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Den Teilnehmern am
eben vorgestellten „Islam-Seminar“ wird die vorherige Lektüre einer
verdienstvollen kritischen Neuerscheinung anempfohlen, die auch auf
Interesse bei unseren Verbandsmitgliedern stoßen wird. Die publizistische
Behandlung von Nahostfragen und insbesondere des „Golfkrieges“ und die
hysterische öffentliche Reaktion auf sogenannte „Islambücher“, die
letztlich das ganze Spektrum „westlicher“ Vorurteile gegenüber der
islamischen Welt reproduzieren wie das Buch „Nicht ohne meine Tochter“ und
die im Erfolgsfahrwasser dieses Bestsellers schwimmenden sogenannten
„authentischen
Erlebnis- und Leidensberichte“ zeigen nur zu deutlich die Notwendigkeit
einer sachlichen Information, die Konzelmann & Co. nicht zu liefern in der
Lage sind, und nach einer kritischen Aufarbeitung unserer eigenen
Stereotypbereitschaft. Hier wieder positiv anzuknüpfen an die Tradition
der kritischen Aufklärung, die unsere Politik- und Sozialwissenschaft
bestimmen sollte, scheint mir eine der wichtigsten Aufgaben der
interkulturellen Ausrichtung unseres Faches zu sein. Aus diesem Grunde
habe ich aus verschiedenen Anlässen zwei Buchrezensionen vorgelegt, die
ich etwas gekürzter und aktualisierter Form nachfolgend wiedergeben
möchte. Dies soll durchaus auch als Empfehlung der rezensierten Werke und
als Bitte zur weiteren kritischen Teilnahme an dieser Diskussion
verstanden werden.
Orientierungen zum
Thema „Islam“
Zunächst also eine
Rezension von: Falaturi, Abdoldjavad/Tworuschka, Udo: Der Islam im
Unterricht. Beiträge zur interkulturellen Erziehung in Europa. (Beilage zu
den Studien zur internationalen Schulbuchforschung. Schriftenreihe des
Georg-Eckert-Instituts) Braunschweig 1991 (2. Aufl. 1992. Vertrieb: Verlag
Moritz Diesterweg, Frankfurt/M.) 50 S., DM 7.50
Das Thema „Islam“
spielt im Politikunterricht wie in der außerschulischen Politischen
Bildung eine zunehmende Rolle. Der Kenntnisstand der Lehrer ist wie der
der Öffentlichkeit aber keineswegs entsprechend besser geworden, so daß
ein großes Bedürfnis an sachlicher Orientierung besteht. Ausgehend von
einer umfassenden Schulbuchanalyse des Georg-Eckert-Instituts, die in den
letzten Jahren in mehreren Bänden vorgelegt worden ist, fassen die
Herausgeber nun die inhaltlichen Ergebnisse bezogen auf die zentralen
Informationsdefizite und Mißverständnisse gegenüber dem Thema Islam in
einem schmalen Heft systematisch zusammen und stellen thematisch
gegliedert „sachgemäße“ und „unsachgemäße“ Aussagen gegenüber. Sie
orientieren sich dabei an einem im genannten Projekt erarbeiteten
inhaltlichen Minimalkonsens europäischer Islamisten und muslimischer
Wissenschaftler verschiedener Richtungen, so daß verläßliche und
ausgewogene Aussagen und Urteile die Arbeit mit diesem Buch leicht machen.
Die inhaltlichen
Kapitel gliedern sich nach den Themenbereichen, die im politischen
Unterricht wie in der kritischen Auseinandersetzung mit der
Berichterstattung über die Ereignisse im Nahen Osten immer wieder
angesprochen, und oft vorurteilsbeladen und sachlich falsch vermittelt
werden, so z.B. der islamische Gottesbegriff, die Überlieferungen über die
Person Muhammads und die Beziehungen des Islam zum Judentum und
Christentum (wobei keine harmonisierende Ideologie die theologischen
Grundunterschiede verwischt); vor allem aber sind die zentralen Aussagen
über das islamische Recht, die Scharia, die Stellung der Frau und den
Dschihad, der immer wieder sprachlich wie inhaltlich falsch mit „heiliger
Krieg“ bezeichnet wird, von großem Interesse.
Die Arbeit mit diesem
Buch wird, über eine allgemeine Grundinformation hinaus, wohl vor allem in
seiner Eignung als „Meßlatte“ für die Richtigkeit von vorgefundenen oder
eigenen Aussagen über den Islam zu finden sein. Lehrerinnen und Lehrern
kann nur empfohlen werden, im Unterricht verwendete Texte und Materialien
vorab mit Hilfe dieses praktischen Heftes zu prüfen und die einzelnen
Aussagen, die im Unterricht eine Rolle spielen, zu verifizieren. Dadurch
wäre vieles geleistet für ein vorurteilsfreieres und verständnisvolleres
Miteinander zwischen uns Westeuropäern und den Menschen im islamisch
geprägten Kulturkreis des Nahen Ostens. Die Herausgeber versuchen ihre
Erkenntnisse denn auch in Zusammenarbeit mit deutschen
Fachwissenschaftlern zur Grundlage einer derzeit in Arbeit befindlichen
länderkundlichen und historischen Arbeitsbuchreihe für die Schule zu
machen („Der Islam: Raum-Geschichte-Religion“), die verdienstvolle Anstöße
zur Revision gängiger Unterrichtsinhalte geben kann.
Grundlagen zur
Länderkunde eines Kulturraumes
Rezension zu: Eckart
Ehlers, Abdoljavad Falaturi, Günther Schweizer, Georg Stöber, Gerd
Winkelhane: Der Islamische Orient. Band 1: Grundlagen zur Länderkunde
eines Kulturraumes. Islam: Raum - Geschichte - Religion. Studienreihe zum
Islam in interkulturellen Wechselbeziehungen. Schriftenreihe der
Islamischen Wissenschaftlichen Akademie zur Erforschung der
Wechselbeziehungen zur abendländischen Geistesgeschichte und Kultur. Köln
1990 (Vertrieb: Verlag Moritz Diesterweg 49001, ISBN 3 89108003 4)
Nachdem das
verdienstvolle Heft „Der Islam im Unterricht“, herausgegeben von Falaturi
und Tworuschka in der Schulpraxis sehr hilfreich war vor allem dort, wo
versucht worden ist, nicht nur im Geographie- und Politikunterricht
sondern auch in speziellen Religionskunde-/Philosophie-Kursen der
Oberstufe das Thema Islam adäquat zu vermitteln, und daraufhin einige
Schulen mit Interesse und Nutzen die Schulbuchanalysen zum Thema Islam in
der Schriftenreihe des Georg-Eckert-Institutes, Braunschweig, in ihre
didaktische Arbeit mit einbezogen haben, nehmen wir mit gespanntem
Interesse den von Falaturi zusammen mit prominenten Mitverfassern
herausgegebenen Band „Der Islamische Orient“ in die Hand. Hervor sticht
sofort der durchaus neuartige und aufklärerischen Zugang zu einem
regionalkundlichen Thema, - auch wenn einige (wie ich meine: konstruktiv-)
kritische Anmerkungen wichtig sind.
Zunächst einmal
einschränkungslos positiv und für die Praxis fruchtbar ist der Versuch,
fächerübergreifende Erklärungskonzepte und integrative Perspektiven zu
entwickeln, ist doch die traditionelle Geographie oft von erschreckender
fachlicher Begrenzt- und Borniertheit. Traditionelle schulgeographische
Materialien bringen immer mehr gesellschafts- und kulturwissenschaftlich
interessierte Geographielehrer in selbstbetroffene Distanz zu ihrem
eigenen Fach und erleben dabei die Schwierigkeit, das unterschiedliche
Realitätsverständnis von Geographiedidaktik und den
Gesellschaftswissenschaften problembezogen zusammenzuführen, als ein
gravierendes Element der Probleme interkultureller pädagogischer Ansätze
in den Schulen.
Mir scheint aber, daß
die tatsächliche Integration der Perspektiven noch nicht endgültig
gelungen ist, daß traditionelle raumwissenschaftlich-strukturelle Konzepte
recht unverbunden neben Erläuterungen zum Islam, seinen Aussagen und
seiner historisch-geographischen Funktion stehen. Ich denke, daß in einer
späteren Neubearbeitung die grundsätzlichen Erkenntnisperspektiven
zwischen den einzelnen Verfassern zumindest problematisiert werden müßten.
Gerade in den geographischen Teilen kommt der prozeßhafte Erklärungsansatz
(Peripherisierungen, Marginalisierungsprozesse, gesellschaftliche Dynamik)
nicht hinreichend zur Geltung.
Ich frage mich dabei
manchmal, ob vielleicht mit einer internationaleren Grundlegung auch der
geographischen Forschung der immer wieder aufscheinende Eindruck vermieden
werden könnte, daß in den letzten zwanzig Jahren im Nahen Osten
geographisch nicht viel geschehen sei, entsteht doch bei mir streckenweise
ein fast nostalgisches Gefühl, die klassischen (und durchaus
vorbildlichen) Raumbeispiele, Karten und Schemata wiederzufinden, die
schon bei meiner Examensarbeit 1970, einer geographischen Arbeit in
Zentraliran, grundlegende, damals aber noch aktuelle Bedeutung hatten.
Ich überspitze hier
vielleicht etwas, aber die Frage stellt sich mir, ob denn kein Geograph in
den letzten Jahren z.B. Bazarkartierungen wie die von Schweizer in Tabriz,
Altstadtkartierungen wie die von Clarke in Shiraz oder
Agrarstrukturübersichten wie die von Planck in Marvdasht oder von
Gharatchedaghi in Veramin [die Beschränkung auf iranische Beispiele ist
hier rein zufällig] erneuert und aktualisiert hat. [Nebenbei: Die Tabellen
S.150 sind inhaltlich identisch; Tab. S.92/93 sind ausgetauscht.]
Dabei interessiert
natürlich besonders die Frage, wie sich die Besitz- und Rechtsverhältnisse
und die Distributionsstrukturen nach der islamischen Revolution in Iran,
in der gesellschaftlichen Transformation und Krise im Maghreb oder in den
Phasen der Entwicklung des Nahostkonfliktes (Palästina, Israel, Libanon)
verändert haben: durchaus also geographische Fragen, zu denen, wie ich aus
persönlichem Kontakt weiß, Geographen in Damaskus und Amman in ihren
Ländern konkret gearbeitet haben. Ich denke, daß hier in Zukunft ein
interdisziplinäres Forschungsprojekt, nach dem Muster der kritischen
Schulbuchanalyse durch das Georg-Eckert-Institut von Falaturi und
Tworuschka, wo sich diese fächerübergreifende Sicht ja schon bewährt hat,
auch im eigentlichen fachwissenschaftlichen Kontext sinnvoll, wenn nicht
gar notwendig wäre. Gerade aus der Perspektive des
gesellschaftswissenschaftlichen Fachdidaktikers, der sich schwerpunktmäßig
mit den Themen interkulturelle Erziehung, Islam, Naher Osten und
Vorurteilsforschung auseinandersetzt, ist ein solcher neuer Ansatz zur
problemorientierten, interdisziplinären fachwissenschaftlichen Integration
in seinen „Bezugswissenschaften“ ein unabdingbares Desiderat.
An einem Aspekt sollte
das verdeutlicht werden: Wie können die historisch-geographischen Ansätze
der Analyse des Libanon-Konfliktes mit gesellschaftswissenschaftlichen
Konzepten der Anomieforschung, kritischen Konzepten des Orientalismus
(Said), religionswissenschaftlichen Erklärungen (symbolisches Verhalten,
Wertdissonanzen, Martyriums-Symbolik in der Shia [Hooglund, Kippenberg u.a.],
Konventionalismus und Ritualforschung etc.) zu den richtigen Fragen
geformt werden, die eine unsachliche Komplexreduktion in der Bearbeitung
dieses Themas vermeiden helfen.
Die Autoren sollte
ermutigt werden, den Weg eines fächerübergreifenden und kritischen, von
üblichen eurozentrischen Verengungen befreiten Zuganges zur Länderkunde,
Geschichte und Gegenwart des Nahen Osten und der Islamischen Welt
fortzuführen, um dabei die traditionellen fachlichen Begrenzungen der
Nahost-Länderkunden aufzubrechen und auch für den Schulpraktiker neue
Anregungen zu vermitteln.
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