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politik unterricht aktuellSonderheft 1993

Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 5

Rekonstruiert / restauriert Juli 2011


Anhang

Materialien – Thesen – Ergebnisse

Werner Treuheit und Hendrik Otten:

Theoretische Grundlagen der Akkulturationsdidaktik

Dokument Information

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Theoretische Grundlagen der Akkulturationsdidaktik

Vorbemerkung:

In seinem Referat [S. 23 ff.] bezieht sich Werner Treuheit auf ausführlichere Darstellungen in dem Buch TREUHEIT/OTTEN, Akkulturation junger Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland [Opladen 1986]. Zum besseren Verständnis des Referattextes drucken wir nachfolgend mit freundlicher Genehmigung von Werner Treuheit einige kurze Textauszüge zu den Grundlagen der strukturfunktionalistischen Erziehung, dem Symbolischen Interaktionismus und zu den Grundqualifikationen sozialen Handelns ab. Für eine vertiefende Beschäftigung sei auf das genannte Werk und das darin zu findende Literaturverzeichnis verwiesen.
[Anm. des Hg.
]
[1]

Der strukturfunktionalistische Ansatz

Joas hat darauf hingewiesen, daß für Parsons‘ Rollentheorie, die er als Sozialisationstheorie ausführt, zwei Quellen maßgeblich waren: Mead's Symbolischer Interaktionismus und Linton's Kulturanthropologie. Von Mead „übernahm er den Gedanken der Reziprozität der Verhaltenserwartungen und den einer relativen Selbständigkeit der Muster bedeutungsgleicher Symbole, schneidet aber den Zusammenhang zwischen der diese Normen und Werte konstituierenden Interaktion und den Normen und Werten selbst ab.“

Damit kommt er zur Auffassung einer vom Individuum unabhängigen, quasi objektiven Umwelt, deren Einflüssen er sich anpassen muß. Dieser Gedanke ist von Linton übernommen, in dessen kulturanthropologischer Konzeption „der Akzent auf der Unabhängigkeit der Struktur (primitiver) Gesellschaften von den konkreten Individuen liegt. Bei Linton ergibt sich ein Zwiespalt zwischen einer statischen Struktur, welche für die Individuen bestimmte Plätze („status“) bereithält, und den Handlungen der Akteure, die nur als Vollzug der Zwänge der statischen Struktur gedacht werden können.“

Hier gewinnt Umwelt die Qualität einer unabhängigen Variablen, an die die menschliche Persönlichkeit (abhängige Variable) in einem Prozeß des trial and error sich anpaßt: „Die Gesellschaft ist das Gegebene, das Umgreifende; der Mensch ist das Genommene, Ergriffene. ... Soweit der Mensch sozialisiert ist, ist er nicht mehr und nicht weniger als eben ein Abbild der Gesellschaft, d.h. er ist ein angepaßtes Wesen.“

Die aus strukturfunktionalistischer Sicht daraus registrierte relative Bandbreite des Individuums bei Annahme und Ausfüllen der angetragenen Erwartungen gerinnt zur statistischen Kategorie und mündet in die Aussage, „daß es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, daß Individuen bevorzugt Verhaltensweisen, Einstellungen etc. entwickeln, die von ihnen im Rahmen einer bestimmten Kultur erwartet werden und die für eine Reproduktion dieser Kultur geeignet sind.“ Wenn damit auch, ganz im Sinne Parsons, Variationen, Abweichungen, individualistische Ausfüllungen der angetragenen Erwartungen konstatiert werden, bleibt doch das Prinzip der Anpassung weiterhin betont. Was hier aber eher als Ausnahme von der Regel aufgefaßt wird, ist demgegenüber der empirische Normalfall menschlichen Verhaltens.

Habermas hat in seinen vielbeachteten Thesen zur Sozialisationstheorie auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht. Er nannte in Anlehnung u.a. an Tenbruck, der allerdings vor allem die bei Dahrendorf zu findende dünne Gestalt der Rollentheorie kritisierte, das geltende Rollenmodell soziologistisch insofern es sich bloß auf einen Objektbereich (Rollenerwartung) bezieht und dem Individuum eine bloß nachvollziehende Funktion (ungebrochene Rollenübernahme) zubilligt. In der Tat habe das Individuum in diesem Konzept überhaupt keinen eigenen Spielraum, wird als ein bloßes Abbild des Objektbereiches aufgefaßt, weil

  • seine Bedürfnispositionen sich völlig mit den geltenden Wertorientierungen decken (Integrationstheorem),

  • sein relevantes Verhalten gänzlich durch Rollenvorschrift determiniert ist (Identitätstheorem),

  • es geltende Normen jeweils faktisch auch erfüllt – bzw. weil seine Handlungsmotivationen völlig mit der Rollenvorschrift in Deckung zu bringen ist (Konformitätstheorem).

  • Mit diesen drei klassischen Grundannahmen der Rollentheorie ist aber kein Normalfall, sondern der pathologische Grenzfall menschlichen Verhaltens angegeben.

Die Empirie menschlicher Beziehungen innerhalb eines definierten sozialen Gefüges weist nach Habermas einen anderen Normalfall aus:

  1. An Stelle des Integrationstheorems ist es wahrscheinlicher, von einem Repressionstheorem auszugehen, also von einer Nichtentsprechung zwischen Bedürfnisdisposition und Wertorientierung (Rollenerwartung) und der Notwendigkeit, die Rollenerwartungen durch Zwang durchzusetzen.

  2. Wahrscheinlicher als das Integrationstheorem ist die Annahme eines Diskrepanztheorems, eines individuellen Spielraumes von Rolleninterpretation und -handeln.

  3. Das Konformitätstheorem schließlich ist durch das Distanztheorem zu ersetzen, durch die Annahme, daß die Internalisierung von Rollen nur gradweise erfolgt, daß es Spielraum für Selbstdefinition gibt, daß das Individuum auch in Distanz zu sich selbst gelangen kann: Rollendistanz, Selbstreflexion.

Zwischen Objekt- und Subjektbereich besteht mithin immer eine gradweise Nicht-Entsprechung, was in bestimmtem Maße subjektive Autonomie nicht nur ermöglicht, sondern notwendig verursacht. Gegenüber der im Strukturfunktionalismus idealisierten Deckungsgleichheit zwischen Individuum und Umwelt – die gleichwohl empirisch nicht aufzufinden ist – wird hier ein empirisch vorhandener Spielraum festgestellt: darauf baut der interaktionistische Ansatz neue Erklärungen.
[S.38-41]

Der interaktionistische Ansatz: Interaktion

Falls wirklich irgendetwas mit der „kulturellen Identität“, die es bei allen Integrationsbemühungen zu respektieren gelte, gemeint ist, kann sie nur als personengebundene Dimension verstanden werden. Hier nennen wir sie deutlicher Ich-Identität, im positiven Fall eine stabile Persönlichkeitsstruktur. Ich-Identität ist nach Mead die Aufrechterhaltung einer Balance zwischen dem Individuum als Träger von Aktionen und Impulsen und der auf das Individuum wirkenden gesellschaftlichen Umwelt: „Die Organisation der Identität ist einfach die Organisation einer Reihe von Handlungen des individuellen Organismus gegenüber seiner Umwelt oder als einem funktionierenden Element im gesellschaftlichen Erfahrungs- und Verhaltensprozeß, der diese Umwelt ausmacht.“

Das berühmte Dreieck „I“, „me“ und „self“, dessen Übersetzung ins Deutsche schon manche Mißverständnisse ausgelöst hat, wird von Goffman mit den besser übersetzbaren Begriffen der „personal identity“, der „social identity“ und der „identity“ (Ich-Identität) geprägt. Danach ist Ich-Identität die notwendige Balance-Leistung zwischen der persönlichen Identität (Biographie, Erfahrungen, Bedürfnisse) und der sozialen Identität (Verhaltenserwartungen). Man könnte sie wohl auch als Selbst-Bewußtsein beschreiben, das sich aus dem Bewußtsein sowohl der eigenen persönlichen Entwicklung als auch der sozialen Umgebung als Haltung zu beidem bildet, aus der wiederum Handlungen in beiden Richtungen resultieren können. Selbst-Reflexion und Reflexion der gesellschaftlichen Umwelt sind als Voraussetzung für Ich-Identität in ihrer Definition enthalten. Sie kennzeichnen im einzelnen jede gelungene soziale Interaktion, die zu einer Verständigung zwischen den Partnern und zur gemeinsamen Handlung führt. Eine der wichtigsten reflexiven Handlungen in diesem Vorgang ist die Antizipation des möglichen Verhaltens und Antwortverhaltens des Interaktionspartners („taking the role of the other“), wodurch eine wechselseitige Beeinflussung ausgelöst werden kann.

Die gemeinsame Situationsdefinition bzw. das Ergebnis von Interaktion ist nicht das Ergebnis der gemeinsamen Zustimmung zu einer gesetzten Norm, sondern hergestellte Übereinstimmung in der Interpretation der bereits je subjektiv eingebrachten Norm. Der gemeinsam erarbeitete Begriff ist ein nun für die Partner verbindlicher, ein signifikantes Symbol – daher symbolischer Interaktionismus (eine nicht symbolische Interaktion wäre das unvermittelte, direkte und interpretationslos-rücksichtslose Reagieren). Umwelt ist in dieser Art Beziehungen von Individuen stets präsent in Form des je anderen Partners und der eigenen, gesellschaftlich geprägten Dispositionen. Indem man letztere um der Verständigung willen potentiell disponibel halten muß, und indem ebenfalls um der Verständigung willen die (ebenfalls gesellschaftlich geprägten) Dispositionen des Partners handelnd vorweggenommen werden müssen, eignen sich die Handlungspartner auf diese Weise soziale Umwelt an: die gesellschaftliche und die personale Ebene fallen in der Interaktion zusammen.
[S. 48 f.]

Grundqualifikationen sozialen Handelns

Habermas nennt als Grundqualifikationen des handelnden Subjekts in Interaktionssituationen, wie er sie definiert hat:

  • Frustrationstoleranz gegenüber bestehender Rollenambivalenz,

  • Fähigkeit kontrollierter Selbstdarstellung gegenüber bestehender Rollenambiguität,

  • Fähigkeit zur Selbstreflexion und reflexiven Anwendung verinnerlichter Normen.

Mit diesen Fähigkeiten ist wesentlich die Balance-Leistung von Ich-Identität beschrieben. Der Habermas-Schüler Krappmann, dem die pädagogische Umsetzbarkeit angelegen ist, nennt als identitätsfördernde Fähigkeiten

  • Rollendistanz

  • Empathie

  • Ambiguitätstoleranz

  • Kommunikative Kompetenz (Fähigkeit zur angemessenen Selbstdarstellung)

In die Begriffsbestimmungen bei Habermas gehen zweifellos mehr von den psychischen Aspekten von Ich-Identität als Balance-Leistung ein, während Krappmann einerseits – ohne psychische Aspekte zu eliminieren – mehr soziologisch zu definieren scheint, andererseits die konkrete Integrationssituation mit „Empathie“ (direkt angelehnt an Meads „taking the role of the other“) begrifflich genauer zu fassen sucht. Wir schließen hier an.

Empathie bezeichnet die Einschätzung der jeweiligen Interaktionsbedingungen durch das teilhabende Individuum in zweierlei Hinsicht:

  • einmal als Einschätzung der Perspektive des Interaktionspartners, dessen auf die Interaktion gerichteten Absichten und Möglichkeiten;

  • zum anderen auf die eigenen Absichten als Einschätzung, wieviel davon und in welcher Form dem Partner noch zugemutet werden kann.

Als pädagogische Kompetenz zumindest muß Empathie als unabdingbare Voraussetzung für professionelle Ausländerarbeit bezeichnet werden. Orientierungshilfen in diesem Sinne bedeutet z.B., Ausländern zu Bewußtsein zu bringen, daß ihre deutschen Partner ebenso große Interpretations- und Darstellungsleistungen zu erbringen haben wie sie selbst. ...

Rollendistanz muß bereits als eine Voraussetzung für Empathie aufgefaßt werden, wie überhaupt zu sagen ist, daß diese Grundqualifikationen nur analytisch zu trennen sind, praktisch aber miteinander korrelieren. Rollendistanz bezeichnet die Fähigkeit eines Individuums, früher übernommene Rollen sowie in der Interaktion gewonnene Übereinkünfte in Frage zu stellen und ggf. modifizieren oder ändern zu können, wenn die neue Situation dies verlangt. In engerer Bindung an Empathie heißt Distanz zu sich selbst z.B. das Bewußtsein der Relativität der eigenen Verhaltens-, Darstellungs- und Erwartungsstrukturen als Voraussetzung, sich auf den anderen überhaupt einlassen zu können. Diese Fähigkeit korreliert mit dem Grad der Internalisierung früherer Rollenerwartungen, die in mehr traditionellen Gesellschaften und Kulturen zweifellos größer ist als in den mehr dynamischen westlichen Gesellschaften. Für diese Ausländer wird die große Leistung erwartet, den sicheren Boden ihres festen Weltbildes zu verlassen, ohne sofort die Sicherheit eines neuen Weltbildes zu erhalten. Das stellt Anforderungen an eine weitere Grundqualifikation:

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, divergierende Erwartungen und Bedürfnisse zu tolerieren, sie „aushalten“ zu können, in Balance zu halten. Es ist die vor allem psychische Leistung, unsichere Situationen aktiv ertragen zu können, die gekennzeichnet sein können z.B.

  • durch ungenau oder widersprüchlich auftretende oder interpretierte Rollenerwartungen

  •  durch nicht genau einschätzbare oder von widersprüchlichen Bedürfnissen und Interessen mit Spannung geladene Interaktionssituationen.

Es ist die Leistung, auf etwas zu bestehen, was man (noch) nicht aufgeben kann, und dennoch in der Lage zu sein, sich zugänglich zu halten für das, was es (vielleicht) in Frage stellen könnte. Zweifellos ist dies bei Krappmann die Grundqualifikation, in deren Definition am stärksten psychische Dimensionen eingehen. Wiederum ist leicht ersichtlich, daß diese Fähigkeit mit Empathie und Rollendistanz direkt korreliert.
[S. 51-53]

Interaktionistische Beratung und Orientierungshilfen

Bedingungen interaktionistischer Beratung

[...]

Der hier als Interaktionsprozeß dargestellten Beratungssituation entsprechend sind zusammenfassend folgende Forderungen an ein Beratungskonzept zu stellen:

  1. Lernen, Beratung, Orientierung muß „dialogisch“ statt belehrend-schulhaft stattfinden. Weil die Denkmuster bei Berater und zu Beratendem verschieden sind, bedarf es zur Verständigung notwendigerweise einer wechselseitigen Interpretation von Begriffen. Schon bei der Interaktion zwischen Partnern desselben Kulturkreises wäre es ein Fehler, anzunehmen, daß eine Information so, wie sie „gemeint“ ist, auch verstanden werden kann: Nachfrage, Abklärung, Interpretation, also: Versuche, sie ausgehend von den je eigenen Denkmustern im neuen Kontext zu erfassen, sind bei Partnern aus unterschiedlichen Kulturkreisen wesensnotwendig: Die interaktionistisch-interpretative Methode ist nicht einfach nur „technisch“ besser: sie ist die einzige dem Gegenstand wirklich angemessene.

  2. Solchermaßen dialogisches als interkulturelles Lernen ist nur an konkreten Gegenständen möglich. Hier schließen wir an unsere Definition von Kultur an, die von niemandem in abstrakter Definition erfahren wird, sondern erlebt wird in mannigfachen Erscheinungsformen, das sind stets bestimmte und bestimmbare Institutionen, Menschen, Regeln, Gebräuche, Wünsche, Meinungen und Überzeugungen, Anforderungen und Hindernisse etc.: sämtlich Erscheinungen sozialer Alltäglichkeit, die sich in Wort, Schrift, Bild, Gesten, Eindrücken und Wahrnehmungen darstellen als Äußerungen von Menschen, von Interaktionspartnern.

  3. Daraus ergeben sich eine Reihe wichtiger Beratungsgrundsätze, z.B.:

  1. Die reale soziale Umwelt ist Ausgangspunkt und Gegenstand interkulturellen Lernens (die Sprachschule, der Sonderlehrgang, die Universität, die Arbeitswelt).

  2. Die realen sozialen Probleme und Bemühungen der Teilnehmer sind lernrelevant auch und vor allem auf der interkulturellen Ebene, der Ebene der Akkulturation. Sie sind der empirische Ausdruck der Feststellung, daß Akkulturation konflikthaft verläuft.

  3. Dies trifft zumal auch für Sprachlernen zu; es ist konkrete Akkulturation. Die Berücksichtigung des interkulturellen Aspektes verlangt eine wirkliche Interaktion, die wechselseitige Definition und Interpretation von Begriffen. Da ein Deutscher nur in seltenen idealen Fällen die Heimatsprache der Ausländer in erforderlichem Maße beherrscht, muß er dialogisch versuchen, seine Erklärungen an die anderskulturellen Begriffsbedeutungen anbinden zu lassen, d.h., er muß die Ausländer zu dieser Anbindung auch veranlassen, indem er z.B. nach diesen Bedeutungen fragt. So wird auch bei der Vermittlung von mehr „objektiven“ Zusammenhängen stets eine Art interkulturelle Unterhaltung gepflegt, interkulturelles Lernen veranlaßt.

  4. Der Lernvorgang selbst, gleich, um welche Gegenstände es geht, ist auch ein Akkulturationsproblem und -vorgang und als solcher intentional gestaltbar, z.B. indem hieran die Bedeutung aktiven Lernverhaltens in einer individualistischen Leistungsgesellschaft aufgewiesen werden kann.

  5. Die Beteiligten am interaktionistischen Beratungsprozeß sind konkrete Repräsentanten soziokultureller Darstellungs- und Handlungsmuster: dies ist zu Bewußtsein zu bringen.

Wir halten diese Grundsätze für allgemein gültig, wenn es sich um intendierte Beratung unter Berücksichtigung interkultureller bzw. akkulturativer Aspekte handelt.
[S. 58 f.]

Förderung ausländischer Jugendlicher in der Schulpraxis

Ein Arbeitspapier aus der Bismarckschule Hannover [Gymnasium; UNESCO-Projekt-Schule. 1989]

A. Voraussetzungen

  • Die Förderung „ausländischer“ Schülerinnen und Schüler darf nicht nach einem Nationalitätenkriterium sondern nach bestimmten Defizittypen organisiert werden, was eine individuelle Beurteilung der Bildungsvoraussetzungen voraussetzt, bei der auch Selbsteinschätzung, Bildungswunsch und Motivationsrichtung angemessen berücksichtigt werden müssen. [Förderung z.B. auch bei Bildungsdefiziten wegen des individuellen sozialen Hintergrundes unabhängig von nationaler Zuordnung; Berücksichtigung von Mehrfachbenachteiligungen, wie sie sich aus der schwierigen „Muttersprachssituation“ z.B. von Kurden türkischer Nationalität, die in Deutschland aufwachsen, beobachten lassen.]

  • Motivation und Bildungszielorientierung sind für den Schul- (Ausbildungs- und Berufs-)erfolg wichtiger als festgestellte „objektivierbare“ Wissensdefizite. Hier darf keinenfalls ein starrer, summativer Bildungsbegriff zugrunde gelegt werden! Allgemeinbildung und Studierfähigkeit lassen sich nicht durch einen festgeschriebenen Kanon von Kenntnissen und instrumentellen Fähigkeiten bestimmen, sondern ergeben sich aus einer pädagogischen Gesamtbeurteilung, die individuell sehr unterschiedlich inhaltlich untermauert sein kann.

  • Förderung darf nicht zur Aussonderung und Stigmatisierung führen, d.h.: es müssen fließende Grenzen zwischen geförderten und „normalen“ Lerngruppen gefordert werden; Förderung hat das Ziel, dem persönlichen Charakter- und Beganungsbild des Schülers bzw. der Schülerin angemessene Chancengleichheit für die Existenz in der deutschen Gesellschaft zu sichern.

  • Integration und Chancengleichheit beziehen sich auf die Rechte und die tatsächlichen Chancen, alle soziale Positionen in unserer Gesellschaft anstreben und einnehmen zu können; Integration bedeutet aber nicht, die eigene kulturelle und religiöse Herkunft verleugnen oder aufgeben zu müssen: Niemand darf zu einem „Zwangsdeutschen“ erzogen werden! Das Bewahren der eigenen herkunftsmäßigen kulturellen Identität gehört zu den verfassungsmäßigen Grundrechten jedes Menschen in unserer offenen und pluralistischen Demokratie.

  • Aus dieser notwendigen Pluralität der individuellen Lebensentwürfe, die von unserer Gesellschaft und Verfassung gleichwertig nebeneinander akzeptiert werden, geht die – für den Gymnasialunterricht bislang noch nicht allgemein akzeptierte – Forderung hervor, daß es nicht primäres Ziel des Fachunterrichtes sein darf, daß die Schülerinnen und Schüler inhaltlich unbedingt das Gleiche zu lernen haben, sondern, allein gemessen am gesamtcurricularen Stellenwert: Vergleichbares und Gleichwertiges, daß also eine viel stärkere inhaltliche Binnendifferenzierung in allen Fächern notwendig wird.

  • Das hat fundamentale Folgen für die Bewertungsschemata, in denen Leistungsalternativen eingebaut werden müssen, und eine Substitution üblicher sprachlicher Ausdruckskriterien durch vergleichbare formale, fachsprachliche, nonverbale oder in anderen verbal-strukturellen Kontexten stehende Äußerungsformen ermöglicht werden muß.

B. Mögliche Grundtypen der praktischen Förderung

  • „Förderband“: Eine Folge von fördernden Maßnahmen über einen längeren Zeitraum hinweg, wobei am Anfang sicher das Sprachtraining steht, dem dann eine spezialisiertere fachliche und individualisierte Förderung folgt. Hier sollten prinzipiell alle Fächer über ihre Fachbereiche angesprochen werden. Fachliche Förderung wird vorzugsweise interdisziplinär-aufgabenfeldbezogen z.T. mit wechselnder Lehrerbetreuung zu unterrichten sein. Die beteiligten Lehrer sollten in einer speziellen Förderkonferenz ihre Ziele erarbeiten und den Erfolg überprüfen. Dabei ist die Teilnahme an speziellen Lehrerfortbildungsmaßnahmen empfehlenswert.

  • Wenn ein entsprechender Versuch genehmigt und durch die Zuteilung entsprechender Lehrkräfte ermöglicht werden sollte, wäre ein Einstieg in die Bilingualität in einer ausgewählten Sprache (z.B. Polnisch an der Bismarckschule Hannover und Türkisch an der benachbarten Tellkampfschule Hannover) sinnvoll, wobei z.B. Mathematik und eine Naturwissenschaft – selbstverständlich im Rahmen der niedersächsischen RRL – in der betreffenden Fremdsprache erteilt werden. An diesem Unterricht sollten auch deutsche Schüler teilnehmen können. Das setzt die vorherige Einführung der betreffenden Sprache als Fremdsprache wie, in einem begrenzten Rahmen in den unteren Klassen, für den muttersprachlichen Unterricht voraus. [Die Bismarckschule hat hierbei „Anschauungsunterricht“ durch ihre Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi, die als „Anatolisches Gymnasium“ die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in Deutsch als Unterrichtssprache erteilt. Auch wenn das dort praktizierte Konzept eines leistungsorientierten Elitegymnasiums prinzipiell problematisch ist, zeigt die dort praktizierte Bilingualität deutliche Gewinne in sprachlicher und intellektueller Flexibilität und Leistungsbereitschaft.]

  • Die fachliche Binnendifferenzierung verlangt von den Fachkonferenzen eine Sichtung des Lehrstoffes in Hinblick auf variable Schwerpunktsetzungen, parallele Lernwege und Einbeziehung fremdkultureller Unterrichtsstoffe und Erfahrungshintergründe in den eigenen Unterricht (fallbezogene Themenschwerpunkte z.B. in türkischer/polnischer Geschichte, Politik und Länderkunde, oder auch entsprechender literarischer, künstlerischer oder philosophischer Inhalte unter strikter Einbeziehung der davon direkt betroffenen Schülerinnen und Schüler).

  • Die Flexibilisierung der Bewertungsschemata (die in der Mittelstufe durch die erlaßmäßige pädagogische Zensierung ohnehin gefordert ist) muß in den Fachkonferenzen auch inhaltlich besprochen werden (Vergleichbarkeit statt Gleichheit der Anforderungen). Über spezifische fachliche Hilfen (Sprachglossare, Übersetzungs- und Verständnishilfen, Veranschaulichungen) sollte Einverständnis erzielt werden. Dazu zum Beispiel: Mathematik und Naturwissenschaften können gerade durch ihre formalisierten „Sprachen“ – wenn sie auf ein elitäres Fachbewußtsein verzichten – zu „Rettungsankern“ für Schüler mit Sprachdefiziten werden; das erfordert aber den weitgehenden Verzicht auf umgangssprachliche „Einkleidung“ der Anforderungen und Aufgaben. Auch in den deutschsprachlichen Fächern ist beim Umgang mit älteren Quellen ein Umdenken erforderlich. Viele heute nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke (die auch deutschen Schülern und Lehrern fallweise Verständnisschwierigkeiten bereiten) gehören sicher nicht zum unbedingt erforderlichen Grund- und Fachwissen (und sind gerade ausländischen Schülerinnen und Schülern, wenn sie noch so begabt sind und intensiv Deutsch gelernt haben, niemals begegnet – und daher von ihnen keinenfalls zu verlangen, auch wenn sie im Unterricht eventuell einmal beiläufig aufgetaucht sind!); sie sind fallweise oder auf Nachfrage auch im Rahmen einer Klausur (!) vom Lehrer zu erläutern. Auch alte, gebrochene Schrifttypen können nicht ohne weitere Vorübungen verstanden werden.

  • Ein inhaltlicher Schwerpunkt der sprachlichen Integrationsbemühungen ist nicht nur das Sprachtraining, sondern vor allem das „Sprechen über das Sprechen“ (metasprachlicher Diskurs) mit der besonderen Betonung des sprachlichen Umganges zwischen Deutschen und Ausländern. Vorurteilshaltungen, Mißverständnisse und die eigene spachliche Identität werden hier bei deutschen wie bei ausländischen Schülern bewußt gemacht (z.B. in den Fächern Deutsch, Sozialkunde und in den Wertfächern).

  • In Zusammenarbeit mit dem Schulträger (massive Forderungen werden dabei wohl notwendig sein!) sind spezielle Hilfsmittel anzuschaffen:

  • Wörterbücher und Fachwörterbücher für alle vertretenen Sprachen

  • ausländische Schulatlanten

  • ausländische Schulbücher

  • ausländische Handlexika

  • länderkundliche und populärgeschichtliche Bücher für alle Regionen,

  • aus denen Schüler an der Bismarckschule Hannover vertreten sind.

  • Diese Werke können als Hilfsmittel im Unterricht, für Hausaufgaben und in Klausuren von den Schülern verwendet werden.

C. Was ist konkret und schnell zu tun?

  • Eine fächerübergreifende Arbeitsgruppe sollte das Konzept des Förderunterrichtes inhaltlich und organisatorisch neu diskutieren – eventuell in Hinblick auf ein komplexeres Förderungssystem unter Berücksichtigung der zu erwartenden neuen Erlaßbedingungen. Dabei ist zu erörtern, ob eine Beziehung hergestellt werden kann zu Fördermaßnahmen gegen geschlechtsrollenspezifische Benachteiligungen.

  • Die Fachkonferenzen sollten gebeten werden, zunächst fachbereichsbezogene Gesprächskreise (Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Deutsch, Gesellschaftswissenschaften, künstlerische Fächer, Wertfächer) zu initiieren, in denen unter Beteiligung betroffener und interessierter Schüler und Eltern die fachlichen Umsetzungsmöglichkeiten geprüft werden.

  • Bilingualität als Schulversuch und Sonderanschaffungsprogramme sollten zunächst von der Schulleitung auf ihre prinzipielle Realisierbarkeit hin überprüft werden.

  • Zu diesem Thema wären differenzierte Lehrerfortbildungsmaßnahmen sicher sinnvoll. Erfahrungen anderer Schulen und Schulformen sollten aufgenommen und in die Willensbildung mit aufgenommen werden.

  • Ein gewählter Beauftragter bzw. eine gewählte Beauftragte zur Betreuung ausländischer Schülerinnen und Schüler wäre sinnvoll.

UNESCO-Projekt-Schulen

„Die Schlüsselfragen unserer Zeit sind zu Überlebensfragen der Menschheit geworden. Zivilcourage und aktives Handeln für Eine Welt müssen heute auf die Tagesordnung gesetzt werden. Zwischen biedermännischer Politik und brandstiftendem Haß haben wir als UNESCO-Projekt-Schulen weder einfache Antworten noch Patentrezepte. Wir wollen – ohne die Reichweite schulpädagogischer Wirkung zu überschätzen – in und mit der Schule Erfahrungsräume schaffen und Handlungskonzepte ermöglichen, die zu einem toleranten Miteinander beitragen.

Wir sind offene Schulen; offen für neue Ideen und vernachlässigte Themen. Entsprechend den jeweiligen Möglichkeiten unserer Schulen stehen vier Ziele im Mittelpunkt:

  • Menschenrechte für alle verwirklichen

  • Armut und Elend bekämpfen

  • Umwelt beschützen und bewahren

  • Anderssein der Anderen akzeptieren

Für Eine Welt lernen heißt für uns „global denken und lokal handeln“. In und mit unserem Netzwerk wollen wir Verbindungen herstellen und Begegnungen ermöglichen: Durch fächerübergreifenden Unterricht und Projekte, bei Schulpartnerschaften oder Austauschbegegnungen, durch Zusammenarbeit mit anderen Schulen und Nichtregierungsorganisationen, bei Tagungen und Camps. Wir sind überzeugt, daß ein Verständnis anderer Menschen und Kulturen wünschenswert und möglich ist, daß eine lebenswerte Zukunft in einer friedlichen Welt durch gemeinsames Handeln erreicht werden kann.

UNESCO-Projekt-Schulen sind „normale“ Schulen in der vielfältigen bundesrepublikanischen Schullandschaft. Uns verbindet eine gemeinsame Idee: Internationale Verständigung und interkulturelles Lernen sollen das Schulleben bestimmen. Unter dem Dach der UNESCO – der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kommunikation und Kultur – bilden wir mit Schulen aus aller Welt ein Netzwerk: Das Associated Schools Projekt.“

UNESCO-Projekt-Schulen

Postfach 12 03 60

53045 Bonn

UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [gemeinnütziger Verein]

Die Bismarckschule Hannover ist eine von 66 UNESCO-Projekt-Schulen in Deutschland. Sie hat sich Anfang der 50er Jahre als eine der ersten Schulen in der Bundesrepublik Deutschland der Deutschen Sektion der internationalen UNESCO-Modell-Schulen, wie sie damals genannt wurden, angeschlossen und hat seither in vielfältigen Projekten, Unterrichtsvorhaben, internationalen Kontakten und Schulpartnerschaften z.B. mit England, Finnland und heute mit Polen, der Türkei und den USA an der Idee des Interkulturellen Lernens im Verbund der UNESCO teilgenommen. Der rechtlich unabhängige, gemeinnützige Verein „UNESCO-Club“ wurde von Eltern, Lehrern und Schülern der Bismarckschule gegründet, steht aber auch anderen Mitgliedern offen, die die praktische UNESCO-Projekt-Schularbeit unterstützen und in das Netzwerk der Informationen und öffentlichen Veranstaltungen im Bereich des Interkulturellen Lernens und der internationalen Kontakte und Reisen einbezogen werden wollen.

UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,

Bismarckschule Hannover, An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover


[1]         Quelle: Treuheit, Werner / Otten, Hendrik: Akkulturation junger Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Probleme und Konzepte. Schriften des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung, Band 2. Opladen 1986 (Leske Verlag + Budrich) [die Anmerkungen/Fußnoten in diesem Auszug wurden umnumeriert und bibliographisch vervollständigt].

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 1/1991
Hannover, 1996. 94 S., A 5, kart.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Kontakt vgl. Impressum
Vorstand: Werner Fink, Lothar Nettelmann, Annegret Hupe-Hilbrich, Uwe Bellersheim

Printausgabe vergriffen

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe / Internetseite / politik unterricht aktuell 1/1996 / Index / Netzpublikation 06.11.02 - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004 / 03.05.2010
 

 

 

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