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politik unterricht aktuellHeft 3/1992

Polen

Rekonstruiert / restauriert Juli 2011


Lothar Nettelmann:

Zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Jugendarbeit als Folge des politischen Paradigmenwechsels in Polen und ihrer Bedeutung für die Träger politischer Bildung in Deutschland

Dokument Information

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Vorbemerkungen

Das Problem, politische und soziale Wandlungsprozesse sichtbar machen zu können, liegt auf einer zunächst nicht unmittelbar wahrnehmbaren Ebene. Die „westlichen“ Träger der politischen Bildung sind zumeist durch die in den Industriegesellschaften Westeuropas und der USA entwickelten Theorien geprägt. Diese Ansätze in Wissenschaft und politischer Bildung waren wesentlich durch die Sichtweisen bürgerlich oder proletarisch beschriebener Gesellschaften bestimmt. Sie erhoben in einigen Ansätzen den Anspruch, soziale Phänomene strukturell zu erklären. Ihre Deutungsmuster entstammen den im 19. Jahrhundert gebildeten sozialen und liberalen Ideensystemen. Diese wiederum sind Folgen der Aufklärung, und lassen sich bis zu Renaissance- und Reformationsdenken zurückverfolgen.

Zur Sichtweise der Intellektuellen

Der Zusammenbruch der in der Folge des Ersten und danach des Zweiten Weltkriegs entstandenen politischen und ökonomischen Systeme in den sich sozialistisch bezeichnenden Ländern hat - so ein Postulat eines hannoverschen Wissenschaftlers - zur Sprachlosigkeit der Intellektuellen geführt. Ist es wirklich die Sprachlosigkeit der Intellektuellen? Liegt die Ursache nicht vielmehr in den Schwierigkeiten dieser durch „latines Denken[1] geprägten westeuropäischen Intelligenz, neue Prozesse in den östlichen Gesellschaften zu begreifen, die nicht mit den bisherigen Erklärungsmustern und Theorien deutbar sind?

Es sind vor allem die linken Intellektuellen, die ihren Erkenntnisstand aus der Geschichte der sozialen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, also maßgeblich aus der Arbeiterbewegung ableiten. In Polen wird von Historikern und Soziologen zunehmend die Frage gestellt, inwieweit die Geschichte der kommunistischen oder sozialistischen Parteien Osteuropas noch den historischen Anspruch erheben kann, wesentlich als Bestandteil dieser Arbeiterbewegung gelten zu können. Man fragt, ob nicht die politische Strukturen orthodoxer oder autoritärer Machtausübung vielmehr auf der Basis formaler und ideologischer Legitimation definiert werden müssen.  

Die Gesellschaften des Ostens haben in ihrer politischen Zielbestimmung, soweit es den von ihnen so bezeichneten gesellschaftlichen Fortschritt betrifft, égalité und fraternité in dem Definitionsrahmen von Solidarität und Gerechtigkeit gestellt und über den gesellschaftlichen Gleichheitsanspruch zu erreichen versucht. Die Gefahr bestand darin, den Blick vor einer adäquaten Sicht zu versperren. Damit wurde eine realitätsgerechte Beschreibung dieser Gesellschaften zumindest sehr erschwert. Man sieht nur, was man weiß!

Das Verschwinden der postulierten Prinzipien dieser von den in den kommunistischen Parteien herrschenden Machtgruppen bis 1989/90 als sozialistisch definierten Gesellschaften läßt die Schlußfolgerung zu, daß aufgrund von Irrtümern, Unvermögen, Ignoranz sowie der Tendenz zur Reproduktion von Selbstbildern die Paradigmen dieser östlichen Gesellschaften nicht begriffen wurden. Die Ebenen der Wirklichkeit dieses von orthodoxem Denken geprägten Osten sind in ihrer mehrschichtigen Historizität nicht wahrgenommen hat. Heute erhärtet sich zunehmend die These, daß sie keineswegs als sozialistisch definierbar waren.

Das Denken und die Erkenntnisprozesse westlicher Intellektueller war zu lange wesentlich an eigenem Denken und eigenem Erkenntnis-stand auf der Basis der Historie eben der eigenen – westlichen – Gesellschaft orientiert. Diese westliche Sicht war damit Basis für die Analyse und Bewertung der östlichen Gesellschaften, insbesondere Polens und Rußlands.

Die Irrtümer und Utopien bezüglich fehlgehender Einschätzungen und Unterschätzungen von Verhaltensweisen in östlichen Gesellschaften bestanden vor allem darin, eigene Erkenntnisse, Meinungen, Wertmaßstäbe und -setzungen und oft Selbstbilder auf östliche Regionen und Ethnien übertragen zu haben, ohne die Anwendbarkeit aufgrund historischer und gesellschaftlicher Voraussetzungen zu prüfen.

Machtausübung und gesellschaftliche Transformation

Um die Problematik dieses Transformationsprozesses zu begreifen, ist es notwendig, die Formen der Herrschaft bzw. Herrschaftsprozesse in diesen innergesellschaftlichen und zwischenstaatlichen Machtstrukturen in ihrer Interdependenz zu diesen östlichen Gesellschaften zu skizzieren. Eine an sich nötige Darstellung der Wesensmerkmale dieser östlichen Gesellschaften selbst kann nur begrenzt erfolgen. Für die vorliegende Problematik ist dabei das Verhältnis Rußland - Polen von besonderer Bedeutung.

Polen betreffend läßt sich die Reproduktion dessen, was man weiß zumindest bis in die Literatur aus der Zeit der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts nachweisen, als die Polenbegeisterung nach dem vom zaristischen Rußland niedergeschlagenen Novemberaufstand (1831) in Deutschland, das im Begriff war, sich als Nation zu definieren und als Einheitsstaat herauszubilden, abgeklungen war und sich in ihr Gegenteil verkehrte. Es fand dann in der Nazi-Ideologie seine höchste Perversion. Die Problematik läßt sich u.a. an dem seit dem 18. Jahrhundert mehrfach instrumentalisierten Stereotyp der polnischen Wirtschaft deutlich machen[2].

Lenin hat mit Hilfe von aus der Reichskriegskasse bezahlten Revolutionären mit militärischer Gewalt die Macht errungen, und diesen Vorgang als Revolution definieren können. Er, wie auch seine Nachfolger, setzten zugleich aufgrund ihres historischen Interpretations- und Definitionsmonopols die uneingeschränkte Gültigkeit ihrer Darstellung von Verlauf und Ziel dieser Revolution in ihrem Lande durch. Das mehrfache (insgesamt siebenmalige) Umschreiben der `Geschichte der russischen Revolution' sowie die Vernichtung der vorherigen Darstellungen durch seine Nachfolger sind hinlänglich bekannt. Die Zahl der dem Machterhalt Lenins und seiner Nachfolger dienenden Menschenopfer wird in den Schätzungen der ehemaligen UdSSR mit zwanzig Millionen angegeben, Während der Glasnost-Phase wurde in der sowjetischen Presse auch die Zahl von bis zu fünfzig Millionen genannt.

Die Aufzwingung eines ökonomischen Systems und die erzwungene und kontrollierte permanente Beschäftigung mit diesem Leninismus machte die polnische Nation sehr sensibel für die zu verschweigenden Anteile dieser Geschichte. Für Polen ist dabei nicht die Zahl wichtig, sondern die Tatsache, daß der Sachverhalt im Zuge von Glasnost und Perestrojka nach und nach von sowjetischen Kommunisten zugegeben werden mußte! Im Westen hatte man das ständige Insistieren polnischerseits und das bewußte Offenhalten dieser nationalen Wunde nicht verstanden. Angestrebte Verständigung bedeutete dort zugleich, wegen des höheren Zieles den Mantel des Vergessens zu akzeptieren. Vorrangiges Ziel in Deutschland war die Auseinandersetzung um die Bewältigung der eigenen Schuld!

In Polen mißt man der Tötung von fünfzehntausend polnischen Offizieren bei Katyn eine höhere Bedeutung zu. Dieser aus der polnischen Geschichte heraus - weil für die Nation von existentieller Bedeutung - als traumatisch verstandene Vorgang hat in Polen gleichen Rang wie das direkte und indirekte Zu-Tode-Bringen eigener Bevölkerung durch die russischen Kommunisten. Auch die Tötung von in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion geflüchteten Angehörigen der Polnischen Kommunistischen Partei - es wurde faktisch die gesamte Kommunistische Partei Polens durch Stalin liquidiert - wird in Polen im Zusammenhang mit einer primär Polen betreffenden Verschweigung von Verbrechen gesehen. Wesentlich war dabei, daß es sich um Polen handelte, die in der Sowjetunion umgebracht worden sind.

Im Vergleich dazu hat die Ermordung deutscher Kommunisten in der Sowjetunion sowie die Auslieferung an Nazi-Deutschland in bewußter Kenntnis der Tötung dieser Menschen in Konzentrationslagern keine entsprechenden Reaktionen deutscherseits hervorgerufen. Wahrscheinlich deckt die Interpretation alles ab, der Kalte Krieg habe die Problematik überlagerte. In Polen erfolgte die besondere Beachtung und Gewichtung u.a. auch dadurch, weil das Sprechen über diesen Teil der Geschichte während der Zeit des Stalinismus bei Strafe verboten war.

Rückschritt <―> Fortschritt

Die Belegung des Fortschrittsbegriffes durch Marxisten macht es notwendig, sich mit dem Begriff der Rückständigkeit Rußlands auseinandersetzen. Kann das, was von den russischen Kommunisten durchgesetzt wurde, mit dem Begriff Fortschritt abgedeckt werden oder ist es die Instrumentalisierung eigener Machtstabilisierung auf der Basis einer zunächst aus Überzeugung vertretenen Ideologie, die nach und nach zu einer starren Glaubenslehre als Herrschaftsdoktrin des Machtapparates verkam?

Das Problem liegt in der aus diesem Rückständigkeitstheorem abgeleiteten Forderung nach Aufholung eben dieses Rückstands bzw. Differenz im Prozeß der Zivilisierung in Richtung auf den von Intellektuellen so benannten Fortschritt. Es geht dabei - so die unter polnischen Intellektuellen vertretene Auffassung - um den mangelnden bzw. mit Kommunisten grundsätzlich nicht zu erreichenden Konsens gesamtgesellschaftlicher Zielbestimmung von Fortschrittskriterien. Außerdem handelt es sich um die Durchsetzung von Dogmen seitens der den Machtapparat dominierenden Kommunisten ohne die Einhaltung demokratischer Regeln, d.h. auf der Basis von demokratischer Legitimation, Kontrolle von Macht, prinzipieller Reversibilität von Entscheidungsprozessen und zeitlich begrenzter Mandatsausübung.

Diese Kritik an der realen Machtausübung polnischer und sowjet-russischer Kommunisten ist von polnischen Intellektuellen nie verdrängt worden. In ihr äußert sich auch der wesentliche Vorwurf der Menschen in Polen gegenüber den ehemals über die Macht Verfügenden, bzw. den Dezidenten. Dies gilt eindeutig auch für diejenigen, die loyal gegenüber ihrem Staat und seiner Gesellschaft ihrer Werktätigkeit nachgegangen sind, insbesondere für die höher Qualifizierten! Man versteht diese Kritik in Polen zugleich als im Interesse der Nation liegend. Den Nationsbegriff verwendet man dabei im innergesellschaftlichen Konsens als einen der eigenen Geschichte adäquaten Terminus und vermeidet dadurch zugleich den suspekten Gesellschaftsbegriff!

Die Aufbruchbewegung der 68er in West und Ost

Es bietet sich an, die Aufbruchbewegungen in Westeuropa, die dort oft summarisch als „68er-Bewegung“ apostrophiert wird, mit dem Aufbruch in Osteuropa zu vergleichen.

In Westeuropa steht die 1968 vor allem in Westdeutschland und Frankreich kulminierende Entwicklung im Zusammenhang mit der Protestbewegung der frühen fünfziger Jahre in den USA. In der Bundesrepublik Deutschland führte sie zunächst zu der Einstellungsform, die als »skeptischen Generation« Schelski] etikettiert wurden. In Osteuropa handelte es sich weniger um einen Jugendprotest, denn um einen zunehmenden geistigen Widerstandskampf junger Intellektueller gegen den Partei- und Staatsapparat. Dieses ist vor dem Hintergrund der Vernichtung eines großen Teils der polnischen Intelligenz als Folge der Okkupationszeit zu sehen. Stichworte dieses Verhaltens sind: die Tauwetterperiode in der UdSSR, der ungarische Freiheitskampf 1956, der polnische Arbeiteraufstand in Posen sowie der Intellektuellenprotest insgesamt in Polen 1956; der Prager Frühling und der Warschauer Herbst 1968, dann der Arbeiterprotest 1970 und die Ereignisse 1980 vor allem in der Küstenregion Nordpolens.

Westliches Protest- und östliches Widerstandsverhalten stehen zweifellos im zeitlichen Kontext der Nachkriegszeit. Sie unterscheiden sich aber auf Grund unterschiedlicher historischer Voraussetzungen bezüglich Zielrichtung, Inhalt, Methode und vor allem ihrer Träger.

Die „Vision“ der 68er-Bewegung in Frankreich und Westdeutschland sollte dabei zunächst einmal entideologisiert werden. Sie ist wesentlich als eine Antwort zu verstehen auf ein Restaurations-phänomen einer für Westeuropa zunehmend anachronistischer werdenden stagnierenden Gesellschafts- und Herrschaftsordnung. Für die gedankliche Bewältigung und Überwindung dieser als unbefriedigend erlebten Lebenssituation gerade der jüngeren Generation war es notwendig, neue Ideologeme auf der Basis eines Gegenmodells zum herrschenden liberal-kapitalistischen System zu entwickeln, das sich in die „verdrängte“ Geschichte der sozialistischen Ideen einfügte. Eine besondere Rolle zur Formulierung alternativer und fortschrittlicher Zielsetzungen bestand im Rückgriff auf bestehende vorhandene Utopien sowie die Formulierung daraus abgeleiteter neuer Vorstellungen und Visionen.

In den „östlichen Gesellschaften“ unterscheidet sich die Problematik zunächst deutlich. Die Intelligenz – insbesondere aber die polnischen Intellektuellen[3] – befanden sich in einer Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. Dieser zeichnete sich primär nicht durch Anachronismus aus. Seine Selbstdefinition als Ideologem war die des Fortschritts per se auf der Basis der veränderten ökonomischen Beziehungen. Wesentliches Ziel der Kritik war denn auch die Ausprägung der inzwischen in Polen mit dem Sammelbegriff stalinistisch bezeichneten Ökonomie wie Gesellschaftsform. Der Begriff der »Kommandowirtschaft« ist dagegen eine westdeutsche journalistische Prägung. Verweisquelle konnte nicht gefunden werden.

Zur Ökonomie des Sozialismus in Polen

Die stalinistische Ökonomie wurde von polnischen Ökonomen als rückschrittlich definiert, da sie - vor allem in den Außenbeziehungen - tauschwirtschaftliche Elemente enthielt und ihre Währung auf die Funktion einer Binnenwährung reduziert war. Hinzu kam seit den siebziger Jahren aufgrund des sich abzeichnenden Liquiditätsüberhangs das Phänomen der zurückgestauten Inflation. Man kritisierte, daß aus offensichtlich ideologischen Gründen, weil das Kapital als Ursache des Bösen schlechthin angesehen wurde, auf eine moderne Geldwirtschaft verzichtet worden war, man also auf vorkapitalistische Formen der Verkehrswirtschaft zurückgegriffen hatte.

Da eine wesensbestimmende Funktion einer modernen Verkehrswirtschaft aufgrund dieser ideologischen Vorgabe nicht vorlag, sah man dieses stalinistische Wirtschaftsmodell insgesamt als nicht tragbar an. Der Mangel an Devisen als Ausdruck sinkender Konkurrenzfähigkeit der sich in Polen seit dem Ende der siebziger Jahre zur „Mangel-Verwaltung“ entwickelnden Planungsbürokratie, drückt den Mangel an für eine moderne Wirtschaft Existenznotwendigem aus, dem Investivkapital.

Der durch die unzureichenden Planungsinstrumente praktizierte Vorrang von Quantität vor Qualität innerhalb der Zentralen Plan- und Verteilungswirtschaft ist ebenfalls dem ökonomischen Fortschrittsbegriff diametral entgegengesetzt. Er ist also in verschiedenen Abstufungen - um in dieser Begriffsebene zu bleiben - partiell als rückschrittlich zu definieren! Die gilt bezüglich der Produktion im allgemeinen wie auch konkreter Konsumwünsche bzw. dem Bedarf der Bevölkerung, die sog. Tonnage-Ideologie.

Die polnischen Ökonomen lehnten sehr früh (etwa ab 1958) diese Formen der Ökonomie einer zentral gesteuerten Wirtschaft ab. Nach den ersten Lockerungen am Ende der eigentlichen diktatorischen Stalinismusphase, also Ende 1956, wurden Reformversuche in den ökonomischen Fakultäten einiger polnischer Universitäten diskutiert, vor allem in Warschau und Krakau. Man kam damals zu dem Schluß, daß der Sozialismus nicht reformierbar sei[4]. Dies erklärt vielleicht die Aufgabe entsprechender Versuche innerhalb der polnischen Ökonomie im Gegensatz zur ungarischen!

Dort wurden die Entwicklungen oft positiver eingeschätzt. Vor allem in westlichen Darstellungen wurde ein positiver Eindruck aufgrund der Reformansätze vermittelt. Möglicherweise spielten bezüglich des Reformkommunismus in Ungarn in der Kadar-Ära ungarische Propaganda, das Setzen auf Illusionen – weil unter den damaligen Bedingungen der einzige Ausweg – und westliches Illusionsdenken eine entscheidende Rolle. Die Verknüpfung mit der westlichen Wirtschaft (EG und Österreich) war umfangreicher; Ungarn verfügte außerdem durch den Tourismus über gegenüber der CSSR und Polen höhere Deviseneinnahmen.

Seit dem ökonomischen Zusammenbruch auch Ungarns, bleibt kaum noch etwas von dem positiven Selbstbild der Ära Kadar übrig. Im Gegenteil: Der Begriff Reform ist dort seit Aufhebung des prinzipiellen Kritikäußerungsverbotes nach Entmachtung Kadars 1986/87 zu einem Negativ-Stereotyp geworden!

In Polen wirkten die Ökonomen auf ihren Arbeitsplätzen im Planungsapparat und den Betrieben im Sinne einer zwangsläufigen Akzeptanz des vorgegebenen Rahmens. In den Hochschulen versuchten vor allem jüngere Wissenschaftler bis etwa Ende der siebziger Jahre Reformmodelle zu entwerfen. Dies geschah aber nur solange westliche wirtschaftswissenschaftliche und marktwirtschaftliche orientierte Ansätze als dem Kapitalismus immanent tabu waren und man kaum über westliche Wissenschafts- und Technologieentwicklungen informiert war. Der Zugang zu neuem Wissen war vor allem durch die eigene Administration versperrt. Das Wissensdefizit bestimmte damit auch die wissenschaftliche Ausrichtung. Der Zugang zu westlichem wissenschaftlichen Material im Verlauf der siebziger Jahre beendete nach und nach diese Phase.

Die einen - auch dem Marxismus nahestehenden Intellektuellen - sind emigriert oder wurden zur Ausreise in den Westen gedrängt. Die anderen haben nach Versuchen, den ‚realen‘ Sozialismus zu reformieren und für die Ökonomie des Landes als notwendig erkannte marktwirtschaftliche Elemente einzubauen, bereits in den fünfziger Jahren aufgegeben, nachdem sie die Begrenztheit politischer Durchsetzung eindeutig erkannt hatten. Das bedeutet aber, daß die Ökonomie bis zum Ende des Sozialismus im Rahmen der gesetzten Bedingungen gelehrt, geplant und dabei zunehmend improvisiert hat.

Heute äußern polnische Ökonomen, daß sie in ihrer jeweiligen individuellen Vita durchaus phasenweise geglaubt haben, innerhalb des Systems auch produktiv zu arbeiten. Sie machen aber deutlich, daß dies wesentlich eine Folge der praktizierten wissenschaftlichen Abschottung bis zum Ende der siebziger Jahre war. Danach hat die polnische Ökonomie nicht mehr an die Realisierbarkeit von im Kriegszustand 1981 begonnen Reformen in Richtung auf mehr Selbständigkeit geglaubt. Diese Reformen waren übrigens auf der Basis von der Linken zugehörigen Solidarność-Intellektuellen zustandegekommen! Die Jaruzelski-Administration hat wesentlich deren Entwürfe übernommen.

Andererseits rekurriert der stalinistische Fortschrittsbegriff denn auch mehr auf dem Postulat des sozialen Fortschritts, der sich in den sog. Errungenschaften des Sozialismus ausdrückte. Diese Wechselbeziehung kann in ihrer Gesamtheit als Beispiel und Beleg für die Inkohärenz des Systems verstanden werden.

Dysfunktionalität in der Ökonomie des Sozialismus

Das pragmatische Funktionieren des als soziale Marktwirtschaft definierten bundesdeutschen Wirtschaftssystems, wurde in der „68er Bewegung“ hinterfragt und ideologisch abgelehnt. Die Überwindung von Pragmatismus und abgelehntem ideologischen System konnte also nur mit Hilfe einer neuen andersartigen Ideologie erfolgen! Dies verdeutlicht den Stellenwert von Utopien für diese Bewegung. 

Die östlichen Kritiker spürten primär das zunehmende Nichtfunktionieren der sozialistischen Wirtschaftsgesellschaft, aber im pragmatischen Sinne. Das System dieser Gesellschaft wurde insgesamt als dysfunktional erkannt. Die Ursache lag in der Umsetzung einer aus einer Ideologie abgeleiteten Herrschaft. Die Ablehnung konnte also ebenfalls nur auf pragmatischer Ebene erfolgen, durch einem dem herrschenden System entgegengerichteten Pragmatismus, da sich auf dieser Ebene die Notwendigkeit zur Negation des gesamten Systems herausbildete! Zugleich verbot sich eine Gegenideologie. Dies hat zwei Gründe.  

Erstens: Die real erfahrbare gesellschaftliche Misere sowie die Dysfunktionalität des Systems, wurden allein der otroyierten Ideologie bzw. der auf ihr basierenden Machtausübung angelastet. Damit mußte das Prinzip abgelehnt werden, einen Staat und eine Gesellschaft über eine Ideologie zu definieren und zu steuern.

Zweitens: Das wesentlich bestimmende Motiv der Intellektuellen war der Kampf gegen die Form und Ausprägung kommunistischer Machtausübung. Da es sich zugleich um eine Auseinandersetzung mit einer als fremd empfundenen oder gar feindlich aufgenommenen Ideologie handelte, war die Methode der Auseinandersetzung an Pragmatismus orientiert. Sie war deshalb zugleich ideologiefern und ablehnend! Dies erklärt die Haltung polnischer Intellektuellen zu Ideologie und Utopie.

Utopie und gesellschaftliche Realität vs. westliche Intellektuelle und kommunistische Gruppierungen

Das Dogma von der anzustrebenden Utopie - auch wenn diese als reale und wissenschaftlich-sozialistische Utopie definiert wurde - ist gegenwärtig nicht mehr existent. War es aber jemals existent? Für Polen kann als Antwort gegeben werden: Im Sinne der zielbestimmten Umsetzung einer Ideologie oder Theorie in Richtung auf eben den Sozialismus hat sich die polnische Intelligenz niemals festlegen lassen, marxistisch-leninistische Ideologie in gesellschaftliche Realität umzusetzen, wie es z.B. von französischen Intellektuellen innerhalb der KPF in der Nachkriegszeit angestrebt wurde. Vergleichbares war in Polen in dieser Weise nicht der Fall!

In Westeuropa tut man sich gegenwärtig schwer mit dem Utopiebegriff[5]. In einem Teil der Wissenschaft - zunehmend im Kreise linker Intellektueller - wird er weiterhin diskutiert. Andere folgen nicht mehr diesem Weg politischer Diskussion. In Polen hat er unterhalb einer bestimmten Abstraktionsebene nie eine Rolle gespielt.

Es ist anzumerken, daß in der jüngsten Zeit die Ideologie-Diskussion in der Linken deutlich abgenommen hat. Gleichzeitig sind Tendenzen konservativer Publizisten (z.B. in der FAZ) zu beobachten, die dieses Thema angesichts des Zusammenfallens der linken Diskussionen neu zu besetzen und als Beleg für das Scheitern linker Utopien zu verwenden und damit zu instrumentalisieren.

Einigen in der Sowjetunion vor 1944 geschulten Kommunisten, die nach den damals in Moskau gültigen Maximen die marxistisch-leninistische Doktrin adaptiert hatten, haben zwar über den Propagandaapparat entsprechend im Sinne einer Umsetzung der gewonnenen Lehrmeinung gewirkt, eine innergesellschaftliche Resonanz und partielle Akzeptanz wie in der ehem. DDR hat es aber in Polen nicht gegeben. Das Pflichtprogramm des M/L wurde an den Universitäten als solches durchlaufen.

Ab 1948/49, der endgültigen Machtübernahme durch die sog. Moskau-Fraktion der polnischen KP, hat es eine Phase bis 1956 gegeben, die als stalinistische Herrschaftsausübung gekennzeichnet werden kann, nicht aber als Versuch, den Sozialismus bzw. die sozialistische Utopie zu realisieren.

Daß ein Wirtschaftsmodell staatlicher Steuerung übernommen wurde, erfolgte zwangsläufig, da alle Systeme in Krisen- oder Kriegssituationen ihre Wirtschaft mehr oder weniger stark steuern, schließlich hat Lenin sein System gesteuerter Wirtschaft dem Modell der deutschen Kriegswirtschaft und der Reichsbahn- und Post übernommen.

Die Position polnischer Wissenschaftler können im gegebenen Zusammenhang nicht wiedergeben werden. Es ist aber wesentlich, darauf hinzuweisen, daß sie auch als Mitglieder der PVAP tatsächlich politische und soziale Reformen, den Abbau alter Herrschaftsstrukturen mit dem Ziel grundsätzlicher Demokratisierung anstrebten. Sie sind allerdings gescheitert. Sie haben loyal in ihren Staat, der VR Polen gearbeitet, müssen sich jetzt den Vorwurf des Opportunismus oder der Vorteilsnahme erwehren. Aber ist das nicht in jedem System der Fall, das prinzipielle Machtwechsel erfährt?

Es übersteigt den gegebenen Rahmen, zu fragen, ob denn jemals in den Ländern des früheren RGW eine realistische Möglichkeit auf ansatzweise Umsetzung der sozialistischen Utopie bestanden hat oder auch nur eine minimale Chance auf Ansätze zu einer Realisierbarkeit, die über die Reproduktion von Selbstbildern anstelle von historische und gesellschaftliche Gegebenheiten berücksichtigende Analysen hinausgehen? Möglicherweise wird die politische und wissenschaftliche Diskussion - auch innerhalb der europäischen Linken - in dieser nachsozialistischen Phase zur Klärung beitragen.

Utopien können konzipiert und diskutiert werden als Modelle für humane Menschengesellschaften. In Polen haben sich die Intellektuellen kaum an Utopiediskussionen beteiligt, vor allem nicht mit Gästen aus dem Westen. Bezüglich ihrer Gesprächspartner aus den Bruder-Ländern haben sie sich sehr höflich zurückgehalten. Man wies auch auf das Fremdwörterlexikon hin: Utopia bedeutet im Griechischen Nicht-Ort bzw. Nirgend-Land, das Wunschland eines wirklichkeitsfremden Weltverbesserungsplanes. Der Utopist hat die schwärmerische Neigung zum weltfremden Weltverbessern. Die Ablehnung des Utopiedenkens bezieht sich auf fortschrittliche Systeme. Bezogen auf die eigene Nation und den eigenen Staat ist polnisches Denken allerdings eminent utopisch! Beispiele dafür lassen sich u.a. in der Geschichte des 19. Jahrhunderts finden. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch der Romantizismus in der polnischen Literatur.

Wird es nicht jetzt, nach dem Ende einer oktoyierten, in z.T. historischer Erduldung und andererseits mit historischen Widerstandswillen getragenen gegenwärtigen historischen Phase Zeit, sich der historischen Dimensioniertheit verfestigter Theorien bewußt zu werden. Muß nicht die Kategorie kritisch auf die eigene Sichtweise angewandt werden und Hinterfragen von gesellschaftlichen Zusammenhängen dazu führen, sich angesichts dieses Zerfalls zunächst die eigene Begrenztheit von Sicht, Analyse, Wertung bewußt zu werden.

Die polnische Utopie: die Nation!

Nicht die intellektuelle bzw. ideengeschichtliche Auseinandersetzung um soziale Utopien, und ihre mögliche Richtschnurfunktion für gesellschaftliche und politische Zielbestimmungen ist im gegebenen Zusammenhang entscheidend. Kennzeichnend ist, daß im Unterschied zum damaligen westlichen Nachbarland Polens, der DDR, niemals von Intellektuellen der Versuch gemacht wurde, Utopie im sozialistischen Sinne als Zielbestimmung in der Lehre in Universität und Schule umzusetzen. Wie ist es z.B. zu deuten, das ein Begriff wie ‚Volk der DDR‘ niemals in von Teilungen betroffenen Ethnien wie Polen oder Ungarn (Abtretungen von Gebieten mit z.T. geschlossen ungarisch sprechender Bevölkerung im Frieden von Trianon, 1919) hätte entstehen können.

Für Polen ist die Nation nicht teilbar! Diese Polnische Nation hat in ihrer Geschichte in konsequentem Verhalten - nach den Kriterien rationalen Denkens - unsinnig viel Blut vergossen zur Wiederherstellung und dem Erhalt eben dieser polnischen Nation. Im Begreifen dieses Phänomens, tritt dieses Problem an uns heran, ob wir es uns bewußt machen wollen oder nicht. Dies ist namentlich für die Linke in Deutschland, die einen differenzierten Gesellschaftsbegriff bevorzugt, schwer nachvollziehbar.

Nun ist der polnische Nationsbegriff stark mystifiziert; er ist kaum sprachlich und auch nicht ethnisch (eindeutig) definierbar. Nation und Staat sind in Polen aufgrund der mehrere Generationen andauernden Teilungszeit mythisch verknüpft. Die bewußtseinsmäßige Bildung einer Staatsgesellschaft konnte in der Zwischenkriegszeit - auch aufgrund der politischen Rahmenbedingungen - nicht erfolgen. Als wesentlich ist aber die bewußte Historizität im Zusammenhang mit der polnischen Nation konstatierbar. Als Problem bleibt für Polen die Überlagerung von Utopie und Politik.

Wir Deutsche haben in unserer neuen Gesamtheit wieder eine gemeinsame Grenze mit Polen, die Ausdehnung des eigenen Wirtschaftsraumes, die Migrationsbewegungen von Ost nach West mit ihren Folgen für Schule und Lehre, gemeinsames Lernen und die Pädagogik und wesentlich: die politische Bildung!

Kirche: Machtbalance zwischen Staat und Gesellschaft

Das zweite spezifisch polnische Moment in der Ablehnung des Systems ist die historisch gewachsene Rolle der katholischen Kirche. Dies gilt zugleich als Motiv und »background« im gesellschafts-politischen Kampf. Da die Kirche im gesamten Prozeß des Abwerfens kommunistischer Herrschaft den sozialen, institutionellen auch psychischen bzw. affektiven Rahmen darstellte, erhebt sie zwangsläufig den Anspruch, der Alleinbestimmung m geistigen bzw. ideologischen Sinne. Sie fordert gegenwärtig das Recht ein, die alleinige Ideologie-Vermittlerinstanz zu sein. Das bedeutet, sie erhebt nachdrücklich den Anspruch auf Alleingültigkeit ihrer Lehre sowie das Definitionsmonopol für Ethik und Moral.

Aufgrund ihrer gegenwärtigen gesellschafts-politischen Position sowie des in Polen noch stark vertretenen Volkskirchencharakters kann sie diesen Anspruch auch in sehr hohem Maße durchsetzen. Die Folge ist u.a. die zunehmende Ignoranz anderer Konfessionen in Polen sowie der massive Druck auf Parlament und Regierung, z.B. die Lernziele und -inhalte für den nicht konfessionsgebundenen Ethikunterricht zu bestimmen.

Die Ambivalenz der Rolle der katholischen Kirche in Polen wird dadurch deutlich, daß sich eine seit 1990 zunehmende Gegenbewegung gerade gegen diesen Aspekt der versuchten ideologischen bzw. glaubensspezifischen Einflußnahme in der polnischen Gesellschaft herausbildet! Indikatoren sind die deutliche Abnahme des Kirchenbesuches, sinkende Spendeneinnahmen und zunehmende Abmeldungen polnischer Schüler(-innen) von Religionsunterricht, vor allem in den Städten. Die Gegenbewegung wird von der Intelligenz getragen, ist wahrscheinlich aber umfassender. Genaue Informationen über dies gegenwärtige Phänomen wie auch die Austragung zunehmender innerkirchlicher Spannungsprozesse liegen der Öffentlichkeit nicht vor.

Die Rolle der katholischen Kirche Polens wird im Westen oft mißverstanden. Ihr gegenwärtiges Wirken ist gewiß als Machtstreben und Machterhalt zu charakterisieren. Die geäußerte Kritik greift aber wesentlich zu kurz, wenn die reale Situation, die zwar kein Machtvakuum darstellt, keinesfalls aber ein schon austariertes politisches oder soziales Gleichgewicht ist, außer acht gelassen wird. Eine Situation, die durch nicht erfolgtes Auspendeln von Machtgleichgewichten sondern eher von zunehmenden Diversivi-zierungsprozessen jenseits von ethisch bestimmten oder politisch verantwortlichem Handeln abläuft.

Für Polen typisch sind die lange Zeit falsch verstandenen Machtbalancen zwischen der Machtausübung dieses kommunistisch dominierten Staates und den Gegenkräften in Kirche und Gesellschaft. Wesentliche Basis war dabei das Gleichgewicht ideologisch entgegengerichteter Ideologeme: Die atheistische Lehre des Marxismus wurde verstanden bzw. empfunden als konkurrierende Glaubensdoktrin gegenüber der gesellschaftlich verwurzelten Doktrin des Katholizismus. Eine besondere Bedeutung hat auch die Praxis der Volkskirche. Die Verbissenheit und Kompromißlosigkeit im Kampfe verdeutlicht die Gegnerschaft auf gleicher Ebene.

Die Kenntnis dieses Zusammenhangs ist notwendig, um die sozialen Prozesse zu verstehen, dessen Ausfluß bzw. Abbild die Schule darstellt.

Die historisch gewachsene Gesellschaftsdoktrin hatte eine nationale Funktion. Dies erklärt, warum die polnische Gesellschaft weitgehend resistent war gegenüber der neuen (ab 1947/48) oktroyierten atheistischen Doktrin. Eine individuelle Abkehr konnte nur um den Preis psychischer Brüche und familialer und sozialer Spannungen erfolgen. Dies macht die wesentliche Funktion des Marxismus-Leninismus als Glaubensdoktrin deutlich.

Diese Glaubensdoktrin konnten die herrschenden und über die Definitionsgewalt verfügenden Gruppen innerhalb der kommunistischen Partei(en) des `sozialistischen Lagers' aufgrund ihrer Macht politisch-militärisch durchsetzen. Sie vermochten auch, diese als wissenschaftlich ableitbar bezeichnen und damit nicht nur als für ein partitivum politisch gültig und zielbestimmend deklarieren. Die Kommunistische Parteien verfügten zeitweilig über die Möglichkeiten, ihre Doktrin als modern i.S. von fortschrittlich zu definieren. Diese Phase ist nun beendet.

Die Kirche ist zu klug, um nicht nur die einmalig vorhandene Chance auf Macht- und Einflußzementierung nicht wahrzunehmen und rechtlich auf ewig zu fixieren. Als Beispiel gilt die Rückgabe nach 1944/45 enteigneten kirchlichen Besitzes an Grund und Boden. Gegenwärtig wird ein Gesetz beraten, dem zufolge auch ehemaliger kirchlicher Besitz zurückgegeben werden soll, der nach dem Januaraufstand 1864 oder der Revolution von 1905 vom zaristischen Rußland als Sanktion gegenüber der polnischen Nation enteignet worden ist.

Offensichtlich nutzt die Kirche die Gunst der Stunde, solange die innergesellschaftlichen Widerstände nicht zu stark werden und die antikirchliche Bewegung zunimmt. Sie kämpft bereits verbal gegenüber dem neuen Antiklerikalismus. Andererseits ist sich die katholische Kirche Polens mit Sicherheit ihrer Rolle als langfristig notwendiger innergesellschaftlicher Stabilisierungs-faktor bewußt. Nur sie kann aufgrund der historischen Erfahrung der Polnischen Nation in Krisenphasen stabilisierend oder mäßigend wirken.

Dies erklärt vielleicht die Hast innerkirchlicher Konsensfindung, die Dominanz konservativer - auch die kirchliche Macht erhaltender - Mechanismen und die Vermeidung aller Unruhe, Konflikte oder gar eine neue Spaltungen vermeidende Modernisierungsprozesse. Die Überreaktion des von katholischen Konservatismus geprägten Vatikans auf die beschlossenen Frauenordination in der Anglikanischen Kirche - die bekanntlich theologisch der katholischen Kirche weiterhin sehr nahe steht - ist ein Indiz dafür. Der Klerus, vor allem insoweit er durch Karol Wojtyla repräsentiert wird, fährt offensichtlich die Strategie, alle innerkirchlichen Konflikte unterdrücken oder vermeiden zu wollen - und sei es durch Verschieben.

Die sehr nervösen Reaktionen gerade in der polnischen katholischen Kirche, ihre Hinwendung zur Machtdemonstration, zu übermäßiger Symbolik sind auch in diesem Zusammenhang zu verstehen. Sie versteht sich als im Notfall letzte Ordnungsmacht in Polen. Diese Rolle hat sie mehrfach historisch ausgeübt. Sie ist eben nicht die katholische Kirche der Slowakei, Kroatiens (in der Zeit des II. Weltkrieges) oder der Tschechoslowakei und Ungarns in der Zeit des Stalinismus. Bei allen polnischen Aufständen hat die Kirche vorher mäßigend und mahnend gewirkt! Erst während des jeweiligen Aufstandes hat sie sich aktiv im Sinne des polnischen Verständnisses am Kampf zur Befreiung der Nation beteiligt und mußte die Sanktionen der Fremdmächte (vor allem Rußlands) und der Okkupanten erdulden.

Bilder der polnischen Gesellschaft: Jugend, Schule und Universität

Wie haben wir Westdeutschen es empfunden, als Schüler(-innen) eines in der Nähe des Dzierzynski-Platzes gelegenen Warschauer Gymnasiums ab 1988 die Hände dieser Denkmalfigur rot angestrichen haben. Sie demonstrierten und klagten an: Feliks Dzierzynski, Gründer der Tscheka, hat Blut an den Händen! Anfangs hatte die Polizei die Farbe noch entfernt. Im März 1990 wurde das Denkmal unter dem Beifall Tausender abgerissen. Ist es ein Zufall, daß es ein Kran der Firma Warynski war, die benannt wurde nach Ludwik Warynski, einem polnischen Arbeiterführer des 19. Jahrhunderts? In Warschau wird es so kolportiert: Der Proletarier Ludwik Warynski stieß den Kampfgefährten Lenins vom Sockel!

Gibt der Zeitraum 1988/89 nicht zu denken? Die Zeit, in der Schüler der DDR sich noch bewarben, als Freiwillige im STASI-Wachregiments ‚Feliks Dzierzynski‘ Dienst zu tun, u.a. um Vorteile bei der Studienplatzvergabe zu haben? Schüler, die offenbar nicht in die Lage versetzt worden waren, nachzufragen, wer denn nun wirklich dieser Feliks Dzierzynski war und was seine Taten waren!

Die Presse ist gegenwärtig voll von Berichten über Polen. Es wird z.B. geschrieben, daß das Bild von der Radieschen-Gesellschaft (außen rot, innnen weiß) nicht stimme, da die Polen innen schwarz seien! Als Beleg wird z.B. das Bild eines Religionsunterricht erteilenden katholischen Priesters in frommer Pose[6] veröffentlicht. Es soll die katholische Gesellschaft beweisen.

Das Verhalten der polnischen Gesellschaft ist z.T. als Fassadenverhalten, als passives Resistenzverhalten zu kennzeichnen. Es handelt sich dabei um eine je nach Situation bewußte Passivität. Dieses partiell aktive Widerstandsverhalten, äußert sich u.a. durch Subversion und Konspiration. Die genannten Verhaltensweisen zogen in dem kommunistisch-autoritären System oft Chancenminderungen nach sich. Diese wurden in erheblichem Maße in Kauf genommen. Inwieweit Gruppendruck ausgeübt wurde im Zusammenhang mit kollektivem Verhalten gar in Großgruppen ist in diesem Zusammenhang sekundär. Andererseits diente das kollektive Demonstrationsverhalten zur individuellen und gruppenspezifischen psychosozialen Stabilisierung in der Gesellschaft!

Die These von der katholischen Gesellschaft entspricht keinesfalls der Realität! Sie basiert wesentlich auf Außenbeschreibungen. Diese dienten - in erheblichem Maße auch in der DDR - Instrumentalisierungen als Bestandteil eigener Propaganda. Weder das schwarz, noch das angeblich fromm-katholische in diesen jungen Menschen ist nachweisbar! Auch die Teilnahme Jugendlicher an Pilgerfahrten mit dem Zwecke, gegen Abtreibung zu demonstrieren sagt nicht viel mehr aus, was über das Gemeinschaftserlebnis hinausgeht.

Die gleichen Jugendlichen, die aus Überzeugung bis 1989 an zumeist nicht von der Kirche organisierten sondern aufgrund eigener Absprachen entstandenen sternenförmigen Anmärschen zu den katechetischen Punkten teilnahmen, an denen der Religions-unterricht stattfand, widerstehen heute dem Totalitätsanspruch der katholischen Kirche auch in der Person des gleichen Priesters. Sie melden sich wegen mangelnder real zugestandener Freiwilligkeit von diesem Unterrichts ab, der Kirchgang geht eindeutig zurück; die Spendenbereitschaft ebenso! Die polnischen Bürger sind keinesfalls gewillt, die Errichtung eines katholischen Civitas dei hinzunehmen.

Abtreibungen sind in privaten Kliniken oder Praxen sehr teuer geworden - oder man fährt in eine Klinik nach St. Petersburg. Die genannten Verhaltensbeobachtungen sind auch nicht mehr auf Stadtgesellschaften beschränkt, sondern sie gelten im Zusammenhang mit Mobilität und ungehinderter Ausbreitung moderner Medien auch in den Kleinstädten und ländlichen Gesellschaften.

Die polnische Jugend ist eben nicht so, wie wir im Westen meinten, sie aufgrund unserer eigenen Wahrnehmung und auf der Basis der Reproduktion von Stereotypen darstellen zu können. Sie ist - zumindest gegenwärtig - nicht mehr disziplinierbar. Die Verhaltensweisen sind kaum erklärbar, wenn auch die historischen Dimensionen immer wieder deutlich werden. Eine Jugend, die Resistenzverhalten im Widerstand sowie historisch-gesellschaftliche Überlebensstrategien des Untergrunds zu reproduzieren lernt, verhält sich in manchen Fällen anders als die westlichen Jugendgenerationen der Nachkriegszeit. Jene kann im Prozeß der Nachkriegsjahre über skeptisch, kritisch, engagiert, dann frustriert oder als Produkt der neuen Wohlstandsgesellschaft als Yuppie oder als hedonistisch bzw. philantrop beschrieben werden.

Für die polnischen Schüler(-innen) fallen Disziplinierungs-mechanismen weg. Das bisher aufgebaute und gegen den Kommunismus gerichtete und praktizierte Widerstandspotential richtet sich zunehmend gegen den Totalitätsanspruch des Katholizismus. Man muß Kenntnis haben von der sozialen Praxis dieses spezifisch polnischen Katholizismus, der in seinen sozialen Mechanismen oberflächlich und fassadenhaft wirkt, dieses als Ausdruck von Untergrundmentalität, sich andererseits aber als national identisch definiert. Dem gegenwärtigen Versuch des polnischen Klerus zur Verklammerung wird seitens der Schüler(-innen) in zunehmendem Maße Widerstand entgegensetzt.

Es gibt in der Schule und Universität spezifische Formen der Äußerung von Kritik, nicht aber ein `Ausdiskutieren-Wollen'. Die polnische Mentalität steht den bürgerlich-liberalen Attitüden fern! Die Praxis der Verweigerung zeigen die polnischen Schüler(-innen) durch Ignoranz, Nichtengagieren oder durch Nichtbefolgen von Anweisungen; diese hat historische Tradition.

Durch die Verschärfung der ökonomischen Krise, bzw. soziale Divergierungsprozesse bis hin zur Verelendung hat das Armsein der ehemals sozialistischen Länder neue Qualitäten und Ausprägungen erfahren, einschließlich einer schleichenden Verelendung.

Von diesem Prozeß betroffen sind auch Schüler(-innen) und Lehrer(-innen). Ein Schüleraustausch kann nicht kompensierend wirken oder gar die Folgen beheben. Hilfestellungen und Abmilderungen des Mangels können aber durchaus erfolgen.

Neben den Spezifika des politischen und ökonomischen Umbruchs bilden sich für polnische Jugendliche psychisch schwer zu bewältigende Problemlagen im Zusammenhang mit nationaler Identitätsfindung und -bewahrung heraus. Nicht alle Parameter in diesen jüngsten gesellschaftlichen Prozessen sind außerhalb Polens bekannt oder gar bewußt. Innerhalb der polnischen Gesellschaft werden sie kaum reflektiert. Reproduktion tradierten Verhaltens und Verdrängung neuer und zugleich alter Problemlagen verschmelzen leicht zu - im Westen oft mit dem Plakat des `irrationalen Verhaltens' - bezeichneten paradoxen Verhaltensweisen.

Pädagogik und politische Bildung

Für Pädagogik und Politische Bildung Westeuropas werden sich gewiß Problemlagen ergeben, die außerhalb bisheriger pädagogischer oder soziologischer Einschätzung liegen. Die Besonderheit für Polen: Es liegt im Überlappungsbereich „westlichen“ und „östlichen“ Denkens und Verhaltensweisen. Es ist nach wie vor der Osten des Westens und der Westen des Ostens.

Für die Schule und die politische Bildung bedeutet es: neue Wahrnehmungsfähigkeiten zu entwickeln, bereit zu sein eigene Denkmuster `kritisch hinterfragen', individuell abgeschlossene Erkenntnisse und Wertsetzungsprozesse nach Bewußtmachung neuer Problemlagen mit diesen kompatibel zu machen.

Für die Pädagogik und Politische Bildung ist mehr als die fachspezifische Auseinandersetzung in den einzelnen universitären Disziplinen notwendig. Es ist die Feststellung und Berücksichtigung der psychischen Folgen real-sozialistischer Erziehung (in Selbstdefinition) sowie sozialen Deformationen der betroffenen Menschen. Es ist die Sozialpathologie des Zusammenbruchs, der nicht aufgehalten ist, sondern sich weiterhin in Richtung einer Dritt-Welt-Ökonomie entwickelt - zumindest wird es so wahrgenommen.

Die genannten Probleme sind pädagogisch nicht auffangbar, müssen aber klar ausgesprochen werden. Gegenwärtige soziale Prozesse und Situationen sind faktisch nicht beeinflußbar! Es stellt sich aber die Frage, inwieweit die westliche Pädagogik betroffen ist durch Migrationen junger Menschen nach Westeuropa. Die Kinder dieser Migranten müssen als Schüler in das deutsche Schulsystem integriert werden. Die Eltern entsprechend den Schulgesetzen der Länder einbezogen werden. Im Bereich der Pädagogik im allgemeinen und der politischen Bildung im besonderen entstehen dadurch permanent neue Aufgaben. Diese müssen von uns geleistet werden.

Dieses gilt in besonderem Maße im Zusammenhang mit Schüleraustausch oder Studienfahrten bezüglich der Wahrnehmung von Verhaltensweisen. Der Zwang für die jungen Menschen in Polen, eigene Verhaltensmuster zu verstecken und sie mit oberflächlich Erlerntem zu überdecken, ist aufgehoben.

Ob die Migrationen aus Räumen östlich der Oder zum Mosaik einer multikulturellen Gesellschaft beitragen oder es sich eher bei diesem Enkulturationsprozeß um Adaptionen in die bestehenden westlichen Gesellschaften handelt, kann gegenwärtig nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Das Ruhrgebiet und der Berliner Raum sind aber als historische Beispiele heranzuziehen.

Für uns Westdeutsche war es vor 1989 opportun – oder besser – es entsprach unserem Selbstverständnis und der von uns definierten Ratio, das Anderssein z.B. der polnischen Schüler(-innen) wahrnehmen und tolerieren zu wollen. Regelmäßig stellten wir fest, daß sich das Anderssein auf Äußerlichkeiten oder Randerscheinungen reduzierte. Im Grunde genommen hatten die polnischen Schüler(-innen) die gleichen Wünsche, Perspektiven und altersspezifischen Probleme. Man verstand sich in der Regel sehr gut und entwickelte ein herzliches Miteinander.

Aber: War diese (unsere) Sichtweise nicht oft ephemer? Haben wir das, was wir als problemlos empfanden wirklich richtig wahrgenommen? Ergaben Konzert, Fußball, Abschiedsfeste, und gemeinsames Singen oder Wandern wirklich die Sichtbarmachung des dortigen gesellschaftlichen Ich?

Noch einmal: Es kann im gegeben Zusammenhang nicht darum gehen, in einen innerpolnischen Diskussionsprozeß einzugreifen oder gar diesen zu werten oder auch nur zu kommentieren! Wesentlich ist die Abbildung desselben sowie die Feststellung der unterschiedlichen Ausprägungen der Politischen Kultur.

Für die politische Bildung ist es wichtig, die polnische Situation differenziert und auch aus der Perspektive der „Innenwelt“ heraus zu verstehen. Dies hat Folgewirkungen auf das deutsch-polnische Verhältnis und hier maßgeblich die psychischen und sozialen Entwicklungen bei den betroffenen Jugendlichen.

Das, was bei Russen, Esten, Letten, Litauern, Tschechen, Ungarn Polen ablief, darf bei uns in Westdeutschland nicht zu Sprachlosigkeit und Verständnislosigkeit führen. Die Feststellung von sozialen Prozessen außerhalb eigener sozialer Wahrnehmungen und üblicher Urteilsmuster kann und muß zur realitätsgerechten Beschreibung dieser sozialen Prozesse führen. Dies setzt voraus, sich der Historizität dieser Nachbarethnien zu vergegenwärtigen. Die Fähigkeit, Alternativen der politischen Alltags- und Krisenbewältigung wahrnehmen zu können, eigene Maßstäbe zu relativieren, ist auch ein Beitrag zur eigenen Politischen Kultur.

Das weitgehende Schweigen in Deutschland, vor allem auch der politisch Sensiblen, darf nicht zu weiteren Lähmung und Perspektivlosigkeit der Politischen Bildung beitragen. Die politische Bildung darf auf keinen Fall wie bisher oft der politischen Instrumentalisierug dienen. Die Träger der politischen Bildung haben dabei auch Verantwortung gegenüber den Kolleg(-innen) - vor allem in den ehemaligen RGW-Ländern - zu zeigen, die auf längere Sicht weder die Voraussetzungen noch die Möglichkeiten haben, dieses zu tun.

Der skizzierte soziale und politische Spannungsrahmen ist jetzt deutlich in der polnischen Schule erkennbar, seine Folgen sind spürbar. eine Verschärfung tritt dadurch ein, daß sich - mehr oder weniger kontrolliert - ein privates Bildungswesen von Grundschul- bis zum Hochschulbereich herausbildet, das einerseits für sozial Privilegierte für Ventile sorgt (kleine Klassen, gute Lehrmittelversorgung etc), andererseits aber ein neues Spannungspotential darstellt.

Feindbilder

Seit einiger Zeit werden in Polen – zunächst von der politischen Rechten – auch die sowjetischen Truppen, nachdem diese bis auf einige Stabssoldaten die Kampfeinheiten abgezogen sind, zunehmend als Okkupanten definiert und sprachlich mit der Rolle des deutschen Militarismus in zwei Weltkriegen gleichgesetzt. Die Formulierung von der Befreiung vom Faschismus durch die Rote Armee[7] wurde in Polen in dieser Form nie akzeptiert! Die kommunistische Propaganda sprach immer von Antisowjetismus. Sie hatte in diesem Falle recht! Für die polnische Gesellschaft sind die historischen Feindbilder gegenwärtig und werden je nach Situationswechsel als mehr oder weniger bedrohlich rezipiert. Die Einschätzungen anderer Völker in Smpathie-Antipathie-Skalen zeigen in der gesamten Nachkriegszeit beachtliche Schwankungen. Dies gilt insbesondere für Deutsche, Russen und auch Juden bzw. Israeli.

Die neue Doktrin wurde mit den primären historischen Feindbildern verknüpft. Lenin stand dabei für das Russische! Marx stand gleichermaßen für das Deutsche und Jüdische. Auch in diesem Zusammenhang erfolgte die Reproduktion von negativen Stereotypen, die zweifellos in einem problematischen Zusammenhang stehen zum polnischen Katholizismus und der Praxis der Kirche.

Die neue Nomenklatura - Machtausübung

Der gegenwärtige Versuch der siegreichen Machtgruppe einschließlich der Ausübung seiner Doktrin durch feste institutionelle Verankerung nach Selbstauflösung der gegnerischen Machtgruppe zeigt sich im Verschwinden seiner Träger und Symbole hat neue Machtbalancierungsprozesse zur Folge.

Die abgelaufenen sozialen Prozesse politischer Selbstbestimmung sind ggf. machttheoretisch deutbar, kaum aber mit Hilfe von aus dem Marxismus abgeleiteten und fortentwickelten Ansätze Kritischer Theorien! Es scheint, daß eher Prozesse ablaufen, in denen der Rückgriff auf historische Symbolik Indiz für die Nichtbewältigung der Geschichte dieser Polnischen Nation ist.

In der Beseitigung der Symbole der kommunistischen Vergangenheit unterscheidet sich Polen deutlich von Rumänien oder auch Ungarn. In Rumänien schnitt man das verhaßte Symbol aus den Fahnen heraus und zeigte triumphierend die Fahne mit dem mit dem Loch! In Ungarn hat man weniger affektiv und eher pragmatisch reagiert. Man übermalte die Staatswappen an öffentlichen Dienstgebäuden bis auf die grün-weiß-roten Farben und ersetze dann nach und nach diese Schilder. In der Endphase der DDR hat man sich ambivalent verhalten. Dort gab es auch Bürger, die mit Trauer und Wehmut Abschied genommen haben von den DDR-Symbolen.

In Polen war dies einfacher. Auch die Volksrepublik Polen hatte die weiß-rote Fahne beibehalten. Auch die Nationalhymne stand niemals zu Diskussion. Es gab diesbezüglich bei Exil-Polen, den Anhängern der Heimat Armee [AK] und den Kommunisten in den vierziger Jahren keinerlei Differenzen. Auch das traditionelle Wappen behielt man prinzipiell bei. Man entfernte nur die Krone auf dem Kopf des weißen Adlers als Ausdruck des Feudalismus, wie man es offiziell begründete. Graphisch war der Adler von den Kommunisten nicht verändert worden. Die Harmonie des Bildes war aber gestört und man hatte in Polen immer den Eindruck, daß da etwas fehle.

In Sejm wurde 1990 beschlossen, daß der Adler seine Krone zurückbekommen sollte. Ein Abgeordneter erklärt, daß die Polen wieder besser arbeiten würden, wenn der Adler seine Krone wieder auf dem Kopf trüge! Ein treffendes Beispiel für mythologische Nationalutopien (s.o.).

Bezeichnend ist der Umgang mit der polnischen Stasi, der Bezpieka: Man hat einige Spitzenleute ausgetauscht, mehr nicht. die Bevölkerung gesteht jedem Staat die Existenz eines Geheimdienstes zu, also auch dem eigenen. Den von Geheimdienstbeamten begangenen Mord an einem Priester ist bereits in der Jaruzelski-Ära strafrechtlich verfolgt worden.

Polen betonen, daß selbstverständlich eine Abrechnung resp. strafrechtliche Verfolgung erfolgen muß. Polen bleibt aber das System der Halbheiten und tut wahrscheinlich in dieser Richtung strafrechtlich recht wenig. Dies mag als kennzeichnendes polnisches Verhaltensmuster, als polnische Spezifikum, als Paradoxon in diesem System der Halbheiten gelten.

In Polen laufen diese personellen Austauschprozesse seit dem politischen Wechsel sehr milde ab. Die neuen Machtgruppen wissen dort, daß man auf die bisherigen Experten nicht verzichten kann, wenn man willens ist, einen bestehenden Staat und eine bestehende Wirtschaft in einer komplizierten Situation und angesichts einer hoch sensiblen Bevölkerung umzubauen! Die neue Nomenklatura kann den alten Staatsapparat nur sehr begrenzt gegen einen neuen austauschen. Die Wandelbarkeit dieses verbliebenen Restes der Träger bisheriger Macht mag zwar moralisch als verwerflich bezeichnet werden, man reagiert aber höchst pragmatisch.

Die Versuche systemspezifischer Kriminalisierungen halten sich in Grenzen. Sie erfolgen deklamatorisch im Sejm und in der Rechtspresse, ernsthaft denkt aber wohl niemand daran. Im Gegenteil, die Bevölkerung zeigt zunehmend Unmut gegenüber der Regierung und den Parlamentariern wegen der ausgeprägten Neigung, sich mit Nebensächlichkeiten nachhaltig zu beschäftigen und andererseits nicht den Eindruck zu erwecken, man kümmere sich um die auf den Nägeln brennenden Probleme!

Wesentlich ist in diesem Zusammenhang die innergesellschaftliche Atmosphäre, die Auswirkungen in Hinblick auf Apathie, Resignation und Mißtrauen gegenüber der Regierung und den neuen politischen Eliten insgesamt. Der Austausch der leitenden Kader erfolgte dann auch sehr begrenzt. Einige Schulleiter wurden entlassen oder bekamen Zeitverträge. Die Einflußnahme der Kirche bei der Auswahl neuer Schlüsselpositionen in Schulen Und Universitäten haben zunehmende Kritik hervorgerufen. Die Mechanismen der Machtausübung laufen jetzt zunehmend öffentlichkeitsfern ab. Die Tagespresse berichtet nur teilweise darüber.

Rechtsstaatlichkeit und Gewaltmonopol des Staates implizieren die Immanenz eines existierende Machtsystems. Dies wird auch in Polen zunehmend bewußt.

Hervorzuheben sind drei Zeitungen, die überregionale GAZETA WYBORCZA, die Wochenzeitung NIE [Nein] sowie das dem SPIEGEL nachempfundene Blatt W PROST. Die erstere wird von Adam Michnik herausgegeben, die zweite von Jerzy Urban. Beide waren früher erbitterte Feinde! Michnik war Exponent der Solidarnosc und mehrfach in Haft. Urban war langjähriger Regierungssprecher und als Zyniker vor allem während des Kriegszustandes wohl die meißtgehaßte Person in Polen. Beide sind sehr kritisch gegenüber der Regierung und betreiben einen schonungslosen Aufdeckungsjournalismus! Pluralismus und Demokratie funktionieren, was die „vierte Säule“ betrifft, bereits sehr gut und werden von einer kritischen Öffentlichkeit bewußt wahrgenommen.

Wojciech Jaruzelski wurde in Ehren entlassen. Sein erbitterter Gegner Adam Michnik zollt ihm, dem übrigens Hochgebildeten, in einem gemeinsamen Interview Respekt. Jetzt schreibt Jaruzelski seine Memoiren und plaudert ab und zu mal im polnischen Fernsehen. [12/92]


[1]         nach Imanuel Geiss, Bremen

[2]         vgl.: Hubert Orlowski ‚Polnische Wirtschaft‘ in: Ewa Kobylinska u.a. (Hg): Deutsche und Polen. 100 Schlüsselbegriffe. Piper-Verlag, München und Zürich 1992

[3]         Der Begriff der Intelligenz (polnisch und russisch: Intelligencja bzw. Intelligentia umfaßt alle hoch Qualifizierten, er geht deutlich über den Begriff der Intellektuellen hinaus.

[4]         Bezug: Gespräche des Verf. mit Ökonomen der Universitäten bzw. Hochschule für Ökonomie in Warschau, Krakau und Kattowitz. Die Wissenschaftler haben sich vor 1989 manchmal zurückhaltend ausgedrückt. In schriftlichen Stellungnahmen haben sie sich nur im Rahmen gegebener Themenstellungen geäußert. Sie haben ihre z.T. grundsätzliche Kritik aber in Aufsätzen wie auch in mündlichen Beitragen unmißverständlich ausgedrückt.

[5]         vgl. F.R. Pfetsch: Politische Utopie, oder: Die Aktualität des Möglichkeitsdenkens in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 52-53/90; Hg.: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn; s. auch: Richard Saage: Vertragsdenken und Utopie nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus, in: Gegenwartskunde 3/1992, S.309 ff; Leske + Budrich, Opladen; bzgl. Frankreich s. M. Christadler: Das Ende der Utopien, in: Frankreich-Jahrbuch 1988, Hrsg. L. Albertin u.a., Opladen 1988, [pp. 117-133].

[6]         z.B. in Der Spiegel, Nr. 46 v. 9.9.1992, S. 210f

[7]         Die ‚Straße der Roten Armee‘ in Posen hat 1990 wieder ihren alten Namen: `Straße des Hl. Martin' erhalten. Die Bevölkerung hatte den kommunistischen Namen nie akzeptiert und trotz Sanktionen in den fünfziger Jahren weiterhin den historischen Namen benutzt. Andererseits ist der Name: ‚Siedlung des Großen Oktober‘ – pln. OWP – als Kürzel erhalten geblieben. Es ist zu vermuten, daß, da man den Hintergrund der Phrase verdrängt oder bewußt nicht wahrgenommen hat, das Kürzel problemlos benutzt wurde. Man wird in der Umgangssprache also weiterhin das kommunistische Kürzel verwenden anstelle des neuen Namens: `Siedlung unter den Linden'! Übrigens stehen in der genannten Siedlung aus den fünfziger Jahren tatsächlich viele Linden!

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ISSN

0945-1544

 

 

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 3/1992
Hannover, 1992. A 5, kart.

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt, Kontakt vgl. Impressum
Printausgabe vergriffen

eMail: bismarckschule.voigt@gmx.de

http://www.voigt-bismarckschule.de

Internetausgabe /  06.11.02 - Letzte Überarbeitung: 10.08.2004 / 03.05.2010 / 30.06.2011

 

 

 

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