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Bevor am 15.
Oktober 1995 die Orientalistin Annemarie Schimmel in der Frankfurter
Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam,
wurde wochenlang nicht nur über diese Preisverleihung, sondern über das
Verhältnis zwischen Deutschland bzw. Europa und dem Islam diskutiert. Die
Heftigkeit der Diskussion ließ erahnen, wie tief der Graben zwischen
diesen beiden Welten ist und wie sehr es an Verständnis für das fehlt,
was in der islamischen Welt vor sich geht. Wo immer in diesen
Diskussionen das Wort Islam fiel, stellte sich zumindest bei einem Teil
der Diskutierenden assoziativ ein Horrorszenario ein, das Islam sofort
mit Terrorismus und Ablehnung der westlichen Welt gleichsetzte und
völlig undifferenziert, den »politischen Islam« mit dem identifizierte,
was man gemeinhin recht ungenau »islamischen Fundamentalismus« nennt. Es
ist daher notwendig, in einem ersten Schritt etwas über dieses
islamistische Selbstverständnis und Weltbild zu sagen, um das dann in
einem zweiten Schritt differenzierter in das Gesamtspektrum der
gegenwärtigen Strömungen des Islam in der modernen Welt einzuordnen,
bevor einige abschließende Bemerkungen zum interkulturellen Dialog und
Lernen gemacht werden sollen.
1. Die islamistische Sichtweise
Rundfunk, Fernsehen und
die Printmedien berichten immer wieder von Anschlägen sog. »islamischer
Fundamentalisten« in Ägypten, Algerien und der Türkei, die darauf
abzielen, ihre westlich orientierten Regierungen zu erschüttern und statt
dieser Ausrichtung ein streng am Islam orientiertes politisches System
einzuführen. Hinzu kommt, daß Iran keine Gelegenheit ausläßt, um derartige
islamistische Gruppierungen in anderen Ländern zu unterstützen, damit
auch dort eine Abwendung vom »Westen« erreicht werde. So entsteht der
Eindruck, daß es eine breite Front gegen alles »Westliche« gibt, was
bereits zu Überlegungen im Sinne eines »Clash of Civilizations« geführt
hat und den Islam als Gegenpol zur westlichen Welt erscheinen läßt.
Angesichts dieser stark antiwestlichen Tendenz stellt sich die Frage, was
der Ausrichtung auf den islamischen Staat als Zielvorstellung vorschwebt,
weshalb diese Gruppierungen überhaupt eine Unterstützung in der
Gesellschaft finden und mit welchen Mitteln sie ihre Ziele erreichen
wollen.
Die
Zielvorstellung all dieser Gruppierungen ist es, eine homogen
islamische Gesellschaft zu schaffen, die streng nach den Grundsätzen des
Islam organisiert sein soll. Meist wird die konkrete Ausformulierung
dieses Konzeptes durch Slogans wie »Der Islam ist die Lösung« (so das FIS
in Algerien) ersetzt, lediglich einige Elemente davon werden genannt,
worunter vor allem die klassische Geschlechtertrennung fällt, weil man
glaubt, daß durch den Einfluß der Moderne die Frau in Gefahr ist, die
klassischen Prinzipien von Ehre und Scham aufzugeben und einer weiblichen
Vermarktung zum Opfer zu fallen, die als wichtiger Teil jenes
Werteverfalls und Dekadenzzuwachses angesehen wird, der die westliche
Gesellschaft aus Sicht der Muslime kennzeichnete.
Der
Einsatz zugunsten einer islamischen Ordnung hat folglich als Ziel, eine
historisch glorreich überzeichnete islamische Gesellschaftsordnung
neu zum Leben zu erwecken, um bestehende Mißstände, die in der Kritik
des am westlichen System orientierten Staates fein säuberlich aufgelistet
werden, zu beseitigen. Es wird dadurch suggeriert, die islamische
Gesellschaft könne sich ganz alleine aus eigener Kraft von all dem
Negativen befreien, das durch den Einfluß des Westens in die islamische
Welt hineingekommen ist und jene Umwälzungen produziert hat, als deren
Ergebnis man die beklagten gegenwärtigen Mißstände ansieht.
Unterstützung in der Gesellschaft findet eine solche Zielvorstellung
überall dort, wo die Mißstände des gegenwärtigen Systems deutlich spürbar
sind. Vor allem junge Akademiker, insbesondere in
technisch-naturwissenschaftlichen Berufen, gehören zu der Klientel solcher
Gruppierungen ebenso wie die, die Sozialwissenschaften oder
Erziehungswissenschaften studiert haben und wie in Ägypten oder Algerien
wissen, daß für sie im bestehenden System die Chancen für eine gute
Stellung im Beruf gleich null sind. Dementsprechend werden auch andere
Berufsgruppen mit geringen Berufsaussichten angezogen und richten ihre
Hoffnung auf ein neues Gesellschaftsmodell, das ihnen eine bessere
Zukunft verspricht. Anders als die marxistische Propaganda, die den
Klassenkampf zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern mit dem Ziel einer
gleichberechtigten Beteiligung für alle am Produktionsprozeß Beteiligten
und dessen Früchten predigt, sprechen die islamistischen Gruppierungen
vor allem die an, die außerhalb des Produktionsprozesses stehen und außer
einer moralischen Anklage keinerlei Forderungen gegenüber dem
Produktionssystem erheben können.
Die
hier erwähnte Klientel dieser Gruppierungen ist in doppelter Hinsicht
interessant: zum einen besteht sie – sieht man einmal von dem Sonderfall
des schiitischen Iran
ab – nicht aus islamischen Rechtsgelehrten bzw. Theologen, sondern ist,
was die Auslegung der islamischen Prinzipien und Traditionen angeht, eine
»Laien«-Bewegung, die ohne große Fachleute auskommt; zum anderen zeigt
gerade der hohe Anteil an Leuten aus technisch-naturwissenschaftlichen
Ausbildungsgängen, daß es sich bei diesen Menschen nicht um eine
prinzipielle Technikfeindschaft, sondern um eine dezidierte Ablehnung der
gesellschaftlichen Umwälzungen westlichen Stils handelt. Beides hat
Konsequenzen: Die mangelnde Fachkompetenz in der Kunst theologischer
Auslegung und Argumentation erklärt die simplen Slogans, die zwar
unmittelbar einsichtig und deshalb propagandistisch hervorragend
einsetzbar sind. Sie können komplizierte Sachverhalte nicht lösen und
verweigern sich daher jeder differenzierten Betrachtungsweise, was ihre
Attraktivität offensichtlich nicht schmälert, sondern eher noch steigert.
Die technisch-naturwissenschaftliche Fachkompetenz vieler Mitglieder
dieser Gruppierungen erklärt, weshalb oft modernste Mittel eingesetzt
werden, wenn sie dienlich sind, dann aber strikt abgelehnt werden, wenn
sie den eigenen Zielvorstellungen im Wege stehen.
Die
Mittel, die in diesem Kampf um Macht und Herrschaft eingesetzt werden,
sind strategisch zu sehen. Man ist dann für den Einsatz modernster
Technik, wenn dieser Vorteile verspricht. So etwa werden zu
Propagandazwecken Video- und Tonkassetten bzw. Fernsehen und Rundfunk
genutzt, während bei anderslautenden Inhalten Kampagnen gegen das
Fernsehen und den Rundfunk entfacht werden, in denen all diese
Errungenschaften der Technik als Teufelswerk beschimpft werden und ihr
Verbot gefordert wird. Eine ähnliche Ambivalenz zeigt sich bei den
Äußerungen zu Demokratie und Menschenrechten. Sobald – wie in Algerien –
die Erwartungen einen Sieg des FIS in demokratischen Wahlen vermuten
lassen, spricht es sich für derartige Wahlen aus und beruft sich dabei
sogar noch auf westliche Prinzipien zugunsten der Legitimation dieser
Entscheidung, ist dagegen kein Sieg durch demokratische Wahlen zu
erwarten, so lehnt man diese als »westlich« ab und setzt eher auf Putsch
und terroristische Verunsicherung der Gesamtbevölkerung, um die
Machtübernahme einzuleiten. In beiden Fällen kann der Hinweis auf fehlende
Pressefreiheit und Nichtbeachtung der Menschenrechte durch die Regierung
die Kritik verschärfen, doch gelten diese Prinzipien dann nicht mehr, wenn
sie eigenen Zielen im Wege stehen. Dann wird auf die Andersartigkeit des
islamischen Systems im Unterschied zum westlichen hingewiesen und darauf
verwiesen, daß allein Gottes Anweisungen, wie sie im Koran und in der
islamischen Tradition grundgelegt sind, Folge geleistet werden könne.
Bei
alledem geht es um die Macht im Staat, zu deren Erringung offenbar alle
Mittel recht sind, sofern es nur gelingt, sie zu erringen. Alle Bereiche
können dafür genutzt werden. Als Beispiel sei in Algerien nur die
Arabisierungsforderung erwähnt, durch deren Verwirklichung alle die
Chancen haben, die die klassisch islamisch-arabische Ausbildung im Lande
oder in anderen arabischen Ländern genossen haben, während die das
Nachsehen haben, die bislang die Privilegien von Studien auf Französisch
im Lande oder in Frankreich genossen haben. So gesehen, wirkt die
Forderung nach Arabisierung im Bereich des Rechtswesens wie eine
Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme für bisher Chancenlose und richtet sich
gegen die, die bislang alle Posten innehatten.
Die
Unterstützung der am Rande der Gesellschaft Stehenden schlägt sich auch in
konkreten Hilfsaktionen nieder. So ist das FIS in Algerien wie eine
karitative Einrichtung organisiert, indem Arbeitslosen mit Geld geholfen
wird und für Kranke medizinische Versorgung und falls nötig finanzielle
Unterstützung bereitgestellt wird, so daß diese Ausgegrenzten der
Gesellschaft in der Tat auch sehr persönlich einen Nutzen aus ihrer
Mitgliedschaft in der Organisation ziehen und davon träumen, dieses
Hilfesystem für alle im Lande verbindlich einzuführen.
Als Fazit läßt sich
daher festhalten, daß die islamistischen Gruppierungen den Islam politisch
dahingehend instrumentalisieren und als politische Ideologie propagieren,
daß sie versprechen, nach der Errichtung einer islamischen Herrschaft im
Land die Mängel des bestehenden Systems zu beseitigen und unter Rückgriff
auf Schlagworte aus der islamischen Tradition eine Gesellschaft zu
schaffen, in der die (wahren) Muslime eindeutige Vorteile haben und dort
die Errungenschaften der Moderne nutzen werden, wo sie ihnen helfen, sie
dort aber ablehnen und bekämpfen, wo sie für sie Nachteile mit sich
bringen. Dementsprechend bestreiten sie für alle anderen im Lande, daß
diese echte Muslime sind und betrachten sie – wie es die Moslembrüder in
Ägypten bezüglich aller Muslime im Lande, die keine Moslembrüder sind, tun
– als Leute aus der vorislamischen Zeit, die erst noch zum (wahren) Islam
bekehrt werden müssen. Somit erheben sie einen Alleinvertretungsanspruch
für den wahren Islam und seine Antwort auf die Moderne, der nicht
unwidersprochen bleibt und den Blick auf die gegenwärtigen Strömungen des
Islam im allgemeinen richtet.
2. Gegenwärtige Strömungen des
Islam
Der Versuch der
islamistischen Gruppen durch eine Wiederbelebung der klassisch islamischen
Lebensordnung eine eigene Identität und zugleich die Antwort auf den
Einfluß der Moderne zu finden, ist kein Alleingang. Er reiht sich ein in
eine Fülle von islamischen Versuchen, auf die Moderne einzugehen und den
eigenen Standort angesichts dieser Herausforderung zu bestimmen. Die
Palette der Antworten reicht von totaler Anpassung bis zur totalen
Ablehnung. Es ist daher wenig hilfreich, dieses komplizierte Geflecht
möglicher Antworten durch griffige Formeln wie etwa die vom religiösen
Fundamentalismus so zu vereinfachen, daß die wahren Unterschiede der damit
pauschal und undifferenziert benannten Gruppierungen nicht mehr deutlich
werden und alles wie ein einheitlicher Trend gegen die Moderne erscheint,
was in Wirklichkeit viel differenzierter gesehen und auch in seiner
Widersprüchlichkeit näher betrachtet werden sollte.
Bei
genauerem Hinsehen lassen sich mindestens fünf Tendenzen ausmachen,
die alle als Antworten auf die Herausforderung durch die moderne Welt
anzusehen sind:
1.
Die historisch früheste Antwort auf die Herausforderung durch die moderne
europäische Welt war der Versuch, ein westliches Schulsystem neben dem
klassisch islamischen einzuführen, um bei den Europäern »in die Schule zu
gehen«, damit man sie später »mit ihren eigenen Waffen schlagen« und
technologisch mit ihnen Schritt halten kann. Dies setzte, das wurde
schnell deutlich, nicht nur technologisch-schulische Reformen, sondern in
zunehmendem Maße auch gesellschaftliche Veränderungen voraus. In diesem
Sinne führte Atatürk nach dem Ersten Weltkrieg in der Türkei die
Trennung von Staat und Religion ein und votierte dadurch für ein Modell,
das ihm, dem Beispiel Frankreichs folgend, erfolgversprechend genug
erschien, die Europäisierung im eigenen Land voranzutreiben und aus der
Türkei einen modernen Staat zu machen, der sich wirtschaftlich und
technologisch mit den europäischen Staaten messen konnte. Diesem Ziele
dienten in anderen Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit die
Rechtsreformen, bei denen immer größere Bereiche des bislang geltenden
islamischen Rechts (z.B. Handels-, Prozeß-, Strafrecht) gegen
europäisches Recht ausgetauscht wurden, so daß – von wenigen Ausnahmen
abgesehen – in fast allen Ländern der islamischen Welt eine
Mischgesetzgebung besteht, bei der islamische Bestandteile des Rechts
(vor allem das Familienrecht) und europäisierte Teile des Rechts
nebeneinander bestehen, ohne daß die große Mehrheit diesen Status quo
unterstützt, sondern jede Gruppe darauf sinnt, sobald es möglich ist, die
Anteile in ihrem Sinne zu verändern, sei es stärker zum Europäischen oder
wieder zum Islamischen hin. Hauptmotiv für die Europäisierung ist der
erwartete Anschluß an die westliche Entwicklung, seine Gefährdung besteht
demnach in der Nichterfüllung dieser Erwartung.
2.
Das Ausbleiben des Fortschrittes für alle, jedenfalls für die große Masse
der Bevölkerung ist der Nährboden für die Proteste gegen die bestehenden
Systeme. Erfolgreich war dieser revolutionäre Ansatz bekanntlich durch
die sog. islamische Revolution in Iran, die 1979 zum Weggang des Shah aus
Iran und der Herrschaft von Ayatollah Khomeini dort geführt hat. Als
Erfolgsrezept wurde die Einführung der shari'a verkündet, also des
islamischen Rechtssystems, wie es nach dem Tode des Propheten Mohammed
(gest. 632 n.Chr.) unter Zuhilfenahme von Koran, den Aussprüchen und
Taten des Propheten Mohammed sowie weiterer Rechtsquellen entwickelt und
etwa 200 Jahre später kodifiziert worden ist. Das auf diese Weise
zustande gekommene Rechtssystem erlaubt es, auf alle neuauftretenden
Fragen Antworten zu geben, es verdankt seinen systematischen Charakter der
Kombination verschiedener Rechtsquellen, unter denen der Koran nur eine,
wenn auch die am höchsten eingestufte ist. Gegner der Einführung der
shari'a als heutiges Rechtssystem wenden ein, daß in ihm Koranisches
und Nichtkoranisches zur Anwendung kommt. Sie sagen, daß nur der Koran
verbindliche Offenbarung ist und über alles weitere diskutiert werden
könne und müsse. Die aus den weiteren Rechtsquellen stammenden
Vorschriften können folglich dem gesellschaftlichen wie historischen
Wandel unterworfen werden.
3.
Eine dritte Gruppierung stellen die Moslembrüder dar, die an der
unbedingten Verbindlichkeit des Koran festhalten, ansonsten aber keine
weiteren verbindlichen Texte anerkennen. Für sie gilt somit ausschließlich
der Koran als Richtschnur. Er ist – wie der bekannte Slogan sagt – »die
Lösung«, wobei allerdings ein Blick in die Frühgeschichte des Islam
zeigt, daß diese Lösung ohne Hinzunahme weiterer Rechtsquellen eine
Systematisierung kaum ermöglicht, so daß damit zu rechnen ist, daß auch
die Moslembrüder um weitere Auslegungen nicht herumkommen werden, wenn sie
einmal gezwungen sind, konkrete Politik mit dem Koran zu machen. Eine
Differenzierung innerhalb des Koran in zeitlich Bedingtes und ewig
Gültiges lehnen die Moslembrüder ab.
4.
Andere Muslime wie etwa die Ismailiten unter der Führung des Agha Khan
halten am Koran prinzipiell fest, glauben aber, daß innerhalb des Textes
zwischen zeitlich Bedingtem und ewig Gültigem unterschieden werden könne
und müsse. Wenn es selbst für die Konservativsten, die alles so haben
wollen, wie es zu Mohammeds Zeiten gewesen ist, im Gebrauch der Waffen
eine zulässige Modernisierung gibt und auch gesellschaftlich die
Abschaffung der Sklaven ihrer Meinung nach mit dem Koran vereinbar ist,
obwohl, der Koran sich an eine Gesellschaft wendet, in der es Sklaven
gibt, so argumentieren die Vertreter dieser vierten Richtung, dürfe es in
der islamischen Gesellschaft noch andere Modernisierungen geben, weil
der Koran neben ewig Gültigem auch zeitlich Bedingtes enthält, das dem
Wandel der Zeiten unterworfen werden kann. Dies gilt bei den Ismailiten
vor allem hinsichtlich der Schulbildung von Mädchen, die sie energisch
fordern und fördern, um nur einen der neuralgischen Punkte zu nennen.
5.
Eine letzte Position, die hier genannt werden soll, ist die des
sudanesischen Mystikers Mohammed Mahmud Taha, der für seine Ansichten
1985 als greiser Religionsführer zum Tode verurteilt und hingerichtet
worden ist. Seine Grundposition, die inzwischen viele intellektuelle
Muslime in der islamischen Welt wie außerhalb derselben teilen, besteht
darin, die koranischen Kapitel (Suren) von Mekka deutlich von denen aus
Medina zu unterscheiden und darin zwei unterschiedliche
Erscheinungsformen der Botschaft zu sehen. Bekanntlich ist diese
Zweiteilung für alle Muslime in jeder arabischen Koranausgabe erkennbar
(in deutscher Übersetzung in der Koranausgabe bei Reclam), der zufolge
Mohammed die erste Botschaft zwischen 610 und 622 n.Chr. und die zweite
zwischen 622 und 632 n.Chr. verkündigte. Die erste betont den Glauben an
den einen Gott und die Verantwortung des Menschen für sein Tun im Sinne
der 10 Gebote über den Tod des Einzelnen hinaus bis ins letzte Gericht.
Sie empfiehlt einen freundlichen Umgang mit Juden und Christen. Zudem
lebt Mohammed in dieser Zeit mit seiner Frau Khadidja
in monogamer Ehe. Erst in der medinensischen Zeit ist dann die Rede vom
islamischen Staat, in diese Zeit fallen die konkreten Anweisungen
bezüglich der Stellung der Frau, der Strafen für Diebstahl und Ehebruch,
der Erlaubnis der Polygynie (bis zu vier Frauen gleichzeitig) u.v.a.m.
Daraus zieht Mahmud Taha den Schluß, daß es eine erste, ewig gültige
Botschaft gibt, die allerdings erfolglos blieb und dann in Medina als
zweite Botschaft einen Zuschnitt unter konkreten historischen und
gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen erhielt, aus dem wir lernen
können, wie derartige Umsetzungen im Sinne historischer Anpassung der
Botschaft an Rahmenbedingungen vor sich geben. Die Anpassung braucht
dann nicht mehr festgehalten zu werden, wenn die Rahmenbedingungen mit
denen in Medina nicht mehr übereinstimmen. Eine solche Situation sieht
Mahmud Taha für die Muslime in der heutigen Welt als gegeben an.
Dementsprechend denkt er darüber nach und legt dazu Vorschläge vor, wie
die ewig gültige Botschaft von Mekka unter modernen Rahmenbedingungen
konkret umgesetzt werden kann.
Diese fünf
unterschiedlichen Entwürfe zeigen, daß die Antworten der Muslime auf die
Herausforderung durch die Moderne sehr facettenreich sind. Alle haben
als Ziel, inhaltlich zu klären, inwieweit Übernahmen aus der Moderne
möglich, ja bisweilen geboten sind und was zu tun ist, um die islamische
Identität in dieser so ganz anderen und keineswegs mehr geschlossen
homogenen Welt des Islam zu wahren.
3. Schlußfolgerungen bezüglich des
interkulturellen Dialoges und Lernens
Wer sich die
Differenziertheit der Antwortenpalette auf die Herausforderung der Moderne
von seiten der Muslime vor Augen hält, wird verstehen, daß sie alle nach
Wegen suchen, mit der Moderne umzugehen und zugleich Muslime zu bleiben.
All diese Versuche sind Ausdruck einer tiefen Identitätskrise und
insofern Neuansätze, als ein schlichter Rückgriff auf die Vergangenheit
nicht mehr möglich ist, sondern jedes sklavische Imitieren des Vergangenen
bereits konzeptionell als antimodern gedeutet werden muß und von daher
einen anderen Stellenwert hat als in vormoderner Zeit, in der sich die
Alternative zur Moderne noch gar nicht gestellt hatte.
Angesichts dieser Situation empfiehlt sich mit aller Vorsicht der
interkulturelle Dialog, das Gespräch also über bestehende Probleme.
Vielleicht eröffnet sich durch vergleichbare Erfahrungen im Judentum und
Christentum zudem die Möglichkeit zum interkulturellen Lernen in der einen
oder anderen Frage. Wichtig ist, daß das Ganze nicht insofern
erzieherisch geschieht, als von vornherein die Lösungswege festliegen,
sondern ein ernsthaftes Ringen um den richtigen Weg erkennbar bleibt, der
von den Rahmenbedingungen und Grundvoraussetzungen der anderen ausgeht
und ihnen zeigt, wie sie zu Lösungen kommen können. In vielen Fragen (man
denke an Koedukation, das Verhältnis von Jungen und Mädchen usw.)
nämlich waren wir selbst noch vor wenigen Jahrzehnten den islamischen
Verhaltensweisen näher als den heute praktizierten. Ja, es zeichnet sich
schon jetzt ab, daß manche Probleme, eigene religiöse Identität
hinsichtlich des Verhaltens zu bestimmen, nicht nur bei Muslimen
bestehen, sondern in zunehmendem Maße auch die Christen und Juden
beschäftigen werden.
Wenn
wie 1989 in Frankreich einige muslimische Mädchen durch das Tragen von
Kopftüchern in der Schule eine Staatskrise auslösen, gilt es die Frage zu
stellen, wie tolerant eine derartige Gesellschaft noch ist. Andererseits
wird es auch wirkliche Toleranzgrenzen geben, wo auf die Einhaltung des
Gesetzes geachtet werden muß und diese selbst nicht mehr zur Disposition
gestellt werden kann, auch wenn ansonsten ein multitkultureller Ansatz für
gesellschaftliches Handeln gilt.
Die
Auseinandersetzung mit den verschiedenen Richtungen innerhalb des
gegenwärtigen Islam sollte zu einem echten Gespräch mit allen Gruppen
führen und dabei auf beiden Seiten von dem Willen getragen sein, den
anderen möglichst viele Freiräume zuzugestehen. Erst wo deutlich wird, daß
alle Toleranzgrenzen überschritten sind, muß entschieden werden. Dann muß
diese Entscheidung aber auch gelten und kann nicht mehr zurückgenommen
werden, auch wenn dies zugleich das Ende des Dialoges bedeutet.
Allerdings sollte man versuchen, diesen Endpunkt nicht zu früh zu
proklamieren, sondern wirklich alle Chancen für die Verständigung zu
nutzen.
[Anmerkung 1996: Neue Anschrift: Prof. Dr. Dr.
Peter Antes, Seminar für Religionswissenschaft, Universität Hannover, Im
More 21, D 30167 Hannover. – Vortrag im Lehrerfortbildungsseminar
»Deutsch-polnische und deutsch-türkische Kulturkontakte« am Fr., 27.10.95,
in der Internationalen Tagungsstätte »Sonnenberg« bei St.
Andreasberg/Harz; veranstaltet vom Niedersächsischen Landesinstitut für
Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI) in
Zusammenarbeit mit dem Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. – Auch
der nachfolgende Aufsatz von Jos Schnurer wurde zu diesem Seminar
ausgearbeitet und schriftlich vorgelegt. Die Texte weiterer Vorträge von
Dr. H.-P. Waldhoff, Hannover,
Dr. M. Dutkowski, Gdansk und L. Nettelmann, Hannover, werden in einer
späteren Folge von
»politik unterricht aktuell«
veröffentlicht.
Hinweis: Im Mai 1996 hat die »Stiftung Lesen«
(Fischtorplatz 23, 55116 Mainz, 06131-28890-0) Leseempfehlungen zum Thema
Islam herausgegeben, die sehr vielfältige Anregungen zum intensiven
weiteren Studium des Islam enthalten.]
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