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Vorbemerkungen
Das Problem,
politische und soziale Wandlungsprozesse sichtbar machen zu können, liegt
auf einer zunächst nicht unmittelbar wahrnehmbaren Ebene. Die „westlichen“
Träger der politischen Bildung sind zumeist durch die in den
Industriegesellschaften Westeuropas und der USA entwickelten Theorien
geprägt. Diese Ansätze in Wissenschaft und politischer Bildung waren
wesentlich durch die Sichtweisen bürgerlich oder proletarisch
beschriebener Gesellschaften bestimmt. Sie erhoben in einigen Ansätzen den
Anspruch, soziale Phänomene strukturell zu erklären. Ihre Deutungsmuster
entstammen den im 19. Jahrhundert gebildeten sozialen und liberalen
Ideensystemen. Diese wiederum sind Folgen der Aufklärung, und lassen sich
bis zu Renaissance- und Reformationsdenken zurückverfolgen.
Zur
Sichtweise der Intellektuellen
Der Zusammenbruch der
in der Folge des Ersten und danach des Zweiten Weltkriegs entstandenen
politischen und ökonomischen Systeme in den sich sozialistisch
bezeichnenden Ländern hat - so ein Postulat eines hannoverschen
Wissenschaftlers - zur Sprachlosigkeit der Intellektuellen geführt. Ist es
wirklich die Sprachlosigkeit der Intellektuellen? Liegt die Ursache nicht
vielmehr in den Schwierigkeiten dieser durch „latines Denken“
geprägten westeuropäischen Intelligenz, neue Prozesse in den
östlichen Gesellschaften zu begreifen, die nicht mit den bisherigen
Erklärungsmustern und Theorien deutbar sind?
Es sind vor allem die
linken Intellektuellen, die ihren Erkenntnisstand aus der Geschichte der
sozialen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, also maßgeblich aus der
Arbeiterbewegung ableiten. In Polen wird von Historikern und Soziologen
zunehmend die Frage gestellt, inwieweit die Geschichte der kommunistischen
oder sozialistischen Parteien Osteuropas noch den historischen Anspruch
erheben kann, wesentlich als Bestandteil dieser Arbeiterbewegung gelten zu
können. Man fragt, ob nicht die politische Strukturen orthodoxer oder
autoritärer Machtausübung vielmehr auf der Basis formaler und
ideologischer Legitimation definiert werden müssen.
Die Gesellschaften des
Ostens haben in ihrer politischen Zielbestimmung, soweit es den von ihnen
so bezeichneten gesellschaftlichen Fortschritt betrifft, égalité und
fraternité in dem Definitionsrahmen von Solidarität und Gerechtigkeit
gestellt und über den gesellschaftlichen Gleichheitsanspruch zu erreichen
versucht. Die Gefahr bestand darin, den Blick vor einer adäquaten Sicht zu
versperren. Damit wurde eine realitätsgerechte Beschreibung dieser
Gesellschaften zumindest sehr erschwert. Man sieht nur, was man weiß!
Das Verschwinden der
postulierten Prinzipien dieser von den in den kommunistischen Parteien
herrschenden Machtgruppen bis 1989/90 als sozialistisch definierten
Gesellschaften läßt die Schlußfolgerung zu, daß aufgrund von Irrtümern,
Unvermögen, Ignoranz sowie der Tendenz zur Reproduktion von Selbstbildern
die Paradigmen dieser östlichen Gesellschaften nicht begriffen wurden. Die
Ebenen der Wirklichkeit dieses von orthodoxem Denken geprägten Osten sind
in ihrer mehrschichtigen Historizität nicht wahrgenommen hat. Heute
erhärtet sich zunehmend die These, daß sie keineswegs als sozialistisch
definierbar waren.
Das Denken und die
Erkenntnisprozesse westlicher Intellektueller war zu lange wesentlich an
eigenem Denken und eigenem Erkenntnis-stand auf der Basis der Historie
eben der eigenen – westlichen – Gesellschaft orientiert. Diese westliche
Sicht war damit Basis für die Analyse und Bewertung der östlichen
Gesellschaften, insbesondere Polens und Rußlands.
Die Irrtümer und
Utopien bezüglich fehlgehender Einschätzungen und Unterschätzungen von
Verhaltensweisen in östlichen Gesellschaften bestanden vor allem darin,
eigene Erkenntnisse, Meinungen, Wertmaßstäbe und -setzungen und oft
Selbstbilder auf östliche Regionen und Ethnien übertragen zu haben, ohne
die Anwendbarkeit aufgrund historischer und gesellschaftlicher
Voraussetzungen zu prüfen.
Machtausübung und
gesellschaftliche Transformation
Um die Problematik
dieses Transformationsprozesses zu begreifen, ist es notwendig, die Formen
der Herrschaft bzw. Herrschaftsprozesse in diesen innergesellschaftlichen
und zwischenstaatlichen Machtstrukturen in ihrer Interdependenz zu diesen
östlichen Gesellschaften zu skizzieren. Eine an sich nötige Darstellung
der Wesensmerkmale dieser östlichen Gesellschaften selbst kann nur
begrenzt erfolgen. Für die vorliegende Problematik ist dabei das
Verhältnis Rußland - Polen von besonderer Bedeutung.
Polen betreffend läßt
sich die Reproduktion dessen, was man weiß zumindest bis in die Literatur
aus der Zeit der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts nachweisen, als die
Polenbegeisterung nach dem vom zaristischen Rußland niedergeschlagenen
Novemberaufstand (1831) in Deutschland, das im Begriff war, sich als
Nation zu definieren und als Einheitsstaat herauszubilden, abgeklungen war
und sich in ihr Gegenteil verkehrte. Es fand dann in der Nazi-Ideologie
seine höchste Perversion. Die Problematik läßt sich u.a. an dem seit dem
18. Jahrhundert mehrfach instrumentalisierten Stereotyp der polnischen
Wirtschaft deutlich machen.
Lenin hat mit Hilfe
von aus der Reichskriegskasse bezahlten Revolutionären mit militärischer
Gewalt die Macht errungen, und diesen Vorgang als Revolution definieren
können. Er, wie auch seine Nachfolger, setzten zugleich aufgrund ihres
historischen Interpretations- und Definitionsmonopols die uneingeschränkte
Gültigkeit ihrer Darstellung von Verlauf und Ziel dieser Revolution in
ihrem Lande durch. Das mehrfache (insgesamt siebenmalige) Umschreiben der
`Geschichte der russischen Revolution' sowie die Vernichtung der
vorherigen Darstellungen durch seine Nachfolger sind hinlänglich bekannt.
Die Zahl der dem Machterhalt Lenins und seiner Nachfolger dienenden
Menschenopfer wird in den Schätzungen der ehemaligen UdSSR mit zwanzig
Millionen angegeben, Während der Glasnost-Phase wurde in der sowjetischen
Presse auch die Zahl von bis zu fünfzig Millionen genannt.
Die Aufzwingung eines
ökonomischen Systems und die erzwungene und kontrollierte permanente
Beschäftigung mit diesem Leninismus machte die polnische Nation sehr
sensibel für die zu verschweigenden Anteile dieser Geschichte. Für Polen
ist dabei nicht die Zahl wichtig, sondern die Tatsache, daß der
Sachverhalt im Zuge von Glasnost und Perestrojka nach und nach von
sowjetischen Kommunisten zugegeben werden mußte! Im Westen hatte man das
ständige Insistieren polnischerseits und das bewußte Offenhalten dieser
nationalen Wunde nicht verstanden. Angestrebte Verständigung bedeutete
dort zugleich, wegen des höheren Zieles den Mantel des Vergessens zu
akzeptieren. Vorrangiges Ziel in Deutschland war die Auseinandersetzung um
die Bewältigung der eigenen Schuld!
In Polen mißt man der
Tötung von fünfzehntausend polnischen Offizieren bei Katyn eine höhere
Bedeutung zu. Dieser aus der polnischen Geschichte heraus - weil für die
Nation von existentieller Bedeutung - als traumatisch verstandene Vorgang
hat in Polen gleichen Rang wie das direkte und indirekte Zu-Tode-Bringen
eigener Bevölkerung durch die russischen Kommunisten. Auch die Tötung von
in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion geflüchteten Angehörigen der
Polnischen Kommunistischen Partei - es wurde faktisch die gesamte
Kommunistische Partei Polens durch Stalin liquidiert - wird in Polen im
Zusammenhang mit einer primär Polen betreffenden Verschweigung von
Verbrechen gesehen. Wesentlich war dabei, daß es sich um Polen handelte,
die in der Sowjetunion umgebracht worden sind.
Im Vergleich dazu hat
die Ermordung deutscher Kommunisten in der Sowjetunion sowie die
Auslieferung an Nazi-Deutschland in bewußter Kenntnis der Tötung dieser
Menschen in Konzentrationslagern keine entsprechenden Reaktionen
deutscherseits hervorgerufen. Wahrscheinlich deckt die Interpretation
alles ab, der Kalte Krieg habe die Problematik überlagerte. In Polen
erfolgte die besondere Beachtung und Gewichtung u.a. auch dadurch, weil
das Sprechen über diesen Teil der Geschichte während der Zeit des
Stalinismus bei Strafe verboten war.
Rückschritt <―>
Fortschritt
Die Belegung des
Fortschrittsbegriffes durch Marxisten macht es notwendig, sich mit dem
Begriff der Rückständigkeit Rußlands auseinandersetzen. Kann das, was von
den russischen Kommunisten durchgesetzt wurde, mit dem Begriff Fortschritt
abgedeckt werden oder ist es die Instrumentalisierung eigener
Machtstabilisierung auf der Basis einer zunächst aus Überzeugung
vertretenen Ideologie, die nach und nach zu einer starren Glaubenslehre
als Herrschaftsdoktrin des Machtapparates verkam?
Das Problem liegt in
der aus diesem Rückständigkeitstheorem abgeleiteten Forderung nach
Aufholung eben dieses Rückstands bzw. Differenz im Prozeß der
Zivilisierung in Richtung auf den von Intellektuellen so benannten
Fortschritt. Es geht dabei - so die unter polnischen Intellektuellen
vertretene Auffassung - um den mangelnden bzw. mit Kommunisten
grundsätzlich nicht zu erreichenden Konsens gesamtgesellschaftlicher
Zielbestimmung von Fortschrittskriterien. Außerdem handelt es sich um die
Durchsetzung von Dogmen seitens der den Machtapparat dominierenden
Kommunisten ohne die Einhaltung demokratischer Regeln, d.h. auf der Basis
von demokratischer Legitimation, Kontrolle von Macht, prinzipieller
Reversibilität von Entscheidungsprozessen und zeitlich begrenzter
Mandatsausübung.
Diese Kritik an der
realen Machtausübung polnischer und sowjet-russischer Kommunisten ist von
polnischen Intellektuellen nie verdrängt worden. In ihr äußert sich auch
der wesentliche Vorwurf der Menschen in Polen gegenüber den ehemals über
die Macht Verfügenden, bzw. den Dezidenten. Dies gilt eindeutig auch für
diejenigen, die loyal gegenüber ihrem Staat und seiner Gesellschaft ihrer
Werktätigkeit nachgegangen sind, insbesondere für die höher
Qualifizierten! Man versteht diese Kritik in Polen zugleich als im
Interesse der Nation liegend. Den Nationsbegriff verwendet man dabei im
innergesellschaftlichen Konsens als einen der eigenen Geschichte adäquaten
Terminus und vermeidet dadurch zugleich den suspekten
Gesellschaftsbegriff!
Die
Aufbruchbewegung der 68er in West und Ost
Es bietet sich an, die
Aufbruchbewegungen in Westeuropa, die dort oft summarisch als
„68er-Bewegung“ apostrophiert wird, mit dem Aufbruch in Osteuropa zu
vergleichen.
In Westeuropa steht
die 1968 vor allem in Westdeutschland und Frankreich kulminierende
Entwicklung im Zusammenhang mit der Protestbewegung der frühen fünfziger
Jahre in den USA. In der Bundesrepublik Deutschland führte sie zunächst zu
der Einstellungsform, die als »skeptischen Generation« Schelski]
etikettiert wurden. In Osteuropa handelte es sich weniger um einen
Jugendprotest, denn um einen zunehmenden geistigen Widerstandskampf junger
Intellektueller gegen den Partei- und Staatsapparat. Dieses ist vor dem
Hintergrund der Vernichtung eines großen Teils der polnischen Intelligenz
als Folge der Okkupationszeit zu sehen. Stichworte dieses Verhaltens sind:
die Tauwetterperiode in der UdSSR, der ungarische Freiheitskampf 1956, der
polnische Arbeiteraufstand in Posen sowie der Intellektuellenprotest
insgesamt in Polen 1956; der Prager Frühling und der Warschauer Herbst
1968, dann der Arbeiterprotest 1970 und die Ereignisse 1980 vor allem in
der Küstenregion Nordpolens.
Westliches Protest-
und östliches Widerstandsverhalten stehen zweifellos im zeitlichen Kontext
der Nachkriegszeit. Sie unterscheiden sich aber auf Grund
unterschiedlicher historischer Voraussetzungen bezüglich Zielrichtung,
Inhalt, Methode und vor allem ihrer Träger.
Die „Vision“ der
68er-Bewegung in Frankreich und Westdeutschland sollte dabei zunächst
einmal entideologisiert werden. Sie ist wesentlich als eine Antwort zu
verstehen auf ein Restaurations-phänomen einer für Westeuropa zunehmend
anachronistischer werdenden stagnierenden Gesellschafts- und
Herrschaftsordnung. Für die gedankliche Bewältigung und Überwindung dieser
als unbefriedigend erlebten Lebenssituation gerade der jüngeren Generation
war es notwendig, neue Ideologeme auf der Basis eines Gegenmodells zum
herrschenden liberal-kapitalistischen System zu entwickeln, das sich in
die „verdrängte“ Geschichte der sozialistischen Ideen einfügte. Eine
besondere Rolle zur Formulierung alternativer und fortschrittlicher
Zielsetzungen bestand im Rückgriff auf bestehende vorhandene Utopien sowie
die Formulierung daraus abgeleiteter neuer Vorstellungen und Visionen.
In den „östlichen
Gesellschaften“ unterscheidet sich die Problematik zunächst deutlich. Die
Intelligenz – insbesondere aber die polnischen Intellektuellen
– befanden sich in einer Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. Dieser
zeichnete sich primär nicht durch Anachronismus aus. Seine
Selbstdefinition als Ideologem war die des Fortschritts per se auf der
Basis der veränderten ökonomischen Beziehungen. Wesentliches Ziel der
Kritik war denn auch die Ausprägung der inzwischen in Polen mit dem
Sammelbegriff stalinistisch bezeichneten Ökonomie wie Gesellschaftsform.
Der Begriff der »Kommandowirtschaft« ist dagegen eine westdeutsche
journalistische Prägung. Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.
Zur Ökonomie des
Sozialismus in Polen
Die stalinistische
Ökonomie wurde von polnischen Ökonomen als rückschrittlich definiert, da
sie - vor allem in den Außenbeziehungen - tauschwirtschaftliche Elemente
enthielt und ihre Währung auf die Funktion einer Binnenwährung reduziert
war. Hinzu kam seit den siebziger Jahren aufgrund des sich abzeichnenden
Liquiditätsüberhangs das Phänomen der zurückgestauten Inflation. Man
kritisierte, daß aus offensichtlich ideologischen Gründen, weil das
Kapital als Ursache des Bösen schlechthin angesehen wurde, auf eine
moderne Geldwirtschaft verzichtet worden war, man also auf
vorkapitalistische Formen der Verkehrswirtschaft zurückgegriffen hatte.
Da eine
wesensbestimmende Funktion einer modernen Verkehrswirtschaft aufgrund
dieser ideologischen Vorgabe nicht vorlag, sah man dieses stalinistische
Wirtschaftsmodell insgesamt als nicht tragbar an. Der Mangel an Devisen
als Ausdruck sinkender Konkurrenzfähigkeit der sich in Polen seit dem Ende
der siebziger Jahre zur „Mangel-Verwaltung“ entwickelnden
Planungsbürokratie, drückt den Mangel an für eine moderne Wirtschaft
Existenznotwendigem aus, dem Investivkapital.
Der durch die
unzureichenden Planungsinstrumente praktizierte Vorrang von Quantität vor
Qualität innerhalb der Zentralen Plan- und Verteilungswirtschaft ist
ebenfalls dem ökonomischen Fortschrittsbegriff diametral entgegengesetzt.
Er ist also in verschiedenen Abstufungen - um in dieser Begriffsebene zu
bleiben - partiell als rückschrittlich zu definieren! Die gilt bezüglich
der Produktion im allgemeinen wie auch konkreter Konsumwünsche bzw. dem
Bedarf der Bevölkerung, die sog. Tonnage-Ideologie.
Die polnischen Ökonomen
lehnten sehr früh (etwa ab 1958) diese Formen der Ökonomie einer zentral
gesteuerten Wirtschaft ab. Nach den ersten Lockerungen am Ende der
eigentlichen diktatorischen Stalinismusphase, also Ende 1956, wurden
Reformversuche in den ökonomischen Fakultäten einiger polnischer
Universitäten diskutiert, vor allem in Warschau und Krakau. Man kam damals
zu dem Schluß, daß der Sozialismus nicht reformierbar sei.
Dies erklärt vielleicht die Aufgabe entsprechender Versuche innerhalb der
polnischen Ökonomie im Gegensatz zur ungarischen!
Dort wurden die
Entwicklungen oft positiver eingeschätzt. Vor allem in westlichen
Darstellungen wurde ein positiver Eindruck aufgrund der Reformansätze
vermittelt. Möglicherweise spielten bezüglich des Reformkommunismus in
Ungarn in der Kadar-Ära ungarische Propaganda, das Setzen auf Illusionen –
weil unter den damaligen Bedingungen der einzige Ausweg – und westliches
Illusionsdenken eine entscheidende Rolle. Die Verknüpfung mit der
westlichen Wirtschaft (EG und Österreich) war umfangreicher; Ungarn
verfügte außerdem durch den Tourismus über gegenüber der CSSR und Polen
höhere Deviseneinnahmen.
Seit dem ökonomischen
Zusammenbruch auch Ungarns, bleibt kaum noch etwas von dem positiven
Selbstbild der Ära Kadar übrig. Im Gegenteil: Der Begriff Reform ist dort
seit Aufhebung des prinzipiellen Kritikäußerungsverbotes nach Entmachtung
Kadars 1986/87 zu einem Negativ-Stereotyp geworden!
In Polen wirkten die
Ökonomen auf ihren Arbeitsplätzen im Planungsapparat und den Betrieben im
Sinne einer zwangsläufigen Akzeptanz des vorgegebenen Rahmens. In den
Hochschulen versuchten vor allem jüngere Wissenschaftler bis etwa Ende der
siebziger Jahre Reformmodelle zu entwerfen. Dies geschah aber nur solange
westliche wirtschaftswissenschaftliche und marktwirtschaftliche
orientierte Ansätze als dem Kapitalismus immanent tabu waren und man kaum
über westliche Wissenschafts- und Technologieentwicklungen informiert war.
Der Zugang zu neuem Wissen war vor allem durch die eigene Administration
versperrt. Das Wissensdefizit bestimmte damit auch die wissenschaftliche
Ausrichtung. Der Zugang zu westlichem wissenschaftlichen Material im
Verlauf der siebziger Jahre beendete nach und nach diese Phase.
Die einen - auch dem
Marxismus nahestehenden Intellektuellen - sind emigriert oder wurden zur
Ausreise in den Westen gedrängt. Die anderen haben nach Versuchen, den
‚realen‘ Sozialismus zu reformieren und für die Ökonomie des Landes als
notwendig erkannte marktwirtschaftliche Elemente einzubauen, bereits in
den fünfziger Jahren aufgegeben, nachdem sie die Begrenztheit politischer
Durchsetzung eindeutig erkannt hatten. Das bedeutet aber, daß die Ökonomie
bis zum Ende des Sozialismus im Rahmen der gesetzten Bedingungen gelehrt,
geplant und dabei zunehmend improvisiert hat.
Heute äußern polnische
Ökonomen, daß sie in ihrer jeweiligen individuellen Vita durchaus
phasenweise geglaubt haben, innerhalb des Systems auch produktiv zu
arbeiten. Sie machen aber deutlich, daß dies wesentlich eine Folge der
praktizierten wissenschaftlichen Abschottung bis zum Ende der siebziger
Jahre war. Danach hat die polnische Ökonomie nicht mehr an die
Realisierbarkeit von im Kriegszustand 1981 begonnen Reformen in Richtung
auf mehr Selbständigkeit geglaubt. Diese Reformen waren übrigens auf der
Basis von der Linken zugehörigen Solidarność-Intellektuellen
zustandegekommen! Die Jaruzelski-Administration hat wesentlich deren
Entwürfe übernommen.
Andererseits
rekurriert der stalinistische Fortschrittsbegriff denn auch mehr auf dem
Postulat des sozialen Fortschritts, der sich in den sog. Errungenschaften
des Sozialismus ausdrückte. Diese Wechselbeziehung kann in ihrer
Gesamtheit als Beispiel und Beleg für die Inkohärenz des Systems
verstanden werden.
Dysfunktionalität
in der Ökonomie des Sozialismus
Das pragmatische
Funktionieren des als soziale Marktwirtschaft definierten bundesdeutschen
Wirtschaftssystems, wurde in der „68er Bewegung“ hinterfragt und
ideologisch abgelehnt. Die Überwindung von Pragmatismus und abgelehntem
ideologischen System konnte also nur mit Hilfe einer neuen andersartigen
Ideologie erfolgen! Dies verdeutlicht den Stellenwert von Utopien für
diese Bewegung.
Die östlichen Kritiker
spürten primär das zunehmende Nichtfunktionieren der sozialistischen
Wirtschaftsgesellschaft, aber im pragmatischen Sinne. Das System dieser
Gesellschaft wurde insgesamt als dysfunktional erkannt. Die Ursache lag in
der Umsetzung einer aus einer Ideologie abgeleiteten Herrschaft. Die
Ablehnung konnte also ebenfalls nur auf pragmatischer Ebene erfolgen,
durch einem dem herrschenden System entgegengerichteten Pragmatismus, da
sich auf dieser Ebene die Notwendigkeit zur Negation des gesamten Systems
herausbildete! Zugleich verbot sich eine Gegenideologie. Dies hat zwei
Gründe.
Erstens: Die real
erfahrbare gesellschaftliche Misere sowie die Dysfunktionalität des
Systems, wurden allein der otroyierten Ideologie bzw. der auf ihr
basierenden Machtausübung angelastet. Damit mußte das Prinzip abgelehnt
werden, einen Staat und eine Gesellschaft über eine Ideologie zu
definieren und zu steuern.
Zweitens: Das
wesentlich bestimmende Motiv der Intellektuellen war der Kampf gegen die
Form und Ausprägung kommunistischer Machtausübung. Da es sich zugleich um
eine Auseinandersetzung mit einer als fremd empfundenen oder gar feindlich
aufgenommenen Ideologie handelte, war die Methode der Auseinandersetzung
an Pragmatismus orientiert. Sie war deshalb zugleich ideologiefern und
ablehnend! Dies erklärt die Haltung polnischer Intellektuellen zu
Ideologie und Utopie.
Utopie und
gesellschaftliche Realität vs. westliche Intellektuelle und kommunistische
Gruppierungen
Das Dogma von der
anzustrebenden Utopie - auch wenn diese als reale und
wissenschaftlich-sozialistische Utopie definiert wurde - ist gegenwärtig
nicht mehr existent. War es aber jemals existent? Für Polen kann als
Antwort gegeben werden: Im Sinne der zielbestimmten Umsetzung einer
Ideologie oder Theorie in Richtung auf eben den Sozialismus hat sich die
polnische Intelligenz niemals festlegen lassen, marxistisch-leninistische
Ideologie in gesellschaftliche Realität umzusetzen, wie es z.B. von
französischen Intellektuellen innerhalb der KPF in der Nachkriegszeit
angestrebt wurde. Vergleichbares war in Polen in dieser Weise nicht der
Fall!
In Westeuropa tut man
sich gegenwärtig schwer mit dem Utopiebegriff.
In einem Teil der Wissenschaft - zunehmend im Kreise linker
Intellektueller - wird er weiterhin diskutiert. Andere folgen nicht mehr
diesem Weg politischer Diskussion. In Polen hat er unterhalb einer
bestimmten Abstraktionsebene nie eine Rolle gespielt.
Es ist anzumerken, daß
in der jüngsten Zeit die Ideologie-Diskussion in der Linken deutlich
abgenommen hat. Gleichzeitig sind Tendenzen konservativer Publizisten
(z.B. in der FAZ) zu beobachten, die dieses Thema angesichts des
Zusammenfallens der linken Diskussionen neu zu besetzen und als Beleg für
das Scheitern linker Utopien zu verwenden und damit zu
instrumentalisieren.
Einigen in der
Sowjetunion vor 1944 geschulten Kommunisten, die nach den damals in Moskau
gültigen Maximen die marxistisch-leninistische Doktrin adaptiert hatten,
haben zwar über den Propagandaapparat entsprechend im Sinne einer
Umsetzung der gewonnenen Lehrmeinung gewirkt, eine innergesellschaftliche
Resonanz und partielle Akzeptanz wie in der ehem. DDR hat es aber in Polen
nicht gegeben. Das Pflichtprogramm des M/L wurde an den Universitäten als
solches durchlaufen.
Ab 1948/49, der
endgültigen Machtübernahme durch die sog. Moskau-Fraktion der polnischen
KP, hat es eine Phase bis 1956 gegeben, die als stalinistische
Herrschaftsausübung gekennzeichnet werden kann, nicht aber als Versuch,
den Sozialismus bzw. die sozialistische Utopie zu realisieren.
Daß ein
Wirtschaftsmodell staatlicher Steuerung übernommen wurde, erfolgte
zwangsläufig, da alle Systeme in Krisen- oder Kriegssituationen ihre
Wirtschaft mehr oder weniger stark steuern, schließlich hat Lenin sein
System gesteuerter Wirtschaft dem Modell der deutschen Kriegswirtschaft
und der Reichsbahn- und Post übernommen.
Die Position
polnischer Wissenschaftler können im gegebenen Zusammenhang nicht
wiedergeben werden. Es ist aber wesentlich, darauf hinzuweisen, daß sie
auch als Mitglieder der PVAP tatsächlich politische und soziale Reformen,
den Abbau alter Herrschaftsstrukturen mit dem Ziel grundsätzlicher
Demokratisierung anstrebten. Sie sind allerdings gescheitert. Sie haben
loyal in ihren Staat, der VR Polen gearbeitet, müssen sich jetzt den
Vorwurf des Opportunismus oder der Vorteilsnahme erwehren. Aber ist das
nicht in jedem System der Fall, das prinzipielle Machtwechsel erfährt?
Es übersteigt den
gegebenen Rahmen, zu fragen, ob denn jemals in den Ländern des früheren
RGW eine realistische Möglichkeit auf ansatzweise Umsetzung der
sozialistischen Utopie bestanden hat oder auch nur eine minimale Chance
auf Ansätze zu einer Realisierbarkeit, die über die Reproduktion von
Selbstbildern anstelle von historische und gesellschaftliche Gegebenheiten
berücksichtigende Analysen hinausgehen? Möglicherweise wird die politische
und wissenschaftliche Diskussion - auch innerhalb der europäischen Linken
- in dieser nachsozialistischen Phase zur Klärung beitragen.
Utopien können
konzipiert und diskutiert werden als Modelle für humane
Menschengesellschaften. In Polen haben sich die Intellektuellen kaum an
Utopiediskussionen beteiligt, vor allem nicht mit Gästen aus dem Westen.
Bezüglich ihrer Gesprächspartner aus den Bruder-Ländern haben sie sich
sehr höflich zurückgehalten. Man wies auch auf das Fremdwörterlexikon hin:
Utopia bedeutet im Griechischen Nicht-Ort bzw. Nirgend-Land, das
Wunschland eines wirklichkeitsfremden Weltverbesserungsplanes. Der Utopist
hat die schwärmerische Neigung zum weltfremden Weltverbessern. Die
Ablehnung des Utopiedenkens bezieht sich auf fortschrittliche Systeme.
Bezogen auf die eigene Nation und den eigenen Staat ist polnisches Denken
allerdings eminent utopisch! Beispiele dafür lassen sich u.a. in der
Geschichte des 19. Jahrhunderts finden. Eine besondere Rolle spielt in
diesem Zusammenhang auch der Romantizismus in der polnischen Literatur.
Wird es nicht jetzt,
nach dem Ende einer oktoyierten, in z.T. historischer Erduldung und
andererseits mit historischen Widerstandswillen getragenen gegenwärtigen
historischen Phase Zeit, sich der historischen Dimensioniertheit
verfestigter Theorien bewußt zu werden. Muß nicht die Kategorie kritisch
auf die eigene Sichtweise angewandt werden und Hinterfragen von
gesellschaftlichen Zusammenhängen dazu führen, sich angesichts dieses
Zerfalls zunächst die eigene Begrenztheit von Sicht, Analyse, Wertung
bewußt zu werden.
Die
polnische Utopie: die Nation!
Nicht die
intellektuelle bzw. ideengeschichtliche Auseinandersetzung um soziale
Utopien, und ihre mögliche Richtschnurfunktion für gesellschaftliche und
politische Zielbestimmungen ist im gegebenen Zusammenhang entscheidend.
Kennzeichnend ist, daß im Unterschied zum damaligen westlichen Nachbarland
Polens, der DDR, niemals von Intellektuellen der Versuch gemacht wurde,
Utopie im sozialistischen Sinne als Zielbestimmung in der Lehre in
Universität und Schule umzusetzen. Wie ist es z.B. zu deuten, das ein
Begriff wie ‚Volk der DDR‘ niemals in von Teilungen betroffenen Ethnien
wie Polen oder Ungarn (Abtretungen von Gebieten mit z.T. geschlossen
ungarisch sprechender Bevölkerung im Frieden von Trianon, 1919) hätte
entstehen können.
Für Polen ist die
Nation nicht teilbar! Diese Polnische Nation hat in ihrer Geschichte in
konsequentem Verhalten - nach den Kriterien rationalen Denkens - unsinnig
viel Blut vergossen zur Wiederherstellung und dem Erhalt eben dieser
polnischen Nation. Im Begreifen dieses Phänomens, tritt dieses Problem an
uns heran, ob wir es uns bewußt machen wollen oder nicht. Dies ist
namentlich für die Linke in Deutschland, die einen differenzierten
Gesellschaftsbegriff bevorzugt, schwer nachvollziehbar.
Nun ist der polnische
Nationsbegriff stark mystifiziert; er ist kaum sprachlich und auch nicht
ethnisch (eindeutig) definierbar. Nation und Staat sind in Polen aufgrund
der mehrere Generationen andauernden Teilungszeit mythisch verknüpft. Die
bewußtseinsmäßige Bildung einer Staatsgesellschaft konnte in der
Zwischenkriegszeit - auch aufgrund der politischen Rahmenbedingungen -
nicht erfolgen. Als wesentlich ist aber die bewußte Historizität im
Zusammenhang mit der polnischen Nation konstatierbar. Als Problem bleibt
für Polen die Überlagerung von Utopie und Politik.
Wir Deutsche haben in
unserer neuen Gesamtheit wieder eine gemeinsame Grenze mit Polen, die
Ausdehnung des eigenen Wirtschaftsraumes, die Migrationsbewegungen von Ost
nach West mit ihren Folgen für Schule und Lehre, gemeinsames Lernen und
die Pädagogik und wesentlich: die politische Bildung!
Kirche:
Machtbalance zwischen Staat und Gesellschaft
Das zweite spezifisch
polnische Moment in der Ablehnung des Systems ist die historisch
gewachsene Rolle der katholischen Kirche. Dies gilt zugleich als Motiv und
»background« im gesellschafts-politischen Kampf. Da die Kirche im gesamten
Prozeß des Abwerfens kommunistischer Herrschaft den sozialen,
institutionellen auch psychischen bzw. affektiven Rahmen darstellte,
erhebt sie zwangsläufig den Anspruch, der Alleinbestimmung m geistigen
bzw. ideologischen Sinne. Sie fordert gegenwärtig das Recht ein, die
alleinige Ideologie-Vermittlerinstanz zu sein. Das bedeutet, sie erhebt
nachdrücklich den Anspruch auf Alleingültigkeit ihrer Lehre sowie das
Definitionsmonopol für Ethik und Moral.
Aufgrund ihrer
gegenwärtigen gesellschafts-politischen Position sowie des in Polen noch
stark vertretenen Volkskirchencharakters kann sie diesen Anspruch auch in
sehr hohem Maße durchsetzen. Die Folge ist u.a. die zunehmende Ignoranz
anderer Konfessionen in Polen sowie der massive Druck auf Parlament und
Regierung, z.B. die Lernziele und -inhalte für den nicht
konfessionsgebundenen Ethikunterricht zu bestimmen.
Die Ambivalenz der
Rolle der katholischen Kirche in Polen wird dadurch deutlich, daß sich
eine seit 1990 zunehmende Gegenbewegung gerade gegen diesen Aspekt der
versuchten ideologischen bzw. glaubensspezifischen Einflußnahme in der
polnischen Gesellschaft herausbildet! Indikatoren sind die deutliche
Abnahme des Kirchenbesuches, sinkende Spendeneinnahmen und zunehmende
Abmeldungen polnischer Schüler(-innen) von Religionsunterricht, vor allem
in den Städten. Die Gegenbewegung wird von der Intelligenz getragen, ist
wahrscheinlich aber umfassender. Genaue Informationen über dies
gegenwärtige Phänomen wie auch die Austragung zunehmender innerkirchlicher
Spannungsprozesse liegen der Öffentlichkeit nicht vor.
Die Rolle der
katholischen Kirche Polens wird im Westen oft mißverstanden. Ihr
gegenwärtiges Wirken ist gewiß als Machtstreben und Machterhalt zu
charakterisieren. Die geäußerte Kritik greift aber wesentlich zu kurz,
wenn die reale Situation, die zwar kein Machtvakuum darstellt, keinesfalls
aber ein schon austariertes politisches oder soziales Gleichgewicht ist,
außer acht gelassen wird. Eine Situation, die durch nicht erfolgtes
Auspendeln von Machtgleichgewichten sondern eher von zunehmenden
Diversivi-zierungsprozessen jenseits von ethisch bestimmten oder politisch
verantwortlichem Handeln abläuft.
Für Polen typisch sind
die lange Zeit falsch verstandenen Machtbalancen zwischen der
Machtausübung dieses kommunistisch dominierten Staates und den
Gegenkräften in Kirche und Gesellschaft. Wesentliche Basis war dabei das
Gleichgewicht ideologisch entgegengerichteter Ideologeme: Die atheistische
Lehre des Marxismus wurde verstanden bzw. empfunden als konkurrierende
Glaubensdoktrin gegenüber der gesellschaftlich verwurzelten Doktrin des
Katholizismus. Eine besondere Bedeutung hat auch die Praxis der
Volkskirche. Die Verbissenheit und Kompromißlosigkeit im Kampfe
verdeutlicht die Gegnerschaft auf gleicher Ebene.
Die Kenntnis dieses
Zusammenhangs ist notwendig, um die sozialen Prozesse zu verstehen, dessen
Ausfluß bzw. Abbild die Schule darstellt.
Die historisch
gewachsene Gesellschaftsdoktrin hatte eine nationale Funktion. Dies
erklärt, warum die polnische Gesellschaft weitgehend resistent war
gegenüber der neuen (ab 1947/48) oktroyierten atheistischen Doktrin. Eine
individuelle Abkehr konnte nur um den Preis psychischer Brüche und
familialer und sozialer Spannungen erfolgen. Dies macht die wesentliche
Funktion des Marxismus-Leninismus als Glaubensdoktrin deutlich.
Diese Glaubensdoktrin
konnten die herrschenden und über die Definitionsgewalt verfügenden
Gruppen innerhalb der kommunistischen Partei(en) des `sozialistischen
Lagers' aufgrund ihrer Macht politisch-militärisch durchsetzen. Sie
vermochten auch, diese als wissenschaftlich ableitbar bezeichnen und damit
nicht nur als für ein partitivum politisch gültig und zielbestimmend
deklarieren. Die Kommunistische Parteien verfügten zeitweilig über die
Möglichkeiten, ihre Doktrin als modern i.S. von fortschrittlich zu
definieren. Diese Phase ist nun beendet.
Die Kirche ist zu
klug, um nicht nur die einmalig vorhandene Chance auf Macht- und
Einflußzementierung nicht wahrzunehmen und rechtlich auf ewig zu fixieren.
Als Beispiel gilt die Rückgabe nach 1944/45 enteigneten kirchlichen
Besitzes an Grund und Boden. Gegenwärtig wird ein Gesetz beraten, dem
zufolge auch ehemaliger kirchlicher Besitz zurückgegeben werden soll, der
nach dem Januaraufstand 1864 oder der Revolution von 1905 vom zaristischen
Rußland als Sanktion gegenüber der polnischen Nation enteignet worden ist.
Offensichtlich nutzt
die Kirche die Gunst der Stunde, solange die innergesellschaftlichen
Widerstände nicht zu stark werden und die antikirchliche Bewegung zunimmt.
Sie kämpft bereits verbal gegenüber dem neuen Antiklerikalismus.
Andererseits ist sich die katholische Kirche Polens mit Sicherheit ihrer
Rolle als langfristig notwendiger innergesellschaftlicher
Stabilisierungs-faktor bewußt. Nur sie kann aufgrund der historischen
Erfahrung der Polnischen Nation in Krisenphasen stabilisierend oder
mäßigend wirken.
Dies erklärt
vielleicht die Hast innerkirchlicher Konsensfindung, die Dominanz
konservativer - auch die kirchliche Macht erhaltender - Mechanismen und
die Vermeidung aller Unruhe, Konflikte oder gar eine neue Spaltungen
vermeidende Modernisierungsprozesse. Die Überreaktion des von katholischen
Konservatismus geprägten Vatikans auf die beschlossenen Frauenordination
in der Anglikanischen Kirche - die bekanntlich theologisch der
katholischen Kirche weiterhin sehr nahe steht - ist ein Indiz dafür. Der
Klerus, vor allem insoweit er durch Karol Wojtyla repräsentiert wird,
fährt offensichtlich die Strategie, alle innerkirchlichen Konflikte
unterdrücken oder vermeiden zu wollen - und sei es durch Verschieben.
Die sehr nervösen
Reaktionen gerade in der polnischen katholischen Kirche, ihre Hinwendung
zur Machtdemonstration, zu übermäßiger Symbolik sind auch in diesem
Zusammenhang zu verstehen. Sie versteht sich als im Notfall letzte
Ordnungsmacht in Polen. Diese Rolle hat sie mehrfach historisch ausgeübt.
Sie ist eben nicht die katholische Kirche der Slowakei, Kroatiens (in der
Zeit des II. Weltkrieges) oder der Tschechoslowakei und Ungarns in der
Zeit des Stalinismus. Bei allen polnischen Aufständen hat die Kirche
vorher mäßigend und mahnend gewirkt! Erst während des jeweiligen
Aufstandes hat sie sich aktiv im Sinne des polnischen Verständnisses am
Kampf zur Befreiung der Nation beteiligt und mußte die Sanktionen der
Fremdmächte (vor allem Rußlands) und der Okkupanten erdulden.
Bilder der
polnischen Gesellschaft: Jugend, Schule und Universität
Wie haben wir
Westdeutschen es empfunden, als Schüler(-innen) eines in der Nähe des
Dzierzynski-Platzes gelegenen Warschauer Gymnasiums ab 1988 die Hände
dieser Denkmalfigur rot angestrichen haben. Sie demonstrierten und klagten
an: Feliks Dzierzynski, Gründer der Tscheka, hat Blut an den Händen!
Anfangs hatte die Polizei die Farbe noch entfernt. Im März 1990 wurde das
Denkmal unter dem Beifall Tausender abgerissen. Ist es ein Zufall, daß es
ein Kran der Firma Warynski war, die benannt wurde nach Ludwik Warynski,
einem polnischen Arbeiterführer des 19. Jahrhunderts? In Warschau wird es
so kolportiert: Der Proletarier Ludwik Warynski stieß den Kampfgefährten
Lenins vom Sockel!
Gibt der Zeitraum
1988/89 nicht zu denken? Die Zeit, in der Schüler der DDR sich noch
bewarben, als Freiwillige im STASI-Wachregiments ‚Feliks Dzierzynski‘
Dienst zu tun, u.a. um Vorteile bei der Studienplatzvergabe zu haben?
Schüler, die offenbar nicht in die Lage versetzt worden waren,
nachzufragen, wer denn nun wirklich dieser Feliks Dzierzynski war und was
seine Taten waren!
Die Presse ist
gegenwärtig voll von Berichten über Polen. Es wird z.B. geschrieben, daß
das Bild von der Radieschen-Gesellschaft (außen rot, innnen weiß) nicht
stimme, da die Polen innen schwarz seien! Als Beleg wird z.B. das Bild
eines Religionsunterricht erteilenden katholischen Priesters in frommer
Pose
veröffentlicht. Es soll die katholische Gesellschaft beweisen.
Das Verhalten der
polnischen Gesellschaft ist z.T. als Fassadenverhalten, als passives
Resistenzverhalten zu kennzeichnen. Es handelt sich dabei um eine je nach
Situation bewußte Passivität. Dieses partiell aktive Widerstandsverhalten,
äußert sich u.a. durch Subversion und Konspiration. Die genannten
Verhaltensweisen zogen in dem kommunistisch-autoritären System oft
Chancenminderungen nach sich. Diese wurden in erheblichem Maße in Kauf
genommen. Inwieweit Gruppendruck ausgeübt wurde im Zusammenhang mit
kollektivem Verhalten gar in Großgruppen ist in diesem Zusammenhang
sekundär. Andererseits diente das kollektive Demonstrationsverhalten zur
individuellen und gruppenspezifischen psychosozialen Stabilisierung in der
Gesellschaft!
Die These von der
katholischen Gesellschaft entspricht keinesfalls der Realität! Sie basiert
wesentlich auf Außenbeschreibungen. Diese dienten - in erheblichem Maße
auch in der DDR - Instrumentalisierungen als Bestandteil eigener
Propaganda. Weder das schwarz, noch das angeblich fromm-katholische in
diesen jungen Menschen ist nachweisbar! Auch die Teilnahme Jugendlicher an
Pilgerfahrten mit dem Zwecke, gegen Abtreibung zu demonstrieren sagt nicht
viel mehr aus, was über das Gemeinschaftserlebnis hinausgeht.
Die gleichen
Jugendlichen, die aus Überzeugung bis 1989 an zumeist nicht von der Kirche
organisierten sondern aufgrund eigener Absprachen entstandenen
sternenförmigen Anmärschen zu den katechetischen Punkten teilnahmen, an
denen der Religions-unterricht stattfand, widerstehen heute dem
Totalitätsanspruch der katholischen Kirche auch in der Person des gleichen
Priesters. Sie melden sich wegen mangelnder real zugestandener
Freiwilligkeit von diesem Unterrichts ab, der Kirchgang geht eindeutig
zurück; die Spendenbereitschaft ebenso! Die polnischen Bürger sind
keinesfalls gewillt, die Errichtung eines katholischen Civitas dei
hinzunehmen.
Abtreibungen sind in
privaten Kliniken oder Praxen sehr teuer geworden - oder man fährt in eine
Klinik nach St. Petersburg. Die genannten Verhaltensbeobachtungen sind
auch nicht mehr auf Stadtgesellschaften beschränkt, sondern sie gelten im
Zusammenhang mit Mobilität und ungehinderter Ausbreitung moderner Medien
auch in den Kleinstädten und ländlichen Gesellschaften.
Die polnische Jugend
ist eben nicht so, wie wir im Westen meinten, sie aufgrund unserer eigenen
Wahrnehmung und auf der Basis der Reproduktion von Stereotypen darstellen
zu können. Sie ist - zumindest gegenwärtig - nicht mehr disziplinierbar.
Die Verhaltensweisen sind kaum erklärbar, wenn auch die historischen
Dimensionen immer wieder deutlich werden. Eine Jugend, die
Resistenzverhalten im Widerstand sowie historisch-gesellschaftliche
Überlebensstrategien des Untergrunds zu reproduzieren lernt, verhält sich
in manchen Fällen anders als die westlichen Jugendgenerationen der
Nachkriegszeit. Jene kann im Prozeß der Nachkriegsjahre über skeptisch,
kritisch, engagiert, dann frustriert oder als Produkt der neuen
Wohlstandsgesellschaft als Yuppie oder als hedonistisch bzw. philantrop
beschrieben werden.
Für die polnischen
Schüler(-innen) fallen Disziplinierungs-mechanismen weg. Das bisher
aufgebaute und gegen den Kommunismus gerichtete und praktizierte
Widerstandspotential richtet sich zunehmend gegen den Totalitätsanspruch
des Katholizismus. Man muß Kenntnis haben von der sozialen Praxis dieses
spezifisch polnischen Katholizismus, der in seinen sozialen Mechanismen
oberflächlich und fassadenhaft wirkt, dieses als Ausdruck von
Untergrundmentalität, sich andererseits aber als national identisch
definiert. Dem gegenwärtigen Versuch des polnischen Klerus zur
Verklammerung wird seitens der Schüler(-innen) in zunehmendem Maße
Widerstand entgegensetzt.
Es gibt in der Schule
und Universität spezifische Formen der Äußerung von Kritik, nicht aber ein
`Ausdiskutieren-Wollen'. Die polnische Mentalität steht den
bürgerlich-liberalen Attitüden fern! Die Praxis der Verweigerung zeigen
die polnischen Schüler(-innen) durch Ignoranz, Nichtengagieren oder durch
Nichtbefolgen von Anweisungen; diese hat historische Tradition.
Durch die Verschärfung
der ökonomischen Krise, bzw. soziale Divergierungsprozesse bis hin zur
Verelendung hat das Armsein der ehemals sozialistischen Länder neue
Qualitäten und Ausprägungen erfahren, einschließlich einer schleichenden
Verelendung.
Von diesem Prozeß
betroffen sind auch Schüler(-innen) und Lehrer(-innen). Ein
Schüleraustausch kann nicht kompensierend wirken oder gar die Folgen
beheben. Hilfestellungen und Abmilderungen des Mangels können aber
durchaus erfolgen.
Neben den Spezifika
des politischen und ökonomischen Umbruchs bilden sich für polnische
Jugendliche psychisch schwer zu bewältigende Problemlagen im Zusammenhang
mit nationaler Identitätsfindung und -bewahrung heraus. Nicht alle
Parameter in diesen jüngsten gesellschaftlichen Prozessen sind außerhalb
Polens bekannt oder gar bewußt. Innerhalb der polnischen Gesellschaft
werden sie kaum reflektiert. Reproduktion tradierten Verhaltens und
Verdrängung neuer und zugleich alter Problemlagen verschmelzen leicht zu -
im Westen oft mit dem Plakat des `irrationalen Verhaltens' - bezeichneten
paradoxen Verhaltensweisen.
Pädagogik und
politische Bildung
Für Pädagogik und
Politische Bildung Westeuropas werden sich gewiß Problemlagen ergeben, die
außerhalb bisheriger pädagogischer oder soziologischer Einschätzung
liegen. Die Besonderheit für Polen: Es liegt im Überlappungsbereich
„westlichen“ und „östlichen“ Denkens und Verhaltensweisen. Es ist nach wie
vor der Osten des Westens und der Westen des Ostens.
Für die Schule und die
politische Bildung bedeutet es: neue Wahrnehmungsfähigkeiten zu
entwickeln, bereit zu sein eigene Denkmuster `kritisch hinterfragen',
individuell abgeschlossene Erkenntnisse und Wertsetzungsprozesse nach
Bewußtmachung neuer Problemlagen mit diesen kompatibel zu machen.
Für die Pädagogik und
Politische Bildung ist mehr als die fachspezifische Auseinandersetzung in
den einzelnen universitären Disziplinen notwendig. Es ist die Feststellung
und Berücksichtigung der psychischen Folgen real-sozialistischer Erziehung
(in Selbstdefinition) sowie sozialen Deformationen der betroffenen
Menschen. Es ist die Sozialpathologie des Zusammenbruchs, der nicht
aufgehalten ist, sondern sich weiterhin in Richtung einer
Dritt-Welt-Ökonomie entwickelt - zumindest wird es so wahrgenommen.
Die genannten Probleme
sind pädagogisch nicht auffangbar, müssen aber klar ausgesprochen werden.
Gegenwärtige soziale Prozesse und Situationen sind faktisch nicht
beeinflußbar! Es stellt sich aber die Frage, inwieweit die westliche
Pädagogik betroffen ist durch Migrationen junger Menschen nach Westeuropa.
Die Kinder dieser Migranten müssen als Schüler in das deutsche Schulsystem
integriert werden. Die Eltern entsprechend den Schulgesetzen der Länder
einbezogen werden. Im Bereich der Pädagogik im allgemeinen und der
politischen Bildung im besonderen entstehen dadurch permanent neue
Aufgaben. Diese müssen von uns geleistet werden.
Dieses gilt in
besonderem Maße im Zusammenhang mit Schüleraustausch oder Studienfahrten
bezüglich der Wahrnehmung von Verhaltensweisen. Der Zwang für die jungen
Menschen in Polen, eigene Verhaltensmuster zu verstecken und sie mit
oberflächlich Erlerntem zu überdecken, ist aufgehoben.
Ob die Migrationen aus
Räumen östlich der Oder zum Mosaik einer multikulturellen Gesellschaft
beitragen oder es sich eher bei diesem Enkulturationsprozeß um Adaptionen
in die bestehenden westlichen Gesellschaften handelt, kann gegenwärtig
nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Das Ruhrgebiet und der Berliner Raum
sind aber als historische Beispiele heranzuziehen.
Für uns Westdeutsche
war es vor 1989 opportun – oder besser – es entsprach unserem
Selbstverständnis und der von uns definierten Ratio, das Anderssein z.B.
der polnischen Schüler(-innen) wahrnehmen und tolerieren zu wollen.
Regelmäßig stellten wir fest, daß sich das Anderssein auf Äußerlichkeiten
oder Randerscheinungen reduzierte. Im Grunde genommen hatten die
polnischen Schüler(-innen) die gleichen Wünsche, Perspektiven und
altersspezifischen Probleme. Man verstand sich in der Regel sehr gut und
entwickelte ein herzliches Miteinander.
Aber: War diese
(unsere) Sichtweise nicht oft ephemer? Haben wir das, was wir als
problemlos empfanden wirklich richtig wahrgenommen? Ergaben Konzert,
Fußball, Abschiedsfeste, und gemeinsames Singen oder Wandern wirklich die
Sichtbarmachung des dortigen gesellschaftlichen Ich?
Noch einmal: Es kann
im gegeben Zusammenhang nicht darum gehen, in einen innerpolnischen
Diskussionsprozeß einzugreifen oder gar diesen zu werten oder auch nur zu
kommentieren! Wesentlich ist die Abbildung desselben sowie die
Feststellung der unterschiedlichen Ausprägungen der Politischen Kultur.
Für die politische
Bildung ist es wichtig, die polnische Situation differenziert und auch aus
der Perspektive der „Innenwelt“ heraus zu verstehen. Dies hat
Folgewirkungen auf das deutsch-polnische Verhältnis und hier maßgeblich
die psychischen und sozialen Entwicklungen bei den betroffenen
Jugendlichen.
Das, was bei Russen,
Esten, Letten, Litauern, Tschechen, Ungarn Polen ablief, darf bei uns in
Westdeutschland nicht zu Sprachlosigkeit und Verständnislosigkeit führen.
Die Feststellung von sozialen Prozessen außerhalb eigener sozialer
Wahrnehmungen und üblicher Urteilsmuster kann und muß zur
realitätsgerechten Beschreibung dieser sozialen Prozesse führen. Dies
setzt voraus, sich der Historizität dieser Nachbarethnien zu
vergegenwärtigen. Die Fähigkeit, Alternativen der politischen Alltags- und
Krisenbewältigung wahrnehmen zu können, eigene Maßstäbe zu relativieren,
ist auch ein Beitrag zur eigenen Politischen Kultur.
Das weitgehende
Schweigen in Deutschland, vor allem auch der politisch Sensiblen, darf
nicht zu weiteren Lähmung und Perspektivlosigkeit der Politischen Bildung
beitragen. Die politische Bildung darf auf keinen Fall wie bisher oft der
politischen Instrumentalisierug dienen. Die Träger der politischen Bildung
haben dabei auch Verantwortung gegenüber den Kolleg(-innen) - vor allem in
den ehemaligen RGW-Ländern - zu zeigen, die auf längere Sicht weder die
Voraussetzungen noch die Möglichkeiten haben, dieses zu tun.
Der skizzierte soziale
und politische Spannungsrahmen ist jetzt deutlich in der polnischen Schule
erkennbar, seine Folgen sind spürbar. eine Verschärfung tritt dadurch ein,
daß sich - mehr oder weniger kontrolliert - ein privates Bildungswesen von
Grundschul- bis zum Hochschulbereich herausbildet, das einerseits für
sozial Privilegierte für Ventile sorgt (kleine Klassen, gute
Lehrmittelversorgung etc), andererseits aber ein neues Spannungspotential
darstellt.
Feindbilder
Seit einiger Zeit
werden in Polen – zunächst von der politischen Rechten – auch die
sowjetischen Truppen, nachdem diese bis auf einige Stabssoldaten die
Kampfeinheiten abgezogen sind, zunehmend als Okkupanten definiert und
sprachlich mit der Rolle des deutschen Militarismus in zwei Weltkriegen
gleichgesetzt. Die Formulierung von der Befreiung vom Faschismus durch die
Rote Armee
wurde in Polen in dieser Form nie akzeptiert! Die kommunistische
Propaganda sprach immer von Antisowjetismus. Sie hatte in diesem Falle
recht! Für die polnische Gesellschaft sind die historischen Feindbilder
gegenwärtig und werden je nach Situationswechsel als mehr oder weniger
bedrohlich rezipiert. Die Einschätzungen anderer Völker in
Smpathie-Antipathie-Skalen zeigen in der gesamten Nachkriegszeit
beachtliche Schwankungen. Dies gilt insbesondere für Deutsche, Russen und
auch Juden bzw. Israeli.
Die neue Doktrin wurde
mit den primären historischen Feindbildern verknüpft. Lenin stand dabei
für das Russische! Marx stand gleichermaßen für das Deutsche und Jüdische.
Auch in diesem Zusammenhang erfolgte die Reproduktion von negativen
Stereotypen, die zweifellos in einem problematischen Zusammenhang stehen
zum polnischen Katholizismus und der Praxis der Kirche.
Die neue
Nomenklatura - Machtausübung
Der gegenwärtige
Versuch der siegreichen Machtgruppe einschließlich der Ausübung seiner
Doktrin durch feste institutionelle Verankerung nach Selbstauflösung der
gegnerischen Machtgruppe zeigt sich im Verschwinden seiner Träger und
Symbole hat neue Machtbalancierungsprozesse zur Folge.
Die abgelaufenen
sozialen Prozesse politischer Selbstbestimmung sind ggf. machttheoretisch
deutbar, kaum aber mit Hilfe von aus dem Marxismus abgeleiteten und
fortentwickelten Ansätze Kritischer Theorien! Es scheint, daß eher
Prozesse ablaufen, in denen der Rückgriff auf historische Symbolik Indiz
für die Nichtbewältigung der Geschichte dieser Polnischen Nation ist.
In der Beseitigung der
Symbole der kommunistischen Vergangenheit unterscheidet sich Polen
deutlich von Rumänien oder auch Ungarn. In Rumänien schnitt man das
verhaßte Symbol aus den Fahnen heraus und zeigte triumphierend die Fahne
mit dem mit dem Loch! In Ungarn hat man weniger affektiv und eher
pragmatisch reagiert. Man übermalte die Staatswappen an öffentlichen
Dienstgebäuden bis auf die grün-weiß-roten Farben und ersetze dann nach
und nach diese Schilder. In der Endphase der DDR hat man sich ambivalent
verhalten. Dort gab es auch Bürger, die mit Trauer und Wehmut Abschied
genommen haben von den DDR-Symbolen.
In Polen war dies
einfacher. Auch die Volksrepublik Polen hatte die weiß-rote Fahne
beibehalten. Auch die Nationalhymne stand niemals zu Diskussion. Es gab
diesbezüglich bei Exil-Polen, den Anhängern der Heimat Armee [AK] und den
Kommunisten in den vierziger Jahren keinerlei Differenzen. Auch das
traditionelle Wappen behielt man prinzipiell bei. Man entfernte nur die
Krone auf dem Kopf des weißen Adlers als Ausdruck des Feudalismus, wie man
es offiziell begründete. Graphisch war der Adler von den Kommunisten nicht
verändert worden. Die Harmonie des Bildes war aber gestört und man hatte
in Polen immer den Eindruck, daß da etwas fehle.
In Sejm wurde 1990
beschlossen, daß der Adler seine Krone zurückbekommen sollte. Ein
Abgeordneter erklärt, daß die Polen wieder besser arbeiten würden, wenn
der Adler seine Krone wieder auf dem Kopf trüge! Ein treffendes Beispiel
für mythologische Nationalutopien (s.o.).
Bezeichnend ist der
Umgang mit der polnischen Stasi, der Bezpieka: Man hat einige Spitzenleute
ausgetauscht, mehr nicht. die Bevölkerung gesteht jedem Staat die Existenz
eines Geheimdienstes zu, also auch dem eigenen. Den von
Geheimdienstbeamten begangenen Mord an einem Priester ist bereits in der
Jaruzelski-Ära strafrechtlich verfolgt worden.
Polen betonen, daß
selbstverständlich eine Abrechnung resp. strafrechtliche Verfolgung
erfolgen muß. Polen bleibt aber das System der Halbheiten und tut
wahrscheinlich in dieser Richtung strafrechtlich recht wenig. Dies mag als
kennzeichnendes polnisches Verhaltensmuster, als polnische Spezifikum, als
Paradoxon in diesem System der Halbheiten gelten.
In Polen laufen diese
personellen Austauschprozesse seit dem politischen Wechsel sehr milde ab.
Die neuen Machtgruppen wissen dort, daß man auf die bisherigen Experten
nicht verzichten kann, wenn man willens ist, einen bestehenden Staat und
eine bestehende Wirtschaft in einer komplizierten Situation und angesichts
einer hoch sensiblen Bevölkerung umzubauen! Die neue Nomenklatura kann den
alten Staatsapparat nur sehr begrenzt gegen einen neuen austauschen. Die
Wandelbarkeit dieses verbliebenen Restes der Träger bisheriger Macht mag
zwar moralisch als verwerflich bezeichnet werden, man reagiert aber höchst
pragmatisch.
Die Versuche
systemspezifischer Kriminalisierungen halten sich in Grenzen. Sie erfolgen
deklamatorisch im Sejm und in der Rechtspresse, ernsthaft denkt aber wohl
niemand daran. Im Gegenteil, die Bevölkerung zeigt zunehmend Unmut
gegenüber der Regierung und den Parlamentariern wegen der ausgeprägten
Neigung, sich mit Nebensächlichkeiten nachhaltig zu beschäftigen und
andererseits nicht den Eindruck zu erwecken, man kümmere sich um die auf
den Nägeln brennenden Probleme!
Wesentlich ist in
diesem Zusammenhang die innergesellschaftliche Atmosphäre, die
Auswirkungen in Hinblick auf Apathie, Resignation und Mißtrauen gegenüber
der Regierung und den neuen politischen Eliten insgesamt. Der Austausch
der leitenden Kader erfolgte dann auch sehr begrenzt. Einige Schulleiter
wurden entlassen oder bekamen Zeitverträge. Die Einflußnahme der Kirche
bei der Auswahl neuer Schlüsselpositionen in Schulen Und Universitäten
haben zunehmende Kritik hervorgerufen. Die Mechanismen der Machtausübung
laufen jetzt zunehmend öffentlichkeitsfern ab. Die Tagespresse berichtet
nur teilweise darüber.
Rechtsstaatlichkeit
und Gewaltmonopol des Staates implizieren die Immanenz eines existierende
Machtsystems. Dies wird auch in Polen zunehmend bewußt.
Hervorzuheben sind
drei Zeitungen, die überregionale GAZETA WYBORCZA, die Wochenzeitung NIE
[Nein] sowie das dem SPIEGEL nachempfundene Blatt W PROST. Die erstere
wird von Adam Michnik herausgegeben, die zweite von Jerzy Urban. Beide
waren früher erbitterte Feinde! Michnik war Exponent der Solidarnosc und
mehrfach in Haft. Urban war langjähriger Regierungssprecher und als
Zyniker vor allem während des Kriegszustandes wohl die meißtgehaßte Person
in Polen. Beide sind sehr kritisch gegenüber der Regierung und betreiben
einen schonungslosen Aufdeckungsjournalismus! Pluralismus und Demokratie
funktionieren, was die „vierte Säule“ betrifft, bereits sehr gut und
werden von einer kritischen Öffentlichkeit bewußt wahrgenommen.
Wojciech Jaruzelski
wurde in Ehren entlassen. Sein erbitterter Gegner Adam Michnik zollt ihm,
dem übrigens Hochgebildeten, in einem gemeinsamen Interview Respekt. Jetzt
schreibt Jaruzelski seine Memoiren und plaudert ab und zu mal im
polnischen Fernsehen. [12/92]
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