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1. Interkulturelles
Lernen: Zum Thema „Dritte Welt“ in der politischen Bildung
Im Zentrum des
interkulturellen Lernens steht die Auseinandersetzung mit den „Fremden“,
dem „Befremdlichen“. Ein Schwerpunkt der Beschäftigung mit dem
interkulturellen Lernen in der Schule ist seit einigen Jahren die
„Ausländerpädagogik“, die durch die gesellschaftliche Entwicklung in
Deutschland als Problem und Aufgabe wahrgenommen worden ist.
Die Problematik, der sich die Schule in ihrem
Ziel „interkulturelles Lernen“ gegenübersieht, hat verschiedene
Dimensionen. Unter dem Aspekt der „Ausländerpädagogik“ wird als Problem
und Aufgabe zunächst die – kulturell heterogene – Zusammensetzung der
Lerngruppe wahrgenommen. Die erste „pädagogische“ Reaktion der Schule auf
diese neue Erfahrung – individuelle Fördermaßnahmen, Außen- und
Binnendifferenzierung der Lerngruppe, Entwicklung von
„ausländerorientierten“ Fördermaßnahmen – stellten sich sehr schnell als
nicht zulänglich heraus.
TREUHEIT/OTTEN zeigten,
daß an die Stelle dieser „Ausländerpädagogik“ gegenüber ausländischen
Schülerinnen und Schülern eine umfassendere „Akkulturationshilfe“ treten
muß, die erhebliche Konsequenzen für die Strukturierung und Durchführung
des Unterrichts hat und sich ihrer gesellschaftswissenschaftlichen
Fundierung und ihrer gesellschaftlichen Paradigmata bewußt werden muß. Das
ist im Kontext zu sehen mit der Notwendigkeit eines allgemeinen
Paradigmenwandels in der politischen Bildung, wie ihn u.a. CLAUßEN
beschreibt [vgl. den Aufsatz in diesem Heft].
Die Wirkung der
gesellschaftlichen Situationen (und Institutionen), zu denen auch die
Schule gehört, geht über Förderung oder Behinderung der Lebensentwürfe und
biographischen Chancen, zu denen auch die möglichen Bildungs- und
Berufsziele gehören, weit hinaus, indem in diesen Situationen der
gesellschaftlichen Kommunikation diejenigen Definitionsprozesse ablaufen,
die den „Ausländer“ erst zum „Ausländer“ machen [vgl. VOIGT,
Interkulturelle Erziehung... 1993]. Daher steht im Zentrum jeder
sinnvollen Form des Interkulturellen Lernens die Auseinandersetzung mit
den Situationen, in denen diese entscheidende gesellschaftliche
Kommunikation, die durch das „Aushandeln“ der Situationsbedeutungen und
der sie repräsentierenden Symbole reflexive Prozesse der „self-fulfilling
prophecies“ in Gang setzt; letztlich bestimmt sich Interkulturelles Lernen
als bewußte Kommunikation, im Kern – wie TREUHEIT/OTTEN ausführen, die
sinnvollerweise die theoretische Fundamentierung mit Hilfe des
Erklärungsansatzes des symbolischen Interaktionismus vornehmen – auch als
Metakommunikation.
Insofern steht dieser
Ansatz im Kontext mit den Ausführungen von TREUHEIT im vorangegangenen
Aufsatz dieses Bandes und der dazu im Anhang abgedruckten Textauszüge aus
TREUHEIT/OTTEN. Die weiteren Überlegungen sollen, von dieser Grundlage
ausgehend, einen weiteren für die didaktische Umsetzung bedeutsamen Aspekt
hinzufügen: die Wirkungen des so bestimmten Interkulturellen Lernens auf
die Inhalte des unterrichtlichen Vermittlungsprozesses. Es dürfte
ersichtlich sein, daß diese Wirkungen von einschneidender Bedeutung für
die Revision der Curricula vor allem der politischen Bildung unter der
Zieldimension „Interkulturelles Lernen“ und „Akkulturations-(und
Enkulturations)Hilfe“ in gemischtkulturellen Lerngruppen sein wird.
Kommunikation kann sich im
Rahmen des Curriculums auf Dauer nicht nur auf sich selbst und auf die
Lerngruppe beziehen; zu schnell wird dann eine Sackgasse der persönlichen
Weiterentwicklung und der möglichen Lernchancen erreicht, die in dem
modischen „Therapiebewußtsein“ unserer Gesellschaft in oft
verhängnisvoller Weise als Ziel und Endstation der persönlichen
Orientierungen erlebt wird. Schule und Unterricht ist aber keine
psychologische Therapiegruppe, weder die Institution, noch die
Sinnbesetzung der gesellschaftlichen Situation, geschweige denn Motivation
und Kompetenz der Beteiligten sind für eine solche Aufgabenzuweisung
geeignet [ganz abgesehen von der gesellschaftlichen Funktion – wie immer
man zu ihr auch stehen mag –, formale Qualifikationen und damit Berufs-
und Lebenschancen zu vermitteln, durch Leistungsnachweise und Prüfungen
einschneidende biographische Wirkungen zu verursachen, was alles konträr
zu entspannten, angst- und streßfreien therapeutischen Situationen steht].
Dies sollte auch bei didaktischen Überlegungen zum Problem
verhaltensgestörter, gewalttätiger oder rechtsradikaler Schüler
berücksichtigt werden, die in letzter Konsequenz die Schule als
Institution strukturell überfordern [VOIGT, Rechtsradikalismus..., 1993].
Aufgabe der curricularen
und didaktischen Diskussion in Wissenschaft und Praxis wird es sein, die
traditionellen wie neue Unterrichtsinhalte auf ihre Bedeutung und
Wirksamkeit im Kontext des Interkulturellen Lernens und der
Akkulturationshilfe in gemischtkulturellen Lerngruppen hin zu untersuchen
und didaktische und curriculare Verfahren zu finden, geeignete Inhalte in
allen Fächern, vor allem aber im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich,
auszuwählen und sie in neue didaktische Zusammenhänge einzubinden, die
primär von der heute hochdifferenzierten und unterschiedlichen Situation
der konkreten Lerngruppen ausgehen. Hier kann nur exemplarisch ein, wenn
auch für das Interkulturelle Lernen zentraler Inhaltsbereich diskutiert
und auf seine didaktische Problematik hin untersucht werden, der schon
traditionell enge inhaltliche Beziehungen zu den Problemen des eigenen
Kulturkontaktes hat – und daher teilweise schon als Lernfeld mit dem viel
weiter reichenden Interkulturellen Lernen verwechselt wird: der
Lernbereich „Dritte Welt“, der in den Curricula und Rahmenrichtlinien als
kognitiver Lernstoff in den Fächern Gemeinschaftskunde und vor allem
Geographie einen gesicherten Stellenwert einnimmt.
Es wird zu zeigen sein,
daß der Lernbereich „Dritte Welt“ diesen gesicherten Stellenwert aus
Gründen einnimmt, die mit den Zielen des Interkulturellen Lernens nicht
übereinstimmen, ihnen sogar ein Stück weit zuwider laufen. Eine
curricular-didaktische Neubestimmung des Lernbereiches „Dritte Welt“ wird
also zunächst eine kritische Sicht auf die Situation der
„Entwicklungsländerthematik“ im Unterricht entwickeln müssen, um zu einer
Neuorientierung im Sinne des Interkulturellen Lernens und der
Akkulturationshilfe in gemischtkulturellen Lerngruppen zu gelangen. Im
Vorfeld zu diesen Untersuchungen sollen zunächst einige Klärungen zum
Prozeß der Akkulturation in Gesellschaft und Schule und seiner Defizite
und Probleme vorgenommen werden, denen Reflexionen über den Stellenwert
des Themas „Dritte Welt“ in unserer Gesellschaft folgen.
Daß
dies im gegebenen Rahmen weitgehend thesenhaft und als Anregung zur
Weiterarbeit und Reflexion geschehen muß, versteht sich von selbst. Doch
stoßen wir bei diesen Überlegungen auf eine den Schulpraktikern der
genannten Fächer bekannte Beobachtung, die wir zum Anlaß für eine
grundsätzlichere, empirisch abgesicherte Untersuchung eines Teilproblemes
zur unterrichtlichen Vermittlung des Themas „Dritte Welt“ nehmen, da wir
von ihrer Schlüsselrolle für das Verständnis des komplexen Zusammenhanges
zwischen didaktischer Intention und den tatsächlichen Prozessen des
Interkulturellen Lernens überzeugt sind: Wir greifen die Beobachtung
spezifischer und differenzierter Motivationshemmnisse in Lerngruppen
gegenüber Themen im Problembereich „Dritte Welt“ auf und versuchen darin
überindividuelle, intrakulturelle Ursachenkomplexe und nicht zufällige
Stimmungen und Abneigungen zu sehen. Die Ursachen vermuten wir in den
komplexen und ambivalent ausdeutbaren Stereotypie- und Vorurteilskomplexen
der Politischen Kultur unserer Gesellschaft zu sehen, die sich in
Extremform in Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Xenophobie äußern.
Gerade die Aktualität dieses virulent gewordenen Verhaltenskomplexes, der
tief in den Traditionen der eigenen Gesellschaft verwurzelt ist (und mit
Sicherheit nicht nur ein Reflex auf die NS-Vergangenheit Deutschlands
darstellt), macht es interessant, dieses Thema in seiner verdeckteren und
indirekteren, dafür aber auch differenzierter interpretierbaren Form
gegenüber dem Themkomplex „Dritte Welt“ wieder aufzugreifen und in den
Zusammenhang mit der eigenen Schulpraxis zu setzen.
Abgesichert werden einige
Aussagen zur Fraktionierung und Differenzierung der Politischen Kultur und
ihrer Wirkungen auf Gymnasialschüler und ihre Urteile und
Verhaltensdispositionen durch eine empirische Stichprobe, die unmittelbar
vor den staatlichen Umwälzungen in Deutschland in niedersächsischen
Schulen durchgeführt wurde und über einen umfangreichen set
standardisierter Items zur Beurteilung von Erscheinungsformen des Themas
„Dritte Welt“ eine Gruppierung von Schülern in Einstellungsgruppen
vorgenommen hat.
Im Rahmen dieses Aufsatzes
kann der, noch nicht veröffentlichte, Datensatz nicht im Detail
vorgestellt und analysiert werden; wir begnügen uns damit, die
interpretierten Ergebnisse dieser Studie in unsere Überlegungen zum Thema
„Dritte-Welt-Thematik in der Schule“ unter der Zielsetzung des
Interkulturellen Lernens einzubeziehen und als etwas besser abgesicherte
Grundlage für Vorschläge zu einer curricularen und didaktischen
Umorientierung dieses Lernbereiches zu nutzen. Doch zunächst sollen noch
einige grundsätzliche Überlegungen zur Akkulturationsproblematik in
unserer Gesellschaft folgen, die zum Verständnis der veränderten
Zielsetzungen der politischen Bildung unter der Prämisse des
Interkulturellen Lernens als hilfreich erscheinen.
2.
Akkulturationsprobleme als Krisensymptome der politischen Bildung
Wir verfolgen als
Pädagogen und Politiklehrer mit Sorge, daß auf die schulpolitische
Ausgrenzung des Politikunterrichtes und seine Fesselung in einer
konservativen Staatsdidaktik eine Krise des Selbstverständnisses der
Politikdidaktik gefolgt ist. An den Schulen findet eine politikdidaktisch
verantwortete Gestaltung politischer Bildung kaum noch statt.
Die Folgen des Verdrängens
eines kritischen Politikunterrichtes aus den Schulen, vor denen schon vor
einem Jahrzehnt eindringlich in der Öffentlichkeit gewarnt wurde, sind nun
in bestürzendem Maße eingetreten: sogenannte „Republikaner“ und Neonazis,
Ausländerhatz und Verlust an Liberalität und Rechtstaatlichkeit gehören
zum Alltag unserer „politischen Unkultur“. Hier Einhalt zu gebieten,
Umkehr zu fordern und zu einer positiven Neubewertung der politischen
Bildung als Grundlage von Demokratie und sozialem Rechtstaat zu gelangen,
sehen Politiklehrer als ihre ureigenste Aufgabe an.
Politische Bildung und
Politikdidaktik müssen sich in der konkreten gesellschaftlichen Situation
und an den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten bewähren und beweisen,
daß sie dazu beitragen, den Schülern in der Gesellschaft die notwendige
Orientierung und rationale Konfliktfähigkeit zu vermitteln und sie
politisch handlungsfähig zu machen. Zum Prüfstein unserer „politischen
Kultur“ wird in zunehmendem Maße unsere gesellschaftliche Fähigkeit, die
sogenannte „Ausländerproblematik“ als unsere eigene „deutsche Problematik“
des Umgangs mit Vorurteilen, Stereotypen und sozialen Problemlagen zu
begreifen.
Das was üblicherweise als
„Ausländerpädagogik“ bezeichnet wird, bekommt aus der Sicht der
Politikdidaktik eine andere Dimension, deren Kontext erkannt und
unterrichtspraktisch umgesetzt werden muß:
„Ausländerpädagogik“ kann in der
traditionellen Form als Korrigens von Lerndefiziten von ausländischen
Schülerinnen und Schülern der multikulturellen Struktur unserer
Gesellschaft und der schulischen Lerngruppen nicht mehr gerecht werden, im
Gegenteil: sie verstärkt in der Regel Ausgrenzung, Sonderbehandlung und
Stigmatisierung derjenigen Schülergruppen, die von der Schule – mehr oder
weniger sinnvoll oder willkürlich – als „ausländisch“ definiert werden. An
ihre Stelle muß ein umfassenderes und gemeinsames Interkulturelles Lernen
treten, das sich unter anderem auch mit den sozialen Bedürfnissen und den
Akkulturationsproblemen ausländischer Schüler in der Schule im Sinne einer
„Akkulturationshilfe“ (TREUHEIT/OTTEN) auseinanderzusetzen hat, wobei das
Kriterium „Ausländer“ nicht als staatsrechtliches sondern als
sozialpsychologisches Agens zu werten ist. Der Perspektivunterschied
zwischen individualpsychologisch orientierter Pädagogik, die Probleme vor
allem als individuell bedingt definiert und auf dieser Basis lösen will,
und den gesellschaftlich begründenden und argumentierenden Politik- und
Sozialwissenschaften muß in einen neuen Zusammenhang gebracht werden,
indem das soziale Handeln (Interaktion) als Ziel und Zentrum des Lernens
wie des Lebens in der Gesellschaft begriffen wird.
So muß sich die
Politikdidaktik verstärkt und in erster Linie mit einem umfassenderen
Begriff von Enkulturation und Akkulturation befassen. Dabei entstehen
einige grundlegende Perspektiven:
-
Akkulturation
als „Einführung in das Verhaltens- und Wertsystem einer Kultur“ ist als
Teil der Sozialisation Aufgabe der Erziehungsinstitutionen unabhängig
von der Nationalität und Herkunft der Schülerinnen und Schüler.
-
Art, Zielrichtung und
Umfang der im Erziehungsprozeß vom Individuum abzuverlangenden
Akkulturationsleistung ist grundsätzlich umstritten und problematisch.
Die Ziele emanzipativer und affirmativer pädagogischer Konzeptionen
unterscheiden sich hier deutlich.
-
Akkulturation
im Bereich der gemischtkulturellen Lerngruppen ist in doppelter Hinsicht
problematisch, da jede Einführung in die „herrschende politische Kultur“
tendenziell Abkehr von den Zielen und Inhalten einer vorausgegangenen
primären Sozialisation meint; dennoch ist andererseits eine sinnvolle
und erfolgreiche Akkulturation nur in gemischtkulturellen Lerngruppen
möglich.
-
Akkulturation
im Bereich der Schule hat dabei einen anderen Charakter und
biografischen Stellenwert als Akkulturationsprobleme in der
außerschulischen Erwachsenenbildung. Zu Berücksichtigen ist bei einer
Beurteilung der fortexistierende familiäre Kontext, die
altersentsprechend geringere Einsicht in den pädagogischen Prozeß und
die daraus entstehenden Konflikte, die Unfreiwilligkeit der Unterwerfung
unter staatlich-schulische Ziele und Zwänge. Akkulturationsforderungen
in der Schule sind daher doppelt problematisch und mit aller
Behutsamkeit zu diskutieren.
-
Art, Zielsetzung und
Umfang von geplanten und gewollten Akkulturationsprozessen in der Schule
sind abhängig von grundlegenden Zielsetzungen der politischen Bildung
(also von der Politikdidaktik zu thematisieren) und der kritischen
Rezeption der Ziele der interkulturellen Erziehung.
Diese Fragestellungen
lassen sich konkretisieren und verdeutlichen, wenn wir die besondere
Situation der türkischen Minderheit etwas genauer beleuchten.
Die türkische Minderheit
stellt die größte Ausländergruppe in der deutschen Gesellschaft wie im
Schulwesen. Es fällt auf, daß Türken gegenüber anderen Ausländergruppen
noch deutlich benachteiligt sind. Zu erkennen ist das vor allem auch an
der signifikant geringeren Zahl türkischer Schüler und vor allem
Schülerinnen, die über das Mindestschulangebot der Gesellschaft – Grund-,
Haupt- und Berufsschule – hinaus weiterführende Bildungsgänge besuchen.
Vielfältige gesellschaftliche, schulstrukturelle, familiäre und
sozialisationspsychologische Filter bewirken diese Auslese. Diese
deutliche Benachteiligung auch im Vergleich zu anderen Ausländergruppen
hat vor allem zwei Ursachen:
-
Das Verhalten der
deutschen Gesellschaft gegenüber ihrer türkischen Minderheit ist stärker
diskriminierend als gegenüber anderen Ausländergruppen; das oft zu
beobachtende „Sich-Absondern“ türkischer Familien ist auch eine
unmittelbare Reaktion auf das „Abgesondert – Werden“ durch die deutsche
Mehrheit; dies beeinträchtigt in doppelter Weise die Teilhabe z.B. an
den Bildungsangeboten des Schulwesens.
-
Kinder aus Familien
Asiens oder Afrikas, die bei uns politisches Asyl gefunden haben,
stammen, im Gegensatz zur Mehrzahl der bei uns lebenden türkischen
Familien, überwiegend aus den Oberschichten ihrer Heimatländer und haben
oft schon in ihrer alten Heimat trotz aller politischen Bedrohung und
Repression das Selbstbewußtsein kultureller Eliten verinnerlicht und
verfügen damit über die international schon recht nivellierten Symbole
und Verhaltensweisen einer Bildungsschicht, durch die eine Integration
in unser bürgerliches Gymnasium trotz aller Sprachanpassungsprobleme
erheblich erleichtert wird.
Von der Häufigkeit ihres
Auftretens wie von der Gewichtigkeit der Problemlage her konzentriert sich
unser Thema daher schwerpunktmässig auf folgende Aspekte:
-
Wie kann die Anzahl
türkischer Jugendlicher am Gymnasium erhöht werden, um unter anderem
auch diese „Bildungsreserve“ auszuschöpfen und um dabei fruchtbare
Ansätze kultureller Erziehung zu finden, die auch das Gymnasium selbst
inhaltlich positiv verändern könnten?
-
Wie kann der türkischen
Minderheit ein gleicher Anteil an Bildungschancen, wie sie von deutschen
Kindern selbstverständlich in Anspruch genommen werden, gesichert
werden?
-
Wie können die
innerschulischen strukturellen Barrieren überwunden werden, die sich vor
allem im Vorhanden sein typischer „Hürdenfächer“ am Gymnasium
ausdrücken?
-
Wie können
Vorurteilshaltungen bei Lehrern wie bei Mitschülern abgebaut werden und
wie kann ein fruchtbarer interkultureller Austausch, als Bereicherung
des Schullebens, in die Institution Gymnasium fest integriert werden?
Ausländische Schüler am
Gymnasium sollten nicht in erster Linie als Problem, sondern als Chance
und Selbstverständlichkeit verstanden werden! Daraus lassen sich einige
Thesen zur „Interkulturellen Erziehung“ ableiten.
Mehrfach sind in Literatur und Publizistik
mißverständliche oder bedenkliche Ausprägungen des Begriffs
„Interkulturelle Erziehung“ kritisiert worden,
so die Vorstellung
-
einer interkulturellen
Begegnung im Sinne der Koexistenz mit „exotischer Folklore“; die
„Exotikmotivation“ ist in der Tat in der gesellschaftswissenschaftlichen
Literatur längst als gefährlich und nicht dem tatsächlichen Verständnis
dienend zurückgewiesen worden; darauf werden wir weiter unten im
Zusammenhang mit den Motivationsproblemen von Schülern gegenüber der
„Dritte-Welt-Thematik“ noch genauer eingehen [vgl. FOHRBECK/WIESAND
1983; SCHMIDT-WULFFEN 1981];
-
oder die
„Pädagogisierung“ interkultureller Begegnung im Sinne von
„Vormundschaft“ – einer Gefahr, die in der Schule immer droht; hier
drücken sich – oft unbewußt – ethnozentrische Überlegenheitslegenden
aus, die auch für den Umgang mit inhaltlichen Themen aus dem Bereich
Kulturvergleich oder Dritte Welt eine entscheidende Bedeutung haben;
-
aber auch, von einer
anderen Perspektive her: interkulturelle Toleranz, die als solche sicher
unverzichtbar ist, als Akzeptieren völliger Gruppenautonomie und im
Extrem die Hinnahme von Bevölkerungsgruppen, die mit Verweis auf ihre
Kultur außerhalb der Rechtsordnung d.h. auch der Grundrechtsgarantien
des Grundgesetzes leben wollen (Frauenunterdrückung, unkontrollierter
Waffengebrauch, Blutrache, politischer Terrorismus etc.). Doch besteht
gerade bei einer Betonung dieser Befürchtungen (die zahlenmäßig kaum ins
Gewicht fallen), die Gefahr einer ausländerfeindlichen
Funktionalisierung einer ursprünglich ernst zu nehmenden Problematik;
eine diese Kontroverse überwindende Perspektive bietet die Definition
des Interkulturellen Lernens als Kommunikationsleistung: als
„Aushandeln“ gemeinsamer Sinnverständnisse, wie es von TREUHEIT/OTTEN
vorgeschlagen wird (vgl. dabei aber auch die recht polemischen
Ausführungen zum „Kulturrelativismus“ und zur „Dritte-Welt-Bewegung“ bei
TIBI 1993).
Es liegt nahe, den Begriff
„interkulturell“ zu differenzieren und, entsprechend einer
politisch-sozialen Bewertung der Lebensverhältnisse von Ausländern in
Deutschland, auf verschiedenen Bedeutungsebenen unterschiedlich inhaltlich
zu füllen:
-
Die „interkulturellen
Probleme“ haben immer eine materielle und ökonomische Dimension und
Grundlage. Ohne Thematisierung der sozialen Probleme einer Gesellschaft
ist es müßig, politisch-kulturelle Probleme lösen zu wollen: sie
regenerieren sich zusehends. Hier sind die Voraussetzungen: Politische
Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit gegenüber allen
Bevölkerungsgruppen, Teilhabe an den ökonomischen Erträgen der
Volkswirtschaft, soziale Sicherung.
-
Ein Konzept einer
interkulturellen Gesellschaft setzt voraus:
-
Gleichheit im
Rechtssystem, Teilhabe an den Bürgerrechten;
-
Teilhabe an der
politischen Meinungs- und Willensbildung;
-
gleichen Zugang zu
sozialen Positionen (Chancengleichheit).
In diesen Bereichen herrscht das Integrationsziel vor.
-
Kulturelle Vielfalt –
soziokulturell wie örtlich-regional – ist Ausfluß der individuellen
Freiheit und des Toleranzgebotes und ist als solche vorrangig von allen
Institutionen des Staates zu schützen und zu fördern, also auch von der
Schule. Chancengleichheit der kulturellen Entfaltung ist durch geeignete
politische, rechtliche und ökonomische, in der Schule auch pädagogische
Maßnahmen herzustellen.
-
nterkulturelle
Akkulturation ist ein „Prozeß auf Gegenseitigkeit“, bei dem die deutsche
politische Kultur ebensoviel Änderungen und Anpassungsleistungen
aufbringen muß, wie sie ausländischen Gruppen an kultureller Integration
abverlangt.
3. Die
Motivationsprobleme als Problem für das „Interkulturelle Lernen“
Lehrer verstehen
„Motivation“ als Ergebnis eines methodischen Kunstgriffes oder gezielter
pädagogischer Manipulation, um einen gewünschten Zustand der Disziplin und
Aufmerksamkeit in der Klasse zu erzielen, der möglichst noch begleitet
wird von einigen themenbezogenen mehr oder weniger freiwilligen
Schüleraktionen und Wortmeldungen, die der jeweiligen Lehrererwartung
entsprechen. Tausende von Unterrichtsentwürfen in der Lehrerausbildung
wurden erstellt, um diesen ritualisierten, an einem behavioristischen
Lernkonzept entwickelten „Unterrichtszustand“ als vernünftige Basis für
den „Lernerfolg“ darzustellen. Das Ziel der Lehrerausbildung ist dabei,
Lehrer in Unterrichtsrituale einzuweisen, die der durch Schaden und
Erfahrung entsprungenen ebenso ritualisierten Schülererwartung
entsprechen. Wenn dann am Ende der Schulzeit Abiturarbeiten auf dem Tisch
liegen, die die Fähigkeit des entfremdeten Materialumgangs und des
Ausschließens der persönlichen Betroffenheit, die Fähigkeit des
vorausschauenden Gehorsams gegenüber den von der Schule erwarteten Sprach-
und Argumentationsritualen entsprechen, die Fähigkeit zum inhaltlichen
Desinteresse erweisen, gilt die gymnasiale Sozialisation als erfolgreich
beendet. Eine nächste Generation der Ritualvermittlung tradiert beliebige
Inhalte und entfremdetes Bewußtsein.
Doch ist Motivation
situations- wie inhaltsabhängig; Motivation entwickelt sich im
Kommunikationsprozeß. Besonders problematisch wird dieses
„Motivationsproblem“ bei „entfremdeten Kommunikationsinhalten“, bei denen
der unmittelbare biographische Kontext für die Schüler nicht
offensichtlich ist, die zudem – gerade aus dieser Situation heraus –
innerhalb unserer Politischen Kultur vorrangig als [offene,
definitionsabhängige] Träger von Stereotypkomplexen zu gelten haben. In
unserem Zusammenhang des „Interkulturellen Lernens“ sind dies die
inhaltlichen Komplexe, die sich mit dem „Fremden“, dem „Befremdlichen“,
dem „Exotischen und Bedrohlichen, nicht Angeeigneten“ beschäftigen. Gerade
diese Inhaltsbereiche sind jedoch im Unterrichtszusammenhang die
notwendigen und bevorzugten Zugänge zu interkulturellen Lernprozessen:
Kulturvergleich, Kulturkontakt, internationale Konfliktlagen und Probleme
der „Dritten Welt“. In diesem Aufsatz soll der letztere Themenbereich
einer eingehenderen Untersuchung unterzogen werden, da wir meinen, daß
gerade bei den „Dritte-Welt-Themen“ im Politik- und Erdkundeunterricht
noch nicht ausgeschöpfte Chancen des Interkulturellen Lernens liegen,
andererseits, wie ein Blick auf die kritische Fachliteratur bestätigt, die
gegenwärtige Unterrichtpraxis in der Regel den innewohnenden Potentialen
des Themenbereichs nicht adäquat sind. An den Anfang unserer Überlegungen
wollen wir einen Blick auf die doppelte Entfremdung des Schülers beim
Thema „Dritte Welt“ werfen, die Motivationsprobleme, die in ihren Folgen
den meisten Lehrern und Lehrerinnen in den genannten Fächern als Problem
bekannt und als Unterrichtshemmnis wahrgenommen worden sind.
Beginnen wir mit einigen
einleitenden Beobachtungen zur Bedeutung des Themas „Dritte Welt“ in der
deutschen Bevölkerung. Die Einstellungen in der Bevölkerung zum Thema
„Dritte Welt“ sind widersprüchlich. Diese Widersprüchlichkeit ist, wie
gezeigt werden kann, in der Problemstellung des Themas selbst und in den
besonderen Merkmalen seiner Rezeption in der Öffentlichkeit angelegt.
Offensichtlich ist jedoch, daß Vorstellungen über das Thema „Dritte Welt“
Träger unreflektierter Stereotype und [z.B. auch rassistischer] vor allem
ethno- und eurozentrischer Vorurteile sind, die in Teilbereichen der
Gesellschaft durchaus aggressiven Charakter tragen und mit den Komplexen
rechtsradikaler und neonazistischer Einstellungen psycho- und
soziogenetisch verbunden sind. Wir charakterisieren diesen
Vorurteilskomplex nicht als individuelle Fehlbeurteilungen, sondern als
überlieferten und verfestigten, wenn auch im Einzelnen nicht konsistenten
und auch widersprüchlichen Teil der eigenen Politischen Kultur, in der
sich die kollektiven historischen Erfahrungen des Prozesses der
Vergesellschaftung, der Staatenbildung und der nationalen Separation
ausdrücken. In einer global verflochtenen Welt sind diese distinktiven
gesellschaftlichen Abgrenzugserfahrungen offensichtlich anachronistisch
aber nichtsdestoweniger hochwirksam. Dieser Wahrnehmungskomplex
interpretiert Realitäten in typischer und ideologisch verformter Weise und
wird damit zur zentralen Aufgabe des politischen Unterrichtes. Besonders
brisant wird dieser Stereotypkomplex dadurch, daß seine wertenden
Beurteilungen unmittelbar auf konkrete Mitmenschen und Mitbürger aus der
Dritten Welt, in der allgemeinsten Form aber auch auf Ausländer oder als
Ausländer definierte Personen allgemein angewendet werden, die dadurch
Stigmatisierungen und Ausgrenzungen erfahren. Die Frage der Wahrnehmung
des „Ausländers“ als des „Fremden, Anderen“ ist die Urteilsperspektive,
die maßgeblich für die didaktische Umsetzung des Themas ist.
Die im allgemeinen
positive Einstellung des Lehrers, vor allem des Geographielehrers, zu den
inhaltlichen Themen des Lernbereichs „Dritte Welt“, meist weit entfernt
gesehen von den gesellschaftlichen Zielen des Interkulturellen Lernens,
ist kritisch zu hinterfragen, da die Beobachtung zeigt, daß eine
ausgesprochene Begründungsschwäche für diese Einstellung anzutreffen ist.
Spontan wird geäußert, daß das Thema „Dritte Welt“ in der Schule dazu
dient, „Kenntnisse über andere Kulturen und den Kulturwandel zu
vermitteln“, „eine allgemeine Sensibilisierung für gesellschaftliche
Probleme zu erreichen“, „... um damit `Zusammenhänge'(!) zu erkennen“, „um
Verständnis für die Probleme der ‚Weltgesellschaft‘(!) zu wecken“,
„fachliche Kenntnisse zu erwerben“, „Werte und Vorurteile zu
reflektieren“...
Diese Urteile und
Wertungen bestätigten sich auch während der Kontakte zu den Kollegen
derjenigen Schulen, die bereit waren, sich an unserer Umfrage, über deren
Ergebnisse noch weiter unten etwas berichtet werden wird, zu beteiligen.
Stellen wir daraufhin
einige gängige Begründungen des Themas „Dritte Welt“ zusammen: Gemeinsames
Kennzeichen vieler Antworten ist das stereotype Ausweichen auf sprachliche
Leerformeln und Floskeln, die die Unsicherheit der eigene Haltung deutlich
macht. Drei Gruppen von Begründungen herrschen vor:
-
Ziele, die sich mit
Allgemeinbildung, mit bürgerlicher Weltkunde umreissen lassen, wie:
-
traditionelle
Länderkunden,
-
Probleme und Bedeutung
bestimmter Regionen,
-
Kenntnis von
Weltproblemen und Konflikten;
-
Ziele, die humanitäre
Betroffenheit begründen wollen;
-
Ziele, die die Bedeutung
der „Dritten Welt“ für unsere eigene Entwicklung aufzeigen sollen, wie:
-
Rohstoff- und
Wirtschaftsinteressen der Industrieländer,
-
Nord-Süd-Probleme,
gesehen im Rahmen des ideologischen und machtpolitischen
Ost-West-Konfliktes, was heute obsolet zu werden verspricht.
Übereinstimmendes Merkmal
ist zunächst, daß alle drei Kategorien gesellschaftliche Wertmaßstäbe und
Interessen zur Begründung des Stoffangebotes in der Schule bemühen. Diese
Motivationen sind jedoch auch inhaltlich zu problematisieren:
-
Die Zielsetzung
allgemeiner Weltläufigkeit zeichnet sich durch Maßstabslosigkeit aus.
Ein Kriterium für die Rangfolge „wichtiger Inhalte“ läßt sich in einer
pluralistischen Gesellschaft nicht mehr finden.
-
Humanitäre Zuwendung ist
prinzipiell positiv zu beurteilen; als Basis der Lernprozesse ist sie
jedoch nicht tragfähig (vgl. RAUCH, 1978, S.251 und S.259). Subjektives
Mitleid ist manipulierbar und bei angeblicher „Enttäuschung“ ins
Gegenteil zu verkehren. Man vergleiche nur die humanitäre
‚Betroffenheit‘ für die „Dritte Welt“ vor und nach dem Bekanntwerden des
Scheiterns einzelner Entwicklungsprojekte oder von Korruptionsfällen („Goldene-Badewannen-Syndrom“),
die oft von politisch interessierter Seite lanciert worden sind.
„Mitleid“ in seiner Alltagsform ist oft nur Mittel eigener
Selbstwertsteigerung (Pharisäertum), die den Bemitleideten zum Objekt
eigener (emotionaler) Interessen herabwürdigt; die ambivalente,
emotional instabile Haltung der Deutschen für die hier lebenden
Ausländer, die in eigener Krisenzeit sehr schnell und funktionalisierbar
in Ausländerhaß umschlägt, ist ein bezeichnendes Beispiel dafür. Ein
brauchbarer Unterrichtsentwurf, der die humanitäre Motivation
konstruktiv sinnvoll in „Solidarität“ und „tätige Betroffenheit“
umsetzt, findet sind bei BONN/KRUTZ u.a. (Kinder in der Welt, 1981).
-
Eigene Interessen zu
erkennen und zu formulieren ist zwar eine Grundforderung der heutigen
Pädagogik; aber welche Naivität verbirgt sich hinter der These von der
Interessengleichheit zwischen Staat, Gesellschaft und Schüler! Gerade
Wirtschaftsinteressen, wie sie in der Geographie und der
Wirtschaftslehre untersucht werden, sind doch zuerst einmal die
Interessen der Herrschenden und Besitzenden.
Die Schüler begegnen dem
Thema „Dritte Welt“ aus ihrer Lebens- und Erfahrungssituation heraus in
ganz anderer Weise. Das ist sicher auch ein Grund dafür, warum im
inhaltlich den Dritte-Welt-Themen zugeordneten Unterricht vor allem im
Fach Geographie sehr häufig erhebliche Kommunikations- und
Verständnisprobleme auftreten: es ist keine Klärung über den
(inhaltlichen) Charakter der (Lern-)Situation erzielt worden, die
Kommunikationsstrategien von Schülern und Lehrer laufen aneinander vorbei,
zielen oft ins Leere. Das wird gerade dann besonders unangenehm bemerkbar,
wenn offensichtlich auf Schülerseite ein „Interesse“ am Thema signalisiert
wird, ein gewünschter Lernerfolg sich jedoch nicht einstellen will, an
dessen Stelle sich nach kurzer Zeit Langeweile und „Frust“ breit machen,
die beim nächsten Versuch zu einer Ablehnung von Dritte-Welt-Themen durch
die Schüler führen. Bei der Befragungen von Schülern verschiebt sich das
Motivationspotential daher gegenüber den Themenbegründungen durch die
Lehrer auch deutlich. Mit Ausnahme bestimmter bildungsbürgerlich geprägter
Gymnasiastenkreise ist die Haltung des Schülers gegenüber der „Dritten
Welt“ letztlich eher negativ, im besten Falle desinteressiert und
distanziert.
Die traditionelle
Schülermotivation im Geographieunterricht wird vor allem auch durch die
Erlebnisbereiche Exotik und Abenteuer geweckt. Die psychologischen
Hintergründe dieser Interessen sollen hier nicht näher aufgerollt werden.
Es genügt der Hinweis, daß sich in der Zuwendung zur Exotik
Verdrängungsprozesse eigener unbewältigter Konflikte manifestieren, daß
sich auch ideengeschichtlich in der Figur des „guten Wilden“ eine
Projektion eigener tabuisierter Bedürfnisse und in der Figur des
„Barbaren“ oder „Unterentwickelten“ die uneingestandene Angst vor der
Verletzlichkeit der eigenen Person und Identität ausdrückt [BITTERLI 1976,
WENDORFF 1984].
„Die exotisch motivierte
Begegnung gründet nicht darauf, etwas über den Anderen in dessen Ordnungen
und über sich selbst erfahren zu wollen. Exotik ist ethnozentrische
Ausschmückung und Verabenteuerung... Exotismus ist in seinen Anfängen eine
unauflösbare Vermischung von Vereinnahmung und Aufklärung des Fremden, von
Fremd- und Selbstverständnis, von Beobachtung, Beschreibung, Reflexion und
Projektion, von Phantasie und Modellbildung. Die Entwicklung eines ersten
wissenschaftlichen Status‘ der Ethnologie ist ohne den... Niedergang des
Exotismus nicht denkbar.“ (H.-J.HEINRICHS im Vorwort zu LEIRIS, 1977, S.40
f.)
Diese übliche, naive Form
des Bedürfnisses nach Exotik und Abenteuer verhindert die rationale,
verhindert auch die ethisch verantwortbare Auseinandersetzung mit den
Problemen der „Dritten Welt“. Sie ist aber beim Schüler als Motivation und
Bedürfnis vorhanden. Sie zu nützen und positiv umzusetzen ist auch ein
Anliegen der Arbeiten LEIRIS:
„So ist die exotistisch
belebte Wissenschaft die, die das Andere nicht reduziert und die Fremdheit
in den eigenen und den abgeschnittenen Lebensformen entfaltet. Der
Exotismus, den wir verteidigen können, kann nur der sein, der die
Wahrheitssuche in der fremden Kultur auf die authentische Erfahrbarkeit
bezieht, nichts ausschmückt im Sinne eines Meisterwerks (der Kunst oder
Wissenschaft), sondern sich mit dem Lächerlichen und Nichtigen
herumschlägt... ‚Das Bemühen um Authentizität – der Maßstab jeder großen
Poesie.‘ Etwas was mir Genet sagte, als ich ihn kennenlernte, gefiel mir
ausgezeichnet: ‚Ich schreibe, damit man mich liebt‘ – das schien mir von
bedingungsloser Aufrichtigkeit zu sein.“ (Leiris)“ (HEINRICHS, ibid.
S.41/44)
Wenn auch die pädagogische
Wissenschaft einiges dazu getan hat, die Rituale der Schülermotivation zu
legitimieren, zu perfektionieren und mit einem Sinnüberbau zu versehen,
Exotik und andere extrinsische Motivationsmethoden für eigen Ziele
einzusetzen oder als Manipulativpotentiale zu handhaben, haben doch
kritische gesellschaftswissenschaftliche Ansätze, haben Vertreter der
Politikdidaktik den Mechanismus des verdeckten Curriculums aufgedeckt und
auch Alternativen zu entwickeln versucht. Motivation bedeutet hier mehr.
Motivation ist Funktion der „Betroffenheit“, ist im besten Falle das
Zusammenfallen von objektivem und subjektivem Interesse. Motivation in
diesem Sinne hat daher drei Dimensionen:
-
Die Erfahrung der
Abhängigkeit und der Möglichkeiten des Handelns,
-
die Erfahrung von
Kommunikation und Interaktion im sozialen Kontext
-
und die Erfahrung der
Handlungssituationen;
oder
anders ausgedrückt:
-
Verhaltenspotentiale:
Antriebe und Hemmnisse,
-
Verhaltensstrategien:
Finalität, Rationalität und Soziabilität,
-
Verhaltensanstöße:
Reaktion und Wille.
Motivation in diesem Sinne
verliert damit ihren instrumentellen Charakter und wird als
sozialpsychologische Kategorie vor dem Hintergrund einer
schülerzentrierten Bildungsanthropologie verstanden.
Der Gegenstand des
Lernens, über dessen motivationale Begründung gehandelt wird, berührt
damit den Schüler in seiner personalen Identität. Seine situative, in
unserem Falle auf die Schule bezogene Verhaltensdisposition ist Resultat
von Erfahrungen und vermittelten Verhaltensdeterminanten. Dadurch können
zwei Formen der „Betroffenheit“ nebeneinander, wenn nicht gegeneinander
gestellt werden:
-
Die Betroffenheit durch
soziale Erfahrungen, Konflikte, Leiden und Zukunftsängste, die der
Schüler selbst und unmittelbar erfährt und die einen eigenen
Problemdruck erzeugen, der zur Resignation oder zum [adäquaten oder auch
irrational-gewalttätigem] politischen Handeln führen kann, in seiner
sozialen Wirkung also ambivalent ist;
-
die Betroffenheit durch
vermittelte Inhalte, Wertungen, Normen und Zielperspektiven der
politischen Kultur, deren realer Gehalt sich dem Schüler verschließt,
die aber nichtsdestoweniger einen größeren Teil von Alltagsbewußtsein
und Alltagsverhalten prägen als die aus individueller Erfahrung
gewonnenen Möglichkeiten der sozialen Konfliktbewältigung.
Die Schule mit ihrem
offiziellen Vermittlungskanon, ebenso wie mit den Ritualen des verdeckten
Curriculums ist gesellschaftliches Element, gesellschaftliche
Vermittlungsinstanz dieser zweiten Art von Betroffenheit. In immer
stärkerem Maß tritt das durch Medien, Werbung und Moden vermittelte
Sekundärbewußtsein in seiner sozialen Wirksamkeit gleichsinnig und
verstärkend neben die entfremdete Erfahrung der Welt in der Schule.
Eine Brücke zwischen
politischer Erfahrung der Schüler und kollektivem Erfahrungsschatz der
politischen Kultur kann die Schule nur noch errichten, indem sie
Erfahrungen manipuliert und eine den sozialen Realitäten entfremdete
Lernumwelt, eine ritualisierte Surrogatwirklichkeit schafft, die die
Schüler von ihren selbst erfahrenen Interessen entfremdet und sie bereit
macht, die herrschenden Sinngebungsinstanzen zu akzeptieren. Emotional
wird dies als Entfremdung empfunden.
Eine radikale Abkehr von
der Vermittlungspädagogik hin zur Erfahrungspädagogik ist somit nicht nur
im Sinne der der Schule gestellten gesellschaftlichen Aufgaben utopisch,
sondern auch im Sinne einer schülerzentrierten Pädagogik nicht akzeptabel,
da sie das Herausfallen der Schüler aus ihrer eigenen politischen Kultur,
den Verlust ihrer Sozialbezüge und das Abgleiten in vorrationale
Privatmythen impliziert. Die Schule muß, auch wenn sie sich, anders als es
die offizielle Schultradition will, emanzipativ und konfliktorientiert
definiert, die Vermittlung der kollektiven Erfahrungen und Werte der
eigenen Gesellschaft leisten, muß das Angebot einer kulturellen Identität
zumindest als Möglichkeit mit einschliessen. Das heißt jedoch nicht, daß
erfahrungsbezogene Lernsituationen nicht in weit größerem Maße als üblich
in den Mittelpunkt der Schule gestellt werden müssen und das heißt auch
nicht, daß nicht jeder Unterrichtsinhalt auf seine subjektive und
objektive Erfahrbarkeit hin untersucht werden müßte.
Die Schülersituation muß
in ihrer Ambivalenz erfaßt werden, auch und gerade wenn, wie beim Thema
„Dritte Welt“, verdeckte psychische Tiefenschichten berührt werden, die
geprägt und aufgeladen wurden im Verlauf der kulturellen Sozialisation,
ohne daß dem Individuum korrektive Erfahrungsmaßstäbe zur Verfügung
gestellt worden wären. Die sehr heterogene Funktionalisierbarkeit des
Themas ist ja gerade eine Folge davon, daß das Thema „Dritte Welt“ für
fast alle Mitglieder unserer Gesellschaft geradezu typisches
Musterbeispiel vermittelter, entfremdeter Realität ist.
4. Grundsätzliche
Legitimationsprobleme der Geographiedidaktik als vorrangiger Träger des
Themas „Dritte Welt“
Das Ausweichen auf
gesellschaftliche und staatliche Interessen in der Begründung des Themas
„Dritte Welt“ weist auf ein Defizit an Betroffenheit durch dieses Thema
bei Lehrern wie bei Schülern hin.
Das korrespondiert
durchaus mit der Einschätzung der herrschenden Geographiedidaktik als
„Staatsdidaktik“, die FILIPP (1987) in seiner Kritischen Didaktik der
Geographie gibt.
„Geographie als Disziplin
und Disziplinierung für Land und Leute hat selbstreflexiv ans Werk zu
gehen, um aus der verdrängten staatsdidaktischen Position zu einer
wissenschaftlichen Didaktik zu gelangen. Denn eine Emanzipation zur
Wissenschaft hin ist nur möglich durch eine selbstkritische
Traditionsauslegung, die als Fundament unverzichtbar ist.“ (ibid. S.155
f.)
Dies verlangt nach einer
grundsätzlichen Umorientierung der Legitimation des Lernbereichs „Dritte
Welt“ nicht nur aber besonders im Geographieunterricht. Dazu möchten wir,
noch bevor wir die methodischen Konsequenzen durch einen kurzen Bericht
über eine Befragung bei Schülern zu Haltungen und Einstellungen zum Thema
„Dritte Welt“ – als Grundlage einer kritischen Neubewertung der
problematischen Motivationssituation – referieren, einige grundlegende
didaktische Überlegungen zu möglichen und in der Gesellschast
durchsetzbaren Zugängen zum Thema „Dritte Welt“ diskutieren, die den
Forderungen des Interkulturellen Lernens und der Inwertsetzung der
„Dritte-Welt-Thematik“ für die kommunikative Akkulturationshilfe in
gemischtkulturellen Lerngruppen eher gerecht werden als die bisherige
kognitiv akzentuierte Dritte-Welt-Didaktik.
Authentizität ist der
positive Gegenbegriff zum Eurozentrismus und Ziel und Angelpunkt der
Beschäftigung mit dem Thema „Dritte Welt“. Authentizität tritt an die
Stelle des unreflektierten Exotismus, greift aber seine psychischen
Energien auf und setzt sie in positive Motivation um. Daß die
Schulgeographie immer noch dazu neigt, das Schülerbedürfnis nach Exotik
und Abenteuer vor allem in der Phase pubertärer Krise unreflektiert zu
befriedigen, Exotik-Träume als intrinsische Motivation zu verkennen, hieße
der Schule die Rolle eines Fluchtweges aus der Realität zuzuweisen. Die
Naivität, mit der sich die Schulgeographie dieser Motivation bedient,
erfordert m.E. ein Überdenken der Funktion dieses Faches im „versteckten
Curriculum“ der schulischen Situation.
Es lassen sich unsere
kritischen Überlegungen zunächst einmal folgendermaßen zusammenfassen:
-
Die fachliche Begründung
des Thema „Dritte Welt“ für den Schulunterricht ist diffus und nicht
hinreichend.
-
Die
Manipulationspotentiale innerhalb der Themenvermittlung werden nicht
hinreichend deutlich aufgedeckt und bleiben daher gefährlich.
-
Eine unkritische
Wertevermittlung geht an den unmittelbaren Schülerbedürfnissen vorbei.
So entsteht schließlich
die Gefahr der Reproduktion gesellschaftlicher Vorurteile vor allem im
Geographieunterricht:
-
Eine Selbsteinschätzung
einer kulturellen Überlegenheit wird vermittelt (vgl. die
„Herrschaftslegende“ bei Max WEBER! Dieser Zusammenhang wird
innergesellschaftlich aufbereitet in der Unterrichtseinheit Soziale
Ungleichheit [WOLF/VOIGT, 1979]; als authentische Quelle sollte hier das
klassische Werk von FANON, Die Verdammten dieser Erde, herangezogen
werden).
-
Die historische
Perspektive wird eurozentrisch verzerrt (vgl. LEIRIS, 1977, S.53 ff.;
KI-ZERBO, 1979, S.23 ff.).
-
Ein auch
innergesellschaftlich wirksamer ethnisch-rassischer Vorurteilskomplex
wird aktiviert (vgl. GOTTSCHALCH, 1977, S.35 ff.; MALCOM X, 1968, S.172
f.).
-
Es entsteht ein
industriegesellschaftlicher Entwicklungsbegriff, dessen Normierung auch
innergesellschaftlich die Suche nach nicht- oder nachindustriellen
Perspektiven einschränkt. (Die umfangreiche Literatur über Ökologie und
Industriekultur soll hier nicht ausgebreitet werden. Ein grundlegender
Vergleich der Umweltwirksamkeit verschiedener Gesellschaftsformen wird
in dem Kursentwurf Sozioökologie (VOIGT/FUCHS/EILERS, 1977) als
Unterrichtsprinzip zugrunde gelegt. Ein Aspekt, der Vergleich von
Industrialisierungsprozessen in England und Algerien wird
herausgegriffen bei VOIGT, 1986). [Näheres zum damit verbundenen
Modernisierungsproblem findet sich z.B. bei OFFE oder WISWEDE/KUTSCH.]
Diese deprimierende Bilanz
läßt es uns notwendig erscheinen, eine Umorientierung der Begründung und
Grundlegung der Didaktik des Lernbereichs „Dritte Welt“ zu fordern, die
-
vom Paradigma der
Authentizität der Vermittlung ausgeht,
-
die Motivationsstruktur
des Schülers zum Ausgangspunkt macht,
-
sich als Arbeit in und
an der Politischen Kultur der eigenen Gesellschaft versteht.
-
inhaltliche
Erklärungsmodelle im Sinne des „Konzepte-Lernens“ rationalisiert,
-
Lernen und Unterricht
als gesellschaftliche Kommunikation versteht und
-
den öffentlichen
Kommunikationsstrukturen (Medienrealitäten) mit Hilfe der
Authentizitätsforderung neue Realitätszugänge entgegensetzt.
Mangelnder Konsens über
die Brauchbarkeit der materiellen Entwicklungstheorien, über die
Reichweite und Brauchbarkeit der Dritte-Welt-Paradigmen machen diese
Schülerzentrierung der didaktischen Analyse unabweisbar. So treffen sich
hier die fachliche Uneinheitlichkeit der Behandlung von
„Entwicklungsländerproblemen“ – auch in Hinblick auf die angestrebte
Politikberatung, mit der Uneinheitlichkeit des Bildes der Dritten Welt in
der Politischen Kultur Deutschlands, die sich auch in den Ergebnissen der
Schülerbefragung erwiesen hat, und mit den daraus resultierenden
Motivationsproblemen seitens der Schüler. Der kappe Überblick bestätigt
den Befund einer „neuen Unübersichtlichkeit“ und der geringen
prognostischen Validität der geographischen und
politologisch-gesellschaftswissenschaftlichen Entwicklungs- wie
Entwicklungsländertheorien. Gründe dafür sind:
-
die traditionelle
„Ungleichzeitigkeit“ der geographischen Paradigmatik [SCHRAMKE 1975],
-
ihre mangelnde
Integration der Schulgeographie und der traditionellen
Dritte-Welt-Didaktik in die wissenschaftliche und gesellschaftliche
Entwicklung [HARD, 1973, S.159],
-
mangelhafter
theoretischer Kontext gesellschaftswissenschaftlicher und
raumwissenschaftlicher Konzepte [FILIPP, a.a.O.],
-
Zersplitterung der
gesellschafts- und politikwissenschaftlichen Begriffs- und
Theorembildung,
-
eurozentrische
Entwicklungsbegriffe,
-
Interessengeleitetheit
der entwicklungpolitischen Auftragsforschung.
Was hat ein reflektierter
Entwicklungsbegriff als Grundlage für eine sinnvolle Dritte-Welt-Didaktik,
die sich an den Zielen des Interkulturellen Lernens orientieren soll,
heute zu leisten und an gesellschaftlich-räumlicher Realität aufzunehmen?
Dazu einige allgemeine Thesen:
-
Entwicklungsprozesse
sind politische Prozesse und Interessenlagen unterworfen.
-
Entwicklungsprozesse
reflektieren und evozieren soziale Konflikte.
-
Gesetzmäßigkeiten von
Entwicklungsprozessen können nicht eindimensional erklärt werden,
sondern umfassen die politisch-sozioökonomische und raumstrukturelle
Dimension.
-
Entwicklungsprozesse
umfassen eine Zieldimension und sind damit tendenziell wertbesetzt.
Diese Wertdimension ist in
unserem Argumentationszusammenhang nun nicht mehr mit einem
wissenschaftlichen Erklärungsanspruch vorzutragen, soll aber ganz bewußt
aus der Sicht des Verfassers hier in einigen, Entwicklungsziele
kennzeichnenden Thesen vorgetragen werden:
-
Entwicklungsprozesse
müssen sich aus der politischen Kultur des Landes heraus legitimieren
lassen.
-
Entwicklungsprozesse
stehen im internationalen Kontext und sollen auf Gleichheit der
Entwicklungschancen und Entwicklungsspielräume hinzielen.
-
Entwicklungsprozesse
sollen integrative Funktionen wahrnehmen.
-
Entwicklungsprozesse
sollen die materiellen und sozialen Lebenschancen verbessern und damit
der Ausweitung der individuellen Chancen zur Gestaltung von
Lebensperspektiven im Rahmen der sozial tragenden und legitimierten
Wertordnung dienen.
-
Entwicklungsprozesse
sollen strukturelle Deformationen und regionale Disparitäten abbauen.
Daß
tatsächlich verlaufende Entwicklungsprozesse oftmals anders als durch
diese Forderungen skizziert verlaufen sind und auch weiter verlaufen
werden, ist offensichtlich; das Projekt „neue Weltordnung“ dient nur zu
unverhüllt der Sicherung der Hegemonialpolitik der USA, die europäische
Abschottung -aus Angst um eigene materielle Standards und Privilegien –
führt zu weltweitem Eurozentrismus und verschärft die globalen
Disparitäten, jedoch mit der Chance, daß viele kleinere Entwicklungspole,
wenn auch oft nach europäischem Muster, in Ost- und Südostasien,
mittelfristig auch in Vorderasien und Nordafrika, daneben aber auch in
Südamerika, zu einer Auflösung neuer zentralistischer oder bipolarer
Tendenzen beitragen können. [VOIGT, 1992].
5. Das Bild der Dritten
Welt als Teil der eigenen Politischen Kultur
Jeder europäische Mensch
hat ein Bild von der „Dritten Welt“. Das Bild der Dritten Welt im
öffentlichen Bewußtsein trägt regelmäßige Züge, die es als Teil des
herrschenden Bewußtseins, also der Politischen Kultur, charakterisieren.
Gehen wir davon aus, daß
Unterricht im Bereich des Interkulturellen Lernens sich in erster Linie
mit den Bedingungen der eigenen Politischen Kultur kritisch
auseinandersetzen muß, daß die Validität und Funktionalität von
Unterrichtsinhalten sich an ihrem Stellenwert in der Politischen Kultur
wie an ihren Potentialen, sich im Sinne des Interkulturellen Lernens und
der Akkulturationshilfe in gemischtkulturellen Lerngruppen, bemißt und daß
die Möglichkeiten der Lerngruppe, sich mit den Inhalten des
Kommunikationsprozesses in der Unterrichtssituation sinnvoll
auseinanderzusetzen, von den Bedingungen der eigenen Enkulturation
abhängt, sollte eine kritische Reflexion des Stellenwertes der
Unterrichtsinhalte – in unserem thematisch eingeschränkten Beispiel des
Themenbereiches Dritte Welt – in der Politischen Kultur der eigenen
Gesellschaft notwendige Voraussetzung der didaktischen und curricularen
Planungen sein.
Dies ist in beiden
Richtungen sinnvoll und wichtig: in Hinblick auf die Eignung und die
pädagogischen Potentiale der Inhalte für das Interkulturelle Lernen, wie
andererseits für das Verständnis der Rezeptionsbedingungen, für uns vor
allem an Motivationsproblemen in der Lerngruppe sichtbar werdend, die die
Unterrichtssituation über den individuellen und den institutionellen
Rahmen hinaus konkret bestimmen und von den Inhalten und ihrer
Wahrnehmung, ihrer Wertdimension wie ihrer biographischen Wirksamkeit
abhängig sind.
In einigen kurzen Thesen
sollen diejenigen Beziehungen zwischen den Bewußtseinsinhalten –
Kenntnissen, Urteilen, Vorurteilen und Stereotypen – zum Realitätsbereich
„Dritte Welt“ und den Strukturen und Determinanten der eigenen,
westeuropäischen und deutschen, Politischen Kultur angerissen werden, die
für eine sinnvolle didaktische Strukturierung einer Lernsituation zu
Themen aus dem Bereich „Dritte Welt“ notwendig erscheinen. Dabei müssen
dem Charakter der Thesenform entsprechend Abstriche in der
Begründungstiefe und vor allem in den sehr umfangreichen Literaturbezügen
hingenommen werden.
I. Das Bild der
„Dritten Welt“ ist Bestandteil des öffentlichen Bewußtseins und damit
zugleich der eigenen politischen Kultur
Die Ausprägung dieses
Bewußtseins zeigt schicht- und gruppen- und auch milieuspezifische
Variationen, die mit der gesellschaftlichen Funktion gruppenspezifischen
Verhaltens korrespondieren. Die Vermittlung öffentlichen Bewußtseins wird
vor allem durch die Medien geleistet. Öffentliches Bewußtsein beruht auf
dem Vorhandensein regelmäßiger Grundeinstellungen, die durch die
Sozialisationsinstanzen vermittelt werden.
II. Das Bild der
„Dritten Welt“ läßt sich inhaltlich am klarsten in der Analyse des
„öffentlichen Bewußtseins“ in seiner herrschenden Ausprägung erkennen.
Das Bild der „Dritten
Welt“ im Bereich der herrschenden öffentlichen Meinung faßt drei nicht
kongruente Bedeutungsdimensionen zusammen: Fremdgruppenvorurteile,
Einschätzung der eigenen Situation in der Welt, Aussagen über die Motive
des eigenen politischen Verhaltens:
-
Fremdgruppenvorurteile
setzen sich aus einem heterogenen Motivbündel zusammen, wobei die
Besonderheit der von den Vorurteilen betroffenen Menschengruppen in der
„Dritten Welt“ darin besteht, daß nur eine minimale Chance zu einem
realen Kontakt zu der deutschen Bevölkerung besteht; das läßt diese
Gruppen für projektive Vorurteile besonders geeignet erscheinen.
-
Einschätzungen über die
eigene Stellung in der Welt dienen positiv der Identitätsfindung,
negativ aber der Abwälzung von Überlegenheits-, Selbstmitleids-,
Heteroaggressions- und Herrschaftssyndromen. Da sich das öffentliche
Bewußtsein auf der Grundeinsicht der Ungleichheit entwickelt, bietet
sich die real unterlegene „Dritte Welt“ für diesen Vorurteilskomplex
besonders an.
-
Die Beschreibung der
eigenen politischen Motivation korrespondiert mit der
Situationseinschätzung (Situationsdefinition) des eigenen Verhältnisses
zur „Dritten Welt“. Entsprechend den innergesellschaftlichen
Verhaltensformen werden Herrschaftsansprüche umdefiniert in
Überlegenheitsmythen, und real ungleiche Chancen werden umgesetzt in
Mitleids- und Fürsorgebewußtsein. Der diskriminierende Charakter dieses
Motivbündels ist offensichtlich.
Die innergesellschaftliche
Funktion des Vorurteilskomplexes „Dritte Welt“ läßt sich den grundlegenden
Motivdimensionen: gesellschaftliche Stabilität, Herrschaftssicherung und
gesellschaftlicher Wertkonsens zuordnen. Diese innergesellschaftliche
Dimension kann im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit nur gestreift und
nicht erschöpfend behandelt werde.
III. Die inhaltliche
Ausprägung des Bildes der „Dritten Welt“ wird bestimmt durch
gesellschaftlich fest verankerte Vorurteilskomplexe, die das politische
Verhalten des Bürgers bestimmen.
Die politisch wirksamen
Vorurteilskomplexe sind nur zu verstehen aus ihrer historischen
Verankerung; im Laufe der abendländischen Geschichte waren sie über
längere Zeiträume hin wissenschaftlich dominant oder politisch leitend.
Auch im 20. Jahrhundert haben diese Vorurteilskomplexe nur wenig von ihrer
Virulenz verloren; rückwärtsgewandte politische Strömungen versäumen es
selten, sich Legitimitätsansprüche aus diesen obsoleten Ideologemen
herzuleiten:
-
das biologistische
Denken (verdeckter oder offener Rassismus);
-
religiöse
Auserwähltheits- und Überlegenheitsmythen (Abqualifizierung fremder
Religionen als Aberglauben, irrationale Rituale oder als „Rückfall ins
Mittelalter“);
-
kultureller
Überlegenheitsglaube (Gegenüberstellung von Fortschrittspostulat und
„Entwicklungsbedürftigkeit“, Postulat der Dominanz der technischen
„westlichen“ Intelligenz, Gegenüberstellung der angeblich rationalen
eigenen Zivilisation gegen „irrationale“ oder „traditionale“ Weltbilder,
die angeblich einem „mythischen Denken“ verhaftet geblieben sind, usf.);
-
Überzeugung von der
Zukunftsorientiertheit und den Konfliktlösungspotentialen der eigenen
Gesellschaft (die den Fremdgesellschaften grundsätzlich abgesprochen
werden, ungeachtet realer Erfahrungen mit ungelösten Problemen und
angsterzeugenden Zukunftsperspektiven in unserer eigenen Gesellschaft).
IV. Die Schule nimmt in
der Vermittlung oder im Abbau gesellschaftlicher Vorurteile zum Thema
„Dritte Welt“ eine wichtige, aber keineswegs eine einheitliche oder
dominierende Rolle ein.
Im verdeckten Curriculum,
das durch die Sozialformen des Lehrens und Lernens im
institutionalisierten Rahmen vermittelt wird, hält sich der projektive
Charakter diskriminierender Einstellungen am deutlichsten. In diesem
Bereich ist Schule vor allem Spiegelbild der umgebenden Gesellschaft, und
die schichtspezifischen Modifikationen der „Dritte-Welt“-Vorurteile
spiegeln sich vor allem in der faktischen Schichtpräferenz der einzelnen
Schulformen wieder.
Im normativen Bereich
repräsentieren sich vor allem verdeckende Strategien, Vorurteile weder
abzubauen, noch ausdrücklich zu verstärken. Abgesehen von einigen, zumeist
wieder zurückgenommenen oder eingeschränkten positiven Versuchen
(Hessische Rahmenrichtlinien der 70er-Jahre, Niedersächsisches
Schulgesetz) ist der normative Bereich für unsere Untersuchungen
unergiebig, weil mehrdeutig und kontrovers interpretierbar; es sei denn,
man akzeptiert die These, daß der Verzicht auf Aufdeckung von Vorurteilen
ihre Bestätigung und Verfestigung impliziert.
Im Bereich der
Unterrichtsmaterialien (Schulbücher, Filme, Texte, sonstige begleitende
Medien) gibt es zwar einige beachtliche Bemühungen, „Dritte-Welt“-Vorurteile
aufzudecken und abzubauen, doch eine einheitliche didaktische Konzeption
des Umgangs mit den innergesellschaftlichen Stereotypen ist weder bei den
Einzelwerken noch in der Gesamtheit der Materialien festzustellen. Vor
allem in Geographiematerialien halten sich bis heute deutliche
eurozentrische Perspektiven; auch die schon früher festgestellten
schultypenspezifischen Modifikationen, die mit schichtspezifischen
Stereotypmodifikationen korrespondieren, sind zwar nicht mehr ganz so kraß
wie vor einigen Jahren festzustellen, aber im Prinzip bis heute noch nicht
ganz überwunden.
-
Die Wirksamkeit von
Schulmaterialien darf nicht überschätzt werden. Erst im curricularen
Zusammenhang und interpretiert durch den Unterrichtsstil des Fachlehrers
gewinnen sie an Relevanz.
-
Die bestätigende und
verfestigende Funktion von Materialaussagen dürfte ihr aufklärerisches
Potential deutlich übersteigen. Die Wirksamkeit von Schulmaterialien ist
daher vor allem im Rahmen vorhandener Vorurteilssyndrome zu analysieren.
-
Wesentliches wirksames
Agens ist der konkrete Unterricht. Bei aller individueller
Unterschiedlichkeit der Unterrichtsintentionen und Unterrichtsstile sind
jedoch einige Leitzüge zu verallgemeinern:
-
Der eindeutig
emanzipativ motivierte und gegen Ethnozentrismus und Eurozentrismus
gerichtete Unterricht, der zudem noch hinreichend qualitativ untermauert
ist, ist die Ausnahme. Gerade zum Thema „Dritte Welt“ finden sich
schülerzentrierte Unterrichtsstile selten.
Im Vordergrund stehen
affirmativ stabilisierende, kognitiv dominierte Unterrichtsgeschehen. Dies
entspricht dem gesellschaftlichen Umfeld. Auch die fachlichen
Voraussetzungen vieler Lehrer sind in Hinblick auf das Lernfeld „Dritte
Welt“ unzureichend, besonders, da ihnen in gleicher Weise wie den Schülern
die unmittelbare Erfahrung fehlt und so ein empirisches Korrektiv für
wirksame Vorurteile nicht anzutreffen ist.
V. Der Rückgriff auf
die Exotikmotivation ist die krasseste Form der Realitätsverdrängung im
Unterricht zu Themen der „Dritten Welt“.
Im Gymnasialbereich spielt
diese Exotikmotivation zwar in der Intention und in den Materialien kaum
noch eine Rolle, in anderen Schulformen greifen zumindest die neueren
Schulbücher nicht mehr auf sie zurück, doch, parallel zur
Funktionalisierung des Exotikmotivs in den Massenmedien und der Werbung,
wird die praktische Umsetzung des Themas durch entsprechende
Rezeptionsschemata beeinflußt. Sich mit der Exotikproblematik auseinander
zu setzen, ist somit unvermindert aktuell.
Die vor allem im Fach
Geographie fachtypische Konzentration auf regionale Themen aus dem Bereich
„Dritte Welt“ und die Arbeit an Länderbeispielen und mit Ländervergleichen
– wir haben dies schon kritisch beleuchtet –, kann auch Interpretiert
werden als Bestandteil der in der Geographie verbreiteten Abwehrhaltung
gegenüber real erfahrbaren gesellschaftlich – politischen Konflikten
zugunsten entfremdeter „Raumbeispiele“. Die Defizite im Gebrauch
sozialwissenschaftlicher Theorieansätze und wahrnehmungsspezifischer
Zugänge zu den Problemen der „Dritten Welt“ verführt dann dazu, dem Reiz
von „Exotikthemen“ verfallen, die zudem noch besonders gut für eine
kritiklose Projektion innergesellschaftlicher Vorurteilshaltungen geeignet
sind, da weder Schüler noch Lehrer über hinreichende eigene Erfahrungen
und Kenntnisse der empirischen Befunde zu einer kritischen
Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Problemen des Themas verfügen. Die
kritischen Unterrichtsmodelle zu Fragen des Ferntourismus in der Dritten
Welt, die auch der Frage nachgehen, was der Tourist von seinem Reiseziel
eigentlich erwartet und warum er es erwartet (MEUELER 1974,
SCHMIDT-WULFFEN 1981, zum Problem selbst auch VORLAUFER 1971, FOHRBECK/WIESAND
1983), machen die problematische „Exotikmotivation“ selbst zum
Unterrichtsgegenstand.
Bei einem Rückgriff auf
die Fachliteratur sind drei Untersuchungsschwerpunkte heranzuziehen, in
deren Schnittpunkt das Thema „Dritte-Welt-Bilder und Politische Kultur“
angesiedelt ist:
-
Untersuchungen über die
eigene Gesellschaft, ihre materielle Herrschafts- und Sozialstruktur,
den daraus resultierenden Sozialisationsbedingungen und ihren
ideologischen Überbau, der die Funktionalisierungspotentiale der Urteile
über die „Dritte Welt“ bestimmen;
-
Untersuchungen über die
Situation des Schülers, die Sozialisationsprozesse, denen er konkret
unterworfen ist, die Situation in der Schule, ihre curriculare Situation
und ihre didaktischen Prämissen;
-
Untersuchungen über die
Realität der „Dritten Welt“, soweit sie als reales Korrektiv und als
Maßstab zur Aufdeckung des Ideologiecharakters der
innergesellschaftlichen Vorurteile und Stereotypen benötigt wird.
Damit ist die Rolle der
Schule im Bereich der sekundären Sozialisation als erstes Kontaktfeld mit
den Problemen der „Dritten Welt“ angesprochen. Zu einem zentralen Problem
der Didaktik der „Dritten-Welt“-Thematik wird der inhaltliche Kontext zum
allgemeinen Verhalten Ausländern gegenüber. Die Ausländerfeindlichkeit in
Deutschland spielt in den Vorurteilskomplex „Dritte Welt“ hinüber und
birgt die Gefahr, daß der latente Ethno- und Eurozentrismus im „Bild der
Dritten Welt“ umgewandelt wird in einen aggressiven Nationalismus, in ein
Aufleben explizit kolonialistischer Urteilsperspektiven.
Daß es sich
dabei in einer tieferen sozialpsychologischen Schicht um einen
verwurzelten, recht einheitlichen Komplex in der Politischen Kultur
Mitteleuropas handelt, läßt sich daran verdeutlichen, daß in Urteils- und
Einstellungsfragen bei Jugendlichen nach allen neueren Untersuchungen der
empirischen Jugendforschung (ALLERBECK/HOAG, JAIDE, SHELL-STUDIEN) in
Teilgruppen aller Gesellschaftsschichten aggressive Vorurteilshaltungen
und xenophobe Stereotypen aufzuweisen sind. Die Internalisierung dieser
Bereiche der Politischen Kultur folgt keinen signifikanten
sozialstrukturellen Differenzierungsmustern, sondern muß – in Rückgriff
auf Erklärungsansätze des symbolischen Interaktionismus – primär aus den
Lebenssituationen und ihren in der gesellschaftlichen Kommunikation
erfolgten Definition und Wertbesetzung heraus erklärt werden. Das erklärt
auch den scheinbaren „Modecharakter“ und die Nachahmertäterschaft
rechtsradikaler Gewalttaten und ausländerfeindlicher Verhaltensweisen, die
inhaltlich kein Ausdruck realer sozialer Problemlagen sind, sondern den
Rückgriff auf gesellschaftlich angebotene, von der Politischen Kultur
bereitgestellte [Pseudo-]"Konfliktlösungsmuster“ darstellen für eine
Vielzahl undurchschauter persönlicher, biographischer und
sozialpsychologischer Problemlagen und „Deprivationserfahrungen“.
6. Ausgewählte
Ergebnisse einer empirischen Untersuchung
Um die Grundlagen in der
Politischen Kultur für diese angesprochenen Verhaltensformen aufzudecken,
haben wir auf eine exemplarische empirische Untersuchung bei
niedersächsischen Gymnasiasten zurückgegriffen, die von uns kurz vor der
politisch-staatlichen Umwälzung in Deutschland durchgeführt wurde und am
Themenbeispiel „Dritte Welt“ Stereotypen und Einstellungen und ihre
Verteilung in der Schülerschaft durch einen standardisierten Fragebogen
erheben konnte.
Die Auswahl einer
soziologisch relativ geschlossenen Befragungsgruppe, nämlich älteren
Gymnasialschülern in Niedersachsen, ist sicherlich ein methodisches
Problem. Die These von der Einheitlichkeit der herrschenden Vorstellungen
stößt sich eventuell mit Ergebnissen verschiedener Jugendstudien der
letzten Jahre. Doch meint die vorliegende Arbeit dies vor allem in
Hinblick auf das Thema „Dritte Welt“ und den darin repräsentierten
Stereotypenkomplex vernachlässigen zu können. Die augenfälligen
Erscheinungen einer sich abgrenzend-extravagant gebenden „Jugendkultur“
mit differenzierten „verfeindeten“ Subgruppen wird dabei in einer
vorläufige Arbeitshypothese
-
als in zentralen
Bereichen nicht im Widerspruch zur allgemeinen Massenkultur stehend
gesehen, vor allem was die bürgerliche Individualideologie betrifft,
-
als in sich in
grundsätzlichen Verhaltensweisen, abgesehen von den heterogenen äußeren
Gruppenattributen, gar nicht allzuweit voneinander differenziert
beurteilt und
-
als gerade in Bezug auf
Abgrenzugsverhalten und Neigung zur sozialen Stereotypie geradezu als
repräsentativ für den Trend der politischen Kultur angesehen, wobei die
sozial sensibilisierten Angehörigen z.B. der Friedens- oder der
Ökologiebewegung, die meist um einiges älter sind, und einiger
intellektuell-alternativer Gruppen als unrepräsentativ nicht besonders
erörtert werden.
Aus diesem Ansatz
entstehen zwei Probleme in der Auswertung und Interpretation:
-
der Anteil der sich als
„Intelligenz“ verstehenden „oppositionellen“ oder unkonventionellen
Personen ist in dieser Gruppe der Gymnasialschüler deutlich höher als im
Durchschnitt der Gleichaltrigen, was nicht im Widerspruch zu einer
objektiven höheren Anpassung an bürgerliche Wert- und Verhaltensnormen
auch bei diesen genannten Jugendlichen stehen muß. Das kann als
Sonderproblem interpretiert werden, wenngleich auch hier, ggf. ex
negativo, die Wirksamkeit gesellschaftlicher Stereotype meist
nachweisbar ist;
-
Vorurteile und
Stereotypen erscheinen zumeist in sublimierter oder wenigstens
differenzierend-verkleideter Art; die Vorliebe der Gymnasialschüler für
vage Umschreibungen und Distanzierungen ist gewiß sozial nicht zufällig;
eine unmittelbare Erfragung „brutal-offener“ Stereotype und Vorurteile
wird hier schwer fallen und muß durch eine verdeckte, aufdeckende
Befragungsmethode ersetzt werden.
Ob die Grundannahme einer
recht einheitlichen politischen Massenkultur über den Bereich der in Frage
stehenden Thematik hinaus Gültigkeit behält, kann hier nicht erörtert
werden. Die Verwerfungen dieser „Politischen Kultur“ verlaufen heute quer
zu den klassischen Trennungslinien und bezeichnen vor allem
gruppenspezifische Lebensentwürfe und Zukunftsperspektiven. Eine
sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen wird
verstärkt Modelle der Definitionsgewalt konkurrierender Eliten, die stark
segmentierte „Hierarchie“ der öffentlichen Medien, die ebenso
konkurrierende Realitätsdeutungen anbieten, und die berufs- und
statusbezogene persönliche Zukunftserwartung der Sozialgruppen zu
berücksischtigen haben.
Die recht große
Einheitlichkeit der Informationsvermittlung durch die Massenmedien im
gesamten Bundesgebiet, sowie die immer stärkere Anpassung der normativen
Leitvorstellungen im schulischen Bereich mag eine für Niedersachsen
gültige Untersuchung zu Einstellungen zum Thema „Dritte Welt“ dazu
qualifizieren, in ihren grundlegenden Ergebnissen auch für andere
Bundesländer als übertragbar angesehen zu werden.
Zielgruppe der empirischen
Teile der vorliegenden Untersuchung sind Gymnasialschüler aus
Niedersachsen aus den Abschlußklassen des Sekundarbereichs I (Klassenstufe
9 bzw. 10) und Schülern der Kursstufe (neugestaltete gymnasiale Oberstufe
im Sekundarbereich II, Klassenstufe 12 und 13). Bei diesen Schülern ist
davon auszugehen, daß sich im Laufe der Zeit hinreichend feste
Vorstellungen über die „Dritte Welt“ haben bilden können, die – ohne
weitere schulische Einflußnahme – wohl über lange Zeit, wenn nicht
dauernd, stabil bleiben können. Der Vergleich der Klassenstufen sollte
Aufschluß über die Einflußmöglichkeiten und die Wirksamkeit der Schule in
diesem Einstellungsbereich geben. Gleichzeitig soll versucht werden,
festzustellen, ob kognitiver Wissenszuwachs mit einer realitätsbezogeneren
und kritischeren Einstellung korreliert, oder ob die sozialpsychologischen
Determinanten des Einstellungsvorurteils dominant gegenüber schulischer
Wissensvermehrung bleiben. Beide Fragen konnten nicht befriedigend geklärt
werden, da trotz relativ großer Gruppen von Befragten die Ergebnisse zu
diesem Aspekt nicht signifikant, sogar widersprüchlich waren. Einige
äußere Gründe werden wir abschließend nennen, wichtiger scheint uns aber
die daraus für uns sichtbar gewordene Bestätigung der Einschätzung, daß
die Schule als einstellungsprägende Instanz nur noch eine untergeordnete
Rolle spielt und das im Medienbereich angesiedelte „Bildungsangebote“
einen wesentlich größeren, über die bisherigen soziostrukturellen
Differenzierungen hinweggehenden Einfluß haben. Gerade das bestätig aber
auch unsere These von der Verankerung der „Dritte-Welt“-Einstellungen in
der Politischen Kultur!
Die Einschränkung der
quantifizierenden Befragung vor allem auf ältere Schüler und den
Gymnasialbereich findet ihre Begründung darin, daß „Dritte-Welt“-Stereotypen
vor allem tertiäre Ausformungen vorhandener innergesellschaftlicher
Bedürfnisse und ihrer sekundärer herrschender Interpretation sind, die
sich erst in einem Lebensalter verfestigen, in dem sich der Blick des
Jugendlichen suchend über den Bereich der Erfahrungen in den primären
Sozialisationsinstanzen hinaus weitet und in dem sich die Prozesse der
Ablösung von der Familie vollziehen und das Interesse an einer
ideologischen Verfestigung eines psychisch stabilisierenden Weltbildes
entsteht, was sich meist verbindet mit den pubertären Orientierungskrisen.
Durchaus folgerichtig, aber durchaus nicht im Sinne des Interkulturellen
Lernens hinreichend begründet, ist es daher, daß „Dritte-Welt“-Themen vor
allem in höheren Klassen thematisiert werden. Die grundsätzlichen
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind bei jüngeren Schülerinnen und
Schülern nicht anders als bei Schülern der höheren Jahrgangsstufen, nur
daß sich dort die gesellschaftliche wie die didaktische Problematik
deutlicher herausarbeiten läßt, da altersstufentypische
Lernvoraussetzungen mit zunehmendem Alter an Bedeutung verlieren und die
Strukturen der Erwachsenengesellschaft sich in den Vordergrund schieben.
Auf eine feinere oder auch
inhaltlich zugespitztere Gruppenbildung wurde ganz bewußt verzichtet in
der Kenntnis der Kritik an üblichen Jugendstudien, die sich oft zu sehr
bemühen, plakative Formulierungen für die resultierenden Gruppierungen zu
finden, die zwar medienwirksam sind, jedoch eine Einstellungskonstanz und
längerfristige klare Abgrenzbarkeit der gefundenen Gruppierungen
suggerieren, die aus den Datensätzen in dieser Deutlichkeit gar nicht
ablesbar sind und den Prozeß- und situationsabhängigen
Kommunikationscharakter von Einstellungsmustern vernachlässigen. Die
methodische Einrede, es handele sich um „idealtypische“ Zusammenfassungen
können die Kritik nicht entkräften. Gerade aber bei einer auf didaktische
Auswertung zielende Einstellungsuntersuchung muß das Hauptinteresse auf
den Unschärfen, Übergängen und Entwicklungen von Einstellungsmustern
liegen. Eine Kontroverse darüber, ob die in unserer Untersuchung
gefundenen ca. 20% antirational-stereotyp ausgerichteten
Einstellungsgruppe nicht zu groß gegriffen ist angesichts der in anderen
Untersuchungen gefundenen 10 bis 15% Jugendlichen mit rechtsradikalen bis
neonazistischen Einstellungsoptionen ist müßig, da sie weder das
pädagogische Problem wesentlich verschiebt noch methodisch belangvoll ist.
Eine Gruppierung anhand
von Einstellungen zu einem Thema, das nicht direkt in den Tabubereich des
eigenen politischen Verhaltens in der sozialen Umwelt zielt, kann leichter
latente Verhaltensoptionen aufdecken und wird daher eher zu einer
stärkeren Polarisierung der Ergebnisse führen. Außerdem ist unsere
Untersuchung genausowenig wie andere Jugendstudien vor jugendlichem
Unernst und spielerischer Überspitzung gefeit, so daß wohl alle
ausgeprägten Radikalgruppen zahlenmäßig etwas reduziert werden müssen, was
jedoch die sichtbar werdende Einstellungstendenz nicht verändert, wie die
pädagogischer Erfahrung und im Umfeld der Untersuchung durchgeführte
Einzelfalluntersuchungen an Lerngruppen bestätigen. Gerade diese
Plausibilitätskontrolle aus der Unterrichtspraxis fehlt von
sozialwissenschaftlichen Befragungsinstituten durchgeführten
Untersuchungen. Dabei kann für unsere Untersuchung abschliessend
festgehalten werden, daß die Ergebnisse den Praktiker des politischen und
geographischen Unterrichts zu Dritte-Welt-Themen in ihrer Grundstruktur
keineswegs überraschen und die schon vermutete Reformbedürftigkeit der
„Dritte-Welt-Didaktik“ bestätigen. So kommen wir zu einer kurzen
Zusammenfassung der weitgehend gesicherten Ergebnisse der Empirik.
Einige empirische
Ergebnisse sind deutlich erkennbar und unter den gegebenen
Befragungsbedingungen hinreichend signifikant. Sie bilden eine, wenn auch
kaum überraschende Grundlage für die didaktische Reflexion zum Thema
„Dritte Welt“. So ist hier kurz die Befragungsmethode zu
charakterisierten. An sechs Gymnasien [zwei Großstadt- zwei Mittelstadt-
und zwei „ländliche“ Schulen] wurden insgesamt 1000 Fragebögen ausgegeben,
von denen ca. 750 auswertbare Ergebnisse brachten. Jeder Fragebogen
umfaßte 70 Behauptungen über die Dritte Welt in den Bereichen Kultur,
Bevölkerung, Religion, Geschichte, soziale Situation und weltpolitische
Stellung. Die Behauptungen waren so formuliert, daß sie [orientiert an
ideologiekritischen Studien aus del Literatur] Erklärungs- bzw.
Bewertungsaspekte enzhielten, die sie über reine Wissensfragen hinaushoben
und eine offensichtliche eindeutige Einordnung als „falsch“ oder „richtig“
nicht zuließen. Die befragten Schüler haben jede dieser Fragen („Items“)
in eine siebenstufige Skala zwischen „trifft völlig zu“ bis „trifft
überhaupt nicht zu“ eingeordnet.
Zunächst wurden dann in
einem mathematischen Gruppierungsverfahren signifikante Korrelatuonen
zwischen den Antwortprofilen der einzelnen Items errechnet, wobei mehr
oder weniger große und geschlossene „Itemgruppen“, die sich meist einem „Stammitem“
zuordnen ließen, entstanden, sogenannte „Cluster“, die dann auch
inhaltlich interpretationsfähig waren. Diese Interpretationen können hier
nicht wiedergegeben werden. Den Clustern wurden dann in einer zweiten
Durchrechnung die zugehörigen Fragebögen, d.h. Schüler, zugeordnet, die
sich dadurch verschiedenen interpretationsfähige Einstellungsgruppen
zuordnen ließen.
Nahezu für alle Fragebögen
konnte schließlich eine solche Zuordnung erfolgen, was die Signifikanz und
Tragfähigkeit des gewählten statistischen Verfahrens ebenso bestätigte,
wie die inhaltliche Annahme, daß die Einstellungen zur Dritten Welt nicht
zufallsverteilt, sondern abgrenzbaren Einstellungstypen zuordbar sind und
damit realen Strukturen innerhalb der Politischen Kultur entsprechen. Die
zentralen Einsichten aus dieser Untersuchung sind folgendermaßen zu
charakterisieren:
-
Auf der Grundlage des
gewählten statistischen Verfahrens ist der Kontext zwischen einzelnen
Itemgruppen in Hinblick auf die innere Struktur der Befragungsergebnisse
mathematisch signifikant, so daß von verschiedenen „Itemgruppen“
ausgegangen werden kann, die sich um ein „Stammitem“ herum gruppieren
und verschiedene mögliche Einstellungstypen kennzeichnen aber durch ihre
innere Spannweite alleine noch nicht personenbezogen festlegen.
-
Die Integrationswirkung
der „Stammitems“ ist unterschiedlich, so daß einheitliche und in ihrer
inneren Struktur konsistente „Itemgruppen“, die sich auf jeweils einen
entsprechend einheitlichen Einstellungstyp beziehen lassen, diffusen und
weniger konsistenten „Itemgruppen“ gegenüberstehen, welche eine größere
Anzahl von Einzelitems zusammenfassen und mehrere unterschiedlich
strukturierte, z.T. sogar dissonante Einstellungstypen mit gleicher
struktureller Signifikanz zu einer Gruppe vereinigen. Diese besonderen „Problem-Itemgruppen“
lassen sich aus der inhaltlichen Struktur der einbezogenen Einzelfragen
und ihrer ambivalenten Bedeutung für die bezogenen Einstellungstypen
heraus interpretieren. Wir werden nachfolgend sehen, daß gerade diese „Problem-Itemgruppen“
mit ihrer ambivalenten Ausdeutbarkeit und ihrem damit charakterisierten
„ideologischen, legitimatorischen Potential“ für die Charakteristik und
Abgrenzung einzelner Einstellungstypen und -gruppen eine besondere,
indikatorische Bedeutung erhalten.
-
Grundsätzlich lassen
sich, bestätigt durch die Zuordnung der Fragebögen zu den Itemgruppen,
verschiedene Schülergruppen als inhaltliche Einstellungsgruppen
identifizieren:
-
ein Kernbereich von
kritisch-rationalen, Dritte-Welt-Problemen zugewandten Einstellungen,
charakterisiert durch die Zuordnung zu mehreren oder allen konsistenten
Itemgruppen, zu denen noch zusätzlich die Zuordnung zu einzelnen „Problemitemgruppen“
hinzutreten kann [ca. 15-17%]
-
ein weiterer eher
rational orientierter, im weiteren Sinne eher bürgerlich-gymnasial
argumentierender Einstellungstyp, bei dem die Grenzen zu
unterschwelligen Vorurteilen und Stereotypen nicht so konzise gezogen
sind wie bei Typ 1., charakterisiert durch nur teilweise Zuordnung zu
den konsistenten Itemgruppen und eine tendenziell gleichstarke oder
etwas überwiegende Zuordnung zu „Problemitemgruppen“ [ca. 18-20%]
-
indifferente
Einstellungen, in denen rationale und stereotype Betrachtungsweisen
unzusammenhängend konglomeriert sind; insgesamt unaufgeklärtes
Gesellschaftsbild, das sich keinem der inhaltlich-rechnerisch
definierbaren Einstellungsgruppen eindeutig zuordnen läßt, andererseits
sich Eingruppierungen zu diversen Itemgruppen nicht grundsätzlich
verschließt; vermutlich durch die Schule ansprechbar und durch
Dritte-Welt-Didaktik formbar; vereinfachte Dritte-Welt-Bilder herrschen
vor, wie überhaupt die vorherrschenden Gesellschaftsbilder durch eine
deutliche Problemreduktion gekennzeichnet sind; typisch ist hier wie in
der nächsten Gruppe ein wachsender Konsensbedarf bei zunehmender
Verständigungsschwierigkeit [ca. 15-20%]
-
Erweiterter Bereich der
überwiegend antirational-stereotypen, zu aggressiven Problemlösungen
neigenden Einstellungen, charakterisiert durch vorwiegende Zuordnung zu
den „Problemitemgruppen“; dabei ist festzuhalten, daß die Zuordnung zu
den Itemgruppen entweder im statistisch definierten Randbereich
(hingenommene Zahl der vom Gruppenstandard abweichenden Antworten) oder
in der bei den „Problemitemgruppen“ vorhandenen Subgruppen des
stereotypen Antwortmusters liegen; hier sind noch nicht offensichtlich
gewordene radikale Potentiale zu finden und rechtskonservative
Lebenststiloptionen zu vermuten; eine Ansprechbarkeit über eine bewußte
„Dritte-Welt-Didaktik“ ist jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen
[zwischen 20% und 28% schwankend, im Durchschnitt bei 25%]
-
Kernbereich der
antirational-stereotypen, agressiven Problemlösungen zuneigenden
Einstellungen und Lebensstile, charakterisiert dadurch, daß sich diese
Schülergruppe überhaupt nicht oder nur vereinzelt, und dann nur in den „Problemitemgruppen“,
in den angebotenen Gruppierungszuordnungen wiederfinden läßt; dabei ist
bei eingehender Analyse der individuellen Datensätze nicht von einer
einheitlichen oder konsistenten rechtsradikalen Ideologie dieser Gruppe
auszugehen, bei der sich naiv-rassistische (fremdenfeindliche)
Stereotype [nach mathematisch nicht mehr signifikanten eigenen
Schätzungen aus dem Datengrundmaterial ca. 8 bis 10%], ausdrücklich
rechtsradikale Gesellschaftsbilder [ca. 5-8%] und
autoritär-angstbesetzte Vorurteilshaltungen [10-15%] sowohl individuell
wie vor allem auch in der Gruppenzusammensetzung zusammenfinden; eine
genauere Differenzierung dieser Gruppe über die genannten Schätzungen
hinaus, die nur Hinweischarakter erhalten sollen, wurde mangels
statistischer Signifikanz und wegen struktureller Datenprobleme nicht
durchgeführt; als methodische Problem steht dabei auch im Vordergrund,
daß bei jüngeren Schülern hier sicher noch ein Teil „spielerischer
Radikalisierung“ zu finden ist, die sich erst beim „biographischen
Erfolg“ dieser vorläufigen Einstellungsoptionen zu konstanteren
rechtsradikalen Lebensstilen verfestigen kann; diese Gefahr ist aber
offensichtlich unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen
groß und hat bei älteren Schülern vermutlich schon erste Wirkungen
gezeigt; gerade dies ist ein Argument für ein frühzeitiges und
didaktisch neu durchdachtes Zugehen der Schule auf den Schüler und eine
Legitimation für eine unter den belastenden gesellschaftlichen
Bedingungen revidierte Dritte-Welt-Didaktik; je stärker der
Verfestigungsprozeß der rechtsradikalen Lebensstiloptionen dieser
Schülergruppe vorangetrieben worden ist, desto aussichtsloser dürften
jedoch durch die geringe rationale Ansprechbarkeit und die mangelnde
Kommunikationsfähigkeit dieser Gruppe die Möglichkeiten der Schule im
Rahmen des üblichen Schulunterrichtes sein; diese Verfestigung ist ein
noch nicht schlüssig erklärtes Phänomen, das, wie es derzeit scheint,
relativ unabhängig von sozialer und schulischer Herkunft zu beobachten
ist; vielleicht hilft es weiter, die neonazistische Gewaltoption und
Ausschließlichkeit mit nicht eingelösten „religiösen Bedürfnissen“ in
Verbindung zu bringen und dadurch parallel zu setzen mit anderen
pseudoreligiösen Einstellungen in unserer Gesellschaft, die sich der
„New-Age-Bewegung“, im Matriarchats-Feminismus oder in den florierenden
Sekten bei ebenfalls zunehmender Gewaltbereitschaft bis hin zur
Selbstaufgabe definieren [ca. 25%]
-
Die
Altersstufenauswertung zeigt uneinheitliche Ergebnisse. Die
kritisch-rationale Einstellung nimmt zwar mit den Klassenstufen zu, doch
Schulerfolg und persönliche Reifung lassen sich nicht trennen; durch die
geringe Zahl der Dreizehntklässler in der Befragung ist das Ergebnis
hier nur bedingt aussagefähig. Bei den stereotyp-antirationalen
Einstellungen wird die Gesamtgruppe nur geringfügig kleiner, was auf die
gesellschaftlich-biographische Fundierung der Einstellungen hinweist.
Doch ist eine deutliche Verschiebung von der „radikalen“ Äußerung zu den
„latenten Positionen“ hin feststellbar, was unsere Interpretation
bestätigt, daß ein Teil der „Radikalität“ auf die reifungsbedingte Suche
nach passenden Lebensstiloptionen und Individuationsunsicherheiten
zurückzuführen ist. Andererseits zeigt sich hier ein „Erfolg“ der
gymnasialen Erziehung, der sich weniger in der Vermittlung von realen
Konfliktbewältigungswegen gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt der
Schüler ausdrückt als in der Vermittlung geeigneter, gesellschaftlich
angepaßter Kommunikationsrituale und stile und der Konfliktverdrängung
durch Tabuisierung konfliktträchtiger Verbalisierungen.
-
Die Auswertung eines
Schulvergleiches bleibt problematisch. Die Unterschiede im Anteil des
radikal-konservativen Gesellschaftsbildes zwischen 20%
(H-B/Großstadtschule) und 29% (U/"ländliches“ Gymnasium) ist wegen der
davon deutlich abweichenden Prozentwerte von 24% (H-H/Großstadtschule)
und 25% (A/"ländliches“ Gymnasium) nicht als Stadt-Land-Gefälle zu
interpretieren, was angesichts der übergreifenden Verstädterung der
Lebensumwelten auch in ehemals kleinstädtischen und ländlichen Bereichen
(wobei nicht so sehr der Schulstandort des Gymnasiums selbst als der
ländliche Einzugsbereich der Schülerschaft maßgeblich sein dürfte) auch
kaum zu erwarten war. Viel eher spielt dabei eine Rolle, daß die Schule
H-B einen hohen Anteil an 12./13.-Klässlern, die Schule U jedoch nur
10.- und 11.-Klässler befragt hat, so daß auch hier wieder die schon
interpretierte Altersstufenentwicklung durchschlägt. Bei den
kritisch-rationalen Einstellungsgruppen schwankt das Ergebnis zwischen
23% (U) und 33% (H-B) bzw. 34% (F/kleinstädtisches Gymnasium); neben der
schon genannten Altersstufenentwicklung, die hier jedoch wegen der
Nennung der Gesamteinstellungsgruppe, die konsistenter als eine
Radikalgruppe sein dürfte, eine geringere Rolle spielt als bei dem
antirationalstereotypen Einstellungsmuster, sind hier individuelle,
schul- oder auch klassenspezifische Unterschiede sichtbar, die sich in
kein übergreifendes Interpretationsmuster fügen. Ob dies Konsequenzen
für den Unterricht haben müßte, kann nur schulintern geklärt werden.
7. Résumé
Die aufgezeigten
Umfrageergebnisse und die dabei angerissenen Probleme werfen einige
grundlegenden Fragen auf. Der Datensatz zeigt, daß zwar in der
Gesellschaft bzw. der politischen Kultur vorgefundene, d.h. historisch
herleitbare Einstellungsoptionen übernommen wurden; doch belegen
Jugendstudien, die ein stärkeres Gewicht auf die attributiven
Erscheinungsformen der Jugendgruppen und ihre symbolischen Acessoires
legen (z.B. die SHELL-Studien), daß die äußere Repräsentation der
Einstellungen im gewählten „Lebensstil“ mehr als in der Vergangenheit
„originelle, originäre“ Züge aufweist.
Eine einfache
„Reflexionsthese“ gegenüber der politischen Kultur greift damit sicherlich
zu kurz. Es ist sinnvoll, hier auf die Thesen zur Individualisierung von
ZIEHE [1991] zu verweisen. Unter anderem unterscheidet er zwei Prozesse
der Individualisierung, die in unserem Zusammenhang aufschlußreich sind:
„... 3. Individualisierung
als symbolische Selbstzuordnung: Die Selbstdefinition, die über
Geschmacks- und Selbstinszenierungsmuster feingesteuert wird, ist der
Spiegel für das Streben nach (post-traditionalen) Zugehörigkeiten. Zwar
laufen hierfür die Gewohnheiten und Vorlieben allemal durch
sozialstrukturelle Filter, gleichwohl haben sich die Spielräume für
symbolische Stilisierungen erheblich ausgeweitet und die sozialen
Wahrnehmungsmuster entsprechend verfeinert. Individualisierung heißt nun:
Mich – zusammen mit anderen – unterscheiden zu wollen.
4. Individualisierung als
intersubjektiver Selbstanspruch: Der Selbstentwurf des einzelnen zielt auf
eine fortschreitende Individuierung, die gleichwohl erst aus
intersubjektiver Anerkennung hervorgeht. `Weil mir die anderen
Zurechnungsfähigkeit unterstellen, mache ich mich nach und nach zu dem,
der ich im Zusammenleben mit anderen geworden bin.‘ (J. Habermas). Die
eigene Identitätsverpflichtung geht damit über verinnerlichte Sittlichkeit
hinaus; das Ichideal selbst sinnt mir Individuierung an Individualisierung
heißt nun: Mich -unter Anerkennungsverhältnissen- verwirklichen zu
wollen.“
Eine zentrale Bedeutung
dafür, daß diese Individualisierung strukturiert verläuft, haben die
erwähnten sozialstrukturellen Filter, die die soziale Wahrnehmung
bestimmen. Daher ist anzumerken, daß auch diese soziale Wahrnehmung selbst
symbolische Funktionen übernimmt. Auf die Politische Kultur bezogen sind
die gruppenspezifischen Anerkennungsprozesse ein Teil des geschichtlichen
Prozesses in der Dialektik von Infragestellung und Bestätigung des
sozialen Ortes in der Gegenwart.
ZIEHE weist dem einen
Individualisierungsprozeß vorwiegend „sozialästhetische“ und dem anderen
„sozialethische“ Dimensionen zu, hält aber eine kontradiktorische
Interpretation für verfehlt. Er fragt nach den Möglichkeiten, Ästhetik und
Ethik in eine selbstreferentielle, relativierende Beziehung zu setzen:
„Fruchtbar wäre es, auszuloten, inwieweit die ästhetische Pluralisierung
auch ethische Gehalte haben kann (etwa: präsent zu halten, daß Fremdheiten
akzeptabel sind) und inwiefern umgekehrt das ethische Anspruchsniveau auch
auf die ästhetische Dimension ausstrahlen könnte (etwa: solche symbolische
Praktiken, die eine fundamentalistische Neigung zur Ausschließlichkeit
haben, dazu anzustiften, sich aneinander zu relativieren).“
Diese Einsicht weist auf
pädagogische Konsequenzen, die, von der Erfahrung der „Fremdheit“
ausgehend, einen pädagogischen Ansatz zu entwickeln suchen, der die
interkulturelle Kommunikation zum Ausgangspunkt macht.
Insofern ist von ZIEHE her
eine Brücke möglich zu einem Zugang zur Dritte-Welt-Thematik (dem
„Fremden“ par exellence!), die die Individualisierung der
Lebensstiloptionen voraussetzt und in einen kommunikativen Prozeß
einbezieht. Wir sehen darin eine Möglichkeit, allgemeine
Enkulturationsprobleme mit Akkulturationsfragen zu verbinden.
Es ist nun abschließend zu versuchen, die
Determinanten der Politischen Kultur, zu deren Wirksamkeit wir einige
Überlegungen angestellt haben, die uns vor allem vor dem Irrtum des
Aktualismus in der Erklärung der inhaltlichen Verständnisse
gesellschaftlichen Verhaltens bewahren, mit den Enkulturations- und
Akkulturationsproblemen, deren aktuelle Bedeutung durch die
offensichtliche Realität der mehrkulturellen Gesellschaft gegeben ist und
die damit, TREUHEIT/OTTEN folgend, neue situations- und schülergebundene
pädagogische Konzepte des Interkulturellen Lernens aus der Kommunikation
und dem Entwickeln gemeinsamer Sinnverständnisse (symbolische Interaktion)
begründen, was durch ZIEHE in eine kommunitäre Neubestimmung der
Individuation eingebunden wird, und mit den Aufgaben der schulischen
Auseinandersetzung mit der „Dritte-Welt“-Thematik, die in dialektischer
Weise zum Interkulturellen Lernen und zur Konfrontation mit dem eigenen
Ich im Kontext der gegebenen Situation führen soll, zusammenzuführen und
als gemeinsame didaktische und curriculare Grundlage für eine
Unterrichtssituation zu „Dritte-Welt“-Themen unter der Zielsetzung des
Interkulturellen Lernens zu begreifen.
Unsere empirische
Untersuchung hat erwiesen, daß die Probleme der „Dritten Welt“ für
Schülerinnen und Schüler wie für die mitteleuropäische Gesellschaft keine
„wertneutralen“, bloß zu lernenden „Stoffe“, sondern wert- und
stereotypbeladene Elemente eines „Bildes der Dritten Welt“ sind, die nicht
aus eigener Erfahrung entwickelt und überprüft, auch nicht im Bemühen um
der Realität adäquate Einsichten angeeignet, sondern ihrem funktionalen
Stellenwert, der Legitimationen, kollektive historische
Urteilsperspektiven und euro- und ethnozentrische Überlegenheitslegenden
transportiert, entsprechend durch den Prozeß der Enkulturation angeeignet
wurden.
Gerade diese Verwurzelung
in den Enkulturationsprozessen machen es einerseits sinnlos, in üblicher
inhaltlich-kognitiver Vermittlung einen dauerhaften Lernerfolg erwarten zu
wollen, erlauben andererseits aber gerade die Einbindung in die
übergreifenden, fachlich-inhaltlich nicht restriktiv verengten,
Unterrichtsstrategien des Interkulturellen Lernens, in deren Mittelpunkt,
um noch einmal den Ansätzen von TREUHEIT/OTTEN die gebührende Reverenz zu
erweisen, die Kommunikation in gemischtkulturellen Gruppen über die
Entwicklung gemeinsamer Sinnverständnisse der Realität und um gemeinsame
symbolische Motivvokabulare steht. Probleme der Dritten Welt –
Kulturvergleich, ethische und kommunitäre Wertungen, Begreifen der
Sozialkatastrophen, Erarbeiten der Rolle der eigenen Traditionen für den
Zustand der Welt, Entwickeln gemeinsamer gesellschaftlicher
Handlungsperspektiven – werden damit nicht kognitiv und über Medien
angeeignet, wenn auch in einer späteren Phase des Interkulturellen Lernens
die rationale Auseinandersetzung mit den leitenden Erklärungsmodellen und
mit multikulturellen Quellen und schriftlichen und bildlichen
Interpretationen eine unverzichtbare Rolle spielen wird, sondern im
unmittelbaren kommunikativen Kontakt, im Sprechen miteinander und
übereinander, gemeinsam entwickelt.
Damit werden die in der
empirischen Untersuchung aufscheinenden Motivationshemmnisse, und damit
die eigene Politische Kultur, selbst zum Kommunikationsgegenstand; bei
gemischtkulturellen Gruppen wird spiegelbildlich die eigene
Verständnisproblematik ebenfalls thematisiert und kommuniziert. Die in der
Empirik entwickelte Gruppierung der Einstellungen der Schülerschaft zeigt
zwar zunächst einmal die scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit,
gemeinsame Konzepte des Interkulturellen Lernens zu entwickeln, zeigt auch
die Teilgruppen, die von der Schule kaum noch erreicht werden und die in
pädagogischen Konzepten für den Umgang mit Gewaltdispositionen und mit
neonazistischen Gruppenbildungen zu thematisieren sind, sie zeigt aber
auch die Möglichkeit eines grundlegend neuen Zugangs zur Lernsituation,
die nicht mehr mit dem, auch auf „deutsche“ Schülerinnen und Schüler
bezogenen, Ziel der Integration und Enkulturation angegangen wird,
sondern, unabhängig von der kulturellen Zusammensetzung, aber im
Bewußtsein der Fraktionierung der Politischen Kultur und der
differenzierten Einstellungen in der Lerngruppe, grundsätzlich als
Akkulturationsort zu verstehen ist, wo im Ringen um gemeinsame
Sinnverständnisse von allen Beteiligten, also auch von den Lehrern
Akkulturationsleistungen verlangt werden. Die Dritte-Welt-Thematik ist bei
diesem Interkulturellen Lernen ein „Katalysator“ der Akkulturation gerade
auch der deutschen Politischen Kultur, die dadurch die Chance erhält,
vieles von ihrem historischen, gewalt- und staatsorientierten,
germanozentrischen Charakter zu überwinden, weltoffener und
zukunftsoffener zu werden: gemeinsam mit den Angehörigen anderer
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