Ausdruck für die Machtschwäche des sozialistischen Systems oder des
Versuchs zur Herbeiführung und Beschleunigung des Niedergangs des Kommunismus?
Als auslösendes Moment für die Krise der siebziger Jahre
wird die Verschuldenspolitik Edward Giereks angesehen. Sie führte zum
ökonomischen Niedergang, der in die gesamtgesellschaftliche Krise einschließlich
des totalen Verlustes affektiver Machtquellen der Staatsmacht einmündete. Folgende
These kann dazu formuliert werden: In der Gierek-Ära hat die polnische Auslandsverschuldung
eine Verschärfung innergesellschaftlicher Probleme bewirkt und in dessen
Folge die Legitimation sowie die Kompetenz der Regierung und damit des Staates
in Frage gestellt. Sie wurde zum Prüfstein in der Verschiebung der
Machtbalancen und führte von der latenten zur offenbarten Instabilität der
Machtstrukturen des Staates.
In der polnischen Gesellschaft wurde der Eindruck
hervorgerufen und manifestiert, daß eine Regierung, die mit der Wirtschaftspolitik
nicht fertig werden und mit Auslandsschulden nicht umgehen kann, inkompetent
sei. Andererseits genießen Regierungen in Polen generell nicht den Ruf hoher
Kompetenz. Insoweit ist dieses also nichts Neues. Die Modernisierungspolitik
Giereks, mit dem Ziel, durch Öffnung gegenüber dem Westen Anschluß an dessen
Entwicklung zu finden, stellt dadurch den Anfang von Ende kommunistischer Herrschaft
in Polen dar.
Die Kreditaufnahmen des Staates waren etwa bis 1975
finanztechnisch vertretbar. Die Tatsache, daß ca. 60 Prozent der gesamten
Kreditsumme nicht investiv verwendet worden ist, stellt ein weiteres Problem
dar. Mit Beginn der zweiten Hälfte der siebziger Jahre begann die Kreditschlinge
zu wirken. Die Frage ist nun, inwieweit diese Problematik der polnischen Macht-
und Funktionselite bewußt war oder ob diese sich zumindest wissentlich in die
Kreditschlinge begeben hatte, weil man damit die Hoffnung verband, aus der
übrigen ökonomischen Misere einen Ausweg zu finden.
Die Politik der Kreditaufnahme war zweifellos ein
Vabanquespiel. In Polen wurde die Vergabe von Krediten durchaus als ambivalent,
d.h. auch als Waffe des kapitalistischen Westens gegenüber dem sozialistischen
System empfunden. Sie war im Westen aber nicht von vornherein als solche
konzipiert worden. Dieses hätte dann einen Konsens zwischen gegeneinander
konkurrierenden Machtgruppen - Staaten und Banken - zur Voraussetzung haben
müssen, der kaum durchsetzbar gewesen wäre. Es kann damit als gesichert
gelten, daß seitens des Westens mit der Kreditvergabe an die RGW-Länder
zumindest primär keine politischen Strategien verbunden waren. Die
Auslandskredite der siebziger Jahre stellten für die westliche Kreditwirtschaft
ein ganz normales Auslandsgeschäft dar, wie auch die Kredite mit der Dritten
Welt - nach den zum damaligen Zeitpunkt gültigen Kriterien. Die
US-amerikanischen Banken haben gegen Ende der siebziger Jahre noch mit hohen
Zinserträgen gerechnet. Europäische Banken - vor allem französische und
britische - haben sogar aus dem Afrikageschäft mit Erträgen gerechnet. Auf
dieser Ebene ist auch das Osteuropageschäft westdeutscher Banken
einzuschätzen. Niemand kann gegenwärtig absehen, ob z.B. China nach der Jahrtausendwende
noch kreditwürdig sein wird oder ob die gegenwärtig vergebenen Kredite dann
ebenfalls (partiell) abgeschrieben werden müssen.
Die in Polen kolportierte Aussage Zbigniew Brzezynskis,
man müsse dem Osten nur genügend Kredite geben, um ihn ökonomisch in die Knie
zu zwingen, soll er gegenüber polnischen Journalisten erst gemacht haben,
nachdem der Systemzusammenbruch
offenkundig war. Für den Berater des früheren Präsidenten Jimmy Carter wäre
eine solche Äußerung zu einem Zeitpunkt, an dem man noch von einer erfolgreichen
Abwicklung der Kreditgeschäfte ausging, unmöglich gewesen, weil dadurch der
Zusammenbruch geradezu herbeigeredet worden wäre und sich dieses in dem
damals vorhandenen ökonomischen Spannungszustand geschäftlich kontraproduktiv
ausgewirkt hätte. Ein solcher Ansatz entsprach nicht den Maximen der damaligen
amerikanischen Außenpolitik.
Man hat offensichtlich im Westen in den siebziger Jahren
betr. der Fortentwicklung der Weltwirtschaft keine konkreten an Prinzipien
der Umsetzung und Stabilisierung orientierten realistischen Vorstellungen
gehabt. Man ging von einer bleibenden Stabilität des US-Dollars und von der
Kontinuität eines niedrigen Zinsniveaus aus, vor allem aber von der Stabilität
der jeweils eigenen Volkswirtschaft. Beides geschah im Interesse der eigenen
Wirtschaft: Niedrige Zinsen bedeuteten Kapitalüberfluß. Es existierte also ein
gewisser Bedarf - auch ein immanenter binnenwirtschaftlicher Zwang - Kapital
zu exportieren. Ein Zwang zum Kapitalexport hat zur Folge, daß sich das
Kapital im Binnenmarkt verknappt und die Zinsen hochtreibt. Es bestand also
ein immanentes Interesse des Westens an dieser Politik. Dies gilt gleichermaßen
für die Geschäfts- wie auch die Notenbanken und damit der Staaten selbst. Durch
diese Mechanismen hoffte man in allen westlichen Ländern die Inflationsgefahr
eindämmen zu können.
Hinzu kommt das Arbeitsplatzargument. Die Importe der
RGW-Länder aus dem sog. Dollar-Bereich wurden in den siebziger Jahren überwiegend
und mit zunehmender Tendenz aus Krediten finanziert. Man schätzte in den
achtziger Jahren in der Bundesrepublik den Anteil der vom Ostgeschäft
abhängigen Arbeitsplätze auf bis zu fünfhunderttausend ein. Der Kapitalexport
diente damit primär der betriebswirtschaftlich kalkulierten Stabilisierung der
eigenen Wirtschaft, aber auch politischen Zielen. Er entwickelte sich und
funktionierte besser als zunächst erwartet. In den achtziger Jahren wurde er in
der Tendenz - bedingt durch die steigende Staatsverschuldung - dysfunktional.
Der genannte ökonomische Ansatz war nicht primär gedacht zur Destabilisierung
des östlichen politischen Systems.
Das dahinter stehende Theorem des ›Wandels durch
Annäherung‹ beinhaltete andererseits entsprechende Vorstellungen von einem
Systemwandel im Osten. Die Kommunisten Westeuropas haben daraus allerdings
entsprechende Legenden geschöpft und wirtschaftliche Interessen als Fortführung
des Kalten Krieges mit anderen Mitteln interpretiert. Die Überwindung der
Wirtschaftskrise in Westeuropa, z.B. die Rezession von 1981/82 in der Bundesrepublik,
ist letztlich auch ein Erfolg dieser Politik gewesen. Durch den Zusammenbruch
des Ostblocks am Ende der achtziger Jahre sowie durch den Zusammenbruch der
Dritten Welt, schlägt die weltweite Krise möglicherweise auf »uns«, d.h. auf
Westeuropa zurück. Die Gesamtbilanz der Politik kann dadurch für den Westen
durchaus als negativ gesehen werden. Es gab aber damals, in den siebziger
Jahren, keine Alternativen zur Kreditvergaben und zur versuchten Besetzung der
Märkte Osteuropas. Diese stehen auch im nachhinein nicht zur Diskussion. Die
Entwicklung ist aus einer immanenten Zwangsläufigkeit heraus erfolgt.
Man könnte auf der Basis des gegebenen Zusammenhangs
durchaus die Frage betreffend einer prinzipiell unmöglichen, zumindest aber
begrenzten Steuerbarkeit gesellschaftlicher oder ökonomischer Prozesse
reflektieren und damit Fragen prinzipieller Planbarkeit von Prozesse sowie dem
›Langzeitdenken‹ an sich sprechen. Unter prozeßtheoretischen Gesichtspunkten
könnte die Ökonomie des Westens der siebziger und achtziger Jahre in Bezug auf
Osteuropa und die Dritte Welt eindeutig als Indiz für die Nichtplanbarkeit
solcher Prozesse angesehen werden.
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß lt.
Presseberichten Vertreter westlicher Banken
in den siebziger Jahren mit Koffern voller Bargeld nach Mexiko oder
Polen gefahren sind. Dort haben sie ihr Kapital oft zu relativ günstigen
Konditionen angeboten nach dem Motto: „Wer benötigt noch eine Million
US-Dollar?“ Die westeuropäische Linke
hat die ökonomische Expansionspolitik
möglicherweise moralisch legitimiert. Sie hat sie aber nicht selbst
durchgesetzt. Die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition hatte damit
zusätzlich die Funktion einer Legitimierung eigener ökonomischer Interessen.
Dies geschah vermutlich, ohne daß Brandt dieses selbst bewußt war bzw. ohne daß
er den gesamten Zusammenhang erfaßte. Diese Form politisch-ökonomischen Denkens
war seine Schwäche - übrigens auch die Ludwig Erhards.
Bis zum Jahre 1975 benutzten westliche
Wirtschaftswissenschaftler offensichtlich falsche Modelle der Weltwirtschaft,
und entwickelten daraus falsche Prognosen. Die Zusammenhänge waren im Ansatz
nicht nur politisch - dieses zusätzlich - sie waren ökonomisch falsch. Man hat
Politik nach diesen Maßstäben durchaus kurzfristig rational betrieben, aber die
Grundlage der rationalen Beurteilung war falsch. Es wurden bis zu diesem
Zeitpunkt seitens der Banken noch Rückflüsse von Dritte-Welt-Krediten
einkalkuliert.
Amerikanische Banken waren vorwiegend in der Dritten
Welt aktiv, insbesondere in Südamerika. Westeuropa war dagegen vorwiegend nach
Osteuropa orientiert. Man rechnete nach einigen Anfangserfolgen und der
(temporären) Scheinblüte in Brasilien damit, daß dieses Land für alle Länder
der Dritten Welt ein Modell sein könne. In Europa wurde dieses Modell für den
Osten angewandt. Durch die Parallelität der Einschätzung ist damit zugleich der
Bezug der Situation belegbar.
Die großen US-Außenhandelsbanken haben in den siebziger
Jahren langfristige Perspektiven gehabt und vorgelegt. Sie haben für die
achtziger und neunziger Jahre riesige Gewinne einkalkuliert. Man kann dieses Modell auf Osteuropa übertragen.
Die westeuropäischen Banken haben Entsprechendes getan. Die BfG ist vor allem
durch ihre gewerkschaftspolitisch gewollte Polenverpflichtung in ihre Überschuldungskrise
geraten. Dies veranlaßte den DGB, sich von der BfG zu trennen. Hierin äußert
sich u.a. auch die westliche Fehleinschätzung, der Wachstumspotentiale der
sozialistischen Wirtschaft Polens während der Gierek-Ära. Sie hat ihre
Entsprechung in der Fehleinschätzung der Wachstumspotentiale der Schwellenländer
Mexiko, Brasilien und Argentinien.
Der Zusammenhang kann durchaus so interpretiert werden,
daß sie damals als gewerkschaftseigene Bank gewisse moralische Verpflichtungen
hatte, bzw. daß auf sie seitens der sozialliberalen Koalition über die
Gewerkschaften Druck ausgeübt worden ist - was aber schwer zu beweisen ist.
Andereseits hat auch die BfG damals mit Gewinnen gerechnet, und zwar auf der
Basis eines als solide eingeschätzten geschäftlichen Ansatzes. Der Zusammenbruch
der Sowjetunion stellte auch für d. Verf. einen gewissen Bewertungsschock dar.
Die SU wurde am Anfang der achtziger Jahre keineswegs als Entwicklungs- oder
Krisenland angesehen, da es als ein Land mit enormen Potentialen galt. Sibirien
wurde z.B in den siebziger Jahren in einen Spiegel-Artikel als Land der
Zukunft eingeschätzt. In diesem Zusammenhang kann die Frage, warum sich
Rußland in der Krise befindet, ebenfalls zivilisationstheoretisch und machtthoretisch
bezüglich des Staatenbildungsprozesses und des damit verbundenen
gesellschaftlichen Wandels erörtert werden.
Es gibt einige wirtschaftstheoretische Mißverständnisse,
die damals, Mitte der achtziger Jahre, nicht deutlich gesehen worden sind.
Damals war z.B. auch noch von den ›reichen‹ Ölländern die Rede. Man hat
zumeist den Kreditnehmerländern die Kreditgeschäfte solange suggeriert, bis sie
von der ökonomischen Sinnhaftigkeit selbst überzeugt waren, wodurch der
Abstieg, bedingt durch die konsumbezogenen Kapitalabflüsse, begünstigt wurde.
Offensichtlich handelte es sich um Wissens- und Erfahrungsdefizite. Eine
nachhaltige Fehleinschätzung seitens der Kreditnehmerländer besteht bzgl. der
Bewertung der eigenen natürlichen Ressourcen. Diese stellen keinen primären
Reichtumsfaktor dar. Rakowski hat z.B. 1980 in einem Aufsatz seine damals
durchaus repräsentative Vision in einem Vergleich mit Japan mit dem Reichtum
des Landes an Bodenschätzen sowie seiner Arbeitskraft begründet.
Es bleibt die Frage, hat er dieses wissentlich oder gar bewußt falsch eingeschätzt
und sind dadurch seine Illusionen erklärbar?
Man kann zwar mit Öl etwas bezahlen, Reichtum erwächst
aber grundsätzlich aus der Produktivkraft, d. h. die Wertschöpfung ist verknüpft
mit den Faktoren Arbeit und Qualifikation. Erdölländer, wie der Iran oder der
Irak, haben auch in der Blütezeit ihrer Ölexporte - nachweisbar durch ihre
jeweilige volkswirtschaftliche Gesamtrechnung - eine geringere Wertschöpfung
gehabt als kleinere rohstoffarme Industrieländer wie z.B. Österreich oder die
Niederlande. Zur Frage einer bewußten Herbeiführung der sog. Kreditschlinge
ist zu sagen, daß aufgrund der Kreditvergabe an die östlichen Staaten als
Kreditnehmer ein Konkursrisiko für die Gläubiger zunächst nicht vorhanden war
und man von einer völligen Zahlungsunfähigkeit zu dem Zeitpunkt ebenfalls
nicht ausgehen konnte. Die mögliche Funktion als Waffe in dieser späten Phase
des Kalten Krieges ist dadurch zu verneinen.
Es muß noch erforscht werden, zu welchem Zeitpunkt der
Funktionswandel von der als sicheres Geschäft angesehenen Kreditvergabe in
die als Waffe nutzbare Kreditschlinge überleitete und damit aus der
finanz-politischen Machtquelle der qualitative Umschlag der internationalen
Machtbalance in politisch-instrumentalisierbarem Sinne erfolgte. Offen bleibt
gegenwärtig auch hier die Frage nach der Bewußtwerdung des Verlustes dieser
Machtquelle innerhalb der Eliten der kommunistischen Parteien selbst. Diese
Klärung dieser Frage ist ebenfalls noch nicht erfolgt. Es ist aber das
politisch-ökonomische Problem der siebziger Jahre.
In der Reformära Gorbatschows, in der zweiten Hälfte der achtziger
Jahre, handelt es sich um eine Phase, in der der ökonomische Zusammenbruch
nicht mehr aufrechtzuhalten war und das Wissen über diesen Prozeß nicht mehr
verschwiegen und verschleiert werden konnte. Dieses kann zunächst gedeutet
werden als ein Versuch innerparteilicher Gruppierungen und Fraktionen, durch
partielle Machtabgabe, durch freiwillige Veränderung der Machtbalance zu den
eigenen Ungunsten überhaupt noch Macht in den Händen zu behalten und ggf.
durch abgestufte Machtabgabe zu überleben, bis dann 1990/91 auch dieses nicht
mehr möglich war. Abschließend sei ohne weiter Kommentierung als abqualifizierende
aber charakteristische Einschätzung die des Historikers Wladyslaw
Bartoszewski genannt. In einem Vortrag vor der Herrmann-Ehlers-Akademie in
Hannover am 9.11.1989 faßte er seine in der gerade begonnenen postkommunistischen
Übergangsphase formulierte Kritik an der für Polen zum damaligen Zeit zurückliegende
Phase in den Worten zusammen: Die Kommunisten seien einfach zu dumm und unqualifiziert
gewesen. Die Totalität seiner Einschätzung des Gegenstands sowie die Wahl
seiner Formulierungen verdeutlichen, warum Bartoszewski damals auf eine
detaillierte und inhaltsbezogene wie methodenorientierte Kritik verzichtete.
Die Mehrheit der damaligen Zuhörer teilten - unabhängig von ihren persönlichen
Positionen - seine Grundsatzauffassung nicht. Kaum jemand war aber zu dem
Zeitpunkt bereit, sich dazu entsprechend dezidiert und kritisch zu äußern. Die
auf den Vortrag folgende Diskussion war damals sehr kurz. Man verließ z.T. den
Raum sehr früh - ein Zeichen für die Noch-nicht-Begreifbarkeit des Endes des
Kalten Krieges? Es war der Tag, an dem in Berlin die Mauer geöffnet wurde und
Bundeskanzler Kohl seinen Staatsbesuch in Polen unterbrach. Wladyslaw
Bartoszewski ist seit dem 6. März 1995 Außenminister der Republik Polen.