Weitere Informationen unter http://www.politiklehrerverband.org
eMail bismarckschule.voigt@gmx.de

Home
Nach oben
Inhalt: File Map
Heftübersicht
Autorenverzeichnis
Publikationen
Impressum
Verbandsinformation
Marginalien
Rechtsradikalismus
Polen
Polnische Nationalkultur
Dritte Welt
Staatsgesellschaft
pua 2011
pua 2010
pua 2005
pua 2004
pua 2003
pua 2002
pua 2001
pua 2000
pua 1999
pua 1998
pua 1997
pua 1996
pua 1995
pua 1993
pua 1992
pua 1991
pua 1988

 

 politik unterricht aktuell, Heft 1 - 1994

Wandlungen der Politischen Bildung I

Heft 2: Wandlungen der Politischen Bildung I

 

Dokument Information

Zur Seiten-navigation

 

Gerhard Voigt:

...unerwartet war alles ganz anders...

Vielleicht ist er Biscuters Gesellschaft überdrüssig, ebenso wie er der Wirklichkeit über­drüssig ist, ganz konform mit der herrschenden Kultur des Vergessens... Die Götter ha­ben sich auf ihren Olymp zurückgezogen und, wenn man den Wirtschaftsexperten glaubt, nicht einmal die Güte besessen, Brot und Wein dazulassen... ›Was denn tun? zu welchem Zweck? Wenn Sie etwas tun wollen, dann besit­zen Sie immer noch eine Ziel­richtung..., Finalität..., vielleicht auch nur den Instinkt der Finalität..., einen bedingten Reflex der Finalität. Es ist richtig, die Götter sind verschwunden. Hölderlin hat es schon verkündet, aber er glaubte damals, sie hätten das Brot und den Wein zurückgelassen. Lassen Sie es mich als Metapher der materiellen Freuden interpretieren. Gibt es für uns wirklich keine mate­riellen Freuden mehr? Haben Sie meinen Rat befolgt und sich einen anderen Dampfkochtopf ange­schafft? Den Ziegenkäse aus Corçà probiert? Sind Sie im­mer noch süchtig nach Duero-Wein? Warum steigen Sie nicht auf Mineralwasser um?‹ Vielleicht geht es gar nicht darum, etwas zu tun, sondern lediglich darum, etwas zu sa­gen. Also sagte er zu Biscuter: ›Gib Kichererbsen dazu!‹ ›Zu der potage Ouka, Chef?‹ ›Zu allem! Kichererbsen und chorizo zu jedem Gericht!‹ ›Das ist Nationalismus, Chef! Furchtbar, diese Nationalismuswelle, die über uns hereinbricht [Manuel Vázquez Montalbán]

„Deutschland in Europa - Eine Beschreibung aus deutscher Sicht“

Einer Positionsbestimmung des eigenen Landes haftet immer viel Persönliches an, eigene Er­fahrungen, Ziele und Urteile. Gerade eine so problematische Rolle, wie sie Deutschland in Europa spielt und gespielt hat, kann nicht widerspruchsfrei dargestellt werden. Sehr viele un­terschiedliche Zugänge sind möglich: aus der Geschichte oder der Geographie heraus, den Zielen der offiziellen Politik folgend oder in kritischer Distanz. In diesem Referat soll eine Begrenzung und Schwerpunktbildung versucht werden, die sich auf diejenigen Aspekte kon­zentriert, die heutiges Verhalten und Urteilen in Deutschland bestimmen, die den noch nicht verarbeiteten politischen Wandel in Mitteleuropa thematisieren und die die für die heute leben­den Generationen wichtigen und ggf. konfliktträchtigen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg in den Mittelpunkt stellen.

Dabei kommt dem Verfasser seine eigene Tätigkeit zugute, die ihn immer wieder zur Außensicht Deutschlands veranlaßt, wenn er als Geograph Osteuropa oder den Orient be­reist oder wenn er seit Beginn der achtziger Jahre einen wesentlichen Teil seiner Energie und Arbeitszeit darauf verwandt hat, Schulpart­nerschaften mit Polen und der Türkei aufzubauen, diese in einen Kontext der persönlichen, menschlichen Beziehungen in diesen Ländern ein­zubeziehen und darüber in Deutschland in Vorträgen und Publikationen zu werben und politisch-gesellschaftliche Konsequenzen, d.h. also: gesellschaftlichen Wandel einzufor­dern.

Das hier behandelte Thema der deutschen Stellung in Europa ist daher für den Verfas­ser eine neue und reizvolle Umkehrung der gewohnten Arbeitsperspektiven, kann aber nur vor dem Hintergrund des Bemühens um eigenen Perspektivwechsel und Distanz zur eigenen Situation ausgeführt und verstanden werden.

1. Die Realitäten ändern sich - ändert sich die deutsche Sicht?

1.1 Paradigmenwandel und Perspektivverschiebungen?

Eine eigene nationale Standortbestimmung hat immer mehrere, oft widersprüchliche Aspekte. Sie geht aus von dem Fundus der historischen und zeitgeschichtlichen kollektiven Erfahrungen der eigenen Gesell­schaft, die wir mit dem Begriff der »Politischen Kultur« kennzeichnen können und ist in dieser Hinsicht ab­hängig von der individuellen Enkultura­tion. Sie ist andererseits abhängig von aktuellen gesellschaftlichen und politischen Konflik­ten und Interessen und damit von diesen Funktionalisierbar. Die Tiefe des geschicht­lichen Bewußtseins ist in beiden Fällen von der Erfahrung und dem Erlebnis der Kontinuität oder der Brü­che der eigenen gesellschaftlichen Entwicklung abhängig, d.h., in wie weit die Erfah­rungen der aufeinan­derfolgenden Generationen die kollektiven Erfahrungen der Politischen Kultur bestätigen oder immer wie­der in Frage stellen. Hier unterscheiden sich Deutschland und Polen sicher grundlegend. Die äußerlich vielfältig gebrochene politische Geschichte Po­lens bestätigte jedoch immer wieder die überkommene Selbsteinschätzung und die eigene Identität als Nation; die Geschichte Deutschlands wurde erlebt als eine Folge von Mißerfol­gen und Fehlentwicklungen, die die Annahme einer Kontinuität erschweren und eher eine geringere geschichtliche Tiefe der gesellschaftlichen Wurzeln bewußt werden läßt.

1.3 Zeitgeschichte und Biographie

Die Biographien der Individuen sind sowohl individuell als auch gesellschaftlich regelhaft. Die persönlichen Schicksale führen zu Verhaltensdispositionen, die durchaus nichts mit einer objektiven Beurteilung der geschichtlichen Abläufe zu tun haben müssen, die aber die weitere gesellschaftliche Entwicklung prägen und zur Fortentwicklung der Politischen Kultur beitragen.

Wichtig ist es dabei zu beobachten, daß gerade starke, traumatisierende Erfahrungen einer Genera­ti­on, wie Krieg und Niederlage, von den nachfolgenden Generationen kaum nachvollzogen werden können geschweige denn zum Erfahrungsquell für gesellschaftlich richtiges Verhalten werden. Diese Erfahrungen werden oft zu unverbindlichen, oft exoti­schen Vorstellungsinhalten, die als Stereotypen verfügbar, als gesellschaftliches Agens aber unverbindlich werden. Kontinuität zwischen den Generationen verlangt nach Nachvollzieh­barkeit und Wiederholbarkeit der Erfahrungen. Da diese in der deutschen Nachkriegszeit kaum gegeben war, finden sich tiefe Generationsbrüche in Wertorientierungen und gesell­schaftlichem Verhalten, die sich in deutlich unterscheidbaren Phasen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung äußern - beide Aspekte müssen als dialektisch aufeinander bezogen verstanden werden - und die die Stellung Deutschlands in Europa mehrfach grund­legend änderten.

1.4 Phasen des gesellschaftlichen Wandels nach dem Zweiten Weltkrieg

1.41 Restauration - Aufbau - Konsolidierung?

Die erste Nachkriegsphase von 1945 bis etwa 1965 wird geprägt von der Generation, die Krieg und Nieder­lage, Flucht oder Vertreibung, aktiv mitgemacht oder erlitten haben. Die eigene Erfahrung wird dabei, sozialpsychologisch konsequent, nicht als persönliche Verant­wortung oder gar Verschulden erlebt und bewertet, sondern als schicksalhafte, unausweichli­che Leiderfahrung. Die Fähigkeit, aus dieser biographi­schen Prägung heraus nüchtern und distanziert über kollektive oder nationale Verantwortung zu befinden, war in der Masse nicht gegeben. Ethische und moralische Wertungen in dieser Richtung in Teilen der politi­schen und intellektuellen Eliten, die Emigration oder Widerstand als persönlichen Erfah­rungshinter­grund einbrachten, konnten in beiden Teilen Deutschlands nicht hinreichend vermittelt oder handlungslei­tend für die Bevölkerung umgesetzt werden.

In diesem grundlegenden Wert- und Erfahrungsdissens blieb politisch die Ideologie des Neubeginns und des Aufbaus und der Verweigerung der rückwärtsgewandten Reflexion, so­weit sie die eigene Biogra­phie übersteigt. In  den westdeutschen Eliten prägte daher die recht abstrakte Diskussion über Diskontinui­tät oder Kontinuität in der Geschichte und die Per­sonalisierung der geschichtlichen Überlieferung (»Helden des Widerstands«) das Bild. Die materielle Konsolidierung wurde von einer bewußt un- oder antipolitischen Grundstim­mung getragen, die sich leicht in unkritischer Übernahme von Werten der Siegermächte, die jetzt in neuer Funktion als Bündnispartner im »Kalten Krieg« auftraten, funktionalisieren ließ. Gegenüber Politik und Geschichte entwickelte sich eine grundlegende Position der Angst, die sich auch in der Reetablierung traditioneller Feindbilder, z.B. gegen Russen und Polen, unter antikommunistischer Legitimation ausdrück­te.

1.42 Neuorientierung - Neue Ostpolitik - eine neue Politische Kul­tur?

Der Generationswechsel in den sechziger und siebziger Jahren im öffentlichen Leben zu den am Kriegs­ende oder kurz nach dem Krieg Geborenen bezeichnete einen tiefen Einschnitt in die Gesellschaft und die Entwicklung der Politischen Kultur zumindest in Westdeutschland. Die Wiederaufbaupolitik der vorange­gangenen Generation wurde als gesellschaftliche Stag­nation verstanden, der Impetus des »Unpolitischen« als Hemmnis, eigene Ziele zu verwirkli­chen und eigene Lebensperspektiven zu artikulieren. Die »Konsolidierung« wurde als Fest­halten an versteinerten Machtpositionen erlebt. Ähnliches dürfte, mit ande­ren politischen Folgen, die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus in der DDR und anderen kommunisti­schen Gesellschaften bewirkt haben.

Gleichzeitig wurde die unkritische Übernahme der Werte der Demokratie und Freiheit als in sich und vor dem eigenen Alltagsverhalten widersprüchlich oder gar verlogen wahrge­nommen. Diese Erfahrung verursachte einen moralischen Rigorismus, der auch radikale Po­sitionen nicht scheute und oft dem Trug­schluß verfiel, daß die Gegner der Väter, z.B. die stalinistischen Regime Osteuropas, die Verbündeten von Fortschritt und Demokratisierung seien. Die Diskussion über Revolution oder Reform prägt die neuen politi­schen Diskussio­nen der intellektuellen Eliten.

Diese Entwicklung ist aber auch in einen Weltpolitischen Rahmen zu setzen und hat damit, über die Revision des Ost-West-Verhältnisses hinaus, eine europäische Dimension. Die Universalisierung der kon­kreten politischen Wertsystem in den beiden konkurrierenden Machtblöcken führt zu einer wachsenden Angleichung der generationsspezifischen eigenen Erfahrungen in den einzelnen Ländern, die durch die immer stärkere Angleichung der mate­riellen Lebensverhältnisse in den Industrieländern noch gefördert wird. Deutschland ist ma­teriell zu einer privilegierten Nation auf der Seite der Industrieländer geworden. Die Ziele von Massenwohlstand, Massenkonsum und Massenproduktion globalisieren sich, lassen aber die schreienden Ungerechtigkeiten auf der Welt umso deutlicher hervortreten. Mit dem Ende des offenen Kolonialismus und der Emanzipationsbewegung der »Dritten Welt« deutet sich eine neue Spaltung der Welt an, die mit einem Bewußtwerden auch der Sozialen Un­gleichheit in den Industrieländern selbst korre­spon­diert. Der moralische Impetus dieser Phase des Aufbruchs setzt Energien der Revolte und des Wider­stan­des frei, die zwar nicht zum gesellschaftlichen Umbruch, jedoch zu einer sehr deutlichen Veränderung auch der of­fiziellen Politischen Kultur führen. Die Sozialliberale Koalition ist für diese veränderten Mehrhei­ten ein äußeres Zeichen; dadurch werden Einschnitte im Rechtssystem, in der öko­nomischen Steuerung wie im alltäglichen Umgang miteinander, der liberaler aber auch ris­kante, weil unbestimmter, wird, und vor allem die Neue Ostpolitik möglich. Leitfigur für diesen Aufbruch in der Deutschen Politik wird Willy Brandt.

Auch wenn  die hohen moralischen Zielsetzungen dieser Periode letztlich scheitern, wenn der umfas­sende Reformanspruch nicht umzusetzen ist, ermöglicht diese Phase des Aufbruchs doch, Bewegung in die verhärteten weltpolitischen Fronten zu bringen, das »Undenkbare« zu denken und ein neues Bild von Europa zu entwerfen, das einerseits auch Europa jenseits der »Eisernen Vorhangs« mit enbezieht, ande­rerseits die Verdrängungen und Blockierungen gegenüber den Tatsachen der eigenen Geschichte und Zeitgeschichte aufhebt und die Leiderfahrungen der europäischen Nachbarn ins eigene Bewußtsein hebt. Insofern werden hier Prozesse eingeleitet, die historisch nicht umkehrbar sind - ganz unspektakulär hat die Reform doch stattgefunden.

1.43 Stagnation - Resignation - Erfolge vonRealpolitik

Doch eine Phase der Enttäuschung folgt in den achtziger Jahren. Der nächste Generatio­nenwechsel deutet sich schon an; zunächst aber ist es die Enttäuschung der Protagonisten der Reformphase. Sehr deutlich wird, daß es der hohe moralische Anspruch an die Politik der Nachkriegsrestauration, die »Verurteilung der Väter«,  notwendig macht, sich den glei­chen moralischen Maßstäben zu unterwerfen - und hier scheitert eine Generation, muß ver­sagen, da das Mittelmaß der eigenen Möglichkeiten im gesellschaftlichen Alltag nicht gene­rell zu überwinden ist, daß die Realitäten und das gesellschaftliche Beharrungsvermögen oft stärker sind als die eigene Kraft zur Veränderung. Die Biographien entsprechen nicht den eigenen Maßstä­ben, was erneut zu einer Phase der Verdrängungen und Lebenslügen führen muß.

Sloterdijks »Kritik der zynischen Vernunft«, der gnadenlosen Abrechnung mit dem herrschenden Machtzynismus und dem Plädoyer für einen Kynismus der Unterlegenen ist das bezeichnende Dokument für diese Periode. Diese Entwicklung ist aber gleichermaßen Reaktion auf Änderungen in der materiellen Situation. Erfährt die Generation des Auf­bruchs, daß Deutschland vom Mangel des Wiederaufbaus auf die Seite des materiellen Über­flusses der Privilegierten gerutscht ist, eine Tatsache, die moralische Bewsorgnis weckte und den Ruf nach »Solidarität« zur Leitidee des Jahrzehnts werden ließ, so ist jetzt die Erfahrung der gespalten Entwicklung handlungsleitend für eine kritische Intelligenz. Solidarität scheint materiell folgenlos zu bleiben, wie das Scheitern der »Dritte-Welt-Bewegung«, der Entwick­lungshilfe und im Innern der Programme für soziale Gerechtigkeit und Förderung der struk­turschwachen Regionen zeigt. Die Realität entwickelt sich genau umgekehrt: die Klüfte wer­den tiefer, die Not der Armen erdrückend, globale Sozialkatastrophen zeichnen sich ab und die »Grenzen das Wachstums« rücken greifbar nahe. Der Fortschritt verkommt zu ökonomi­schen Durchsetzungsstrategien und rasanter technologischer Innovation.

Die Aufbruchssituation der Endsechziger- und Siebziger Jahre hatte mehrere ge­sell­schaftliche Wur­zeln, von denen die Ablösung der von den Kriegsereignissen ge­prägten und traumatisierten Elterngenerati­on die zentrale Rolle spielte. Da­ne­ben sind aber andere Ent­wicklungen zu benennen. Das Wachstum der Wirtschaft und die sprunghaften technologi­schen Innovationen vergrößerten die materiellen Ver­teilungs­spielräume; gleichzeitig weitete sich der Bedarf an qualifizierten Fach­ar­beitern, Technikern und ökonomi­schen Führungs­kräften der mittleren Ebene ra­pide aus. Diese »neuen Mittelschichten« entwickelten ein aus­gesprochen »bür­ger­liches Bewußtsein«, das sich in funktionalistischen Gesellschaftsbildern, Lei­stungs­ideologie und Aufstiegsansprüchen mit z.T. exzessivem Konkurrenzdenken ver­band, aber andererseits der Generation der eigenen Kinder die materielle Si­tua­tion und den errungenen sozialen Status als gesichertes Eigentum vererben wollte.

Das war nur durch eine grundlegende Modernisierung und Liberalisierung von Ge­sell­schaft, Rechts­system und Bildungsinstitutionen möglich. Eine objektive Mo­der­nisierung der mitteleuropäischen Gesell­schaft ist zu verzeichnen, der keine kor­respondierenden Entwick­lungen in den Ländern des »real existie­renden So­zia­lis­mus«,Südeuropas und den außereuro­päischen Schwellenländern oder gar den Län­dern der Länder der »Dritten Welt« gegenüber­stand.

So entstand ein fundamentaler Dissens zwischen den Protagonisten des »Auf­stan­des«, die im Na­men ethischer Ziele wie Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden an­tra­ten und der Vä­tergeneration Bigotterie, Doppelmoral und politisch-moralisches Ver­sagen, vor allem mit Blick auf die nicht bewältigte NS-Vergan­genheit und die ak­tuelle Unterstützung militaristi­scher und faschistischer Regime in aller Welt im Na­men der »Freiheit«, vorwarfen - in ethi­scher Perspektive sicherlich zu Recht! - und der tatsächlichen materiellen und institutionel­len Modernisierung der Ge­sell­schaft, die vom liberalen Bürgertum getragen wurde. Nur vor­übergehen konn­te an dem Mißverständnis festgehalten werden, daß die Generation der Re­volte die Reform bewirkt hätten und daß das Bürgertum eine grundlegende Re­vo­lu­tio­nie­­rung der Gesellschaft hin­nehmen würde. Die ins Gewalttätig-Kriminelle ab­drif­ten­de extreme Linke (»Rote-Armee-Fraktion«) hatte da sicher ein zutreffendes Ge­spür für die fundamentale Widersprüchlichkeit der Motive und der Erklärung der sozialen Bewegung, auch wenn sie nicht in der Lage war, brauchbare Aus­we­ge aufzuzeigen oder zu leben.

Das offene und offensichtliche Auseinanderbrechen dieses gesellschaftlichen Wi­der­spruches war da nur noch eine Frage der Zeit. Gewisse außenpolitische Er­folgs­erlebnisse - Ende des Vietnamkrieges, Ablösung der Militärdiktatur in Grie­chen­land, Versanden der fa­schistischen Juntaherrschaft in Chile - nahm der ohne­hin brüchigen »Solidarität« der Re­former und Revolutionäre die emotionalen topoi und Feindbilder, so daß die eigene gesell­schaftliche Situation umso kri­ti­scher ins Bewußtsein trat.

Es zeigte sich, daß nicht das Ziel der zu mehrenden Gerechtigkeit und Liberalität das Ergebnis der Veränderungen war, sondern der soziale Aufstieg einer neuen und mächtig ge­wordenen »modernen Mittelschicht«, die ihren errungenen Status und ihre materiellen Privi­legien intergenerationell bei knapper werdenden Res­sour­cen und absehbaren »Grenzen des Wachstums« immer rigider gegen Ver­tei­lungs- und Aufstiegsforderungen nachrückender Schichten verteidigen. So endet die Forderung nach »mehr Gerech­tigkeit« mit der sich ab­zeichnenden »Zwei­drit­tel­gesellschaft«, die Forderung nach »mehr Demokratie« mit dem »Diktat der Sach­zwänge«, die Forderung nach Frieden mit Sozialkatastrophen und Bür­ger­krie­gen in der »Dritten Welt«: eine neue Spaltung der Gesellschaft zeichnet die neue Spal­tung der Welt beim abseh­bar werdenden Ende der Bedeutung des die fünf­ziger und sechzi­ger Jahre bestimmenden West-Ost-Konfliktes nach. Dieser Pro­zeß trägt immer mehr den Charakter einer Globalisierung spätindustrieller Ver­haltens- und Gesellschaftsformen, wie Konsumorientierung, Medienkonsum und »Über­information«, Öko­nomisierung der Kon­flikte, globale Verflechtung der Geld- und Kapitalströme, Technizismus und Entpoliti­sie­rung des gesellschaftlichen Le­bens. Diese Globalisierung ist konsequente Folge der Wachs­tumsbe­dürfnisse des In­dustrie- und Dienstleistungskapitals, des ungeheuren Finanzbedarfs der tech­no­logischen Innovationen und der eingeforderten Ansprüche auf globale Frei­zü­gig­keit für Kapital, Waren und Menschen (zumindest für die, die es sich materiell lei­sten kön­nen und in den globalen Marktprozeß produktiv einbezo­gen sind).

Das sind jedoch nicht alle; eine größer werdende Mehrheit der Menschen bleibt von dieser Entwick­lung ausgeschlossen, in ihrer Bewußtseinsentwicklung und in ih­ren subjekti­ven Ansprüchen an das Leben jedoch von den Leitbildern der Me­dien­kultur und den von ihnen vermittelten Werten der spätkapitalistischen In­du­strie­gesellschaft geprägt. Die Wider­sprüchlichkeit von Wertvorstellungen und ma­te­rieller Entwicklung wird offensichtlich und globalisiert sich zusehends.

Euro­pa wird in diesem globalen Prozeß notwendigerweise Partei. Das macht In­te­gra­ti­onsbewegungen und die Überwindung des Ost-West-Konfliktes folgerichtig. Doch tatsächli­che Politik folgt den Ereignissen kurzfristig im Sinne einer - oft kon­zeptionslosen - Krisen­bewältigung. Auch der Zusammenbruch des soge­nannten »Ost­blocks«, der schon immer nichts weniger als der monolithische Block war, als den ihn »der Westen« wahrnahm, folgte keiner historisch verantworteten po­li­ti­schen Konzeption, sondern war der durch - auch per­sonelle - Zufälle geprägte Ver­such, von Krise zu Krise immer hilfloser wechselnde Lösungs­wege und Zwi­schen­lösungen anzusteuern, bis der Verzicht auf Zusammenhalt und ver­ant­wor­te­te Machtausübung letzte verbliebene Konsequenz war.

Noch mißt sich aber Deutschland intellektuelle Elite an den Enttäuschungen über die verwirrenden und widersprüchlichen Ergebnisse des Reformaufbruchs; Ent­täu­schung wird zur persönlichen Resignation und zum Verzicht auf persönliche Uto­pien. Am Ende steht die globale Konzeptionslosigkeit und der Rück­zug in die Ni­schenkultur, die die kommende Entwicklungsphase, in der wir uns heute be­fin­den, prägen wird.

Doch konzipieren sich, wenn auch nur von vor allem bürgerlich-intellektuellen Min­derheiten getragen, Alternativen, die die Notwendigkeit, neue Le­bens­zu­schnit­te und univer­salisierbare Ziele zu suchen, erken­nen und sowohl im persönlichen Le­benskreis als auch in der Politik als »alternative oder grüne Bewegun­gen« rea­lisieren wollen. Das dies nicht aus einer umfassenden Problemsicht oder gar einer entwickelten ideologischen Perspektive her­aus geschieht und geschehen kann, zeigt sich in der inneren Zerrissenheit und Widersprüch­lichkeit, in der un­überschaubaren Vielzahl der repräsentierten gesellschaftlichen Min­der­heits­in­ter­essen der »Alternativen«. Doch entsteht hier ein unüberschaubares Reservoir an Problemdefini­tionen und politischer Phantasie, das zwar in der gegenwärtigen Si­tuation noch wenig zur gesellschaftli­chen Problemlösung beiträgt, aber sein Po­ten­tial in zukünftigen Belastungen und Gefährdungen des sozialen und po­li­ti­schen Friedens erweisen muß und kann. Vielleicht werden zukünftige alternative Ent­würfe für Europa und für die Stellung Deutschland in Europa abseits von na­tionalstaatlicher Verhärtung und ökonomistischer Hypertrophie aus diesem Po­ten­tial heraus entwickelt werden können.

1.44 »Alles geht« oder: »nichts wird begriffen« - Wo bleiben die Al­ternati­ven? Neue Nachbarschaften?

Augen­blicklich sind jedoch solche positiven Perspektiven auch nicht in Ansätzen zu erken­nen. Die Über­windung des Ost-West-Konfliktes bot keineswegs Anlaß zur Eupho­rie; nicht die Erfüllung einer lange er­sehnten Friedenshoffnung, des Ab­baus der gegenseitigen Bedro­hung wurde wahrgenommen, sondern die vorher nicht erahnten »neuen« Risiken: ökonomi­sches Vabanquspiel, soziale Deklassierung und Entstruk­turierung, zunehmende Unregier­barkeit und Unsteuerbarkeit der so­zioökonomischen Veränderungen - letztlich das Zufällige, nicht Geplante, Ziel­lose der neuen gesamteuropäischen Situation bei gleichzeitiger Relativie­rung der Le­gitimation der europäischen Machtstellung.

Deutsch­land wird von einem weiteren Generationswechsel geprägt. Der moralische Im­petus der neuen Vätergeneration ist fragwürdig geworden, zu sehr ist die Dis­so­nanz zwischen ethischem Anspruch und das eigene Alltagsleben bestimmender Re­signation und der Ab­wendung von eigenen Zielen und Werten spürbar. Krisen- und Angsterfahrungen stehen für die junge Generation nicht mehr in direktem oder indirektem Zusammenhang mit der ge­sellschaftlichen Traumatisierung durch die NS-Vergangenheit und den Zweiten Weltkrieg; der unmittelbare fa­mi­lien­bio­gra­phische Kontext geht immer mehr verloren; und was das Problematische dabei ist: nicht nur die Ereignisse werden »Geschichte«, mit der sich auch eine neue Ge­neration auseinandersetzen kann und muß, sondern der Konflikt um die Be­deu­tung von Geschichte überhaupt und der Konflikt über die daran zu messenden ge­sell­schaftlichen und ethischen Werte wird »Geschichte«, zu der es dadurch kei­nen verantwort­baren Zugang mehr zu geben scheint. »Geschichte« verliert ihre Individualität und Identität und wird zum unbegrenzt verfügbaren, der Will­kür ausgesetzten Vorrat von Bildern, Stories und Symbolen ohne begriffenen Sym­bolgehalt - von gleicher Realität wie die fiktionale Ge­schichte der Medien, ihren frei funktionalisierbaren - und damit kommerzialisierbaren - Leitbil­dern von Bonny und Clyde bis James Bond, von Mickey Mouse bis Ben Hur. Im kol­lek­ti­ven Bewußtsein geht in der Flut der sekundären, vermittelten Erfahrungen und Bil­dern das Realitätskriterium verloren, das »reale Leben« könnte identisch wer­den mit einer »virtual reality«.

Auch diese Entwicklung ist aus den technologischen und ökonomischen Ent­wick­lun­gen heraus nur folgerichtig. Die Realität wird virtualisiert und global ver­füg­bar. Die damit her­vorgerufenen Bedrückungser­fahrungen der Menschen werden in einer virtuellen und daher real folgenlosen nahezu unendlichen subjek­tiven Dif­ferenzierbarkeit aufgefangen, die für Freiheit ausgegeben wird und doch nur ein unüberschaubares, aber vorgefertigtes »Menu« von Scheinalternativen bietet, die von gleichen ökonomischen Verwertungsin­teressen und gleicher tech­no­lo­gi­scher Innovationsdynamik getragen werden. Reale Bedürfnisse werden auf das In­dividuum zurückverwiesen, das sich in einer historisch einschneidenden neuen In­di­vidualisie­rungsphase vor allem mit der Konstruktion einer als individuell er­leb­ten Umwelt d.h. persönlichen Realität zu befassen hat, wobei die notwendigen So­zialbezüge und Interak­tionsmuster eher als hinderlich erlebt oder in he­do­ni­sti­scher Weise ignoriert werden.

Was politisch dabei besonders problematisch erscheint, ist, daß jedem be­deut­sa­men - d.h. potentiell Veränderungspotentiale aufrufendem - Partikularinteresse eine vorgefertigte und daher ökonomisch inte­grierte subjektive Lösung an­ge­bo­ten wird (Politik als Show, Pro­duktdifferenzierung und öffentliche Be­wußt­seins­bil­dung durch Produktwerbung...).

Organisierter Widerstand auf der Grundlage des Postulats politischer Rationalität und ethischer Ver­antwortung gegen diese Universalisierung der Un­ver­ant­wort­lich­keit, die längst die politischen und ökonomi­schen Eliten mit einbezieht und in der die Anonymisierung der realen politischen und ökonomischen Ent­schei­dungs­pro­zesse, wie sie im langsamen Ver­schwinden der persönlichen Ka­pi­tal­eig­ner­schaft zu un­übersehbar rekursiv verflochtenen Kapitalgesellschaften und der Über­nahme der Besitzfunktion durch eine sich vom abstrak­ten »Kapitalinteresse« ab­hängig definierenden Managerklasse erkennbar wird, scheint derzeit nur auf der Ebene der Privatheit und des Rekurses auf die persönlich verantwortete Le­bens­führung oder im unkontrollierten Ausleben von Gewalt und blinden Iden­ti­fi­zie­rungen, wie sie sich in der zunehmen­den irrationalen Enthnifizierung po­li­ti­scher und sozioökonomi­scher Konfliktlagen deutlich zeigt, denkbar zu sein. Eine neue, gesellschaftlich durchsetzbare und wirkungsmächtige Definition des »Po­li­ti­schen« ist überfällig und zur Lösung der aktuel­len Problemlagen notwendig!

Was bedeutet das für Europa? Ein gesellschaftliches und politisches Konzept für die europäische In­tegration existiert in den politischen Eliten nicht mehr; mit wach­sendem Ab­stand zum Zweiten Weltkrieg schwindet das primäre Europa-Motiv der Friedenssicherung, des Antifaschismus und der Beseitigung der geistigen und materiellen Kriegsfolgen, wie sie z.B. für das deutsch-französische Verhältnis nach 1945 von ausschlaggebender Bedeutung waren. Auch das zweite Motiv, Be­haup­tung demokratischer Staats- und Gesellschaftsformen (und natürlich auch der Werte des marktwirtschaftlichen Kapitalismus) gegenüber dem Sta­linismus und später dem »real existierenden Sozialismus« (einer der in sich selbst un­ge­wollt iro­nischsten politischen Verschleierungsfloskeln der Nachkriegszeit!), ver­schwand mit dem Ende der poli­tisch-ökonomischen Ost-West-Konkurrenz. Aber um­fassender theoretischer Begründungen bedarf Europa gar nicht mehr, In­te­gra­tion innereuropäische Willensbil­dungsrituale sind eingespielt und selbst­ver­ständ­lich. Die ökonomische und technologisch Abhängigkeit der Einzelstaaten vom euro­päischen Markt und die grenzüberschereitenden Kapitalverflechtungen ma­chen Alternativen zu Europa unvorstellbar; es geht bei politischen Kontroversen nur noch um Alternativen in Europa.

2. Perspektive auf Europa:
Urteile über Deutschland - Änderung der Po­litischen Kultur?

2.1 Europa vor grundlegenden Richtungsentscheidungen

Das Selbstverständnis Europas ist ebenso fragwürdig wie brüchig geworden wie auch die reale weltpoliti­sche Situation des »Alten Kontinents«. Starres Festhalten an alten National­staatskonzepten, deren Un­tauglichkeit weltweit immer aufs Neue erwiesen wird, ähnelt eher dem furchtsamen Starren des Kanin­chens auf die Schlange als einer erweisbaren politischen Zukunftsperspektive.

Europa steht vor grundlegenden Neuorientierungen und scheint sich dessen noch nicht einmal bewußt zu sein. Umso problematischer ist einerseits das permanente Versagen der politischen Eliten wie auch der Unfähigkeit der Wissenschaft zur sachgerechten und reali­tätsangemessenen Politikberatung. Gerade die Politik- und Sozialwissenschaftler - zu denen der Verfasser zählt, was dieser Aussage einen Aspekt der grundsätzlichen Selbstkritik gibt - haben die schnellen und einschneidenden Veränderungen in Europa nicht erwartet und nicht vorausgesehen, haben das Ende des Ost-West-Konfliktes in dieser Form eher mit Un­verständnis begleitet und stehen bis heute der veränderten Situation skeptisch, ungläubig oder ableh­nend gegenüber. Diese Stellungnahme wäre gerechtfertigt - und wohl auch be­gründbar und notwendig -, wen  ihr eine gründliche Situationsanalyse zu Grunde liegen würde; doch resultiert sie bislang vornehmlich emotionaler Ablehnung, Ressentiments ge­genüber der - unbegründet - auftrumpfenden »Siegerpose« konservativer Kreise und ver­drängter Scham vor der eigenen Unfähigkeit, die europäischen Entwicklungen vorausgese­hen oder gar mitgestaltet zu haben.

Das läßt die Überlegung dringlich werden, ob nicht Ursache dieses Versagens nicht nur in den schon dargestellten Prozessen des allgemeinen Realitätsverlusts zu suchen sind, son­dern einerseits in nicht mehr zeitgemäßen Vermittlungsformen der Politischen Bildung auch und gerade in unseren Schulen - und das trifft sicher nicht nur für Deutschland, sondern ebenso für die Schulen unserer europäischen Nachbarn zu! - wie andererseits auch in nicht funktionsfähigen Institutionalisierungen der Rekrutierung unserer politi­schen Eliten. Das Muster der »Parteiendemokratie« hat zur Gestaltung einer funktionierenden und problem­lösenden politischen Kultur immer weniger beigetragen; hier rächt es sich, daß die Reform­ansätze der Siebziger Jahre, die unter den Schlagworten »Demokratisierung der Gesellschaft« und »mehr Demokratie wagen« im Opportunismus der tagespolitischen Mehrheitsfindung untergegangen und von um Privilegien­erhalt bemühten konservativen Schichten diffamiert und anathematisert worden sind. Hier hätten sich vielleicht neue, funktionsfähige Wege der Bildung der politischen Handlungselite finden können.

Zum Teil sind bei deutschen Intellektuellen beinahe kindische Trotzreaktionen zu be­obachten, die vom Spiel mit rechtskonservativen bis neofaschistischen topoi und entspre­chender Verbalsymbolik bis hin zum Wunderglauben reichen, die Situation eines status quo ante ließe sich wieder rekonstruieren. Doch die Einsicht, daß die »Wende« vollzogen ist - ob sie nun politisch akzeptabel oder nicht erscheint -, rechtfertigt weder naive, rückwärtsge­wandte Fundamentalopposition, noch opportunistisches ›Für-Gut-Halten‹ aller gesellschaft­licher Entwicklungen der Gegenwart. Es bedarf mehr denn je der rationalen Analyse der Wir­kungsfaktoren in der Gesellschaft wie in der Weltpolitik, der Handlungsspielräume und Gestaltungspoten­tiale wie der gesellschaftlichen Diskussion und Kommunikation über die wichtigen Zukunftsfragen im Vor­feld der politischen Willensbildung.

2.2 Europa als Wirtschaftsraum?

Die europäische Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte zunächst zwar aus idealisti­schen Gründen - deutsch-französische Aussöhnung, Rettung der europäischen Werte vor der nationalsozialistischen Hypo­thek -, wohl auch bei führenden Politikern wie Schuman oder Adenauer aus pragmatischen Gründen, in der Erkenntnis, daß eine sichere Nachkriegsord­nung nicht den gleichen Fehlern wie der Friedensordnung des Versailler Vertrages nach dem Ersten Weltkrieg verfallen dürfte, der Radikalismus und übersteigerten Na­tionalismus evo­ziert hatte, doch in den ersten praktischen Schritten einer Integration allein auf ökonomi­schen Sektor - Montanunion, Euratom, Römische Verträge über die Europäische Wirt­schaftsgemeinschaft.

Einerseits war dies sicherlich ein richtiger Ansatz, der mit großem historischen Erfolg die Einsicht um­setzte, daß auf idealistische Stimmungen allein auf Dauer nicht zu bauen ist - die Europaeuphorie ist ja tatsächlich bald gewichen -, sondern daß es notwendig ist, gewoll­ten politischen Veränderungen eine solide materielle Basis zu schaffen. Europäische Integra­tion scheint heute irreversibel zu sein, da die öko­nomischen Interessen in allen Mitglieds­ländern der Europäischen Union auf den geschaffenen europäi­schen Binnenmarkt ausge­richtet sind und z.B. eine - hypothetische - Grenzschließung zwischen Deutsch­land und Frankreich oder auch zwischen den anderen Mitgliedsländern zum totalen wirtschaftlichen Zu­sammenbruch binnen weniger Tage führen würde. Wichtig ist es dabei hervorzuheben, daß diese Interde­pendenzen und Verflechtungen nicht als einseitige Abhängigkeiten ausge­bildet worden sind; das zeigt sich darin, daß einseitige ökonomische Erpressungen in Euro­pa kaum eine Chance haben. In soweit ist Europa solide konstruiert und sicher potenter und zukunftsweisender Kristallisationskern einer späteren EU-Erwei­terung nach Osten und Südosten. Bei dieser Frage sollte die EU auch ihre eigenen Interessen berücksich­tigen, daß eine Ausweitung der ökonomischen Verflechtung Vorteile bringt, die vorübergehenden Kapi­tal- und Strukturmitteltransfer in die ökonomischen Peripherien durchaus aufwiegt; aber auch, daß eine stär­kere ökonomische Integration mit den damit verbundenen sozioökono­mischen Entwicklungsperspektiven für die Bevölkerung ein gewichtiges Argument gegen ge­fährliche Trends zum Nationalismus und separati­stischen Radikalismus sein kann. Das soll­te Europa z.B. gegenüber den Südosteuropäischen Staaten und der Türkei erhebliche materi­elle Anstrengungen wert sein.

Andererseits verliert Europa durch den schieren Ökonomismus seiner heutigen Konzep­tion an Über­zeugungskraft und Integrationsdynamik. Alles Europäische wird heute leicht als ökonomischer Faktor defi­niert, was sich z.B. in der Kulturpolitik verhängnisvoll auswirkt, in der eine verflachte, ökonomisch rentable Massenkultur einer als Exotismus vermarktbaren Nischenkultur gegenüber gestellt wird, wobei die soziale und regionale Verankerung des Kul­turschaffens droht verloren zu gehen.

Ökonomie ist heute strukturell Vermachtet; die Großstrukturen des Kapitals, kaum noch personal kon­trolliert oder kontrollierbar und global anonymisiert, wirken als »Sachzwänge« auf die Politik und die gesell­schaftliche Entwicklung ein und übersteigen die europäische Dimension längst. Der Bedeutungsverlust der Politik hat hier u.a. eine seiner materiellen Wurzeln. Das bedeutet aber auch, daß die Politik allgemein und Europa im Be­sonderen letztlich seine Gestaltungs- und Krisenlösungskompetenz, damit auch seine Fun­dierung in den nicht mehr im Konfliktfall um- und durchsetzbaren Grund- und Menschen­rechten verliert, daß Verfassungen und Menschenrechtserklärungen letztlich tatsächlich nur noch »ein Stück Papier« sind, wie es die Feinde der Demokratie, wie es heute z.B. auch die »Ablehnungsfront« des islamische Fundamenta­lismus und der Aufstandsbewegungen in der »Dritten Welt« immer wieder behaupten. Das wäre aber ein zu hoher Preis für die europäi­sche Integration, den zu zahlen die europäische Geschichte verbietet.

2.3 Europa als geschichtliche Gemeinschaft?

Das Konzept des mitteleuropäischen Nationalstaates, wie er sich in der Ablösung der feuda­len und absolu­tistischen Gesellschafts- und Herrschaftsform als »bürgerlicher Staat« in der Neuzeit herausgebildet hat, ist in eine Krise geraten oder als funktionsfähiges Organisati­onsmodell obsolet geworden. Gerade die Univer­salisierung des Nationalstaates, der parallel zur Entwicklung des globalen europäischen Machtanspruchs im Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus, gefolgt von der Universalisierung des westeuropäischen, kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Ökonomismus - den Länder der »Dritten Welt«  durchaus als »Neokolonialismus« begreifen, auch wenn sie versucht sind, die materiellen Versprechungen dieser Wirt­schaftsform für sich ebenfalls einzufordern - zur einzigen akzeptierten Institution der politischen Partizipa­tion und Vertretung von Gruppen und Gruppeninteressen, die sich folglich als »Nationen« zu definieren haben, hat die Grenzen dieses Konzeptes umso deutli­cher werden lassen.

Die wachsende Zahl regionaler Konflikte, separatistischer Bewegungen und »ethnischer Unabhängig­keitskämpfe« macht deutlich, daß es gerade kein universalisierbares Konzept der Nation gibt. Die in der europäischen Geschichte entwickelte Hilfskonstruktion, als Grund­lage der Nation Ethnien anzunehmen, scheitert am immanenten Rassismus des Ethnienbe­griffes. Historischer Ort dieser nationalen Legende der gemeinsamen Abstammung, aus de­nen das ›jus sanguinis‹ abgeleitet wird, sind bezeichnenderweise in Europa diejenigen Regio­nen, in denen die staatliche Entwicklung seit dem Feudalismus nicht wie in Frank­reich oder England zu größeren, zentralstaatlich institutionalisierten Staatseinheiten geführt hat, son­dern wie in Deutschland in dynastischer Zersplitterung zerfielen, in denen also ein aus der Herrschaftsfunktion ableitbares Nationenkonzept nicht entstehen konnte.

Die radikale Konsequenz des ethnisch motivierten Nationalismus waren in Europa der Nationalsozia­lismus und die faschistischen Bewegungen, deren historisches Scheitern evi­dent ist und deren moralische Fundierung im diametralen Gegensatz zu den ebenfalls im bürgerlichen Staatswesen entwickelten Bürger- und Menschenrechten auf einen immanenten strukturellen Widerspruch im Nationalkonzept verweist.

Ethnisch begründete Konflikte z.B. auf dem Balkan oder in Südostanatolien zeigen nur zu deutlich, daß diese grundsätzliche Widersprüchlichkeit in der politischen Praxis verhäng­nisvolle Folgen hat. Die ideologische Faschistisierung der Konfliktgegner zeigt, daß die Ethnifizierung von - auch nachvollziehbaren oder gerechtfertigten - Sozial- und Partizipati­onskonflikten keine rationale politische oder den Menschen­rechtsforderungen adäquate Lö­sung zuläßt, sondern unweigerlich in Militarismus, Rassismus und ›ethnischen Säuberungen‹ endet. Es müssen Alternativen zur Universalisierung des Nationenkonzeptes und erst recht zur Tendenzen, Freiheitsansprüche an ethnische Gruppendefinitionen zu knüpfen, gefun­den werden, auch wenn das Nationalstaatenprinzip in der UNO eine globale Institutions­form gefunden hat und wenn auch Gegner der heutigen globalen Herrschaftsordnung - wie z.B. die Gesellschaft für bedrohte Völker - wie selbstverständlich vom Kontext des Ethnien­prinzipes zur Freiheits- und Rechtsausstattung ausgehen.

Europa hat nach dem Faschismus im Ziel der europäischen Integration durchaus die politisch richtige Konsequenz aus dem Versagen des Nationalstaatsprinzips gezogen. Der Ost-West-Konflikt trug jedoch zur Verhärtung des staatlichen Machtmonopols und zur Uni­versalisierung der - vom Staatsprinzip nur vorgeb­lich unterscheidbaren - Herrschaftsmodelle in Ost und West bei. Es blieb als politischer Handlungsrahmen für die europäische Integra­tion letztlich nur der Ökonomismus bestehen. So wurde weder staatsrechtlich noch poli­tisch die fruchtbare Zeit des ökonomischen Zusammenwachsen genutzt, um sich auch der Grundlagen Europas abseits eines obsoleten Nationalstaatsprinzipes zu versichern. Ein Aus­weg aus die­sem Dilemma ergibt die Einsicht, daß die Grundlage der europäischen Integra­tion nicht gemeinsame Abstammung oder gemeinsame Kultur sein kann, sondern das ge­meinsame Erleben der Geschichte, gerade auch der historischen Belastungen und Bedrohun­gen, wie sie im 20. Jahrhundert der Faschismus darstellte: also ein Europa der gemeinsamen Verantwortung vor der Geschichte!

2.4 Europa als »Festung der Privilegierten«?

Europa steht seiner Geschichte ambivalent gegenüber. Die Tragödien der europäischen Ge­schichte, zu denen in der Neuzeit die sozialen Kosten der Industrialisierung, der Blutzoll von Revolutionen und Reaktion und die Tragödie der kolonialen Ausbeutung der Welt, zu denen im zwanzigsten Jahrhundert zwei Welt­kriege, Faschismus und Nationalsozialismus, Stalinismus, die atomare Hochrüstung und die Beteiligung an Kriegen und Bürgerkriegen weltweit unter dem Zeichen des Ost-West-Konfliktes gehören, können Anlaß und Erfah­rungshintergrund genug sein für zukunftsorientiertes und verantwortbares politisches Han­deln.

Doch auch hier droht eine Pervertierung der politischen Konzeptionen, wenn nicht die Tragödien der Geschichte erinnert und bewußt erhalten werden, sondern wenn Geschichte verdrängt und der beispiellose heutige materielle Wohlstand, die technologische Dominanz - die heute mit den USA und Japan geteilt ist - und die Rolle im weltweiten Machtgefüge als Erweis für die moralische Überlegenheit und für die Notwen­digkeit für einen »Schlußstrich unter die Vergangenheit« oder ein »Ende der Geschichte« fehlgedeutet werden: wenn Europa seine Situation also als naturgegebenes (eventuell rassistisch motiviertes) oder (durch morali­sche Überlegenheit der Marktwirtschaft oder des Christentums) rechtmäßig erworbenes Vor­recht versteht und sich berechtigt fühlt, mit allen Mitteln für den Erhalt dieser Privilegien zu kämpfen.

Das führt zu der schon heute verbreiteten Ideologie der zu schützenden »Wertegemeinschaft« Europa, deren Wertorientierungen zu Abgrenzung und Abschottung legitimieren und verpflichten. Irgendwo entste­hen dann die neuen, hochgerüsteten Trennli­nien, die die Habenden von den Nichthabenden, die Mächtigen von den Ohnmächtigen, die Zentren von ihren Peripherien schützen sollen: der neue »Limes«, wie ihn Rufin in sei­nem schockierenden Buch Das Reich und die neuen Barbaren nachzeichnet, und dessen ge­schichtlich zum Scheitern führende innere Widersprüchlichkeit und Absurdität er nur zu genau darstellt. Aber aus der Ideologie der Angst und Schutzsuche ist nur schwer ein Ausweg zu finden; das Schengener Abkommen der EU, die Asylgesetze der Bundesrepublik Deutsch­land mit ihren erweiterten Abschiebemög­lichkeiten in »sichere Drittstaaten«, der Elektro­zaun zwischen Mexiko und den USA und die verschärften Grenzsicherungen zwischen Deutschland und Polen, Deutschland und der Tschechischen Republik  sind Erweise dafür, daß die »Limes-Ideologie« weithin schon zur herrschenden Politik geworden ist.

2.5 Europa als Verantwortungsgemeinschaft?

Allein die Berufung auf die Erfahrungen mit der Geschichte und die Verantwortung vor der Geschichte wird die Probleme einer »Europäischen Wagenburg« nicht lösen können, genau­so wenig wie extensiver forma­ler Liberalismus, der als Laissez-faire-Politik nur wenig geeignet ist, irrationale oder auch persönlich be­gründbare Ängste abzubauen und Zukunftsvertrauen in einer desorientierten und an der gesellschaftlichen »Unübersichtlichkeit« verzweifelnden Bevölkerung zu wecken und Mut zu politischen Verhalten zu machen.

Leichte Lösungen kann niemand anbieten, die historische Situation ist riskant und wi­dersprüchlich, vielleicht auch absurd. Die Option der Resignation und des Hedonismus kann zwar individuell eingelöst werden, ist aber als gesellschaftliches Leitziel unbrauchbar und trägt in keiner Weise zur Problemlösung bei. Doch könnten Einsichten in die struktu­relle Handlungsunfähigkeit der Politik in einer in funktionale Subsysteme dezentral zerfal­lene Gesellschaft, wie sie Niklas Luhmann analysiert, auch für die Gesellschaft eine solche »Nicht-Handlungs- und Nicht-Verantwortungs-Option« als einzig offen stehende Perspektive erweisen.

Geschichte zeigt jedoch immer wieder, daß solcherart apodiktische Kategorien von den Realitäten schnell eingeholt werden, daß der Erweis einer logischen Konsequenz noch nicht zur Ausrichtung des gesellschaftlichen Verhaltens an der Logik bedingt. Es bedarf, wir be­tonten es schon, einer neuen Bestim­mung des »Politischen« als der zentralen Handlungska­tegorie für gesellschaftliche Problemlösungen. Diese neue Begriffsbestimmung beinhaltet si­cherlich eine Abkehr von überkommenen und obsoleten politi­schen Begriffen wie »Nation«, »Volk« oder »Ethnie«, dafür aber neue Bestimmungen von Gruppen- und Menschenrechten, Partizipationsansprüchen und einer Liberalität, die sich als gegenseitige Verantwortung von Individuum und Gesellschaft, einer neuen Machtbalance zwischen Individualisierung und Universalisie­rung beinhaltet: also aus Geschichte schöpfender Verantwortung für die ge­meinsame Zukunft.

3. Konzeptionen für Europa:
Deutschland und seine Nachbarn - Mög­lich­keiten der Begegnung

3.1 Gesellschaftlichen Wandel verantworten!

Den Abschluß dieses Textes sollen in ganz knapper Form Hinweise auf drei politische Grundforderungen stellen, die der Verfasser aus den - sicher in der Kürze des Raumes nur sehr exkursorisch vorgestellten - analytischen Perspektiven und Problemzugängen gezogen hat.

Zentrale Einsicht der bisherigen Überlegungen ist, daß innenpolitische, gesellschaftliche Strukturen und Probleme nicht nur im unauflösbaren Kontext mit weltpolitischen Konflikt­lagen und gesellschaftlichen Universalisierungs- und Globalisierungsprozessen stehen, son­dern daß diese auch den Rahmen für das aktuelle politische Verhalten, für die zur Verfü­gung stehenden Verhaltensoptionen und für die Ressourcen politischen Handelns darstel­len. Die Vielfalt und Differenziertheit der europäischen Geschichte ermöglicht dem heute Handelnden eine Vielzahl von Verhaltensalternativen. Dieses muß prinzipiell als das Pfund Europas gesehen werden, mit dem der Kontinent wuchern kann - nicht die einzelnen »Errungenschaften« oder »Reichtümer«! Dabei darf innergesellschaftlich Vielfalt, d.h. Plura­lität, nicht als Irritation, nicht als Teil der »Unübersichtlichkeit« wahrgenommen werden. Im Gegenteil, Vielfalt ist die Freiheit, die verantwortete Problemlösung benötigt, Pluralität ist die Voraussetzung des notwendigen gesellschaftlichen Wandels, den Europa verantworten muß. Gesellschaftlicher Wandel heißt, erneut ein Bewußtsein für gesellschaftliche Ungerech­tigkeiten, für nicht legitimierte und strukturelle Macht­verhältnisse zu entwickeln und ihnen eine bewußt erlebte Liberalität der gerecht verteilten Ressourcen und Handlungspotentiale gegenüber zu stellen. Nur eine solche reformierte Gesellschaft kann sich in Zukunft der in­ternationalen politischen und kulturellen Konkurrenz stellen und »europäische Grund­werte«, Bürger- und Menschenrechte, als lebenswerte Gesell­schaftsform vorleben. Vielleicht erübrigt sich dann eine »Festung Europa«?

3.2 Zivilisationsprozesse bewußt erleben und steuern!

Der Widerspruch, die Notwendigkeit des innergesellschaftlichen Wandels zu erkennen und die mangeln­den Möglichkeiten, diesen gegen subjektive Interessen einer traumatisierten Weltgesellschaft durchsetzen zu können, erleben zu müssen, den Verfall des »Politischen« mitzuerleben und eine Neubestimmung eben dieses »Politischen« zu fordern, ist mit dem Rekurs auf die Einsicht der Notwendigkeit eines gesellschaftli­chen Wandels und einer neuen Reformphase nicht aufgehoben.

Es ist der Widerspruch zwischen den Notwendigkeiten, die sich aus den Wandlungen und Gefähr­dungen der materiellen und strukturellen Situation der Gesellschaften, ihren Konflikten und Verteilungs­kämpfen ableiten lassen, und ihrer Rezeption in diesen Gesell­schaften, in denen Realitätswahrnehmung permanent am Erfahrungs-, Deutungs- und Sym­bolrepertoire der kollektiven geschichtlichen Erfahrung gemessen wir und wo aus der erleb­ten und biographisch verarbeiteten und beurteilten Dissonanz zwischen Aktualität und Po­litischer Kultur die eigentliche Realitätsdefinition erfolgt, die für die Gesellschaft »Wahrheit« bedeutet. Dieses Problemfeld kann an dieser Stelle nicht aufgearbeitet werden. Lösungsper­spektiven ergeben sich aus der Einbeziehung zivilisationstheoretischer Ansätze (Elias), in denen sich die Wandlungen der Subjektivität als gesetzmäßiger und analysierba­rer, damit aber auch politisierbarer Prozeß darstellen läßt, abseits von vulgärmarxistischer deterministischer ›Ableitung‹ des Bewußtseins aus der ökonomischen Situation, die das Phä­nomen der Enkulturation ebenso vernachlässigt wie der permanenten »Erschaffung der Rea­lität« durch interaktiv vollzogene Situationsdefinitionen und kollektiv verfügbare »Symbole der Bedeutung«. Die Frage nach der Gültigkeit zivilisatorischer Standards im gesellschaftli­chen Zusammenleben stellt sich damit nicht mehr primär ethisch-normativ oder dogma­tisch, andererseits aber auch nicht kulturrelativistisch mit Berufung auf die »Berechtigung des Faktischen« (banaler Faktizismus), sondern als für die Individuen wie für die Gesell­schaft wertbesetzter historischer Prozeß, der sich in Kom­munikation und Interaktion aus­drückt und entwickelt und sich immer wieder an der veränderten materiellen und strukturel­len Situation der Gesellschaft messen und variieren lassen muß. Dieses ständige Span­nungs­verhältnis zwischen Faktizität und Bedeutung (Realitätsdefinition), das in der Herrschafts­ordnung auch die Notwendigkeit des ständig neuen Auswiegens der Machtbalancen in der Gesellschaft beinhaltet, ist der Kern der Dynamik des »Politischen«, die Summe der Pro­blemlösungskompetenz und der politi­schen Veränderungsfähigkeit einer Gesellschaft.

Zivilisatorische Standards können, nach Elias, zwar nicht als »besser« oder»schlechter« klassifiziert, jedoch am Maßstab der realen gesellschaftlichen Probleme als »differenzierter« oder »weniger differen­ziert« oder auch als »angemessen« oder »anachronistisch« bewertet werden. Das bietet das Motiv, abseits vom banalen Entwicklungsbegriff, der in der »Dritte-Welt-Theorie« seine mangelnde Eignung und seinen immanenten, diskreditierlichen Ideolo­giegehalt erwiesen hat, die aktuelle Zivilisiertheit gesellschaftlichen Verhaltens zu überprüfen und kommunizierbar zu machen. Das ist besonders für die grundsätzliche Aus­einanderset­zung über die universelle Gültigkeit von Bürger- und Menschenrechten wichtig, sinnvoll und notwendig, der der »Kulturrelativismus« die These vom Eigenwert und Eigensinn jeglicher Kultur entgegen­setzt. Im Zusammenhang mit dem politischen Ziel des Interkulturellen Ler­nens muß dies noch erörtert werden! Hier sei abschließend festzuhalten, daß ein nicht kommunizierbarer Dogmatismus der Menschen­rechte ebensowenig zu ihrer Verbreitung bei­trägt, als auch der Verzicht auf die Menschenrechtsforderung und ihre Beschränkung auf das »Eigene« in unerträgliche gesellschaftliche Widersprüche führt, deren Konsequenzen Rufin schon erläutert hat. Zivilisationsstandards und Bürgerrechte sind zwar Ergebnisse von histo­risch verfolgbaren Zivilisationsprozessen, aber nichtsdestoweniger alles andere als zufällig oder will­kürlich (oder auch willkürlich austauschbar), sondern zentraler Bestand der Realität und der Wertorientie­rungen jeder Kultur und Gesellschaft, Ergebnis auch der jeweils eigenen Enkulturationsprozesse. Erst die Entwicklung einer institutionalisierten zivilisatorischen Kommunikation weist den Weg zum rationalen Um­gang mit der Wertordnung und die Möglichkeit einer Entkoppelung vom Machtprozeß und ihrer Funktiona­lisierung durch Herrschaftsinteressen. Muster für ein solches rationales gesellschaftspolitisches Verhalten mit weitreichenden Konsequenzen auch für das internationale Zusammenleben und die not­wendige Weiterentwicklung der herrschenden Weltordnung bieten die vielfältigen Erfahrun­gen, die die Sozialwis­senschaften und die Pädagogik mit den Problemen der Akkulturati­onsprozesse gemacht haben: Der Aus­weg aus der Zivilisationsproblematik liegt im Interkul­turellen Lernen.

3.3 Interkulturelles Zusammenleben erlernen!

Akkulturationsprozesse hat es immer gegeben, wie es auch immer Migrationen, Flucht und Völkerwande­rungen gegeben hat. Zu einem universellen Problem ist diese Mobilität der Menschen - die im inneren er Staaten sogar aus ökonomischem Kalkül dringend gefordert wird, wobei heute der europäische Binnen­markt schon zunehmend als ein solcher Mobili­tätsraum verstanden wird - erst durch die Universalisierung des Nationalstaatsprinzips ge­worden, mit dem ganz konkret und völkerrechtlich verbindlich Territorium, Bevölkerung und effektive Herrschaftsordnung aufeinander bezogen und dem Begriff des Staates (bzw. der Nation) subsumiert wird.

Erst unter diesen Vorbedingungen wird Akkulturation zu einem strukturellen »Fremdkörper« in einer idealtypisch als homogen verstandenen Staatsbevölkerung, als An­passungsforderung an den Immigranten. Doch ist Migration nicht die Ausnahme, sondern weltweit Mehrheits- und Massenschicksal, das durch größer gewordene Staatsterritorien und Freizügigkeitsräume zwar im Bewußtsein zurückgestuft, prinzipiell aber nicht verändert wor­den ist; im Gegenteil, materielle Not, Machtkämpfe und Gruppenrivalitäten in den ökono­mischen Peripherien schaffen neue Migrationsanlässe, neue Grenzen, die Menschengruppen ausdif­ferenzieren und eine Universalisierung der Desintegration und Entsolidarisierung be­treiben. Die Forderung an die kollektiven Akkulturationsleistungen steigen. Akkulturations­prozesse bestimmen im zunehmenden Maße die gesellschaftliche Kommunikation und In­teraktion auch in den sich nationalstaatlich mit dem ius sanguinis abgrenzenden mitteleu­ropäischen Staaten, eine neue Forderung an uns alle, uns über unsere eigene Kultur und ihr Verhältnis zum »Fremden« klar zu werden: eine Forderung nach einer Entwicklung der all­gemeinen Interkulturellen Bildung.

Damit wird aber das Grundprinzip der Interkulturellen Bildung deutlich: das dialekti­sche Ver­hältnis von Verpflichtung zum gesellschaftlichen Handeln und der Zumutung zur Selbstverände­rung: selbst Subjekt und Objekt des Bildungsprozesses zu sein! Ein Erfolgrei­cher Prozeß des Inter­kulturellen Lernens wird einerseits weder zur kulturellen Nivellierung und erzwungenen Anpas­sungsleistung führen, noch die betei­ligten gesellschaftlichen Grup­pen unverändert lassen; nur daß hier nicht eine Gruppe der anderen ihr Veränderungskon­zept aufdrängt (z.B. durch erzwungene Integration), sondern daß die Notwendigkeit zivili­sierten Zusammenlebens einen andauernden Prozeß in Gang setzen muß, dessen Ende und Ergebnis sicherlich nicht abzusehen ist. Das setzt damit auch eine deutliche Abgrenzung ge­gen naive Konzepte der multikulturellen Gesellschaft, in der ein absolut gesetzter Kulturre­lativismus angeblich feste kulturelle Iden­titäten gegeneinander abgrenzen und schützen will. Diese Konzepte erinnern oft an, im Sinne der politi­cal correctness emanzipativ formulierte Apartheidstrategien, und im Kern sind sie dies auch. Dieses Identitäts­konzept ist zutiefst ahistorisch, oft sogar durch Ethnizismus geprägt, der fließend in Rassismus übergehen kann. Da hier immer gesellschaftliche Gruppen unterschiedlicher Durchset­zungschancen gegen­über ste­hen, führt dies zum patriarchalischen Prinzip der ungeforderten und unbefragten Fürsorglichkeit, die im Kern zur Perpetuierung bestehender sozialer Ungleichheiten und Herrschaftsverhältnisse führt. Ein Teil der tierre-monde-Bewegung hat damit unversehens überkommene koloniale Bewußtseinsformen in ungleiche Hilfe und kulturellen »Naturschutz« für den »friedlichen und nützlichen Exoten« übergeleitet.

Das schützt letztlich nicht nur die kulturelle Differenz, sondern ebenso die bestehen­den Privi­legien im Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen und Partizipationsmöglich­keiten. Politi­sche Strategien kön­nen sich ehrlicherweise nur auf den Abbau von Herrschafts- und sozialen Un­gleichheitsstrukturen und auf die aktiv fördernde Erweiterung der gesell­schaftlichen und interna­tionalen Partizipationsrechte und -mög­lichkeiten der historisch und sozioökonomisch Benachtei­ligten und Marginalisierten richten, auch wenn dies gleichzeitig Kulturwandel und eine Verstär­kung von Universalisierungstendenzen in den betroffenen Gesellschaften bedeutet. Die gegenläu­figen Individualisierungstendenzen müssen sich aus den Kulturen selbst heraus im fortdauernden Zivilisationsprozeß artikulieren. Interkulturel­le Bildung muß sich vor dem emotionalen Konzept der Fürsorglichkeit, als Form der Fremdbestimmung, hüten und statt dessen auf Konzepte der andauernden offenen Kom­muni­kation, Interaktion und Partizipation bestehen, will sie nicht in den Verdacht eines Vehikels euro­zentrischer Abgrenzugs- und Ausschließungsstrategien geraten, die das poli­tisch-kulturelle Primat der »reichen Welt« über »die Anderen« absichern und die sozioöko­nomische Spaltung der Welt als universalisiertes Strukturprinzip verewigen will. Nur wenn der Identitätsbehauptung eine real gelebte soziale Welt mit kommunizierbaren Sinn- und Erlebniszusammenhängen zugrunde liegt - wobei soziale Welten grundsätzlich als sich rege­nerierende oder neu generierende Prozesse zu verstehen sind -, wird interkulturelles Zusam­menleben nicht zur herrschaftsdominierten Kulisse domestiziert.

„An die Fersen dieser Identitätssuche heftet sich eine Art Postmoderne von oben, die insze­niert, was nicht schon von selbst geschieht. Versatzstücke abgestorbener Traditionen zi­tieren eine ebenso anhei­melnde wie entschärfte Pluralität der Lebensformen herbei. Was ernsthaft war, wird albern. ... Nur wenn man die selbsterzeugten Dunkelzonen der identifi­katorischen Begierde dem Licht der Enttäuschung aus­setzt, kann die erstrebte Pluralität der Lebensweisen, die Differenzie­rung von Denk- und Lebensstilen, mehr sein als der verständli­che Wunsch nach alternativen For­men der Gemütlichkeit.“ [Wolfgang Engler, Die zivilisato­rische Lücke. Frankfurt a.M. 1992, S. 148f.]

Aber ist diese machtgesteuerte Identitätszumutung nicht noch viel gefährlicher, als sie, inner­gesell­schaftlich auf die Bundesrepublik prononciert, Engler hier darstellt? Ist nicht auch die Ethni­fizierung als Kampfmittel der Differenzierung gegen fragwürdig gewordene, sozioökonomisch zerfallende Staatsgebilde und ihre Vereinheitlichungsansprüche eine Art Identität von Oben, die den gruppenegoistischen Kampf um die knappen gesellschaftlichen Herrschafts- und Überlebens­ressourcen kaschiert und überhöht, ebenso albern wie tödlich?...

Diese Frage stellt sich in aller Konsequenz im zerfallenden ost- und südosteuropäischen Machtbe­reich, in Jugoslawien, Tschetschenien und anderen Bereichen Rußlands - wie auch in der Türkei im Kon­flikt um kurdische Autonomiebestrebungen, die erst durch schrittweise Ethnifizie­rung von beiden Seiten her ihre politische Lösbarkeit verlieren. Hier helfen aber nicht mehr Bil­dungskonzeptionen, sondern hier ist es Aufgabe der Gesellschafts- und Poli­tikwissenschaften, Aufklärung zu ermöglichen und Handlungsfelder aufzuzeigen. Umso wichtiger ist es, Konzepte der Interkulturellen Bildung und der Didaktik des Interkulturel­len Lernens kontextuell einzubinden in politik- und gesellschaftswissenschaftliche Frage- und Problemstel­lungen und ihre unmittelbare Konkretisierung z.B. auf konkrete Fragen des Ku­lturkontaktes zwischen Kul­turräumen und Gesellschaften wie den Nachbarn Deutschland und Polen.

Erweiterter Text eines Vortrages am Mo., 13.03.95,  in Wolfshagen (Langelsheim), im Lehrerfortbildungskurs des ›Niedersächsischen Landesinstituts für Lehrerfortbildung, Lehrerweiterbildung und Unterrichtsforschung‹
(
»Unsere europäischen Nachbarn aus Polen in Niedersachsen«)

 

pua 1-2/94

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell  1994 [ISBN 3-9804023-2-0] Printausgabe vergriffen

Wandlungen der Politischen Bildung I

Zur Geschichte des türkischen Schulsystems [ISBN 3-9804023-1-2] Printausgabe vergriffen

Internetausgabe:   - Letzte Überarbeitung: 10-08.2004 / 29.06.2011 / 08.08.2011
Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender; Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009). Kontakt vgl. Impressum (vgl. Seitennavigation)

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de I

    Zur Textgestaltung und zur rechtlichen Distanzierung
von "gelinkten" Seiten vgl. Impressum.

Alle Rechte Vorbehalten

Top    

Seitennavigation:

zurück und weiter: Zurück ] Nach oben ] Weiter ]
übergeordnete Ebene: Home ] Inhalt: File Map ] Heftübersicht ] Autorenverzeichnis ] Publikationen ] Impressum ] Verbandsinformation ] Marginalien ] Rechtsradikalismus ] Polen ] Polnische Nationalkultur ] Dritte Welt ] Staatsgesellschaft ] pua 2011 ] pua 2010 ] pua 2005 ] pua 2004 ] pua 2003 ] pua 2002 ] pua 2001 ] pua 2000 ] pua 1999 ] pua 1998 ] pua 1997 ] pua 1996 ] pua 1995 ] pua 1994 ] pua 1993 ] pua 1992 ] pua 1991 ] pua 1988 ]
gleiche Ebene: Türkische Schulen ] Polnische Krise ] [ ...ganz anders ] Rezensionen ]

untergeordnete Ebene:

Web-Fassung: 20.09.2011 - Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. <bismarckschule.voigt@gmx.de>