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politik unterricht aktuellHeft 3/1992

Polen

Rekonstruiert / restauriert Juli 2011


Buchempfehlung zum Thema

„Islam“

Dokument Information

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Den Teilnehmern am eben vorgestellten „Islam-Seminar“ wird die vorherige Lektüre einer verdienstvollen kritischen Neuerscheinung anempfohlen, die auch auf Interesse bei unseren Verbandsmitgliedern stoßen wird. Die publizistische Behandlung von Nahostfragen und insbesondere des „Golfkrieges“ und die hysterische öffentliche Reaktion auf sogenannte „Islambücher“, die letztlich das ganze Spektrum „westlicher“ Vorurteile gegenüber der islamischen Welt reproduzieren wie das Buch „Nicht ohne meine Tochter“ und die im Erfolgsfahrwasser dieses Bestsellers schwimmenden sogenannten

„authentischen Erlebnis- und Leidensberichte“ zeigen nur zu deutlich die Notwendigkeit einer sachlichen Information, die Konzelmann & Co. nicht zu liefern in der Lage sind, und nach einer kritischen Aufarbeitung unserer eigenen Stereotypbereitschaft. Hier wieder positiv anzuknüpfen an die Tradition der kritischen Aufklärung, die unsere Politik- und Sozialwissenschaft bestimmen sollte, scheint mir eine der wichtigsten Aufgaben der interkulturellen Ausrichtung unseres Faches zu sein. Aus diesem Grunde habe ich aus verschiedenen Anlässen zwei Buchrezensionen vorgelegt, die ich etwas gekürzter und aktualisierter Form nachfolgend wiedergeben möchte. Dies soll durchaus auch als Empfehlung der rezensierten Werke und als Bitte zur weiteren kritischen Teilnahme an dieser Diskussion verstanden werden.

Orientierungen zum Thema „Islam“

Zunächst also eine Rezension von: Falaturi, Abdoldjavad/Tworuschka, Udo: Der Islam im Unterricht. Beiträge zur interkulturellen Erziehung in Europa. (Beilage zu den Studien zur internationalen Schulbuchforschung. Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts) Braunschweig 1991 (2. Aufl. 1992. Vertrieb: Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt/M.) 50 S., DM 7.50

Das Thema „Islam“ spielt im Politikunterricht wie in der außerschulischen Politischen Bildung eine zunehmende Rolle. Der Kenntnisstand der Lehrer ist wie der der Öffentlichkeit aber keineswegs entsprechend besser geworden, so daß ein großes Bedürfnis an sachlicher Orientierung besteht. Ausgehend von einer umfassenden Schulbuchanalyse des Georg-Eckert-Instituts, die in den letzten Jahren in mehreren Bänden vorgelegt worden ist, fassen die Herausgeber nun die inhaltlichen Ergebnisse bezogen auf die zentralen Informationsdefizite und Mißverständnisse gegenüber dem Thema Islam in einem schmalen Heft systematisch zusammen und stellen thematisch gegliedert „sachgemäße“ und „unsachgemäße“ Aussagen gegenüber. Sie orientieren sich dabei an einem im genannten Projekt erarbeiteten inhaltlichen Minimalkonsens europäischer Islamisten und muslimischer Wissenschaftler verschiedener Richtungen, so daß verläßliche und ausgewogene Aussagen und Urteile die Arbeit mit diesem Buch leicht machen.

Die inhaltlichen Kapitel gliedern sich nach den Themenbereichen, die im politischen Unterricht wie in der kritischen Auseinandersetzung mit der Berichterstattung über die Ereignisse im Nahen Osten immer wieder angesprochen, und oft vorurteilsbeladen und sachlich falsch vermittelt werden, so z.B. der islamische Gottesbegriff, die Überlieferungen über die Person Muhammads und die Beziehungen des Islam zum Judentum und Christentum (wobei keine harmonisierende Ideologie die theologischen Grundunterschiede verwischt); vor allem aber sind die zentralen Aussagen über das islamische Recht, die Scharia, die Stellung der Frau und den Dschihad, der immer wieder sprachlich wie inhaltlich falsch mit „heiliger Krieg“ bezeichnet wird, von großem Interesse.

Die Arbeit mit diesem Buch wird, über eine allgemeine Grundinformation hinaus, wohl vor allem in seiner Eignung als „Meßlatte“ für die Richtigkeit von vorgefundenen oder eigenen Aussagen über den Islam zu finden sein. Lehrerinnen und Lehrern kann nur empfohlen werden, im Unterricht verwendete Texte und Materialien vorab mit Hilfe dieses praktischen Heftes zu prüfen und die einzelnen Aussagen, die im Unterricht eine Rolle spielen, zu verifizieren. Dadurch wäre vieles geleistet für ein vorurteilsfreieres und verständnisvolleres Miteinander zwischen uns Westeuropäern und den Menschen im islamisch geprägten Kulturkreis des Nahen Ostens. Die Herausgeber versuchen ihre Erkenntnisse denn auch in Zusammenarbeit mit deutschen Fachwissenschaftlern zur Grundlage einer derzeit in Arbeit befindlichen länderkundlichen und historischen Arbeitsbuchreihe für die Schule zu machen („Der Islam: Raum-Geschichte-Religion“), die verdienstvolle Anstöße zur Revision gängiger Unterrichtsinhalte geben kann.

Grundlagen zur Länderkunde eines Kulturraumes

Rezension zu: Eckart Ehlers, Abdoljavad Falaturi, Günther Schweizer, Georg Stöber, Gerd Winkelhane: Der Islamische Orient. Band 1: Grundlagen zur Länderkunde eines Kulturraumes. Islam: Raum - Geschichte - Religion. Studienreihe zum Islam in interkulturellen Wechselbeziehungen. Schriftenreihe der Islamischen Wissenschaftlichen Akademie zur Erforschung der Wechselbeziehungen zur abendländischen Geistesgeschichte und Kultur. Köln 1990 (Vertrieb: Verlag Moritz Diesterweg 49001, ISBN 3 89108003 4)

Nachdem das verdienstvolle Heft „Der Islam im Unterricht“, herausgegeben von Falaturi und Tworuschka in der Schulpraxis sehr hilfreich war vor allem dort, wo versucht worden ist, nicht nur im Geographie- und Politikunterricht sondern auch in speziellen Religionskunde-/Philosophie-Kursen der Oberstufe das Thema Islam adäquat zu vermitteln, und daraufhin einige Schulen mit Interesse und Nutzen die Schulbuchanalysen zum Thema Islam in der Schriftenreihe des Georg-Eckert-Institutes, Braunschweig, in ihre didaktische Arbeit mit einbezogen haben, nehmen wir mit gespanntem Interesse den von Falaturi zusammen mit prominenten Mitverfassern herausgegebenen Band „Der Islamische Orient“ in die Hand. Hervor sticht sofort der durchaus neuartige und aufklärerischen Zugang zu einem regionalkundlichen Thema, - auch wenn einige (wie ich meine: konstruktiv-) kritische Anmerkungen wichtig sind.

Zunächst einmal einschränkungslos positiv und für die Praxis fruchtbar ist der Versuch, fächerübergreifende Erklärungskonzepte und integrative Perspektiven zu entwickeln, ist doch die traditionelle Geographie oft von erschreckender fachlicher Begrenzt- und Borniertheit. Traditionelle schulgeographische Materialien bringen immer mehr gesellschafts- und kulturwissenschaftlich interessierte Geographielehrer in selbstbetroffene Distanz zu ihrem eigenen Fach und erleben dabei die Schwierigkeit, das unterschiedliche Realitätsverständnis von Geographiedidaktik und den Gesellschaftswissenschaften problembezogen zusammenzuführen, als ein gravierendes Element der Probleme interkultureller pädagogischer Ansätze in den Schulen.

Mir scheint aber, daß die tatsächliche Integration der Perspektiven noch nicht endgültig gelungen ist, daß traditionelle raumwissenschaftlich-strukturelle Konzepte recht unverbunden neben Erläuterungen zum Islam, seinen Aussagen und seiner historisch-geographischen Funktion stehen. Ich denke, daß in einer späteren Neubearbeitung die grundsätzlichen Erkenntnisperspektiven zwischen den einzelnen Verfassern zumindest problematisiert werden müßten. Gerade in den geographischen Teilen kommt der prozeßhafte Erklärungsansatz (Peripherisierungen, Marginalisierungsprozesse, gesellschaftliche Dynamik) nicht hinreichend zur Geltung.

Ich frage mich dabei manchmal, ob vielleicht mit einer internationaleren Grundlegung auch der geographischen Forschung der immer wieder aufscheinende Eindruck vermieden werden könnte, daß in den letzten zwanzig Jahren im Nahen Osten geographisch nicht viel geschehen sei, entsteht doch bei mir streckenweise ein fast nostalgisches Gefühl, die klassischen (und durchaus vorbildlichen) Raumbeispiele, Karten und Schemata wiederzufinden, die schon bei meiner Examensarbeit 1970, einer geographischen Arbeit in Zentraliran, grundlegende, damals aber noch aktuelle Bedeutung hatten.

Ich überspitze hier vielleicht etwas, aber die Frage stellt sich mir, ob denn kein Geograph in den letzten Jahren z.B. Bazarkartierungen wie die von Schweizer in Tabriz, Altstadtkartierungen wie die von Clarke in Shiraz oder Agrarstrukturübersichten wie die von Planck in Marvdasht oder von Gharatchedaghi in Veramin [die Beschränkung auf iranische Beispiele ist hier rein zufällig] erneuert und aktualisiert hat. [Nebenbei: Die Tabellen S.150 sind inhaltlich identisch; Tab. S.92/93 sind ausgetauscht.]

Dabei interessiert natürlich besonders die Frage, wie sich die Besitz- und Rechtsverhältnisse und die Distributionsstrukturen nach der islamischen Revolution in Iran, in der gesellschaftlichen Transformation und Krise im Maghreb oder in den Phasen der Entwicklung des Nahostkonfliktes (Palästina, Israel, Libanon) verändert haben: durchaus also geographische Fragen, zu denen, wie ich aus persönlichem Kontakt weiß, Geographen in Damaskus und Amman in ihren Ländern konkret gearbeitet haben. Ich denke, daß hier in Zukunft ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, nach dem Muster der kritischen Schulbuchanalyse durch das Georg-Eckert-Institut von Falaturi und Tworuschka, wo sich diese fächerübergreifende Sicht ja schon bewährt hat, auch im eigentlichen fachwissenschaftlichen Kontext sinnvoll, wenn nicht gar notwendig wäre. Gerade aus der Perspektive des gesellschaftswissenschaftlichen Fachdidaktikers, der sich schwerpunktmäßig mit den Themen interkulturelle Erziehung, Islam, Naher Osten und Vorurteilsforschung auseinandersetzt, ist ein solcher neuer Ansatz zur problemorientierten, interdisziplinären fachwissenschaftlichen Integration in seinen „Bezugswissenschaften“ ein unabdingbares Desiderat.

An einem Aspekt sollte das verdeutlicht werden: Wie können die historisch-geographischen Ansätze der Analyse des Libanon-Konfliktes mit gesellschaftswissenschaftlichen Konzepten der Anomieforschung, kritischen Konzepten des Orientalismus (Said), religionswissenschaftlichen Erklärungen (symbolisches Verhalten, Wertdissonanzen, Martyriums-Symbolik in der Shia [Hooglund, Kippenberg u.a.], Konventionalismus und Ritualforschung etc.) zu den richtigen Fragen geformt werden, die eine unsachliche Komplexreduktion in der Bearbeitung dieses Themas vermeiden helfen.

Die Autoren sollte ermutigt werden, den Weg eines fächerübergreifenden und kritischen, von üblichen eurozentrischen Verengungen befreiten Zuganges zur Länderkunde, Geschichte und Gegenwart des Nahen Osten und der Islamischen Welt fortzuführen, um dabei die traditionellen fachlichen Begrenzungen der Nahost-Länderkunden aufzubrechen und auch für den Schulpraktiker neue Anregungen zu vermitteln.

GV

pua

ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 3/1992
Hannover, 1992. A 5, kart.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Kontakt vgl. Impressum
Printausgabe vergriffen

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe /  06.11.02 - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004 / 03.05.2010 / 30.06.2011

 

 

 

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