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politik unterricht aktuellSonderheft 1993

Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 5

Rekonstruiert / restauriert Juli 2011


Förderung ausländischer Jugendlicher in der Schulpraxis

Ein Arbeitspapier aus der Bismarckschule Hannover [Gymnasium; UNESCO-Projekt-Schule. 1989]

Dokument Information

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A. Voraussetzungen

  • Die Förderung „ausländischer“ Schülerinnen und Schüler darf nicht nach einem Nationalitätenkriterium sondern nach bestimmten Defizittypen organisiert werden, was eine individuelle Beurteilung der Bildungsvoraussetzungen voraussetzt, bei der auch Selbsteinschätzung, Bildungswunsch und Motivationsrichtung angemessen berücksichtigt werden müssen. [Förderung z.B. auch bei Bildungsdefiziten wegen des individuellen sozialen Hintergrundes unabhängig von nationaler Zuordnung; Berücksichtigung von Mehrfachbenachteiligungen, wie sie sich aus der schwierigen „Muttersprachssituation“ z.B. von Kurden türkischer Nationalität, die in Deutschland aufwachsen, beobachten lassen.]

  • Motivation und Bildungszielorientierung sind für den Schul- (Ausbildungs- und Berufs-)erfolg wichtiger als festgestellte „objektivierbare“ Wissensdefizite. Hier darf keinenfalls ein starrer, summativer Bildungsbegriff zugrunde gelegt werden! Allgemeinbildung und Studierfähigkeit lassen sich nicht durch einen festgeschriebenen Kanon von Kenntnissen und instrumentellen Fähigkeiten bestimmen, sondern ergeben sich aus einer pädagogischen Gesamtbeurteilung, die individuell sehr unterschiedlich inhaltlich untermauert sein kann.

  • Förderung darf nicht zur Aussonderung und Stigmatisierung führen, d.h.: es müssen fließende Grenzen zwischen geförderten und „normalen“ Lerngruppen gefordert werden; Förderung hat das Ziel, dem persönlichen Charakter- und Beganungsbild des Schülers bzw. der Schülerin angemessene Chancengleichheit für die Existenz in der deutschen Gesellschaft zu sichern.

  • Integration und Chancengleichheit beziehen sich auf die Rechte und die tatsächlichen Chancen, alle soziale Positionen in unserer Gesellschaft anstreben und einnehmen zu können; Integration bedeutet aber nicht, die eigene kulturelle und religiöse Herkunft verleugnen oder aufgeben zu müssen: Niemand darf zu einem „Zwangsdeutschen“ erzogen werden! Das Bewahren der eigenen herkunftsmäßigen kulturellen Identität gehört zu den verfassungsmäßigen Grundrechten jedes Menschen in unserer offenen und pluralistischen Demokratie.

  • Aus dieser notwendigen Pluralität der individuellen Lebensentwürfe, die von unserer Gesellschaft und Verfassung gleichwertig nebeneinander akzeptiert werden, geht die – für den Gymnasialunterricht bislang noch nicht allgemein akzeptierte – Forderung hervor, daß es nicht primäres Ziel des Fachunterrichtes sein darf, daß die Schülerinnen und Schüler inhaltlich unbedingt das Gleiche zu lernen haben, sondern, allein gemessen am gesamtcurricularen Stellenwert: Vergleichbares und Gleichwertiges, daß also eine viel stärkere inhaltliche Binnendifferenzierung in allen Fächern notwendig wird.

  • Das hat fundamentale Folgen für die Bewertungsschemata, in denen Leistungsalternativen eingebaut werden müssen, und eine Substitution üblicher sprachlicher Ausdruckskriterien durch vergleichbare formale, fachsprachliche, nonverbale oder in anderen verbal-strukturellen Kontexten stehende Äußerungsformen ermöglicht werden muß.

B. Mögliche Grundtypen der praktischen Förderung

  •  „Förderband“: Eine Folge von fördernden Maßnahmen über einen längeren Zeitraum hinweg, wobei am Anfang sicher das Sprachtraining steht, dem dann eine spezialisiertere fachliche und individualisierte Förderung folgt. Hier sollten prinzipiell alle Fächer über ihre Fachbereiche angesprochen werden. Fachliche Förderung wird vorzugsweise interdisziplinär-aufgabenfeldbezogen z.T. mit wechselnder Lehrerbetreuung zu unterrichten sein. Die beteiligten Lehrer sollten in einer speziellen Förderkonferenz ihre Ziele erarbeiten und den Erfolg überprüfen. Dabei ist die Teilnahme an speziellen Lehrerfortbildungsmaßnahmen empfehlenswert.

  • Wenn ein entsprechender Versuch genehmigt und durch die Zuteilung entsprechender Lehrkräfte ermöglicht werden sollte, wäre ein Einstieg in die Bilingualität in einer ausgewählten Sprache (z.B. Polnisch an der Bismarckschule Hannover und Türkisch an der benachbarten Tellkampfschule Hannover) sinnvoll, wobei z.B. Mathematik und eine Naturwissenschaft – selbstverständlich im Rahmen der niedersächsischen RRL – in der betreffenden Fremdsprache erteilt werden. An diesem Unterricht sollten auch deutsche Schüler teilnehmen können. Das setzt die vorherige Einführung der betreffenden Sprache als Fremdsprache wie, in einem begrenzten Rahmen in den unteren Klassen, für den muttersprachlichen Unterricht voraus. [Die Bismarckschule hat hierbei „Anschauungsunterricht“ durch ihre Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi, die als „Anatolisches Gymnasium“ die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in Deutsch als Unterrichtssprache erteilt. Auch wenn das dort praktizierte Konzept eines leistungsorientierten Elitegymnasiums prinzipiell problematisch ist, zeigt die dort praktizierte Bilingualität deutliche Gewinne in sprachlicher und intellektueller Flexibilität und Leistungsbereitschaft.]

  • Die fachliche Binnendifferenzierung verlangt von den Fachkonferenzen eine Sichtung des Lehrstoffes in Hinblick auf variable Schwerpunktsetzungen, parallele Lernwege und Einbeziehung fremdkultureller Unterrichtsstoffe und Erfahrungshintergründe in den eigenen Unterricht (fallbezogene Themenschwerpunkte z.B. in türkischer/polnischer Geschichte, Politik und Länderkunde, oder auch entsprechender literarischer, künstlerischer oder philosophischer Inhalte unter strikter Einbeziehung der davon direkt betroffenen Schülerinnen und Schüler).

  • Die Flexibilisierung der Bewertungsschemata (die in der Mittelstufe durch die erlaßmäßige pädagogische Zensierung ohnehin gefordert ist) muß in den Fachkonferenzen auch inhaltlich besprochen werden (Vergleichbarkeit statt Gleichheit der Anforderungen). Über spezifische fachliche Hilfen (Sprachglossare, Übersetzungs- und Verständnishilfen, Veranschaulichungen) sollte Einverständnis erzielt werden. Dazu zum Beispiel: Mathematik und Naturwissenschaften können gerade durch ihre formalisierten „Sprachen“ – wenn sie auf ein elitäres Fachbewußtsein verzichten – zu „Rettungsankern“ für Schüler mit Sprachdefiziten werden; das erfordert aber den weitgehenden Verzicht auf umgangssprachliche „Einkleidung“ der Anforderungen und Aufgaben. Auch in den deutschsprachlichen Fächern ist beim Umgang mit älteren Quellen ein Umdenken erforderlich. Viele heute nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke (die auch deutschen Schülern und Lehrern fallweise Verständnisschwierigkeiten bereiten) gehören sicher nicht zum unbedingt erforderlichen Grund- und Fachwissen (und sind gerade ausländischen Schülerinnen und Schülern, wenn sie noch so begabt sind und intensiv Deutsch gelernt haben, niemals begegnet – und daher von ihnen keinenfalls zu verlangen, auch wenn sie im Unterricht eventuell einmal beiläufig aufgetaucht sind!); sie sind fallweise oder auf Nachfrage auch im Rahmen einer Klausur (!) vom Lehrer zu erläutern. Auch alte, gebrochene Schrifttypen können nicht ohne weitere Vorübungen verstanden werden.

  • Ein inhaltlicher Schwerpunkt der sprachlichen Integrationsbemühungen ist nicht nur das Sprachtraining, sondern vor allem das „Sprechen über das Sprechen“ (metasprachlicher Diskurs) mit der besonderen Betonung des sprachlichen Umganges zwischen Deutschen und Ausländern. Vorurteilshaltungen, Mißverständnisse und die eigene spachliche Identität werden hier bei deutschen wie bei ausländischen Schülern bewußt gemacht (z.B. in den Fächern Deutsch, Sozialkunde und in den Wertfächern).

  • In Zusammenarbeit mit dem Schulträger (massive Forderungen werden dabei wohl notwendig sein!) sind spezielle Hilfsmittel anzuschaffen:

o    Wörterbücher und Fachwörterbücher für alle vertretenen Sprachen

o    ausländische Schulatlanten

o    ausländische Schulbücher

o    ausländische Handlexika

o    länderkundliche und populärgeschichtliche Bücher für alle Regionen,

o    aus denen Schüler an der Bismarckschule Hannover vertreten sind.

  • Diese Werke können als Hilfsmittel im Unterricht, für Hausaufgaben und in Klausuren von den Schülern verwendet werden.

C. Was ist konkret und schnell zu tun?

  • Eine fächerübergreifende Arbeitsgruppe sollte das Konzept des Förderunterrichtes inhaltlich und organisatorisch neu diskutieren – eventuell in Hinblick auf ein komplexeres Förderungssystem unter Berücksichtigung der zu erwartenden neuen Erlaßbedingungen. Dabei ist zu erörtern, ob eine Beziehung hergestellt werden kann zu Fördermaßnahmen gegen geschlechtsrollenspezifische Benachteiligungen.

  • Die Fachkonferenzen sollten gebeten werden, zunächst fachbereichsbezogene Gesprächskreise (Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Deutsch, Gesellschaftswissenschaften, künstlerische Fächer, Wertfächer) zu initiieren, in denen unter Beteiligung betroffener und interessierter Schüler und Eltern die fachlichen Umsetzungsmöglichkeiten geprüft werden.

  • Bilingualität als Schulversuch und Sonderanschaffungsprogramme sollten zunächst von der Schulleitung auf ihre prinzipielle Realisierbarkeit hin überprüft werden.

  • Zu diesem Thema wären differenzierte Lehrerfortbildungsmaßnahmen sicher sinnvoll. Erfahrungen anderer Schulen und Schulformen sollten aufgenommen und in die Willensbildung mit aufgenommen werden.

  • Ein gewählter Beauftragter bzw. eine gewählte Beauftragte zur Betreuung ausländischer Schülerinnen und Schüler wäre sinnvoll.

UNESCO-Projekt-Schulen

„Die Schlüsselfragen unserer Zeit sind zu Überlebensfragen der Menschheit geworden. Zivilcourage und aktives Handeln für Eine Welt müssen heute auf die Tagesordnung gesetzt werden. Zwischen biedermännischer Politik und brandstiftendem Haß haben wir als UNESCO-Projekt-Schulen weder einfache Antworten noch Patentrezepte. Wir wollen – ohne die Reichweite schulpädagogischer Wirkung zu überschätzen – in und mit der Schule Erfahrungsräume schaffen und Handlungskonzepte ermöglichen, die zu einem toleranten Miteinander beitragen.

Wir sind offene Schulen; offen für neue Ideen und vernachlässigte Themen. Entsprechend den jeweiligen Möglichkeiten unserer Schulen stehen vier Ziele im Mittelpunkt:

  • Menschenrechte für alle verwirklichen

  • Armut und Elend bekämpfen

  • Umwelt beschützen und bewahren

  • Anderssein der Anderen akzeptieren

Für Eine Welt lernen heißt für uns „global denken und lokal handeln“. In und mit unserem Netzwerk wollen wir Verbindungen herstellen und Begegnungen ermöglichen: Durch fächerübergreifenden Unterricht und Projekte, bei Schulpartnerschaften oder Austauschbegegnungen, durch Zusammenarbeit mit anderen Schulen und Nichtregierungsorganisationen, bei Tagungen und Camps. Wir sind überzeugt, daß ein Verständnis anderer Menschen und Kulturen wünschenswert und möglich ist, daß eine lebenswerte Zukunft in einer friedlichen Welt durch gemeinsames Handeln erreicht werden kann.

UNESCO-Projekt-Schulen sind „normale“ Schulen in der vielfältigen bundesrepublikanischen Schullandschaft. Uns verbindet eine gemeinsame Idee: Internationale Verständigung und interkulturelles Lernen sollen das Schulleben bestimmen. Unter dem Dach der UNESCO – der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kommunikation und Kultur – bilden wir mit Schulen aus aller Welt ein Netzwerk: Das Associated Schools Projekt.“

UNESCO-Projekt-Schulen

Postfach 12 03 60

53045 Bonn

UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [gemeinnütziger Verein]

Die Bismarckschule Hannover ist eine von 66 UNESCO-Projekt-Schulen in Deutschland. Sie hat sich Anfang der 50er Jahre als eine der ersten Schulen in der Bundesrepublik Deutschland der Deutschen Sektion der internationalen UNESCO-Modell-Schulen, wie sie damals genannt wurden, angeschlossen und hat seither in vielfältigen Projekten, Unterrichtsvorhaben, internationalen Kontakten und Schulpartnerschaften z.B. mit England, Finnland und heute mit Polen, der Türkei und den USA an der Idee des Interkulturellen Lernens im Verbund der UNESCO teilgenommen. Der rechtlich unabhängige, gemeinnützige Verein „UNESCO-Club“ wurde von Eltern, Lehrern und Schülern der Bismarckschule gegründet, steht aber auch anderen Mitgliedern offen, die die praktische UNESCO-Projekt-Schularbeit unterstützen und in das Netzwerk der Informationen und öffentlichen Veranstaltungen im Bereich des Interkulturellen Lernens und der internationalen Kontakte und Reisen einbezogen werden wollen.

UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,

Bismarckschule Hannover, An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover 

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

politik unterricht aktuell - Sonderheft 1993

Arbeitsergebnisse eines Didaktikseminars zum Thema: „Ausländerpädagogik – Herausforderung für den Politikunterricht“ vom 28. bis zum 30. November 1990 in der Evangelischen Akademie Loccum veranstaltet vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, in Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Club Hannover e.V.

Voigt, Gerhard:

Interkulturelles Lernen und „Dritte Welt-Didaktik“. Eine Antwort der Didaktik der Gesellschaftswissenschaften auf den Realitätsverlust der politischen Kultur Mitteleuropas. / Bernhard Claußen; Werner Treuheit; Gerhard Voigt / Herausgegeben von Gerhard Voigt. Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., 1993  (Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 5)

ISBN 3-930307-04-9 – ISSN 0945-1536 – Printausgabe vergriffen

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe 3.7.2011
 

 

 

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Web-Fassung: 01.02.2012 - Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. <bismarckschule.voigt@gmx.de>