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politik unterricht aktuell, Heft 1 / 1996:

Zivilisationen


Peter Antes (Hannover):

Selbstverständnis und Weltbild des »Politischen Islam« in der modernen Welt

Anmerkungen

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Bevor am 15. Oktober 1995 die Orientalistin Annemarie Schimmel in der Frankfurter Paulskir­che den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam, wurde wo­chenlang nicht nur über diese Preisverleihung, sondern über das Verhältnis zwischen Deutschland bzw. Europa und dem Islam dis­kutiert. Die Heftigkeit der Diskussion ließ erahnen, wie tief der Graben zwischen diesen beiden Wel­ten ist und wie sehr es an Verständnis für das fehlt, was in der islami­schen Welt vor sich geht. Wo immer in diesen Diskussionen das Wort Islam fiel, stellte sich zumin­dest bei einem Teil der Diskutie­renden assoziativ ein Horrorszenario ein, das Islam sofort mit Terro­rismus und Ablehnung der westli­chen Welt gleichsetzte und völlig undiffe­renziert, den »politischen Islam« mit dem identifizierte, was man gemeinhin recht ungenau »islamischen Fundamentalismus« nennt. Es ist daher notwendig, in einem ersten Schritt etwas über dieses islamistische Selbstverständ­nis und Weltbild zu sagen, um das dann in einem zweiten Schritt differenzierter in das Gesamtspek­trum der gegenwärtigen Strömungen des Islam in der mo­dernen Welt einzuordnen, bevor einige ab­schließende Bemerkungen zum interkul­turellen Dialog und Lernen gemacht werden sollen.

1. Die islamistische Sichtweise

Rundfunk, Fernsehen und die Printmedien berichten immer wieder von Anschlägen sog. »islamischer Fundamentalisten« in Ägypten, Algerien und der Türkei, die darauf abzielen, ihre westlich orientier­ten Regierungen zu erschüttern und statt dieser Ausrichtung ein streng am Islam orientiertes politi­sches System einzuführen. Hinzu kommt, daß Iran keine Gelegenheit ausläßt, um derartige islamisti­sche Gruppierungen in anderen Ländern zu unterstützen, damit auch dort eine Abwendung vom »Westen« erreicht werde. So entsteht der Eindruck, daß es eine breite Front ge­gen alles »Westliche« gibt, was bereits zu Überlegungen im Sinne eines »Clash of Civilizations« geführt hat und den Islam als Gegenpol zur westlichen Welt erscheinen läßt.

Angesichts dieser stark antiwestlichen Tendenz stellt sich die Frage, was der Ausrichtung auf den is­lamischen Staat als Zielvorstellung vorschwebt, weshalb diese Gruppierungen überhaupt eine Unter­stützung in der Gesellschaft finden und mit welchen Mitteln sie ihre Ziele erreichen wollen.

Die Zielvorstellung all dieser Gruppierungen ist es, eine homogen islamische Gesellschaft zu schaf­fen, die streng nach den Grundsätzen des Islam organisiert sein soll. Meist wird die konkrete Aus­formulierung dieses Konzeptes durch Slogans wie »Der Islam ist die Lösung« (so das FIS in Al­geri­en) ersetzt, lediglich einige Elemente davon werden genannt, worunter vor allem die klassi­sche Ge­schlechtertrennung fällt, weil man glaubt, daß durch den Einfluß der Moderne die Frau in Gefahr ist, die klassischen Prinzipien von Ehre und Scham aufzugeben und einer weiblichen Ver­marktung zum Opfer zu fallen, die als wichtiger Teil jenes Werteverfalls und Dekadenzzuwachses angesehen wird, der die westliche Gesellschaft aus Sicht der Muslime kennzeichnete.1

Der Einsatz zugunsten einer islamischen Ordnung hat folglich als Ziel, eine historisch glor­reich über­zeichnete islamische Gesellschaftsordnung2 neu zum Leben zu erwecken, um beste­hende Miß­stände, die in der Kritik des am westlichen System orientierten Staates fein säuberlich aufgeli­stet werden, zu beseitigen. Es wird dadurch suggeriert, die islamische Gesellschaft könne sich ganz alleine aus eigener Kraft von all dem Negativen befreien, das durch den Einfluß des Westens in die islami­sche Welt hin­eingekommen ist und jene Umwälzungen produziert hat, als deren Ergebnis man die beklagten ge­genwärtigen Mißstände ansieht.

Unterstützung in der Gesellschaft findet eine solche Zielvorstellung überall dort, wo die Miß­stände des gegenwärtigen Systems deutlich spürbar sind. Vor allem junge Akademiker, insbeson­dere in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen, gehören zu der Klientel solcher Gruppierungen ebenso wie die, die Sozialwissenschaften oder Erziehungswissenschaften studiert haben und wie in Ägypten oder Algerien wissen, daß für sie im bestehenden System die Chancen für eine gute Stellung im Beruf gleich null sind. Dementsprechend werden auch andere Berufsgruppen mit ge­ringen Berufsaussichten angezogen und richten ihre Hoffnung auf ein neues Gesellschaftsmo­dell, das ihnen eine bessere Zu­kunft verspricht. Anders als die marxistische Propaganda, die den Klas­senkampf zwischen Ausgebeu­teten und Ausbeutern mit dem Ziel einer gleichberechtigten Beteili­gung für alle am Produktionspro­zeß Beteiligten und dessen Früchten predigt, sprechen die islami­stischen Gruppierungen vor allem die an, die außerhalb des Produktionsprozesses stehen und außer einer moralischen Anklage keinerlei Forderungen gegenüber dem Produktionssystem erhe­ben können.

Die hier erwähnte Klientel dieser Gruppierungen ist in doppelter Hinsicht interessant: zum einen be­steht sie – sieht man einmal von dem Sonderfall des schiitischen Iran3 ab – nicht aus islami­schen Rechts­gelehrten bzw. Theologen, sondern ist, was die Auslegung der islamischen Prinzipien und Traditionen angeht, eine »Laien«-Bewegung, die ohne große Fachleute auskommt; zum ande­ren zeigt gerade der hohe Anteil an Leuten aus technisch-naturwissenschaftlichen Ausbildungsgän­gen, daß es sich bei die­sen Menschen nicht um eine prinzipielle Technikfeindschaft, sondern um eine dezidierte Ablehnung der gesellschaftlichen Umwälzungen westlichen Stils handelt. Beides hat Konsequenzen: Die man­gelnde Fachkompetenz in der Kunst theologischer Auslegung und Argu­mentation erklärt die simplen Slogans, die zwar unmittelbar einsichtig und deshalb propagan­disti­sch hervorragend einsetz­bar sind. Sie können komplizierte Sachverhalte nicht lösen und verwei­gern sich daher jeder differen­zierten Be­trachtungsweise, was ihre Attraktivität offensichtlich nicht schmälert, sondern eher noch steigert. Die technisch-naturwissenschaftliche Fachkompetenz vieler Mitglieder dieser Gruppierungen erklärt, wes­halb oft modernste Mittel eingesetzt werden, wenn sie dienlich sind, dann aber strikt abge­lehnt wer­den, wenn sie den eigenen Zielvorstellungen im Wege stehen.

Die Mittel, die in diesem Kampf um Macht und Herrschaft eingesetzt werden, sind strategisch zu sehen. Man ist dann für den Einsatz modernster Technik, wenn dieser Vorteile verspricht. So etwa werden zu Propagandazwecken Video- und Tonkassetten bzw. Fernsehen und Rundfunk ge­nutzt, während bei anderslautenden Inhalten Kampagnen gegen das Fernsehen und den Rundfunk ent­facht werden, in denen all diese Errungenschaften der Technik als Teufelswerk beschimpft werden und ihr Verbot gefordert wird. Eine ähnliche Ambivalenz zeigt sich bei den Äußerungen zu De­mokratie und Menschenrechten. Sobald – wie in Algerien – die Erwartungen einen Sieg des FIS in demokratischen Wahlen vermuten lassen, spricht es sich für derartige Wahlen aus und be­ruft sich dabei sogar noch auf westliche Prinzipien zugunsten der Legitimation dieser Entschei­dung, ist dagegen kein Sieg durch demokratische Wahlen zu erwarten, so lehnt man diese als »westlich« ab und setzt eher auf Putsch und terroristische Verunsicherung der Gesamtbevölke­rung, um die Machtübernahme einzuleiten. In beiden Fällen kann der Hinweis auf fehlende Pres­sefreiheit und Nichtbeachtung der Menschenrechte durch die Regierung die Kritik verschärfen, doch gelten diese Prinzipien dann nicht mehr, wenn sie eigenen Zielen im Wege stehen. Dann wird auf die Anders­artigkeit des islamischen Systems im Un­terschied zum westlichen hingewiesen und darauf verwie­sen, daß allein Gottes Anweisungen, wie sie im Koran und in der islamischen Tradi­tion grundge­legt sind, Folge geleistet werden könne.

Bei alledem geht es um die Macht im Staat, zu deren Erringung offenbar alle Mittel recht sind, sofern es nur gelingt, sie zu erringen. Alle Bereiche können dafür genutzt werden. Als Bei­spiel sei in Algeri­en nur die Arabisierungsforderung erwähnt, durch deren Verwirklichung alle die Chancen ha­ben, die die klassisch islamisch-arabische Ausbildung im Lande oder in anderen arabi­schen Län­dern genossen haben, während die das Nachsehen haben, die bislang die Privilegien von Studien auf Fran­zösisch im Lande oder in Frankreich genossen haben. So gesehen, wirkt die For­derung nach Arabisie­rung im Bereich des Rechtswesens wie eine Arbeitsplatzbeschaffungsmaß­nahme für bisher Chancen­lose und richtet sich gegen die, die bislang alle Posten innehatten.

Die Unterstützung der am Rande der Gesellschaft Stehenden schlägt sich auch in konkreten Hilfs­ak­tionen nieder. So ist das FIS in Algerien wie eine karitative Einrichtung organisiert, indem Ar­beitslo­sen mit Geld geholfen wird und für Kranke medizinische Versorgung und falls nötig fi­nan­zielle Un­terstützung bereitgestellt wird, so daß diese Ausgegrenzten der Gesellschaft in der Tat auch sehr per­sönlich einen Nutzen aus ihrer Mitgliedschaft in der Organisation ziehen und davon träumen, die­ses Hilfesystem für alle im Lande verbindlich einzuführen.

Als Fazit läßt sich daher festhalten, daß die islamistischen Gruppierungen den Islam politisch dahin­gehend instrumentalisieren und als politische Ideologie propagieren, daß sie versprechen, nach der Errichtung einer islamischen Herrschaft im Land die Mängel des bestehenden Systems zu beseiti­gen und unter Rückgriff auf Schlagworte aus der islamischen Tradition eine Gesellschaft zu schaffen, in der die (wahren) Muslime eindeutige Vorteile haben und dort die Errungenschaften der Moderne nutzen werden, wo sie ihnen helfen, sie dort aber ablehnen und bekämpfen, wo sie für sie Nachteile mit sich bringen. Dementsprechend bestreiten sie für alle anderen im Lande, daß diese echte Muslime sind und betrachten sie – wie es die Moslembrüder in Ägypten bezüglich aller Muslime im Lande, die keine Moslembrüder sind, tun – als Leute aus der vorislamischen Zeit, die erst noch zum (wahren) Islam bekehrt werden müssen. Somit erheben sie einen Alleinvertretungs­anspruch für den wahren Is­lam und seine Antwort auf die Moderne, der nicht unwidersprochen bleibt und den Blick auf die ge­genwärtigen Strömungen des Islam im allgemeinen richtet.

2. Gegenwärtige Strömungen des Islam

Der Versuch der islamistischen Gruppen durch eine Wiederbelebung der klassisch islamischen Le­bensordnung eine eigene Identität und zugleich die Antwort auf den Einfluß der Moderne zu fin­den, ist kein Alleingang. Er reiht sich ein in eine Fülle von islamischen Versuchen, auf die Mo­derne einzu­gehen und den eigenen Standort angesichts dieser Herausforderung zu bestimmen. Die Palette der Antworten reicht von totaler Anpassung bis zur totalen Ablehnung. Es ist daher wenig hilfreich, die­ses komplizierte Geflecht möglicher Antworten durch griffige Formeln wie etwa die vom religiösen Fundamentalismus so zu vereinfachen, daß die wahren Unterschiede der damit pauschal und undiffe­renziert benannten Gruppierungen nicht mehr deutlich werden und alles wie ein einheitlicher Trend gegen die Moderne erscheint, was in Wirklichkeit viel differenzierter gese­hen und auch in seiner Wi­dersprüchlichkeit näher betrachtet werden sollte.4

Bei genauerem Hinsehen lassen sich mindestens fünf Tendenzen ausmachen5, die alle als Ant­wor­ten auf die Herausforderung durch die moderne Welt anzusehen sind:

1. Die historisch früheste Antwort auf die Herausforderung durch die moderne europäische Welt war der Versuch, ein westliches Schulsystem neben dem klassisch islamischen einzuführen, um bei den Europäern »in die Schule zu gehen«, damit man sie später »mit ihren eigenen Waffen schla­gen« und technologisch mit ihnen Schritt halten kann. Dies setzte, das wurde schnell deutlich, nicht nur technologisch-schulische Reformen, sondern in zunehmendem Maße auch gesellschaftli­che Verände­rungen voraus. In diesem Sinne führte Atatürk nach dem Ersten Weltkrieg in der Tür­kei die Tren­nung von Staat und Religion ein und votierte dadurch für ein Modell, das ihm, dem Beispiel Frank­reichs folgend, erfolgversprechend genug erschien, die Europäisierung im eigenen Land voranzutrei­ben und aus der Türkei einen modernen Staat zu machen, der sich wirtschaftlich und technologisch mit den europäischen Staaten messen konnte. Diesem Ziele dienten in anderen Ländern mit islami­scher Bevölkerungsmehrheit die Rechtsreformen, bei denen immer größere Be­reiche des bislang gel­tenden islamischen Rechts (z.B. Handels-, Prozeß-, Strafrecht) gegen euro­päisches Recht ausge­tauscht wurden, so daß – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in fast allen Ländern der islamischen Welt eine Mischgesetzgebung besteht, bei der islamische Bestand­teile des Rechts (vor allem das Fa­milienrecht) und europäisierte Teile des Rechts nebeneinander bestehen, ohne daß die große Mehrheit diesen Status quo unterstützt, sondern jede Gruppe darauf sinnt, so­bald es möglich ist, die Anteile in ihrem Sinne zu verändern, sei es stärker zum Europäi­schen oder wieder zum Islamischen hin. Hauptmotiv für die Europäisierung ist der erwartete Anschluß an die westliche Entwicklung, seine Gefährdung besteht demnach in der Nichterfüllung dieser Erwartung.

2. Das Ausbleiben des Fortschrittes für alle, jedenfalls für die große Masse der Bevölkerung ist der Nährboden für die Proteste gegen die bestehenden Systeme. Erfolgreich war dieser revolu­tionäre An­satz bekanntlich durch die sog. islamische Revolution in Iran, die 1979 zum Weggang des Shah aus Iran und der Herrschaft von Ayatollah Khomeini dort geführt hat. Als Erfolgsrezept wurde die Ein­führung der shari'a verkündet, also des islamischen Rechtssystems, wie es nach dem Tode des Pro­pheten Mohammed (gest. 632 n.Chr.) unter Zuhilfenahme von Koran, den Aussprü­chen und Ta­ten des Propheten Mohammed sowie weiterer Rechtsquellen entwickelt und etwa 200 Jahre später kodi­fiziert worden ist. Das auf diese Weise zustande gekommene Rechtssystem er­laubt es, auf alle neuauf­tretenden Fragen Antworten zu geben, es verdankt seinen systematischen Charakter der Kom­bination verschiedener Rechtsquellen, unter denen der Kor­an nur eine, wenn auch die am höchsten eingestufte ist. Gegner der Einführung der shari'a als heutiges Rechtssystem wenden ein, daß in ihm Koranisches und Nichtkoranisches zur Anwendung kommt. Sie sagen, daß nur der Koran verbindli­che Offenbarung ist und über alles weitere diskutiert werden könne und müsse. Die aus den weiteren Rechtsquellen stammenden Vorschriften können folglich dem gesell­schaftlichen wie historischen Wandel unterworfen werden.

3. Eine dritte Gruppierung stellen die Moslembrüder dar, die an der unbedingten Verbind­lichkeit des Koran festhalten, ansonsten aber keine weiteren verbindlichen Texte anerkennen. Für sie gilt somit ausschließlich der Koran als Richtschnur. Er ist – wie der bekannte Slogan sagt – »die Lö­sung«, wo­bei allerdings ein Blick in die Frühgeschichte des Islam zeigt, daß diese Lösung ohne Hin­zunahme weiterer Rechtsquellen eine Systematisierung kaum ermöglicht, so daß damit zu rechnen ist, daß auch die Moslembrüder um weitere Auslegungen nicht herumkommen werden, wenn sie einmal gezwun­gen sind, konkrete Politik mit dem Koran zu machen. Eine Differenzie­rung innerhalb des Kor­an in zeitlich Bedingtes und ewig Gültiges lehnen die Moslembrüder ab.

4. Andere Muslime wie etwa die Ismailiten unter der Führung des Agha Khan halten am Kor­an prin­zipiell fest, glauben aber, daß innerhalb des Textes zwischen zeitlich Bedingtem und ewig Gülti­gem unterschieden werden könne und müsse. Wenn es selbst für die Konservativsten, die alles so haben wollen, wie es zu Mohammeds Zeiten gewesen ist, im Gebrauch der Waffen eine zulässige Moderni­sierung gibt und auch gesellschaftlich die Abschaffung der Sklaven ihrer Mei­nung nach mit dem Ko­ran vereinbar ist, obwohl, der Koran sich an eine Gesellschaft wendet, in der es Sklaven gibt, so ar­gumentieren die Vertreter dieser vierten Richtung, dürfe es in der islami­schen Gesellschaft noch ande­re Modernisierungen geben, weil der Koran neben ewig Gültigem auch zeitlich Bedingtes ent­hält, das dem Wandel der Zeiten unterworfen werden kann. Dies gilt bei den Ismailiten vor allem hinsichtlich der Schulbildung von Mädchen, die sie energisch fordern und fördern, um nur einen der neuralgi­schen Punkte zu nennen.

5. Eine letzte Position, die hier genannt werden soll, ist die des sudanesischen Mystikers Mo­ham­med Mahmud Taha, der für seine Ansichten 1985 als greiser Religionsführer zum Tode verur­teilt und hin­gerichtet worden ist. Seine Grundposition, die inzwischen viele intellektuelle Muslime in der isla­mi­schen Welt wie außerhalb derselben teilen, besteht darin, die koranischen Kapitel (Suren) von Mekka deutlich von denen aus Medina zu unterscheiden und darin zwei unterschiedli­che Erschei­nungsfor­men der Botschaft zu sehen. Bekanntlich ist diese Zweiteilung für alle Mus­lime in jeder ara­bischen Koranausgabe erkennbar (in deutscher Übersetzung in der Koranausgabe bei Reclam), der zufolge Mohammed die erste Botschaft zwischen 610 und 622 n.Chr. und die zweite zwischen 622 und 632 n.Chr. verkündigte. Die erste betont den Glauben an den einen Gott und die Verantwortung des Menschen für sein Tun im Sinne der 10 Gebote über den Tod des Einzel­nen hinaus bis ins letzte Ge­richt. Sie empfiehlt einen freundlichen Umgang mit Juden und Chris­ten. Zudem lebt Mohammed in dieser Zeit mit seiner Frau Khadidja in monogamer Ehe. Erst in der medinensischen Zeit ist dann die Rede vom islamischen Staat, in diese Zeit fallen die kon­kreten Anweisungen bezüglich der Stel­lung der Frau, der Strafen für Diebstahl und Ehebruch, der Er­laubnis der Polygynie (bis zu vier Frau­en gleichzeitig) u.v.a.m. Daraus zieht Mahmud Taha den Schluß, daß es eine erste, ewig gültige Bot­schaft gibt, die allerdings erfolglos blieb und dann in Medina als zweite Botschaft einen Zuschnitt un­ter konkreten historischen und gesellschaftspoliti­schen Rahmenbedingungen erhielt, aus dem wir ler­nen können, wie derartige Umsetzungen im Sinne historischer Anpassung der Botschaft an Rahmen­bedingungen vor sich geben. Die Anpas­sung braucht dann nicht mehr festgehalten zu werden, wenn die Rahmenbedingungen mit denen in Medina nicht mehr übereinstimmen. Eine solche Situation sieht Mahmud Taha für die Muslime in der heutigen Welt als gegeben an. Dementsprechend denkt er dar­über nach und legt dazu Vor­schläge vor, wie die ewig gültige Botschaft von Mekka unter modernen Rahmenbedingungen kon­kret umgesetzt werden kann.

Diese fünf unterschiedlichen Entwürfe zeigen, daß die Antworten der Muslime auf die Her­aus­for­de­rung durch die Moderne sehr facettenreich sind. Alle haben als Ziel, inhaltlich zu klären, inwie­weit Übernahmen aus der Moderne möglich, ja bisweilen geboten sind und was zu tun ist, um die is­lami­sche Identität in dieser so ganz anderen und keineswegs mehr geschlossen homogenen Welt des Islam zu wahren.

3. Schlußfolgerungen bezüglich des interkulturellen Dialoges und Lernens

Wer sich die Differenziertheit der Antwortenpalette auf die Herausforderung der Moderne von seiten der Muslime vor Augen hält, wird verstehen, daß sie alle nach Wegen suchen, mit der Mo­derne um­zugehen und zugleich Muslime zu bleiben. All diese Versuche sind Ausdruck einer tiefen Identitäts­krise und insofern Neuansätze, als ein schlichter Rückgriff auf die Vergangenheit nicht mehr möglich ist, sondern jedes sklavische Imitieren des Vergangenen bereits konzeptionell als antimodern gedeutet werden muß und von daher einen anderen Stellenwert hat als in vormoderner Zeit, in der sich die Al­ternative zur Moderne noch gar nicht gestellt hatte.

Angesichts dieser Situation empfiehlt sich mit aller Vorsicht der interkulturelle Dialog, das Ge­spräch also über bestehende Probleme. Vielleicht eröffnet sich durch vergleichbare Erfahrungen im Juden­tum und Christentum zudem die Möglichkeit zum interkulturellen Lernen in der einen oder an­deren Frage. Wichtig ist, daß das Ganze nicht insofern erzieherisch geschieht, als von vornherein die Lö­sungswege festliegen, sondern ein ernsthaftes Ringen um den richtigen Weg er­kennbar bleibt, der von den Rahmenbedingungen und Grundvoraussetzungen der anderen aus­geht und ihnen zeigt, wie sie zu Lösungen kommen können. In vielen Fragen (man denke an Ko­eduka­tion, das Verhältnis von Jungen und Mädchen usw.) nämlich waren wir selbst noch vor wenigen Jahrzehnten den islamischen Verhal­tensweisen näher als den heute praktizierten. Ja, es zeichnet sich schon jetzt ab, daß manche Proble­me, eigene religiöse Identität hinsichtlich des Ver­haltens zu bestimmen, nicht nur bei Muslimen beste­hen, sondern in zunehmendem Maße auch die Christen und Juden beschäftigen werden.

Wenn wie 1989 in Frankreich einige muslimische Mädchen durch das Tragen von Kopftü­chern in der Schule eine Staatskrise auslösen, gilt es die Frage zu stellen, wie tolerant eine derartige Gesell­schaft noch ist. Andererseits wird es auch wirkliche Toleranzgrenzen geben, wo auf die Einhaltung des Ge­setzes geachtet werden muß und diese selbst nicht mehr zur Disposition gestellt werden kann, auch wenn ansonsten ein multitkultureller Ansatz für gesellschaftliches Handeln gilt.

Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Richtungen innerhalb des gegenwärtigen Is­lam sollte zu einem echten Gespräch mit allen Gruppen führen und dabei auf beiden Seiten von dem Willen ge­tragen sein, den anderen möglichst viele Freiräume zuzugestehen. Erst wo deutlich wird, daß alle To­leranzgrenzen überschritten sind, muß entschieden werden. Dann muß diese Ent­schei­dung aber auch gelten und kann nicht mehr zurückgenommen werden, auch wenn dies zu­gleich das Ende des Dialo­ges bedeutet. Allerdings sollte man versuchen, diesen Endpunkt nicht zu früh zu proklamie­ren, son­dern wirklich alle Chancen für die Verständigung zu nutzen.

[Anmerkung 1996: Neue Anschrift: Prof. Dr. Dr. Peter Antes, Seminar für Religionswissenschaft, Universität Hannover, Im More 21, D 30167 Hannover. – Vortrag im Lehrerfortbildungsseminar »Deutsch-polnische und deutsch-türkische Kulturkontakte« am Fr., 27.10.95, in der Internationalen Tagungsstätte »Sonnenberg« bei St. Andreasberg/Harz; veran­staltet vom Niedersächsischen Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medien­päd­agogik (NLI) in Zusammenarbeit mit dem Verband der Politiklehrer e.V., Hannover. – Auch der nachfolgende Aufsatz von Jos Schnurer wurde zu diesem Seminar ausgearbeitet und schriftlich vorgelegt. Die Texte weiterer Vorträge von Dr. H.-P. Waldhoff, Hannover,
Dr. M. Dutkowski, Gdansk und L. Nettelmann, Hannover, werden in einer späteren Folge von
»politik unterricht aktuell« veröffent­licht.

Hinweis: Im Mai 1996 hat die »Stiftung Lesen« (Fischtorplatz 23, 55116 Mainz, 06131-28890-0) Leseempfehlungen zum Thema Islam herausgegeben, die sehr vielfältige Anregungen zum inten­siven weiteren Studium des Islam enthalten.]

Anmerkungen

1      Vgl. dazu Peter Antes: Ethik und Politik im Islam, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1982 S. 14ff sowie all­gemein Rotraud Wielandt: Das Bild der Europäer in der modernen Erzähl- und Theaterliteratur, Bei­rut 1980 und polemisch Sayid Mujtabi Rukni Musawi Lari: Western Civilization through Muslim Eyes, Guilford 1977.

2     Zur inhaltlichen Ausgestaltung dieser Ordnung bezogen auf den Einzelnen, die Familie und die Gesell­schaft vgl. Peter Antes: Ethik und Politik im Islam, in Peter Antes u. a.: Der Islam, Religion-Ethik-Po­litik, Stuttgart-Berlin-Köln 1991 S. 58-97.

3     Vgl. dazu Heinz Halm: Der schiitische Islam. Von der Religion zur Revolution, München 1994 S. 137ff.

4     Gegen die vereinfachende Rede vom religiösen Fundamentalismus vgl. Peter Antes: Religiöser Funda­mentalismus, in Uwe Hartmann und Christian Walther (Hrsg.): Der Soldat in einer Welt im Wandel. Ein Handbuch für Theorie und Praxis. Mit einem Vorwort von Bundespräsident Roman Herzog, Mün­chen-Landsberg am Lech 1995 S. 54-60.

5      vgl. zum folgenden Peter Antes: Der Islam als politischer Faktor, Hannover, 2. Aufl. 1991 S. 75-80.

pua 1996-1/2

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:
Veröffentlicht in
politik unterricht aktuell, Heft 1-2/1996 [ISBN 3-9804023-3-9]  Printausgabe vergriffen
"Zivilisationen"
Hannover, 1996. 94 S., A 5, kart.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)
Internetausgabe /
Internetseite / politik unterricht aktuell 1/1996 / Index / Netzpublikation 06.11.02 - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004 / 03.05.2010 / 07.08.2011

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de
http://www.voigt-bismarckschule.de

 

 

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