Vorbemerkungen
Das Thema
„Deutschland“ nimmt einen wesentlichen Platz im Wissenssystem der
polnischen Schuljugend ein. Es begegnet in den Fächern Geschichte,
Erdkunde, Literatur, Sozialkunde, Kunst und Musik. Am ausführlichsten
wird das Thema „Deutschland“ im Geschichtsunterricht behandelt.
Geschichte erscheint im polnischen Schulwesen als Unterrichtsfach:
in der achtklassigen Grundschule (Sekundarstufe I), im vierjährigen Lyzeum
(Sekundarstufe II) und in den verschiedenen Typen der Oberschule.
In den Lehrplänen für die Grundschule steht die Geschichte Polens
im Vordergrund. Aus dem Bereich der Weltgeschichte werden nur Themen
im Unterricht behandelt, die einen direkten Einfluss auf die Geschichte
Polens ausgeübt haben. Im Rahmen dieser ausgewählten weltgeschichtlichen
Themen hat die Geschichte Deutschlands einen besonderen Platz. Die Schüler
der polnischen Grundschule lernen die wichtigsten Ereignisse der
deutschen Geschichte und der polnisch-deutschen Beziehungen kennen.
Der Geschichtsunterricht in der Oberstufe erweitert und vertieft die
Kenntnisse im Bereich der Weltgeschichte; die Geschichte Deutschlands
und der polnisch-deutschen Beziehungen wird nun gründlicher
bearbeitet.
Die polnisch-deutschen Beziehungen als
Problem der polnischen und deutschen Historiographie
Das 19. Jahrhundert
Das Verhältnis zu
Deutschland und zu den Deutschen ist ein wesentlicher Faktor der
polnischen Identität. Die polnisch-deutschen Beziehungen sind aber nicht
nur von rationalen, sondern auch von emotionalen Faktoren, von
Hoffnungen, Befürchtungen, Stereotypen und Vorurteilen geprägt. Kontroversen
und Antagonismen bestimmen
in hohem Maße die komplizierten
polnisch-deutschen Beziehungen. Aber man kann dieses Verhältnis nicht
nur als Konflikt begreifen. Es gibt auch viele Ansätze und Argumente,
die für eine gute Nachricht zwischen
beiden Völkern stehen. Der Antagonismus
ist freilich ein wichtiges Element der vergangenen und gegenwärtigen
Vorstellungen von den Deutschen und ihrer Geschichte im Bewusstsein des
polnischen Volkes. Horror teutonicus und horror polonicus haben
schon eine 1000-jährige Geschichte. Es sind Feindbilder; sie wurden in
verschiedenen Epochen korrigiert oder verstärkt.
Das gegenwärtige
historische Bewusstsein der Polen ist im 19. Jahrhundert unter dem
Einfluss einer romantischen Vision der Vergangenheit entstanden.
Romantik bedeutet in Polen nicht nur eine Epoche der Kunst, der
Literatur oder der Historiographie, sondern auch eine politische
„Richtung“. Das nationale und geschichtliche Bewusstsein wurde im Kampf
gegen die Russifizierungs- und Germanisierungspolitik im vorigen
Jahrhundert entwickelt und verstärkt. Die historischen Erfahrungen der
Polen haben einen großen Einfluss auf den Geschichtsunterricht
ausgeübt. Der Kampf um die Unabhängigkeit gegenüber Russland und
Preußendeutschland hat den Geschichtsunterricht geprägt. Die polnischen
Historiker haben gegen
das „Polenbild“ der preußischen Historiker polemisiert. Die
preußischen Historiker haben die Polen und andere Slawen als „Apostel
der Barbarei“ bezeichnet und sie verächtlich gemacht. Man kann auch
heute in den Unterrichtsmaterialien noch Reste dieser Stereotypen
finden, die von Theodor Mommsen, Heinrich Sybel, Heinrich Treitschke und
Gustaf Kossinna geprägt worden sind. In deutschen Geschichtsbüchern
wird die Geschichte
Polens häufig reduziert auf Anarchie, innere Krisen und auf Kämpfe
gegen die Nachbarstaaten. Man vernachlässigt die positiven
Erscheinungen, vor allem die Entwicklung der Wirtschaft und Kultur.
Moderne
Geschichtsbücher und Geschichtsatlanten verbreiten immer noch die
veralteten Theorien von Kossinna
über die Urheimat der Slawen und Germanen. Auch die polnischen
Geschichtslehrbücher und Geschichtskarten
stellen dieses Problem nur im Licht der polnischen Wissenschaft dar. Der
Streit um die Urheimat
hat in der Tat nicht nur eine historische, sondern
auch eine gegenwärtige Bedeutung. Er belastet auch in Zukunft die
polnisch-deutschen Beziehungen.
Die Autoren der deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen haben hier den
richtigen Weg gezeigt. Sie stellen fest, dass die Ostgermanen keine
Vorfahren der deutschen Stämme waren: „Der europäische Kulturkreis des
Mittelalters ist das Ergebnis der Synthese
mediterran-christlicher,
germanischer und slawischer Kultur“.
Aber diese
Empfehlungen werden selten von den Autoren der deutschen und polnischen
Geschichtslehrbücher und Geschichtskarten respektiert. Nötig ist hier
eine multiperspektivische
Betrachtung der Geschichte, um die komplizierten
Probleme der Vergangenheit erklären und veraltete Theorien und
Stereotypen beseitigen zu können.
Die preußische
Historiographie des 19. Jahrhunderts hat eine wichtige Rolle in der
antipolnischen Politik der Hohenzollern gespielt. Die Darstellung der
polnischen Geschichte wurde von den Prinzipien der Bismarckschen
Polenpolitik bestimmt. Polnische Historiker haben nicht nur gegen die
preußische Historiographie, sondern auch gegen die antipolnische
Politik des Kulturkampfes opponiert. An dieser Auseinandersetzung
beteiligten sich auch Belletristik und Kunst in Polen; sie haben
negative Bilder und Stereotypen der deutschen Vergangenheit gestaltet.
Der Roman „Krzyzacy“ (Die Kreuzritter) von Henry Sienkiewicz hat in
dieser Hinsicht ein deutliches Bild des Deutschen Ordens gezeichnet:
die Ordensritter als Erbfeinde Polens. Dieses Feindbild existiert im
polnischen Bewusstsein bis zur Gegenwart. Das Wort „Kreuzritter“ hat
in der polnischen Sprache eine negative Bedeutung; es ist ein
Schimpfwort.
Die
Belletristik wurde von der historischen Malerei illustriert. Die großen
Bilder von Jan Matejko stellen die Kriege gegen den Deutschen Orden
dar. Zu den bekanntesten Bildern gehören: „Schlacht bei Tannenberg“
(1410) und „Die preußische Huldigung“ (1525). Der Maler hat damit die
antipolnische Politik Bismarcks und der Hohenzollern beantwortet. Zu
dieser Zeit erschien auch in Deutschland eine umfangreiche Literatur,
in der die Polen als Todfeinde des Deutschen Ordens präsentiert wurden.
1918-1945
Nach dem 1. Weltkrieg
vertiefte sich die Kluft zwischen der deutschen und er polnischen
Historiographie. Die deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Zeit
hat das negative Bild der polnischen Vergangenheit, das in der
Kaiserzeit gestaltet wurde, übernommen und noch weiter verstärkt. Diese
Tatsache lässt sich mit den damals
aktuellen politischen Ereignissen erklären,
vor allem mit der Entstehung eines polnischen Staates und dem Kampf um
die Gestalt der staatlichen Grenzen. Die territorialen Entscheidungen
von Versailles wurden von großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit
nicht akzeptiert.
Das Streben nach
Revision der Grenzen mit Polen bildete im Geschichtsunterricht den
Ausgangspunkt in der Darstellung der deutsch-polnischen Vergangenheit
wie auch der gegenwärtigen Beziehungen. Die politisch motiviert
Deformation der Geschichte zeigte sich auch in der Auswahl des
Lehrmaterials, das mit subjektiven und einseitigen Argumentationen,
Interpretationen und Einschätzungen befrachtet war. Die
Historiographie und der Geschichtsunterricht in Deutschland haben
Geschichte und Politik Polens als Drang nach Westen und als polnische
Gefahr dargestellt. Die polnische Historiographie hat umgekehrt als
einen Wesenszug der deutschen Geschichte den Drang nach Osten
herausgestellt. In allen historischen Darstellungen wurde die Rolle des
Deutschen Ritterordens im Mittelalter und Brandenburg-Preußens in der
Neuzeit durchaus negativ interpretiert. Die deutschen Historiker der
Weimarer Zeit haben die Zusammenarbeit mit den polnischen Historikern
und Geschichtsdidaktikern abgelehnt. Nur Siegfried Kawerau hat auf die
polnischen Vorschläge positiv geantwortet. Die politischen Karikaturen
illustrieren die Feindschaft zwischen beiden Staaten. In dieser Zeit
sind viele Stereotypen, Vorurteile und Feindbilder entstanden.
Ostforschung und Ostkunde haben in der Weimarer Republik ein düsteres
Bild der polnischen Vergangenheit und Gegenwart
gemalt.
Diese „Leistungen“ konnten die Nationalsozialisten verwenden
und weiterentwickeln. Den Schülern der nationalsozialistischen
Schulen
wurden die Polen nicht nur als Nationalfeinde, sondern auch als Rassenfeinde
präsentiert.
Die polnische Geschichtsschreibung hat zu dieser Zeit die
Aufmerksamkeit auf die polnisch-deutschen Konflikte konzentriert. Die
These vom „ewigen“ polnisch-deutschen Antagonismus wurde ernsthaft
vertreten.
1945-1990
Die Spaltung der
deutschen Historiographie und des Geschichtsunterrichts nach dem
Zweiten Weltkrieg hat in den beiden deutschen Staaten verschiedene
Modelle und Bilder der deutsch-polnischen Beziehungen entstehen
lassen. Die westdeutschen Historiker haben sich bis zum Ende der 60er
Jahre nicht von dem Einfluss der preußischen Historiographie befreien
können.
Als hinderlich für
eine objektive Rekonstruktion der Geschichte
beider
Staaten erwiesen sich auch der herrschende Antikommunismus,
die Grenzfrage
und die Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung.
Die westdeutschen
Geschichtslehrbücher der 50er und 60er Jahre zeigen mit vielen
Beispielen, wie die alte Traditionslinie der Polenfeindlichkeit noch um
die Mitte des 20. Jahrhunderts lebendig war.
Die Ereignisse des
Zweiten Weltkrieges brachten eine tief greifende Veränderung der
deutsch-polnischen Beziehungen und damit auch der historischen
Forschung. Unmittelbar nach dem Krieg versuchten einige Historiker
aus der Vorkriegsgeneration eine allgemeine Bewertung des Konfliktes
zwischen Polen und Deutschen vorzunehmen. Es entstanden überwiegend
kritische und pessimistische Arbeiten über die Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft der polnisch-deutschen Beziehungen, die sicherlich
auch von persönlichen Erfahrungen geprägt waren. Die Historiker der jüngeren
Generation konzentrierten ihre Forschungen vor allem auf die Politik
des „Dritten Reiches“ im besetzten Polen zwischen 1939 und 1945, um das
Ausmaß der polnischen Verluste zu erfassen. In diesem Zusammenhang
muss auf das besondere Interesse der polnischen Geschichtsschreibung
für die Frage der Verfolgung und Bestrafung der nationalsozialistischen
Kriegsverbrecher nach 1945 hingewiesen werden. Viele Autoren haben sich
mit diesem Problem befasst. Die Strafverfolgung der Naziverbrecher in
der Bundesrepublik Deutschland wurde dabei sehr kritisch beurteilt.
Der von einigen polnischen Historikern in der Zwischenkriegszeit
unternommene Versuch, zu einer mehr objektiven Betrachtung der
Geschichte Deutschlands und des polnisch-deutschen Verhältnisses zu
gelangen, wurde infolge des Zweiten Weltkrieges und der
nationalsozialistischen Okkupation abgebrochen. Es kann nicht
verwundern, dass die Darstellung der deutschen Geschichte in den ersten
Nachkriegsjahren stark von Subjektivismus durchdrungen war. Das Leiden
Polens während des Zweiten Weltkrieges
führte z. B. bei Józef Feldman zu einer grundsätzlichen Revision
seiner Thesen. Er war noch vor dem Krieg der Meinung gewesen, dass die
polnisch-preußischen Konflikte
nicht symptomatisch für die Beziehung zwischen
Polen und Deutschland seien. Nach dem Krieg erschien der polnisch-deutsche
Konflikt für Feldman als eine fatale Notwendigkeit der Geschichte.
Für die gegenwärtige
polnische Geschichtsschreibung ist es bezeichnend,
dass sie der Geschichte Deutschlands an sich weit mehr Aufmerksamkeit
schenkt als der Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen. So erschienen
zahlreiche Monographien über die Weimarer Republik, die Diktatur
Hitlers und die Geschichte Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Das
Interesse der polnischen Historiker ist aber auch auf die
Nachkriegsgeschichte Deutschlands gerichtet. Erforscht werden vor
allem folgende Themen: die Zwangsumsiedlung der deutschen Bevölkerung
nach 1945 und die Integration der westlichen und nördlichen Regionen in
das polnische Staatsgebiet.
Allgemein wird in
der polnischen Forschung der westdeutschen These von der „Vertreibung“
der Deutschen insofern widersprochen, als diese Zwangsumsiedlung ihre
Ursache in der Politik des Naziregimes während des Zweiten Weltkrieges
hatte. In diesem Zusammenhang wird auch an die Zwangsumsiedlung der
polnischen Bevölkerung erinnert.
Der
Geschichtsunterricht in Polen wurde nach dem zweiten Weltkrieg mehr von
Politik und Ideologie als von der Geschichtsschreibung bestimmt. Die
deutsche Geschichte wurde häufig dämonisiert; die Deutschen wurden als
Erbfeinde dargestellt. Die Bundesrepublik Deutschland erschien als
Produkt des Kalten Krieges, als Staat der Militaristen, Neofaschisten
und Revanchisten. die Geschichtslehrbücher haben bis in die 70er Jahre
hinein die Bundesrepublik als die Panzerfaust der NATO beschrieben.
Die Entwicklung der
offiziellen Beziehungen zur Deutschen Demokratischen Republik brachte
zwangsläufig ein positives Bild des ostdeutschen Staates, obwohl die
Deutschen, besonders die „Preußen“, noch lange Zeit von den Polen
gehasst wurden. Es gibt in Warschau bis heute keine Berliner Straße
oder Preußische Straße. Aber es gibt einen Sächsischen Palast, einen
sächsischen Park, eine Sächsische Achse, eine Leipziger Straße und eine
Dresdener Straße. Traditionen der polnisch-sächsischen Union sind lebendig
bis heute. Das Wort „Sachse“ hat für die meisten Polen eine positive
Bedeutung, das Wort „Preuße“ dagegen eher eine negative. Das Stereotyp
eines Deutschen war bis zum Zweiten Weltkrieg der „deutsche Michel“. Die
polnischen Karikaturisten haben ihn als komische Person mit
verschiedenen Schwächen gezeichnet. Der deutsche Michel ist während des
Krieges
in Polen verschwunden; an seine Stelle ist der schreckliche Übermensch
getreten.
In der Nachkriegszeit wurden extrem negative Bezeichnungen
für den Deutschen gebräuchlich, z. B. Verbrecher, Okkupant, Nazi,
Angehöriger der Gestapo, SS-Mann, Sadist, Barbar. Der Grund für diese
Schimpfworte ist selbstverständlich in den Erfahrungen des letzten Krieges,
die immer noch im Bewusstsein des polnischen Volkes als Erinnerung
an die schrecklichen Jahre der Hitlerokkupation existieren, zu suchen.
Gleichzeitig jedoch werden dem Deutschen bestimmte Eigenschaften und
Verhaltensweisen zugeschrieben, wie z. B. Fleiß, Disziplin, Wohlstand,
Ordnung, aber auch Stumpfsinnigkeit, Mangel an Phantasie und
Trunkenheit. Das Stereotyp eines Deutschen besteht also aus zwei
Klischees: Das eine, gänzlich negativ, ist von Angst- und Hassgefühlen
geprägt; das andere
zeigt gewisse positive Ansätze, die dann aber wieder durch negative Emotionen
überlagert und ins Lächerliche gezogen werden.
In den 70er Jahren
hat eine neue Epoche in den Beziehungen zwischen Polen und Deutschland
begonnen. Der Sturz des realen Sozialismus in Polen und die Vereinigung
Deutschlands haben schließlich die ideologischen und politischen
Konflikte weitgehend beseitigt. Die Polen betrachten die Öffnung der
Berliner Mauer als ersten Schritt zur Wiederherstellung der europäischen
Einheit. Diese Mauer wirkte deprimierend auf die Polen, weil durch sie
auch ihr Land von Westeuropa getrennt wurde. Auf Grund eigener
geschichtlicher Erfahrungen haben die Polen Verständnis für das Einheitsstreben
anderer Nationen, die von fremden Mächten geteilt wurden.
Das gilt aus polnischer Sicht auch für die Deutschen. Die Polen sind
sich darüber im Klaren, dass die Vereinigung
Preußens mit Brandenburg, die Gründung des Reiches durch Bismarck und
die Expansionspolitik des „Dritten
Reiches“ eine Bedrohung für den polnischen Staat und die polnische
Nation zur Folge hatten. Viele denken daran, dass die Deutschen keine
Verträge respektieren (z. B. Vertrag mit Friedrich II.;
Nichtangriffsvertrag mit Hitler).
Trotz der
bestehenden Ängste vor der russischen oder deutschen Dominanz in
Europa blicken die Polen zuversichtlich in die Zukunft und hoffen,
dass die Oder die Polen und Deutschen nicht voneinander trennen,
sondern verbinden wird. Die jüngere Generation in Polen schätzt die Zukunft
der polnisch-deutschen Beziehungen
optimistischer ein als die ältere,
die den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Die Jugendlichen sehen eher die
positiven Aspekte; sie leben mehr in der Gegenwart und in der Zukunft.
Auf die Frage „Bist du der Meinung, dass die Polen und die Deutschen
eine friedliche Zukunft in Europa bauen können?“ antwortete die große
Mehrheit der Jugendlichen mit „ja“. Eine besonders positive Rolle
spielen persönliche Kontakte zwischen Polen und Deutschen. Der Abbau der
negativen Vorurteile gegenüber den westlichen Nachbarn wurde durch die
Paketaktion zu Beginn der 80er Jahre beschleunigt. Zum ersten Mal haben
die Deutschen statt Bomben Pakete mit Lebensmitteln und Medikamenten
nach Polen geschickt.
Der Prozess der
Normalisierung der Beziehungen korrigiert alte und neue Stereotypen und
Vorurteile. Es entwickelt sich auch die Zusammenarbeit zwischen den
polnischen und den deutschen Historikern. Die Zusammenarbeit erstreckt
sich nicht nur auf die Diskussion kontroverser Themen, sie umfasst auch
gemeinsame Forschungen. Kooperation statt Konfrontation: Mit diesem
Programm beginnt eine neue Etappe der wissenschaftlichen Beziehungen.
Positive Beispiele bringt die Zusammenarbeit der Historiker beider
Länder in der UNESCO-Kommission. Die Schulbuchempfehlungen wurden vom
UNO-Generalsekretär als Musterbeispiel vorgestellt; sie zeigen, wie
man weltweit die schwierigen Probleme der Vergangenheit lösen kann.
Die Realisierung
dieser Empfehlungen durch die Autoren
der Geschichtsbücher und durch die Verlage ist eine ganz andere Frage
und eine schwierige Aufgabe. Die deutsche Seite kann sich noch nicht
ganz von den Stereotypen der preußischen Historiographie befreien; sie
hat noch Probleme, die Ergebnisse der modernen deutschen und
polnischen Forschung zu akzeptieren und in die Lehrbücher
einzubringen. Auch die polnische Seite hatte bis zum Ende der 80er Jahre
Schwierigkeiten
mit der Realisierung der Empfehlungen, besonders auf dem Gebiet der
Zeitgeschichte (z. B. Hitler-Stalin-Pakt; Katynmord).
Die polnisch-deutschen Beziehungen als
Problem des polnischen und deutschen Geschichtsunterrichts
Die polnische Schule
hat seit Ende der 80er Jahre viele politische und ideologische
Hemmnisse überwunden. Dies gilt besonders auch für den Geschichtsunterricht.
Der Hauptfehler des bisherigen Geschichtsunterrichts bestand darin, dass
historisches Wissen wie eine Glaubenslehre vermittelt wurde. Die neuen
Geschichtslehrpläne, die seit 1985 in allen polnischen Schulen
eingeführt wurden, haben Tabuthemen aufgegriffen und Fälschungen
korrigiert, besonders im Bereich der polnisch-sowjetischen und der
sowjetisch-deutschen Beziehungen.
Seit 1989 werden diese Lehrpläne weiter
modernisiert. Die Rückstände des Stalinismus sind damit aus dem zeitgeschichtlichen
Unterricht eliminiert. Die neuen Lehrpläne sind im Gegensatz
zu den bisherigen „elastisch“; sie enthalten neben den obligatorischen
auch fakultative Themen. Von einer strengen Lernzielorientierung hat
man in Polen bewusst Abstand genommen, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen,
die auf diesem Gebiet in der Bundesrepublik Deutschland gemacht
wurden. Aus den Formulierungen der übergeordneten Erziehungsziele,
die sich sowohl auf den Menschen als homo politicus als auch auf
den ganzen Menschen mit seinen vielfältigen Eigenschaften beziehen, ist
ersichtlich,
dass in diesen Lehrplänen kein Platz mehr ist für Propaganda
und Indoktrination. Der neue Geschichtsunterricht berücksichtigt die geschichtsdidaktischen
Kategorien
der Multiperspektivität und der Problemorientierung,
besonders in der Sekundarstufe II. Die Schüler haben
die Möglichkeit, umstrittene Probleme der Vergangenheit und kontroverse
Meinungen der Geschichtsschreibung kennen zu lernen. Dieser neue
Ansatz betrifft nicht nur die Geschichte Polens, sondern auch die
Geschichte Deutschlands und die polnisch-deutschen Beziehungen. Es
ergibt sich die Chance, die Geschichte der polnisch-deutschen
Beziehungen aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen. Der alte
Geschichtsunterricht hatte die Stereotypen, Vorurteile und Fälschungen,
die im historischen Bewusstsein der Jugendlichen eine wichtige Rolle
spielten, nicht zum Gegenstand des kritischen Lernens gemacht. Das
Verschweigen der außenwirtschaftlichen
Geschichte hat aber keinen Sinn. Es ist wesentlich besser, die Schüler
mit den Feindbildstereotypen
zu konfrontieren, als diese zu ignorieren.
Gerade die
historischen Feindbilder können eine wichtige Rolle als Brennpunkte
des problemorientierten Unterrichts spielen und lebhaftes Interesse
der Schüler erregen. Die Geschichte Polens, Deutschlands und der polnisch-deutschen
Beziehungen ist reich nicht nur an wissenschaftlichen
Kontroversen, sondern auch an Vorurteilen und Feindbildern. Es gibt
genügend Quellen für diese Thematik.
Die Schüler stoßen zu Hause auf einschlägige Materialien; sie können
entsprechende Kenntnisse auch über Befragungen (oral history) erwerben.
In den Geschichtslehrbüchern und Geschichtskarten finden sich zahlreiche
Beispiele für Stereotype, Vorurteile
und Feindbilder. Man kann z. B. die Entwicklung der Grenzen seit 1000
Jahren in polnischen und deutschen Karten vergleichen (deutsche
Karten und Atlanten übergehen oft die Entwicklung der Grenzen bis zum
17. Jahrhundert). Es gibt darüber hinaus viele andere – zumeist außerwissenschaftliche
– Informationsinstanzen, die Vorurteile und Feindbilder
transportieren: Belletristik, Publizistik, Filme, Bilder,
Spottschriften, Karikaturen usw.
Auch die alten Sagen
sind in diesem Zusammenhang als wichtige Quellen zu nennen. Eine
polnische Sage erzählt von der legendären
Herrscherin
Wanda, die einen deutschen Fürsten nicht heiraten wollte
und sich in der Weichsel ertränkte. Heute können sich die meisten polnischen
Mädchen nicht mehr mit dieser Sage identifizieren; sie stehen den
Heiratsanträgen der jungen Deutschen keineswegs
ablehnend gegenüber.
Es gibt viele
Kontroversen zwischen polnischen und deutschen Historikern und
Archäologen um die Urheimat der Slawen und Germanen. In manchen
deutschen Geschichtslehrbüchern wird die Auffassung vertreten, dass die
von Slawen bewohnten Gebiete früher – vor der Völkerwanderung – von den
Germanen besiedelt waren. Diese Information ist den Schulbuchautoren
wohl deshalb so wichtig, weil dann in ihrer Perspektive die
mittelalterliche Ostsiedlung im Grunde nur als eine Wiederbesiedlung
alten germanischen Bodens erscheint, auf dem die Slawen Neuankömmlinge,
die Deutschen dagegen die eigentlichen und rechtmäßigen Erben sind.
Polnische
Geschichtslehrbücher behandeln dieses Phänomen gerade umgekehrt. Die
Schüler sollten heute beide Interpretationen
kennen lernen und anhand kontroverser
Geschichtskarten und kontroverser historischer Darstellungen kritisch
diskutieren.
Die
mittelalterlichen Chroniken enthalten viele Stereotypen, Vorurteile,
Mythen und Legenden. Die deutsche Chronik Thietmars von Merseburg und
die polnische Chronik von Gallus Anonymus können z. B. unter dem
Gesichtspunkt der Multiperspektivität sehr effektiv im
Geschichtsunterricht behandelt werden.
Man kann auch die
Meinung von Mommsen, Treitschke und Sybel über Slawen und Polen mit
denen der gegenwärtigen
deutschen und polnischen Historiker vergleichen. Ein solcher Vergleich
wäre sehr interessant. Die Beurteilung des Deutschen Ritterordens etwa
ist auf polnischer und deutscher Seite traditionell unterschiedlich.
Die ältere deutsche Geschichtswissenschaft betonte vor allem dessen
zivilisatorische Tätigkeit. Die Zahl der durch den deutschen Orden und
durch deutsche Kolonisten gegründeten Dörfer
und Städte wurde immer größer. Es waren schließlich mehr, als dich im
heutigen Polen befinden. Umgekehrt stellt die polnische Seite, die Geschichtsschreibung,
die populärwissenschaftliche Literatur und die Belletristik, die
militärisch-expansive Rolle des Deutschen Ordens in den Vordergrund;
die Ordensritter erscheinen dann als blutige Bestien. In Deutschland
wiederum gibt es einige Literatur, die von angeblichen Massenmorden an
unschuldigen und frommen Ordensrittern berichtet. Die polnischen
Schüler aber müssen bedenken, dass die schönen Kirchen, Schlösser
und Häuser in der Zeit des Ordens entstanden sind. Die vergleichende
Gegenüberstellung der reichen
Literatur aus deutscher und polnischer Sicht wäre in der Tat für die
polnischen und deutschen Schüler sehr nützlich
und interessant.
Der Streit um
Pommern und Schlesien berührt nicht nur die Historiker,
sondern auch Tausende von Polen und Deutschen. Der Austausch von
Erfahrungen, Meinungen und Argumenten spielt hier eine wichtige rolle
für das gegenseitige Verstehen und für die Aussöhnung zwischen Polen und
Deutschen. Man braucht für dieses Thema nicht eigens wissenschaftlich
aufbereitete Quellen zu suchen. Viele deutsche und polnische Familien
haben interessante, traurige oder gar tragische Erinnerungen.
Einen wichtigen
Abschnitt in der Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen stellen
die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert dar; es geht hier vor allem um
die Verantwortlichkeit Russlands und Preußens für den Niedergang
und die Liquidierung des polnischen Reichs. Die polnischen Historiker
betonen die Verantwortung Russlands und Preußens, besonders Friedrich
II. Die deutschen Historiker, vor allem Treitschke und Sybel, haben
viel über die polnische Anarchie geschrieben, die als Hauptursache für
den Niedergang interpretiert worden
ist. Die polnischen und deutschen
Schüler sollte mit beiden Ansichten konfrontiert werden und sich dann
ein eigenes Urteil bilden. Dieser didaktische Ansatz begegnet in den
neuesten deutschen Lehrbüchern. Die Preußen sind im polnischen Bewusstsein
mit dem Ritterorden und den Junkern identifiziert worden. Friedrich II.
und Bismarck als führende preußische Politiker, Symbole des Preußentums,
haben in Polen einen besonders schlechten Ruf. Für die Schüler wäre ein
kritischer Vergleich der Meinungen deutscher und polnischer Historiker
über diese beiden Persönlichkeiten sehr wichtig und interessant (z. B.:
der preußische König und der „Eiserne Kanzler“ als Staatsmänner aus
deutscher Sicht, als Militaristen und Todfeinde Polens aus polnischer
Sicht).
Es gibt viele
polnische Anekdoten über politische Persönlichkeiten. Ein Beispiel: Als
während der Versailler Friedenskonferenz (1919) die polnische und die
deutsche Delegation um die Grenzen stritten, wurden die Deutschen von
den Engländern und die Polen von den Franzosen unterstützt.
Die englische Unterstützung für die Deutschen war erfolgreicher als die
französische Hilfe für die Polen. Darüber war der polnische Vertreter
in Versailles, Ignacy Paderewski, sehr traurig. Präsident Wilson wollte
ihn trösten. Die Polen brauchten jetzt keine Angst mehr zu haben vor den
Deutschen, weil die Deutschen Marxisten sind, sagte Wilson zu ihm.
Paderewski antwortete darauf: Nein, die Deutschen sind immer
Bismarxisten. Dieses Wortspiel bedeutet, dass nach Paderewskis Meinung
die Deutschen immer den preußischen Traditionen verpflichtet sind. Die
antipreußischen Anekdoten wurden oft gegen die DDR gerichtet.
Die ältere
Generation in Polen kann sich nicht von den Erinnerungen an die
Besatzungszeit der Nationalsozialisten lösen. Diese Erinnerungen
sollten auch bei den jungen Leuten lebendig bleiben, denen das heutige
Deutschland als Paradies erscheint. Das Wesen des Nationalsozialismus
muss im Geschichtsunterricht gründlich
bearbeitet werden – als Warnung für die nächste Generation.
Grenzverschiebung,
Flucht, Zwangsaussiedlung der Deutschen und Polen gehören zu den
schwierigsten und wichtigsten Problemen der Nachkriegszeit. Es gibt
darüber in Deutschland eine umfangreiche – wissenschaftliche
und populäre – Literatur. Das Schicksal der Deutschen in dieser Zeit ist
für die Polen eine beschämende Tatsache. Es gibt fast keine (populäre)
Literatur darüber in Polen. Man muss hier diesem Problem mehr Aufmerksamkeit
schenken und mit den Jugendlichen darüber sprechen.
Die Polen erscheinen im Lichte der deutschen
Literatur als grausam, da sie an der unschuldigen und schutzlosen
deutschen Bevölkerung Rache genommen haben.
Ein tieferes
Verständnis für die Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen
ist nur möglich auf der Grundlage einer integrativen Betrachtung.
Es geht eben nicht nur um politische Konflikte, sondern auch um die
kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen. Nützen
wir in beiden Ländern die reichlich vorhandenen Quellen, um im Geschichtsunterricht
diese schwierigen und kontroversen Probleme zu besprechen.
Anmerkungen