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1. Akkulturation oder Integration
Die Entscheidung,
Ausländerpädagogik als Akkulturationshilfe zu begreifen, ist in unserer
Gesellschaft eine auch politische Entscheidung. Sie grenzt ab gegen die
Alles-oder-Nichts-Politik einer totalen Integrationsabsicht bis hin zum
Versprechen der Staatsbürgerschaft für die dann deutsch gewordenen
Ausländer und beinhaltet demgegenüber die Akzeptanz einer wie auch immer
gearteten Andersartigkeit der in unserer Mitte lebenden Ausländer, ja
sogar die Vorstellung, unsere Gesellschaft könnte sich durch die Vielzahl
der konkreten Kontakte mit fremden Kulturen – wenigstens gradweise – zum
Besseren verändern.
Unsere Schulen, wo
ausländische und deutsche Lernende und deren Eltern unvermeidbar
miteinander und mit den Lehrern zu tun haben, sind neben der Arbeitswelt
die gesellschaftlichen Brennpunkte der Auseinandersetzungen und
Lernprozesse.
Während die
Akkulturationsvorgänge in der Arbeitswelt aber weitgehend darwinistisch
verlaufen und zum Teil tiefe Wunden hinterlassen, eröffnet sich in den
Schulen die Chance, diese Vorgänge pädagogisch gestaltend zu begleiten und
vielleicht positiv zu beeinflussen. Dies zumal, weil bei Kindern und
Jugendlichen, bei den hier Geborenen, bezüglich kultureller Werte-Bildung
ungleich größere Bereitschaften vorausgesetzt werden können als bei deren
Eltern.
In positiver Wandlung
eines Wortes von Liselotte FUNCKE heißt Akkulturation zuallererst, wenn
man damit eine politische und pädagogische Ausgangsposition allgemein
definiert: Verzicht auf Eindeutschung, Eingliederung in die Gesellschaft
bzw. Klasse, Anerkennung der nationalen, kulturellen und religiösen
Eigenarten der Ausländer.
2. Was ist Akkulturation?
Ein Erziehungs-,
besser gesagt: ein Bildungsprozess [Ich gehe davon aus, dass ich Erziehung
– hinführend, belehrend: Schüler als Objekt – nicht gegen Bildung –
begleitend: Schüler als Subjekt – ausführlich definieren muss.]
Jeder Mensch wird in
eine gegebene Gesellschaft hineingeboren. Über seine Eltern, seine Umwelt,
mit denen er in Beziehung tritt, eignet er sich (im positiven Fall: aktiv)
spezifische Regeln, Denk- und Verhaltensmuster an. Wir bezeichnen dies als
Sozialisationsprozess und erklären diesen als keineswegs mit der
schulischen Sozialisation abgeschlossen, sondern als lebenslangen Prozess
der immerwährenden Auseinandersetzung des Individuums mit seiner sozialen
Umwelt, in der sich Identität herstellt und in der Handlungsfähigkeit
erworben wird.
Wir sprechen im
kultursoziologischen Sinne von Enkulturation, wenn wir die
Vermittlung spezifischer Regeln und Verhaltensmuster untersuchen, wie sie
für eine bestimmte Kultur – im Gegensatz zu einer anderen – kennzeichnend
sind. Akkulturation schließlich beschreibt den Vorgang der in eine
neue Kultur sich hinein „bildenden“, bereits sozialisierten
Persönlichkeit.
3. Akkulturation als Sozialisation
Aus eben Gesagtem
ergibt sich, dass wir Akkulturation als spezifischen Sozialisationsvorgang
begreifen müssen. Welche Vorstellungen wir vom Prozess der Sozialisation
haben, bestimmt, welche pädagogischen Einwirkungen wir planen und
vornehmen können, diesen Prozess im positiven Sinne zu beeinflussen.
Ich erkläre daher ohne
Umschweife, dass ich meine Gedanken im Folgenden auf der Basis eines
interaktionistischen Ansatzes weiterentwickeln will, wie er in obigen
Punkten ja auch schon andeutungsweise sichtbar wurde, z.B. als Gegensatz
zwischen Bildung und Erziehung.
Wenn wir nun die
Paradigmata der interaktionistischen Sozialisationstheorie auf die
besondere Fragestellung der Akkulturation hin spezifizieren wollen, so
müssen wir erstens deren Hauptbegriffe in den Mittelpunkt rücken:
kulturelle und soziale Rolle, Heimatkultur, Fremdkultur,
Minderheitensubkulturen etc. Zweitens: wir müssen diesen Begriffen die
spezifischen interaktionistischen Inhalte verleihen:
4. Zum Paradigma des Interaktionismus
Auch hier möchte ich auf Herleitungen und
abgrenzende Definitionen verzichten und mit Brumlik direkt die
Ausgangspositionen des Symbolischen Interaktionismus beschreiben. Der
Symbolische Interaktionismus geht aus von
-
der Analyse jedermann zugänglicher
Alltagserfahrungen,
-
der Beobachtung normal-spontanen, nicht
experimentell erzeugten Verhaltens
-
von der Vorstellung, dass die Individuen auf
soziale Beziehungen zu anderen angewiesen sind, um ein Selbst bzw. eine
Identität zu erringen,
-
der Annahme, dass die Gesellschaft als ein
Geflecht interagierender Individuen mit Werten und Normen dem einzelnen
Individuum vorausgeht,
-
davon, dass das soziale Geschehen ein
offener Prozess ist,
-
davon, dass sich menschliches Verhalten
nicht in Reiz-Reaktions-Schemata erklären lässt, sondern vielmehr
dadurch, dass der Mensch in einer „symbolischen“ Umwelt lebt, in der
alle Gegenstände, Strukturen, Personen und Verhaltensweisen ihre
Bedeutung durch soziale Beziehungen erhalten.“
5. Interaktionistische Akkulturation
Für unseren oben
definierten Begriff von Akkulturation ergeben sich daraus ohne weiteres
drei paradigmatische Bestimmungen, die in die Planung und Realisierung von
pädagogischen Initiativen eingehen müssen:
1. Es wäre falsch, von
einer individuellen im Gegensatz zu einer gesellschaftlichen
(strukturellen) Dimension von Akkulturation auszugehen, wie ich dies z.B.
aus dem Bericht über das Symposium des Verbandes der Politiklehrer e.V. im
März 1988 herausgelesen habe (S. 2f.). Vielmehr handelt es sich hier um
zwei Seiten der gleichen Sache, die als im Zusammenhang stehend zu
begreifen sind, auch wenn sie neben- oder nacheinander, je nach
Problemlage, angegangen werden. Also: Akkulturation hat eine strukturelle
und eine je individuelle Dimension, und diese stehen in je spezifischem
Zusammenhang.
2. Es wäre falsch, vom
Bild der Gesellschaften oder der Kulturen auszugehen, welche
die Pole von Akkulturationsvorgängen bezeichnen könnten. Wer von uns
könnte angesichts der Schichtenvielfalt und rasch sich entwickelnder
Subkulturen definieren, was „die“ deutsche Kultur ist? Also: Nicht allein
die individuellen Dimensionen von Akkulturation (das leuchtet ja sofort
ein), sondern auch die strukturell-gesellschaftlichen müssen als
differenziert angenommen werden.
3. Dem Paradigma eines
(potentiell) seine Geschicke mitbestimmenden sozialen Subjektes entspricht
die Annahme, dass die subjektiven Ergebnisse von Akkulturation offen sind.
Wenn wir konsequent weiterdenken, so sind auch die Ergebnisse offen, die
Akkulturation als Auseinandersetzung zwischen Trägern verschiedener
„Kulturen“ bei den Einheimischen zeitigen werden, z.B. bei den deutschen
Mitschülern.
Diese drei
Ausgangspunkte müssen bei der Planung und Realisierung pädagogischer
Maßnahmen in der Schule ebenso Berücksichtigung finden wie in anderen
Maßnahmen der Ausländerpädagogik, die demzufolge auch nicht als Pädagogik
für Ausländer aufgefasst werden sollte, sondern als Pädagogik für einen
interkulturellen Kreis (von Schülern, Jugendlichen, Erwachsenen) mit dem
Thema des Zusammenlebens.
Insofern also
ausdrücklich auch deutsche Schüler (Jugendliche, Erwachsene) einbezogen
sind, ist es auch deutlicher, nicht mehr von Ausländerpädagogik als
vielmehr von interkulturellem Lernen zu sprechen. Diese Pädagogik
auf der Basis eines wie oben definierten offenen Konzeptes von
Akkulturation ist ohne weiteres einzureihen in Konzepte des sozialen
Lernens und einer kritischen, subjektorientierten politischen Bildung.
6. Thesen zum interkulturellen Lernen in
der Schule
Wie könnte man sich
nun interkulturelles Lernen in der Schule vorstellen, das diesen
Anforderungen gerecht wird? Dazu einige Thesen, die in der Planung
internationaler Jugendbegegnungen entstanden sind. Ich bin aber überzeugt,
dass sie in spezifischer Weise für Konzepte interkulturellen Lernens
schlechthin gültig sind. Ich werde auch versuchen, sie auf Bedingungen des
politischen Unterrichts bezogen zu beschreiben.
1. Erste Bedingung
erfolgreichen interkulturellen Lernens ist, die Vielfalt der von
nationalen kulturellen, sozialen und politischen Wurzeln und Traditionen
beeinflussten Einstellungen und Verhaltensweisen zutage zu fördern, ins
Bewusstsein der Schüler zu bringen. Verschiedenheit ist ja der
reale Ausgangspunkt der Bildungsbemühungen, also muss sie von Stereotypen
befreit rational zur Geltung gebracht werden. (Z.B. von Einzelnen oder
Gruppen darstellen lassen, was aus der Tradition heraus zu welchem
Sachverhalt gemeint, gedacht, sich verhalten wird, etc.).
2. Der zweite Schritt
muss darin bestehen, die Schüler zu motivieren, sich mit den Hintergründen
und Ursachen dieser Erscheinungen zu befassen, sie „erklären“ zu wollen.
Wenn Unterschiede verstanden werden sollen, muss man sich in die Kontexte
der jeweiligen kulturellen/nationalen Zusammenhänge hineindenken. (Z.B.
Einzelnen oder Gruppen die Bearbeitung der jeweils fremden Hintergründe zu
übertragen, wodurch bei der Präsentation auch der unvermeidliche
Ethnozentrismus als „prinzipielles Missverständnis“ zum Thema
wird.)
3. Diese einleitende
intersubjektive Verständigung muss auch die personale Ebene erreichen. Die
Fähigkeit zur Rollendistanz (beim vorangegangenen Punkt hieße dies
Einsicht in die gradweise Determiniertheit eigener Wertvorstellungen und
Verhaltensweisen) ist auch persönlichkeitsbedingt. Wie kann
Einstellungsänderung oder auch nur -relativierung erreicht werden,
ohne die Person zu tangieren? Natürlich liegt hier die Gefahr nahe, in
gruppendynamisch heikle Situationen abzugleiten; andererseits wird
deutlich, dass ohne emotional positive Rahmenbedingungen, in denen Schüler
„mal was riskieren können“, ohne sich „bloßzustellen“, diese wichtige
personale Ebene nicht oder allenfalls im negativen Sinne erreicht wird.
Zwischen dem Grad, zu dem dies gelingt, und dem interkulturellen
Lernerfolg besteht eine direkte Korrelation. (Z.B. Mitbeteiligung der
Schüler an Themenauswahl und Methoden des Lernen/Arbeitens; Eingehen auf
Sprachprobleme etc.)
4. Was das Thema
solchen Unterrichts angeht, so muss es ausdrücklich den Gegenstand
benennen, nämlich interkulturelles Lernen als Frage nach den Bedingungen,
unter denen die Schüler zusammen leben/arbeiten können wollen. Es
kann sich auch an die Schwierigkeiten anschließen, die z.B.
multikulturelle Gruppen/Klassen in der Zusammenarbeit haben. Diese sind zu
thematisieren mit der Frage nach ihrer Bewältigung.
5. In der Beurteilung
solcher „Schwierigkeiten“ können Konflikte, die vorher „nur“ latent waren,
manifest werden. Dadurch können Gräben noch vertieft werden: Der Umgang
mit neuen Fakten, Erkenntnissen hat ja immer ein Stückchen den Charakter
einer Entstrukturierung der eigenen Ansichten. Das kann umso
konfliktträchtiger sein, wenn wie in Punkt 3. gefordert, die Einbindung
der Person gelungen ist. Hier kann es dann um Gefühle von Sieg oder
Niederlage gehen. Jede Interaktion ist auch der Gefahr des Scheiterns
ausgesetzt bezüglich ihrer pädagogischen Intention. Jedoch: Ohne
Konfrontation kann sie auch nicht gelingen. Auch hier kommt es wieder
entscheidend darauf an, Inhalt und Art dieser notwendigen
Auseinandersetzung in einer Weise zu gestalten, die den Einzelnen
„betroffen macht, ohne zu erschrecken, und konkret sein muss, ohne
konkretistisch zu sein.
6. Die wichtigste
Bedingung zuletzt: Der Grad an interkulturellem Lernen ist weitestgehend
vom Grad an Metakommunikation abhängig, zu dem es vordringt. Die
alltägliche und konkrete interkulturelle Kommunikation mit
Themen- und direktem Personenbezug („ich/du als Deutscher/Türke“) muss
selbst zum Gegenstand von Kommunikation gemacht werden. Sie ist die
wirkliche einzige gemeinsame Erfahrung; sie ist die einzige wirklich
einklagbare Basis von Akkulturationsvorgängen, weil alle an ihnen
teilhaben. Interkulturelles Lernen im persönlichkeitsbildenden Sinne ist
an abstrakten Themen nicht wirklich möglich. Das Hier und Heute und das
Ich und Du sind Konstituanten dieses spezifischen Sozialisationsprozesses.
Natürlich können diese
Bedingungen mehr oder minder direkt in jedem Schulfach Berücksichtigung
finden. Ein politischer Unterricht in multikulturell zusammengesetzten
Klassen oder Gruppen jedoch, der die Probleme der Akkulturation nicht
systematisch thematisiert, verfehlt seinen Auftrag, zur Standortfindung
der Bildungssubjekte in der multikulturellen Gesellschaft und zu
rationaler Konfliktbewältigung zu befähigen.
Bezug auf Funcke in: Bundesminister des Inneren
(Hg.), betrifft: Ausländerpolitik. Bonn, Januar 1983, S.83f.
Diskussionen verschiedener Ansätze und Begründungen zur
Entscheidung für ein interaktionistisches Konzept siehe z.B. bei: W.
Treuheit / H. Otten, Akkulturation junger Ausländer in der
Bundesrepublik Deutschland. Opladen 1986, S.38ff.; W. Treuheit u.a.,
Bildung für Europa. Interkulturelles Lernen in Jugendbegegnungen.
Opladen und Bonn 1990, S.51ff.
M. Brumlik, Der Symbolische Interaktionismus und
seine pädagogische Bedeutung. Frankfurt/M. 1973. S.120. - Quellen zu
den Grundlagen des Symbolischen Interaktionismus siehe bei Treuheit
/ Otten, a.a.O., S.44, Fußnote 84, sowie H. Joas, Rollen-
und Interaktionstheorien in der Sozialisationsforschung. In: K.
Hurrelmann / D. Ulich (Hg.), Handbuch der Sozialisationsforschung.
Weinheim 1980
Ausführlicher bei Treuheit u.a., a.a.O., S.61ff.
J. Schülein, Psychotechnik als Politik. Zur Kritik
der pragmatischen Kommunikationstheorie. Frankfurt/M. 1976, S.167
Vortrag von Prof. Dr. Werner Treuheit [Technische Hochschule Darmstadt,
Institut für Politikwissenschaft und Institut für angewandte
Kommunikationsforschung (IKAB), Bonn]. Überarbeitete Fassung des
Vortrages, der an Arbeitspapier vorgelegt wurde auf dem Didaktikseminar
des Verbandes der Politiklehrer e.V.: „Ausländerpädagogik –
Herausforderung für den Politikunterricht“ 28.-30.11.1990 in der
evangelischen Akademie Loccum. |