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politik unterricht aktuellSonderheft 1993

Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 5


Gerhard Voigt:

Interkulturelles Lernen: Realität und Bewußtsein

Dokument Information

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Der unterbrochene Weg:

Verstricke dich in die Vergangenheit,

und du verlierst ein Auge,

weise sie von dir, und du verlierst beide.

[Altes russisches Sprichwort]

Keiner meiner  Bekannten lebt  noch in dem Haus,  in dem  er auf-wuchs, oder auch nur in der Stadt oder dem Dorf seiner Kindheit. Die meisten meiner Freunde leben nicht mit ihren Eltern zusammen. Viele wohnen heute in einem Land, in dem sie nicht geboren wurden. Andere leben im Exil und entwickeln Gedanken in einer zweiten Sprache. Ich habe Freunde, deren Familiengeschichte im Konzentrationslager ausgelöscht wurde. Sie sind Waisen ihrer Zeit. Unser Jahrhundert hat Flucht, Vertreibung und Exil zur Norm gemacht und die Verwurzelung zur Ausnahme. Wer wie ich aus einer russischen Familie von Anhängern der Weißen stammt, die emigrieren mußten und in eine schottisch-kanadische Familie einheirateten, muß sich glücklich schätzen – weil wir überlebten – und weil unser Fall zugleich typisch ist.

Da Emigration, Exil und Vertreibung heute zur normalen Daseinsform geworden sind, ist es fast unmöglich, die richtigen Worte für Verwurzelung und Zugehörigkeit zu finden. Unser Verlangen nach Heimat ist geprägt von der Sprache des Verlusts. Wer es verspürt, muß schon heimatlos sein. Zugehörigkeit ist heute eher rückwärtsgerichtet als gegenwartsbezogen, eher Erinnerung als Erfahrung, eher vorgestellt als empfunden.“

[Michael Ignatieff: Das russische Album. Köln 1989 {The Russian Album, 1987}. S. 11 f.]

Dem Bewußtsein fällt es schwer, den Wandlungen und Verstrickungen der Realität, der gesellschaftlichen Realität, zu folgen. Gerne flüchtet es sich in künstliche Realitäten, in Schein, Illusion, Ideologie und Mythos. Doch die Realität holt das Bewußtsein ein. Bewußtseinskrisen sind Existenzkrisen für den Menschen, kollektive Bewußtseinsdeformationen stellen das Fortbestehen der Gesellschaft in Frage.

Diese Einleitung ist sehr allgemein gehalten, wohl zu allgemein. Sie stimmt ein auf die Konkretheit der Probleme, die im vorangestellten Motto aufscheinen. Diese Konkretheit tendiert zur Partikularisierung des gedanklichen Nachvollzuges, auch zur Unverbindlichkeit. Ein knapper Problemaufriß mit Blick auf die didaktische Umsetzung erkannter Realitäten kann selbst kaum ein Beitrag zur gesellschaftlichen Problemarbeit sein, es sei denn, sie findet in der Schule, im Unterricht statt. Der Blick auf die Realitäten bleibt so notwendigerweise unspezifisch und rezeptiv, nachvollziehend. Auf die notwendigen Problemlösungen kann nur hingewiesen werden: das soziale Elend der Fluchtsituation, die Kriege und Regionalkonflikte, die ökologischen Problemlagen müssen in ihrer Konkretheit vom Leser selbst erarbeitet werden, sie müssen für den didaktischen Sachverhalt vorausgesetzt werden. Solange Didaktik selbst in ihrer wissenschaftlichen Methode umstritten und oft unspezifisch ist, bleibt ein Versuch, die gravierendsten konkreten Probleme unserer Gesellschaft allein aus der didaktischen Perspektive heraus zu beleuchten, problematisch und unbefriedigend und doch, kennt man die Begründungsdefizite in den Schulen, dringend notwendig.

Die Vernetzung der Realität

So ist auch die Feststellung, daß die gegenwärtigen Problemlagen überregional vernetzt sind und auf nationaler Ebene nicht zu lösen sind, ein Allgemeinplatz, der nur deshalb deutlich hervorgehoben werden muß, weil das gesellschaftliche Alltagsbewußtsein einen deutlich davon abweichenden, regional-, national- oder sogar lokalakzentuierten Charakter trägt. Bezogen auf mögliche Problemlösungen ist diese Sichtverkürzung sicherlich als mangelnde Realitätseinsicht zu werten, bezogen auf die Bewältigung der Alltagsanforderungen dürfte dieser sozialpsychologische Bewußtseinshintergrund durchaus angemessen sein. Die Widersprüche zu thematisieren ist ein Grundproblem der gesellschaftswissenschaftlichen Didaktik. Das Schlagwort „global denken – lokal handeln“ versucht aus den Widersprüchlichkeiten der Realitäten eine alltags-praktikable Konsequenz zu ziehen, ist jedoch als analytisches Konzept oder als didaktische Fundierung nicht tragfähig, da die Widersprüchlichkeit selbst Bestandteil des Bewußtseins und damit ursächlich für disperate Verhaltens- und Wertoptionen ist. Psychologisch begründete didaktische Paradigmen, die sich auf die engere persönliche Sozialerfahrung, auf die subjektive „Betroffenheit“ stützen, wirken reduziert und, entgegen ihrer Intention, affirmativ. Andererseits gehen „globalistische“ Ansätze, ob kognitiv bildungsbürgerlich oder affektiv altruistisch, an der Lebenssituation der Schüler vorbei und sind nicht in der Lage, sie dort, wo sie sich befinden, „abzuholen“.

Eine genaue Analyse der sozialpsychologischen Situation wie der Charakteristiken der spezifisch herrschenden Realitätswahrnehmung ist Voraussetzung der didaktischen Analyse. Wie wenig diese geleistet wird, zeigen auch noch aktuelle Rahmenrichtlinien in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland, die an die Stelle didaktischer Strukturiertheit meist nur die Themensystematik stellen. Ein gravierendes Beispiel aus der Geographiedidaktik, die sich in Richtlinien noch (oder wieder) auf das Prinzip „vom Nahen zu Fernen“ bezieht, das zwar im Alltagsverständnis plausibel erscheinen mag, der Realitätswahrnehmung der Jugendlichen aber nicht entspricht. Im Bewußtsein sind z.B. Malibu oder Miami „näher“ – unmittelbarer im Fernsehen erlebt – als Walsrode oder Straubing, es sei denn, man lebt zufällig gerade da. Welche Probleme sich aus der falschen Einschätzung von „Ferne“ und „Nähe“ real ergeben, zeigt gerade der deutsche Einigungsprozeß, der zu irritierenden Distanzierungen und Fremdheitserfahrungen geführt hat, die Spuren in der Politischen Kultur des Landes hinterlassen. Aber das Mißverständnis geht noch tiefer: Das gesellschaftliche „Betroffensein“ von Entscheidungen, die in Baghdad, Washington oder Medellin getroffen werden, ist für das Leben der Schüler oft gravierender als durch Ereignisse in Erfurt oder Hamburg – und das wird meist auch so empfunden. Objektive „Nähe“ – als didaktische Kategorie – ist also ein situationsgebundener und zeitgebundener, veränderlicher Begriff, der in der didaktischen Analyse immer wieder konkret neu bestimmt werden muß (und mit räumlichen Entfernungen nur wenig zu tun hat, vielleicht mit Ausnahme kommunalpolitischer Entscheidungsfelder); davon weicht auch noch deutlich die „subjektive Nähe“ ab, die daher nur konkret auf eine Schülergruppe hin bestimmt werden kann. Dies ist der Beleg dafür, daß didaktische Globaltheorien der differenzierten Beziehung von gesellschaftlicher Problementwicklung, Lebenssituation und Wahrnehmung nicht gerecht werden. Vor dieser Norm erscheint das konkrete gesellschaftliche Bewußtsein und Wahrnehmungsvermögen von Schülern als ein inkonsistenter „Flickenteppich“, wodurch ein Spannungs- und Konfliktverhältnis zur Universalisierungstendenz in den äußeren Lebensverhältnissen wie in den herrschenden, vermittelten Wert- und Verhaltensoptionen entsteht [vgl. den Aufsatz von Claußen, S. 55].

Differenzierung der aktuellen Bewußtseinslage

Dieses Bild vom „Flickenteppich“ entspricht einer gesellschaftlichen Bewußtseinslage – wertend oft auch als „Bewußtseinsstörung“ definiert –, die in der kultur- und gesellschaftskritischen Literatur schon zu sprichwörtlichen Schlagwörtern geronnen ist, mit denen eine ideologiekritische Auseinandersetzung zwar dringend erforderlich ist, die aber hier ausgespart bleiben muß:

  • Neue Unübersichtlichkeit, das langsame Verschwinden der Realität“,

  • „Postrationalismus, die neue Ratlosigkeit“,

  • „Ende der Geschichte“.

Begriffen aus entfernten ideologischen „Ecken“, die doch eines gemeinsam haben: das Erschrecken darüber, wie wenig empirisch und theoretisch gesicherte Realitätserkenntnis das gesellschaftliche Verhalten in der „postindustriellen“ oder „postmodernen“ Gesellschaft (an sich analytisch recht untaugliche Begriffe) steuern und begründen. Kritisch ist hier nachzufragen, ob dieser Befund nicht zu jeder Zeit hätte gemacht werden können, oder er aktuell und spezifisch ist. Ich sehe hier eher die Diskrepanz zur nicht eingelösten Durchsetzung aufgeklärten, rationalen Bewußtseins, also einen Normen- und Erwartungskonflikt innerhalb der intellektuellen Eliten, der in einer breiteren (aber nicht allzu breiten) Öffentlichkeit rezipiert wurde. Daß wissenschaftliche und philosophische Einsicht intentionsgemäße gesellschaftliche Umsetzung erfuhr, dürfte in der Geschichte des menschlichen Denkens kau je gelungen sein; diese Erfahrung ist durchaus nicht neu. Tatsache aber ist,

  • daß die Notwendigkeit von Expertenwissen zur Sicherung oder Verbesserung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation heute größer ist als in der Vergangenheit,

  • daß die Definitionsgewalt der Experten bezüglich gesellschaftlicher Situationen und Probleme bis in die siebziger Jahre hinein in den westlichen Industrieländern stetig gestiegen ist,

  • daß die unmittelbaren Folgen des Versagens von wissenschaftlichen Prognosen und Expertenkonzepten einer größeren Anzahl von Menschen unmittelbar erfahrbar und als Bedrohung erlebt wird denn je zuvor,

  • daß die Verunsicherung ihre Ursache in immer häufiger erlebtem Versagen der wissenschaftlichen Vorhersagen bei den Wissenschaftlern selbst ihren Ursprung hat – zu denen auch und in besonderem Maße die Gesellschafts- und Politikwissenschaftler gehören,

  • daß die Fähigkeit, Versagen zu analysieren, weiter entwickelt ist als die Möglichkeiten konstruktiver Problemlösungen.

Als gesellschaftliche Bewußtseinslage wie als Erkenntnis der Begrenztheit der wissenschaftlichen Einsicht und Prognostik, der Fähigkeit der wissenschaftlichen Politikberatung, ist die These von der „Verunsicherung“ und des „Realitätsverlustes“ somit durchaus ernst zu nehmen.

Bewußtseinslagen der heutigen Schülergeneration

Im konkreten Verhalten von Schülern finden sich Spiegelungen dieser gesellschaftlichen Desorientierung, wenn zunehmend (wobei hier das konkrete Maß doch recht unsicher ist, vgl. unterschiedliche Befunde bei ALLERBECK/HOAG und JAIDE) Denken in begrifflichen Stereotypen, Entfremdung vom konkreten gesellschaftlichen Umfeld, Entsprachlichung der Realitätsorientierung, Ritualisierung des Sozialverhaltens beobachtet wird.

Thesenhaft sollen zwei mehr oder weniger typisch abzugrenzende Sozialverhaltensformen gegenübergestellt werden, die als alternative Reaktionen auf vergleichbare Problemlagen verstanden werden können und die durch ihre Präsenz im allgemeinen Bewußtsein auch als gesellschaftlich vorgeprägte Problemlösungsangebote verstanden werden können:

  1. Narzistischer Eskapismus; „Betroffenheitssyndrom“ im individuellen Lebensumfeld; Unverbindlichkeit; neonationalistische Emotion (z.B. im Leistungssport)

  2. In diesem Verhaltenskomplex wird die „sperrige“ Realität beiseite geschoben, das beanspruchte persönliche „Wohlbefinden“ wird durch eine psychische oder ideologische Mauer geschützt.

  3. Zusammenbruch ideologischer Orientierungen; Geschichte als Herrschaftsideologie; Machtzynismus, „Erfolgsorientierung“

In dieser Verhaltensalternative, in der gesellschaftlichen Stratigraphie über der erstgenannten zu lokalisieren, wird ein gesellschaftliches System als vollständige Realität genommen und zum Feld der individuellen Positionssuche genutzt. Das Ausblenden störender Realitäten ist hier genauso intensiv wie bei den eskapistischen Verhaltensformen.

Lebensentwürfe und Gesellschaftsbilder

Ohne dies an dieser Stelle empirisch absichern zu können und zu wollen soll thesenhaft auf vier Typen der psychosozialen Reaktion auf die gesellschaftliche Umwelt hingewiesen werden, die sich tendenziell auf die beiden genannten Verhaltensorientierungen zurückführen lassen und selbst wieder in Verbindung setzen lassen mit zwei konkurrierenden gesellschaftlichen Rahmensetzungen.

  1. Zu beobachten ist -zumindest im äußeren Erscheinungsbild- eine Renaissance des Autoritären Charakters (ADORNO u.a.), wenn auch eingewendet wird, daß sich die Sozialisationsvoraussetzungen stark verändert haben (GOTTSCHALCH) und eine stärkere narzistische Komponente zugrunde liegt (ZIEHE). Ob die Sozialisationsdefizite wirklich so grundlegend anders herzuleiten sind, wie diese Kritik impliziert, ist angesichts der Phänomenologie des Neonazismus, für den regional und nach sozialem Status differenziert bis zu 15% der Jugendlichen anfällig sind (SINUS-Studie und folgende) in der Bundesrepublik Deutschland wie in anderen mitteleuropäischen Ländern zumindest fraglich. (Vgl. auch den Aufsatz von VOIGT in diesem Heft, S. 27-54.)

  2. Eine von einer großen Minderheit vollzogene Kleingruppenorientierung kann sowohl in der Erscheinungsform wie in der Motivation nach dem Grad der Akzeptanz interner Hierarchisierungsprozesse unterschieden werden, wobei die Übergänge unscharf und nicht konstant sind. Egalitäre Zusammenlebensvorstellungen prägen sogenannte „alternative“ Gruppen, die oft mit Ideen der „Sanftheit“, des „zarten Umgangs“ verknüpft werden und dennoch anfällig sind gegenüber dem gruppeninternen Machtprozeß. Dieser wird akzeptiert und für die „Schlagkraft“ der Eigengruppe genutzt in den vielfältigen Interessengruppen, die unsere „Interessendemokratie“ kennzeichnen. In beiden Fällen ist jedoch die Abschließung nach außen, die selbstgewollte Unterwerfung unter gruppenspezifisch herrschende Wahrnehmungs-, Interessen- und Aufmerksamkeitsrichtungen evident. Gesellschaftlich sind diese Orientierungen nicht soweit auseinander, wie sie selbst glauben möchten. Im Hintergrund steht hier letztlich der bürgerliche Liberalismus.

  3. Im klassischen Sinne „extrovertierte“ Lebensentwürfe finden sich vor allem in ökonomisch integrierten Bevölkerungsgruppen. Aufstiegs- und Leistungsorientierung gehen hier einher mit einem interessenbezogenen Geschichtsrelativismus und einer funktionalistischen Gesellschaftsideologie, die sich meist als „antiideologisch“ versteht (MAYNTZ 1961, LUHMANN 1984). Konflikte und Problemlagen werden meist nur in Hinblick auf die eigene Lebenssituation wahrgenommen.

  4. In „Entscheidungspositionen“ reicht dieses Konzept nicht aus. Das im Grunde identische funktionalistische Gesellschaftsbild führt zum Pragmatismus, zu „technokratischem“ Krisenmanagement. Beide letztgenannten Positionen geben sich selbst bewußt „vorurteilsfrei“ und sind sicher weit entfernt von der sozialpsychologischen Notwendigkeit, die eigenen Identitätsprobleme durch Fixierung auf die schützenden Normen einer Eigengruppe, einer persönlichen gesellschaftlichen Umwelt lösen zu wollen. Identität stiftet hier Machtteilhabe, Erfolg und die unausgesprochene „Solidarität der Eliten“. Doch diese scheinbare Vorurteilslosigkeit ist in Wahrheit Wertindifferenz und Machtzynismus (SLOTERDIJK), dem es nicht darauf ankommt, vorhandene Stereotypen und Vorurteile für den eigenen Vorteil zu gebrauchen; bei persönlichem Machtverlust geht dann die „Vorurteilslosigkeit“ schnell verloren und alle vorhandenen, nur funktional zurückgedrängten aggressiven Abgrenzungsvorurteile unserer politischen Kultur kommen wieder zum Vorschein. In tragischer Weise ist dieser Prozeß zu beobachten dort, wo ein „machtzynisch“  aufgesetzter „Internationalismus“ zusammengebrochen ist und rechtsradikale, „völkische“ und ethnisch-kulturelle Vorurteile in virulenter Aggressivität wieder hervorbrechen, wie wir das gegenwärtig in den Ländern im Gebiet der ehemaligen DDR, aber auch in Polen und in der Sowjetunion beobachten können.

Sozialer Status und bürgerliche Weltorientierung

Fassen wir die beiden Tendenzen zusammen, stoßen wir auf eine neue gesellschaftliche Teilung: Den zunehmend partikularistisch differenzierten Unterschichten, in denen Nationalitätenkonflikte, ethnisch-kulturelle Vorurteile und persönliche Aggressionsbereitschaft, zumindest aber im narzistisch-eskapistische Lebensentwürfe die soziale Konfliktlage vorübergehend überdecken und erträglich machen (Sündenbocksyndrom, Überlegenheits- und Unterlegenheitslegenden, „Privatheit der Lebenswerte“, vgl. wieder ADORNO und ZIEHE bzw. ZIEHE/SCHATTEBURG), steht ein machtorientierter Internationalismus der Eliten und der Aufsteigerschichten gegenüber.

Beiden gemeinsam ist jedoch die Wurzel in der bürgerlichen Ideologie, der unter der herrschenden sozioökonomischen Situation das aufklärerische Potential abhanden gekommen ist. Kollektivistische, solidaritätsgegründete Gesellschafts- und Lebensentwürfe sind nach den politischen Umwälzungen und den sozialen Krisen in den Ländern des ehemaligen „real existierenden Sozialismus“ diskreditiert und in der gesellschaftlichen Realität in Mitteleuropa kaum mehr aufzufinden.

Gemeinsam ist diesen Lebensentwürfen aber auch die strukturelle und immanente Inadäquanz der Problemlösungsangebote durch defizitäre Realitätswahrnehmung, das heißt: der ideologische Charakter der zugrunde liegenden Gesellschaftsvorstellungen. Die dialektische Verknüpfung beider Gesellschaftsentwürfe zeigt sich in der dialektischen Verknüpfung der beiden Krisenlinien der aktuellen Politik, die sich z.B. im Golfkonflikt im „gemeinsamen Interesse“ an einer gewalttätigen Auseinandersetzung manifestieren:

  1. Der „Weltbürgerkrieg“, in dem die Vielzahl der Nationalitätenkonflikte, regionale und lokalen Kriege, dem Auseinanderfallen größerer Staatsverbände, wirtschaftliche und soziale Verteilungskämpfe zwischen kleinen, rivalisierenden Gruppen die Bildung stabiler Strukturen zur materiellen Problemlösung verhindern und die Konfliktursachen damit nur verschärfen,

  2. steht dem unveränderten Hegemonialinteresse der Industriemächte und der von ihnen vertretenen wirtschaftlichen Interessengruppen entgegen. Beide Konfliktlinien funktionalisieren sich gegenseitig, verhindern damit aber zuverlässig das rationale Bemühen um politisch tragfähige Perspektiven für eine problemlösende Gesellschaftsalternative.

Aufgaben des kritischen Rationalismus als Grundlage der Fachdidaktik

Der Befund unserer Überlegungen ist eindeutig: Die gesellschaftswissenschaftliche Fachdidaktik steht einerseits vor einer sozialökonomischen Situation, deren rationale Analyse durch Versagen und Diskreditierung der Wissenschaften und des „Expertenwissen bei der Politikberatung“ für den Praktiker kaum noch zu leisten ist, der selbst den typischen Reaktionen einer Unsicherheit und Orientierungslosigkeit ausgesetzt ist, und andererseits vor einer „Klientel“, der Schülerschaft, die geprägt ist durch die in der politischen Öffentlichkeit vorgeprägten Phänomene der Realitätsdistanz, Realitätsumdeutung, Entsprachlichung und Entrationalisierung. Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Massenmedien, d.h. die „Bewußtseinsindustrie“, die tendenziell die „Last des Denkens und Urteilens“ abnimmt und stereotype Sozialverhaltensformen, Situationsdefinitionen, Realitätsdeutungen und Konfliktlösungsmodelle anbietet. Nicht neu, aber mit zu denken ist die schon ausgeführte soziale Differenzierung der Lebensentwürfe, die sich mit der zunehmenden Differenzierung der sozialen (d.h. oft auch nationalen) Herkünfte der Schüler noch verstärkt und bei gleichzeitiger Nivellierung und Stereotypisierung der akzeptierten Sozialverhaltensformen zur notwendigen Ausdifferenzierung der Fachdidaktik führen muß. (Vgl. dazu die differenzierten Aufsätze in CLAUßEN/NOLL 1989.)

Stärker denn je muß Didaktik auf der konkreten Ebene der Unterrichtsvorbereitung und der Einbeziehung der Lerngruppe in die Unterrichtsplanung erfolgen. Alte Modelle des vom Lehrer vorstrukturierten Unterrichtes versagen immer häufiger, wie auch Standardformen des materialgeleiteten Arbeitsunterrichtes.

Die sozialpsychologische Ausdifferenzierung der heterogenen Lerngruppen einerseits und die Entsprachlichung des Alltagsdenkens, gleichsinnig wirkend mit sprachlichen Enkulturations- und Akkulturationsproblemen, verschließt den eindeutigen und vorhersagbaren Zugang zu sprachlichen Medien, so daß die vermittelnde und individualisierende Rolle des Lehrers immer größer wird. Die Anforderungen an die Qualifikation des Lehrers steigen somit, was unmittelbare Auswirkungen auf die universitäre Ausbildung und die berufliche Weiterbildung des Lehrers haben muß.

Leitendes Ziel einer so verstandenen gesellschaftswissenschaftlichen Didaktik ist in erster Linie der Versuch, konkrete Realitätsbezüge wieder herzustellen, wofür bestimmte Fähigkeiten durch konkrete Einübung entwickelt werden müssen:

  • kritische Distanz zur medienvermittelten Realität,

  • rationale Problemlösungsmodelle auf der Grundlage einer kritischen Realitätsanalyse,

  • sprachlich-argumentative Ausdrucksfähigkeit.

Entscheidend ist dabei eine Spracherziehung, die die Vielfalt und Komplexität der sprachlichen Sinnvermittlung in den Vordergrund stellt und nicht vorrangig den normativen -orthographischen und stilistischen- Charakter der herrschenden Sprachkultur betont. In diesem Sinn ist Spracherziehung, auch Fremdsprachenerziehung, Teil des politisch bildenden Gesamtcurriculums.

Veränderungen didaktischer Strategien können nur parallel zu Änderungen in der Gesellschaft selbst durchgesetzt werden. Dies verstehe ich nicht einfach als Abhängigkeitsverhältnis, sondern als eine dialektische Beziehung. Zunächst ergibt sich für das Verhalten der Didaktiker und damit, bei einer stärkeren Konkretheit der didaktischen Tätigkeit durch die Lehrer selbst, für das Verhalten der Lehrer:

  • sie müssen selbst eine rationale, distanziert-kritische Haltung zur Geschichte entwickeln,

  • sie müssen selbst bemüht sein, konkurrierende Öffentlichkeit zu schaffen, sich den Zwängen der „herrschenden Öffentlichkeit“ zu entziehen,

  • sie müssen selbst ein Bewußtsein der kulturellen Beschränktheit des eigenen Erfahrungs- und Sozialhintergrundes entwickeln und somit ein eigenes interkulturelles Bewußtsein aufbauen.

Die materiellen Voraussetzungen sind gleichermaßen als politische Aufgaben zu formulieren; vor allem sind die grundlegenden sozioökonomischen Konflikte und Deformationen ins öffentliche Bewußtsein zu heben und ihre Lösung anzustreben (gegen jede Tendenz des Aussitzens, Herunterspielens und Hinnehmens oder der Umdefinierung von Existenzproblemen als „Sachzwänge“). Jede nicht gelöste soziale Krise wird unentwegt zum Quell der Realitätsverdrängung, ideologischen Umdeutung und zum Hindernis einer realitätsorientierten politischen und historischen Bildung. Eine kritische Öffentlichkeit, vielleicht auch eine der Herrschaftsordnung distanziert gegenüberstehende Gegenöffentlichkeit muß entwickelt werden, die diesen Grundzusammenhang erkennt und die Rationalität der politischen Programmatik einfordert.

Zur konkreten Ausgestaltung der Politikdidaktik

An dieser Stelle kann kein Entwurf einer neuen Didaktik der politischen Bildung erfolgen, die nur in Auseinandersetzung mit den großen Entwürfen der Politikdidaktik der letzten Jahrzehnte und in der Aufnahme einer umfassenden neuen Analyse der gesellschaftlichen Voraussetzungen, unter denen Didaktik und Unterricht heute stattfindet, erfolgen könnte. Ein so weit gestecktes Ziel wäre zudem nur sinnvoll im umfassenderen wissenschaftlichen Diskurs. Wichtige Ansätze dazu finden sich z.B. in dem Sammelband „Zur Theorie und Praxis der politischen Bildung“ der Bundeszentrale für politische Bildung (CREMER/COMMICHAU, Red.). Wir beschränken uns hier auf diejenigen Stichworte, die im Zusammenhang mit der Problematik der deformierten Realitätswahrnehmung und ihrer Auswirkungen auf eine Begründung einer politischen Didaktik der interkulturellen Erziehung stehen.

 Politische Bildung muß im gedanklichen Ansatz interkulturell sein. Zentrale Inhalte der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer müssen ihres ethno- und eurozentrischen Charakters enthoben werden, beispielsweise durch einen kritischen, interkulturell vergleichenden Ansatz, so in einer kritisch vergleichenden Rechtskunde, die die Rechtsquellen auf ihre historischen Hintergründe und Verursachungen hin untersucht und Gesellschaftsbezüge in der Verflechtung von Normen, Rechtsprechung und Herrschaftslegitimation aufzeigt. Gerade diejenigen Rechtsbereiche, die Unterschichten, Benachteiligte oder Ausländer besonders und unmittelbar berühren, Mietrecht, Sozialhilferecht, Ausländer- und Melderecht, zeigen diese Verknüpfungen besonders deutlich.

Eine kritisch vergleichende Untersuchung von Sozialisationsbedingungen, Erziehungsgängen und Kinderschicksalen hilft, die Frage der eigenen Identitätsprobleme nicht nur abgrenzend oder eskapistisch zu bewältigen zu versuchen, sondern als rational zu bewältigende Aufgabe in die eigenen Lebensentwürfe mit einzubeziehen. Gerade hier wird aber die Problematik der didaktischen Umsetzung besonders deutlich, wo der Lehrer eine Gratwanderung zwischen sozialer Betreuung, Zuwendung, Integration der gruppenbegründeten Lernprozesse und der rationalen fachlichen Vermittlung antreten muß – in der Gefahr, hier zu scheitern. Daß dies, weil notwendig und unumgänglich, als Risiko hinzunehmen sei, weil nur so politische Bildung ermöglicht wird, betonen TREUHEIT/OTTEN (Opladen 1986).

Hintergrund ist wieder die Kenntnis der realen, materiellen und sozialen Voraussetzungen. Auch die Lerngruppe wird in diesen Kenntnisbereich eingeführt durch eine kritisch vergleichende Untersuchung der sozio-ökonomischen Lebensbedingungen; das ist für einen Lehrer in den genannten Fächern ohnehin Selbstverständnis, unterscheidet sich in unserem Kontext allein durch die funktionale Einbindung in einen weiter gefaßten didaktischen Umsetzungsprozeß.

Auf schulischer bzw. schulpolitischer Ebene sind dabei die traditionell europäisch – deutschen Inhaltsschwerpunkte der Fächer Geschichte und Sozialkunde/Politik ein Hemmnis, Realitätssicht über die ethno- und eurozentrischen Perspektivverzerrungen hinweg zu entwickeln. Die Beiträge des Faches Geschichte, diese Verengungen aufzubrechen, werden begründet in einem doppelten Ansatz: Spurensicherung vor Ort, oral history, entdeckende Geschichte (mit interkulturellen Themen wie: Geschichte der Zwangsarbeiter, Umsiedler, Arbeitsmigranten, oder Geschichte des Rassismus in der eigenen Gesellschaft) und Weltgeschichte als exemplarischem und vergleichendem historischen Zugang, bei dem gerade auch ethnozentrische Perspektiven selbst thematisiert und aufgearbeitet werden (z.B. Kreuzzüge, Inquisation, Kolonialismus); einbezogen werden die kulturellen und historischen Hintergründe der ausländischen Schülerinnen und Schüler in den Lerngruppen. Differenzierte regionale Schwerpunkte erfordern gemeinsames „entdeckendes Lernen“ bei Lehrern und Schülern. Die sozialkundlichen, auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation gerichteten Fachinhalte verknüpfen sich mit dieser Revision des traditionellen Geschichtsverständnisses. Geschichte versteht sich somit nicht nur -was auch schon ein didaktischer Fortschritt wäre!- als „historische Sozialwissenschaft“, erst recht nicht rekurriert sie auf eine gesonderte „historische Bildung“, sondern sie ordnet ihre Ziele ein in eine umfassende historisch fundamentierte gesellschaftlich-politisch Bildung, die in interkulturellem Erkenntnisinteresse die konkrete soziale Situation der Lerngruppe in die didaktische Ausgestaltung mit einbezieht.

Auch das Fach Erdkunde hat sich als kritisch-vergleichende Sozial- und Kulturwissenschaft zu verstehen, deren traditionellen naturgeographischen Fragestellungen in einer umfassenderen Umweltkunde aufgehen. Dabei spielen gerade auch interdisziplinäre und „polyvalent“ anzurechnende Unterrichtsvorhaben eine entscheidende, über die methodische Begründung hinausgehende Rolle. Projektunterricht ist als gleichwertige Unterrichtsveranstaltung in regelmäßiger oder geblockter Form in allen Schulstufen zuzulassen und zu fördern, da nur diese Unterrichtsform in der Lage ist, „gemeinsames Lernen“ und bewußte Einbeziehung der eigenen Erfahrungsdefizite und Realitätsbedürfnisse konstruktiv in den Lernprozeß einzubeziehen. Interkulturelles Projektlernen orientiert sich an der konkreten Situation der betroffenen Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern und wird in Zusammenarbeit mit der Lerngruppe konzipiert und gestaltet; es entzieht sich engen Fachbindungen, arbeitet schwerpunktmäßig mit handlungsorientierten, empirischen, entdeckenden und schülerbezogenen Aktionsformen und ist tendenziell ergebnisoffener Unterricht.

Prinzipiell ist dieser Ansatz noch auszuweiten in Hinblick auf eine Revision der Zielbestimmung der Schule als staatlicher Veranstaltung, die einen wichtigen Teil der Lebenszeit der Schüler einfordert und gleichzeitig eine Schlüsselrolle für die Konsistenz und Permanenz der Gesellschaftsordnung spielt. Dieser Gesichtspunkt wie die veränderte unterrichtliche Zielsetzung fordert eine Öffnung der institutionellen Begrenzungen und eine Integration der Schule in ihr konkretes gesellschaftliches Umfeld Über die Schulinstitution hinausgreifende integrative und kommunikative Lern- und Aktionsformen bis hin zum Konzept der „Community School“ sind eine Möglichkeit, die sich oft negativ verabsolutierenden Formen von „Schulverhalten“ und „schulischer Abgrenzung“ zu überwinden.

Am Rande ergibt sich dabei auch die Konsequenz, eine Reduzierung der verpflichtenden Stundentafeln zu verbinden mit neuen Fachzuschnitten, Zielbestimmungen und Schwerpunktsetzungen der traditionellen Fächer; neue Fächer können im Angebotsbereich hinzukommen (so z.B. über die bisherigen Einzelversuche hinaus Pädagogik und Philosophie). Diese Konkretisierungen sind im Augenblick bezogen auf die konkrete Schulsituation in der Bundesrepublik Deutschland, teilweise noch enger auf das Land Niedersachsen, und eine darauf gründende Defizitanalyse; doch läßt die Kenntnis des Verfassers bezüglich der Situationen in den Schulen der benachbarten mitteleuropäischen Ländern eine Übertragung der Problemanalyse, z.T. sogar mit noch gravierenderen Ergebnissen, als berechtigt erscheinen. Die nationalistischen Perspektivverengungen, die Abwehr interkultureller Realitätssicht und der gefährliche Eurozentrismus findet sich in teilweise krasser Form in den Schulsystemen und Lehrplänen sowohl im Westen in Frankreich wie im Osten in Polen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Didaktische Stichworte zu allgemeinen Unterrichtsschwerpunkten

Es ist schon deutlich geworden, daß die weiter gefaßten und interkulturell ausgerichteten Erkenntnisinteressen und Ziele der politischen Bildung gerade durch eine heterogene Zusammensetzung der Lerngruppe gefördert werden. Unterschiedliche soziale und nationale Herkunft, differenzierte sprachliche und kulturelle Hintergründe sind als Chance für das soziale Lernen zu begreifen. Das verlangt jedoch, wie oben schon angedeutet, eine veränderte und erweiterte Kompetenz der Lehrer – mit allen ihren Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildung. Homogene Lerngruppen müssen durch ein forciertes „Herausgehen“ aus dem sozialen Umfeld der Schule „aufgebrochen“ werden: nur das sichert die notwendigen Realitätserfahrungen, die die Bewußtseinsverengungen gegenüber der komplexen gesellschaftlichen Realität erkennbar und aufhebbar werden lassen.

Sprechen über Sprechen und Sprache („Metakommunikation“) ist das didaktische Schlüsselwort, mit dem die eigenen Erfahrungen und Hintergründe der Teilnehmer der Lerngruppe über die kognitive Vermittlung von außen heraus in das Lernen einbezogen werden können. Das Sprechen miteinander ist die einzige präsente gemeinsame Erfahrung, die notwendigerweise alle Teilnehmer gemeinsam haben; diese Erfahrung ist zu thematisieren (TREUHEIT; SANDFUCHS). In geeigneter methodischer Form führt die Reflexion über Sprechen zur Reflexion über die Sprachsituation: Soziale Situationen werden „nachgespielt“ und wechselseitig „erklärt“. So entsteht ein Lernklima wechselseitiger, angstfreier Reflexion, Distanz und Freiheit. In der inhaltlichen Unterrichtsbegleitung dieses sozialen Lernens können, um nur einige konkrete Vorschläge zur Illustration anzufügen, im fächerübergreifenden Ansatz (Deutschunterricht, Sozialkunde) Biographien und Autobiographien ausgewertet, überall, wo es sinnvoll ist, konkrete Informationen über Länder und Kulturen vermittelt und der Zugang zu entsprechenden Informationsquellen geübt werden, um Hintergründe, Entwicklungen, Geschichte verstehen zu lernen. Selbstverständlich wird dies getragen von der medienkritischen Reflexion ethno- und eurozentrischer Werthaltungen und -urteile, die beim Zeitungelesen und beim kritischen Umgang mit Massenmedien sichtbar werden. Dies ist eine zweite, vielleicht, bezogen auf das inhaltliche Verständnis, auch die erste Form, Lesen zu lernen und den „latenten Analphabetismus“ zu überwinden.

In der Diskussion über eine interkulturelle Unterrichtspraxis wurde von Lehrern vor allem auf folgende Themenbereiche hingewiesen, in deren Behandlung sich die genannten Ziele besonders gut verwirklichen und kognitiv absichern lassen: Rechtsvergleiche, kritische Rechtskunde, Arbeit an normativen Quellen; Erforschung der gesellschaftlichen Bedingtheit der Rechtsvorstellungen und der geschichtlichen Hintergründe der Rechtsentwicklung im interkulturellen Zusammenhang. Dies kommt vor allem dem bei einer kritischen Beobachtung des tatsächlichen Sozialverhaltens zu erarbeitenden Verständnis des konkreten Zusammenhangs von formalem und informellen Wert- und Normsystem einer Gesellschaft zugute und hilft, Sanktionsverhalten und Definition von abweichenden Verhalten durch die herrschende Gesellschaftsordnung kennenzulernen und zu verstehen. Erzwungene gesellschaftliche Anpassung (Integrationsopportunismus) wird dabei ersetzt durch kritisches Verständnis der gesellschaftlichen Umwelt, wobei Verständnis sich nicht immanent sondern explizit aus der interkulturellen Distanz heraus entwicklt. Im Sinne der Reflexion des Lernprozesses selbst steht hier das Thema Vergleichen von Erziehungszielen und Erziehungsverhalten an, das sich konkretisiert in der kritisch-vergleichenden Analyse der Situation der Kinder und Jugendlichen in unterschiedlichen Gesellschaften.

Politische Identitätssuche im Verhältnis zur Geschichte

Ein „Bedürfnis nach Geschichte“ ist Teil der sich als „postmodern“ verstehenden politischen Bewußtseinslage, ist Teil auch einer geschickt vermarkteten Mode. Dies aber nur ironisch als Modegag zu verstehen, greift zu kurz, da sich durchaus ernsthafte Bedürfnisse in dieser vordergründigen Form ausdrücken. Auch wenn Regierungen diese Mode gerne wahrnehmen und funktionalisieren, um in traditioneller Form ihre Machterhaltungsansprüche ideologisch zu legitimieren oder zu verbrämen – Historische Museen und Ausstellungen werden allerorten neu gegründet, erweitert oder renoviert –, erkennt die Sozialpsychologie, daß sich in dem verstärkten Bemühen um Geschichte die intuitiv erlebte Persönlichkeitsreduktion in der Massengesellschaft, die individuelle Einflußlosigkeit, der Sinnverlust und das „Entschwinden der Realität“ erkennen lassen. Diese Stichworte sind in den einleitenden Befunden zur Sozialpathologie der gegenwärtigen Gesellschaft schon aufgeführt worden; hier erscheinen diese Überlegungen erneut im Zusammenhang mit dem Versuch, den aktuellen Historizismus zu verstehen.

Erneuern wir den Blick auf die Lebensentwürfe und Gesellschaftsbilder, so treten uns auch typische Haltungen zur Geschichte, unterschiedliche Formen der Geschichtsrezeption entgegen. Sehr deutlich ist, daß eine Polarisierung in geschichtsferne und geschichtsorientierte Weltbilder eingetreten ist, die deutlich von überkommenen Mustern abweicht. War über Jahrzehnte hinweg vom Ende des letzten Jahrhunderts in die erste Hälfte dieses Jahrhunderts hinein eine gegen die bürgerliche Herrschaft gerichtete Geschichtsorientierung in den unteren Schichten zu verfolgen, die durch die Arbeiterbewegung evoziert wurde, und stand die übliche Funktionalisierung von Geschichte durch die herrschenden bürgerlichen Schichten in einer wachsenden Krise, die sich parallel in Geschichtsskeptizismus, der nach dem zweiten Weltkrieg seinen Höhepunkt und Abschluß fand, und hemmungsloser ideologischer Umdeutung von Geschichte im Nationalsozialismus ausdrückte, so ist heute wieder ein deutliches Desinteresse an allem Geschichtlichen in den unteren Schichten zu konstatieren, während eine wachsende Geschichtsorientierung bis weit in die Mittelschichten hinein festzustellen ist.

Das korreliert mit den schon genannten Typen der Sozial- und Verhaltensorientierung, die folgend in ein Schema gebracht werden sollen.

Gesellschaftliche Krise

= Lebenskrise

= Sinnkrise

akzeptieren des Realitätsverlustes

Subkulturen

Jugendkulturen
Gruppenorientierung

Ideologische
Umdeutung


Vergnügungen, Medien, Spiel Eskapismus

Ausbruchsverhalten

Anpassung

Intellektualismus

Aufstiegsorientierung

Markt und Macht

Suche nach den Wurzeln

privatistische „Schmuse- und Küsschen-Kultur“

Privatideologie

Enthistorisierung

Drogen / Suchtverhalten

Nationalismus, Neonazismus

Irrationale Geschichtslosigkeit

Kriminalität Bandenbildung

Historizismus

Der in dem Schema einerseits sichtbare „Ausstieg aus der Geschichte“ ist auch ein „Ausstieg aus der Identität“. Diesem können, differenzieren wir die sozialen Zuordnungen genauer als bisher geschehen, nur Bevölkerungsgruppen folgen, deren kollektive Identität letztlich in eine „Selbstverständlichkeit der historischen Herkunft“ gründet, d.h. nur traditionelle, ortsgebundene deutsche Unterschichten. Denen schließen sich deklassierte oder in Konsequenz von Lebenskrisen aus der „Selbstverständlichkeit der bürgerlichen Aufstiegsorientierung“ ausgeschlossene Mittelschichtangehörige an. Der „Rückzug ins Private“ wird je nach sozialer Verhaltenskompetenz als Rückzug in die Reste der „Schrebergartenkultur“ oder als -in der Funktion der Selbstlegitimation- „Erproben alternativer Lebensformen“ ausgelebt. Die narzistische Verhaltenskomponente füht dabei zu sehr problematischen, oft antisozialen Verhaltensformen des Einzelgängertums oder der symbiotischen Partnerbindung. Ein Ausweg aus dieser existenziellen Sackgasse, will man sie nicht in modischer Form als individuelle Therapierungsaufgabe verstehen, führt nur zu einer Wiederöffnung des gesellschaftlichen Zuganges, der Rekonstruktion der gesellschaftlichen Wurzeln der eigenen Existenz.

Benachteiligte Bevölkerungsgruppen ohne diesen Hintergrund der „Selbstverständlichkeit“, die ja bei aller persönlichen Verunsicherung doch einen Rest „Selbstsicherheit“ garantiert, sind auf eine bewußtere Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft, mit ihrer Kultur verwiesen.

Es ist kein Zufall, daß die Renaissance der Geschichte ihren Ursprung in der Identitätssuche der schwarzen Minderheit in den USA hat. Die Suche nach den „Roots“, den Wurzeln der eigenständigen Kultur und Herkunft, ist durchaus bewußt aus dem Umkreis der Black Power-Bewegung initiiert worden. Weniger systematisch und reflektiert sind der Kulturkonservativismus und die religiöse Bindung der türkischen Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland zu verstehen. Parallelen sind in Mitteleuropa bei allen nationalen Minderheiten und Arbeitsmigranten oder Flüchtlingsgruppen zu beobachten. Hier ist der gemeinsame, von der Bevölkerungsmehrheit der gesellschaftlichen Umwelt verschiedene geschichtliche Hintergrund ein notwendiger Bestandteil der Gruppenidentität und der sozialen Integration des Individuums. Doch ist dieser „existenzsichernde Historismus“ kein Element rationaler Auseinandersetzung mit der Realität, sondern ideologischer, oft mystizierender affektiv besetzter Bewußtseinsinhalt.

Auch die Geschichtszuwendung der Mittel- und Oberschichten ist in ihrer Funktion der Versuch, eine problematisch gewordene eigene Existenz und soziale Rolle zunächst vor sich selbst, dann aber auch gegenüber der Gesellschaft zu legitimieren. Auch hier ist die Geschichtsauffassung selektiv, gruppenzentristisch und ideologisch geprägt. Wir wiesen schon darauf hin, wie leicht in der individuellen Biographie der Wechsel vom interessengebundenen Oberschichtsinternationalismus zum persönlichen kruden rassistischen Vorurteil vollzogen wird. Dieser „Internationalismus“ ist nichts weniger als „interkulturell“, er nimmt das kulturell-ökonomische Handlungsziel der „westlich-industriestaatlichen Egalisierung“ der Welt im Sinne der Reduktion auf den Weltmarkt vorweg, in dem traditionelle und alternative Lebensformen und Sinngebungen keinen Platz haben.

Wir stellen also zusammenfassend fest, daß das in Teilen der Bevölkerung wachsende Geschichtsinteresse durchaus verständlichen gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht, einer nicht weiter reflektierten Defizitwahrnehmung in der politischen Kultur entspringt -die aus einer anderen gesellschaftlichen Position heraus gerade auch zur gegenteiligen, ablehnenden Haltung gegenüber der Geschichte führen kann, was die geringe Realitätsbindung dieser Motivation erweist-, aber in seiner Erscheinungsform kaum je ein Moment der rationalen Realitätsdurchdringung wird. Daher kann die gesellschaftswissenschaftliche Didaktik nicht einfach an diese Motivation anknüpfen, sondern muß sie in ihrer psychosozialen Struktur mit der Lerngruppe zusammen thematisieren und aufarbeiten. In diesem Sinne können jedoch sehr befriedigende Lernerfolge entstehen, vor allem wenn in der gleichen Lerngruppe auch ein Geschichtsinteresse aus der geschilderten Minderheitenposition heraus vorhanden ist.

Das Schema zeigt aber auch, daß dieses Eingreifen der unterrichtlichen Aufbereitung biographisch so früh geschehen muß, daß nicht -durch die in jeder Biographie vorfindbaren Lebenskrisen- eine soziale Abschottung und mentale Blockierung eine Öffnung der Realitätswahrnehmung verhindern.

Der politikdidaktische Umgang mit der Geschichte

Die Analyse der Lebensentwürfe und der heterogenen Verhaltensmuster, die hier, gegründet auf Literaturaussagen und eigene Beobachtungen, nur qualitativ-andeutend erfolgen konnte, müßte für eine weitere Konkretisierung und Absicherung über ein zusätzliches empirisches Fundament verfügen, das im Rahmen dieses knappen Problemabrisses nicht zur Verfügung steht. Teile des Themas, soweit sie die Haltungen und Stereotypen von Schülern bezüglich der Situation und der Kulturen der „Dritten Welt“ betreffen -in gewisser Weise ein Schlüsselproblem für unsere Begründung einer interkulturellen Didaktik-, hat der Verfasser selbst empirisch in der BRD erhoben; doch sind die Ergebnisse noch nicht publiziert, so daß hier die allgemeine (zugegebenermaßen als wissenschaftliche Begründung wenig befriedigende) Aussage stehen bleiben muß, daß die Ergebnisse dieser empirischen Daten den Ausführungen in diesem Aufsatz nicht nur nicht widersprechen, sondern sie zu einem grossen Teil erst angeregt haben.

Im bisherigen Zusammenhang haben wir, ohne allzu scharfe Unterscheidung, gesellschaftswissenschaftliche Fachdidaktik und Geschichtsdidaktik nebeneinander angesprochen. In der Konsequenz und vor dem Hintergrund unserer Überlegung sollen abschließend noch einige konkretere Hinweise auf unsere Sicht der Geschichtsdidaktik erfolgen.

Da sich Geschichte zunehmend selbst als Gesellschaftswissenschaft versteht, in einer ihrer Richtungen explizit als „historische Sozialwissenschaft“, und der geisteswissenschaftlich-idealistische Ansatz eher selbst als historisches Phänomen zu werten ist, sollte es nicht schwer fallen, angesichts der spezifischen Kompetenz und Methodik der Geschichtswissenschaft die Geschichtsdidaktik als wichtigen Teil der politischen Bildung zu verstehen. Dabei ist, in den Augen des Verfassers, auf ein wichtiges Mißverständnis hinzuweisen: Als konservativer Gegenentwurf zur (emanzipativen, kritischen) „politischen Bildung“ wird oft eine (affirmative?) „historische Bildung“ postuliert. In diesem Sinne wird aber der Bildungsbegriff überstrapaziert. Bildung bezieht sich auf eine kognitiv und instrumental fundamentierte Verhaltensdimension; mit der politischen Bildung korrespondiert das „politische Verhalten“ oder das politisch wirksamen Sozialverhalten. Dies bezieht sich auf die Gegenwart der Schüler und der Gesellschaft und ist ziel- und zukunftsorientiert. Dabei spielen Kenntnisse und Einsichten aus dem Bereich der Geschichte eine unter Umständen ebenso große Rolle wie Kenntnisse aus allen anderen möglichen, z.B. auch naturwissenschaftlichen Wissensbereichen. Politische Bildung ist daher eine spezifische, an gesellschaftlichen Ziel- und Wertvorstellungen orientierte Form der Umsetzung von Kenntnissen und Wissen. Keinenfalls ist politische Bildung die Summe der Kenntnisse über Politik! Da ein „Verhalten in der Vergangenheit“ eine unsinnige Vorstellung ist, bietet die Geschichte als solche kein Handlungsfeld für die Schüler; eine Bildung, um „in der Vergangenheit zu handeln“ wäre eine (wie ich befürchte aus konservativer Sicht nicht immer ungern gesehene) Aufforderung zur ideologische Uminterpretierung von Geschichte. Denn auch „historische Bildung“ darf begrifflich nicht mißverstanden werden als „Summe der Kenntnisse über geschichtliche Zusammenhänge"! Somit ist die Forderung nach „historischer Bildung“ nichts weiter als die provozierend-verschleierte(!) Forderung nach einer anderen „politischen Bildung“, einer politischen Bildung, die gegenwärtige Problemlagen vor dem Hintergrund historischer Ideologien wie z.B. des Nationalismus umdeutet und, im Gegensatz zu unserer Kernforderung nach rationaler Realitätsorientierung, ideologische Realitätsdeutungen als Muster der Lebensbewältigung anbietet!

Aufgrund dieser Überlegung ergeben sich einige Forderungen, an denen sich die Geschichtsdidaktik überprüfen kann. Sie hat, was ihr sicherlich leicht fallen wird, zunächst das modische „Bedürfnis nach Geschichte“ als reales gesellschaftliches Bedürfnis ernst zu nehmen, muß aber die damit ausgedrückten realen Bewußtseinsdefizite zur Kenntnis nehmen. In gleicher Weise muß die Geschichtsdidaktik den Antihistorizismus eines weiteren grossen Teiles der Gesellschaft gleichermaßen ernst und als Aufgabe nehmen, um nicht nur „Geschichte für Hobbyhistoriker“ betreiben zu wollen. Die in den Lerngruppen aufscheinenden Geschichtsbilder und Ideologien sind aufzugreifen und als Ansatzpunkt zu nehmen, im Sinne einer Entideologisierung konkrete Wege zu suchen, Geschichtsverständnis auf Realitäten zu gründen. Das hat auf der einen Seite ein bewußtes Verhältnis zur historischen Methodik zur Voraussetzung, wie auch das konkrete Einbeziehen der Lerngruppe in die Strukturierung des Lernprozesses selbst.

Das führt zu einer didaktisch begründeten, notwendigen Umdeutung: Geschichte verliert ihre Rolle als Reduktionselement zur Stützung individueller Identitätsdefizite und wird zum Weg zur überindividuellen, gesellschaftlichen Realitätsorientierung des Bewußtseins. So bekommt Geschichtsverständnis eine zentrale Rolle in der interkulturellen Bildung.

Um die dialektischen Verknüpfungen zu verdeutlichen, stellt sich folgende Frage: Was fordert nun die Geschichtsdidaktik von der Gesellschaft? Zunächst und an zentraler Stelle ist eine Revision des Umgangs mit zentralen Begriffen wie „Nation“, „Volk“, „Staatsvolk“ etc. von ausschlaggebender Bedeutung. Der Staat ist in unserem Jahrhundert als pragmatisches Instrument zur gesellschaftlichen Problembewältigung zu verstehen, nicht aber als ideologische Sinnerfüllung! Das „Volk“ kann sich, nach der Zeit des Nationalsozialismus, sicher nicht mehr im traditionellen Kontext „völkisch“, „rassisch“ oder herkunftmäßig definieren [wie es das „sanguine Staatsangehörigkeitsrecht“ der BRD noch immer impliziert], sondern nur noch als gegenwärtige Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsam oder sozial differenziert Herrschaft erlebt, Wohlstand oder Not erfährt und aufgefordert ist, Konflikte gesellschaftlich und politisch verantwortlich zu lösen. Die Kultur – wesentlicher Kristallisationspunkt kollektiver Identität – versteht sich dann als aktive und wertbezogene Auseinandersetzung mit der Geschichte und mit den positiven und negativen Erfahrungen mit der Zeitgeschichte. Offenheit, Lernbereitschaft und kritische Distanz sind die Voraussetzungen einer solchen Haltung, kurz gesagt: interkulturelles Bewußtsein.

12. Résumé

„Sie tun das, weil sie hoffen, dadurch die Säkularisierung der Kultur aufhalten zu können, die „Gottesfurcht“ zu bewahren und der künftigen Zivilisation die Argumente für eine optimistische Sicht der Welt zu entziehen.

Auf einer anderen, eher philososphisch-abstrakten Ebene kann man denselben Konflikt auch lesen als Illustration der These, daß Kultur prinzipiell offen und mobil sein muß. Wie die Illustration, die Übersetzung und die Paraphrase ist auch die Parodie eine Umcodierung, die die Sprache der Kultur bereichert, ihr neue Zeichen zuführt und die Bedeutung der vorhandenen erweitert. Unveränderlichkeit des Verhältnisses von Signifikanten und Signifikaten führt zum Tod der Kultur.“

Elena Kostjukovic: Der unbegrenzte Zeichenprozeß als Grundlage der Kultur (1982). In: Burkhart Kroeber (Hrsg.), Zeichen in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. München 1987 (Hanser), pp.48-55, cit.p.51

In diesem Aufsatz wurde versucht, eine Verbindung zwischen einigen Befunden zur „Bewußtseinslage der ‚postmodernen Gesellschaft‘“ und der Notwendigkeit der kritischen Revision der Didaktik der Gesellschaftswissenschaften.

Typische Charakteristiken der Problemlagen in der heutigen mitteleuropäischen Gesellschaft sind das Versagen der (gesellschaftswissenschaftlichen, z.T. aber auch schon der naturwissenschaftlichen) Politikberatung, die Krise der „Expertenherrschaft“, ohne das Alternativen absehbar wären, die individuell kaum noch abzuschätzende „Risikogesellschaft“ und die übermächtige Präsenz der Massenmedien, die, wenn noch überhaupt, nur einer ökonomischen Kontrolle durch die Eigentümer unterliegen.

Materielle Politikaufgaben sind vor diesem Hintergrund kaum noch rational zu lösen, wie ökonomisch-politischer Hegemonialkampf, andauernde Gewaltbereitschaft auch und gerade der Großmächte, Ignorieren jeglicher sozialer und friedenspolitischer Alternativen belegen.

Mangel an politischer Rationalität, Diskreditierung wissenschaftlicher Realitätsdeutungen, Entsprachlichung der bildorientierten Medienrealität (der sich ökonomische und politische Werbung einordnen), maßstabslose Wahrnehmung realer oder nur befürchteter Lebensrisiken, für deren Bewältigung die Politik und die Medien keine Handreichung bieten, obwohl sie das Risikobewußtsein, besser: die Angst der Menschen permanent für eigene Interessen (Wahlsieg, Auflagensteigerung) funktionalisieren, führen zum Kernproblem, der defizitären Realitätsorientierung des gesellschaftlichen Bewußtseins, und damit der mangelnden Fähigkeit, reale Probleme realitätsbezogen, rational zu bewältigen. Es besteht eine auffällige Diskrepanz zwischen den rationalen und wissenschaftlichen Potentialen der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Fähigkeit, diese Potentiale sozial und politisch, wie zur eigenen Lebensbewältigung zu nutzen.

Die gemeinsame Problemgrundlage führt aber, durch soziale, nationale oder kulturelle Herkunft differenziert, zu kontroversen, unvereinbaren Folgerungen für die individuellen bzw. gruppenbezogenen Lebensentwürfe und sozialen Verhaltensorientierungen. Dabei wird durchweg gerade die Inhomogenität der Gesellschaft als Ursache der Probleme definiert, anstelle der notwendigen Einsicht, daß diese Differenzierung verschiedene Wege weist, mit der gemeinsamen gesellschaftlichen Realität umzugehen. Da diese Isolierung der gruppenorientierten gesellschaftlichen Verhaltensformen mit ihrem hohen Maß an Abgrenzungsintention und ihrem Gewalt- und Aggressionspotential gerade eine rationale Realitätsdeutung verhindert, sieht unsere Untersuchung in der sozialen und kulturellen Heterogenität der Gesellschaft den didaktischen Ansatz, realitätsferne, verengende ideologische Haltungen aufzubrechen und interkulturelles Lernen zum Schlüssel für eine neue, adäquate und rationale Realitätsorientierung des gesellschaftlichen Bewußtseins zu machen (VOIGT, 1993).

Ein weiterer differenzierter Blick auf die heutigen gesellschaftlichen Verhaltensorientierungen zeigt uns, daß die dissonanten Reaktionen auf eine einheitliche Grundproblematik auch Reaktionen auf intuitiv erlebte Identitäts- und Individuationsdefizite sind. Zwei grundsätzlich unterschiedene, wesentlich sozial und lebensgeschichtlich begründete Reaktionsmuster werden vorgefunden: eskapistische, z.T. anomistische Sozialverhaltensformen einerseits -bis hin zur sozialen Devianz, zu Sucht- und Suizidverhalten- und historisierende Ideologien, die in der kollektiven Vergangenheit die „Wurzeln“ verschütteter personaler Identität suchen, ausgeprägt in traditionellem Nationalismus oder im modischen „historischen Interesse“.

Für den Didaktiker ist es schwer, in diesen kontroversen Erscheinungsformen vergleichbare gesellschaftliche Ursachen und Problemlagen auszumachen. Daher muß zunächst ein übergreifender didaktischer Ansatzpunkt gefunden werden, den diese Untersuchung gerade in der auffindbaren Heterogenität der Verhaltensmuster und damit in der Heterogenität der Lerngruppen sieht. Dieses selbst zu thematisieren und zur Grundlage des politischen Lernens zu machen, ist der Ansatzpunkt der interkulturellen Erziehung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, lerngruppen- und schülerorientiert die Einengungen der Realitätswahrnehmung aufzuarbeiten und Rationalitätsdefizite nicht nur kognitiv zu beschreiben, sondern durch das Bewußtmachen ihrer sozialen und personalen Begründung als zu behebende Defizite individuell erfahrbar zu machen.

Die gesellschaftswissenschaftliche Didaktik wird somit als Voraussetzung der politischen Bildung verstanden, die die konkrete didaktische Arbeit von der Ebene der normativen Vorgaben (Richtlinien, universitäre Forschung: die zur Sicherung von Qualifikation, Innovation und Konsistenz dennoch weiterhin ihre Bedeutung behalten!) herunterholt und der gemeinsamen Aktivität der Lerngruppe unterwirft. Die fachliche Differenzierung der Fachdidaktik ist insoweit persistent, als sie die Bezüge zu den fachlichen Entwicklungen der Bezugswissenschaften sichert (Vgl. dazu CLAUßEN 1990, 346 f.). Gerade aber die Geschichts- und Geographiedidaktik werden sich in ihren Inhalten wie in ihrem Selbstverständnis sehr stark verändern müssen, was sicherlich unmittelbare Auswirkungen auf die universitäre Lehre als Ort der Ausbildung der Fachlehrer haben wird.

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Gottschalch, W., 1977: Schülerkrisen. Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. Reinbek

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Roth, W.K., Hrsg., 1983: Ausländerpädagogik. 2 Bände. Stuttgart

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Schuon-Wiehl, A., 1973: Faschismus und Gesellschaftsstruktur. EVA-Unterrichtsmodelle 5. Frankfurt

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Treuheit, W., Otten, H., 1986: Akkulturation junger Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Probleme und Konzepte, in: Schriften des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung. Opladen

Voigt, G., Nettelmann, L., 1990: Die Arbeit einer UNESCO-Schule: z.B. Schulpartnerschaften mit Polen und der Türkei. Oldenburger Vor-Drucke Heft 98/90. Oldenburg

Voigt, G., 1993: Rechtsextremismus und Ausländerinnen und Ausländer im Unterricht. Ausgewählte Aspekte der Methodik und Didaktik. Politik-Wissenschaft-Bildung Heft 12, Hamburg

Ziehe, T., 1975: Pubertät und Narzißmus. Sind Jugendliche entpolitisiert? Frankfurt/Köln

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pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

politik unterricht aktuell - Sonderheft 1993

Arbeitsergebnisse eines Didaktikseminars zum Thema: „Ausländerpädagogik – Herausforderung für den Politikunterricht“ vom 28. bis zum 30. November 1990 in der Evangelischen Akademie Loccum veranstaltet vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, in Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Club Hannover e.V.

Voigt, Gerhard:

Interkulturelles Lernen und „Dritte Welt-Didaktik“. Eine Antwort der Didaktik der Gesellschaftswissenschaften auf den Realitätsverlust der politischen Kultur Mitteleuropas. / Bernhard Claußen; Werner Treuheit; Gerhard Voigt / Herausgegeben von Gerhard Voigt. Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., 1993  (Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 5)

ISBN 3-930307-04-9 – ISSN 0945-1536 – Printausgabe vergriffen / Überarbeitung 2002

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe 3.7.2011

 

 

 

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