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politik unterricht aktuell, Heft 1-2/II/93
Arbeits- und Fluchtmigration als Herausforderung für die Politische Bildung

   

Stellungnahme des 
Verbandes der Politiklehrer e.V.

Neue Rahmenrichtlinien im Fach Geschichte

 

Dokument Information

Editorische Notiz

 

 

Die grundsätzliche Neubearbeitung  der „Rahmenrichtlinien Geschichte“     war nach den Entwicklungen der Ge­schichts­­didaktik und der Fach­wis­sen­schaft in den ver­gan­genen Jahren notwendig und unumgänglich. Daß eine Neukonzeption, die den Be­griff Rahmenrichtlinien ernst nimmt und das alte Konzept der Stoff­ver­tei­lungs­plä­ne endgültig hinter sich läßt, Wi­der­spruch und z.T. Unverständnis provoziert, war zu erwarten und ist im Sinne einer sachlichen Auseinandersetzung um die Ver­besserung des Ge­­schichtsunterrichtes auch positiv zu bewerten.

Der Verband der Politiklehrer hat dem Kultusminister eine positive Stel­lung­nahme zu den ihm vorgelegten Rahmenrichtlinienentwürfen zu­kom­men las­sen und hofft auf eine zügige Erstellung und Inkraftsetzung der end­­gültigen Fassung.

Die Kritiker an diesen Entwürfen übersehen unseres Erachtens, daß sich die Rah­menrichtlinen an kompetente und fachwissenschaftlich aus­ge­bil­dete Ge­schichts­lehrerinnen und Geschichtslehrer wenden, die durchaus dazu in der Lage sind, den allgemein formulierten Lernfeldern sinnvolle und im Sinne des ge­schicht­lichen Grundwissens umfassende Stoffe und In­halte zuzuordnen.

Andererseits hat die Entwicklung der Fachdidaktik kaum etwas an der hi­sto­ri­schen Quellenlage verändert, sehr vieles aber an einer kritischeren Sicht un­se­res Geschichtsbildes. Hier liegt, und das hat der Kultusminister rich­tig erkannt, der Innovations- und Handlungsbedarf bei einer Neu­kon­zep­tion des Ge­schichts­un­terrichtes.

Daß in der nicht fachlich orientierten Öffentlichkeit oft daneben noch ob­solete und uneinlösbare Vorstellungen von einem gesicherten Wis­sens­ka­non, der hi­sto­ri­sche Bildung ausmachen soll, und von dem notwendigen Pri­mat an europäischen oder enger noch deutschen Nationalvorstellungen ori­entierten Ge­schichts­per­spek­ti­ven vorherrscht, darf eine ver­ant­wor­tungs­volle Entwicklung des Ge­schichts­un­ter­richtes nicht behindern son­dern sollt Anlaß zu einem neuen offensiven Dis­kurs über unser eigenes po­litisch geprägtes Geschichtsverständnis in der Öf­fent­lichkeit und in den Me­dien, denen damit eine verantwortungsvolle Aufgabe zu­kommt, sein.

Ein letzter Punkt verändert die Ausgangssituation des Ge­schichts­un­ter­richts ent­schei­dend: Die meisten Lerngruppen sind heute in ihrer kul­tu­rellen und na­tio­na­len Herkunft gemischt. Es wäre hier verhängnisvoll, den Geschichtsunterricht, was kein verantwortungsbewußtes Fachkollegium will, zur ideologischen "Zwangs­ger­manisierung" zu mißbrauchen. Im Ge­gen­teil: die differenzierten Wis­sens­vor­aus­set­zungen und alternativen Ge­schichts­perspektiven sind für die ganze Lern­grup­pe eine positive Chance zum Interkulturellen Lernen und zur Erweiterung der eige­nen Ge­schichts­vor­stellungen. Das setzt aber voraus, daß die Lehrerinnen und Leh­rer in ihrer Unterrichtskonzeption und Stoffauswahl konkret auf die jeweilige Lern­­gruppe eingehen können und fallweise z.B. polnische, türkische, ira­ni­sche... Fach­schwerpunkte setzen und entsprechende Geschichtsbilder the­matisieren kön­nen. So bieten diese neuen Rahmenrichtlinien durchaus po­sitive Chancen sowohl für die konstruktive historische wie für die po­li­ti­sche Bildung. Dem Kultusminister hat der Verband der Politiklehrer fol­gen­de Stellungnahme zukommen lassen:

Gutachten zu den niedersächsischen Rahmenrichtlinienentwürfen Geschichte Gymnasium, Klasse 7 - 10 und NGO [Mai 1993]

Der Verband der Politiklehrer hat in einer Arbeitsgruppe von Kolleginnen und Kol­legen der Fächer Geschichte und Politik eine vorläufige Begut­ach­tung der dem Ver­band zugestellten Rahmenrichtlinienentwürfen für das Fach Geschichte vor al­lem aus der gymnasialen Schulpraxis heraus vor­ge­nom­men und ist dabei zu einer über­wiegend positiven und be­für­wor­ten­den Stellungnahme gekommen. Der Ver­band der Politiklehrer hält die vor­lie­genden Rahmenrichtlinienentwürfe aus der Sicht der Politischen Bil­dung, die sich ihrer historischen Fundierungen bewußt ist, für geeignet.

Als wesentlichen Fortschritt sieht es der Verband der Politiklehrer an, daß an die Stelle fragwürdiger Stoffkataloge die Strukturen und Ziele des Ge­schichts­unterrichtes in den Vordergrund treten und damit der vor­aus­­zu­set­zen­den Fachqualifikation der Geschichtslehrerinnen und Ge­schichts­lehrer, die durch­aus in der Lage sind, prioritätensetzende und sinn­volle inhaltliche Kon­kre­ti­sie­run­gen und Stoffauswahlen zu treffen, an­ge­messen Rechnung getragen wird. Da beide Entwürfe von gleichen Grund­voraussetzungen ausgehen, die wir für po­sitiv erachten, erübrigt sich eine differenzierende Be­gut­ach­tung.

Etwas deutlicher - aber nicht im Sinne einer Korrektur! - denken wir, hät­ten die in der Konzeption enthaltenen interkulturellen Potentiale betont wer­den kön­nen; so könnten auf S.15 [RRL Sek. II] die Bezugnahmen auf die Heterogenität der Lern­gruppe und der unterschiedlichen nationalen und kulturellen Vor­aus­set­zun­gen innerhalb der Lerngruppe positiv er­läu­ternd [und anregend] ausgestaltet wer­den, indem der gruppenspezifische Zu­gang zur Geschichte als kon­sti­tuie­ren­des Element der Stoffauswahl (z.B. un­ter verstärkter Einbeziehung türkischer, is­lamischer, polnischer etc. Ge­schichte) als Leitlinie eines Interkulturellen Ler­nens im Fach Geschichte po­stuliert wird.

Ein Beispiel für einen solchen unkonventionelleren Zugang wäre eine Um­­orien­tierung des Rahmenthemas 7.1 [Sek. I. Kl. 7] "Grundlagen der euro­päischen Kul­tur im antiken Griechenland" mit einer Lerngruppe, in der sich Schülerinnen bzw. Schüler aus den Ländern des Nahen Ostens be­finden, indem aus der Aus­ein­andersetzung Griechenland-Persien die per­sische Perspektive betont und, wei­ter­führend zum Hellenismus, die kul­turelle Gemeinsamkeit der Region entwickelt wird. Daraus lassen sich eben nicht nur die Grundlagen der europäischen, son­dern auch der nah­öst­lichen Kulturregion ableiten, was die spezielle Ausformung in Europa, durch­aus im Sinne des Interkulturellen Lernens, relativiert und ihr hi­sto­ri­sche Alternativen an die Seite stellt.

In gleicher Weise deutlicher betont werden könnte auch die not­wen­di­ge kri­ti­sche Auseinandersetzung mit eigenen Geschichtsbildern und Ge­schichts­ideologien, was z.B. im Zusammenhang mit der Frauenfrage und der Dritte-Welt-Problematik durch­­aus in den RRL-Entwürfen intendiert wird, aber als generelles di­daktisches Pro­blem jeden Ge­schichts­un­ter­rich­tes nicht klar genug in Erscheinung tritt. Auch hier könnte als mögliche Konkretisierung eine stärkere hi­sto­ri­sche Re­la­tivierung der west­euro­pä­i­schen Nation- und Staatsidee erfolgen, de­ren Ana­chro­nismus gerade in der gegenwärtigen Univer­sa­li­sie­rungs­ten­denz und ihrer Un­fä­higkeit zur frie­denssichenden Konfliktlösung (Bos­nien, Iraq, Kurden etc.) evi­dent geworden ist. Verschüttete nicht­eta­ti­sti­sche Vergesellschaftsformen (in Euro­pa z.B. die polnische Szlachta-Ge­sell­schaft) können hier konstruktives Ge­schichts­bewußtsein evozieren.

 

pua 1993

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell Heft 1-2/1993
Hannover, 1993. A 5, geheftet.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Pettenkoferstraße 13, D 30880 Laatzen
vergriffen

Internetpublikation 10.06.2003

eMail: politiklehrerverband.voigt@web.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe:   - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004
 

 

 

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