und wie
daraus eine Kraft zur moralischen Erneuerung der Gesellschaft erwachse.
Macht kommt für den Revolutionär Sorel nicht aus den Gewehrläufen,
sondern erwächst aus Identitätsglauben.
In Europa wirkten
diese Ideen Sorels bekanntlich nicht nur auf die
anarcho-syndikalistische Linke, sie waren auch Inspirator für
identitätspolitische Strategien im italienischen Faschismus: hier wurde
der Mythos der proletarischen Macht im Generalstreik durch den der
Nation als moralischem Zentrum einer Gesellschaft und als Quelle von
Identitätsglauben ersetzt. Auch in Deutschland hatte diese Diskussion
ihren Niederschlag auf beiden Seiten des politischen Spektrums, in der
,Konservativen Revolution‘ wie bei der nicht-marxistischen Linken wurde
in der Zwischenkriegszeit an politischen Mythen zugunsten der je eigenen
Sache gebastelt.
Frantz Fanon
formulierte nach 1945 Sorels Identitätsstrategie für antikoloniale
Bewegungen neu. Bei ihm, in antikolonialer Identitätspolitik, lassen
sich die ideengeschichtlichen Wurzeln auch der PC-Bewegung in den USA
ausmachen. Fanons Strategie war es, Identität aus der kolonialen
Erfahrung von ökonomischer Ausbeutung als ethnischer und kultureller
Unterdrückung zu konstruieren. Ethnische und kulturelle Andersheit der
Kolonisierten sollten Kristallisationskern von Befreiungsbewegungen
werden, die so gleichzeitig antikapitalistisch und antikolonialistisch,
nationale Befreiungsbewegungen sein sollten.
Eines der
Probleme bei der Übertragung von Fanons Identitätsstrategie auf das
heutige Nordamerika ist, daß es sich hier nicht um kolonial geprägte
Gesellschaft handelt: Die vorkoloniale Bevölkerung ist – bei aller
Indianderromantik – keine prägende Größe mehr.
Vielmehr sind die nordamerikanischen Gesellschaften Ergebnis
freiwilliger Einwanderung, dies mit der einen Ausnahme der schwarzen
Sklaven der südstaatlichen Plantagen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg
und von deren Abkömmlingen. Gerade für die Schwarzen jedoch ist
Ethnizität ein Begriff, der sich gegenüber Mythisierung sperrig zeigt:
trotz aller Rede von ,African Americans‘ ist schwarze Identität keine
Herkunftsethnizität, sondern deutlicher als die sich noch im
sprachlichen und kulturellen Residuum niederschlagende
Herkunftsethnizität jüngerer Einwandererschichten Ergebnis
gesellschaftlicher Definition- und Distinktionsprozesse innerhalb
der der US-Gesellschaft. Die Versklavung und Verschickung in die
amerikanische Kolonie bedeutete den Bruch jeder möglichen
Herkunftslinie. In Nordamerika fehlt es so an jenem
Erfahrungshintergrund, auf den Fanon als politisch-kulturellem
Hintergrund für seine antikoloniale Strategie setzte. Dies mag einer der
Gründe dafür sein, warum die Versuche der Konstruktion und
Kanonisierung von Black History in den USA so panische Züge haben.
IX.
Es ist nicht so, als
ob eine Kritik an PC wie die hier vorgebrachte nicht auch in den
nordamerikanischen Diskussionen präsent wäre. Immer lauter wurden in
den letzten Jahren liberale Stimmen in den USA, die vor den potentiell
fatalen Folgen des Einbruchs von biopolitics in den politischen Diskurs
warnten und sich von den in den Neuen Linken gefestigten Vorurteilen
abwandten, daß Identitätspolitik einen menschenrechtlich progressiven
Ansatz darstellen würden.
Es stellt sich die Frage, warum die Position der Identitätspolitik,
warum die Forderungen nach Political Correctness bis heute einen so
starken Einfluß in solchen sozialen Gruppen haben, die kein eigenes
Interesse an dieser Politik haben. Warum waren die Sprachregelungen von
Political Correctness trotz ihrer Absurdität so erfolgreich, daß sie in
den akademischen Mittelschichten bis heute steuern, was sagbar ist?
Warum rührt sich Opposition gegen die ethnische Intoleranz in
Identitätspolitik, die den Grundwerten liberaler Gesellschaft diametral
entgegensteht, so spät? Wie konnte Political Correctness, vor allem in
Universitäten, zur Leitlinie adiministrativen Handelns werden? Warum
hat die Position von Political Correctness so viel politischen Kredit
in Nordamerika?
Natürlich kann die
Rhetorik von Political Correctness an eine puritanische Prägung in der
US-Gesellschaft anknüpfen. Der Samen der moralische Hermetik, der
Skepsis gegen Lust, des Strebens nach Kontrolle und Eingrenzung fällt
auf den puritanisch vorbereiteten Acker. Dann ist mit der Tendenz zur
Selbststabilisierung von Political Correctness und Identity Politics als
sozialpolitischem Interessenzusammenhang zu rechnen. Ich meine jedoch,
dies reicht als Erklärung nicht aus.
Zentrales Motiv der
politischen Rhetorik von Political Correctness ist die Figur von Opfer
und Sühne. Aus dem Anspruch auf Opferstatus erwächst viel von der
moralischen Wucht und Legitimität, mit der interessenpolitische
Forderungen vorgebracht werden. Opfer zu sein bedeutet, letztlich für
die eigene Lage nicht verantwortlich zu sein. Die Verantwortung liegt
bei den Tätern, wenn nicht alle Opfer der Verhältnisse sind.
Die Forderung nach
Anerkennung von Opfern und Opferschicksalen ist in einem moralisch
geprägten politischen Diskurs wie dem der USA ein starkes Argument.
Rechte von Opfern können nicht nur politisch eingeklagt werden, sondern
die im Opferstatus beschlossene Ungleichheit verlangt auch nach
rückwirkender Kompensation. In der Rhetorik von Political Correctness
entsteht für Opfern ein durch die Rechte von ,Tätern‘ nicht
beschränkbares Selbstbestimmungsrecht und ein Recht auf Kompensation
erlittener Ungleichheit.
Täter, andererseits,
entstehen durch die Zurechnung von Schuld nach denselben Kategorien der
biopolitischen Teilhabe wie Opfer. Mitgefangen, mitgehangen. Oder
weniger dramatisch: mitbeschuldigt, mit Schuld. Der erklärungsbedürfte
Umstand ist, warum Individuen, denen die Täterrolle zugerechnet wird,
diese auch annehmen, und damit Teil der politisch korrekten Rhetorik
werden.
Ideologien und
Erklärungsansätze sind nur dann politisches Kapital, wenn sie in für sie
relevanten Gruppen gesellschaftliche Anerkennung finden. Es ist nicht
schwierig, Interessen auszumachen, die sich mit politisch korrekter
Identitätspolitik verknüpfen, erklärungsbedürftig ist, warum Political
Correctness ernsthaft Teil des politischen Diskurses jenseits solcher
Interessen werden kann. Eine Erklärung könnte sein, daß die politische
Rechte in Amerika die absurden Positionen der politisch korrekten
Linken braucht als einen Pappkameraden, auf den mit der scharfen
Munition politischer Rhetorik geschossen werden kann und daß unsere
Wahrnehmung von Political Correctness schon durch solche Feind-Rhetorik
verbogen ist. In diesem Sinne schrieb Robert Hughes, daß beide Seiten
einander brauchen, „um ihr jeweiliges Parteiprogramm zu einer
chiliastischen Schlacht um die Seele Amerikas aufzubauschen. Die
radikale akademische Linke und die kulturkonservative Rechte sind
ineinander verkeilt in einer prachtvollen symbiotischen
folie à deux...“.
Ich glaube, daß es
über ein solches unfreiwilliges Bündnis der Radikalen hinaus einen
tiefverankerten Wunsch in der akademisch gebildeten Mittelschicht in
Nordamerika gibt, persönliche Schuld anzunehmen und anzuerkennen. In
dieser Schuldannahme liegt ein wesentlicher Erklärungsgrund für den
Erfolg von Political Correctness und Identitätspolitik. Der Westen
befindet sich in einer mehrdimensionalen politischen Identitätskrise.
Er hat seinen Feind, und damit seine raison d’étre verloren. Wenn
es stimmt, daß Identitäten sich wesentlich aus Gegnerschaft definieren,
dann folgt aus dem Verlust des Feindes, daß sich das Denken verdunkelt,
daß sich die Differenzierungen zwischen uns und den anderen, zwischen
richtig und falsch, und auch zwischen rechts und links verwirren.
Hinzu kommt, daß der
angesichts des Elends in der Welt vergleichsweise gute Lebensstandard
der Mittelschichten Schuldgefühle befördert, auch in Zusammenhang mit
der ökologischen Verschuldung gegenüber ärmeren Bürgern und gegenüber
kommenden Generationen. Es ist dies ein Schuldgefühl über den so
bequemen westlichen Lebensstil, der genossen wird trotz – oder
vielleicht wegen? – all der gebrochenen Versprechungen des Westens,
eine Schuld erwachsend aus dem Gefühl, irgendwie verantwortlich zu sein,
für das, was sich nach vierhundert Jahren kultureller Dominanz des
Europäertums falsch entwickelt hat.
Solche Annahme von
Schuld und Verantwortung ist dort am wahrscheinlichsten, wo die
Berührung mit identitätspolitischen Forderungen am häufigsten sind.
Dies sind die humanities und soft sciences im Bildungssystem,
Universitätsadministration, Angehörige sozialer Berufe. Hier ist auch
das Wissen darüber nicht abweisbar, daß die amerikanische, wie alle
Geschichte der nationalen Formation, eine Geschichte von Gewalt und
Unterdrückung war, gegen die eigene Rhetorik der Friedlichkeit, der
Chancengleichheit, festgesetzt in der Konstitution und bekräftigt durch
den Sieg der bürgerlichen Kräfte im amerikanischen Bürgerkrieg. Erst mit
einer solchen Schuldannahme von Teilen der Mittelschichten kann der
Erfolg der politischen Rhetorik von Political Correctness erklärt
werden. Wenn es nicht um Interessen geht, sondern um Schuld, dann ist
eine angemessene Strategie nicht politisches Aushandeln von
Interessenausgleich, sondern ist Sühne.
Ein letztes kommt
hinzu. In Nordamerika trifft die politische Rhetorik des ,Opfers‘ auf
eine Gesellschaft, in der die Verbindlichkeit alltagskultureller
Standards zunehmend erodiert. Dies beförderte eine Konstellation in der
politischen Kultur, die – wie John Fekete es kürzlich in einem Buchtitel
ausdrücke – als „Moral Panic“ bezeichnet werden könnte.
Verhaltensunsicherheiten, ständige Angst vor Kriminalität, sicherlich
gefördert durch die vergröbernde und verstärkende Wirkung von auf
Sensationen angewiesenen Populärmedien, Mißtrauen gegenüber jeden
Fremden und alles Fremde, aber auch Mißtrauen gegenüber Nahestehenden,
dem eigenen Mann, Bruder, Vater. Lassen wir dahingestellt, ob es in
Deutschland Anzeichen für ein ähnliches, von Angst und Panik geprägtes
Lebensgefühl gibt. In Nordamerika jedenfalls sehen sich eine große Zahl
von Angehörigen gerade der mittleren sozialen Schichten wie in einem
gefährlichen Dschungel: Überall und aus jeder Richtung droht Gewalt,
unbekannte Gefahren lauern noch im Intimsten und Vertrautesten, nichts
auf der Welt ist mehr sicher, jeder Mitmensch ein potentieller
Aggressor. Vor dem Hintergrund solcher ständiger Gefährdungsängste
gewinnt die Rede von einer Gesellschaft der Opfer intuitive
Plausibilität.
Die Gefahr ist
nicht von der Hand zu weisen, daß Identitätspolitik in der Atmosphäre
von Orientierungslosigkeit, Opferrhetorik, Schuld und Schuldannahme sich
zum dominanten Diskurs ethnischen Nationalismus weiterentwickelt, dies
mit allen Folgen, die ethnischer Nationalismus auf inneren
gesellschaftlichen Frieden und innere gesellschaftliche Sicherheit haben
kann.
X.
Ich möchte eine
zusammenfassende Bewertung versuchen. Ich denke, daß sich das Phänomen
PC auf vier Bedingungskomplexe zurückführen läßt.
-
Zunächst muß auf eine spezifische Form des nordamerikanischen
Radikalismus hingewiesen werden. In Nordamerika gibt es eine Tradition
politischen Utopismus und Rigorismus (immerhin gilt es weiter, ,God’s
own country‘ aufzubauen). Jeden europäischen Besucher auffallend ist
ein sehr prüder Grundzug in der amerikanischen Wertewelt, der nicht in
Widerspruch steht zu einer ungeheuren Sexualisierung öffentlicher
Diskurse. Gleichzeitig prägen eine starke Familien- und
Gemeinschaftssehnsucht (American values) und ein starker
Individualismus, geradezu ein Kult der Selbstverwirklichung die
politische Kultur. Kulturelle Standards sind in den
Einwanderergesellschaften weit gefährdeter als in den vergleichsweise
weit homogeneren westeuropäischen Gesellschaften. All dies bereitet den
kulturellen Untergrund für jenes Bedürfnis nach Orientierung für die
Identitätssehnsucht, die scheinbar von PC befriedigt wird.
-
Eine wichtige Rolle bei der Etablierung von PC als Diskurs und als
politisches Dauerthema in Nordamerika haben die Massenmedien, die in
vielem anders, kommerzieller, mehr auf die Sensation als auf Information
ausgerichtet sind als das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die
Tagespresse hierzulande. Auf die Medien richteten sich zudem starke
medienpolitischen Strategien, teils aus dem Kontext von PC, teils aber
auch aus der politischen Rechten in Nordamerika, die PC als einen
Popanz entdeckt haben, mit dem sie ,liberalism‘, sozialpolitische
staatliche Interventionspolitik und die Linke insgesamt lächerlich
machen können.
-
Schließlich gibt es wachsende berufspolitische Interessen an PC. Ich
habe auf das Entstehen einer relativ neuen professionellen Kultur
sozialer Dienste hingewiesen. Hier, in der fast unüberschaubaren Fülle
von Hilfs- und Beratungsangeboten zur Hilfe von Opfern und zur
Verfeinerung und Befestigung der Diskurses der Differenz, in den ,harassment
offices‘ der Universitäten, in den Vertretern der vielen Kulturen in
den staatlichen Lobbies, hat sich eine neue sozialberufliche
Mittelschicht etabliert, deren beruflicher Erfolg oft unmittelbar an die
politisch korrekte Sicht der Dinge anschließt.
-
Schließlich steht
die weite Akzeptanz von PC im Zusammenhang mit Schuldgefühlen und
Opferrhetorik, die sich besonders in sozial und sozialpolitisch
sensiblen Mittelschichten bemerkbar machen.
Steht auch hierzulande
eine Welle von PC bevor, getreu der Beobachtung, daß kulturellen
Strömungen aus Amerika mit einer gewissen Zeitverzögerung immer auch
hier ankommen?
Das Phänomen
sprachlichen Purismus, Bestrebungen, den Sprachgebrauch von allen Spuren
der Benachteiligung zu reinigen, existiert auch hier. Um nur aus dem
semantischen Feld der Migration zu zitieren: fast niemand wagt sich
mehr, die ganz unten in der sozialen Hierarchie situierten
Arbeitsimmigranten anders als mit „ausländische Mitbürger“ o.ä. zu
benennen. Für Euphemismen anfällig ist aber z.B. auch der gesamte
Komplex des Umgangs mit der deutschen Geschichte, der sogenannten
„Vergangenheitsbewältigung“. Was Westeuropa, wenn auch kulturell oft
abgemildert, mit Nordamerika teilt, ist weiter der Prozeß der
Modernisierung, der Individualisierung, damit einhergehend der Verlust
von Sicherheiten und Verhaltensstandards. Anzeichen von ,moral panic‘
lassen sich auch hierzulande ausmachen. Schließlich wächst auch hier der
sozialberufliche Mittelstand.
Was sich hier nicht
findet, ist jene ethnisch fragmentierte soziale Landschaft, wie sie in
Nordamerika Ausgangspunkt der ,racialization‘ des Diskurses ist.
Schließlich – so hoffe ich wenigstens – ist in Europa die politische
Tugend aufklärerischer Nüchternheit derzeit fester verankert als im
heutigen Amerika, dies vielleicht auch wegen der bitteren politischen
Erfahrungen im Europa der ersten Jahrhunderthälfte. Nordamerika hat sich
in seiner politischen Kultur, und hier noch stärker auf der politischen
Rechten als im Lager der politisch korrekten Linken, in einen
alarmierenden politischen Fundamentalismus verstrickt. Die
Desillusionierung der Linken in Europa, Folge der Epochenwende von 1989,
könnte sich hier als Anker einer Ernüchterung, einer realpolitischen
Nüchternheit der Linken erweisen. Daß aber im Mittelstand auch Panik
ausbrechen kann, ist eine Erfahrung, die gerade dem Europa des
zwanzigsten Jahrhunderts nicht fremd ist.
Anmerkungen