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politik unterricht aktuell, Heft 1 / 1996:

Zivilisationen


Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt:

Reflexionen über den Begriff der Krise

Anmerkungen

Dokument Information

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1. Der ›inflationäre Gebrauch‹ des Krisenbegriffs: Ansätze zu einer aktuellen Kritik

Europa steht vor der Aufgabe einer grundlegenden Neuorientierung und gesellschaftlichen Sinnge­bung. Vormalige ideologische Wertkonstrukte und Realitätsdeutungen haben ihre Überzeugungs­kraft und handlungsleitende Funktion verloren oder sind politisch obsolet geworden wie die Orien­tierung an einem existentiellen Ost-West-Konflikt und der Politik und Staatswesen legitimierenden Bedro­hungsdefinition durch den jeweils auf der anderen Seite stehen­den Gegner – wobei man ja nicht gleich bist zu Ronald Reagans »Reich des Bösen« und dem zu erwartenden apokalyptischen »Armageddon[1]« gehen muß –, die gleichzeitig zur Selbstdefinition ex negativo unabdingbar ge­wor­den war.

Wie wichtig diese »Feindbildorientierung« war, zeigt das blutige Satyrspiel des neuen »Reiches des Bösen« der USA, das mal in Iran, mal im Iraq gesucht und gefunden wird, dessen reale Bedro­hungsfunktion aber nur im Wahlkampfambiente in der amerikanischen Innenpolitik glaubhaft ge­macht werden kann.

Es wird aber allgemein anerkannt und als gültige Realitätsdeutung akzeptiert, daß wir in einer Krise »ungeahnten Ausmaßes« leben und vor nie dagewesenen Bedrohungen stehen – als ob zwei Weltkriege, der Holocaust, Atombombenabwürfe und atomarer Rüstungswettlauf, verhun­gernde Völker in der »Dritten Welt« und zahllose Bürgerkriege, Massaker und Völkermorde – ob in Kam­bodscha, Uganda oder Bosnien - nicht schon längs erlebte, gelebte und erlittene Vergan­genheit und zeitgenösische Gegenwart und nicht nur »krisendrohende Zukunft« wären!

Was kann den für jeden einzelnen oder die Gesellschaft noch schlimmer werden, wenn nicht als Wiederholung oder erneute Katastrophendrohung für die bisher noch einmal davongekom­menden und Überlebenden...

Aber der relativ stabile sozioökonomische Status Mitteleuropas oder in globalem Maßstab gut auch Ganzeuropas ist zwar irritiert von für den Einzelnen oft schmerzhaften Anpassungs- und Trans­formationsprozessen, ermöglicht aber Lebensperspektiven, die sicherer und individuell für breite Schichten der Bevölkerung chancenreicher sind als jemals zuvor in der Geschichte des Kon­tinents.[2]

Gleichermaßen finden sich auch globale Ansätze zu friedlichernen Entwicklungsalternativen, als sie bislang in der »Dritten Welt« vorherrschten; die friedenssichernde Funktion der UNO ist stärker akzeptiert als je zuvor – wenn auch von einem erwünschten Optimum der Effizienz noch sehr weit entfernt und gerade auch von den Industrieländern gerade auch finanziell und ökono­misch nur be­schämend halbherzig unterstützt und akzeptiert. Dieser Versuch, die gegenwärtige Situation etwas differenzierter zu bewerten, ohne damit die Risiken zu negieren oder Gefahren und Gefährdungen zu verdrängen, lassen aber eine pauschali­sie­rende Charakterisierung der Weltlage als »Krise« unsinnig und unproduktiv erscheinen. Ohne auch nur im Mindesten gesellschaftlicher Optimist zu sein, muß doch ein inflationäre Ge­brauch einer Situationsdefinition »Krise« Skepsis hervorrufen und eine eingehendere begriffs­ge­schichtliche und funktionale Reflexion einleiten.

Oder es besteht die Gefahr, daß die entdifferenzierende und nivellierende Realitätsdeutung und ‑wertung zu ebenso undifferenzierten politischen Verhaltensweisen leitet, die wichtige Optio­nen der Einflußnahme und Problemlösung, der Veränderung und Partizipation verschüttet und schlimmsten­falls im Sinne einer self-fulfilling prophecy gerade die »allgemeine Krise« begründet, die zu be­schrei­ben sie vorgibt.

2. Der »klassische« Krisenbegriff der Ökonomie und die Probleme seiner Ak­tualisierbarkeit

a. Krisenzyklentheorie

Krisen waren primär definiert über die politische Ökonomie als Wendung zu einer Negativentwick­lung. In der Volkswirtschaftslehre bedeutet dies die Wende zu einer sinkenden Rate des BSP bzw. des BIP durch ›Negativwachstum‹ in einer Rezession oder Depression und ggf. einen längeren Ver­bleib auf niedrigem Niveau.

In diesem ‚klassischen‘ Sinne ist die ‚ökonomische Krise‘ eingebunden in die Modellvorstel­lung des ‚Krisenzyklus‘, bei der ein wichtiger Aspekt des ›Funktionierens von Wirtschaftssyste­men‹ aus der inneren Eigendynamik der Kapitalverwertung heraus erklärt werden soll. Dies war gegenüber den traditionellen Modellvorstellungen der Volkswirtschaftslehre ein unbestreitbarer Fortschritt, da er statische Begriffsbildungen wie die der ›invisible hand‹ der Marktregulierung und wie die eher sim­plifizierenden Gleichgewichtsvorstellungen (›Gleichgewichtspreis‹, ›langfristige Gleichgewichte‹) in Prozeßvorstellungen überführte. Demzufolge waren ›Krisen‹ keine singulären Erscheinungen sondern regelhafte und notwendig auftretende Phasen eines Wirtschaftsprozesses.[3]

Die Zyklentheorie selbst – die darin den Zyklenmodellen der traditionellen Volkswirtschafts­leh­re wie der ›Schweinezyklus‹ als Sonderform des ›cob-web-Theorems‹ vergleichbar ist – simpli­fiziert jedoch immer noch zu stark, wie reale Zyklenmodelle der Konjunkturentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert zeigen, in denen die Einbrüche durch politische Ereignisse – Weltkriege und System­transformationen – wichtiger sind als die ‚systemimmanente‘ Krisenentwicklung[4], die zu­dem noch durch längerfristige Trends überlagert wird.[5]

Hoffmeister – durchaus von der marxistischen Position ausgehend – sieht tatsächlich ein Ende des Zyklengeschehens durch die „Vermachtung der Märkte“. Das führt in die aktuelle Debatte über die ›Globalisierungsprozesse‹ über und ersetzt zyklisches Denken durch Modellvorstellungen von Disparitäten und Balancen, was den klassischen Krisenbegriff obsolet werden läßt. In diesem Sinne ist auch das seit dem Ende der siebziger Jahre in den Industrieländern zu er­ken­nende Schei­tern der keynesianischen Steuerungsmodelle verstehen, die ihr Eingriffsinstrumen­tarium aus den Vorstellungen der immanenten Krisendynamik herleiteten.

Ein weiterer politischer Aspekt ist bei der Verwendung des Krisenbegriffs heute ebenso zu be­rücksichtigen. Der Krisenbegriff wurde kritisch als gegen den Kapitalismus gerichteter Begriff zur Kenn­zeich­nung der negativen Aspekte von Disparitäten benutzt, verbunden mit Negativent­wicklungen in der Gesell­schaft wie sozialen Ungleichheiten und damit Ungerechtigkeit. Er wird zunächst aus dem lin­ken Milieu heraus belegt. Da die Wirtschaftstheorie der ehemaligen sozialisti­schen Länder die ›Antriebskräfte‹ des Kri­sen­zyklus ausschließlich in der Zielsetzung der ›maximalen Kapitalrendite‹, die nicht als Sonder­form einer allgemeineren Gesetzmäßigkeit der Vorteilsorientierung und des Knappheitspostulats als Grundlage ›rationalen wirtschaftlichen Ver­haltens‹ verstanden sondern ausschließlich unter morali­schen Kategorien bewertet und abgelehnt wurde[6], suchte, konnten ›Kris­enzyklen‹ nur in der kapitali­stischen Wirtschaft beobachtet werden. Wenngleich parallele Krisenzyklen in den sozialistischen Wirtschaften durchaus auftraten, was die einschränkende Ursachenzuschreibung infrage gestellt hätte, mußten überlagernde politische Er­klärungen gefunden werden, die regelmäßig, wie auch das Beispiel Polen zeigt, zu Machtkämp­fen in den politischen Eliten und zur – scheinbaren – ›Neuorientierung‹ der ökonomischen Pla­nungs­ziele[7] führte. Das hatte politische ›Vermeidungsstrategien‹ zur Folge, die letzlich zur Schwä­chung und zum Ende der sozialistischen Herrschaftssysteme beitrugen:

In den ehemals sozialistischen Ländern gehörte der Krisenbegriff neben Begriffen wie ›Im­pe­ria­lis­mus‹, ›Ausbeutung‹, ›Militarismus‹, ›Suzeränität‹ aber auch ›Rechtsstaatlichkeit‹ zu den tabuisierten Begriffen deren Gebrauch in Wissenschaft wie Medien mit Denkverboten belegt war und deren Anwendung auf den ‚eigenen‘ Herrschaftsbereich mit Sanktionen belegt war. Der ge­gen struk­turelle Ungleichheit gerichtete Brecht'sche Gedanke: »Manche sind gleicher als gleich« kann gegen die urhebende Zielgruppe und deren verordnete Staatsdoktrin gerichtet werden: »Glei­ches ist [im Realsozialismus] nicht gleich«; oder: »Es ist verboten, Vergleichbares miteinander zu verglei­chen«. Damit sind die Legitimierungsvisionen einer Staats­dokrin ad absurdum geführt.

Eine Wende trat in der Haltung zum Krisenbegriff z.B. in Polen erst ein, als man sich Ende 1979 schlagartig der Existenz der ›ökonomischen‹, ›sozialen‹, ›moralischen‹ Dimension und damit der Krise des gesamten Systems bewußt wurde. Man sprach seit diesem Zeitpunkt im öffentlichen Dis­kurs – außerhalb der Partei ­von einer ›allumfassenden Krise‹.

In den ›westlichen‹ politischen Diskursen wurde der Krisenbegriff zunehmend entspezifiziert und kaum in der marxistisch-ökonomischen Bedeutung gebraucht. Daneben war die subjektivisti­sche Bedeutung in den Vordergrund getreten, die mit Krise – den psychologischen Wurzeln des Begriffes sich wieder nähernd – den Zustand einer kollektiven ›Krisenbefindlichkeit‹ meint und vor allem Un­zufriedenheit, Ängste und das Gefühl des ›Schlechterwerdens‹ einer Situation meint. Theoretisch ausgewertet wird diese subjektive ›Krisenbefindlichkeit‹ in der These von der ›Risikogesellschaft‹ (Beck). Zu kurz greift dieses Krisentheorem dadurch, daß es kaum verifizier­bare Maßstäbe zum Vergleich von ›Krisenbefindlichkeiten‹ liefert – in Bezug auf die Situation in Iran soll das weiter un­ten noch verdeutlicht werden –, noch sinnvolle Fragestellungen zu den Ursa­chen wechselnder Reali­tätsdefinitionen als ›Krise‹ ermöglicht, was diesen Krisenbegriff aber umso geeigneter als funktiona­lisierbares Mittel in der politischen Auseinandersetzung macht.

b. Sozio-ökonomische Umbrüche (›Transformationskrisen‹)

Der Begriff ›Krise‹ findet heute Anwendung in nahezu allen Lebensbereichen, un­abhängig davon, ob meßbare negative Entwicklungen (z.B. gegenüber einer zuvor) günstigeren Si­tuation erfolgen.

Sein Bezugsmaßstab ist nicht mehr die zuvor positive Situation. Er wird damit herausgelöst aus der sozio­ökonomischen Relativiertheit. Sein Maßstab ist nunmehr die theoretische bzw. hypo­theti­sche ‚Einhundert-Prozent-Marke‘. Es wird z.B. nicht die hohe Zahl von Auszubildenden oder Ar­beits­platz­inhabern verglichen mit den entsprechenden Zahlen der sechziger oder der fünfziger Jahre, son­dern die Zahl verglichen mit der nach den von staatlichen Verwaltungen formulierten Zuord­nungskri­terien meßbaren und sich registrieren lassenden Anspruchsberechtigten. Man wech­selt von der öko­nomisch relativ klar zu bestimmenden, über die sozialaspirative zur verwaltungsju­ristisch de­finierten Ebene. Der Krisenbegriff wird damit in den west­lichen Gesellschaften vom antikapitali­sti­schen Kritik­begriff zum Instrument und Synonym für modernes Sozialutopiedenken.

Brauchbarer erscheint uns der Begriff ›Krise‹ aber noch als prozeßbezogene Charakteristik eines gesellschaftlichen Transformationsprozeßes, der in ein Phase der subjektiven wie objektiven Unbe­stimmtheit und Unsteuerbarkeit getreten ist, die vorher nicht vorhanden war und die für die Zu­kunft auch die akute und aktuelle Bedrohung durch den Systemzusammenbruch – mit all seinen auch die Individuen einzeln treffenden Folgen – wahrscheinlich werden läßt. An dieser Stelle seien einige Grundzüge der heutigen polnischen Situation charakterisiert.[8] Die ›ökonomische Krise‹ in Polen, wie sie in aktuellen Berichten über dieses die angesprochen Probleme geradezu idealtypisch repräsentierenden Landes analysiert wird, kündigte sich schon seit längerem an. Die auf Wachstum des Lebens­standards und der Konsumgüterproduktion gerichtete Wirtschafts­politik der Ära Gie­rek führte zu einer nicht rückzahlbaren Staatsverschuldung und zum Ende beina­he jeder not­wendigen Kapital­erhal­tungs- oder gar Zukunftsinvestition, wodurch die polnische Volks­wirtschaft den technologi­schen An­schluß an die internationale Entwicklung in den meisten Sek­toren verlor – was eine heu­tige Moderni­sierung der Wirtschaft umso teurer und schwieriger macht[9]. Grün­de lie­gen sowohl in der Zinsentwick­lung auf den internationalen Kapi­talmärkten und der inter­nationa­len Nachfrage- und in Teilen der Schwerindustrie Überangebots­krise, die Polen nicht zu ver­treten hat, wie ande­rerseits in system- und politikbedingten Fehlent­wicklungen im Lande selbst, die sich mit Pla­nungschaos, man­gelnden Reinvestitionsquoten, im sozialistischen Planungssystem ver­wurzelter Ver­nachlässigung der Entwicklung rohstoff- und energiesparender Technologien und De­fiziten im Aus­bau einer modernen Infra- und Versor­gungsstruktur beschreiben lassen. Das bestätigt unseren Ansatz, sich grundsätzlicher und kriti­scher mit dem Begriff der „Krise“ zu beschäftigen. Ei­ne dif­ferenzierte Analyse zeigt, daß gerade im Be­reich der ehemaligen sozialistischen Planwirtschaf­ten deutlich zwi­schen Transformationskrisen, Strukturkrisen und Systemkrisen zu unterscheiden ist. Transfor­ma­tionskrisen im Übergang zur Marktwirtschaft sind vorübergehende Umstellungs- und Koordi­nations­probleme, partielle Un­gleich­zeitigkeiten und Dissynchronisationen zwischen den Wirt­schaftssektoren, den Wirtschafts­räumen und den gesellschaftlichen Formationen (Staat, Un­ter­neh­mungen, Verbände), wie wir sie weiter unter mit Daten genauer erläutern werden. Doch legt die Analyse von Transforma­tionskri­sen die Prognose na­he, daß hier vor allem die Selbstregelungs­kräfte des Marktes und die Ent­schei­dungswege des politi­schen Systems mittelfristig wieder zu einem stabi­len Zustand führen wer­den. Anders sieht es bei einer Diagnose als „Strukturkrise“ aus. Zunächst sind damit die räumlichen und sektoralen Disparitäten gemeint, von denen wir oben mit Bezug auf die polnische Geschichte gesprochen haben. Aus der historischen Geographie wissen wir um die große Persistenz räumlich verfestigter Struk­turen sogar über einen mehrfachen Funk­tionswechsel hinweg. Was im Kleinen im Bereich der Stadt­geographie – z.B. in der Erhaltung und neuen Nutzung historischer Stadtkerne oder alter Befe­sti­gungsanlagen, die gerade deshalb auch in Polen eine identitätsstiftende Rolle für die Be­völkerung spielen – selbstverständlich ist, kann in den wirtschaftsräumlichen Strukturen ebenfalls beobachtet werden, wobei hier die Erhaltung von wert­vollen vernetzten Infrastrukturen, Basisin­vestitionen und der Entwicklung von wirtschaftlichen Agglomerationsvorteilen die wesentlichen strukturkonservie­ren­den Faktoren sind.

In Zeiten der ökonomischen Krise verstärken sich in vielen Fällen die regionalen Disparitäten und die Vorteile der hochagglomerierten Wirtschaftsräume (über alle Auffälligkeiten dezentraler Neuinvestitionen hinweg). Diese Strukturkrise verlangt daher ein bewußt zukunftsgerichtetes Pla­nungskonzept; das „freie Spiel der Marktkräfte“ führt im Gegensatz zur Transformationskrise nicht zur Lösung sondern gerade zur Verstärkung von Strukturkrisen.[10] In Polen ist dies vor allem an der Karte der wirtschaftsräumlichen Differenzierung der Entwicklungschancen deutlich zu erken­nen: Kapital zieht Kapital, Wachstum zieht Wachstum an. Systemkrisen schließlich sind grundle­gende Probleme in der Steuerung und Anpassung gesellschaftlicher Strukturen, die nur in Teilbe­reichen deckungsgleich sind mit den Krisen im politisch- staatlichen oder ökonomischen Steue­rungs­system (Planwirtschaft, Marktwirtschaft: vgl. die „Transformationskrisen“!), in einem tieferen Sinne aber auf Grundstrukturen der Politischen Kultur eines Landes bzw. einer Gesellschaft zu­rückzufüh­ren sind und damit die Krisenlösungskompetenz und das Alltagsverhalten gegenüber Konflikten und Proble­men meint. Da diese Begrifflichkeit grundsätzlich von der Vorstellung von Krisenzyklen und der ›relativen Normalität‹ der Krise abweicht und die Singularität der Situation betont, ebenso aber auch zu be­grifflichen Überlagerungen mit den rein subjektivistischen Krisen­begriff tendiert, stellt sich tatsäch­lich die Frage, ob  hier noch von einer eindeutigen und adäquaten Terminologie ge­sprochen werden kann, oder ob nicht eine grundsätzliche Ersetzung des Begriffes Krise durch spezifischere Realitäts­deutun­gen sinnvoll ist.

3. Die politische Funktionalisierung des Krisenbegriffs

Es ist nunmehr an der Zeit, den Begriff der Krise ›kaputtzudenken‹, um es mit Wallerstein[11] zu for­mulieren. Der Krisenbegriff sollte der Kennzeichnung ökonomischer Entwicklungstendenzen vor­be­halten werden und damit wesentlich der Definition durch die Volkswirtschaftslehre unterlie­gen und primär zur Kennzeichnung von Konjunkturverläufen angewandt werden. Zweifellos gilt dies nur für den gesellschaftspolitischen Kontext. Der psychosoziale Bereich und die medizinische Dia­gnostik, aus der dieser Begriff ursprünglich abgeleitet worden ist, dürfen davon nicht betroffen sein.

Dies ist notwendig, da der Krisenbegriff in zunehmendem Maße einer Instrumentalisierung durch linksintel­lektuelle, zumeist machtferne Gruppen unterliegt, die durch Postulierungen von Kri­sen in immer mehr Ebenen die Suggestion einer Lösung bzw. von Lösungsansätzen zur Aufhe­bung der von ihnen so definier­ten Krisen zu erwirken vorgeben. Die Lösung soll dabei durch sie selbst er­fol­gen: eine im klassischen Falle erfolgende Aspiratation auf Zugriff zur effektiven Macht­ebene, ins­be­sondere seitens linker Splittergruppen oder sich in gewerkschaftlicher Milieus bewe­gende Intellek­tuelle, die andererseits keinerlei Zugang zur Machtteilhabe zu haben und diesen letztlich realiter im keinesfalls anstreben.

Diese Gruppe möchte sich dabei möglicherweise den Utopiedenkern des 19. Jahrhunderts oder auch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugeordnet wissen. Anders als jene (anerkannten Theore­tiker) bekämpfen sie in der heutigen Gesellschaft den Kontext mühsam erreichter gesell­schaftlicher Standards von Stabilität und relativ hochgradig befriedeter Gesellschaften in West­europa.

4. »Krise« als Lebensgefühl und Realitätsdeutung

a. Wahrnehmung von Peripherisierung und Marginalisierung

Eine vom bisherigen Kontext verlagerte Problematik ergibt sich durch die Anwendung des Krisen­be­griffes auf die nahen ›Peripherieländer‹, d. h. die der ›Semiperipherie‹ oder auch die der bisheri­gen ›Dritten Welt‹. Die Türkei, Iran und Argentinien durchlaufen keine Krisen. Eine derartige Be­zeich­nung ist inadäquat, da sie in den genannten Fällen – von zweifellos hoher sozialer Span­nungs­niveaus und einschließlich erheblicher Verelendungstendenzen – um die entscheidenden Vorausset­zungen mangelt: Die sozio-ökonomische Entwicklung darf in ihrem jeweiligen ursächli­chen bzw. hi­stori­schen Kontext nicht ausgeblendet werden. Die sozio-kulturelle Entwicklungen z. B. im Orient im­plizieren spezifische historische Paradigmen gegenüber Westeuropa. Entsprechen­des gilt für die zu­meist durch Südeuropa ‚aufgepfropften‘ lateinamerikanischen Gesellschaften. Bis heute können durch europäi­sche Geschichte geprägten Nations- Gesellschafts- und Ethnienbegriff nur sehr be­grenzt übertragen werden.

Staatenbildungsprozesse sind historisch jung und keineswegs abgeschlossen. Lassen sich be­zo­gen auf die Türkei und Iran lang andauernde historische Entwicklungslinien aufzeigen, so weist der je­weilige industriell-ökonomische wie auch der Staatenbildungsprozeß orientalische Spezifika und ent­sprechende Singularitäten bezogen auf die jeweiligen Ethnien auf, die aus westeuropäischer Sicht schwer wahrnehmbar und nachvollziehbar sind. Wesentlich ist deshalb der den Ökonomien von in höherem Maße ausgeprägter Staatsgesellschaften entstammende Krisenbegriff als deren Spezifikum nicht geeignet. Negative Verände­rungen, Deformationen, zunehmende regionale Disparitäten di­ver­gierender soziale Prozesse in den dorti­gen kulturell bestimmten Milieus erfordern für die dortigen sozio-ökonomischen Prozesse eine adäquate Betrachtung, Deskription und auch Wertung.

In den Ländern der Peripherien und Semiperipherien wird unter dem Schlagwort von der »Krise der Dritten Welt« eine Reihe disperater politischer Entwicklungen und Probleme unter einem nivel­lierenden Krisenbegriff subsumiert:

1.     Probleme der »Dependenz« und des »ungleichen Zugangs zu den sich globalisierenden Waren- und Kapitalmärkten«, in denen sich sowohl das strukturelle Erbe der Kolonialzeit perpetuiert als auch die heutigen Hegemonial- und Machtstrukturen spiegelt,

2.     Prozesse der Peripherisierung und Marginalisierung, d.h. des – z.T. sich selbst verstärken­den – Anwachsens regionaler und sozialer Disparitäten bis hin zur Desintegration von Staat, Gesell­schaft oder Markt,

3.     Probleme der Entwicklung der Staatsgesellschaft und der staatlich-gesellschaftlichen Integra­tion als Konfliktsituation bei Veränderungen der Machtbalancen und bei Brüchen im innerge­sell­schaftlichen Zivilisationsprozeß (Bürgerkriege, Partizipationskonflikte, instabile Macht- und Herrschaftsstrukturen, d.h. auch: militärisch kompensierte Machtdefizite der politischen Eliten),

4. Orientierungsprobleme durch die univeralisierte Kommunikationsgesellschaft und ihre inne­ren Widersprüche, die sich z.B. in der Universalisierung der Individualisierungszumutung aus­drückt und somit in den Ländern der Peripherien und Semiperipherien desintegrierend wirkt.

Letztlich wurzeln alle angesprochenen Problembereiche in strukturellen regionalen, sozialen und pro­zessualen Deformationen, die sich aus der Geschichte – vor allem der Kolonialgeschichte – heraus erklären lassen, aber gleichemaßen auch in aktuellen Peripherisierungsprozessen in Folge globaler Hegemonialauseinandersetzungen in Europa[12], die heute nicht nur staatlich-militärisch[13] sondern vorwiegend ökonomisch ausgekämpft werden.

Sie sind zu analysieren unter der Perspektive der »Weltsystemtheorie« – als Fortentwicklung der ›dependencia‹–Theorien soweit es die Länder der Peripherien betrifft – oder in binnengesell­schaftli­cher Perspektive durch die Theorie von Machtbalance- und Zivilisationsprozessen. Beide Ansätze sind interdependent bzw. dialektisch aufeinander zu beziehen.

Dies klammert noch die Ebene der eigenen und der kontroversen Realitätsdefinition, gesell­schaftlichen Wertzuschreibungen und politisch-kulturellen Sinngebungen aus, die wiederum in dialek­tischer, d.h. interdependenter Weise als Funktion der Systemprobleme – mit dem Potential der be­wußten oder unbewußten aktiven Funktionalisierbarkeit! – und als handlungsleitendes und potentiell system- und strukturänderndes Agens in die Diskussion einbezogen werden muß.

Im Kontext unserer Überlegungen zum Krisenbegriff genügt es an dieser Stelle, vor allem die Interdependenz von Problemerfahrung (Dis­so­nanz­erfahrung, Unterlegenheitserfahrung, Gewalter­fah­rung) bis hin zur notwendigen Verarbeitung schwerwiegender bio­gra­phi­scher Brüche (Verfolgung, Krieg, Folter, Migration) und den Sinn­ge­bungsangeboten der Kultur (Religion, in­nerweltliche Ideo­logien wie Nationalismus, Rassismus etc.) oder des Sozialverbandes (Tendenz zur Ethnifizierung von Sozial- und Par­ti­zipa­tions­kon­flik­ten) hervorzuheben.

So stellt sich die subjektive Deutung der Realität als Ergebnis sozialpsychologischer Verarbei­tungsprozesse in anderer Weise dar, wobei oftmals Vergleichbares unterschiedlich und Heteroge­nes gleich interpretiert wird.

Im Bereich der Semiperipherien ist die wesentlich geringere Homo­genität der Gesellschaft – als Ausdruck nicht abgeschlossener Homogenisierungsprozesse in der Entwicklung hin zu einer Staatsge­sellschaft z.B. in der türkischen und iranischen Gesellschaft – als Entität zu berücksichtig­en. Beide Gesellschaften, die türkische wie die iranische, die wir hier als differente Beispiele heranziehen, sind durch hohe soziale wie regio­nale Spannungsniveaus gekennzeichnet. Hinzu kommt die Funktionalisie­rung der dominierenden Re­ligi­on als Klammerdoktrin im Prozeß der ›Ethnogenese‹. Es ist ein Syn­thesecharakter erkennbar, eine Durchdringung wie Überlager­ung von autochthonen wie exogen in­duzierten Prozessen, deren einzelne Ströme bei weitem nicht zu einer Amal­gamieren, sondern zu einem Nebeneinander, zu Konkurrenzen oder aber auch zu Verflech­tungen und heterogenen Ver­schränkungen ge­führt ha­ben.

Konkret: der Rückgang der Produktion von Konsumgütern – ein Indiz für Negativentwicklun­gen in westlichen Industrieländern – erfährt in der Sicht des Islamismus eine positive Wertung, birgt aber gleichermaßen systementstabilisierende Risiken, umso mehr, als die iranische Bevölke­rung durchaus nicht aus den internationalen Kommunikationsnetzen ausgeschlossen sondern wei­terhin internationa­lem Wert- und Normtransfer ausgesetzt ist.

Letztlich ist die Wertung der Entwicklung in Ländern der Peripherie bzw. der Semiperei­pherie als »Krise« eine Übernahme »westlicher« Werungsmuster und damit selbst Mittel der Durchsetzung eigener Situationsdefinitionen in der Auseinandersetzung um Verschiebungen der Machbalance zu­gunsten »westlich orientierter« neuer Machteliten oder aufsteigender technisch-bürgerlicher Sozial­schichten.

Dabei erschwert diese Situationsdefinition als »Krise« mögliche differenziertere, kulturell inte­grierende Problemlösungen und schränkt die politischen und sozialen Handlungsspielräume auf die sozioökonomische Dimension ein. Zum Beispiel werden politische und Partizipationsdefizi­te in der Krisendefinition reduziert auf sozioökonomische Benachteiligung, wobei je nach politi­scher Option Lösungsangebote allein im wirtschaftspolitischen oder sogar nur im humanitär-karita­tiven Bereich gesucht werden[14].

Gerade aber die Ökonomie der Industrieländer, in der der klassische Krisenbegriff entwickelt wurde und zweitweilig als Realitätserklärung im Rahmen der realen Konjunkturzyklen in der Ent­wick­lungsphase des marktwirtschaftlichen Kapitalismus sinnvoll und politisch anwendbar gewesen ist, zeigt aber heute, daß die klassisch-ökonomischen Instrumentarien unbrauchbar geworden sind, was auf fundamentale Erklärungsdefiztite der Volkswirtschaftslehre hinweist[15].

Entwicklungspolitisch stellt sich gerade für die Semiperipherien wie die Türkei oder Iran die wertende Frage, ob die herrschende Situation unter den aufgezeigten Rahmen- und Entwicklungs­be­dingungen als Krise oder als – von welcher sozialen Gruppe auch – anzustrebende Fortent­wick­lung zu beschreiben ist? Was im Westen eine Schwächung der Machtposition der etablierten legitimen Gewalt dar­stellt, be­deutet in den dortigen Gesellschaften – zumindest für Sektoren der Gesellschaft – eine Machtstär­kung. Krise bedeutet für sie die Störung eines kohärenten (geschlossenen), aber in sich wiederum di­vergenten Gesamtprozeß. Bezüglich der Spannungssi­tuationen in den Gesellschaften der Türkei und Irans handelt es sich um Konkurrenzen der Machteliten. Die alte benutzt tradierte Machtquel­len im Kampf gegen die neue, die auf moderne westliche Methoden setzt. Krise impli­ziert also eine intrasy­stemische Störung bzw. Unregel­mäßig­keiten. In der Türkei oder Iran sind Krisenerschei­nungen inter­dependent mit intersystemischen Konkurrenzprozessen. Auch in den Industriestaaten sind ›Krisen‹ interdependent mit intersyste­mischen Konkurrenz­pro­zessen (Globalisierungsdebatte).

Türkei und Iran sind hier grundsätzlich zu unterscheiden. In der Türkei ist der Krisenbegriff eher sinnvoll anzuwenden als in Iran:

a.     im westlichen, industrialisierten Teil der Türkei treten seit den 30er Jahren durchaus reguläre ›kapitalistische Wirtschaftskrisen‹ auf, die aber – wie im oben genannten Beispiel der VR Polen – als machtpolitische Auseinandersetzungen umdefiniert und mehrfach als Anlaß für Militär­putschs genommen wurden.

b.     Eine Krise im zuletzt genannten Sinne ist sicher die Bürgerkriegssituation in Südostanatolien mit drohendem Systemzusammenbruch. Dabei wird hier aber die schon genannte Skepsis ge­genüber dem Begriffsgebrauch bestätigt; dennoch ist die Konfliktgenese nur schwer begriff­lich zu fassen, da sie vielschichtig und in sich widersprüchlich ist.

c.     In Iran trifft zu, daß westliche Krisenkriterien geradezu als politische Ziele definiert werden...

Die aktuelle Diskussion bezüglich des Terrorismus einerseits und des ‚Kampfes gegen das Böse‘ (vergegenständlicht z.B. durch die USA) andererseits muß ausgeklammert werden. Man könnte von in kohärentem, widersprüchlichen, dysfunktionalen Prozessen sprechen, von auf verschiede­nen Ebe­nen ent­gegengerichteten oder inkompatiblen Prozessen. Eine Möglichkeit wäre ein genera­lisier­tes Spannungs­niveau. Man müßte die einzelnen Sektoren gewichten und die partiellen Ni­veaus ab­schät­zen und verknüp­fen, dann nach Widerspruch oder Kombinierbarkeit untersuchen. Wenn eine Synthese nicht möglich ist, dann muß separat geachtet werden! Es ist dann Ausdruck für die spezifische Überlagerung und Durchdringungsphase, d.h. auch: nicht abgeschlossene Macht­ba­lancierun­gen und Legitimierungsprozesse von Macht.

b. Politische Partizipationsdefizite oder die Renaissance von Nation und Ethnie

Aggressive Abgrenzungs- und Ethnifizierungstendenzen sind ein weiterer Bereich gesellschaftli­cher Problemlagen der Gegenwart, der üblicherweise mit dem Begriff der »Krise« belegt und damit sozio­regionaö eingegrenzt wird. Diese Problematik findet sich vor allem in den Gebieten der sogenannten Semiperipherien, d.h. der randzentralen Gebiete, die von Peripherisierungsprozessen bedroht sind, und der Peripheriegebiete (»Drit­te Welt«, »Ent­wick­lungs­län­der«), die mehr oder weniger zwangsläu­fig verstärkt in die von den Zentren gesteuerte Weltökonomie integriert werden. Wirtschaftsgeogra­phisch ordnen sich diese Prozesse den sogenannten »Schwellenländer« (Naher Osten, Südamerika, Südostasien) und den sich entwickelnden Peripherien der zentralen Industrie- und Wirtschaftsmächte zu (Süd­ost­euro­pa, Osteuropa, Türkei).[16]

Die inhaltliche Auseinandersetzung um den Begriff der Ethnie[17] – meist im Kontext der Dis­kus­sion über »Volk« und »Nation« – ist derzeit Gegenstand der wissenschaftlichen Auseinander­setzung und begründet kontroverse politische Optionen. In extremer Form findet sich in der sozi­obiologischen Literatur heute auch eine Renaissance rassistischer Vorstellungen[18], die von der Mehrzahl der Gesell­schaftswissenschaftler strikt zurückgewiesen und als politische Zweckideologie gekennzeichnet wird[19], aber als Legitimationsideologie ethnisch sich begründender politischer und sozioökonomischer Parti­zipations- und Selbstbestimmungsforderungen handlunsrelevanten Cha­rakter erhält. Aggressive Abgrenzungs- und »Ablehnungsideologien«[20] bis hin zu machtpolitisch motivier­ten »eth­nischen Säuberungen« funktionalisieren den Begriff der Ethnie und lassen ihn wieder zu einem ide­ologischen Element der Alltagszivilisation werden – aus der Sicht aufkläreri­scher Gesell­schaftswis­senschaft ein bitter empfundener Rückschritt in überwunden geglaubte ideologische Irrationalismen[21].

Es ist hier nicht der Ort einer vertieften Auseinandersetzung mit diesen »Ethnienkonzepten« – die aus gesellschaftswissenschaftlicher Sicht inhaltlich ohnehin anachronistisch und obsolet sind –, aber als ideologisches Agens sind diese »Ethnienkonzepte« Teil der aktuellen Krisenwahrneh­mung, sowohl was die Außensicht angeht, in der »Krise« und »Konflikt« – bis hin zum Krieg bzw. Bürger­krieg – begrifflich und als Vorstellungsinhalt als synonym verstanden werden, wobei gerade hier eine sozial- und politikwissenschaftliche Differenzierung unbedingt notwendig wäre, als auch, was – zu­mindest in den Bereichen der Semiperipherien – die Selbstdefinition vor allem der »neuen Eliten« betrifft.[22]

Zweifellos stellt für die türkische wie auch die iranische Gesellschaft die partiell, regional oder sek­torale erfolgende prozessuale Überlagerung mit westlichen Modernisierungsansätzen ein weite­res ernst zu nehmendes und zu spezifizierendes Problem dar. Die Türkei und Iran sind wesentlich unter den Bedingun­gen der Semiperipherie zu betrachten, wobei der Standort des Betrachters, die Sicht­weise des Zentrums als Nebengedanken in die Reflexion einbezogen werden müssen. In der Syn­these der aus orientalischen und westlichen Quellen gespeisten Entwicklungsströmen der be­stehen­den Ge­samtprozesse sollte das spezifische Spannungskriterium dieser semiperipheren Re­gionen  die keine sozio-ökonomischen Entitäten darstellen sondern Spannungskonstellationen, und deren Gesell­schaf­ten Figurationen mit hohen Span­nungsniveaus sind, Gegenstand der Forschung sein. In die Definition von Negativ- wie Positiventwicklungen müssen adäquate nicht objektive bzw. objektivier­bare (d.h. per se westlich-ökonomische) Kriterien und Maßstäbe angelegt werden. Das dafür not­wendige In­strumentarium ist zusammen mit einer entsprechenden Begrifflichkeit zu entwickeln und anzuwen­den.

Mit Hilfe des »Ethnienkonzeptes« wird die soziale Einheit geschaffen, auf die sich der Kri­senbe­griff politisch-ideologisch anwenden läßt, womit eine reale Strukturveränderung, die mit Verschie­bungen der herrschenden Machtbalancen notwendig verbunden wäre, verhindert werden kann. Der türkische Staat z.B. kann durch die Selbstdefinition als in der Krise befindlich die Pro­blemdefinition nivellieren und entdifferenzieren und dadurch die Notwendigkeit regional und sozial differenzieter Problemlösungskonzepte, die die gerade erst errungene Macht der »neuen Eliten« wieder in Frage stellen könnte, verdrängen. Eine ideologische Integration ersetzt eine nicht mehr durchsetzbare reale staatliche Homoge­nisie­rung.

Daß der Begriff »Krise« in dem Beispiel Türkei objektiv unzutreffend ist, zeigt die positive wirt­schaftliche Entwicklung der türkischen Großbetriebe und der wachsende Reichtum der neuen »Geld­ari­stokratie« und das Fehlen ausgeprägter ökonomischer Krisenzyklen.[23] In Iran hingegen ist ent­spre­chend der »antwestlichen« Grundposition[24] der ›Islamische Revolution in Iran‹ eine Selbst­de­finition, in einer Krisensituation zu leben, nicht vorfindlich, im Gegenteil, der nivellierende Krisen­vorwurf wird gegen den Westen gerichtet.[25] Die eigene Situation wird als eine Position der Stärke und Über­le­gen­heit definiert – was letztlich eine ebenso undifferenzierte ideologische Ant­wort auf die Probleme der Gegenwart darstellt, wie der pauschalisierende Krisenvorwurf. Gerade aber der Ver­gleich der Tür­kei mit der Islamischen Republik Iran zeigt sehr deutlich, daß das Ethni­enkonzept eng mit der ent­dif­ferenzierenden Krisenvorstellung einer sich selbst ›westlich‹ orientie­renden funktionalen Machtelite ist, die politisch Ziele des nation building wie der Entwicklung einer Staatsgesellschaft verfolgt, wo­hin­gegen die religiös motivierten traditionellen Eliten Irans auf ältere Integrationsmodelle der mus­li­mi­sche, nicht-staatlichen umma (Gemeinschaft) zurückgreifen, die strukturelle Überein­stimmungen zeigt mit konservativen westlichen Gemeinschaftsideologien.

5. Wahrnehmung lokaler und globaler Risiken: »Psychischer Streß«: Individualisierungs-Zumutung als »Krisenwahrnehmung‹

In einer »Krisenzeit« zu leben, ist weniger eine Beschreibung realer Bedrohungen, Risiken oder negativer gesellschaftlicher Entiwicklungsperspektiven, als Ausdruck entdifferenzierender Angst. Angst in diesem Sinne ist ein gesellschaftliches Phänomen, weitgehend Ergebnis der gesellschaft­li­chen Kommunikation über »Angst« und Gefährdung und ihrer Wirkungs- und Funktionalitätswi­der­sprüche[26] – vielfach das Ergebnis einer self-fulfilling prophecy. Die Ursachen und Dimensio­nen der »Angst« in den Industrieländern sind vielfach untersucht und kommentiert worden[27]

Phasen der Angst sind in der Geschichte Begleiterscheinungen von Entwicklungsakzeleratio­nen und dem Zurückbleiben gesellschaftlicher Problemlösungskompetenz hinter der Neuformation gesell­schaftlicher Beziehungen und Realitäten, die zunehmend unabhängig von realen Risiken als unüber­sichtlich, fremd und bedrohend erlebt werden. Angst ist eine Reaktion auf nicht bewältigte Dissonanz­erfahrungen in Situationen, in denen die überkommene politische Alltagskultur, das heißt der kollektive historische Erfahrungsschatz an Realitätsdeutungen keine angemessenen Reak­tions- und Bewältigungsmuster für eben jene »Dissonanzen« zwischen Realitäten und Erwartun­gen und Ge­wohnheiten mehr zur Verfügung stellt bzw. durch das Versagen der realitätsgerechten gesellschaftli­chen Kommunikation dem Einzelnen mehr zur Verfügung stellen kann.[28] Die gesell­schaftlichen Aus­drucksformen dieser angstbesetzten Individualisierung sind differenziert und reichen von Verweige­rungshaltungen (z.B. »Politikverdrossenheit«) über die Zunahme aggressiver und fremdenfeindlicher Alltagsformen des gesellschaftlichen Umgangs (»Entzivilisierung« des Verhaltens[29], Verminderung der Soziabilität und der individuellen Sozialkompetenz[30]) bis hin zur Zunahme irrationaler Weltbilder, ideologisierter und projektiver »Verschwörungsängste« und anti­rationaler Aggression.[31]

Diese differenzierte Beschreibung recht heterogener Reaktionsformen auf gesellschaftlichen Rea­li­täts­­wan­del, technologische und ökonomische Entwicklungsakzeleration und, das sollte hier noch hinzugefügt werden, das offensichtliche Versagen der Wissenschaft (»der Experten«) in der Politik­beratung und in der alltagstauglichen Interpretation angsterzeugender Unsicherheiten, entspricht nun durchaus nicht der eigenen gesellschaftlichen Rea­li­täts­wahr­neh­mung, die sich statt dessen des topos der »Krise« bedient. Die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Situation als Krise hat mehrere Vorteile: sie bedient sich eines allgemeinverständlichen Erklärungsmusters (auch wenn sie inhaltlich gar nichts erklärt: aber gerade dieser Charakter eines offenen Begriffs erlaubt es, individuelle Erfah­rungen fast beliebig zu subsumieren), sie kennzeichnet das Bedohliche und impliziert gleichermaßen das tröstlich Begrenzte der angstbesetzten Erfahrung („Krisen gehen schließlich vorüber“) und sie beinhalten nur wenig gesellschaftliche Reaktions- und Selbstverant­wortungszumutung. Die Dominanz der Krisenwahrnehmung korrespondiert mit dem Verlust an Communarität und der zunehmenden und in allen westlichen Industrieländern weit verbreiteten Neigung, für jedes ›unangenehme Erleb­nis‹, das als benennbarer und prinzipiell bezifferbarer ›Schaden‹ wahrgenommen und definiert wird, einen anderen Schuldigen zu finden, der mit Scha­densersatzforderungen und gerichtlichen Klagen zu überziehen ist. Die Bereitschaft, allgemeine Lebensrisiken hinzunehmen und als Aufgaben für das eigene Verhalten zu verstehen, ist weitge­hend verloren gegangen.[32]

Politisch ist dies auch als Versagen und offensichtliche Inkompetenz der herrschenden Eliten in den westlichen Industrieländern zu bewerten,[33] wobei durchaus nicht unbedingt nur persönliche Schuldzuweisungen abgeleitet werden müssen, wenn man bedenkt, daß die Angehörigen dieser ge­nannten politischen und ökonomischen Eliten den gleichen persönlichen Irritationen der Rea­li­täts­wahr­neh­mung ausgesetzt sind, wie die übrige Bevölkerung auch und Macht nicht unbedingt er­höhte gesellschaftliche Kompetenz erzeugt. Diese sehr schnellen und in ihren ferneren Konse­quenzen noch nicht vollständig überschaubaren gesellschaftlich-politische Entwicklungen von glo­baler Dimension und zunehmender Komplexität sind reale Ursachen für die schon angesprochene mangelnde Steuerungsmöglichkeit von sozioökonomischen Entwicklungen, die mit der mangeln­den analytischen und insbesondere prognostischen Kompetenz der Wissenschaft, die, wie erläu­tert, als angsterzeugende Ungewißheit, Unsicherheit und Ziellosigkeit wahrgenommen und als solche nicht als gesellschaftlicher Entwicklungsprozeß sondern, durchaus interessengeleitet, als »Krise« definiert wird.

In diesem Zusammenhang können verschiedene Stufen der Entwicklung analytisch voneinan­der unterschieden werden, auch wenn sie in ihren Ursachen und ihrer Funktion interdependent sind und eine in ihrer Zielrichtung letztlich noch nicht absehbare und umso weniger planvoll steu­erbare Kette weiterer interdependenter Entwicklungen im persönlichen Alltagsleben, in der innergesellschaftli­chen Funktionalität und Machtbalance wie der universalisierten und globali­sierten Umschichtung und Verknüpfung soziökonomischer Beziehungen und materieller wie kultureller Transferleistungen evoziert. In der Folge ihres zeitlichen Eintretens sind dies

1.     der Erkenntnisfortschritt über die Gefährdungen und Risiken ökologischer Veränderungen und Eingriffe (»Grenzen des Wachstums«, Risiken der Hochrüstung und Risiken der Atom­techno­logie, drohende Klimaveränderungen, Artensterben usw.) – mit der Folge der bislang noch nicht überzeugend und konsensfähig abzuschließenden Suche nach alternativen Lebens­formen bzw. dem Anwachsen von Fortschritts- und Technologieskeptizismus bis hin zum reale Problemlö­sungskompetenz definitiv aufhebenden Antirationalismus;

2.     das Offensichtlichwerden der Globalisierungstendenzen in der Ökonomie und der Politik – was in der Folge der Ökonomisierung der politischen Entscheidungszwänge vorhersehbar war – und ihrer unmittelbaren politisch-staatlichen wie sozioökonomischen Folgen (die sich äußern in man­gelnder Krisenlösungskompetenz und ökonomischen »Erpreßbarkeit« der tra­ditionellen Natio­nalstaaten sowie in den Folgen der internationalen Mobilität des »fluktuierenden Kapitals«, wie dem obsolet werden nationaler Beschäftigungspolitik, von Flä­chentarifverträgen und staatlich oder vertraglich garantierter sozialer Absicherung); diese Entwicklung wird in den traditionell privilegierten und in ihrem Bewußtsein hegemonialstaatli­chen Industrieländern vornehmlich als Bedrohung ihrer eigenen Stellung wahrgenommen (mit der Folge von Tendenzen zum Neona­tionalismus, zur Fremdenfeindlichkeit und zu Abgren­zugsstrategien);

3.     die weltpolitische Umbruchsituation nach dem politischen Zusammenbruch des »real existie­ren­den Sozialismus«, die auf der einen Seite Transferprozesse einleitete aber auch notwendig machte, die die in den politischen Stagnationsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg noch zu­sätz­lich retardierten alltäglichen gesellschaftlichen und individuellen Problemlösungskompe­tenz und die entdifferenzierte Rea­li­täts­in­ter­pre­ta­tion tendenziell überforderte[34], auf der ande­ren Seite aber zu einer globalen Neubestimmung der Zentrum-Peripherie-Verhältnisse, d.h. auch der globalen Machtbalancen, führen mußte, die tief in die politischen und gesellschaftli­chen Handlungsspiel­räume eingriff und die binnenstaatlichen zentral-peripheren sozialen und regionalen Disparitäten zu Lasten der Peripherien verschob.[35]

Fassen wir unsere Überlegungen zusammen, so ist vor allem festzuhalten, daß der Begriff »Krise« zur Kennzeichnung der gegenwärtigen, als bedrohlich und angsterzeugend wahrgenommenen ge­sell­schaftlichen Situation zu einem Alltagsstereotyp und zu einem alltäglichen topos der gesell­schaftlichen Kommunikation geworden. Der Begriff ist jedoch inhaltlich unzutreffend und be­zeichnet heterogene gesellschaftliche Tatbestände, so daß er eher dazu eignet, Sachverhalte und Ursachen gesellschaftli­cher Probleme zu verundeutlichen bzw. zumindest zu entdifferenzieren, als daß er geeignet ist, gesell­schaftliche Problemlösungskompetenz zu evozieren und sachgerecht zu leiten. Durch seine ideologie- und begriffsgeschichtliche Verankerung in der – vor allem marxisti­schen – Wirtschaftstheorie, bezo­gen auf die Idee von den kapitalistischen Krisenzyklen, tendiert ein an der Rea­li­täts­deu­tung als »Krise« zur primär ökonomischen Situationswahrnehmung und zu Krisenlösungsmodellen aus dem Bereich der traditionellen Wirtschaftspolitik. Das greift aber in der komplexen und interdependenten heutigen gesellschaftlichen Entwicklung deutlich zu kurz und wird gerade auch gekennzeichnet durch das offensichtliche Versagen der wirtschaftswissenschaft­lichen Politikberatung. Eine differenziertere Problemanalyse, wie sie in sozialwissenschaftlichen und politikdidaktischen Diskursen notwendig ist, sollte daher auf den Krisenbegriff weitgehend verzichten und ein differenzierteres begrifflich-analyti­sches Instrumentarium anwenden. Dabei sind Problemdimensionen derjenigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die landläufig als »Krisen« wahrgenommen werden – einmal abgesehen von im enge­ren Sinne konjunkturellen Wirtschaftskri­sen –, durch die Untersuchung von Globalisierungs- und Individualisierungsprozessen, von Verschiebungen innergesellschaftlicher und übernationaler Machtbalancen, von sozioöko­nomischen Transformationsprozessen und der Entwicklung – Ver­stärkung, Verschiebung oder Verminderung –  regionaler wie sozialstruktureller zentral-peri­pherer Disparitäten – in die das klassische soziologische Thema der »sozialen Ungleichheit« mit eingeht – zu entfalten. Diese differenziertere Rea­li­täts­sicht auch in die öffentlichen Diskurse und die veröffentlichte Kommunikation einzubringen und damit politisch wirksam zu machen, ist eine der dringlichsten Aufgaben der Sozialwissenschaften wie der Politikdidaktik – und damit auch des Poli­tikunterrichts.

Anmerkungen

[1]    Offenb. Joh. 16, 16.

[2]    Diese Irritation wir verstärkt und z.T. erst hervorgerufen durch teilweise unsäglich inkompetente Machtentfaltungsstrategien der führenden Eliten und eine Borniertheit der »Krisenlösungsangebote«, die die Privilegierung Europas und die großen Res­sourcen und Chancen des Kontinents, unter günsti­geren sozioökonomischen Bedingungen als jemals in der Geschichte, ver­gessen läßt.

[3]    Vgl. Werner Hofmann: Grundelemente der Wirtschaftsgesellschaft. Reinbek 1969 (rororo aktuell 1149), S. 90 ff.

[4]    vgl. die Darstellungen in Hofmann, ibid. (vgl. Fußnote 3) und Battmer/Rischmüller/Voigt: Fa­schismus in Deutschland und Neonazismus. Materialien für den Politikunterricht. Dortmund 19812 (pad – Pädagogische Arbeitsstelle Dortmund), S. 31-33 und 78 ff., vor allem die Materialien 2/4 und 2/5 aus: (Autorenkollektiv) Politische Ökonomie – Kapitalismus. Ber­lin (DDR) 1974 (Dietz Verlag), S. 91.

[5]    Wieweit das Postulat vom Wirtschaftswachstum (im »magischen Viereck« der Ziele der Wirtschafts­politik) mit der Zyklen­vorstellung tatsächlich vereinbar ist, sei dahingestellt.

[6]    Was zu den strukturellen Schwächen der sozialistischen Wirtschaft zwischen »Verschwendung in der Produktion« und »Pauperität im Konsum« – also zu einer insgesamt unökonomischen Produktions­struktur führte.

[7]    vgl. Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt: Polen – Nation ohne Ausweg? Eine Einführung in Politik, Gesell­schaft, Wirt­schaft, Kultur und Umwelt. Geschichte und Staat Band 274. München 1986 (Olzog).1986.

[8]    der Text folgt hier den Ausführungen eines Vortrages von Gerhard Voigt im Polnischen Institut Leipzig 1994.
  Zur Veröffentlichung in der Schriftenreihe des Rosa-Luxemburg-Vereins in Leipzig vorgesehen

[9]   Nettelmann/Voigt 1986 (vgl. Fußnote 7)

[10]   was nicht verwechselt werden darf mit der Selbstverstärkung der Krisenzyklen in der sozialistischen ökonomischen Theorie (vgl. die Nachweise in Fußnote 3 und 4), aber auch nicht mit den Thesen von Claus Offe, daß ›Sozialismus durch Transfor­mation des Kapitalismus zur postkapitalistischen Ge­sellschaft‹ entstehen könnte, die er folgendermaßen begründet: „Der Übergang von einer kapitalisti­schen zu einer postkapitalistischen Ge­sell­schaft, die möglicherweise mit dem übereinstimmt, was wir uns unter einer so­zia­li­stischen Gesellschaft vorstellen, könnte ähnlich strukturiert sein: Nämlich, daß ge­rade diese Maßnahmen, die abgestimmt sind auf die Kontinuitätssicherung der ge­genwärtigen Ge­sellschaft, Strukturverschiebungen mit sich bringen im Zu­sam­men­wirken von Krise und Klassenkon­flikt, die sich dann hinterher als etwas her­aus­stellen, das nicht eindeutig der kapitalistischen Produk­tionsweise mehr zu­zu­re­chnen ist. Dies geschieht nicht als ein unbeabsichtigtes Hinein­schlittern in die Al­ternative, sondern es geschieht – so könnte ich mir das vorstellen und so könn­te ich es mir auch als eine politisch relevante Perspektive vorstellen – als ein bewußtes Aufgreifen von Möglichkeiten, die im Gesamtzusammenhang des öko­no­misch-politischen Systems in Krisensituationen aufkommen... Es könnte sein, daß genau jene krisenunterdrückenden oder kri­sen­re­gulie­ren­den oder die Krisen am un­kontrollierten Sich-Auswachsen hindernden Steue­rungs­versuche ihrerseits zu einer Repolitisierung des Produktionsverhältnisses füh­ren, so daß, was man gar nicht im Blick auf eine neue Gesellschaft ge­tan hat, son­dern gerade getan hat, um die bestehende Gesellschaft im ganzen funk­tions­fähig zu hal­ten, sich unterderhand und wider Willen auswächst zu einer so we­sent­lichen Modifikation der Pro­duktionsverhältnisse, daß man, nachdem das pas­siert ist, nicht mehr davon sprechen kann, daß es sich noch um die alte Ge­sell­schaft handelt.“ [Claus Offe, Industriegesellschaft oder Kapitalismus? Theo­rien der gegenwärtigen  Gesellschaft. In: Furth/Greffath, Soziologische Positionen, Interviews und Kommentare. Frankfurt 1977, S.32ff. (Fischer TB 1976) – Zitiert aus: K. Böttcher, Hg., Mo­derne Industriegesellschaft und sozialer Wandel. »Sozialwissenschaften«, herausgegeben und bearbei­tet von W. Breuer, F.J. Floren  u.a., H.15. Pader­born 1988, S.165  [M=154]. (Schöningh Verlag)]. – In Polen ist eher der gegenteilige Prozeß zu beobachten und aus den De­terminanten der polnischen Geschichte und politischen Kultur heraus zu begründen: die Selbstkapitalisierung der polnischen Ökonomie unter der Selbstdefinition der ›Krise‹, was immer angeblich ›objektivierbare‹ Strukturver­änderungen auch sein mögen! Gerade der Ansatz von Offe, der daher so ausführlich nachgewiesen wurde, belegt, wie wenig hinreichend und diffe­renziert der ›klassische‹ Begriff der ›ökonomischen Krise‹ heute ist!

[11]   Immanuel Wallerstein:  Die Sozialwissenschaften »kaputtdenken«.  Weinheim 1995

[12]   Auch hier zurückzuführen bis in das 16. Jahrhundert.

[13]   Der Nahost- und der Golfkonflikt zeigt, daß auch diese Dimension auch heute noch reale politische Option vor allem auch für die Hegemonialmacht USA ist!

[14]   Daß letztlich karitative Ansätze, so notwendig sie als akute Nothilfe auch sein mögen, als längerfristi­ge politische Strategien Abhängigkeiten und Unterlegenheits- bzw. Hilflosigkeitssituationen evozieren und damit für die gegebene Machtordnung herrschaftsstabilisierend wirken, ist offensichtlich und ein Strukturdefizit der üblichen »Dritte-Welt«-Politik der westlichen Industrieländer und ihrer Entwick­lungshilfe; wieweit die karitativen Grundüberzeugungen der Religionsgemeinschaften nicht nur aus Glaubensüberzeugung sondern auch als machterhaltendes Bindungselement gegenüber den Gläubigen eingesetzt wer­den, ist eine Frage, die sich im Anschluß an diese Überlegungen stellt, aber hier nicht weiter diskutiert werden kann!

[15]   Vgl. Joan Robinson: Zur Krise der ökonomischen Theorie. In: Diethard B. Simmert, Hg., Wirt­schaftspolitik – kontrovers. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 146. S. 57-66 („Nicht allein die Wirtschaftskrise hat den Bankrott der akademischen wirtschaftstheoretischen Lehre deutlich gemacht. Die Gedankenstrukturen, die sie vermittelt, hatten sich schon lange vorher als hohl erwiesen. Sie bestanden aus einer Reihe von Annahmen, die kaum zu der Struktur und der Ent­wicklung der Wirtschaft, die sie abbilden sollten, in Beziehung standen. Der Grund für diese Intellek­tuelle Verirrung scheint darin gelegen zu haben, daß die ausdrückliche Betrachtung eines ökonomi­schen Systems als eines einzigartigen historischen Phänomens, das sich In der Zeit entwickelt, zu sehr mit den Doktrinen von Marx verbunden war. Das Ziel der Lehre war es, einen Schutzschild zu errich­ten, um die Studenten daran zu hindern, in diese Richtung zu blicken. Während der McCarthy-Peri­ode wurde dies durch die Furcht verstärkt, gefährlicher Gedanken verdächtigt zu werden. So waren die akademischen Lehrer eifrig bemüht, die Wirtschaft In einem freundlichen Licht erscheinen zu lassen. Sie bemühten sich nicht, sie ernsthaft zu untersuchen, um zu sehen, wie sie wirklich war...“ [S. 57]. „Die sachlich dringendste Frage ist: Welches ist das Merkmal eines privatwirtschaftlichen Systems, das die reichste Nation, die die Welt gesehen hat, dazu verdammt, einen erheblichen Teil ihrer Bevöl­kerung in dauernder Ignoranz und Elend zu halten? Die professionellen Ökonomen richten einen Ne­belvorhang von »Theoremen«, »Gesetzen« und »Austauschbeziehungen« auf, der verhindert, daß sol­che Fragen gestellt werden. Diese Situation ist – glaube ich – unvermeidlich. In jedem Land werden die Bildungsinstitutionen im allgemeinen und die Universi­täten im besonderen direkt oder Indirekt von den etablierten Mächten unterstützt, und ihre erste Pflicht, ob in Chicago oder in Moskau, ist, ih­re Schüler vor dem Kontakt mit gefährlichen Gedanken zu bewahren“ [S. 66].); zu den strukturellen Gründen des wirtschaftspolitischen Versagens vgl. noch einmal Hofmann: Grundelemente der Wirt­schaftsgesellschaft. (vgl. Fußnote 3: »Vermachtung der Märkte«), der jedoch noch keynesianische Konzepte des Staatsinterventionismus nahe legt („Weltwirtschaftskrise und dauernder Staatseintritt“), die selbst wieder obsolet geworden zu sein scheinen. Die Erklärung da­für bleibt kontrovers; neben der Neubewertung der schon von Hofmann konstatierten „Vermachtung der Märkte“ steht heute das Pro­blem der Globalisierung im Zentrum, das einmal in seinen Auswirkungen auf die wachsende Dispari­tät der wirt­schaftlichen Entwicklungschancen und der sozialen Lebensverhältnisse – im Sinne der Pe­ripherisierungsprozesse der Welt­systemtheorie (vgl. Fußnote 11) – [vgl. den Problemabriß in der SPIEGEL-Titelgeschichte »Total global – Wie der Turbo-Kapitalismus die Welt verändert«: „Allein der Markt regiert“, DER SPIEGEL, Nr. 39, 23.9.96, S. 80-105: „Ein Graben öffnet sich zwischen den Konzernen, die weltweit planen, und den Regierungen, die das Wohl ihres Landes im Auge ha­ben. Der Konflikt werde eine geradezu umwälzende Wirkung haben, prophezeien Ökonomen und Politologen: Regime kommen zu Fall, Staaten sind genötigt, Sozialleistungen zu kappen, und Millio­nen Menschen gezwungen, sich immer schneller einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Und viele wer­den keinen mehr finden.“ – Und hinzuzufügen ist: die globalen Migrationsströme und Migrations­konflikte werden zunehmen. Wirtschaftswissenschaftlich reflektierter behandelt Rolf Dietrich Schwartz (Kapitalismus ohne Netz. Berlin 1996, Aufbau Taschenbuch Verlag; in Auszügen abge­druckt in Frankfurter Rundschau, Nr. 224, 25.9.96, S. 12: Die »herrschende Lehre« oder die Lehre der Herrschenden) das Thema »Globalisierung« und seine wis­senschaftlichen und technologischen Grün­de. Bezeichnend ist dabei auch folgende Aussage: „Übereinstimmendes Merkmal aller Krisenerschei­nungen in den reiferen Industriestaaten ist die Vernachlässigung der Binnennachfrage und der inter­nen Massenkaufkraft gegenüber den Produktionsmöglichkeiten mit der Folge steigender Überkapazi­täten in der Wirtschaft... Auf der Suche nach Kaufkraft drängt es über die Grenzen. Deshalb der seit Jahren anhaltende und sich verschärfende Unterbie­tungswettbewerb aller ‚Partnerländer‘ um die nied­rigsten Lohnkosten und Steuerbelastungen.“ Hier zeichnet sich ein mögli­cher, jetzt aber globalisierter Anknüpfungspunkt an die klassische Krisenzyklentheorie an mit strikter Beschränkung auf die öko­nomischen Verläufe, die den Gebrauch des Begriffes »Krise« wieder sinnvoll erscheinen läßt, aber ge­radezu überdeutlich macht, daß die damit interdependenten Peripherisierungsprozesse zyklenüber­grei­fend wirksam sind und als solche nicht mit dem Begriff »Krise« belegt werden dürfen – erst recht nicht Transformationsprozesse, die in ihren sozioökonomischen Fol­gen heterogen, desintegrierend und vielschichtig ablaufen, in denen es, einfach gesagt, Gewinner und Verlierer gibt. Hier müßte erst einmal die Gasamttendenz und die Gesamtentwicklung eingehender untersucht werden! Die Globalie­rungsthese wird aber von Teilen vor allem der gewerkschaftsorientierten Wirtschaftswissenschaft grundsätzlich skeptisch und in ihrer Bedeutung und Reichweite als übertrieben eingeschätzt angese­hen; Michael Vester, Politikwissenschaftler an der Universität Hannover, formuliert sogar: „Die Globalisierung ist eine Phantomtheorie“, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 191, 15.08.96, S. 2.

[16]   Woraus sich die im Prinzip komparative Bestimmung des Begriffs »Peripherie« aus einer jeweils konkreten zentral-periphe­ren Zuordnungsdisparität ableiten läßt.

[17]   Die ursprüngliche biologische Bedeutung ist längst obsolet geworden und ist in ernst zu nehmenden Zusammenhängen von der Kulturwissenschaft neu definiert worden („Europäische Ethnologie versteht sich so ausdrücklich als Forum für den Kon­takt unter­schiedlicher Wissenschaftskulturen. Es ist daher ein besonderes Anliegen von Forschung und Lehre zu den sozialen und kulturellen Entwicklungen interdisziplinäre Zugänge zu suchen: Sozial- und kulturge­schichtliche, kultursoziologische und sozi­alanthropologische, kultur- und diskursanalytische Ansätze sollen erarbeitet, diskutiert und miteinan­der in Bezug gebracht werden, um sich gegenseitig zu befruchten“, Rolf Lindner und Wolfgang Kaschuba: Informelle Logik des tatsächlichen Le­bens. Kulturwissenschaft muß ein Teil der gesell­schaftlichen Wandlungspro­zesse sein. Frankfurter Rundschau, Nr. 230, Di., 4.10.94, S. 9. – Forum Humanwissenschaften); doch der immer noch semantisch ›mitgedachte‹ biologistische bzw. ›soziobiologische‹ Hintergrund („Es ist, wenn man an das allseits vertraute Phänomen des Kultur­transfers denkt, ganz und gar nicht zufällig, daß just in dem Augenblick, in dem die Kulturwissen­schaften in Blüte stehen, ... der Kulturbegriff in eine Krise gerät. Denn die Kulturalisierung des ge­sellschaftlichen Diskurses hat es mit sich gebracht, daß Kultur im weiten, anthropolo­gischen Sinne in aller Munde ist. Die Folge davon ist nicht nur eine Ausuferung des Kulturbegriffs, die dazu führt, daß er gewissermaßen promiskuitiv wird, d.h. mit allem und jedem eine Verbindung eingeht. Folge ist vielmehr auch und vor allem ein zunehmend politischer Gebrauch, der die Idee der Kultur nachhaltig kompromittiert, der sie, wie es der US-amerikani­sche Anthropologe Eric R. Wolf unlängst in der Zeitschrift Historische Anthropologie getan hat, neben Rasse und Ethnizität unter jene gefährli­chen Ideen subsumiert, die auch die partikularen Fundamentalismen begründen helfen und sogar ei­nen Kernbestand des Diskurses der Neuen Rechten bilden“, ibid.) und die letztlich ebenfalls erwie­sene Fragwürdig­keit auch der kulturwissenschaftlichen Begriffsbestimmung, läßt den Begriff der Ethnie selbst fragwürdig erscheinen. Interes­santer scheint uns hier der prozessuale, geschichtliche Zu­griff, der gesellschaftliche Entwicklungen und parallele Bewußt­seinsentwicklungen in einem Begriff der »Ethnogenese« faßt und mit Gesellschafts- und Nationbildungsprozessen und der Entstehung der Staaten parallelisiert und deren Interdependenzen aufzeigt. Dabei ist aber einschränkend zu sagen, daß der Staat heute sinnvoll nur noch als ›westlicher Nationalstaat‹ definiert werden kann; somit spielt ge­rade im Nahen Osten die Ethnie im westlich-nationalen Sinne kaum eine Rolle; statt dessen dominie­ren in den traditionalen Gesellschaften eher Klein­gruppen (Clan, Sippe, Familie, Klientel) unterhalb der religiösen Verklammerung durch die islamische umma. Erst mit dem Einfluß westlicher Nation- und Nationalvorstellungen z.B. in der Türkei seit den »tansimat«-Reformen im Sultanat Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht auch eine Vorstellung von einer ethnischen Fundierung der Nation: ›nation building‹ ist eng ver­bunden mit der Ethnogenese der Volksgruppe der Türken (z.B. im »Panturanismus«), was wiederum Voraussetzung der heu­tigen als »ethnisch« sich definierenden Konflikte in Südostanatolien (Kurdenproblem) war und ist. Vgl. Gerhard Voigt: Probleme der Na­tionalstaatsbildung und Modernisierung an der Peripherie Europas. Gesellschaftlich-historische Anmer­kungen zur Türkei. politik unterricht aktuell, 1/2-1996, Hannover, Verband der Politiklehrer. – Interessante erste Ansatz­punkte bezogen auf die Wurzeln der türkischen Kultur finden sich in der Untersuchung  von Elçin Kürsat-Ahlers: Zur frü­hen Staatenbildung von Steppenvölkern. Über die Soziogenese der eurasiatischen Nomadenreiche am Beispiel der Hsiung-Nu und Göktürken, mit einem Exkurs über die Skythen. Berlin 1994; – für die Entwicklung der Frage­stellungen in Hinblick auch auf die Gegenwart finden sich fundierte, vor allem theoretisch motivierte Aussagen bei Hans-Peter Waldhoff: Fremde und Zivilisierung: Wissenssoziologische Studien über das Verarbeiten von Gefühlen der Fremdheit. Probleme der modernen Peripherie-Zentrums-Migration am türkisch-deut­schen Beispiel. Frankfurt am Main 1995

[18]   Vgl. dazu vor allem die in den USA wieder aktuell werdende Auseinandersetzung über den Intelli­genzbegriff z.B. in dem »Bestseller« »The Bell Curve« von Richard Herrnstein und Charles Murray; die – meist ablehnende – Diskussion über diese Ansätze wurde in durchaus anspruchsvoller Form auch in den deutschen Medien geführt: „Goodbye, Amerika! Ab­schied von einem Amerika, wie es sich selbst so gerne sieht: frei und demo­kratisch und chancengleich für alle. Mehr bliebe wohl nicht zu sagen, ginge es nach Richard Herrnstein und Charles Murray, den Verfassern eines Buches, das jetzt Furore macht. ‚Schwer vorstellbar‘, schreiben sie in ihrer Schlußfolgerung, ‚daß die Verei­nigten Staaten ihr Erbe des In­dividualis­mus und des gleichen Rechts vor dem Gesetz bewahren kön­nen, sobald akzeptiert wird, daß ein beträchtlicher Teil der Be­völkerung zu ständigen Staatsaufsehern gemacht werden muß.‘ Und genau das halten Herrnstein und Murray im Prinzip für unvermeidlich. Eine ›kognitive Elite‹ sei am Werk, das ist der Tenor des mit Bibliographie, Index und Anmerkungen 845 Seiten starken und komplizierten Buches ›Die Glockenkurve‹; eine Elite von Leuten mit hohem Intelli­genzquotienten (IQ), die in der Lage sei, Informationen und Technologien zu manipulieren. Diese Elite werde immer reicher, während die anderen Teile der Bevölkerung entweder gerade so zu­rechtkämen oder zum Vegetieren in einer permanenten Unterklasse verdammt seien. Um ihre Positio­nen zu halten und zu festigen, brauche sie einen Wächter- oder Vormundstaat, der die Unterklasse in den Slums, wo Verbre­chen, Drogen, Aids und Rassismus brüten, in Zucht und Ordnung hält. Mit einem solchen Staat „meinen wir eine High-Tech- und etwas luxuriösere Version einer Indianer-Re­servation“, erklären die Verfasser ohne Ironie, und sie schließen ›totalitäre Lösungen‹ keineswegs aus. Ende der Demokratie in Amerika. In einer komprimierten Fassung für das neokonservative Magazin The New Republic greift Charles Murray weiter über Amerika hinaus. ‚Da die Welt dahin tendiert, von Leuten beherrscht zu werden, die in der IQ-Lotterie die Gewinner sind – wie kann man da auf ge­sellschaftliche Strukturen hoffen, in denen nicht ewig nur die Glücklichen zum eigenen Nutzen herr­schen?‘ schreibt Murray. In der ›Glockenkurve‹ räsonieren die beiden lang und breit über die Ergeb­nisse von IQ-Tests. Im wei­ßen Amerika erreicht die Kurve ihren Höhepunkt beim großen Durchschnitt zwischen 100 und 110, für das schwarze Amerika dagegen liegt sie deut­lich niedriger. Daß der IQ bei den Schwarzen um durchschnittlich 15 Punkte tiefer liegt als bei den Weißen, ist für die Auto­ren eine gottgegebene Tatsache. Jeder Amerika­ner wisse das. Man spreche darüber hinter vorgehaltener Hand, überzeugt, daß nach fünfzig Jahren mehr oder weniger vergeblicher sozialreformerischer Intervention des Staates anderes im Spiel sein müsse als die Veränderung der Umweltbedingungen, um den Schwarzen aus den Ghettos und auf die Beine zu hel­fen. Es sind die Gene, natürlich. Die Erbanlagen. Nun sagen IQ-Tests tatsächlich etwas aus – nämlich über die Fähigkeit, IQ-Tests zu ab­solvieren. Damit wird ein eingeschränktes Spektrum dessen vermessen, was man gemeinhin unter dem Begriff ›Intel­ligenz‹ versteht. Zu dieser Debatte tragen die Autoren nichts bei. Herrnstein und Murray jedoch sind stolz darauf, mit ihrem Buch ein ›Tabu zu brechen‹“ [Ulrich Schiller: Hirnloses Ballern mit Statistik. Eine erneute Debatte um Intelligenztests in den USA zeigt, wie sich Rassismus hinter Wis­senschaft verbergen kann. DIE ZEIT, Nr. 44, 28.10.94, S. 51, Wissen mit Ergänzungen Gerhard Voigt, 16.8.96]

[19]   „In den USA wird die Debatte lebhaft geführt. ‚Da sind klare genetische Komponenten für das Verhal­ten‘, sagt die Wissen­schaftlerin Shelley D. Smith aus Omaha: ‚Wir müssen jetzt versuchen, herauszu­be­kommen, was die Mechanismen sind.‘ Der Psychiater Peter Breggin aus Bethesda hält dies aller­dings für Nonsens: ‚Verhaltensgenetik ist der selbe alte Mist in neuen Kleidern.‘ Sie sei lediglich eine andere Er­scheinungsform einer gewalttätigen und rassistischen Gesellschaft, die den Men­schen ihre Probleme als eigene Fehler ankreiden weil sie über »schlechte Gene« verfügten... Diese Position kon­tert Rainer Hohlfeld zuerst mit einem methodischen Einwand. Er hält es für unmög­lich, zwei nicht kompatible Systeme zu vereinigen; die mentale Sprache sei nicht in eine objektive moleku­lare Sprache zu übersetzen. Auf der biochemischen Ebene würden die Probleme auch zur Seite gescho­ben. Gene stünden in Wechselwirkungen mit anderen Genen, und dies setze sich auf der Zellebene fort. Es han­dele sich um ein höchst komplexes System. Direkt von den Genen auf die Erscheinung zu schlie­ßen, sei deshalb nicht möglich. Der genetische Determinismus, fürchtet Hohlfeld, wird zu einer geneti­schen Diskriminierung führen, weil Gene als objektiv gelten. Dem Subjekt werde so die »soziale Zu­rechnungsfähigkeit« abgesprochen. Dies führe zu einer Enthumanisierung. Innerhalb der Biologie ge­be es schon keine Balance der For­schungsansätze mehr, da die Genetik domi­niere. Insgesamt hat die Auseinandersetzung zwischen Genetikern und Behavioristen, die bisher wie ein Pendel mal in die eine und dann in die andere Richtung ausschlug, wegen der neuen Forschungsmöglich­keiten eine andere Qualität erhalten. Der Angriff der naturwissenschaftlichen Interpretation der Welt ist ‚noch einmal massiver geworden – in bisher nicht vor­handener Stärke‘, sagt Hohlfeld. Der Soziologe erin­nert des­halb daran, daß jede Wissenschaft notwendig nur über eine be­grenzte Sichtweise verfügt: ‚Darauf kann man kein Weltbild gründen. Es kann nicht nur eine Sprache geben, die die Welt in­terpretiert‘“ [Michael Emmrich: Von guten, schlechten und neutralen Genen. Die Umwelt oder das Erbpro­gramm – Was macht den Mensch zum Men­schen? Ein alter Streit ist neu entbrannt. Frankfurter Rundschau, Nr. 182, 08.08.94, S. 3]

[20]   Wobei sich die »Ablehnungsfront« der Semiperipherien (Libyen, Iran, das Kambodscha in der Zeit der »Roten Khmer«, Teile Zentralafrikas) spiegelbildlich verhält zu eurozentrischen Abschottungstenden­zen in Europa (restriktive Fremdengesetze und Asylpolitik, »Wagenburg Europa«, »neuer Limes« (Jean Christophe Rufin: Das Reich und die neuen Barbaren. Berlin 1993 (Verlag Volk & Welt; frz.: L’Empire et les nouveaux barbares, 1991. – Vgl. auch die Anmerkungen zur Globalisierungsdis­kus­sion in Fußnote 15), Tendenzen der Fremdenfeindlichkeit und »Ausländerhaß« in der Bevölkerung) und entsprechenden politischen Tendenzen in den USA oder in Japan. – „Eine neue Grenzlinie zer­schneidet Europa. Anders als die alte des Eiser­nen Vorhangs ist es eine Barriere, die nicht mit Sta­cheldraht markiert wird. Sie besteht aus einem Dickicht von Gesetzen, die Handel und Grenzübertritte regeln; es ist eine Scheidelinie zwischen reich und arm; und es ist eine Spaltung, die über kulturel­le Symbole und Werte herbeigeführt wird. Die Regeln über Art und Verlauf der Grenze werden nahezu ausschließlich von den westlichen, wohl­habenden Staatsbürokratien des Kontinents bestimmt, auch wenn oft sogar die Existenz einer solchen Scheidelinie in Abrede gestellt wird. Diejenigen, welche durch die Grenze ausgeschlossen bleiben – die »draußen« im Gegen­satz zu »uns« sprechen die Ver­hältnisse hingegen klar an. Sie unterscheiden »Europa«, den verheißungsvollen, doch kaum noch er­reichbaren Kontinent, von den unübersichtlichen und unsiche­ren Orten, in denen sie leben. Diese Grenze ist längst ein Zaun, eine scharfe Linie geworden, die Zwischenbereiche und lose Über­gänge nicht zuläßt. Es geht nicht nur um eine poli­tisch-pragmatische Regulierung von »Zuwanderern« oder »Flüchtlingen«. Es entstand eine ideelle und, im übrigen, ihrem Wesen nach auf Gewalt und Aus­schließung basierende Grenze, die harte Dichotomien erzwingt, kompromißlose Gegenüber­stellungen von »drinnen« und »draußen«, von »erlaubt« und »verboten«, von denen, die über einen Wechsel auf die Zukunft verfügen, und jenen, die nun sehen müssen, wo sie bleiben... Europa - im Sinne von »die drinnen« – ist, so gesehen, ein Kontinent, der sich überhaupt erst über die Ausgeschlosse­nen definiert“ [Rüdiger Wischenbart: »Die« und »wir«: Europa grenzt sich ab. Festung Europa: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zerschneidet eine neue Trennlinie den Kon­tinent.  DIE ZEIT, Nr. 15, 8. April 1994, S. 48: »Themen der Zeit«].

[21]   Und als solcher sicher auch vordringliche Bildungsaufgabe des Politikunterrichts in den Schulen!

[22]   Der türkische Staat, der sich als in einer permanenten Krise befindlich begreift – folgt man den Dar­stellungen in den türki­schen Medien – und daher »Krisenlösungskonzepte« erörtert, die letztlich al­lein auf Machtstabilisierung und Wirtschafts­wachstum ausgerichtet sind an Stelle, eine grundlegende Einsicht in strukturelle und politische Defizite und Desintegrations­prozesse zu entwickeln, die zu po­sitiven Reintegrations- und Reformstrategien führen könnten. Das Unvermögen, aus der kurzsichtigen Krisenperspektive heraus zu treten, wird ideologisch kompensiert durch eine allgegenwärtige Bedro­hungsrhe­torik, wie sie typisch ist für die Stabilisierungsversuche machtschwacher Eliten und von Dis­funktion bedrohter staatlicher Institutionshierarchien und Funktionsträgern in peripheren und vor al­lem semiperipheren Räumen. Vgl. dazu den Vortrag von Hans-Heinrich Nolte über „Überforderung und Pathos: Intellektualisierungsformen und po­litische Kultur aus der Semi-Peripherie“ [Internationale Tagung »Brücken zwischen den Zivilisationen«, 4. und 5. Juli 1996 im Leibnitzhaus der Universität Hannover. Veranstaltet von der Forschungsgruppe ‚Migrantenprotest als Integrations­chance?‘ unter der Leitung von Prof. Dr. Peter R. Gleichmann] mit seinen aufschlußreichen Ausfüh­rungen zur Bedrohungs- und Errettungsrhetorik in Rußland und in Polen im 18. und 19. Jahrhundert, also in den damaligen Regionen der europäischen Peripherisierungspro­zesse. Bezeichnend ist auch die Beobachtung in der Türkei, daß die Floskel von der »Gefahr für die Nation« mit dem topos »der Türke steht allein auf der Welt und ist von Feinden umgeben« parallel geht und in maßlose Autono­mie- und Überlegen­heitsträume mündet. Entsprechendes ist auch in anderen peripheren Räumen in der Geschichte zu beobachten, wie im Deutschland der wilhelminischen Zeit mit seiner »Einkreisungsfurcht« oder in den Ideologien vom »Großserbentum« in der Bürgerkriegssituation im sich auflösenden Jugoslawien. Beide Beispiele zeigen aber auch, wie sehr sich diese ideologischen Versatzstücke bewußt politische funktionalisieren lassen. Der deutsche Nationalsozialismus ist dann das schreckliche Produkt einer solchen auf Machterhalt und Machtgewinn gerichteten ideologischen Funktionalisierung (vgl. auch Gerhard Voigt: Probleme der Nationalstaatsbildung und Modernisie­rung an der Peripherie Europas. Gesellschaftlich-historische Anmer­kungen zur Türkei. Siehe Fuß­note 17).

[23]   Hier ist die Globalisierungsdiskussion (vgl. Fußnote 15) in gleicher Weise zu führen wie in den übri­gen Industrieländern.

[24]   Vgl. Fußnote 20.

[25]   Damit werden auch die möglichen politischen Einordnungskriterien und damit die politischen Hand­lungsoptionen entdiffe­renziert und auf ein schlichtes Freund-Feind-Schema reduziert, was einer spie­gelbildlichen politischen Grundtendenz in den USA entgegenkommt (vgl. Fußnote 33), womit wieder­um selbstverstärkende Konfliktmuster oder, in psychologischer Termi­nologie, kaum zu lösende ›Double Bind‹ - Verknüpfungen hergestellt. Grundsätzlich ist aber hier festzuhalten, daß ›fun­da­men­talisische‹ Versuche der Komplexitätsreduktion gegenüber den beschriebenen komplexen gesell­schaftlichen Akze­le­ra­tio­nen, wie sie in der »Ablehnungsfront« der »Dritten Welt« und der islami­schen Staaten vorzufinden sind, prinzipiell eine ver­gleich­bare gesellschaftliche bzw. sozialpsycholo­gische Funktion übernehmen, wie die Krisendefinitionen in den In­du­strie­län­dern.

[26]   Vgl. die Disfunktionalität der kommunikativen „Resonanz“, die Niklas Luhmann in seiner Untersu­chung Ökologische Kommunikation: kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefähr­dungen einstellen? [Opladen 1986: S. 40 ff.] begründet.

[27]   „In der entwickelten Moderne... entsteht ein neuartiges »askriptives« Gefährdungsschicksal, aus dem es bei aller Leistung kein Entrinnen gibt...  Anders als Stände oder Klassenlagen steht es auch nicht unter dem Vorzeichen der Not, sondern unter dem Vorzeichen der Angst und ist gerade kein »traditionelles Relikt« sondern ein Produkt der Moderne, und zwar in ihrem höchsten Entwicklungs­stand... Gefahren werden zu blinden Passagieren des Normalkonsums. Sie reisen mit dem Wind und mit dem Wasser, stecken in allem und in jedem und passieren mit dem Lebensnotwendigsten – der Atemluft, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnungseinrichtung – alle sonst streng kontrollierten Schutzzonen der Moderne... In der Unvorstellbar­keit und Nichtwahrnehmbarkeit der Gefahr hat diese Restaktivität angesichts des real existierenden Restrisikos ihre wirkungs­vollsten Komplizen.“ [Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 1986. edi­tion suhrkamp 1365. S. 8, 10].

[28]   Gesellschaftlich und zivilisationstheoretisch ist dieser Prozeß der Entkoppelung von kollektiv über­mittelten Problemlösungs­mustern und Alltagskompetenzen im Umgang mit wahrgenommenen Bedro­hungen als Individualisierung einzuordnen, wie es ja auch Ulrich Beck ausführt [a.a.O., S. 205 ff.; vgl. Fußnote 27]

[29]   „Von kulturkonservativer Seite wird dagegen weniger der manipulative und repressive als der li­bertär-permissive Zug ent­wickelter Gesellschaften ins Auge gefaßt: In der prosperierenden Konsum­kultur, so wird beklagt, sei alles erlaubt; die Indivi­duen seien einem hemmungslosen Hedonismus er­legen und deshalb unfähig zu einer ethisch-moralischen Lebensführung. Die verschiedenen Formen der Kultur­kritik können sich auf mannigfaltige Evidenzen berufen: von den vergleichsweise harmlosen Erschei­nungen einer »narzißtischen Lifestyle-Pflege« und eines narkotisieren­den Alltagskonsums bis hin zu mehr oder minder verdeckten Psychopathologien, zur Flucht in den Drogen­kon­sum oder in die Ge­walt. Neben der Bedrohung oder der Zerstörung selbstbestimmter Lebensführung stehen jedoch Ent­wick­lungen, die einer autonomen Lebensgestaltung förder­lich sind, ohne diese freilich zu garantieren. Diese Tendenzen sind unter dem Stichwort »Individualisierung« diskutiert wor­den. Die Diagnose der Individualisie­rung geht davon aus, daß die Menschen heute dazu gezwungen sind, ihr Leben mehr und mehr selbst in die Hand zu nehmen. Die Erosion tradierter Verhaltensstandards und der Zerfall kol­lektiver Milieus lassen nor­mative und soziale Sicherheiten schwinden“ [Andreas Kuhlmann: Zivili­sation vor dem Zerfall? Verhaltensstandards und gesellschaftliche Erosion. Frankfurter Rundschau, Nr. 219, Dienstag, 21. September 1993, S. 12: Forum Humanwissen­schaften]. – „Höfische Ge­sellschaften sind fünftens hochstrukturierte, durch eine Spitze gegen Antistruktur gekenn­zeichnete Ordnungen. Sie grenzen sich nicht nur gegen die Volkskultur mit ihren vielfältigen Riten der Status­umkehrung, der Desakra­lisierung, der Inszenierung von Schwellen und Communitas­erfahrungen ab (Victor Turner), sondern suchen diese auszu­schalten, mindestens zu domestizieren. Ihr Idealbild ist die geometrische Ordnung, wie sie am besten durch die Barockgärten symbolisiert wird. Nicht so die moderne Gesellschaft: Sie treibt die Vereinseitigung der Funktionen so weit, daß sie immer wieder Gegenbewegun­gen hervorruft, die auf eine Befreiung des jeweils Ausgeschlossenen, Marginalisierten hinauswollen. Ihrem Bauprinzip entsprechend, bewältigt die moderne Gesellschaft die dadurch auf­geworfenen Probleme markt­förmig, durch Ausdifferenzierung von Teilmärkten für antistrukturelle Bedürfnisse. In ihnen findet der Aus­verkauf des andernorts nicht Lizensierten statt: des Ekstatischen; der Besessenheit, der charismatischen Verschmelzung, des pornographierten Begeh­rens. Mit der Rock- und Popmusik, dem Drogenspektrum (zu dem inzwischen auch die Gewalt zu gehören scheint) den opti­schen Medien ist die Antistruktur eine jeder­mann jederzeit zugängliche Sphäre geworden, die durch ihre spill-over-Effekte zu einer weitreichenden Verschmutzung der inne­ren Umwelt des Gesell­schaftssystems geführt hat und deshalb bei nicht wenigen das Bedürfnis nach einem großen Reini­gungsritual weckt. Mit Zivilisation im obengenannten Sinne hat freilich das eine so wenig zu tun wie das andere. Die Zivilisation, so wird man nach alledem sagen müssen, ist nicht bedroht. Sie ist schon vor­bei“ [Stefan Breuer: Jenseits der Zivilisation. Der adlige und der bürgerliche Tugendkanon müssen auseinandergehalten werden. Frankfurter Rundschau, Dienstag, 2. November 1993, Nr. 255, S.10: Forum Humanwissenschaften].

[30]   Es ist zumindest fragwürdig, ob in dieser Problemlage das postulierte Ziel des sozialen Lernens in der Schule – das letztlich interdisziplinär zu gelten hat – überhaupt noch Aussichten auf Erfolg hat oder haben kann, vor allem, da der »mainstream« vorwiegend (parteiunabhängig) konservativer Bildungs­vorstellungen der Kultuspolitik zu entgegengesetzten bildungspoliti­schen Strategien der Kognitivie­rung der Leistungsanforderungen, der zunehmenden Vorherrschaft ausleseorientierter Bil­dungskon­zepte – folgerichtig dem Ziel des Privilegienerhalts der herrschenden Eliten zuzuordnen! – führt und soziabilitätsori­entierte Reformvorstellungen zurückdrängt, was auch eine institutionellen Gefährdung der politik- und gesellschaftswissen­schaftlichen Unterrichtsfächer und zu einer Aushöhlung der Substanz der Politischen Bildung bedeutet.

[31]   Das läßt sowohl an die Charakteristiken des »Autoritären Charakters« von Theodor W. Adorno (u.a., Studien zum autoritä­ren Charakter, Frank­furt am Main 1973, S. 43-46) denken („›...Aberglaube und Stereotypie. Glaube an die mystische Be­stimmung des eigenen Schicksals; die Dis­po­sition, in rigiden Kategorien zu denken‹“ (Adorno, S. 45). „Er tritt oft auf bei Menschen mit gerin­ger Intelli­genz, doch nicht regelmäßig. Adorno und seine Mitarbeiter nehmen an, daß Aberglaube und ste­reoty­pes Denken außerdem noch Ich-Schwäche voraussetzen. ›Man darf unterstellen, daß die Menschen in der modernen Ge­sellschaft – selbst die im übrigen ‚intelligenten‘ oder ‚informierten‘ – deshalb zu primitiven, vereinfachen­den Erklärungen von Geschehnissen greifen, weil so viele der zu einer adäquaten Interpretati­on notwendi­gen Gedanken und Beobachtungen zu den Überlegungen nicht zu­gelassen werden, da sie affektiv besetzt sind und Angst erzeugen könnten; das schwache Ich ist nicht imstande, sie in sein Denk­schema aufzu­nehmen. Darüber hinaus werden wahrscheinlich jene Kräfte in den tieferen Schichten der Charakterstruk­tur, welche das Ich nicht zu integrieren vermag, auf die Au­ßenwelt projiziert und bilden so eine Quelle der bizarren Vorstellungen zum Verhalten der anderen und zur Ableitung von Ereignissen aus Naturgegeben­heiten‹ a.a.0., S. 55 f.“, zitiert aus Wilfried Gottschalch: Schülerkrisen. Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. Reinbek 1977, S. 35), als auch an heutige narzißtische Persönlichkeitsstrukturen (vgl. in einem Entwurf für den Un­terricht dazu Uta Schatteburg und Thomas Ziehe: Psychische Konflikte Jugendlicher in der Puber­tät. Pädagogische Arbeitsstelle Dortmund [pad] 1980, und Thomas Ziehe: Pubertät und Narzißmus. Frankfurt am Main, 1975); an irrationalen Moden, wie dem »UFO-Glauben«, läßt sich diese Anfäl­ligkeit in der gesellschaftlichen Kommunikation wie in der Umsetzung in den Kommunikations- und Unterhaltungsmedien leicht ablesen, was aber seinerseits wieder Prozesse der Bestätigung und der self-fulfilling prophecy in Gang setzt. („Die Hoffnung auf eine irdische Erlösung ist verschwunden, seit der Sozialismus sich als untaugliches Utopiemodell erwiesen hat. Gesell­schaftsordnungen verfal­len, gewaltige Umweltkatastrophen drohen. Es keimt die Ahnung, daß man in Zukunft nicht mehr wie gewohnt wird leben können. Die Angst ist wieder da – die Ufos schwirren noch immer durch die Köpfe, und sie sind erneut böse geworden. Sie werden gesichtet wie nie zuvor wohl kein Zufall, daß dies besonders in Belgien geschieht. Die Außerirdischen werden immer gleich beschrieben: klein, grau, mit großen Köpfen und schrägge­stellten Augen. [Wobei Skeptiker einwenden, daß der eine Ufomane vom anderen abschreibe]. Sie entfahren Menschen, nehmen an ihnen schmerzhafte medizini­sche Manipulationen vor, mißbrauchen sie gar sexuell – was auch in Emmerichs Film vorkommt. Amtliche Dementis helfen noch immer nichts: Die Mehrzahl der Amerikaner glaubt, daß ihre Regie­rung mehr über Ufos weiß, als sie zugibt, und viele sind fest davon überzeugt, daß 1947 bei Roswell in New Mexico ein außerirdischer Flug­körper abgestürzt ist, der sich jetzt in Gewahrsam der Luft­waffe befindet. Die Mißbrauchsde­batte, die Züge einer Massenpsychose angenommen hat, spielt dort sicher hinein, der Schauder vor gentechnischen Experi­menten auch. Aber das sind nur aktuelle Aus­schmückungen der Ufomanie. Tatsächlich spielt sich gegenwärtig eine giganti­sche Schwarze Messe ab: Luzifer tri­umphiert, die Engel treten als schwarzgewandete Todesboten auf. Und Hollywood weiß genau, warum es »Independence Day« gleich eine ganze Reihe weiterer Invasionsfilme wird folgen lassen. Emmerich glaubt nicht an Ufos, und er hat sicher recht damit. So es sie aber doch geben sollte und irgendwelche harmlosen Außerirdischen vorhaben sollten, uns einen freundlichen Guten-Tag-Be­such abzustatten, dann kann ihnen derzeit nur empfohlen werden, um die Erde einen weiten Bogen zu ma­chen. [Eckehard Böhm: Schwarze Engel. Die Ufos kommen. Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 226, Mittwoch, 256. September 1996, S. 1. – Leitartikel/Kommentar] ).

[32]   Dazu tragen sicherlich das herrschende marktwirtschaftliche Konkurrenzprinzip, die schon genannten Ausleseideologien und auch geglaubte innerweltliche Glücksversprechen – die politisch gut funktio­nalisierbar sind – bei, so das im eigentlichen phi­lisophisch-religiösen Sinne heute völlig mißverstan­dene Grundrecht des „persuit of happiness“ der US-amerikanischen Ver­fassung.

[33]   Ob man dabei an tatsächliche Krisenlösungskompetenzen der Regierungen Kohl, Reagan/Busch, Chi­raq oder Thatcher den­ken sollte oder an die Managementqualitäten deutscher ›Spitzenindustrieller‹, solange sie noch nicht wegen Wirtschaftsverge­hen vor Gericht stehen oder ihre Konzerne in die öko­nomische Krise gebracht haben, ist dabei ziemlich egal, aber dennoch für den politischen Zustand der Gesellschaft bezeichnend.

[34]   Für das Beispiel der DDR-Gesellschaft vgl. dazu die Studie von Wolfgang Engler: Die zivilisatori­schen Lücke. Versuche über den Staatssozialismus. Frankfurt am Main 1992, edition suhrkamp 1772. – Für Polen u.a. Lothar Nettelmann: Zur Abwehrhaltung der Menschen in Polen gegenüber dem Sozialismus. politik unterricht aktuell Heft 1/93, Hannover, Verband der Politiklehrer, S. 31-56.

[35]   Was das für ein Land der europäischen Peripherie, d.h. im weltweiten Maßstab: der Semiperipherien, der Türkei, bedeutet, ha­ben wir in zwei weiteren Aufsätzen versucht darzulegen: Gerhard Voigt: Südostanatolien als internationaler Konfliktherd – Ursachen und Perspektiven. politik unterricht aktuell Heft 1/95, Hannover, Verband der Politiklehrer, S. 14-27; und Ger­hard Voigt: Zur Geschich­te des türkischen Schulsystems. politik unterricht aktuell Heft 1/94, Hannover, Verband der Po­li­tik­leh­rer, S. 1-31. Vgl. auch Fußnote 17. – Für das korrespondierende Beispiel Polen vgl. u.a. Bronislaw Kortus: Wirt­schaft­lich-räumliche Wandlungsprozesse in Polen. politik unterricht aktuell Heft 1/93, Hannover, Verband der Politiklehrer, S. 11-16.

pua 1-2/1996

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1996 [ISBN 3-9804023-3-9]  Printausgabe vergriffen
"Zivilisationen"
Hannover, 1996. 94 S., A 5, kart.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)
Internetausgabe /
Internetseite / politik unterricht aktuell 1/1996 / Index / Netzpublikation 06.11.02 - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004 / 03.05.2010 / 07.08.2011

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