1. Vorbemerkungen
Die Zivilisierungsprozesse mittelosteuropäischer
Gesellschaften unterscheiden sich wesentlich von denen in Westeuropa.
Namentlich am Beispiel Frankreichs hat Norbert Elias die Theorie der
Zivilisation entwickelt.
Sie wurde u.a. von holländischen, britischen und deutschen Soziologen auf
Untersuchungen ihrer eigenen Ethnien angewandt,
später auf die Erforschung von Migrationsprozessen peripherer und
semiperipherer Regionen.
Anwendungen zivilisationstheoretischer Ansätze auf die österreichische
Gesellschaft sind ebenfalls erfolgt.
Verbunden damit ist das Denken in Figurationen.
Die Kernbereiche der Zivilisationstheorie lassen sich
über Stichworte wie Staatenbildungsprozeß,
Herausbildung des legitimen Monopols
physischer Gewalt sowie des Steuermonopols
erklären. Norbert Elias versteht die mit der Herausbildung des Staates als
Organisation von Gesellschaft genannten Phänomene als in langen Schüben
ablaufende Prozesse. Damit verbunden sind auf psychosozialer Ebene Prozesse von
Veränderungen der Verhaltensstandards: die Herausbildung individueller
Fähigkeiten zu Affektkontrollen, die
Veränderungen von Scham- und
Peinlichkeitsschwellen. Die entwickelte
Form der Zivilisierung ist die Fähigkeit zu
selbststeuerndem
Verhalten; auch die Fähigkeit zu langfristig geplanten Verhalten, zur
Langsicht.
Elias knüpft bezüglich des Staats- und Machtbegriffes
zweifellos an die maßgeblich von Max Weber geprägten Denkstile und -traditionen
an. Neuere Denkansätze zur – noch nicht geschriebenen Machttheorie –
formuliert z.B. Peter R. Gleichmann.
Ein Spezifikum zivilisationstheoretischer Betrachtungen,
zugleich ein Weiterdenken und –entwickeln, ist das Verhalten von Menschen
gegenüber Tötungsvorgängen.
Die Erhöhung der Hemmschwelle zu töten als Ausdruck hoher Affektkontrolle ist
in diesem Vorgang höchst möglicher Machtausübung Ausdruck eines hohen Grades
von Zivilisiertheit.
In den europäischen Gesellschaften ist insgesamt eine
Dissynchronisation konstatierbar, korrelierend mit den jeweils entsprechenden
europäischen innergesellschaftlichen Machtbalancen. Die Betrachtung der Zivilisierung
der polnischen Gesellschaft impliziert das Problem dissynchroner sozialer
Prozesse sowie Anachronismen. Die Frage nach dem Grad von Zivilisierung der
genannten Ethnien im Vergleich zu westeuropäischen, kann nicht in
vergleichendem Sinne gestellt werden. Die Deskription spezifischer Ansätze und
Erscheinungen ist aber möglich und sinnvoll. Die Problematik der Anwendung
zivilisationstheoretischer Ansätze – als Ausdruck eines soziohistorischen
Denkstiles – auf mittelosteuropäische Gesellschaften, enthält dabei implizit
das Problem der Inadäquanz notwendig zuzuordnender Ebenen. Dieses soll am
Beispiel der polnischen Gesellschaft skizziert werden.
Wie Elias dargelegt hat, ist die Abgrenzung der Begriffe
Kultur und Zivilisation ein typisches Phänomen der deutschen Geistesgeschichte,
das als Problem in Polen in dieser Form gar nicht vollzogen werden kann. Die
von Elias betonte politische Funktionalisierbarkeit – bezogen auf das 19.
Jahrhundert – ist kein Bestandteil des polnischen intellektuellen Habitus.
Die Begriffe
Kultur
und Zivilisation unterliegen
ebenfalls einem Prozeßcharakter. Dies gilt vor allem für die Zeit v. 18. – 20.
Jahrhundert. In der Gegenwart werden sie eher statisch dargestellt. In der
Gesellschaft bildet sich nur wenig Gefühl für soziale Dynamik heraus. Der
Kulturbegriff gewinnt in Deutschland erst im 18. Jahrhundert an Bedeutung. Die
Kultur wird von den aufsteigenden deutschen Mittelklasse-Eliten als Ausdruck
ihres Selbstbildes und ihrer Ideale adoptiert. Der Idealismus erfährt in der
deutschen Intelligenz einen relativ hohen Stellenwert. »Vielleicht war ihr
Denken hochfliegender und ihre Ausrichtung idealistischer als bei den entsprechenden
Gruppen im Westen, da ihre soziale Lage in einem relativ unterentwickelten Land
mit einer sehr exklusiven Oberschicht von Hofleuten und Adligen beengter war«.
In Analogie zu Polen kann die These abgeleitet werden,
daß je weniger entwickelt die soziale Lage, desto ausgeprägter die
Idealisierung ist. Für die polnische Nation bedeutet das, daß der sozio-ökonomischer
Abstieg idealistische Überhöhungen begünstigt.
In Deutschland blickten die mittelständischen
Intellektuellen mit Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft (S. 162).
Für die deutschen Intellektuellen war der soziale Fortschritt wichtig – man
vergleiche z.B. Schiller. Das Empfinden der deutschen Intelligenz, in einem
fortgeschrittenen und fortschreitenden Zeitalter zu leben, war eine Weile fast
ebenso stark wie das der aufsteigenden Mittelklassen-Intelligenz in anderen
europäischen Gesellschaften. (S.162) Die deutsche Gesellschaft ist geprägt
durch ein aufstiegsorientiertes Bürgertum. Für Polen gilt das Prinzip des
Wiederaufstiegs der Nation im Sinne einer Rückgewinnung von Bedeutung, von
psychosozialen Anerkennung durch die westeuropäischen Machteliten,
insbesondere Wiedererlangung der Macht. Verbunden waren damit auch
Restitutionsforderungen nach enteignetem Besitz.
Kulturgeschichte ist als Konkurrenz der politischen
Geschichte zu verstehen. Die Begriffe ›Kultur‹ und ›Zivilisation‹ hängen mit
dem Wir-Bild zusammen. Sie spiegeln den entwicklungsbezogenen (prozessualen)
und dynamischen Charakter ihrer Einstellungen und Glaubensaxiome wieder. Die
politische Geschichte ist in Deutschland geprägt durch den Adel als Träger der
Machteliten, in Polen durch den entmachteten Adel. Dort dominiert die
Nationalgeschichte als politische Geschichte. Man benutzt die Kultur als historische
Darstellungen in Romanen als ›moralischen Ersatz‹ für (politisch erfolglose)
Nationsgeschichte.
Wie im 19. Jahrhundert in Deutschland die Gefühle der
Demütigung der Mittelklasse-Eliten die Entwicklung der Kultur zur Folge hatte,
Gefühle von Freiheit und Stolz, gilt für Polen entsprechendes für die Nationseliten.
Während in Deutschland die Nation als verbindendes gemeinsames Idealbild der
Mittelklasse-Eliten gilt, das über Kultur erzeugt wird, stellt für den Adel in
Deutschland die Nation diesen selbst dar. Er reproduziert das Prinzip der
Höflichkeit als ziviles Verhalten.
»Für viele Angehörige der gebildeten deutschen
Mittelklasse bedeutete die ›Kultur‹ weiterhin einen Raum des Rückzugs und der
Freiheit von den drückenden Zwängen eines Staates, der sie, im Vergleich zu dem
privilegierten Adel, als Bürger zweiten Ranges behandelte und ihnen den Zugang
zu den meisten seiner Führungspositionen und zu den Verantwortungen, der
Macht, dem Prestige, die damit verknüpft waren, verweigerte. Der Rückzug in den
apolitischen Bereich der Kultur erlaubte es ihnen, eine Haltung der Reserve,
und oft einer sehr kritischen Reserve, gegenüber der bestehenden Gesellschaftsordnung
zu wahren, ohne sich dem Regime aktiv zu widersetzen und einen offenen
Konflikt mit seinen Repräsentanten einzugehen.
In Polen hat in der Teilungszeit diese Rolle der Adel inne.
Für die Phase der Volksrepublik Polen kann festgestellt
werden, daß die nichtkommunistischen Segmente der polnischen Gesellschaft sich
deutlich über ihre Hinwendung zur Kultur vom Sozialismus abgrenzten. Andererseits
versuchte dieser über die Kultur sein Idealbild von der Verschmelzung der
Gesellschaft zu erreichen. Das Paradoxon besteht nun darin, daß die Gegner
des Sozialismus die vom sozialistischen Staat zu Verfügung gestellten Nischen
besetzten. Ihre Enttäuschung war groß, als nach der Wende die Subventionierung
der Kultur sehr stark reduziert wurde.
Die innergesellschaftlichen Identifikationsprozesse mit
der polnischen Nation – die Nationsbildung selbst – unterliegen spezifischen,
sich von dem in den genannten westeuropäischen Gesellschaften abhebenden
Paradigmen. Die polnische Gesellschaft als Ethnie, die Herausbildung sowie der
Erhalt der Nation, stellt eine Besonderheit europäischer Gesellschaftsentwicklung
dar. Aus dem genannten Zusammenhang resultierten die Facetten antistaatlichen
Verhaltens in den nach 1919 bzw. 1944 neu induzierten Staatsbildungen.
In der Phase der Fremdherrschaft und Okkupation entstand
ein gegen die ausgeübte physische Gewalt der institutionellen Macht fremder
Staaten gerichteter Ethos des Widerstandskampfes. Er schließt die moralischen
Legitimation des Tötens zum Ziele des Nationserhalts ein. Affektregulierungen
fremdbeherrschter und unterdrückter Figurationen sind funktional verbunden mit
dem Aspekt der Sicherstellung des Überlebens der eigenen Ethnie. Spezielle
Rituale im gesellschaftlichen Umgang können die Folge sein und sich in Formen
des Höflichkeitsverhaltens ausdrücken.
Eine entsprechende Habitualisierung – bezogen auf die
polnische Gesellschaft – zeigt sich in prinzipiell antistaatlichem Verhalten.
Dies war in der damaligen Volksrepublik Polen, die den Anspruch des Staates
erhob, Träger und Exekutor legitimer Macht zu sein, der ›Staatsmacht‹ entgegengerichtet
und hat die Auswirkungen der Machtausübung relativiert und abmildert. Mit dem
Offenkundigwerden der Minderung eben dieser Macht beginnt – insbesondere auf
der Symbolebene – die Gegenentwicklung. Es gab in der neuzeitlichen
Geschichte Polens nicht die Voraussetzungen, sich gegen – illegitime – Gewalttaten
des eigenen Staates zu wenden.
Das Erlernen von Affektsteuerung und -beherrschung
erfolgte in der Adelsgesellschaft nicht als Selbstzwang gegenüber dem an
Macht gewinnenden Zentrum. Die Herausbildung eines entsprechenden Monopols
erfolgte nicht.
In der polnischen Gesellschaft liegt in der
Industriearbeiterschaft gegenüber dem bäuerlichen Milieu eine
Phasenverschiebung im Entwicklungsprozess vor. Ein großer Teil der ›neuen‹ Industriearbeiterschaft
Polens, insbesondere der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration befindet
sich in einer Übergangsphase, verbunden mit einer spezifischen psychosozialen
Spannungssituation. Die durch die nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt
durchgesetzte industrielle
Produktionsweise, die den Übergang zu Modernisierungsprozessen
westlicher Gesellschaften nicht nachvollziehen konnte, bedingte Lebens‑
und Arbeitssituationen, die nicht mit der mentalen Situation der polnischen
Gesellschaft korrelliert. Die polnische Gesellschaft ist in hohem Maße an tradierten
Habitusformen orientiert. Ein Paradigmenwechsel ist noch nicht vollzogen.
Es wäre sehr fruchtbar, das Verhalten der polnischen,
tschechisch-slowakischen, der ungarischen, auch der rumänischen und
bulgarischen Gesellschaft unter der Fragestellung der Reproduktion historisch
gewachsener Ausformungen der Verhaltensweisen zu erforschen und gegebenenfalls
nationstypische Habitusformen herauszuarbeiten. Dieses könnte auch unter dem
Aspekt spezifischer figurativer Überlebenstechniken in der Phase
kommunistischer Machtmonopole geschehen.
Kollektive Affektkontrollen, so beim ersten Papstbesuch
1979 in Polen, wie auch kollektives wie individuelles öffentliches
Ausdrücken von Gefühlen z.B. in den verschiedenen Phasen des gesellschaftlichen
Komplex (1956, ’68, ’70, ’76 und ’80/81), zeigen dieses.
Eine Phasenverschiebung gegenüber westeuropäischen
Entwicklungsprozessen ist in Bereichen der Abwendung vom Militärischen zum
Zivilen zu erkennen. Man denkt weiterhin in nennenswertem Maße in militärischen
Kategorien, z.B. davon, ›Vorhut bzw. Bollwerk des christlichen Abendlandes‹
(Lech Walesa) zu sein. Der Einsatz polnischer Soldaten in Krisenzonen steht in
der Nation außer Zweifel.
Versuche einer Anwendung zivilisationstheoretischer
Aspekte auf die polnische Gesellschaft können bezüglich mehrerer Ansätze
geschehen. Als historischer Rückblick bietet sich die Phase der religiösen
Toleranz in der Adelsgesellschaft des 15. und 16. Jahrhunderts an. Die
Fragestellung wäre, inwieweit die Duldung Fremder Ausdruck sein kann von in
der eigenen Gesellschaft ablaufendem friedlichen, d.h. keine Gewalttaten
einschließenden Verkehrsverhalten.
Eine weitere Frage wäre, inwieweit die Teilungszeit,
beginnend 1772 und endend 1919, auf psychosozialer Ebene die Herausbildung
zivilisatorischer Standards herbeiführte. Dabei ist die innergesellschaftliche
Habitualisierung abzusetzen von an Gewalttaten armen Phasen als Ausdruck von
Machtarmut der Eliten dieser Gesellschaft mit Phasen von Versuchen, mit
physischen Machtmitteln das Machtmonopol zurückzuerlangen – symbolisiert durch
den Kampf um die Restitution des Staates.
In diesem Kontext ist die Phase der Nachkriegszeit in der
VR Polen zu verstehen. Die Fragestellung muß in diesem Zusammenhang lauten,
inwieweit die spezifischen Bedingungen des polnischen Realsozialismus den Prozeß
der Zivilisierung gefördert oder gehemmt haben oder auch wirkungsneutral
geblieben sind. Formulierungen wie ›kommunistische Machtausübung‹ sind dabei
zu vermeiden.
Eine Primärbedingung des Zivilisationsprozesses ist in
der VR Polen erfüllt: der das physische
Gewaltmonopol beanspruchende und durchsetzende Staat. Die Ausbildung des
Steuermonopols ist zu relativieren für
einen Staat, der über keine klaren haushaltsrechtlichen Prinzipien verfügt und
Steuern wie Subventionen nur begrenzt als solche erkennbar werden ließ.
Die Auswirkungen auf psychosozialer Ebene bedürfen
längerer differenzierter Untersuchungen. Es ist gegenwärtig feststellbar, daß
soziologische Untersuchungen in Polen über diesen Forschungsgegenstand nur in
Ansätzen erfolgen. Die Sozialwissenschaften haben sich seit 1990 in hohem Maße
in den Dienstleistungssektor der Sozialtechniken verlagert.
Generell kann von der These ausgegangen werden, daß in
den neunziger Jahren die Endpunkte mehrerer Entwicklungsströme zusammengeführt
worden sind und in Modernisierungsprozesse einmünden, ohne daß die
langfristigen Wirkungen von in der Vergangenheit angelegten Prozesse
abgeschlossen sowie bewußt gemacht und verarbeitet geworden sind.
In diesem Zusammenhang ist auf den Aufsatz von Piotr
Sztomka hinzuweisen.
Sztompka stellt die Problematik des Übergangs von der kommunistischen zur
post-kommunistischen Ära dar und reflektiert die hemmenden Paradigmen, das
Erbe der vormodernen Vergangenheit, die Scheinmodernität des Realsozialismus
auf dem Wege zur Modernität, zusammengefaßt unter dem Begriff der
›zivilisatorischen Inkompetenz‹. »The viciuos effect of these complex
historical influences is described by the concept of ›civilizational incompetence‹
comprising deficiencies in: a) entrepreneurial culture, b) civic or political
culture, c) discourse culture and d) everyday culture.« (S. 85)
2. Zum Prozess der Zivilisierung in Polen und der DDR
Als besonderes Spezifikum kann ein Vergleich zur
DDR-Gesellschaft betrachtet werden sowie die mit der Bildung der Solidarnosc
verbundenen Phase von 1980/81.
In Polen hat eine mit der DDR vergleichbare psychische
Deformation
nicht stattgefunden. Die Verarbeitung der Systemwidersprüche der
sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung, die in der DDR vor allem individualistisch
durch Internalisierungsprozesse verarbeitet wurde ['psychische Deformation'],
wurde in Polen auf die Ebene des Sozial- und Alltagsverhaltens verschoben, in
der Systemwidersprüche als – in der polnischen Geschichte als
Verhaltensunterschiede – mehrdeutige, inkonsequente und widersprüchliche
Verhaltens ... neben und übereinander umgesetzt wurden.
Schutzmechanismen gegenüber Deformationen bestanden:
- durch den dominierenden Glauben bzw. das gegen
den Marxismus-Leninismus als atheistische Staatsdoktrin gerichtete Glaubenssystem
des Katholizismus.
- eine aus der Geschichte der Untergrund- bzw.
der Widerstandsgesellschaft resultierende, verinnerlichte, bzw. als
Selbstzwang
erfolgende Abwehrhaltung, eine 'psychosoziale Resistenz'. Diese war u.a. gegen
den Versuch der Indoktrination anderer Überzeugungen gerichtet.
- das Verhalten zwischen Katholizismus und
Gesellschaft: Die Repräsentation, Leitung und Machtzentrum sind außernational
und außerstaatlich angeordnet. Die niederen Vertreter des Klerus haben
demgegenüber einen hohen Integrationsgrad in die Gesellschaft, die insgesamt
mit der etablierten Glaubensgemeinschaft in hohem Maße interdependent
verbunden ist.
Die polnische Gesellschaft steht im Gegensatz zum
(deutschen) Protestantismus und seinen traditionellen obrigkeitsstaatsbezogen
Entwicklungen. Diese finden in Polen keine Entsprechung. Der Widerstandskampf
der polnischen Nation ist im konkreten Fall bezogen auf die siebziger und
achtziger Jahre auch als Emanzipationsbewegung der (katholischen) Arbeiter zu
verstehen. Die Arbeiterbewegung fand dagegen in Deutschland bis über die
Zeit des Zweiten Weltkrieges hinaus kaum eine positive Resonanz in Kirche und
Klerus. Austrittsbewegungen waren die Folge. In besonderem Maße gilt dies für
die DDR.
Aufgrund der historisch gewachsenen Funktion ihres
Selbstverständnisses konnte die Kirche in diesem deutschen Nachkriegssystem
der DDR, einer doppelten Wechselwirkung: Kirche – Staat sowie Kirche –
Gesellschaft, nicht Bündnis oder gar stabilisierender Faktor für Industriearbeiter
sein. Eine erhebliche Entmachtung, u.a. bedingt durch Austritte und die
Abschaffung der Kirchensteuer, haben dazu beigetragen. In der DDR hat sich ein
Teil der Arbeiter zweifellos mit der kommunistischen Führung und der SED
identifiziert bzw. glaubte, durch diese vertreten zu werden und seine
Interessen gewahrt. Der andere Teil konnte nicht entgegen diese Figuration
Unterstützung von Kirche und Klerus erfahren. Vergleichbare Voraussetzungen waren
also nicht gegben.
In Polen war diese innergesellschaftliche Identität
vorhanden. Sie wurde mit wachsendem Unmut der Arbeiter und Werktätigen
aktiver, wirkungsvoller und letztlich dominant. Dadurch wurde einer entsprechende
psychosoziale Deformation in Ansätzen begegnet. Eine andere Ebene stellte die
Form von Sozialpathologie dar, die außerhalb dieser Wechselwirkungsebene
liegen, d.h. sie ist nicht dem machtspezifischen Interdependenzgeflecht
Kirche - Gesellschaft zuzuordnen.
Die polnische Gesellschaft hat die Deformationsprozesse
›abgepuffert‹. Ihre Habitusentwicklung blieb relativ stabil. Ein Problem ist
die Dominanz wunschzentrierter Selbstbilder und ihre Reproduktion und Verinnerlichung
sowie ihre Instrumentalisierung. Den Versuchen, durch Fremdzwänge
bestimmte Selbstzwänge durchzusetzen, standen tradierte stabile
verinnerlichte, aber auch selbststeuerungsdominierte Mechanismen gegenüber.
Der zivilisatorische Kernprozeß, die Herausbildung des
Gewalt‑ wie auch des
Steuermonopols durch den Staat, ist in
der DDR erfolgt,
nicht aber dessen für moderen Gesellschaften wesentlicher Teil, die
gesellschaftliche Kontrolle. In Polen
bildeten sich Ersatzmechanismen durch Nutzung tradierter Machtquellen im
›Untergrund‹ heraus und die Kirche behauptete autonome gesellschaftliche
Bereiche. Sie hatte die Funktion eines ›Über-Staates‹ bis hin zur Ausübung
separater gesellschaftlicher Verwaltungs- bzw. Organisationsaufgaben.
Die Folge war, daß die Verhaltenszivilisierung in Polen
nur bis zu einem – empirisch nicht bestimmbaren – Grenzwert
fremdzwangdominierten Mustern folgt. Man spricht generell von einer
Gesellschaft der ›Halbheiten‹.
In der stalinisierten Idustriearbeiterschaft, die z.B. aus städtischer,
verarmter Randbevölkerung und aus ländlichen Tagelöhnern hervorgegangen ist,
kann man sagen, daß sie möglicherweise deshalb gegenüber dem neuen Staat loyal
waren. Diese Gruppen stiegen nach dem Kriege in der Partei auf. Sie wurden
bevorzugt in die Polizei etc. übernommen.
Man sah sie seitens der Partei als ›Unterdrückte der Feudalgesellschaft‹ an.
Für die Mehrheit der Bevölkerung galt diese Einschätzung nicht. Es gab in der
Gesellschaft opportunistische Anpassungsmechanismen. Dies aber ist ein
verbreitetes Problem aller Gesellschaften.
Das ›Bündnis zwischen Intellektuellen und Arbeitern‹ in
der Solidarnosc war in seiner Wechselbeziehung Ausdruck zeitlich begrenzter
Loyalität. Die Solidarnosc war ein strategisches Zweckbündnis, bestehend aus
der hoch zu differenzierende Intelligenz und den Werktätigen, die ebenfalls
unterschiedliche Segmente der Gesellschaft abdeckten. Es handelte sich nicht
um eine ›Solidarität‹ im Sinne eines langfristig beobachtbaren Phänomens.
Die polnische Gesellschaft hatte bereits spezifische
Probleme erfahren und bewältigt. Die Menschen in Polen standen nicht in
vergleichbarer Weise vor den Problemen, in einer autoritär verfaßten Mangelgesellschaft
für den Preis psychischer Deformationen Überlebensmechanismen zu entwickeln.
Vergleichende Ansätze bezüglich den westeuropäischen Gesellschaften und ihren
›Saturierungsproblemen‹, sind kaum möglich, zumal wenn sie eine Wertungstendenz
aufweisen. Man war in Polen z.B. nicht ›gehorsam‹. Es galt niemals das Prinzip
der ›Pflichterfüllung‹.
Fremdzwäng sind als nationales Ziel nur sehr begrenzt durchsetzbar, abhängig
vom Grad des jeweiligen äußeren Zwanges. Sie bewirkten deshalb in der Regel
ein hohes Maß an entgegengerichteten Selbststeuerungsmechanismen im
nationalen Konsens.
Folgen der Reduktion des Zivilisationsprozesses auf den
Kernprozeß waren, daß der Staat wie eine Besatzungsmacht empfunden wurde.
Belehrungsversuche (Propaganda) rufen keine nachfolgende gesellschaftliche
Achtung oder gar Umsetzung hervor sondern erzeugen Nichtbeachtung bis hin zur
Antihaltung verbunden mit einer Feindfixierung.
Es liegen fremdzwangdominierte Verhaltensmuster vor. Sie
sind nur dort (scheinbar) stabil, wo man das Herrschaftsmuster akzeptiert z.B.
wegen persönlich empfangenner Versorgungsleistungen (S.55). In Polen hat man
sich die überflüssigen Zwänge nicht ›auferlegt‹, man hat sie als ›Ritual‹;
Pflichtübung zeitweilig notgedrungen akzeptiert. Fremdzwangmechanismen wurden
in Polen als temporäre Zwänge begriffen und erduldet.
In der DDR hatten sie eine Wirkung als langzeitig und
nicht als begrenzt eingeschätzte Zwänge. Deshalb erfolgten in der DDR
wesentlich stärkere Verinnerlichungen, in Polen nicht. Die Wirkungen in der
DDR 1989 war ein Schock. In Polen dagegen bedeutete die Bildung der Solidarnosc-Regierung
1989 Erleichterung und Hoffnung.
Die DDR-Gesellschaft zeichnete sich durch erhebliches
Nichtwissen aus bezüglich der Bereiche außerhalb des durch den Staat gesetzten
Rahmens aus.
In Polen befand man sich in der Gewißheit, daß der reale Sozialismus eine
temporäre Erscheinung sei. Es handelte sich um die Umsetzung einer Überzeugung,
wenn nicht gar einer Glaubensgewißheit, die aus historisch-mystischem
Zusammenhang resultiert. Eine idelle Anknüpfung an die Messias- bzw. Opferrolle
ist im Ansatz zu konstatieren. Man schöpft daraus seine die Überlebensstärke.
Partei und Staat partizipieren vom ›Akzeptanzkredit‹
seitens der Arbeiter bis etwa 1976, dann deutlich abnehmend bis 1979. Die
Loyalitätsverluste entstanden wesentlich als Folge der sich verschlechternden
Versorgung. »Die staatssozialistischen Gesellschaften existierten und niemand
wußte, wie lange. Erst wenn man den Tatbestand des Nichtwissens berücksichtigt,
vermag man ein realistisches Bild von den Distanzierungschancen aber auch
grenzen zeichnen. Per Existenz bezog der Staatssozialismus einen Akzeptanzkredit
seitens all derer, die ihm nicht den Rücken gekehrt hatten.«
Die Frage möglicher Triebunterdrückungen muß an anderem
Ort untersucht werden. Englers Ansatz, der Gegensätzlichkeit von
›fremdzwangdominierter‹ und ›reflexiver‹ Steuerung (S.54) kann aufgrund des
spezifischen (historischen) Zivilisationsprozesses der polnischen Gesellschaft
nicht angewandt werden. Die anerkannten Zivilisationsinstanzen (Staat) fehlen
oder werden machtschwächer. Deshalb hat die Kirche einen höheren Stellenwert.
Insgesamt kann in Polen eine Balance zw. fremdzwangs- und selbststeuerungsdominanter
Zivilisierungsmustern zugunsten letzteren konzediert werden, da eine
permanente Abwehrhaltung gegenüber dem Fremden besteht.
Eine Chance zu reflexiver Zivilisierung ist in Bezug zu ›rationalem‹ Denken
potentiell gegeben. Andererseits wirkt die Tendenz zur
›Überindividualisierung‹. Die selbststeuerungsdominierte Zivilisierung
entwickelt sich in Richtung eines zunehmenden Einbaus ›narzistischer‹ Wir-schwächender
Ich-Ideale. Untersuchungen der Wechselbeziehung zwischen Über‑ und
Unterzivilisierung können für die polnische Gesellschaft im gegebenen
Zusammenhang nicht vertieft werden.
Die Ereignisse des Jahres 1980 zeigen, daß die
Industriearbeiterschaft über den sozialistischen Versorgungsstaat über
positive Erfahrungen verfügte. Egalitaristische Parolen, wie ›vom Ich zum Wir‹
sind faktisch nie in entsprechende Selbstzwänge umgesetzt worden.
Charakteristisch ist, daß auf der Basis
zurückliegender Habitusentwicklung als DDR-spezifisch eine Identifizierung
mit Überlebenseinheiten Staat erfolgte, in Polen eine in gleicher Ebene
liegende Antihaltung, dort aber eine dominierende Identifizierung mit der
Überlebenseinheit Nation. Wenn die DDR – verbunden mit krampfhaften Versuchen
seitens der Machthabenden – über den Staat definiert wurde, dann war die polnische
Gesellschaft bereits per se über die Nation definiert.
3. Zivilisierungsprozesse aufgrund der Ereignisse von 1980 sowie der
Gründung der Solidarnosc.
Man wußte im Sommer 1980, daß sich jeder in dieser
gesellschaftlichen Auseinandersetzung äußerst diszipliniert verhalten mußte,
daß man aufgrund der Erfahrungen von 1970 oder der ungarischen Erfahrungen
von 1956 keine Gewalt ausüben durfte. Es gab 1980 sehr viele spontane Proteste,
kleinere Streiks. Eine sehr bedeutende Rolle hatte die Bildung der
innerbetrieblichen Streikkomitees. Sie gehen auf Initiativen der Berater
zurück. Dieses Muster der Streiklenkung bewirkte eine Kontrolle der Streikenden
sowie der potentiell streikenden Arbeiter. Die Belegschaften der Betriebe
mußten sich bei der zentralen Streikleitung melden, wenn sie z.B. mit dem Ziel,
einen Betriebsdirektor abzulösen, einen Streik beabsichtigten. Man versuchte
dann soweit möglich, diese Ziele durch entsprechende Methoden, Verhandlungen
mit der Regierung oder über die Presse, zu lösen. Dadurch wurden spontane
Prozesse zwar nicht verhindert, aber in wichtigen Ansätzen kanalisiert.
Man nahm in mehreren Sektionen die Werktätigen aller
Bereiche, auch die Studenten und Rentner sowie später die Bauern auf – mit dem
Ziel der Steuerungs- und Disziplinierungsmöglichkeit. Dies kann als partieller
und sektoraler Zivilisierungsschub angesehen werden.
Ein weiterer Zivilisierungsschub zeigt sich im Verhalten bei öffentlichen
Diskussionen in Betrieben oder auch der Universität.
Über Gruppendruck werden Affektkontrollen erreicht. Es handelte sich um eine
Zivilisierung des Verhaltens im gesellschaftlich-politischen Bereich.
In ersten Aufsätzen über die Solidarnosc wird versucht,
die ›civil society‹ mit der Solidarnosc-Bewegung zu verknüpfen. »Dem Staat
ist es nicht gelungen ... die ›civil society‹ wirklich aufzulösen«, die
Solidarnosc-Bewegung, so intellektuelle Dissidenten, sei Ausdruck der
Existenz und der Vitalität der ›civil society‹.«
Das Problem besteht aber darin, daß mit dem Begriff ›civil society‹ »oder
›Zivilgesellschaft‹ jene gesellschaftlichen Beziehungen zu kennzeichnen
(sind), die mit der Übewindung des Kapitalismus keineswegs abzuschaffen,
sondern positiv in einer ›civil society‹ aufzuheben sind.«
die Zivilgesellschaft kann damit nicht als ein genuiner Begriff verstanden
werden. Er unterliegt individuellen Definitionskriterien, d.h. er ist abhängig
vom Denkstil wie auch dem meinungsspezifischen Standort des Betrachters, seinem
Denkmilieu.
Für den Verfasser bedeutetet dies, daß er sich wesentlich am Elias'schen
Begriff der Zivilgesellschaft orientiert.
Soziale Rechte wurden über den Sozialismus eingeführt.
Die politische Betätigung im demokratisch-emanzipativen Sinne wurde
wesentlich 1980 durchgesetzt. In den achtziger Jahren wurde in der Phase der
gesellschaftlichen Agonie dieser Prozeß in gewisser Weise eingefroren, aber
nicht aufgehoben. Die Bürgergesellschaft beginnt sich seit 1989 langsam
herauszubilden. Ein Problem ist die staatsbürgerliche Kompetenz der
Zivilgesellschaft, das Wissen über die Mechanismen des demokratisch verfaßten
Rechtsstaates. Das Spannungsniveau steigt jeweils in der Übergangsphase
temporär an.
Ein Parallelbeispiel ist die Ostpolitik der
Bundesrepublik, getragen von der sozial-liberalen Koalition. Über die sog.
wirtschaftliche Öffnung erfolgten zunächst offizielle Kontakte, aus denen sich
umfangreiche soziale soziale Kontakte entwickelten. Es erfolgte die
Durchsetzung der Öffnung im ökonomischen wie gesellschaftlichen Bereich.
Die Folge waren Forderungen nach politischen Reformen sowie der Herausbildung
des demokratisch verfaßten Staates.
Als These kann formuliert werden: Man knüpft in Polen an
die alte Adelstradition der Gleichen an. Man akzeptiert sich gegenseitig als
gleichberechtigt und damit in der Abstimmung. Es gab den Konsens, das ›nie
poswalam‹
anzuerkennen. Damit knüpft der Zivilisationsschub der Solidarnosc-Bewegung an
diese demokratische Tradition an.
Man zeigt in der kurzen Phase des August 1980 ein
hochgradig disziplines und damit ziviles Verhalten, eine deutlich erkennbare
Affektkontrolle in diesem hstorischen Moment. Nachdem die Entscheidung der
Bildung der Solidarnosc durchgesetzt war, konnte man sich schwerlich auf ein
Progamm einigen. Die Affektkontrollen bezogen ich auf die entscheidende
Kampfphase.
Diese Phase wird gegenwärtig mythologisiert, vergleichbar mit der Mythologisierung
der Aufstände. Auch in den Aufständen hat man ein hohes Maß von Selbstkontrolle
und Disziplinierung entwickelt. Das Alltagsverhalten weicht davon ab. Die
Verknüpfung des Vorbilds mit dem gegensätzlichen konkreten Verhalten, die
Überlagerung der Widersprüchlichkeit ist ein charakteristisches Paradoxon.
Das System selbst hat die Solidarnosc als große
Figuration gegebenenfalls im Sinne der Vorstellung entgegengesetzter Lager.
Seit 1980 hat sich die Streitkultur verändert, die Affektbesetzung hat sich
verringert. Der Zivilisierungsschub wurde hervorgerufen durch die Zwänge und
Tendenzen zum Pluralismus (innerhalb der Solidarnosc) zum Auspendeln von neuen
Machtbalancen. 1989 wäre ohne 1980 nicht möglich. Den Zivilisierungsprozeß
kann man auch bei den Linken, bei den Linksparteien, z.B. bei der SLD
beobachten. Man bedient sich auch eines modernen Habitus.
Ein aktuelles Problem der Herausbildung der
Zivilgesellschaft zeigt sich im Alltagsverhalten von Betrieben, Behörden oder auch
im Bildungssystem. Die Kolleg(-innen) dort glauben nicht, daß sich der Aufwand
lohnt, ›von unten‹ etwas durchsetzen zu wollen: Man benötigt die Genehmigung
›von oben‹. Wenn diese zumindest signalisiert ist, dann erst wird man aktiv
und improvisiert gegebenenfalls. Man glaubt also nicht, daß man so stark ist,
von ›unten‹ etwas durchzusetzen. Eine Position ist, daß man nicht die Energie
aufwenden möchte, sich in einem vergeblichen Versuch durchzusetzen zu
versuchen. Anderseits befürchten die Vorgesetzten um Machtverluste, wenn
Rangniedere sich in selbständigen Verhalten durchsetzen. Sie wollen verhindern,
daß man von ›unten‹ in ihren Machtbereich eindringt.
Es gibt einen speziellen Zivilisationsprozeß unter
Bedingungen nicht- bzw.
antistaatlichen Verhaltens in – heute –
semiperipheren Gesellschaften Ost-Mitteleuropas.
Als Beispiel dafür können die ›freiwilligen‹
Selbstdisziplinierungsprozesse in Polen z.B. beim Papstbesuch 1979 und vor
allem während der kritischen Streikphasen der Jahre 1980/81 und während des
Kriegszustandes 1982 gelten. Sie stellten Vorgänge innerfigurativer
Selbstkontrollen dar und drückten sich u.a. in Selbstverzicht, insbesondere
auf Alkohol aus.
Ein generelles Problem ist nach Auffassung des Verfassers
der ›westlich‹ erscheinende Denkansatz Elias', eine Sichtweise, die sich in
den mehr oder weniger entwickelten westeuropäischen Staatsgesellschaften
herausbildete, zu denen er andererseits selbst ein angemessenes und feines
Distanzierungsverhalten entwickelt hat. Die Frage, warum Elias z.B. mittelosteuropäische
Gesellschaften – die er zweifellos exzellent kennt – wie auch zu
grundsätzlichen Fragen der Religiosität sowie der Rolle der
Religionsgemeinschaften, nicht oder nur in sehr geringem Maße in sein Denken
einbezieht, muß an anderem Ort reflektiert werden.
Eine neue Erwägung wäre, die Gesamtproblematik unter die
Fragestellung von Modernisierungsprozessen
zu subsumieren. Der Verfasser will dabei nicht verhehlen, daß er diesem
Ansatz mit erhöhter prinzipieller Distanz gegenübersteht. Der Grundsatz, die
Rolle des Staates in Interdependenz zur Modernisierung zu reflektieren und
theoretisch abzubilden, muß dabei erhalten bleiben. Eine von historischen
Zusammenhängen ausgehende Betrachtungsweise kann und darf dabei den
Staat an sich – so die grundsätzliche
Auffassung des Verfassers – nicht nicht aus der Betrachtung ausblenden.
Es würde sich um eine Synthese des
zivilisationstheoretischen Ansatzes handeln, basierend auf gesellschaftshistorischem
Denken, weitergedacht und verknüpft mit modernisierungstheoretischen Ansätze,
die ihrerseits primär gegenwartsbezogen und wesentlich ökonomisch bestimmt
sind. Brunon Synak versteht den Wechsel von der ›state society‹ zur ›civil
society‹ wesentlich als Folge einschließlich seiner Definition über einen
sozio-ökonomischen Prozeß: »The transition from the economiy to market economy
entails progressive structural changes in the society e.g. the ›middle class‹
is increasing essentially.
These: In Deutschland haben sich die Intellektuellen
einbinden lassen in Ideologemsysteme: Wilheminische Ära, NS-System,
Kommunismus bzw. Sozialismus. Man bildet ein Selbstdisziplin heraus läßt sich
und in Denkkollektive einbinden und reproduziert dabei intendierte Überzeugungen
in entsprechenden Denkstilen. In Frankreich und Polen erfolgt dieses nicht. Die
polnischen Intellektuellen haben sich nicht den neu etablierten
Denkkollektiven unterworfen. Sie brachen daraus bald aus und gingen in die
Emigration. Sie reproduzierten keine ›fremden‹ Denkstile.
4. Die historischen Paradigmen des Zivilisationsprozesses
Wenn es den Erfahrungen der Menschen in Europa entspricht,
daß das Erleben des Tötens im kollektiven Gedächtnis tiefe Spuren hinterläßt,
dann ist es in der polnischen Nation die spezifische Opfererfahrung
resultierend aus ihrer Geschichte.
Beispiele lassen sich für die Menschen in dieser Region, die aufgrund ihrer
geographischen Struktur keine natürlichen Barrieren aufweist aus ihrer
Geschichte seit Beginn der Staatsgündung um die Jahrtausendwende anführen:
Der Mongolenansturm
im 13. Jahrhundert, die Bedrohung durch den Deutschen Orden, die in eine Bedrohung
durch Preußen-Deutschland einmündete; die Schwedenkriege sowie die Kosakenüberfälle
seit der Mitte des 17. Jahrhunderts; dann die Opfer der Aufstände wie auch
durch die Beteiligung an den napoleonischen Kriegen sowie die Deportationen und
Depossedierungen als Folge der Aufstände durch die Teilermächte, insbesondere
das zaristische Rußland; im 20. Jahrhundert die begonnene physische Vernichtung
im ›polnischen Holocaust‹ durch die Okkupanten.
Folgen finden sich in einer sehr komplexen
Spannungskonstellation, einer interdependenten Beziehung aus Messianismus,
Paradoxien bis hin zu individuellen oder kollektiven neurotischem Verhalten.
Die Rolle der Intellektuellen besteht in besonderer Weise in der sozialen Sichtbarmachung
dieser Erfahrungsprozesse in der Nationalliteratur. Charakteristisch für die
Schöpfung der historischen Literatur, die polnische ›Nationalliteratur‹
apostrophiert wird, daß die Literaten, die Intellektuellen, sie in hohem
Maße im Exil geschrieben haben. Selbst in de Verlagerung des Ortes des
historischen Geschehens ist die polnische Gesellschaft erkennbar.
Die Frage ist dabei, inwieweit das kollektive Erinnern durch Wachhalten der
Opfervorgänge zu einer neuen Phase im Zivilisationsprozeß beigetragen hat. So
lassen sich für die polnischen Intellektuellen typische Wahrnehmungs- und
Wertungsperspektiven der historischen und gesellschaftlichen Realität bis in
die gegenwärtige politische Diskussion hinein feststellen. Sie stehen in der
Tradition des utopischen Denkens, das seinen idealtypischen Ausdruck im 18.
und 19. Jahrhundert in der unlöslichen Verknüpfung von gesellschaftlichen
Realitätswahrnehmung und finalistischer Wertperspektive (fast
religiös-eschatologischer Charakter) im polnischen ›Messianismus‹ gefunden
hatte. Die Frage nach der ›Stunde Null‹ und dem ›Warten der Völker auf den
Neuanfang‹, die zu den zentralen Topoi heutiger innerpolnischer Diskurse zählt,
der idealistische Umgang mit Wertbegriffen wie ›Freiheit‹ und
›Selbstkontrolle‹ spiegelt eine soche utopische innergesellschaftlich-weltliche
Eschatologie wieder. Typische Aussagen in diesem Kontext finden sich z.B beim
ehemaligen polnischen Außenminister, Träger des Friedenspreises des
deutschen Buchhandels von 1985 und international anerkanntem Geschichtsphilosophen
Wladyslaw Batoszewski wieder.
Bartoszewski drückte auf dem ›Katholischen Kongreß‹ in
Hildesheim, der das Thema Solidarität
zum Gegenstand hatte, die zivilisatorische
Lücke – ohne allerdings im gegebenen Kontext zu denken und zu argumentieren,
mit folgenden Worten aus: “Die Stunde ›Null‹ hat für die meisten Völker noch
nicht geschlagen. Sie warten noch auf einen Neuanfang. … Jahrzehntelang hat
man die Menschen in den kommunistischen Staaten daran gehindert, miteinander
den wahren, authentischen Kontakt und Dialog aufzunehmen. Die Entfremdung und
eine gewisse Ratlosigkeit angesichts der anderen hat man auf diese Weise programmiert.”
Bartoszewski erwartet von der Kirche, daß sie nicht nur dem herrschenden
System widerspricht, sondern auch aktiv am gesellschaftlichen Umbruch
mitwirkt, “selbst wenn viele Priester und Bischöfe in der Demokratie noch
unerfahren sind.” … Die neugewonnene Freiheit dürfe nicht als Narrenfreiheit
verstanden werden. … “vielmehr geht es um die Freiheit zur Selbstkontrolle”.
… Er warnt vor “populistischen Paradiesvorstellungen”; … “Osteuropa hat
ein großes politisches Potential; häufig mangelt es jedoch an Niveau.” … Es würden
keine Programme vorgeschlagen sondern Parolen. “Es mangelt an moralischen
Orientierungen und menschlicher Solidarität.”
Vor allem der letztere Satz ist charakteristisch für die
Ausdrucksweise polnischer Intellektueller und damit auch für die Ausbildung
der politischen Kultur in der polnischen Gesellschaft. Man sollte seine
Gedanken in Bezug auf Zivilisierugsvorgänge reflektieren. Es ist nur begrenzt
möglich, die Rolle der Intellektuellen in der Zivilgesellschaft darzustellen
und eine Standortbestimmung dieses Entwicklungsprozesses zu geben, wohl
aber Überlegungen und Thesen dazu. Intellektuelle haben ein traditionell
selbststeuerndes Verhalten, da die Bedingungen für Fremdsteuerungen zwar
gegeben waren, aber nicht in Selbstzwänge umgesetzt wurden, sondern in psychosoziale
Gegnerschaft münden. Als Hypothese kann formuliert werden, daß keine neuen
Schübe im Zivilisationsprozeß erfolgt sind. Dies hängt zweifellos mit in der
der jüngsten zeithistorischen Phase, seit 1989/90 erfolgten Beendigung der
soziohistorischen Voraussetzung, Opfernation zu sein: Die Beendigung der
letzten Reste sowjetischer Machtausübung durch das Ende der UdSSR sowie der
Abschluß des Vertragswerkes mit der Bundesrepublik Deutschland im Zusammenhang
mit der Wiedervereinigung und damit der endgültigen vorbehaltsfreien
Anerkennung der Grenzen der Republik Polen – verbunden mit der Einbindung der
Bundesrepublik in internationale Vertragswerke: UNO-Charta,
EG/EU-Verträge und die NATO und damit der Garantie auf supranationaler
Ebene. Parameter für die Zuordnung zu entsprechenden Phasen des Zivilisationsprozesses
sind im Kontext zum polnischen Spezifikum der Staatenbildung die Ausprägung der
Komponenten in der genannten komplexen Spannungskonstellation.
Andererseits liegen in dieser Gesellschaft, insbesondere
in ihren urbanen Zentren, die Voraussetzungen zu einem dynamischen Paradigmenwechsel
und zum beschleunigten Nachvollzug moderner Prozesse einschließlich
innovativer Elemente.